The ‚gold‘ of the Khasi people (Fortsetzung)

Egal wohin wir kommen im Dorf der Khasi von Jaflong, die Queen kennt hier jeder. Sie wird immer respektvoll gegrüßt, aber nicht unterwürfig, und oft in ein kleines Schwätzchen verwickelt. „Nur mal kurz ’ne Runde drehen“ wird so zu einem Ausflug von mehreren Stunden und offenbar ist Nerola Tynsong dabei völlig egal, dass wir eigentlich eine Verabredung zum Lunch bei ihrer Freundin haben. Egal. Sie nimmt mich mit zu Verwandten, erst im eigenen Dorf, dann im Nachbarort. Und egal wo wir hinkommen, immer wird Nerola Tynsong erstmal eines angeboten: Paan.

Gemeint ist damit das, was mir bei meiner allerersten Bangladesch-Reise als ‚der bengalische Kaugummi‘ präsentiert wurde (https://yvonnekoch.wordpress.com/2014/11/15/want-to-try-paan-der-bengalesische-kaugummi/), manche nennen es auch ‚Betelbissen‘. Das Kauen von Paan ist eine alte Tradition in Indien und Südostasien, allerdings ist es nicht nur ein Genussmittel oder ein Zeitvertreib wie Kaugummikauen, sondern auch ein Rauschmittel.

Als ich die Queen frage, ob Paan tatsächlich berauschend wirkt, lacht sie nur. „Iwo! Und wenn überhaupt, dann nur beim ersten oder zweiten Mal, das ist wie bei der ersten Zigarette, da wird dir auch etwas schummerig im Kopf, aber das ist dann bald auch vorbei“. Und bei den Khasi kaue sowieso jeder Paan. In der Regel fängt man mit 13, 14 damit an, verrät mir die Kong und grinst über mein entsetztes Gesicht. Nein, da habe hier niemand was dagegen, Paan sei hier keine ’schlechte Angewohnheit‘. Paan sei ein Teil ihrer Kultur. Wichtig als Einkommensquelle, als Teil der Rituale und Ausdruck ihres Lebensgefühls. Vor allem bei den Frauen, scheint mir. Denn gerade bei ihnen fallen mir die Spuren von Paan extrem auf: Gaumen, Zunge und Zahnfleisch sind orange-rot gefärbt, die Zähne oft schwarz. (Hier ein anschauliches Bild, das ich im Netz gefunden habe, allerdings von einem Mann:)

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Foto: Heike Zimmermann, Uni Marburg

Auch im übrigen Bangladesch wird Betel gekaut, aber es wird als eine Sucht angesehen, eben wie Zigarettenrauchen. Bei den Khasi nicht…vielleicht kauft man deshalb hier Paan auch nicht am Kiosk, wie eine Packung Gauloise. Bei den Khasi wird Paan selbst gemacht, es scheint eine Art Ritual zu sein. Jedenfalls wird in jedem Haushalt, den wir besuchen, kaum das wir sitzen ein kleines Kästchen gebracht, etwa so groß wie eine schmale Schublade. Und darin sind alle Zutaten, die man für das beste Paan in ganz Bangladesch braucht, versichert die Königin der Betelplantagen und bereitet dann konzentriert, geschickt und fast ein bisschen andächtig einen Betelbissen vor.

Zuerst ist da die Betelnuss, die orangene Frucht der Betelpalme. Orange ist aber nur das Äußere, die Schale. Die Nuss selbst ist etwa so groß wie eine Muskatnuss, sie wird vom Fruchtfleisch entfernt, gesäubert und dann in Stückchen gebrochen. (Je frischer die Nuss, desto berauschender die Wirkung, wurde mir gesagt…und die Nuss hier sind quasi taufrisch, denn im November ist Erntezeit bei den Khasi.) Danach geht es an die Blätter des Betelpfeffers, also dieser Rankpflanze, die die Khasi ebenfalls in ihren Gärten anbauen. Für einen Betelbissen wird ein frisches Blatt halbiert, der Strunk entfernt. Auf die Blatthälfte wird dann eine weiße Paste aufgetragen. Das sei ‚lime‘, sagt die Queen, aber ich musste nachschlagen, was sie damit meint. Es ist Kalk, genauer gesagt gelöschter Kalk. Er sorgt dafür, dass sich die Substanzen des Paan verbinden und über die Mundschleimhaut ins Blut gelangen. Das Blatt mit dem Löschkalk und dem Nusstückchen wird dann sorgfältig eingeschlagen und gewickelt, bis ein kleines Päckchen entsteht, etwa so groß wie ein Fingerglied. Und das verschwindet, schwupps, im Mund der Queen.

In den zwei Tagen, die ich mit Nerola Tynsong verbringe, sehe ich diese ‚Zeremonie‘ unzählige Male. Manchmal wird sogar noch ein bisschen Tabak in den Betelbissen gepackt. Ich war ja manchmal mit Interviews oder dem Fotoshooting beschäftigt, aber so grob hab ich mitgezählt: Die Queen hat am Tag mindestens acht Paan-Portionen gekaut – allerdings muss ich ihr zugute halten, dass sie den eckligen orangegefärbten Speichel nicht ausspuckt, jedenfalls hab ich das nie gesehen.

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Ach und noch ’ne witzige Info am Rande, hab ich in Wikipedia gefunden: Beim Kauen des Betelpfeffers wird anscheinend die DNA im Mund vorübergehend neutralisiert, was zu Problemen beim Analysieren von Speichelproben führen kann…. 😉

Jaaaaa und natürlich wurde mir der Betelbissen auch angeboten. Erst hab ich abgelehnt, weil ich noch bitteren Geschmack von meinem ersten Paan-Erlebnis in Erinnerung hatte. Aber als die Queen mir versicherte, dass der Khasi-Paan weit weniger herb, eher sogar ein bisschen süßlich sei, war ich kurz tatsächlich in Versuchung – bis mich die Gastgeberin  orange-rot anlächelte. Da war die Versuchung schlagartig wieder vorbei!

 

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Animists and Christians – no opposite for the Khasi (Fortsetzung)

Rishon Kong Wang kauert in etwa zwei Meter Höhe auf einer Art Stein-Portal und bemalt eine Tonfigur darauf mit knalligem Rot und Blau. Die Figur stellt einen Hahn dar. Und der Mann, der sie verschönert, ist der Priester der Khasi-Gemeinschaft hier in Jaflong, im Norden von Bangladesch. Genauer gesagt ist er einer der Priester. Denn Rishon vertritt nur die Animisten, die Christen hier haben ihre eigenen Gottesmänner, einen für die Katholiken und einen für die Presbyterianer.

