Kicken gegen Vorurteile 2

Mädchen, die Fußball spielen – das geht gar nicht!

Jedenfalls war das im muslimischen Bangladesch lange Zeit gängige Meinung. Bis ein Lehrer an der Schule in Kalsindur das erste Team für Mädchen zwischen acht und sechzehn Jahren gestartet hat. Keiner hat erwartet, dass diese Mädchen so gut kicken, wahrscheinlich am wenigsten die Mädels selbst. Aber dazu später mehr….

Unser nächster Stopp ist nur kurz, denn die zwei Schwestern dort sind zwar ebenfalls im Fußballteam und ihre Geschichte wäre auf jeden Fall erzählenswert, aber die nötigen Fotos zur Story sind hier nicht machbar….ja, okay, das muss ich kurz erklären:

Ich finanziere meine Reisen nach Bangladesch ja selbst. Deshalb brauche ich vor Reisestart mindestens einen, besser noch zwei Auftraggeber, die mir meine Geschichten auf jeden Fall abkaufen. In diesem Fall ist das ein schweizer Kindermagazin. Und für Print-Medien sind natürlich Bilder sehr wichtig. Das heißt, ich brauche auf jeden Fall auch Fotos vom Zuhause der Mädels – und genau ist bei den beiden Schwestern das Problem…

Kalsindur Sitia + Schwester

Die 13jährige Sita und ihre ältere Schwester leben nämlich gar nicht Zuhause. Ihre Familie ist viel zu arm, um die beiden Mädchen versorgen zu können, Schule wäre schon gar nicht drin. Deshalb sind sie bei…na, nennen wir es einer Art Pflegefamilie. In der Regel heißt das, dass Mädchen in diesen Familien bei den Hausarbeiten helfen: kochen, putzen, waschen, Kinder versorgen. Wobei das oft ein Fulltime-Job ist. Sitia und ihre Schwester haben insofern Glück mit ihrer Pflegefamilie, weil sie zur Schule und sogar zum Fußballtraining dürfen. Und Sitia gibt offen zu, dass für sie Fußball nicht nur ein Sport ist. Für sie ist es wahrscheinlich die einzige Chance, es in ihrem Leben weiter als bis zur Haushaltshilfe zu bringen. „Ich bin Verteidigerin und werde alles, wirklich alles tun, damit ich ins Nationalteam komme“, sagt sie, schiebt das Kinn trotzig vor und schaut mir direkt in die Augen. Und so wie diese kleine Person gerade vor mir steht, aufrecht, eine Faust leicht geballt, bin ich sicher, dass sie das auch schaffen wird.

Kalsindur unterwegs.jpg

Es ist immer noch kalt hier ganz im Norden und auf dem Motorrad-Trip zur nächsten Kickerin, bin ich froh um mein Tuch um den Hals… Das letzte Stück zu ihrem Haus gehen wir, denn die eigentliche Straße hört auf und wir müssen auf einem schmalen Erdwall quer durch die Felder zu drei einsamen Hütten.

Offenbar wird hier gebaut, denn neben einer der Wellblech-Hütten ist ein etwa 40 Quadratmeter großes Fundament aus Beton gegossen, ein abgedeckter Sandhaufen, Zementsäcke und einige Ziegelsteine scheinen nur darauf zu warten, dass der Bau weiter geht.

Kalsindur Moyana vor dem Haus

Hier treffen wir Moyana – was ‚Moina‘ ausgesprochen wird. Die Lehrer an der Schule haben mir gesagt, sie sei 14, aber sie sieht eindeutig älter aus. Mindestens 16 würde ich schätzen… Sie verhält sich auch anders, wie ein Pubertier halt: Sie lacht fast nie offen, sondern hält sich beim Kichern die Hand vor den Mund. Sie gibt sich schüchtern, geniert sich offenbar für manche Bewegungen, errötet schnell, aber gleichzeitig übt sie auch schon mal einen kecken Augenaufschlag beim shooting mit dem Fotografen. Übrigens hab ich sie später nach ihrem Alter gefragt: „Meinen genauen Geburtstag weiß ich nicht, also den genauen Tag, aber ich bin 16 Jahre alt“ – Sag ich doch.

