Clever and dedicated – the villagers

Es ist ein ungewöhnlicher Empfang, der mich in einem abgelegenen Dorf in Gaibandha erwartet: Eine rote Rose ist das erste, was ich sehe, als ich aus dem Auto steige. Und an dieser Rose hängt ein schlaksiger, hochgeschossener junger Mann, der offensichtlich mehr als aufgeregt ist. Ich erkenne ihn nicht gleich…Aber dann stellt er sich als ‚Rubel‘ vor und bei mir macht’s klick.

Mit Rubel chatte ich seit einigen Monaten. Irgendwann hat er mir in Facebook eine Freundschaftsanfrage geschickt, die ich mit der Begründung abgelehnt habe, dass ich nur Anfragen von Menschen annehme, die ich persönlich kenne. Aber der junge Mann ließ nicht locker: Er wolle sein Englisch verbessern und würde deshalb gerne mit mir chatten. Tja und seither schreiben wir uns. Unregelmäßig, meist nur kurz, aber es ist immer lustig.  Oft hab ich Probleme, seine Sätze zu verstehen und Rubels Englisch ist auch nicht wirklich besser geworden, aber ich war beeindruckt von seiner Initiative.

Rubels Dorf Rubel

Jetzt also steht er vor mir. Was ein Zufall. Denn eigentlich bin ich hier, weil ich für eine Hilfsorganisation eine Familie portraitieren soll, die mit Spendengeldern unterstützt wird.

Rubel kann vor Aufregung nicht Englisch sprechen, aber es purzeln Bangla-Wörter aus ihm heraus, sie scheinen sich zu überschlagen und ich versteh kein Wort. Gopal kommt zur Hilfe und übersetzt: Rubel wusste aus unseren Chats, dass ich bei dieser Reise auch nach Gaibandha komme und als er gehört hatte, dass die NGO mit einem Gast ins Dorf komme, hat er vermutet, dass ich das sein könnte. Ich bin gerührt. Aber muss ihn vertrösten, weil ich zuerst meine Arbeit erledigen will: Die Geschichte von dem Jungen, der jahrelang weder sprechen noch laufen konnte, muss ja erzählt werden 😉

Rubels Dorf Interview

Als wir danach durch’s Dorf laufen, fällt mir eine Menschenansammlung auf. Auf der Straße stehen einige Bänke, vollbesetzt mit Menschen, die alle zur Veranda einer Hütte schauen. Mehrere Männer sitzen dort an einem Tisch, daneben eine junge Frau, die sich auf Krücken stützt und etwas in ein Megaphon spricht. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass im Publikum sehr viele alte Menschen sitzen. Auch Leute mit Behinderungen. Keiner hat richtige Schuhe und die meisten sind nur leicht bekleidet – obwohl es im Januar 2018 für bengalische Verhältinisse empfindlich kalt ist: Nachts sinken die Temperaturen auf 12 bis 6 Grad. Arschkalt also, weil die Häuser hier ja keine Heizung und vor allem auch keine Isolierung haben.

Ich lasse mir erzählen, was hier gerade passiert: Die Leute auf der Veranda sind überwiegend Mitglieder von Selbsthilfe-Gruppen, die selbst eine Behinderung haben. Diese Gruppen gibt es mittlerweile in vielen Dörfer, sie werden von Hilfsorganisationen wie zum Beispiel der CBM (Christoffel Blindenmission, eine deutsche NGO) gegründet, mit dem Ziel, die Situation von behinderten Menschen auf dem Land zu verbessern. Gehörlose, Seh- oder Gehbehinderte, Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, sie alle treffen sich in diesen Gruppen, erfahren, dass sie auch Rechte haben, dass es Förderprogramme für sie gibt, Ausbildungsmöglichkeiten, sogar finanzielle Unterstützung. Für uns klingt das vielleicht banal. Aber in Bangladesch ist die Situation für Menschen mit Behinderungen anders. Manche werden hier sogar versteckt, weil eine Behinderung als Schande oder Strafe Gottes angesehen wird. Außerdem sind die meisten hier immer noch Analphabeten, haben nie eine Schule besucht und wissen vor allem nichts über Menschenrechte, geschweige denn, was solche abstrakten Worte bedeuten.

Diese Selbsthilfe-Gruppen jedenfalls haben bemerkt, dass es zwar Programme und Gelder von der Regierung für sie gibt, diese aber nicht in den Dörfern ankommen. Deshalb haben die Gruppen selbst die Initiative ergriffen, haben Geld gesammelt und Decken gekauft, die sie jetzt an Bedürftige verteilen. Lautstark! Und geschickt! Denn sie haben auch ‚die Obrigkeit‘ zu dieser Verteil-Aktion eingeladen. Und weil die Selbstilfe-Gruppen mittlerweile einen enormen Einfluss haben, sind auch tatsächlich wichtige Personen gekommen: der Distriktvorsteher zum Beispiel. Und eine Art Staatssekretärin.

Rubel steht plötzlich neben mir. Sein Vater sei der Vorstand dieser Selbsthilfe-Gruppe, sagt er stolz. Und ich reagiere schnell. Ob es eine Möglichkeit gäbe, mit seinem Vater, den Regierungs- und Verwaltungsvertretern und mit den Bedürftigen zu sprechen, Interviews zu machen? Rubels Augen beginnen zu funkeln. Klar, er organisiere das. Und weg ist er. Kurz. Und dann lotst er mich in einen Raum gleich neben dem Kiosk, der seinem Vater und ihm gehört. Dort könne ich ungestört die Interviews machen und er bringe mir die Gesprächspartner.

Eine alte Frau mit nur noch einem Schneidezahn steht vor mir, ganz gebückt. Sie drückt die knallrote Decke fest an sich, die sie eben bekommen hat. „Jetzt muss ich heute Nacht nicht frieren“, sagt sie. Ihre Stimme ist rau. Sie sei der Gruppe so unendlich dankbar. Weil sie so viel für die ganz Armen tun würde….und überhaupt… Sie dreht den Kopf weg. Ihr Stimme versagt. Sie mag nicht mehr sprechen.

Die nächste Frau ist gut gekleidet, auch gut genährt. Weißer Sari, rote Strickjacke, ein Tuch locker über die Haare gelegt. Sie ist die Regierungsvertreterin und hat vorhin mit stoischer Mine die Decken mit verteilt. Es sei beschämend, platzt es aus ihr heraus. Dass in diesem Land die Ärmsten der Armen für andere Bedrüftige sammeln, während die staatlichen Hilfen nicht ankämen. Woran das liege? Oft sei einfach nicht bekannt, wieviele Menschen in den Dörfern auf Zuwendungen angewiesen sind. Oder die Verwaltungen gäben die Daten nicht weiter. Oder die Gelder würden auf dem Weg von Dhaka bis in die Dörfer irgendwie ‚versickern‘. Auf jeden Fall werde sie alles tun, um das zu ändern…

Es kommt ein Mann mit hennagefärbtem Bart. Der Distriktvorsteher. Er scheint gewohnt zu sein, dass man seinen Anweisungen folgt, jedenfalls scheucht er die Leute auseinander, die neugierig an der Tür stehen. Diese Verteil-Aktion sei toll gewesen, meint er. Es sei immer gut, wenn Menschen Eigeninitiative ergreifen, sich selbst helfen. Weil sie ja selbst am besten wüssten, wie der Bedarf sei. Die Selbsthilfegruppen hätten in seinem Distrikt schon so viel erreicht….Gelder für bessere Straßen, Kredite für kleine Läden, Schulungen für Gemüseanbau und Viehzucht und Behinderte könnten jetzt sogar auch zur Schule gehen – das alles hätten die Gruppen und die NGOs bewegt. Und er sei stolz darauf. Aber ist es nicht eigentlich die Aufgabe des Staates, sich um diese Dinge zu kümmern, frag ich. Er streicht seinen Bart, verlangt nach einem Tee und blickt mich dann gönnerhaft an. Wir sind hier in Bangladesch, sagt er dann gewichtig. Dieses Land sei nicht perfekt, aber es gäbe einen großen wirtschaftlichen Aufschwung, ein enormes Engagement der Regierung und viele Initiativen, die gerade den ländlichen Raum unterstützten. Es dauere halt nur manchmal ein bisschen…

Und dann kommt Rubels Vater zu mir. Er wohnt schon immer hier im Dorf, ist gehbehindert und ein Energiebündel, wenn es um die Belange von benachteiligten Menschen geht. Ja, gibt er zu, er habe sich vorher ganz genau überlegt, wie er die Decken am effektivsten verteilen kann. Denn es gehe längst nicht mehr nur darum, den Armen hier über die kalte Jahreszeit zu helfen. Es gehe darum, den Menschen zu zeigen, dass sie Rechte haben, dass sie diese einfordern können und dass das auch klappt, wenn man zusammenhält.