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Behände klettert der kleine Mann vom Eingangsportal herunter und weist mit einer weit ausholenden Geste auf die wild wuchernde Natur dahinter: „Das ist unser heiliger Garten, der Hain, in dem wir die Rituale zelebrieren. Nicht alle, manche kann man auch Zuhause machen.“ Aber es sollte schon ein Baum, ein Fluss oder auch ein besonderer Stein in der Nähe sein, denn in jedem dieser Natur-Elemente steckt für die Animisten ein Stück des alles umfassenden Schöpfers, quasi seine Seele. Deshalb verehren sie Flüsse, Bäume oder auch Tiere wie Gottheiten.

Queen Kong (sorry, ich musste dieses Sprachspiel machen) hat mir Rishon schon am Vortag vorgestellt. Auch er ist mit ihr verwandt, ich glaub ein Cousin oder so. Jedenfalls ist er einer der wenigen Khasi in Bangladesch, die noch nach den alten Bräuchen leben, denen alles in der Natur heilig ist. Deshalb wird bei den Animisten jede Naturgottheit  mit komplizierten Ritualen und Zeremonien geehrt, erklärt Rishon: „Wir brauchen viele Dinge für ein Ritual, je nach Ritual andere. Aber es ist immer Wasser dabei, Reisschnaps, Betelnüsse und -blätter und Öl. Auch sehr wichtig sind handgemachter Reiskuchen, Reis und in manchen Ritualen Puffreis, dann noch Hühner, Ziegen, Vögel und Enten.“ Alles Dinge, die im Alltag des Khasi-Volkes eine große Rolle spielen. Für die Zeremonien wird alles kunstvoll drapiert, aus Reis und Betelblättern werden zum Beispiel kleine Schiffchen geformt, jede Zutat hat einen bestimmten Platz. Denn das Gleichgewicht, die Ausgewogenheit der Dinge, ist bei den Khasi wichtig

Rishon erklärt es genauer: „Wenn wir zum Beispiel ein Huhn oder einen Hahn opfern, müssen wir die Eingeweide begutachten, ob irgendetwas defekt oder gerissen ist. Schon die kleine Fehlbildung ist ein Zeichen, dass der Schöpfer das Ritual nicht annimmt und wir es wiederholen müssen. Bei vielen Innereien vergleichen wir die rechte und linke Seite und wenn die nicht gleich sind, zeigt das, dass der Schöpfer nicht einverstanden ist.

Rishon grinst verschmitzt, weil sich mittlerweile viele Kinder um uns versammelt haben und neugierig zuhören. Nur wenige von ihnen sind bekennende Animisten wie er, erklärt er, aber das mache nichts aus. Denn im Prinzip sei die Khasi-Religion sowieso die Basis von allem, meint er: „Ich persönlich bin wahnsinnig stolz auf meine Religion, denn sie reicht zurück bis zur Entstehung der Welt, bis zum Ursprung von allem, bis zu der Zeit als der Schöpfer alles schuf. Alle anderen Religionen kamen erst später.“

Auf jeden Fall hatte das Khasi-Volk erst später Kontakt zu anderen Religionen. In Bangladesch brachten vor allem britische Missionare Mitte des 18. Jahrhunderts den christlichen Gott mit. Und nach und nach konvertierten immer mehr Ureinwohner zum Christentum. Rund 70% der Khasi bekennen sich heute vor allem zur protestantischen, aber auch zur katholischen Kirche. Auch Queen Nerola Tynsong ist Christin. Für die Gemeinschaft sei das kein Problem, sagt die 43jährige. Und als ich sie frage, was den der Hauptunterschied zwischen Christentum und Animismus sei, denkt sie kurz nach und sagt dann: „In gewisser Hinsicht ist es ähnlich: Wir als Christen, wir beten zu Gott, der ja auch unser Schöpfer ist und wenn die Animisten beten, dann sprechen sie auch den Schöpfer an, nicht wahr?“ Ich nicke. Und mir fällt ein, dass ich beobachtet habe, dass die Queen vor jedem Essen ein kleines stilles Gebet spricht…sie danke Gott für diese Gabe, hat sie mir erklärt. Und mir schießt durch den Kopf, dass dieser stille Dank oder auch das Abendmahl Ähnlichkeit mit den Ritualen der Animisten haben, nur eben in einer ‚abgespeckten‘ Form.

Die Khasi-Königin nimmt mich mit auf einen Spaziergang durch ihr Reich: Riesige Wälder mit ungewöhnlich hohen Bäumen. Darunter viele Palmen, an denen etwa pflaumengroße, orangene Früchte hängen: die Betelnüsse. Und an anderen Bäumen ranken sich Kletterpflanzen mit handgroßen Blättern empor, das ist der sogenannte Betelpfeffer. Mir fällt auf, dass die Wälder unglaublich gepflegt aussehen, fast wie ein Garten, es gibt kaum Unterholz oder Wildwuchs. Moment, da leuchtet doch irgendwas Blaues durch die Bäume…. Das sei ein Grab, verrät die Queen und zwar das ihres Onkels, der ein sehr frommer Mann war und nach seinem Wunsch mitten in einem Betelwald begraben wurde – obwohl er Christ war. Tatsächlich sind die Wälder auch für die christlichen Khasi eine Art heiliger Hain, betont Nerola Tysong. „Wir leben von den Betelblättern und –Nüssen. Die Gärten sind eine Art heiliger Raum für uns, wir erlauben keinem Fremden hier einzutreten. Und bevor jemand die Blätter ernten darf, muss er zuerst ein Bad nehmen und sich gründlich reinigen. Es ist eine Art von Respekt gegenüber der Natur und der Reinheit. Ohne diese Reinigung darfst du die Blätter nicht abschneiden.“ Die Queen verstummt, fährt mit der Hand durch die blondierten Locken und scheint nachzudenken. Möglicherweise, sagt sie dann, war und ist die christliche Religion für die Khasi genau deshalb so attraktiv, weil auch sie den Respekt vor der Schöpfung lehrt. „Weißt du, wir als Eingeborene, wir brauchen das Feuer, die Luft zum Atmen, wir brauchen den Wald zum Leben, und weil diese Dinge unsere Existenz ausmachen, müssen wir sie respektieren. Für uns ist das alles sehr wertvoll.“

Wir laufen an einer Mauer mit bengalischen und lateinischen Schriftzeichen vorbei (siehe Titelbild). Das sind Bibelsprüche, erklärt die Queen, einmal auf Bangla und drunter auf Khasi. Lange Zeit wurde die Khasi-Sprache nur mündlich überliefert. Aber mit den Briten kam auch die Schrift und die Bibel war das erste, was auf Khasi schriftlich niedergelegt wurde. Eine dieser Khasi-Bibeln hatte ich in der Hand und im Vergleich dazu auch eine englische. Lesen lässt sich das leicht, aber diese Sprache klingt….komplett anders als Bangla…viel asiatischer, mit vielen schwingenden ‚yong‘- und ‚tong‘-Lauten. Laut Wikipedia ist Khasi eine Khmer-Sprache und mit der in Kambodscha und Vietnam verwandt. Nerola Tynsong runzelt darüber die Stirn. Nein, davon weiß sie nichts, ihre Überlieferungen sagen dazu auch nichts.