Kalsindur Moyana Balosri Mankin (3)

Moyana war von Anfang an im Fußballteam dabei, seit 2011. „Beim ersten Training wussten wir gar nicht, was wir machen sollten und standen einfach nur rum. Und dann kam der Trainer und sagte, Fußball ist kein Standspiel, ihr müsst rennen und er hat uns mit einem Stecken angetrieben. So haben wir gelernt, hinter dem Ball her zu rennen“. Kaum hat sie das gesagt, da stockt sie kurz, ihr Kopf kippt etwas zur Seite, sie blickt in die Ferne. Offenbar denkt sie nach. Auf mich wirkt es, als ob sie überlegt, ob sie das richtige gesagt hat. Dieses Gefühl hab ich im Gespräch immer wieder. Ich weiß nie, ob sie in diesen Denkpausen in Erinnerungen kramt, oder ob sie versucht, sich an die Anweisungen zu erinnern, die sie bekommen hat. Immerhin gibt es ja die offizielle ‚Teamlegende‘, die die Schule jetzt erzählt, und die inoffizielle. Dann schaut sie mir zum ersten Mal direkt in die Augen. „Es gab mehrere Gründe, warum ich bei der neugegründeten Mannschaft mitgemacht habe: Ich hatte vorher noch nie Sport gemacht – das war die erste Chance und ich wollte es einfach mal ausprobieren. “ Und  ein bisschen Trotz war wohl auch dabei. Denn gerade weil alle gesagt hätten, Fußball sei nichts für Mädchen, wollte sie das Gegenteil beweisen. „Irgendwie wusste ich, dass diese erste weibliche Fußball-Mannschaft was ganz Besonderes ist. Und da wollte ich einfach dabei sein!“

Die Anfangszeit im Team war spannend, erinnert sich Moyana, alle waren mit Feuereifer dabei und die Mädchen haben schnell gemerkt, dass die Spielzüge immer besser klappten, ihre Kondition besser wurde und sie ein gutes Ballgefühl entwickelten. Aber der ‚Aha-Effekt‘ kam eigentlich erst ein Jahr später. „Als wir 2012 in Dhaka zum ersten Mal Sieger im Turnier wurden, da hab ich gedacht, JA, wir können was! Wir werden eine tolle Zukunft haben!“

Als das Team zum ersten Mal in der Zeitung war, war die ganze Mannschaft natürlich irre stolz. Dann die Reisen ins Ausland – plötzlich waren die Mädchen aus den zusammengeschusterten Wellblechhäusern wer…Ja, das war ein tolles Gefühl, gibt Moyana zu, aber die Trainer sorgten auch dafür, dass die Mädels nicht total abhoben: „Unsere Trainer sagen immer: Hört bloß auf, euch eine tolle Zukunft als Star auszumalen, dass alle Autogramme wollen und was ihr dann tun oder kaufen würdet. Konzentriert euch nur auf eure Ausbildung und auf den Fußball. Alles andere kommt dann ganz von selbst.“

Tatsächlich ging die Erfolgsgeschichte weiter: An immer mehr Schulen wurde Mädchenfußball angeboten und dann beschloss die Regierung auch noch, eine Mädchen-Nationalmannschaft zu gründen. Und natürlich kamen und kommen die meisten Spielerinnen aus Kalsindur! Acht sind es im Moment.

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Ich frage Moyanan vorsichtig, ob es nicht hart sei, dass sie selbst den Sprung in die Nationalmannschaft nie geschafft habe. Sie nestelt an ihrem Tuch herum bevor sie antwortet…“Nein, eigentlich nicht.“  Pause. „Berühmt sein ist mir nicht so wichtig. Deshalb spiele ich nicht. Obwohl – es ist schon toll, dass genau die Leute, die anfangs so dagegen waren, dass wir Fußball spielen, jetzt am Spielfeldrand stehen und uns anfeuern.“ Jetzt sei es eh zu spät, sagt sie. Denn die Mädchen-Mannschaften sei nur ‚U16‘, also für unter 16 Jährige. Sie streicht das Tuch glatt und schaut mich wieder direkt an.  „Ich mag Fußball, aber ganz ehrlich, ich hab für meine Zukunft andere Ziele: Ich will zur Navy. Und wenn ich nicht mehr spiele, ist es auch kein Problem, einen Mann zu kriegen.“