Dann ruft er seinen Sohn zu sich. Rubel ist schon größer als er, wirkt aber sofort kleiner als sein Vater ihm die Hand auf die Schulter legt. Sein Sohn sei sein Antrieb, sagt der. Denn Rubel soll lernen, dass man anständig und geachtet leben kann, obwohl man arm oder behindert ist. Jeder könne für die Gesellschaft wichtig sein. Man dürfe sich nur nicht einschüchtern lassen.

Es ist kein Pathos in seiner Stimme, als er das sagt. Aber man merkt, dass jedes Wort gut durchdacht ist, dass dieser Mann gelernt hat, seine Meinung zu sagen. Und als wir zusammen durchs Dorf gehen, merke ich, dass alle ihm mit Respekt begegnen. Alle bis auf zwei kleine Mädchen. Die strahlen diesen kleinen, kämpferischen Mann einfach nur ganz offen an…

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One day in Sylhet (2)

Die Briten haben in Sylhet überall ihre Spuren hinterlassen. Einmal durch die riesigen Teeplantagen, die sich rund um die Stadt über alle Hügel ziehen. Aber auch durch einige Wahrzeichen im Zentrum der Stadt. Das auffälligste ist wahrscheinlich die Keane bridge, die sich über 350 Meter Länge wie ein roter Bogen aus Stahl und Eisen über den Fluss Surma spannt.

Trotzdem wirkt diese Brücke erstaunlich filigran. Vielleicht, weil die Bangladeshi in den Städten sonst eher Betonmonster als Brücken haben. Oder weil hier keine Blechlawinen drüber rollen – diese Brücke ist nämlich eine Fußgängerbrücke….okay, eine Fußgänger-Rikscha-Motorrad-Fahrrad-Brücke. Apropos Rikscha: Es ist unglaublich, was mit diesem Gefährt alles transportiert wird. Manche sind bis zum Verdeck hoch vollgeladen und zusätzlich sitzt dann noch ein Mensch drauf. Muss ein ganz schönes Gewicht sein. Und dadurch für die findigen Bangladeshi auch ein gleich wieder ein Geschäftsmodell: Am Fuß der Brücke bieten sich nämlich Männer als ‚Schieber‘ an, damit die bepackten Drahtesel überhaupt über die Rampe auf die Brücke kommen.

Und natürlich wird dort auch alles denkbare für den täglichen Bedarf angeboten: Das obligatorische ‚Paan‘ wie im ersten Bild natürlich (mehr zu Paan: https://yvonnekoch.wordpress.com/2014/11/15/want-to-try-paan-der-bengalesische-kaugummi/ und https://yvonnekoch.wordpress.com/2019/02/13/the-gold-of-the-khasi-people-fortsetzung/ ). Aber auch Töpferware oder die Rattan-Hocker. Und dabei fällt mir auf, dass ich hier das erste Mal sowas wie Handwerkskunst auf einem Markt sehe. Auf solche mobilen Verkaufsstände dagegen trifft man öfter:

Mit dieser Vorrichtung wird Zuckerrohr ausgequetscht und der Saft dann verkauft.

Wir überqueren die Brücke und Rahat weist mich auf eine weitere Sehenswürdigkeit hin:

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Das sei der ‚Big Ben‘ von Sylhet, meint er, die älteste Uhrenturm der Stadt, der Ali Amjad Clock Tower. Gebaut wurde 1872 vom Vater des damaligen Nawabs. Ich war darüber erst irritiert, weil Nawabs ursprünglich so was wie Gouverneure während des Mogul-Reichs waren. Aber offenbar nannten auch die Briten ihre in den Adelsstand erhobenen Vasallen so, die die Distrikte für sie verwalteten.

Wir nähern uns dem anderen Ufer. Und da seh ich….nee, das kann nicht sein….ich kneife die Augen zusammen, damit ich besser sehe. Tatsächlich, dort an der Uferböschung, die kleinen schwarzen Tiere, das sind doch….

SCHWEINE! Im muslimischen Bangladesch! Die ersten überhaupt, die ich in diesem Land sehe. Und dann scheinen sie hier auch noch als vierbeinige Müllvernichter eingesetzt zu werden, jedenfalls wühlen sie denn Abfall durch, der dort am Flussufer liegt.

Rahat ist dieser Anblick offenbar mehr als unangenehm, immerhin wollte er mir doch die schönen Ecken von Sylhet zeigen. Wir drehen also um. Runter von der Brücke. Aber auch da fällt mir ausgerechnet das auf, was mein Guide am liebsten nicht wahrnehmen würde….

Sylhet (49) bearbeitet

Selbst für bengalische Verhältnisse ist dieser Schlafplatz nicht gerade der bequemste, oder? Rahat verdreht die Augen. Jaaaaaa, diesem Mann ist das aber offensichtlich egal, wahrscheinlich sei er drogensüchtig. Yaba sei ja mittlerweile zu einer richtigen Seuche geworden. Yaba – bei uns bekannt als Crystal Meth – eine künstliche Droge, die die Menschen verändert, sie aggressiv und paranoid macht…

Rahat führt mich am Ellenbogen weiter. Und da seh ich sie: Prodips, diese kleinen getöpferten Schälchen, in denen die Hindus ihre Opfer-Lichter anzünden.

Und weiter geht’s. Zu einem großen Platz mit moscheeartigen Toren und reichverzierten Brüstungen

Das sei der große Versammlungs- und Gebetsplatz, erklärt Rahat. Hier werden zum Beispiel die zeremoniellen Gebete während dem Opferfest Eid gesprochen. Möglich, dass das während des Festes etwas eindrucksvolles ist, jetzt aber ist es in großen Teilen nur ein riesiger betonierter Platz.

Wir steigen ins Auto. Denn jetzt geht’s zum M. C. College, der ältesten Hochschule von Bangladesch. Sie hat zwar seit ihrer Gründung 1892 schon ein paar Erdbeben hinter sich, aber trotzdem gilt sie als eine der schönsten in ganz Bangladesch – und ist berühmt für ihre über 100.000 Bücher umfassende Bibliothek.

In diesen Langhäusern sind die Studenten untergebracht. Und während wir gemütlich über das baumreiche Gelände schlendern, fallen mir die vielen Paare auf, die sich mal auf einer von Büschen geschützte Bank, mal am Ufer des Campus-Sees erstaunlich nahe sind. Auch deshalb sei dieses College so begehrt, grinst Rahat. Es ist eine dieser wenigen Orte in Bangladesch, wo Zweisamkeit zwischen den Geschlechtern nicht ganz so rigoros geahndet wird. Und er kenne noch so einen Ort….

Der ist allerdings nicht ganz so verwunschen. Denn als wir mit dem Auto näher kommen, müssen wir uns in eine Warteschlange einreihen. Diese Tierzeichnungen am Eingang…Wo sind wir hier? Ist das ein Zoo? So was ähnliches, meint Rahat. Eigentlich ist es eine Art Naturschutzgebiet, der Tilagarh Eco-Park, in dem aber auch Tiere in Gehegen gehalten werden. Ich sehe einige Vögel in Volieren, auf den Wegweiser steht, dass es hier auch Affen, Rehe und Tiger zu sehen sind. Wir schlendern aber einfach durch das üppige Grün und reden. Rahat träumt nämlich davon, irgendwann einmal ein Resort zu haben. Eine Bio-Wohlfühl-Oase mitten im Grünen mit kleinen architektonisch ungewöhnlichen Hütten, in der Menschen mit kleinem Geldbeutel genauso Urlaub machen können, wie Gutbetuchte.

Dann müssen wir zurück, denn es wird langsam dunkel. Und mit einem gemeinsamen Abendessen beschließen wir diesen wunderschönen, ereignisreichen Tag in Sylhet.

One day in Sylhet

So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr. Ich steh am Flughafen in Sylhet und warte auf den Menschen, den ich seit zwei Jahren kenne – ohne ihn je getroffen zu haben. Denn Rahat ist eine Internet-Bekanntschaft, ein Chatpartner, den ich über ein bengalisches Forum kennengelernt habe. Und er war sofort bereit zu helfen, als mein Reisebegleiter für diesen Trip abgesprungen ist.