Wir halten vor einer seltsamen Tür. Sie ist aus Metall, rot angestrichen und hat eine Mittelachse,  wie ein Drehkreuz. Das hier, verkündet die Queen und deutet mit einer großen Geste auf den weiten Platz und die blau getünchten Gebäude, sei die katholische Kirche. Und  nur hier und in der presbyterianischen Kirche um die Ecke können die Khasi  ihre Sprache lernen. Denn in der öffentlichen Schule am Ort darf nur Bangla und Englisch unterrichtet werden, so will es die Regierung von Bangladesch.

Fällt Euch was auf? Auch die Kirche ist blau getüncht…wie das Grab vorher… Vielleicht hat die Farbe blau bei den Khasi eine religiöse Bedeutung. Nachfragen kann ich leider nicht, denn die Queen war schon losmarschiert, weiter zum Haus ihrer Tante. Dort soll ich mehr über das gelebte Matriarchat erfahren, wie Männer und Frauen miteinander umgehen, hat sie mir versprochen…

Fortsetzung folgt

 

 

Quite different – the Khasi people

Man kann fast rüberspucken nach Indien, hier im äußersten Nord-Osten von Bangladesch. Der Fluß Goyain bildet hier die Grenze von Jaflong auf bengalischer Seite und Meghalaya auf der indischen Seite. Auf beiden Seiten der Grenze lebt hier das Volk der Khasi, ein Eingeborenen-Stamm, den ich im November 2018 besuchen durfte.

Die Khasi leben schon seeeehr lange in Bangladesch, über 250 Jahre mindestens, heißt es. Aber sie sind eine ethnische Minderheit: Manche Quellen sprechen von 20.000, andere von 50.000 Khasi in Bangladesch. (Zum Vergleich: in Indien leben rund 2 Millionen). Auf jeden Fall unterscheidet sich ihre Kultur komplett von der der Bangladeshi – sie leben zum Beispiel das Matriarchat, das heißt, nur die Frauen in ihrer Gesellschaft sind erbberechtigt und haben das Sagen. Und eine dieser Frauen, die Khasi-Queen von Jaflong, hat mich zu sich eingeladen…

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Ihr seht wahrscheinlich schon, Nerola Tynsong ist eine sehr westlich-orientierte Frau, sie ist in einer Großstadt aufgewachsen, hat in Indien studiert und spricht sehr gut Englisch. Aber sie ist auch die jüngste Tochter in ihrer Familie und das heißt bei den Khasi: Sie erbt den Besitz der Eltern und hat gleichzeitig die Verantwortung für die Familie und in ihrem Fall auch für den Clan und eine ganze Dorfgemeinschaft. Denn bei den Khasi erbt immer nur die jüngste Tochter, die Kadoo. Männer können nicht erben. Wenn also eine Familie nur Jungs hat, fällt der Besitz nach dem Tod der Eltern an die Schwester der Mutter oder zur Not auch an die Schwester des Vaters, die Söhne gehen jedenfalls leer aus.

Die Frauen verwalten also das Geld in diesem Volksstamm – und das hat spür- und sichtbare Auswirkungen: Die Frauen in den Khasi-Dörfern treten zum Beispiel deutlich selbstbewusster auf als ihre Geschlechtsgenossinnen bei den Bangladeshi. Keine hat hier bei Interviews mit mir einen einverständnis-heischenden Blick zu ihrem Mann geworfen oder verschämt die Augen niedergeschlagen, weil sie soviel Aufmerksamkeit nicht gewohnt ist. Und während viele bengalische Frauen beim Lachen die Hand vor den Mund machen, fast als genierten sie sich für ihre Heiterkeit, wird bei den Khasi oft und offen gelacht – auch wenn ich persönlich manchmal durchaus empfehlen würde, die Hand beim Lachen vor den Mund zu legen….aber seht selbst:

Einen rot-orange gefärbten Mund haben hier die Meisten, das liegt am Paan-Konsum – aber dazu später mehr.

Der Einfluss der Frauen sieht man auch an den Dörfern selbst. Denn ich hab in Bangladesch noch nie so saubere und bunte Straßen und Häuser gesehen wie in den Khasi-Dörfern

Und selbst bei der Wäsche ist mir etwas aufgefallen, was bei den muslimischen Bangladeshi undenkbar wäre:

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Unterwäsche, weibliche Dessous, die öffentlich zu sehen sind – ein absolutes No-Go bei den muslimischen Mitbürgern.

Aber jetzt komm ich nochmal zur ‚Galionsfigur‘ der Khasi-Gemeinschaft in Bangladesch, Queen Nerola Tynsong. Die 43-Jährige reist viel, oft auf die andere Seite der Grenze, nach Shillong, die Hauptstadt des indischen Khasi-Gebiets. Dort ist sie aufgewachsen, hat dort studiert und ein ziemlich westliches Leben geführt. Aber ihr war immer klar, dass sie als jüngste Tochter später mal das Erbe der Familie antreten müsste. Allerdings kam diese Verantwortung schneller als gedacht, denn ihre Mutter verstarb schon früh. Und Nerola Tynsong musste schon mit Mitte zwanzig ihr Frau stehen. Das war hart, sagt sie heute. Vor allem, weil der Familienbesitz in Bangladesch war und sie die Stellung einer Queen in diesem Nachbarland übernehmen sollte. In Bangladesch darf sie aber gar nicht ‚Queen‘ genannt werden, dass erlaubt die Regierung nicht, hier ist sie ‚Kong‘, was soviel wie ‚erlauchte Lady‘ bedeutet und der Stellung eines Großgrundbesitzers entspricht. Queen Kong steht jetzt also etwa 200 Familien in Bangladesch vor. Wobei viele ihrer Leute nicht in ihrem Dorf, sondern abgeschieden in den Wäldern leben. Nerola Tynsong selbst sich mittlerweile mit ihrer Stellung arrangiert, hat Wasser- und Stromleitungen legen lassen und nach und nach ihre Khasi-Gemeinde an westliche Errungenschaften wie Duschen und Western-Klos herangeführt. Ihr eigenes Haus kann sich jedenfalls sehen lassen:

Für mich war es nicht nur eine Ehre, bei der Khasi-Queen wohnen zu dürfen, sondern vor allem ein großer Spaß – denn Nerola Tynsong liebt Rockmusik, Wildschwein, Bier und ein unabhängiges Leben. Und abgesehen von den Infos zum Matriarchat hab ich durch sie auch noch viel mehr über die Kultur der Khasi gelernt. Aber das erzähl ich Euch in einem anderen Blog-Artikel…