Ich bin platt. Denn Moyana spielt auf etwas an, über das ich schon die ganze Zeit nachdenke: Das Fußballspielen hat diese Mädchen so selbstsicher gemacht, sie wissen, sie sind wer, können was leisten, haben einen ‚Wert‘. All das sind aber Eigenschaften, die in der bengalischen Gesellschaft für Frauen nicht unbedingt gewünscht sind. Eine stolze, selbstbewusste junge Frau – die wird sich nicht ohne weiteres den Wünschen eines Mannes beugen. Möglicherweise könnte es für die Fußballer-Mädels gerade wegen ihrer Erfolge schwierig werden, eine ‚gute Partie‘ zu machen. Und selbst wenn sie einen Mann finden, werden sie nach all den Reisen und der Publicity mit der von der Gesellschaft definierten Rolle als Ehefrau glücklich werden?

Wie weit Moyana von dieser Rolle als Ehefrau und Mutter entfernt ist, zeigt sich übrigens auch beim Fotoshooting…

Der Fotograf hat schon öfter für mich gearbeitet, wir haben vorher genau durchgesprochen, welche Fotos ich brauche: Alltagssituationen nämlich. Die Leser sollen ja erfahren, wie die Mädchen normalerweise in Bangladesch und speziell in den Armenvierteln von Kalsindur leben. Er zieht sich also mit Moyana zurück und macht die Bilder. Irgendwann bemerke ich, dass er sich kaum mehr das Lachen verkneifen kann. Ich trete hinter ihn und frage ihn leise, was denn los sei. Dieses Mädchen hat noch nie Wäsche aufgehängt, sagt er, dreht sich so, dass sie ihn nicht sehen kann und kichert leise. Ich bin verblüfft. Dann frag ich Moyanas Mutter, was sie von der Fußballbegeisterung ihrer Tochter hält. Sie sei so stolz auf Moyana, sagt sie. Und weil sie wisse, wie wichtig das Spielen und die Schule seien, brauche ihre Tochter zu Hause auch nicht zu helfen. Dann zeigt sie mit einer großen Geste auf die kleine Baustelle neben der Wellblechhütte. Dieser Neubau sei nur durch Moyana möglich, sagt die kleine Frau. Denn nur weil sie in diesem berühmten Fußballteam mitspiele, hätten sie einen Kredit bekommen.

Kalsindur Moyanas Familie

Moyana ist mittlerweile fertig mit den Fotos. Und ja, auch der Rest der Familie spielt sehr gerne Fotomodell. Der Vater wackelt in Bangla-Manier mit dem Kopf: Es sei ja schon komisch wie dieser Sport, Fußball, den ganzen Ort verändert habe. Moyana widerspricht. Nein, nicht der Fußball habe das bewirkt. Sondern das Mädchenteam von Kalsindur. „Seit wir so bekannt und berühmt geworden sind ist alles anders. Wenn wir zur Schule laufen kommt es zum Beispiel manchmal vor, dass ein Taxifahrer anhält und sagt: „Kommt, steigt ein, ich fahr euch zur Schule – umsonst!“

Fortsetzung folgt

 

 

 

Kicking predjudice (english version)

[Hä, das Bild kenn ich doch? Ja stimmt. Auf vielfachen Wunsch eines Einzelnen wurde dieser Blogartikel ins Englische übersetzt – ein herzliches Dankeschön an Christa Hebestreit und Mike Marklove für die Übersetzung!]

Normally I am not a big soccer fan. Nevertheless, I took a very long trip right to the very north of Bangladesh to meet soccer players. Young female soccer players, who have scored decisive goals in making changes in Bangladesh.

Once again I am travelling with a photographer, who in the past has shot some excellent pictures for me illustrating a magazine story. And of course I am accompanied by my longtime travel companion, friend, organizer and translator for me, all in one person.