Ein blauer Toyota kommt durch die Einfahrt…das ist er. Steigt aus, kurzes Zögern, dann ein breites Lachen und eine schnelle Umarmung. Verrückt – die virtuelle Freundschaft ist in Sekunden zu einer realen geworden!

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Es geht nur kurz ins Hotel, dann bekomme ich von Rahat eine exklusive und intensive Sylhet-Tour. Und los geht’s mit dem Sufi-Tempel am Ende der Straße. Hier wird Hazrat Shah Jalal verehrt, ein Sufi-Mystiker, der von 1271 bis 1346 gelebt haben soll. Man schreibt ihm verschiedene Wunder zu, vor allem aber eine tiefe Religiosität – und offenbar glauben die über zehntausend Pilger, die jedes Jahr seinen Schrein besuchen, dass etwas von seiner Spiritualität auf sie abfärbt, wenn sie hierher kommen.

Sobald wir durch das große blaue Portal sind, scheinen wir in einer anderen Welt zu sein. Eine ungewöhnliche Ruhe herrscht hier, die Besucher sprechen nicht viel und wenn, dann mit gesenkter Stimme. Das weiße Gebäude vor uns, das mit den vorspringenden Treppenhaus und den großen kunstvollen Fenstern, das sei die Moschee, erklärt Rahat. Nur für Männer, versteht sich. Die Frauen würden in dem Mini-Pavillion rechts daneben beten. Ich bin fassungslos über dieses enorme Ungleichgewicht. Aber bevor ich was sagen kann, ist Rahat schon weiter, zeigt mir einen umzäunten Bereich, der voller Körner – und Tauben ist. Auch wenn die Tauben sonst eher gejagt würden, hier im Tempel-Bereich seien sie heilig, niemand würde ihnen hier eine Feder krümmen dürfen. Warum? Hatte der Sufi irgendein besonderes Verhältnis zu diesen Tieren? Rahat zieht die Schultern hoch. Keine Ahnung. Aber auch die Fische im Tempel-Teich nebenan seien heilig und dürften nicht gegessen werden.  Und apropos essen….

Rahat führt mich in das Gebäude hinter dem Tauben-Zaun. Riesige Zinn-Töpfe auf kleinen offenen Feuerstellen sind hier aufgereiht. Das sei die Pilger-Küche, meint Rahat. Und der große, kahle Raum nebenan das Gästehaus. Hier dürfen alle Pilger umsonst auf dem Boden übernachten und Essen. Umsonst? Und wer finanziert das alles? Mein Sylheti-Freund grinst und führt mich zu einem kleinen Nischenraum vor dem Gebäude. Hier sitzt ein alter Mann in weißem Kaftan, Käppi auf dem Kopf, neben zwei riesigen Kesseln. In diesen Kesseln werden die Spenden gesammelt, die die Besucher einwerfen. Und auf meinen fragenden Blick reagiert er fast ein bisschen belehrend: Almosen oder Spenden geben sei für Muslime eine wichtige Säule des Glaubens, das nenne sich ‚Zakat‘ und sei so selbstverständlich für alle Gläubigen, dass zum Beispiel dieser gesamte Tempel-Bezirk sich davon ohne Probleme unterhalten läßt. Es gäbe aber auch noch eine andere Einkommensquelle hier.

Er führt mich durch ein kleines Tor in den hinteren Bereich des Schreins. Was für mich erstmal wie ein verwilderter Garten aussieht, ist in Wirklichkeit ein Friedhof. Jeder Muslim in Sylhet, der was auf sich hält, versucht hier ein Grab zu kriegen. Ein System bei diesen Gräbern kann ich nicht erkennen. Ein paar alte, sehr schiefe Grabsteine neben Emaille-Schildern auf Stangen, dazwischen immer wieder eingezäunte Mini-Parzellen. Aber Grabpflege wie auf europäischen Friedhöfen ist hier anscheinend nicht angesagt.

Es dauert eine Weile, bis ich merke, dass wir immer noch im Tempelbezirk sind, quasi hinter der großen Moschee. Große Kulleraugen starren mich an, ein Junge kichert unsicher. Das sei die Koranschule, sagt Rahat und knufft mich belustigt. Womöglich sei ich die erste Europäerin, die die Jungs sehen, denn der Sufi-Tempel sei zwar in Bangladesch berühmt, es kämen sogar Pilger aus dem Ausland, aber halt eher aus Pakistan oder anderen muslimischen Ländern.

Ich bin abgelenkt. Denn mich ziehen gerade große Stofftücher in den Bann, die an einem riesigen Gerüst vor der Moschee hängen. Was für wunderschöne Farben. Manche Tücher sind kunstvoll bestickt. Und wie sie da hintereinander an den Stangen hängen…das hätte man nicht schöner komponieren können. Das sind Schrein-Tücher, erklärt Rahat. Das Grab des Hazrat Shah Jalal sei je nach Tag und Monat immer mit einem dieser Tücher bedeckt und natürlich gehe ein kleines bisschen seiner Heiligkeit dabei auch auf diese Stoffe über. Das erklärt, warum manche Pilger sich direkt neben diesen Tüchern im Schneidersitz niedergelassen haben. Manche scheinen in hochphilosophische Gespräche vertieft, manche haben die Augen geschlossen und scheinen zu meditieren. Und da ist sie wieder: diese Ruhe und Harmonie, die von diesem Ort ausgeht.

(Fortsetzung folgt)

 

The ‚water gipsies‘ and the snakes

Meine Bekannten in Bangladesch wissen mittlerweile, dass ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, nach ungewöhnlichen Lebensweisen oder einfach besonderen Menschen. Und immer wieder komme ich so an Themen, die ich interessant finde. Vor der letzten Reise hat mich zum Beispiel ein Chatpartner gefragt, ob ich schon mal was von den ‚Bede‘ gehört habe. Spontan hab ich ja gesagt…weil ich dieses Wort mit dem französischen ‚pédé‘ assozieriert habe, so nennt man in Frankreich umgangssprachlich die Schwulen. Gemeint waren aber die ‚Bede people‘, die manchmal auch ‚water gypsies‘ genannt werden und quasi das fahrende Volk von Bangladesch sind.

Nein, von dieser Volksgruppe hatte ich tatsächlich noch nicht gehört, war aber sofort neugierig. Und weil mein langjähriger Begleiter Gopal sich wieder mal als Organisations-Genie betätigt hat, konnte ich mich in Savar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka, mit einigen Bede treffen.

Ein junger Mann holt uns vom Treffpunkt ab, er spricht ganz gut Englisch, spielt ständig mit einem kleinen Schlüsselbund und irgendwie erinnert er mich an eine Art Conferencier, also an diese Ansager im Varieté, die mit kleinen Anekdoten und humoristischen Einlagen zur nächsten Programmnummer überleiten. Er fragt mich nämlich, ob ich schon mal eine Bede-Show gesehen hätte. Nicht? Dann wär es aber höchste Zeit, das sei absolut sensationell, er könne gerne eine arrangieren, natürlich in einer abgespeckten Form, immerhin seinen manche Clan-Mitglieder noch bei der Arbeit…. Dann merkt er, dass ich nicht gleich darauf anspringe, sondern mich vor allem auf den Weg konzentriere. Der ist nämlich ziemlich uneben, voller Schlaglöcher, überall liegt Abfall und es ist offensichtlich, dass wir nicht gerade im Villenviertel des Orts unterwegs sind. Umso erstaunter bin ich, dass ich nicht zu einer zusammengeschusterten Wellblechhütte geführt werde, sondern zu einer aus Holz, mit Veranda und Lehnsessel. Ich dachte die Bede people seien das fahrende Volk Bangladeschs…

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Der Clanchef grunzt selbstgefällig. Das sei schon richtig, meint er. Und noch vor 30, 40 Jahren seien alle Bede immer viel gereist, sogar in verschieden Ländern, immer auf kleinen Booten, auf denen sie auch gewohnt haben. Deshalb wurden sie auch ‚water gypsies‘ genannt, Wasser-Zigeuner. In seinem Clan lebten damals etwa 300 Menschen mehr oder weniger zusammen. „Wir konnten nicht zur Schule und wir waren tatsächlich bettelarm.“ Ihren Lebensunterhalt verdienten sie, indem sie von Dorf zu Dorf zogen und ihre Dienste anboten. Manche machen das auch heute noch, erklärt der Mann mit dem Hennabart: „Wenn du irgendeinen Schmerz hast, Rückenschmerzen oder Zahnschmerzen oder irgendwas in der Art, dann benutzen wir ’shinga‘ , ein Gerät, um diese Schmerzen zu heilen und Gifte.“ Was genau dieses ‚Shinga‘ ist, hab ich bis heute noch nicht herausgefunden, es scheint irgendein bestimmtes Werkzeug zu sein.