Fortsetzung folgt

 

 

Die Textilarbeiterin, die es (offiziell) nicht gibt

„Ein Mädchen, dass jünger als 14 Jahre alt ist und in der Textil-Fabrik arbeitet? Das gibt es nicht, das ist ja gesetzlich auch gar nicht erlaubt.“ Diesen Satz hab ich in Bangladesch ständig gehört. Aber geglaubt hab ich ihn nicht. Weil ich in der Hauptstadt Dhaka oft abends an einer der unzähligen Textil-Fabriken vorbeigelaufen bin und aus dem Seiteneingang auch kleine Mädchen aus der Tür kamen. Genau so ein jüngeres Mädchen sollte ich für einen Magazin-Artikel portraitieren…also  hab ich mein Netzwerk in Bangladesch aktiviert, um so ein ‚garment girl‘ zu finden.

Wir wurden fündig – natürlich. Denn in Bangladesch gibt es wahrscheinlich kein Gesetz, keine Regel, die NICHT umgangen wird. In den großen Textilfabriken wird zwar seit dem Einsturz des Rana-Plaza-Komplexes im April 2013 mittlerweile öfter kontrolliert, weil die Mode-Label, die internationalen Gewerkschaften, die Regierungen und viele Fabrikbesitzer sich zu mehr Sicherheitsstandards, geregelte Arbeitszeiten und Mindestalter verpflichtet haben. Aber es gibt immer noch die kleineren Textil-Produzenten, die oft als Sub-Unternehmer bei Großaufträgen eingesetzt werden und diese kleinen Unternehmen fallen durch alle Abkommen- und Kontroll-Raster. Oft sind diese Firmen in normalen Wohnhäusern untergebracht, auf einer Etage, ohne irgendwelche Gesundheits- oder Sicherheits-Standards. Und genau in so einem Unternehmen arbeitet auch Mukta.

Mukta (471) bearbeitet

Mukta ist 10 Jahre alt, obwohl sie älter wirkt. Vor fast einem Monat hat sie mit der Schule aufgehört, nach der dritten Klasse, und ist jetzt ein ‚garment girl‘ in einer kleinen Firma,  in der T-Shirts für Europa herstellt werden. Für welche Marken sie arbeitet, weiß sie nicht…für sie sind alle T-Shirts gleich. Denn sie sieht sie erst nur von der Innenseite: Ihre Aufgabe ist es, alle überflüssigen Fäden abzuschneiden, die nach dem Vernähen noch aus den T-Shirts heraushängen. „Ich mag die Arbeit eigentlich, es ist keine harte Arbeit und ich verdien gutes Geld damit“, sagt Mukta und nestelt an ihrem roten Kopftuch herum. Sie wirft einen schnellen Blick auf ihre Mutter, die hinter ihr auf einem Stuhl sitzt und verrät dann mit gesenkter Stimme: „Ich kriege 3000 Taka im Monat, das sind etwa 31 Euro. Meine Mutter verdient als Haushaltshilfe nur 2000 Taka (21 Euro).“ Natürlich weiß sie, dass sie den Job eigentlich noch gar nicht machen dürfte, denn laut Gesetz darf man in Bangladesch erst ab 14 Jahren arbeiten. Aber ihre Familie braucht das Geld dringend und ihrem Arbeitgeber scheint ihr Alter und viele andere Standards egal zu sein. Deshalb sind auch die Arbeitsbedingungen nicht so gut, sagt Mukta: „Der Raum in dem wir arbeiten ist groß, 50 bis 60 Menschen arbeiten dort und alles ist vollgestopft mit Nähmaschinen, Schneidetischen und Werkzeug. Der Boden ist nie richtig sauber, es ist auch unglaublich laut in diesem Raum und die Werkzeuge sind alles andere als hygienisch.“

Mukta (77)

Die Zehnjährige verbringt jetzt einen Großteil des Tages in dieser Textilfabrik, von morgens acht Uhr bis abends um acht, mit einer Stunde Mittagspause. „Ich bin die jüngste in dieser Fabrik, die anderen Jungs und Mädchen sind zwischen 12 und 16 Jahre alt, es gibt aber auch ein paar, die über 20 sind.“ Die Jüngste zu sein, das ist ganz schön hart. Denn es gibt eine Art Hierarchie in der Fabrik und das bekommt Mukta fast täglich zu spüren: „Manchmal schikanieren sie mich bei der Arbeit, vor allem der Aufseher, der verpasst mir öfter mal einen Klapps und zwingt mich, Sachen zu machen, die eigentlich nicht meine Aufgabe sind…dann muss ich Essen holen oder Botengänge und zwar schnell, sonst krieg ich wieder eine geklatscht. Das macht mir alles ganz schön zu schaffen…“ Bilder kann ich von ihrer Fabrik leider nicht zeigen, denn wenn rauskommt, dass Mukta mit Journalisten spricht, wäre sie ihren Job sofort wieder los.

Statt dessen besuchen wir Mukta bei ihr Zuhause. Wir, das sind mein Freund, Kollege und Übersetzer Faisal, der Mukta für mich gefunden hat, und der Fotograf Asad. Mukta lebt in einem Slum, nur zehn Minuten von der Textil-Fabrik entfernt. Allerdings wirkt es hier erstmal nicht ganz so erbärmlich, denn es gibt keine aus Wellblech, Bambus und Plastik zusammengeschusterte Hütten. Mukta und ihre Familie wohnen in einem richtigen Haus, dreistöckig und wuchtig. Aber als wir eintreten, merke ich, dass eine Wellblechhütte vielleicht doch die bessere Alternative ist… Es ist unglaublich duster in dem Gebäude, meine Augen müssen sich an dieses Dämmerlicht erst gewöhnen. Der Boden ist uneben und glibberig – vielleicht ist es ganz gut, dass wir nicht so genau sehen, was um uns herum ist.

Gleich beim Eingang sind die Kochstellen, drei Gasplatten, auf denen Blechtöpfe in unterschiedlichen Größen stehen. Hier kochen alle Familien auf dieser Etage, das sind 16 Parteien, wenn ich richtig gerechnet hab. Ich frage Mukta, was denn ihr Lieblingsessen sei. Die Zehnjährige überlegt kurz. „Ich hab eigentlich kein Lieblingsessen – ich ess alles, was ich kriegen kann, Hauptsache, es ist überhaupt etwas zu essen da“.