Our first stop is at a school in Kalsindur, a very small village, of which, not too long ago, many people in Bangladesh hadn’t even heard of. Meanwhile this has changed. And Kalsindur is known by a lot of Bangladeshi, because of these soccer playing young girls… Again, we are travelling by motorcycles on this trip, as there are no bus connections to these distant villages. And cars cannot drive here due to the poor conditions of the roads. Speaking of bad conditions: In this picture you can see the soccer pitch in front of the school!  Sometimes it is also used by cows and goats and also for the local market.

 

Upon our arrival at the school we are welcomed by a committee, teachers and other representatives of this small village. People in Bangladesh love to represent, it seems. Simple visits quickly become ceremonial. Here – for the first time – I hear the first stories of the soccer playing girls, but a version, which is new to me. Their school ‚muftis‘ told me the government of Bangladesh wanted to strengthen the self confidence of young girls – „Allah, protect our wise Prime Minister Sheikh Hasina“ – and thus they started a program that encouraged girls at schools to start playing soccer. But as not all schools were so courageous and progressive, there was only such a project in Kalsindur.

 

Incidentally, I had heard a completely different version of the story, which was verified by local journalists, a middleman in the district capital and the father of one of these girls. It seemed to me that this soccer team was somewhat founded out of defiance. In a muslim country like Bangladesh it is normally forbidden for girls participate in sports. And running around in sports-wear is normally a no-go. At this school in Kalsindur they already had a soccer team, but for boys. But their coach was not at all satisfied with the discipline and engagement of the boys. This made the coach once scream out: „Even girls can do better“. This caused big laughter among the boys,  and this infuriated the coach even more. As a reaction to this, the coach made girls play soccer. Of course, the girls talked about this at home. And most parents were not amused about this teacher, who did not follow the Muslim rules. At first, the parents didn’t allow their girls to play soccer. But this teacher was a persistent man. He went from household to household and talked to the parents with a large amount of persuasion. In the end the teacher was able to build a small girls soccer team. These were girls coming from the slums of Kalsindur, the poorest of the poor. But that did not seem to matter. The girls started their daily training and after a short while the girls had a lot of fun with their new sport. And, most importantly, the girls did a really good job.

Spiel (25)

The first girl I meet is Sajeda, a 14 year old soccer ’nerd‘, at least that was how she introduced herself to me with a bright smile. I am really surprised by this girl. Normally, female teenagers in Bangladesh are very shy and hardly speak a word. Sajeda seems to think it is very normal that people from far away want to interview her, or at least she has been briefed well. We sit down at the place before their simple shelter. But then I  rise again and walk over to the people who are standing behind us, once again a commitee of representatives and family members. And I explain to them very politely, but quite firm and with a certain authority in my voice that we would now need silence, for the interviews as well as for the pictures which would be taken. The answer is an astonished murmering, but they accept my request. ‚Orders‘ coming from a woman will only be accepted if done with a lot of ‚Chutzpa‘, I have learned in the meantime.

 

I notice that Sajeda is constantly playing around with her new pink coloured sportsjacket. „Nice clothes“, I say. And then suddenly, like a soap bubble, the last caution flies away. Her eyes glow when she tells me that she is immensely proud of this. It was always her big dream to become a member of this school soccer team. And these new sports jackets were given to them not long ago. Even her name is imprinted on it. She stops, blushes a little and then says hastily: „To become famous is not so important to me, but I want to be a very good player. That really matters to me!“

I enjoy talking to Sajeda. She explains very vividly that she always had a good feel for the ball. Well, ball is not the right expression. In her childhood she had no football, her parents were too poor to give her a ball. Instead, she played with unripe limes, mangos or everything that even looked like a ball. This training must have been a good training. Because she stuns me when I watch her play in her everyday clothes. The balls seems to stick to her foot as if tied to a rubber band. She rolls it around her ankle, flicks it to her toes, to her heels, kicks it high and catches it with her instep where she rests it calmly. It looks very easy and playful, but the 14 year old girl is highly concentrated, moves a strand of hair from her face and laughs: „I am a striker. And I am pretty good in keeping control of the ball.

 

Since she has been playing in the soccer team of her school, she trains one and a half hours every day. My eyebrows rise in disbelief – one and a half hours? Besides going to school? She nods challengingly. It is not easy to achieve, she admits. „I get up very early every morning, clean my teeth and help my mother with cooking. Afterwards, I go to the river for a swim and a wash and then to school“. Training starts at three. „I never miss that. As soon as I am back home again afterwards, I help once again with the housekeeping and do my homework.