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Ich möchte noch mehr zur Lebensweise der Bede erfahren. Deshalb richte ich die nächsten Fragen bewusst an die Dame des Hauses und beobachte dabei den Clanchef und die anderen Männer auf der Veranda ganz genau. Zucken sie zusammen, weil Frauen hier eigentlich nichts zu sagen haben? Nein, das scheint in dieser Gemeinschaft anders zu sein. Denn die zierliche Frau mir gegenüber antwortet ganz gelassen, selbstbewusst und auch für die Männer scheint es kein Affront zu sein:  „Es gibt in Bangladesch etwa 50.000 Bede, ungefähr 10.000 von uns sind mittlerweile sesshaft und haben Häuser wie wir, die anderen ziehen durch das Land, schlagen irgendwo ihre Zeltlager auf. Wir haben so eine Art Zelt aus kunststoffbeschichtetem Papier.“ Es gäbe mittlerweile immer mehr Grundbesitzer, die den Bede Land oder Hütten vermieten. Sie selbst würden zum Beispiel 50 Poisha Miete zahlen, das sind ein paar Cent. Trotzdem seien die Bede immer noch sehr arm. „Nur etwa 10 Prozent unserer Leute können lesen und schreiben, eine höhere Schulbildung hat niemand von uns, wir hatten nie die Möglichkeit dazu. Wir fühlen uns dadurch benachteiligt, wir sind wahrscheinlich das ärmste Volk der Welt, weil die meisten von uns nie eine Schule von innen gesehen haben.“

Ihr Mann nickt und ergänzt: „Was wir noch machen ist Schlangenbeschwörung und Affendressur, das machen immer noch die meisten von uns, mit diesen Shows ziehen wir von Haus zu Haus.“ Aber die Geschäfte gehen schlecht, betont er. „Früher sind wir zu den Familien gegangen und haben dort unsere Show gezeigt, damals haben die sogar richtig darauf gewartet, wir waren ein Event. Aber heutzutage lockt das niemand mehr hinterm Ofen vor. Weil sie heute alle gebildet sind, sie haben keine Zeit mehr dafür, es gibt Fernseher, für uns ist das ein Riesenproblem.“

Wie aufs Stichwort steht plötzlich der ‚Conferencier‘ von vorhin neben mir. Natürlich könnte ich eine kleine Kostprobe dieser ’snake and monkey shows‘ haben, also eine Aufführungen mit dressierten Affen und Schlangenbeschwörung. Nur ohne Affen, die seien gerade nicht da. „Ich machen einen Sonderpreis, nur 1000 Taka“. Mir ist klar, dass ich dabei wahrscheinlich abgezockt werde, aber neugierig bin ich trotzdem. Ich wundere mich noch, dass er das Geld ganz heimlich einsteckt…aber folge erstmal nach draußen. Gopal und mir werden Plastikstühle hingestellt, zwei Männer kommen mit kleinen Holzkästchen. Und dann geht etwas los, das eine gewagte Verhohnepipelung des Begriffs ‚Show‘ ist:

Die Männer öffnen eins der Kästchen und ich erkenne die Schlange sofort: eine Kobra. Scheinbar eine friedliche, denn sie will eigentlich nur wegkriechen. Aber die Männer stupsen sie mit einem Stöckchen, ziehen sie am Schwanz, bis sie sich richtig aufrichtet und ihren Nackenbereich aufplustert – eben so, wie man sich eine wilde Kobra kurz vor dem Zubeißen vorstellt. Triumphierend kucken mich die Männer an. Ich tue ihnen den Gefallen und sage ‚amazing‘, dann wird die nächste Box geöffnet. Diesmal sei es noch eine giftigere Schlange, den Namen hab ich nicht verstanden, sie sieht aber einer Kreuzotter ähnlich. Der ‚Schlangenbeschwörer‘ schnappt sie am Schwanz, die Schlange ringelt sich um seinen Arm und dann schwingt er das arme Tier durch die Luft, immer in meine Richtung. Weil ich nicht zurückzucke, kommt er näher. Ob ich sie mal streicheln wolle, fragt er. Ja, sage ich und sein Kiefer klappt runter, als ich das dann auch wirklich mache. Ob ich denn keine Angst vor diesem hochgiftigen Tier habe? Ein Biss und ich sei innerhalb von einer Minute tot! Ich grinse. „Vorrausgesetzt die Schlange hat das Gift noch“, sag ich dann. Weil ich aber annehme, dass die ‚Beschwörer‘ das Tier einmal am Tag melken, also das Gift entnehmen, sei ein Biss höchstens schmerzhaft, tödlich aber ja nicht. Der Mann im weiß-blauen T-Shirt reißt die Augen auf, schüttelt dann resigniert den Kopf und packt die Schlange wieder weg. Genau das sei das Problem heutzutage. Die Menschen wüssten zu viel. Wie solle man da denn noch eine spannende Show präsentieren…

Fast hab ich ein bisschen Mitleid. Aber nur, bis mir Gopal beim Weggehen sagt, dass er das mit der Bezahlung schon übernommen habe… wir haben also doppelt bezahlt!

Die pfiffigen Bede können also vielleicht keine Schlangen mehr beschwören, Touristen aber schon! 😉

Changed situation 3 – political views

Cox’s Bazar ist die nächst gelegene Stadt zu den Flüchtlingscamps. Sie liegt direkt am Meer, am größten Strand der Welt – jedenfalls brüstet sich Bangladesch mit diesem Titel. Cox’s Bazar selbst ist eine der wenigen touristischen Orte in Bangladesch mit unzähligen Hotels, Restaurants, Strandbars und Souvenirläden. Hierher kommen die Bangladeshi in den Flitterwochen, Familien machen hier Urlaub und Unternehmen, die ihren Mitarbeitern was Gutes tun wollen, verlegen ihre Wochenend-Workshops hierher. Ausländische Touristen konnte Cox’s Bazar trotzdem nur selten anlocken, denn der Sandstrand zieht sich zwar endlos die Küste entlang, aber es fehlt ihm an ‚exotischem Flair‘: es gibt keine Palmen, keine idyllischen Buchten oder malerische Fischerdörfer.

Seit der großen Flüchtlingswelle im August 2017 hat sich das allerdings geändert. Man sieht inzwischen überall hellhäutige Gesichter, hört spanische, deutsche, dänische oder englische Wortfetzen. Der Verkehr hat drastisch zugenommen und in den Hotels ist es zunehmend schwierig, ein Zimmer zu bekommen, denn viele NGOs haben ganze Etagen angemietet, in die sie Büros für die Koordination ihrer Hilfsprojekte in den Flüchtlings-Lagern verlagert haben.

Die Bangladeshi, die für ausländische Organisationen arbeiten, sind größtenteils gut ausgebildete, clevere und flexible Partner. Und sie haben den Überblick, gute Sensoren für die aktuelle Stimmung und feine Antennen für die kleinsten politischen Veränderungen. Ich treffe mich nacheinander mit dreien von ihnen in einer Hotellobby. Die Interviews in meinem Hotelzimmer zu machen ist nicht möglich, eine Frau, die Männer mit auf ihr Zimmer nimmt – das geht im muslimischen Bangladesch einfach nicht. (*Ach ja, bitte nicht wundern, jeder meiner Gesprächspartner hat hier einen Fake-Namen. Sie waren sehr offen und manche ihrer Aussagen könnten verhängnisvoll für sie sein, deshalb kriegen sie hier bengalische Allerweltsnamen)

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Asad* macht es sich auf einem der Kunstledersofas bequem, er hat heute nicht die hellbraune Oxfam-Weste an, die sich sonst über seinem imposanten Bauch wölbt. Er sei nicht als Vertreter seines derzeitigen Arbeitgebers hier, sondern als Privatperson mit einer gewissen Erfahrung, verkündet er und zwinkert mir zu. Er kokettiert mit dieser Bescheidenheit, denn in der Helferszene von Bangladesch ist Asad* eine Größe. Er hat schon für fast alle Hilfsorganisationen gearbeitet, nationale wie internationale. Und er hat den Überblick:

„Im Moment beobachtet die Regierung – und auch die Einheimischen – dass die Rohinga die Umgebung zerstören. Sie fällen die Bäume weil sie das Feuerholz brauchen, dadurch zerstören sie ganze Wälder. Und außerdem: viele Rohinga verrichten ihre Notdurft immer noch im Freien, unter den Bäumen, dadurch entsteht auch ein Gesundheitsrisiko für die Lager. Und dann werfen sie ihren Müll einfach in die Kanäle, bei ihren Häusern, dadurch kann es sowohl für die Rohinga als auch für die Ortsansässigen zu Krankheiten kommen. Dazu kommt: Bangladesch ist sowieso anfällig für Naturkatastrophen und die Gegend von Cox’s Bazar ist besonders von Zyklonen, Erdrutschen und Sturzfluten betroffen. Und wenn sich sowas ereignet, werden die Hütten der Rohinga, die ganzen Camps und all ihre Habseligkeiten zerstört. Und dann gibt es noch die Gefahr, dass Feuer ausbricht. Wenn das mal passiert, dann fackelt das komplette Camp ab. Auch die Ortsansässigen könnten dann betroffen sein“

Das Rohinga-Problem betreffe aber schon längst nicht mehr nur die Bangladeshi, die direkt um die Lager herum leben, gibt Masud* zu bedenken. Er arbeitet im Moment für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP:

„Schon jetzt zerstreuen sich die Rohinga, du kennst doch den Norden von Bangladesch, dort sind sie auch schon angekommen, zum Beispiel in Gaibandha, Rangpur, Dinaspur. Und auch in Dhaka, in der Hauptstadt, gibt es sie, vor allem in Gazipur und Savar, dort wo die Gewerbegebiete sind. Viele Rohinga haben mittlerweile Dokumente, ID Karten/Pässe oder Geburtsurkunden. Die haben sie illegal besorgt und es sind mittlerweile auch nicht mehr nur 1 Million Rohinga, sondern 1,5 Millionen.“

Natürlich bringt allein die Masse an Menschen, die im Süden von Bangladesch auf eingeschränktem Raum leben müssen, Probleme mit sich. Deshalb hat sich die Stimmung bei den Bengalen mittlerweile komplett gedreht, berichtet Ibrahim*, der für eine deutsche Entwicklungsorganisation die Projekte in den Rohinga Lagern koordiniert.

„Die meisten Menschen in Bangladesch sind mittlerweile wirklich sauer über die Situation, auch weil man jeden Monat neue Nachrichten in den Zeitungen liest, dass Rohingas in Drogenhandel verstrickt sind oder sowas“

Ibrahim* bricht plötzlich ab, schaut sich nervös in der Hotellobby um und rutscht unruhig auf dem Kunstleder-Sofa hin und her. Ich merke dem schlanken, großen Mann die Anspannung an, aber er hat sich offenbar entschieden, jetzt Tacheles zu reden:

„Es ist schon eine Veränderung bei der Regierung zu merken. Anfangs hieß die Regierung alle willkommen, hat die Grenzen geöffnet und alle einfach aufgenommen und versucht, ihre Leben zu retten. Und meine ganz persönliche Meinung ist, dass es unserer Regierung ganz gut in den Kram passte, als 2017 die große Flüchtlingswelle zu uns geschwappt ist, das hat die internationale Gemeinschaft nämlich schön von unseren innenpolitischen Problemen abgelenkt, also von allen politischen Entscheidungen, die fragwürdig waren. Und so hat Bangladesch international einen guten Ruf erlangt, die internationale Gemeinschaft gegenüber der aktuellen Regierung gewogen gemacht.“

Ja, innenpolitische Probleme hat Bangladesch einige. Und die gravierendsten sind: Korruption und eine sehr stark eingeschränkte Presse- und Meinungsfreiheit. Beides hat sich in den letzten Jahren immer mehr verschärft. Im jährlichen Ranking des Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International von 2018 ist Bangladesch auf Platz 149 von 180 gelisteten Ländern und gilt damit als hoch korruptes Land. Vor allem auch, weil es sich im Vergleich zum Vorjahr nochmal um sechs Plätze verschlechtert hat. Gleichzeitig wird die kritische Berichterstattung seit Jahren eingeschränkt: Journalisten und Blogger werden in ihrer Arbeit behindert, bedroht und sogar getötet. Reporter ohne Grenzen beobachtet diese Entwicklung seit Jahren und stuft Bangladesch in puncto Pressefreiheit deshalb im unteren Bereich des weltweiten Vergleich ein, aktuell auf Platz 146 von 180 untersuchten Ländern. Kurz vor den Parlamentswahlen in Bangladesch im vergangenen Jahr wurde die Meinungs- und Pressefreiheit sogar zusätzlich durch den ’new digital security act‘ eingeschränkt: Jetzt können alle Äußerungen, die sich gegen staatliche Interessen, die Regierung oder deren Vertreter richten, als Propaganda eingestuft werden – dafür sind Haftstrafen von 10 Jahren bis lebenslänglich möglich

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In Bangladesch gäbe es faktisch keine Pressefreiheit, meint Ibrahim*: „Meiner Meinung nach versucht die Regierung alles zu beeinflussen. Alles, ob das Extremismus ist oder Sexualität oder Rohinga, einfach überall legt sie den Menschen die Hand vor den Mund. Und weil die Journalisten vieles nicht mehr sagen, kriegen die Menschen nicht mehr die richtigen Informationen, das bedeutet, sie sehen keinen Grund sauer, ängstlich oder frustriert gegenüber der Regierung zu sein und darauf kommt es ihr ja an.“

Das beste Beispiel sei die ‚Insel-Lösung‘, also die Idee der Regierung von Bangladesch, hundert Tausende Rohinga auf eine Insel im Golf von Bengalen umzusiedeln. Tatsächlich ploppt diese Idee schon seit Jahren immer wieder auf, aber sie war lange nur ein Gerücht, kein bengalischer Journalist wusste mehr darüber.

Erst im Januar 2018 erfahre ich mehr: Ein bengalischer Bekannter, der über Kontakte zu Hilfsorganisationen und der Regierung verfügt, erzählt mir bei einem Treffen in Frankfurt, dass es Satelliten-Bilder der Schwemmland-Insel Bashan Char gäbe, worauf ganz deutlich zu sehen sei, dass dort gebaut werde. Straßen sind zu erkennen und ein Hubschrauber-Landeplatz. Auf Aufnahmen vom Mai 2018 sind bereits Gebäude und Dämme zu sehen. Aber mehr war lange Zeit nicht herauszufinden. Die Regierung von Bangladesch hatte Bashan Char zum Sperrgebiet erklärt. Das heißt, kein Reporter, kein Fischer und kein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation durfte auf die Insel. Die Informationen waren dementsprechend dürftig. Sie sei sehr flach, erzählten Fischer, die die Insel jahrelang als Zwischenstopp bei ihren Tagestouren nutzten. Bei jedem Sturm und während der Monsunzeit sei der Großteil komplett überschwemmt, der Boden sei versalzen und wohnen könne man da nicht. Nur Piraten würden die Insel ab und zu als Stützpunkt nutzen.

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Im Herbst 2018 tauchen dann plötzlich Bilder von der Insel in regierungsnahen Zeitungen auf: Baupläne von Architekten, auf denen die Einteilung der langgezogenen Baracken zu sehen war. Auch einige wenige Fotos von den Baustellen. Offenbar hat die Regierung von Bangladesch das Sperrgebiet für einige handverlesene Journalisten geöffnet. Und im Dezember 2018 gelingt es einem Fernsehreporter des amerikanischen Senders ABC-News, heimlich auf die Insel zu kommen und die Baustellen im Südwesten der Insel zu filmen. Auf engstem Raum ist dort eine Siedlung entstanden, die ein bisschen an eine römische Garnisonskaserne erinnert: Unzählige Langhäuser stehen hier in rechtem Winkel zueinander, bilden jeweils ein Karree. Sie sind aus Beton , haben leuchtend rote Satteldächer und stehen nicht direkt auf der Erde sondern auf Stelzen. Die einzelnen Räume sind klein, in den meisten ist gerade mal Platz für zwei Stockbetten. 1440 dieser Baracken soll es schon auf der Insel geben und in jeder einzelnen sollen 16 Familien untergebracht werden.