Den Gang weiter um die Ecke gehen die Zimmer ab und in einem davon lebt Mukta mit ihrer kleinen Schwester und ihren Eltern. Muktas ältere Schwester ist 15 und wohnt nicht mehr hier, sie ist nämlich schon verheiratet und lebt bei ihrem Mann. Aber der Rest der Familie teilt sich ein Zimmer. Es ist vollgestopft mit einem riesigen Bett, in dem sie alle zusammen schlafen. Rechts davon ein großer Holz-Schrank, in dem die Kleider der Familie samt den Essens-Vorräten untergebracht sind, links an der Wand steht ein wackeliges blaues Metallregal, in dem Teller, Gläser und Töpfe verstaut sind und dann gibt es noch einen Plastikstuhl. Das ist alles. Aber bunt ist der Raum trotzdem, dafür sorgen die leuchtenden Farben der Tücher und Kleider, die über der Leine an der Wand hängen.

Nach der Arbeit schaut die Zehnjährige am liebsten fern. „Zeit zum Spielen hab ich eigentlich nur freitags, also an unserem Wochenende. Mit meiner kleinen Schwester spiel ich manchmal ‚Kochen‘, aber ansonsten hab ich eigentlich keine Freunde mehr…die Nachbarskinder spielen nicht mit mir, weil wir so arm sind“. Aber hier sind doch alle arm, denk ich und hake nochmal nach. Und dann kommt heraus, dass Mukta selbst sich unter der Woche das Spielen versagt. Sie glaubt, dass sie jetzt eine andere Aufgabe hat, Verantwortung übernehmen muss und deshalb ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zurückstellen muss. Wie sie darauf kommt? Faisal erklärt mir, dass dies das gängige Model in vielen muslimischen Familien ist, vor allem in ärmeren Schichten: Die Familie ist das Wichtigste und jeder muss alles tun, damit es der Familie gut geht. Mukta scheint das sehr ernst zu nehmen. Ihre Mutter habe sie monatelang im Bauch herumgetragen, ihre Eltern haben ihr bisher die Schule ermöglicht und immer gut für sie gesorgt…und jetzt sei eben sie dran. Dass sie seit sie arbeitet kaum noch Zeit für Freunde und Freizeit hat, findet sie nicht so schlimm: „Nee, ich brauch keine Parties oder viele Freunde, mit denen ich rumblödeln kann – ich glaub, das würde meinen Charakter verderben.“ Mein Magen krampft zusammen, als ich diese Worte von dem kleinen zierlichen Mädchen vor mir höre. Sie wirkt so ernst mit ihre großen Augen, nur selten krieg ich sie zum Lächeln. Und wie sie mir mit ihrer leisen, rauhen Stimme meine Fragen beantwortet, würde ich sie weit älter schätzen als sie tatsächlich ist. Das ändert sich erst, als sie mit den Nachbarskindern spielt – immerhin ist ja Freitag…

Mukta (12)

Als Mukta über die Hürde aus Händen springt, scheint etwas von ihr abzufallen. Ihr Gesicht, ihre Augen, ihre Körperhaltung, alles verändert sich plötzlich. Sie lacht! Und jetzt ist Mukta endlich einfach nur ein zehnjähriges Mädchen, das Spaß hat.

 

 

Old Dhaka

Dhaka, die Hauptstadt von Bangladesch, macht es einem nicht leicht, sie zu mögen. Tagsüber schwirrt die Luft vom Gehupe der Autos, dem Geklingel der Rikschas, den lauten Rufen der Straßenhändler und es ist oft lebensgefährlich die Straße zu überqueren. Außerdem steht man hier fast immer im Stau und an manchen Tagen drückt die schlechte Luft beim Atmen auf die Lunge. Erst nachts wird es ruhiger, die Autos werden weniger und die unterschiedlichen Klingeln der Rikschas vereinen sich zu immer neuen Harmonien. Wenn sich dann noch der Vollmond einen Weg durch den Smog bahnt, wird es sogar richtig romantisch

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Allerdings nur solange keine Rudel von wilden Hunden laut kläffend und heulend durch die Straßen zieht – denn die machen nicht nur jede Stimmung kaputt, ich hab auch einen Heidenrespekt vor diesen struppigen und ausgehungerten Biestern.

Meistens empfinde ich Dhaka als riesigen Moloch, der sich laut rülpsend ständig verändert: Immer ist irgendwo eine Straße aufgerissen, werden wieder abenteuerliche Leitungen von Haus zu Haus gezogen, ein fieser Betonwohnblock schießt aus dem Boden oder ein neuer Slum breitet sich in einer Baulücke aus. Deshalb war ich erstaunt, als ich durch Zufall gehört habe, dass Dhaka auch eine Altstadt hat… Old Dhaka… ein historischer Stadtkern, der schon 1608 entlang des Buriganga Flusses gebaut worden war.

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Offenbar war Dhaka zu der Zeit, der sogenannten Mogul-Zeit, eine der größten und wohlhabendsten Städte in Süd-Asien und gleichzeitig  das Zentrum des Musselin-Handels. Musselin ist ein ganz feiner Baumwollstoff, der im 19. Jahrhundert vor allem bei den Frauen des Empires beliebt war. Mit der Glanzzeit von Dhaka war es dann aber vorbei als der Provinzgouverneur von Bengalen die Hauptstadt von Dhaka nach Murshidabad verlegte – das liegt heute in Indien.

Jedenfalls wollte ich mir diese historische Altstadt gerne ansehen und Hridoy, ein Bekannter von mir, ist bereit den Stadtführer zu geben. Hridoy spielt gern den Kavalier und ‚Macher‘, aber ich hab schnell gemerkt, dass er sich selbst in Old Dhaka kaum auskennt. Aber pfiffig wie er ist, hat er das Wissensdefizit durch Engagement ausgeglichen – über Handy hat er sein Netzwerk aktiviert und sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sagen lassen.

Ich glaube, so ganz hat er nicht verstanden, was ich in der Altstadt will. Denn er besteht auf eine Fahrt in der Rikscha, zu Fuß sei es zu gefährlich für mich. Und außerdem kämen wir so am schnellsten zu den Sehenswürdigkeiten. Leider konnte ich so nur ein paar ganz wenige Gebäude im Chaos der Straßen entdecken, die aus der Kolonialzeit oder sogar noch davor stammen. Dass diese Häuser überhaupt noch stehen, obwohl sie offensichtlich nie restauriert wurden, grenzt sowieso an ein Wunder…

Die Altstadt ist eng bebaut, wirkt chaotisch. Aber wenigstens quetschen sich nur wenige Autos durch die Gassen, hauptsächlich schlängeln sich Rikschas hier durch. Und unsere hält plötzlich an einem großen Platz….Wir sind am Ziel, sagt Hridoy, und zeigt stolz auf den riesigen rosa Palast vor uns.