Viele Bangladeshi wissen nach wie vor nichts von dieser ‚Insel-Idee‘, auch Asad* mit all seinen Kontakten fühlt sich nicht richtig informiert. Aber eine Meinung dazu hat er trotzdem:

„Ich weiß ein bisschen über diese Insel, sie ist sehr abgelegen, man braucht lange, um von den bewohnten Gegenden mit dem Boot dorthin zu kommen. Sie ist komplett abgeschieden und sehr häufig von Zyklonen betroffen. Wenn ein Zyklon auftritt, werden alle Häuser zerstört werden und das wird ein großes Risiko auch für die Rohinga sein. nein, das ist wirklich keine gute Lösung. Die Rohinga mussten schon in Myanmar unglaubliche Folter erdulden. Wenn sie jetzt auf diese Schwemmland-Insel müssen, dann bedeutet das eine weiterer psychische Belastung für sie.“

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Es hilft also nichts, für mehr Information, muss ich einen Gesprächspartner aus Regierungskreisen finden, jemand der über die Pläne der bengalischen Regierung Bescheid weiß. Allerdings ist das nicht leicht. Denn im November 2018 ist Wahlkampfzeit, am 30. Dezember 2018 sind in Bangladesch Parlamentswahlen, die Stimmung ist angespannt und alle Politiker für den Wahlkampf eingespannt. Wieder mal hilft mir mein Netzwerk aus der Bredouille und ich finde tatsächlich einen Politiker, der bereit ist, mit mir zu reden. Ganz privat und inoffiziell. (*Auch ihn will ich schützen, deshalb ist auch sein Name geändert)

Faisal*  ist Parlamentsmitglied. Seine Partei ist mit der amtierenden Regierungspartei Awami League eine Koalition eingegangen. Von daher sei er auch über alle Schritte und Entscheidungen bestens informiert, die die Rohinga in Bangladesch betreffen, sagt er. Und er betont, dass er alle Schritte der Präsidentin Sheikh Hasina und ihrer Partei bei der Flüchtlingskrise im Land voll unterstütze, auch wenn er sonst nicht immer einer Meinung mit der Awami League sei. Aber was die Rohinga angehe, sei die bengalische Regierung absolut auf dem richtigen Weg – auch wenn es ihm persönlich viel zu langsam voran gehe

„Es ist unmöglich die Rohinga über lange Zeit zu versorgen, aber wir hoffen ja, dass wir bald eine Lösung finden. Die UN unterstützt uns, viele andere Länder auch und es muss eine Lösung geben. Wenn es nicht möglich ist, dann werden wir sehen, welche Alternativen es gibt. Wir sind noch bei Plan A, wir denken schon über einen Alternativplan nach. Aber wir wollen über den Plan B im Moment nicht reden.“

Aber ich schon. Ich spreche den Politiker ganz direkt auf den Insel-Plan an.

„Ja, wir bereiten unsere Insel vor, eine große Insel, damit sie zu einem sicheren Aufenthaltsort wird und in ein paar Tagen werden die Rohingya auf diese Insel gebracht. 100.000 Menschen können dort leben, also werden wir sie nach und nach dorthin bringen. Wir haben schon alles vorbereitet, Häuser, Strom, alles ist für die Rohinga vorbereitet. Es ist nicht komplett unfruchtbares Schwemmland, man kann da was anbauen. Aber wir haben nicht geplant, dass sie dort Getreide anbauen und es zur Versorgung nutzen, das ist nicht der Plan. Die leben dort und wir versorgen sie von außerhalb mit Nahrung. Die Insel ist total flach, unsicher, aber wir haben keine Alternative, wir müssen sie für ein paar Tage dorthin transferieren, mindestens so lange bis es eine Lösung gibt, bis sie zurück in ihr Land können“

Für ein paar Tage? Ich bin platt. Denn Faisal* meint das weder ironisch noch zynisch. Es scheint ihm nicht mal komisch vorzukommen, dass eine abgelegene, unbewohnte Insel ohne jegliche Infrastruktur komplett umgebaut wird, um 100 000 Rohinga ‚für ein paar Tage‘ umzusiedeln. Und wegen ‚dieser paar Tage‘ ist diese Insel seit fast einem Jahr absolutes Sperrgebiet, auf dem nur das Militär und die Bauarbeiter zugelassen sind? Gab es nicht lange Zeit eine absolute Informationssperre für Journalisten?

Der Politiker stellt die Teetasse ab. Er gibt zu bedenken, dass er zwar  im Parlament sitze, in einer Koalition mit der Regierungspartei, aber dass er nicht in allen Arbeitsgruppen mitwirke und deshalb nicht im Detail wissen, was die Gründe für die Geheimhaltung seien. Aber er habe natürlich eine Vermutung, eine eigene Meinung dazu

„Die Araber, die Wahhabiten, eine fundamentalistische Strömung unter den Muslimen, sind der Grund. Die haben militante Gruppen gebildet. Und wenn wir alle Journalisten zulassen würden, würden die agitieren und Terroristen aktivieren und das könnte Probleme geben. Auch Myanmar könnte versuchen, zu beeinflussen. Die würden einen Journalisten und einen Regierungsspion senden, dann würden sie vor der Presse sagen, dass die Rohinga nicht Einwohner von Myanmar sondern von Bangladesch seien. Und das könnte neue Probleme, neue Auseinandersetzungen zwischen Myanmar und Bangladesch zur Folge haben.“

Fundamentalisten, die Journalisten für ihre Propaganda manipulieren und gleichzeitig die Rohinga zu Terroristen transformieren, Spione aus Myanmar, die Fake news verbreiten…..Uff! Starker Tobak! Ist das jetzt die Paranoia eines einzelnen Politikers oder tickt die ganze bengalische Regierung so?

Für mich ist die Insellösung jedenfalls immer noch eine Schnapsidee, auch wenn ich gar nicht unterstellen will, dass dahinter so zynische Motive wie ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘ stehen. Und je mehr ich erfahre, desto mehr werden auch die Fragen: Warum dieser Aufwand eine ganze Insel mit Infrastruktur zu versehen?  Nur damit 100.000 Flüchtlinge weniger in den Lager rund um Cox’s wären? Bei über einer Million Menschen dort würde man da womöglich gar keine wirklich ‚Entspannung‘ merken. Wer bezahlt das alles eigentlich? Die UN und Europa haben sich ja explizit von dieser Insel-Lösung distanziert. Oder will Bangladesch mit diesem inhumanen Insel-Ghetto nur den Druck auf die internationale Gemeinschaft erhöhen, schnell eine Alternativ-Lösung für die Flüchtlinge in Bangladesch zu finden?

Auf all diese Fragen hab ich immer noch keine Antworten. Dafür aber mittlerweile noch ein Gerücht mehr: Die Rohinga, die auf die Insel gebracht werden sollen, seien nur ein Vorwand, eine Art ‚potemkinsches Dorf‘, um zu vertuschen, dass Bashan Char zu einem Militärstützpunkt ausgebaut wird…

 

 

Changed situation 2 – the locals

Seit über einem Jahr leben die geflüchteten Rohinga jetzt in Bangladesch. Die Flüchtlingscamps sind nur rund eine Stunde Fahrt entfernt vom größten Strand der Welt, einer der Touristenattraktionen von Bangladesch, und von Cox’s Bazar, der Distrikt-Hauptstadt. Hier sind die meisten NGO-Mitarbeiter aus dem Ausland untergebracht, auch die Außenstellen der Hilfsorganisationen sind hier, meistens haben sie ganze Etagen in den Hotels gemietet.

Ich darf heute im Teambus einer NGO mitfahren. Sie fahren jeden Morgen zusammen in die Flüchtlingscamps. Aber ich steige früher aus, weil ich mit den ortsansässigen Bangladeshi sprechen will, den ‚locals‘.

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Je näher wir den Camps kommen, desto mehr Kontrollposten passieren wir: Mit Stacheldraht umwickelte Balken, die den Hauptteil der Straße blockieren… Betonpolder…oder einfach nur quer gestellte Polizeitransporter. Hier werden vor allem diejenigen kontrolliert, die aus den Camps raus oder rein wollen. Natürlich nicht alle. Wer westlich aussieht, wird meistens einfach durchgewunken und auch die Busse und Autos mit den Labels der Hilfsorganisationen kommen oft unkontrolliert durch. Nur manchmal gibt es Stichproben, wie heute. Der Bus wird angehalten, zwei Männer in Uniform springen schon auf, bevor er richtig steht, zwei andere bleiben breitbeinig draußen. Der Ton ist ruppig, die Maschinengewehre werden demonstrativ so gehalten, dass sofort geschossen werden könnte. Ich sitze vorne, gleich neben der Tür und ja, mir ist ein bisschen mulmig….krieg ich jetzt Scherereien? Aber ich interessiere die offenbar gar nicht. Einer kontrolliert die Sitzreihen, warum weiß ich nicht….haben die Angst, dass wir einen Rohinga ins Lager schmuggeln wollen? 😉  Dann noch ein warnendes Wort zum Busfahrer und schon sind die Männer wieder aus dem Bus draußen.