Ahsan Manzil heißt dieser Prachtbau und war die Residenz des Nawabs von Dhaka. Im Mogulreich war ‚Nawab‘ der Titel für den Abgesandten des Kaisers, eine Art Provinzgouverneur. Allerdings wurden die Nawabs mächtiger, als das Mogulreich Anfang des 18. Jahrhunderts auseinanderbrach, sie regierten wie Fürsten und hatten auch das nötige Kleingeld, um so zu leben. In dieser Zeit wurde auch der rosa Palast gebaut. Heute ist er ein Museum – und für mich das erste Museum, dass ich in Bangladesch besichtige. Entsprechend ehrfürchtig betrete ich das Gebäude…

Und nach gut einer Stunde weiß ich:  In diesem Museum darf nicht fotografiert werden – darauf wurde ich freundlich aber bestimmt hingewiesen. Außerdem ist es wohl vor allem für einheimische Geschichtsbegeisterte gedacht, denn die meisten Erläuterungen sind auf Bangla und ich kann nur raten, was es mit den Ausstellungsstücken auf sich hat. Und: Auch ein Museum kann ein Ort für Propaganda sein – das beweist zum Beispiel die pathetische Inszenierung  der Gründung der All India Muslim League (Muslimliga), die im Palast 1906 vollzogen wurde. Oder die immer und überall präsenten Bilder der Staatsgründung von Bangladesch.

Trotzdem hab ich diesen Museumsbesuch genossen. Denn man kann den alltäglichen Luxus hier spüren, sehen und riechen, den der Nawab und seiner ‚Begum‘ genannte Frau umgeben hat. Die Einrichtung ist größtenteils noch genau so, wie sie vor 200 Jahren war und die vielen ausgestellten Prunkstücke lassen erahnen, wie der Herrscher sich bei Staatsdiners im Glanz der illustren Gäste gesonnt hat.

Was ein Kontrast zu dem heutigen Leben außerhalb des Palastes… Auch Hridoy ist still geworden. Er verrät mir, dass auch er zum ersten Mal in diesem Museum war. „Ich weiß so wenig von unserer Geschichte“, sagt er, jedes Kind würde in der Schule zwar den Unabhängigkeitskrieg und die Staatsgründung eingetrichtert kriegen, aber darüber hinaus gehe es kaum.

Weiter geht’s zu einem Hindu-Tempel in der Altstadt. Ach was sag ich: zu DEM Hindu-Tempel hier, denn der Dhakeshwari-Tempel ist der berühmteste und wahrscheinlich auch älteste Tempel in der Stadt. Vermutlich stammt er aus dem 11. Jahrhundert und die Herrin hier ist die zehnarmige Göttin Dhakeshwari. DHAKESHWARI – DHAKA…na, merkt ihr was? Diese Ähnlichkeit ist nicht nur mir aufgefallen, laut Wikipedia ist die Göttin vermutlich die Namensgeberin der Hauptstadt. Mich persönlich hat dieser Tempel – bis auf das verdrehte Hakenkreuz – wenig beeindruckt. Die kleinen Tempel im Vorort Savar sind mir viel sympathischer.

Letzter Sightseeing-Punkt: Das Lalbag-Fort. Heißt übersetzt soviel wie ‚Festung des roten Gartens‘ und stammt auch aus der Mogulzeit. Aber Festung war diese Anlage wohl nie, sie wurde nämlich nie fertig gebaut.

Wir sind jedenfalls zu einer ungünstigen Zeit gekommen, kurz vor Schließung der riesigen Anlage. Nur bis zur Moschee durften wir noch laufen. Aber trotzdem konnte ich die Idee des Architekten sehen: Im Zentrum steht eine zweistöckige Konferenzhalle, die offenbar auch ein Hammam im Innern hat. Und von dieser Halle gehen Wege wie Achsen zu einem Mausoleum, der Moschee und einem Wasserreservoir ab. Früher war das alles von einer unglaublich dicken Mauer umgeben, heute sind das nur noch Ruinen.

Der Legende nach sollte der neue Gouverneur von Dhaka, Shaista Khan, im 17. Jahrhundert das Fort fertigstellen. Aber als seine Tochter starb, glaubte er, das Fort sei verflucht und stoppte alle Baumaßnahmen. Nur das Mausoleum seiner Tochter Pari Bibi, wurde noch vollendet.

Die Bewohner von Dhaka scheint das nicht zu stören… Sie verrichten ihre Gebete in der Moschee, genießen die Blütenpracht  und flanieren die Wege entlang. Immerhin ist dieses ‚Fort‘ einer der wenigen grünen Anlagen in der Altstadt.

Encounters in Gaibandha

Wie ein Schwamm sauge ich die Geschichten, Alltagsszenen und Erlebnisse auf, wenn ich in Bangladesch bin. Denn ich lerne so viel in diesem Land…Nützliches (wie Hausmittel gegen Durchfall), Beeindruckendes (was Menschen gegen alle Widrigkeiten leisten können) oder einfach nur Schönes. Und heute möchte ich einiges davon mit Euch teilen: Begegnungen in Gaibandha, im Norden von Bangladesch.

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Besonders faszinierend finde ich den Alltag von Kindern hier, denn obwohl Gaibandha zu den ärmsten Regionen von Bangladesch gehört, machen die Mädels und Jungs hier keinen unglücklichen Eindruck. Sie müssen zwar oft schon von klein auf mitarbeiten und manchmal ist die Arbeit auch bestimmt nicht leicht, aber sie haben auch viel mehr Freiheiten als zum Beispiel in der Hauptstadt Dhaka.

 

Dieser Junge zum Beispiel hat eine wichtige Funktion beim Fährbetrieb auf einem der großen Flüsse in Gaibandha, dem Tista. Sobald das Boot in die  Nähe des Ufers kommt springt er ins Wasser, zieht und schiebt es in die Anlegeposition und macht es mit einem Seil am Steg fest. Beim Ablegen muss er das Boot dagegen mit der Stocherstange in die tiefere Fahrrinne bringen, erst dann wird der Außenbordmotor angeworfen. Es sind nur wenige Cent, die er so am Tag verdient und für den kleinen Mann ist das körperlich zum Teil auch anstrengend. Trotzdem nimmt er seine Aufgabe sichtbar ernst und wirkt stolz, dass er seine Familie auch schon unterstützen kann.

 

Das Boot gehöre seinem Onkel. Der sei ein reicher Mann, sagt er…. Reich ist hier nämlich, wer ein Boot oder einen der flachen, langen Holzkähne besitzt. Denn in diesem Teil von Bangladesch ist ein Boot vor allem ein wichtiges Fortbewegungsmittel – immerhin sind weite Teile dieses Distrikts über Monate überflutet. Mich beeindruckt jedes Mal, was alles in so einen Kahn passt: Fünf Motorräder mit etwa 20 Leuten und großen Füttersäcken, das ist keine Seltenheit.

 

Oder die Boote werden zum Fischen benutzt und helfen, große Netze quer über den Fluss zu spannen. Und in Monsunzeiten werden sogar ganze Häuser damit transportiert: Die Seitenwände aus Bambus und Strohmatten sind dann fein säuberlich zerlegt und das riesige Wellblechdach wird in einem abenteuerlichen Balanceakt über das ganze Boot drapiert.  Auf jeden Fall verdient der Bootsbesitzer bei jedem Transport etwas. Besonders, wenn die Flüsse über die Ufer treten und zu reißenden Wassermassen werden – je größer die Notsituation, desto teurer die Bootsmiete!

Gaibandha Kinder im Fluss

In einem kleinen Dorf hab ich eine für mich neue Art des Dreschens entdeckt: Während bei uns das Getreide früher mit Dreschschlegeln bearbeitet wurde, um das Korn vom Stroh zu kriegen, schlagen diese jungen Männer die Reisbündel auf eine Art Tisch. Erst hab ich mich gewundert, dass kein großes Tuch oder ähnliches auf dem Boden ausgebreitet war….immerhin wäre es leichter gewesen, die Reiskörner nach dem Dreschen damit einzusammeln. Mittlerweile weiß ich aber, dass bei dem ‚Tisch‘ unter der Tisch-Platte eine Art Trog angebracht hat, in den die Reiskörner fallen.

Das Reisstroh wird danach vielfältig genutzt: Die Jungs mit dem Fahrrad zum Beispiel brauchten nur wenige Bündel, um ein Stalldach auszubessern. Ansonsten wird es als Vieh-Zusatzfutter oder Stalleinlage benutzt, manchmal zum Anfeuern oder aber es werden Strohmatten daraus geflochten.

 

Als ich den Heuwagen mit Zugtier gesehen hab, ist mir aufgefallen, dass es in Gaibandha relativ wenige Esel oder Mulis gibt. Wahrscheinlich sind die Tiere im Unterhalt für viele Familien doch zu teuer. Deshalb schleppen die Menschen hier selbst unhandliche oder schwere Lasten oft einfach selbst…

 

Aber an einer andere ‚Last‘ haben manche Menschen hier enorm schwer zu tragen: Behinderungen. Eigentlich sieht man in jedem Dorf Kinder und Erwachsene, die blind sind, hinken oder sogar ein Körperteil amputiert haben oder bei denen das Gesicht mit Hasenscharten oder ähnlichen Fehlbildungen verunstaltet ist. Mit einigen dieser Menschen hab ich gesprochen und mir ihre Geschichte erzählen lassen.

Da ist zum Beispiel die 16jährige Shantona, die jahrelang tagsüber allein Zuhause bleiben musste, weil blinde Kinder in der Dorfschule nicht aufgenommen werden. Aber das toughe Mädchen hat sich trotzdem selbst ‚gebildet‘, indem sie viel Radio gehört und so ihr Wissen, ihr Vokabular und ihre Aussprache geschult hat – mit dem Effekt, dass ihr Bangla bald weit besser war als das von anderen Kindern. Was wiederum einem Sozialarbeiter aufgefallen ist, der ihr einen Platz an einer Schule für Sehbehinderte samt einem Stipendium vermittelt hat.

Amirons Geschichte ist nicht ganz so ambitioniert: Sie ist nach einer Windpocken-Erkrankung erblindet, da war sie ein Jahr alt. Und schon früh hat die heute 38jährige die extreme Ausgrenzung erfahren, der man mit einer Behinderung in Bangladesch ausgesetzt ist – Arbeit wollte ihr zum Beispiel keiner geben. Sie hat sich mit Betteln durchgeschlagen, mehr schlecht als recht. Bis sie in das Hilfsprogramm der Christoffel-Blindenmission aufgenommen wurde. Betteln muss sie jetzt nicht mehr, denn sie züchtet jetzt Kühe. Damit ist auch ihr Status im Dorf ‚gestiegen‘ und sie darf jetzt auch auf den Feldern der Nachbarn mitarbeiten – gegen Bezahlung versteht sich.

 

Generell hab ich den Eindruck, dass sich allein in den vier Jahren, in denen ich immer wieder in Gaibandha unterwegs bin, schon einiges verändert hat. Eindeutig zum Besseren! Selbst auf dem Land, wo die Menschen meist wenig Schulbildung haben und eine Behinderung lange als Strafe Gottes für begangene Sünden gesehen wurde – selbst dort sehe ich immer öfter, wie Menschen mit Behinderung in einer Gruppe unterwegs sind, dazugehören oder sogar eine wichtige Position in ihrem Dorf einnehmen. Schaut Euch zum Beispiel mal dieses Bild an:

Bangladesch Reise 15-Harrys Foto

Foto: Harry Maskallis

Der Junge vorne rechts. Eine üble Fehlbildung, die mehr als offensichtlich ist. Trotzdem war er bei dieser Horde neugieriger Kids immer mit dabei, hat wie alle anderen auch mit uns gelacht, Quatsch gemacht und sich auch auf den Fotos nicht versteckt. Er hat offenbar seinen Platz unter Freunden gefunden – Für mich ein deutliches Zeichen, dass sich in Bangladesch doch was bewegt in Richtung Inklusion!

 

Make-up against reality

In den Flüchtlings-Camps im Süden von Bangladesch wimmelt es vor Kindern. Alle sind aus Myanmar geflohen. Mit ihren Eltern, Verwandten, Nachbarn oder manchmal sogar allein. Und jetzt leben mehr als eine Million Rohingyas hier auf engstem Raum – und es kommen immer noch Menschen dazu.

Sahera will mir von ihrem Alltag hier im Camp Balukhali erzählen. Aber erstmal sitzt sie nur verschüchtert und mit großen Augen vor mir. Es ist für uns beide nicht leicht, wir können ja nicht direkt miteinander sprechen, alles geht über einen Dolmetscher.

Ich drücke ihr mein Mikrophon in die Hand, erkläre ihr, wie es funktioniert uns dass sie erstmal das Interview macht und mir alle Fragen stellen kann, die sie will. Ein erstaunter Blick. Und dann legt sie los….mit ganz leiser Stimme und versteinerter Miene erstmal. Aber bald taut die Zehnjährige auf: Was genau ich wissen will, wie weit Deutschland weg ist von Bangladesch, ob dort auch die Kinder das Wasser schleppen müssen und wie ich meine Haare so gelb gekriegt habe. Ich antworte so gut ich kann.