An einer Wegkreuzung steig ich aus. Zum Dorf sind es nur noch ein paar hundert Meter. Die meisten Häuser sind Lehmhütten, es gibt einen kleinen Kiosk, der gleichzeitig Teestube ist, einen buddhistischen Tempel, neuerdings auch einen Kindergarten und ein mobiles medizinisches Zeltlager. Diese beiden Neuerungen am Ort haben die Dorfbewohner indirekt den Rohinga zu verdanken. Denn die Regierung von Bangladesch hat bemerkt, dass die Unzufriedenheit in den Dörfern rund um die Flüchtlingslager immer größer geworden ist. Deshalb hat sie den Hilfsorganisationen die Auflage erteilt, dass rund 30 Prozent der Gelder, mit denen die Rohinga unterstützt werden, in Projekte für die bengalischen Anwohner fließen müssen.

 

Schnell bildet sich ein Kreis um mich, es kommt selten vor, dass sich hier eine bideshi  sehen lässt, eine Ausländerin. Ich frage die Umstehenden ganz direkt, ob sie eigentlich außerhalb der Camps überhaupt Kontakt mit den Rohinga haben. Und dann, als hätten sie nur darauf gewartet, dass sie das Angestaute loswerden können,  prasseln die Antworten auf mich ein:

„Einige Rohginya kommen zu uns und finden hier Arbeit, zum Beispiel bei der Aussaat oder Ernte, beim Haferschneiden und verschiedenem anderen. Also kenne ich ein paar von denen, die zu uns kommen, arbeiten und dafür Geld kriegen. Das sind keine ehrlichen Leute. Die stecken schon mal heimlich was ein. Und eigentlich erlaubt ihnen die Armee gar nicht zu arbeiten.  Okay, ein paar von uns profitieren von der Arbeit in den Camps, aber das sind nur wenige. Von den Problemen sind wir aber alle betroffen: Alles ist teurer geworden. Was früher 20 Taka pro Kilo gekostet hat, kostet jetzt 40 Taka. Weil es so viele Menschen hier gibt, ist die Verschmutzung enorm angestiegen. Wir profitieren zwar von den neuen Straßen, aber wir haben unser Land verloren, unsere Reisfelder, die haben alle Hügel abgeholzt oder sogar platt gemacht für die Camps. Diese Menge an Leuten schadet uns, wir sind ohnehin schon so viele. Sie sollten so bald wie möglich zurückgeschickt werden“

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Direndro Borua, 80 Jahre

„Eigentlich dürfen die Rohingya das Camp nicht verlassen, das Militär sorgt dafür. Aber die kontrollieren nur die Straßen und die Ausgänge, nicht die komplette Außenseite der Camps. Und die Rohinga nehmen dann geheime Wege, Schleichwege, um zur Arbeit zu kommen, das machen jetzt schon einige und es werden täglich mehr. Die ortsansässigen Tagelöhner haben bisher etwa 500 Taka am Tag bekommen. Die Rohinga machen die Arbeit aber für 200 Taka am Tag, manche sogar für 100, egal, Hauptsache Geld. …Und die Ortsansässigen werden dadurch arbeitslos. Ich denke, die gehen nie wieder weg. Weil, in Myanmar hatten sie nichts, jetzt kriegen sie alles, ohne eine Arbeit zu haben, ohne irgendwas tun zu müssen, kriegen sie alles. Sie kriegen immer mehr Kinder, kriegen genug zu essen, also, die sind glücklich hier. Und ich bin sicher, wenn jetzt 5000 nach Myanmar zurückgehen könnten, würden höchstens 500 tatsächlich gehen. Weil sie dort nicht die gleichen Möglichkeiten haben würden, das ist der Grund.“

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Anuwara, 60 Jahre

„In meiner Schule gibt es mittlerweile ganz schön viele Rohinga, obwohl sie eigentlich gar nicht da sein dürften. Mich nervt halt, dass sie uns eigentlich ablehnen. Wenn wir unter uns über die Rohinga sprechen, dann sind das schon auch manchmal Überlegungen wie: Was passiert eigentlich, wenn die mal nicht mehr von NGOs unterstützt werden? Greifen sie uns dann an, um an Geld oder Essen zu kommen? Wir haben schon Angst davor… Wir hatten vorher zum Beispiel keinerlei Hygieneprobleme, aber seit sie da sind, haben wir hier plötzlich Krankheiten, die es vorher nicht gab. Also es wär schon besser, wenn die Regierung oder wir sie wegbringen würden“

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Emon Barua,14 Jahre

„Seit die Rohinga hier sind, ist es für uns schwieriger geworden. Vorher hat mein Mann zum Beispiel oft Feuerholz von den Hügeln gesammelt und auf dem Markt verkauft. Aber jetzt ist alles abgeholzt, die Rohinga leben auf den Hügeln. Überleben ist einfach schwieriger geworden. Als sie in Not waren, haben wir sie willkommen geheißen, als Nachbarn und als Muslime, aus religiösen Gründen, das war okay. Aber jetzt geht es ihnen gut und manche behandeln uns als würden wir auf ihrem Land leben. Sie kriegen alles von den NGOs umsonst und uns gegenüber verhalten sie sich wie: ‚wer bist du denn schon, was willst du denn von mir?‘ Ihr Verhalten ist arrogant…nicht schön. Wenn sie nicht zurück nach Myanmar wollen oder sonstwohin, dann müssen sie eben in einem abgegrenzten Gebiet bleiben. Und zwar nur dort, und dort müssten sie dann ruhig und wie normale Menschen leben. Ich hab von Nachbarn und anderen Leuten gehört, dass die Rohingya auf eine Insel gebracht werden sollen. Aber ich weiß nicht mehr darüber.“

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Farida Akter, 30 Jahre

Da ist sie wieder, die ‚Insel-Lösung’… Schon seit Jahren ploppt diese Idee immer wieder auf. Und ebenso lange laufen Menschenrechtsorganisationen Sturm gegen diese Idee. Denn der Plan ist, mindestens 100.000 Rohinga auf eine Insel im Golf von Bengalen zu verfrachten. Lange Zeit waren kaum mehr Infos darüber rauszukriegen, selbst der Name der Insel war nicht klar. Manche sprachen von Thengar Char, andere von Bashan Char. Sicher war nur, dass es eine Schwemmlandinsel ist, also eine Art Sandbank, die sich in den letzten 20 Jahren im Golf von Bengalen gebildet hat. Mittlerweile gibt es mehr Infos, aber dazu später mehr.

Geplant war jedenfalls, dass die ersten Rohinga im November 2018 dorthin gebracht werden sollen, aber die Rohinga weigern sich….und viele Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen sind strikt gegen diese ‚Insel-Lösung‘.

Fortsetzung folgt

 

Changed situation – in the camp

Neun Monate sind vergangen zwischen meinem ersten Besuch in den Rohinga camps und dem zweiten. Und dass sich in diesen Monaten viel getan hat, merke ich schnell. Zuerst mal, weil es unendlich viel schwieriger geworden ist, überhaupt ins Flüchtlingslager zu kommen: „Not possible without a permission“, nur mit einer Genehmigung der obersten Lagerverwaltung also darf man rein. Und die kriegt man nur, wenn man im Auftrag einer NGO unterwegs ist oder als akkreditierter Journalist. Ein Problem für mich, denn ich bin beides nicht. Aber rein muss ich trotzdem, nicht nur weil ich mir unbedingt selbst ein Bild über die Zustände von dem Ort machen will, an dem mittlerweile rund eine Million Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Sondern auch, weil ich zwei Damen versprochen habe, mit ihren Spenden den child friendly space, den Kinder-Bereich einer Hilfsorganisation zu unterstützen.

Es war nicht leicht. Aber letztendlich hab ich es dank meines Netzwerks wieder mal geschafft, das Unmögliche möglich zu machen. Und dann war ich drin, wieder im Lager Balukhali und genau auf dem gleichen Weg wie im Januar 2018 – theoretisch wenigstens. Denn tatsächlich hat sich das Lager ziemlich verändert ind den neun Monaten:

Die Wege sind zwar immer noch aus gestampftem Sand, aber sie wirken jetzt sauber und strukturiert – es hat ein bisschen gedauert, bis ich kapiert habe warum: Neben den Hauptwegen sind jetzt kleine Kanäle angelegt, Rinnen aus Bambus, in denen jetzt das Regenwasser, aber auch alle anderen Flüssigkeiten des Alltags abfließen. Außerdem gibt es jetzt viel mehr richtige Brücken, nicht mehr nur nebeneinandergelegte wackelige Bambusstangen. Die Hügel hoch geht’s jetzt nicht mehr über rutschige, ausgetretene Pfade, sondern über befestigte Stufen. Die Hügel sind zum Teil mit Sandsäcken vor dem Abrutschen bei starkem Regen geschützt und selbst die Flüchtlingshütten wirken zum Teil viel stabiler.

Und dann gibt es noch eine immens wichtige Neuerung: Die Toiletten werden jetzt regelmäßig geleert!!! Einige NGOs haben eine Art Klär-System entwickelt – ich hab mir das natürlich genauer er-klär-en lassen (sorry, der Kalaurer musste jetzt sein 😉 ) Es gibt jetzt jedenfalls mehrere zwei-Mann-Teams, die systemmatisch jede Toilette nach einem rollierenden System leeren. Dazu schaufeln sie den Inhalt der Sickergruben in blaue Plastiktonnen, die sie dann an langen Bambusstangen zu den vorbereiteten Klärgruben bringen. Dort werden die Feststoffe aus den Toiletten zum Trocknen ausgebreitet und später als Dünger verwendet.

Erstaunlicherweise stinken diese Felder nicht – offenbar haben sich die Gase in den Sickergruben der Toiletten schon verflüchtigt. Trotzdem, könnte man mit den Exkrementen so vieler Menschen nicht besser eine Biogasanlage betreiben? Das gehe leider nicht, wird mir erklärt. Die Ausscheidungen von Menschen würden dafür nicht taugen, das gehe nur mit Tierkot. Aha, sag ich…und beiß mir dann auf die Zunge. Denn noch vor kurzem hab ich gelesen, dass Forscher mittlerweile aus Urin Strom und Wasserstoff gewinnen können und Slum-Klos für Biogas-Gewinnung nutzen… Wie auch immer, Hauptsache die Klos werden jetzt geleert und das Trinkwasser nicht mehr verseucht.

Insgesamt fällt mir auf, dass das Lager jetzt noch dichter besiedelt ist als im Januar. Ist ja auch kein Wunder: Etwa 1,1 Millionen Rohinga sind jetzt in Bangladesh registriert, hat Premierministerin Sheikh Hasina im September 2018 gesagt. Und die sind auf etwa 13 Quadratkilometer zusammengepfercht. Wobei, offenbar werden die Lager wieder erweitert. Jedenfalls sind mittlerweile noch weitere Hügel gerodet worden und noch warten sie auf Flüchtlingshütten

Soweit die äußeren Veränderungen im Camp. Aber mich interessiert auch, wie es den Rohingas jetzt geht, was sich an ihrer Situation geändert hat. Deshalb will ich mich nochmal mit Nur Mohammad treffen, dem Mahji, den ich im Januar kennengelernt habe. Aber vorher läuft mir noch diese junge Dame über den Weg:

Na? Habt ihr sie erkannt? Das ist Sahera, das Mädchen, das ich im Januar in ihrer Hütte besuchen durfte (https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/07/24/make-up-against-reality/ ). Es gehe ihr gut, sagt sie schüchtern, sie habe jetzt sogar ein paar Freunde. Ob sie noch immer Englisch-Lehrerin werde wolle, frag ich…da wird sie rot und dreht sich verschämt weg…upps. Hab ich da einen wunden Punkt erwischt? Oder hat sie mich nicht richtig verstanden? Immerhin ist der Dolmetscher noch nicht da.

Dafür aber der Mahji. Nur Mohammad hat sich kaum verändert. Immer noch drahtig, allerdings jetzt mit Bart. Er dirigiert mich zu einer leeren Hütte, weist seine Leute an, drei Stühle zu bringen und befiehlt dann absolute Ruhe für das Interview.

Ja, es habe sich einiges verändert, bestätigt der Mahji. Es sei alles sehr viel strukturierterter als bei unserem letzten Treffen. Familien hätten sich gefunden, die meisten Familien müssten nicht mehr mit Holz kochen, sondern haben jetzt kleine Gaskocher bekommen, die zugeteilten Lebensmittel seien jetzt nicht mehr so einseitig, auch Obst und Gemüse sind jetzt darunter und die oberste Campleitung koordiniert jetzt auch die Projekte der NGOs. Dadurch ist jetzt alles ausgewogener verteilt, also zum Beispiel nicht mehr drei Schulen dicht nebeneinander, sondern es wird nach dem Bedarf geschaut und dass jeder Block versorgt ist.

Was er nicht sagt oder vielleicht noch gar nicht weiß: Das Mahji-System (siehe auch: https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/03/17/the-maghi-system/ ) soll abgeschafft werden, also auch seine ‚Stellung‘ im Camp wackelt. Die Lagerverwaltung hat nämlich bemerkt, dass viele Mahjis ihre Position ausnutzen, tricksen. Zum Beispiel bei Lebensmittelausgaben angeben, sie betreuten 120 Menschen obwohl es nur 100 sind. Auch von Korruption ist die Rede. Jedenfalls soll in Zukunft in jedem Block eine geschulte Gruppe das Sagen haben, gemischte Kommittees, die gemeinsam Entscheidungen treffen und auch nach bengalischem Recht Strafen verhängen dürfen.

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Im Lager sei das Leben jetzt leichter, sagt Nur Mohammad und wiegt den Kopf . Aber die Stimmung gegenüber den Rohinga habe sich verändert. Die Bangladeshi seien zwar nicht gerade aggressiv, aber immer öfter kämen Sprüche wie: „Jetzt reicht’s, geht endlich weg, woanders hin“. Manche hätten ihnen sogar eine Art Vertrag hingehalten: „Ihr könnt länger bleiben, aber dann müsst ihr Miete zahlen für das Land, auf dem ihr lebt“

Auch im Lager selbst, unter den Rohinga verändere sich die Stimmung langsam, meint der Mahji. Anfangs waren alle nur froh, einen sicheren Platz zu haben, ohne Angst irgendwo leben zu können. Und sie waren überwältigt von der enormen Hilfsbereitschaft der Bangladeshi, die alle ihren muslimischen Brüdern und Schwestern aus dem Nachbarland helfen wollten. Aber jetzt mache sich wieder Angst breit. Denn nach über einem Jahr hier in Bangladesch sei ihre Zukunft immer noch völlig ungewiss. Sie dürften offiziell nicht arbeiten, seien immer abhängig von anderen. Keiner weiß, wo sie nächstes Jahr sein werden und dadurch könnten sich auch kein neues Leben aufbauen.

Ist eine Rückkehr nach Myanmar für sie denkbar, frag ich. Nur Mohammad wird unruhig, wirkt unentschlossen. „Wenn wir in den nächsten fünf, sechs Jahren immer noch hier sind, dann wird es richtige Probleme geben, weil unsere Familien zum Beispiel immer größer werden, der Platz hier würde dann zu klein, wir können nicht mal mehr so leben wie jetzt.“ Die meisten wollen jetzt schon wieder zurück und nicht länger im Lager bleiben. Sie würden sofort nach Myanmar gehen, wenn sie dort die Staatsbürgerschaft kriegen würden, die Garantie, dass sie dort sicher wären und wenn sie ihr Land wieder zurück bekämen. Dann gingen sie zurück nach Myanmar – vorausgesetzt, sie würden als Rohinga, als eigenständige Volksgruppe akzeptiert. Aber – und dieses Aber kommt heftig – nichts deutet darauf hin, dass das passieren könnte. „Was ich über die Situation in Myanmar für die Heimkehrer gehört habe ist, dass sie für uns auch Flüchtlingscamps errichtet haben, dort sollen wir wohnen. Soweit ich weiß sind das niedrige Massenunterkünfte, eine dicht neben der anderen, Baracken. Und in der Mitte eine schmale Straßen. Das ist kein guter Ort.“

Und auch die Gerüchte über die Pläne der bengalischen Regierung würden die Unsicherheit seiner Leuten verstärken, sagt der Mahji. „Ich habe von dem Plan gehört, dass 100.000 Rohinga auf eine Insel verfrachtet werden sollen. Und keiner von uns will da hin, weil es dort Überschwemmungen gibt, Zyklone und das Meer ist ja auch gefährlich. Wir haben Angst davor, wir wollen da nicht hin.“

 

Fortsetzung folgt