Dann tauschen wir die Rollen. Und Sahera zeigt mir erstmal ihr neues Zuhause. Das Konstrukt aus Bambusgerüst und Plastikplanen wirkt erstaunlich groß innen. Geschätzt sind es etwa 12 Quadratmeter, durch eine Plane  in zwei Räume getrennt. Sahera führt mich in den hinteren Teil. „Hier ist unsere Küche, die Vorräte, unsere Kleider und die große Truhe.“

‚Die große Truhe‘ scheint etwas ganz besonderes zu sein. Ich frage nach. „Alles, was wir aus Myanmar retten konnten, war in dieser Truhe“, sagt sie. Ihre Stimme ist irgendwie anders jetzt. Und ich merke, dass das Mädchen plötzlich ganz steif dasteht, ihr Blick scheint glasig, sie selbst weit weg. Aber nur kurz. Dann reißt sie das Klicken der Kamera aus den Gedanken. Sie blinzelt. Und zeigt mir dann stolz, dass sie neuerdings sogar einen Gaskocher hätten und sie und ihr Bruder jetzt keine Feuerholz mehr sammeln müssten. „Und das hier“, sie zeigt auf eine Mischung aus Bank und Regal, auf dem Säcke mit Reis, Salz und Tee stehen, „das hab ich zusammen mit meinem Bruder selbst gebastelt.“ Kurze Pause. „Wir leben hier jetzt zu dritt, mein Bruder, meine Mutter und ich. Mein Vater ist in Myanmar gestorben….“. Sahera senkt den Blick. Dass ihr Vater vom dortigen Militär getötet wurde, sagt sie nicht. Das erzählt mir ihre Mutter später. Sahera wirbelt herum. „Komm, ich zeig dir, was ich am liebsten mache“

Sie packt eine kleine Schachtel aus, offenbar ihre Schminkutensilien. Erst trägt sie eine Art weißliche Paste auf, dann kommt der orange-rote Lippenstift. Das Mädchen wirkt plötzlich völlig versunken, sie scheint mich und den Fotografen komplett vergessen zu haben. Erst als sie fertig ist, blickt sie auf. „Ich schminke mich oft“, sagt sie, „irgendwie fühle ich mich dann anders, besser. Als ob ich jemand anderer bin mit einem besseren Leben.“

Ihr Blick schweift durch den Raum und bleibt an dem langen Seil hängen, über dem Kleidern hängen. „Meine Schätze! Das sind alles meine Kleider.“ Behutsam nimmt sie Stück für Stück ab und breitet alles liebevoll auf dem grossen Teppich im Nebenraum aus. Manche Kleider wirken fast punkvoll: Sie sind mit vielen glitzernden Steinchen bestickt oder haben aufgedruckte Goldleisten. Sahera mag es, wenn es glitzert.

Mich interessiert aber eher der Teppich. Tagsüber wird der eingerollt und ist neben den beiden roten Plastikstühlen der einzige Gegenstand in diesem Raum. Hier schlafen Sahera, ihre Mutter und ihr Bruder nachts, dicht nebeneinander, ohne Bettzeug.

„Eigentlich kann ich alles wie meine Mutter“, sagt Sahera: „Ich kann kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen. Das mache ich alles selbst, ohne meine Mutter. Denn die ist ja tagsüber gar nicht da.“ Die Mutter muss sich nämlich in den langen Schlangen vor den Lebensmittelausgaben anstellen. Das heißt, Sahera und ihr Bruder sind viel allein, ohne Aufsicht. Ihre Hauptaufgabe ist es, mehrmals täglich Wasser holen. Es gibt zwar eine Wasserstelle gleich nebenan. Aber das Wasser dort stinkt oft, weil die Wasserpumpe gleich neben einer Toilette steht. Deshalb füllt Sahera den Krug lieber an einem Brunnen weiter weg, steht dort an, bis sie dran kommt und schleppt den vollen Krug dann wieder heim. Wie die anderen Kinder hier eben auch.

anstellen an Wasserstelle

„Ich bin viel allein“, sagt Sahera. „Meine Freunde aus Myanmar hab ich verloren. Vielleicht sind manche ja im Nachbarcap gelandet oder in einem der Flüchtlingslager, die noch näher an der Grenze sind…wenn sie noch leben. Aber ich weiß es nicht und ich kann sie jetzt nicht mehr sehen.“ Früher habe sie gern mit Knete gespielt, die hatte ihre Mutter ihr geschenkt, aber jetzt habe sie gar keine Spielsachen mehr…

Seit Januar ist ihr Tag aber nicht mehr ganz so langweilig. Denn sie gehe jetzt in die Schule. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Im Schichtbetrieb, also nur zwei oder drei Stunden am Tag, dann kämen schon die nächsten Schüler – es sind einfach zu viel Kinder im Camp und zu wenig Schulen. In Myanmar gab es keine Schulen für Rohingya in der Nähe. Aber hier im Camp haben Hilfsorganisationen welche aufgebaut. „Wir haben ein grosses Klassenzimmer, genauer gesagt ist es ein Gerüst aus Bambusstangen, das mit Strohmatten umwickelt ist. In diesem Raum sitzen Mädchen auf der einen Seite und Jungs auf der anderen. Wir sind etwa 20 Mädchen und 30 Jungs, aber das schwankt von Tag zu Tag.“ Nicht immer kämen alle, besonders jetzt, wo es kalt ist, blieben manche lieber daheim.

Zwei Lehrerinnen haben sie, eine für Birmanisch, die andere für Englisch. Sahera findet Schule toll, vor allem Englisch macht ihr sehr viel Spass. Gerade haben sie ein Lied gelernt, einen richtigen Ohrwurm. Sie beginnt leise zu singen „twinkle, twinkle, little star…“ Sahera versteht zwar noch nicht alle Worte, aber sie trällert es ständig vor sich hin.

Seit sie in der Schule ist, hat sie auch ein paar Freundinnen. Mit denen spielt sie Dorilap, Seilspringen. Eins finde sie allerdings richtig doof hier, meint die Zehnjährige: „In Myanmar haben wir das immer alle zusammen gespielt, aber hier sind Mädchen und Jungs meistens getrennt und Jungs springen hier auch nicht Seil. Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, mit was Jungs hier so spielen, wir spielen eigentlich immer getrennt. Ball vielleicht, aber ich selbst hab noch nie gekickt. In der Schule sind wir getrennt und danach auch.“

Eigentlich habe sie sich mittlerweile an das Leben im Camp gewöhnt, versichert Sahera. Aber wenn sie sich was wünschen könnte, dann hätte sie gerne wieder ihre Knete zurück. Und vielleicht auch eine Puppe. „Aber vor allem wünsche ich mir, dass ich ganz, ganz viel lerne in der Schule. Vielleicht werde ich dann auch irgendwann Lehrerin.“ Die Frage, ob sie wieder zurück nach Myanmar wolle, beantwortet die Zehnjährige erst nicht, sie überlegt lange. Und schüttelt dann ganz langsam aber bestimmt den Kopf.