Sure, in the beginning the neighbours talked behind her back about her. Some said this behavior wasn’t suitable for a young girl and went against religious rules. She dressed in a dissolute manner… With the movement of her hand, Sajeda wipes away these imaginary voices. Ant the time, the soccer team was already very successful, even outside Bangladesh. And because of this success, talk ended soon. In the moment when Sajeda talks about the success of the team abroad, she slides back and forth in her chair. She is proud to have been to India and Tadschikistan already. „That was great, the playing grounds there – wow!“ I smile and remember her local pitch in front of her school, covered with sand holes, waste and cow dung. 

Everything has changed so much because of the girls soccer team, says Sajeda. They now have their own soccer jerseys. And actually, the whole village has profited from the success of the girls team. At least every house now has electricity. „In earlier days, we could watch soccer on TV only in the house of our Lady teacher. Now I can do this together with friends and neighbours, although not every household is connected to cable or satellite“.

Now the photoshooting starts. I ask the girl to take off her sports wear and put on her everyday clothes. After all, we’d also like to see her everyday life, her life in her family. Her eyes widen very shortly. „Without my soccer clothes?“  But she loses her brief irritation very soon after I explain to her, that people in Germany can’t imagine what the life of a 14 year old girl in Bangladesh is like. And that we would love to show that too. But before that, she replies, she wants to show us her medals…

 

Shortly afterwards she is posing for us: cooking, washing, with her girl friends, with her family – all of a sudden, Sajeda is in her element. She shows no signs of shyness at all. She seems very much within herself, very self confident and content. And she talks very happily with our photographer, tells him that during the last season she was the top scorer of her team, oh, and by the way: The girls-team is much better than the boys soccer team…

 

We say good bye to Sajeda, but will meet her again during her training in the afternoon.

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And upon leaving I realize how happy I am because of this encounter: I have seen a lot of girls from very poor families. Most of them were very timid, were afraid to look into my eyes and were very edgy, jerking suddenly and anxiously after certain movements. What a difference this open-minded and uncomplicated young girl makes.

„To be continued“

Kicken gegen Vorurteile

Eigentlich bin ich kein großer Fußball-Fan. Aber trotzdem hab ich die weite Reise ganz in den Norden von Bangladesch gemacht, um Fußballspieler zu treffen. Genauer gesagt Spielerinnen. Jugendliche Spielerinnen. Denn diese Mädels haben enorm viel bewegt in Bangladesch.

Ich bin diesmal auch mit einem Fotografen unterwegs, ein Freund, der schon einmal Bilder für einen Magazinbeitrag für mich gemacht hat. Und natürlich mit meinem bewährten Reisegefährten, der Freund, Organisator und Dolmetscher in einem ist.

Zuerst geht es an die Schule in Kalsindur, das ist ein ganz kleiner Ort, den auch in Bangladesch lange Zeit kaum einer kannte. Mittlerweile kennen ihn aber die meisten und auch das liegt an den Fußballmädels… Wir sind auch diesmal wieder mit Motorrädern unterwegs, Busse fahren in diese entlegenen Dörfer nicht und für Autos sind die Wege oft zu schlecht. Apropos schlecht, das hier ist das Fußballfeld vor der Schule! Es wird außerdem – wie man ja sieht – von Kühen, Ziegen und für den örtlichen Markt genutzt.

In der Schule werden wir schon erwartet, von einigen Lehrern und Honoratioren des Ortes. Die Bangladeshi lieben einfach das Repräsentieren, scheint mir. Alles wird hier gleich zum Staatsakt. Na, jedenfalls bekomme ich hier die ‚Legende‘ der fußballspielenden Mädchen erzählt – allerdings in einer Variante, die mir völlig neu ist: Laut den Schul-Muftis wollte die Regierung von Bangladesch – „Allah schütze unsere weise Premierministerin Sheikh Hasina“ – das Selbstbewusstsein von jungen Mädchen stärken und habe deshalb eine Intitiative ins Leben gerufen: An den Schulen im Land sollte Fußballspielen für Mädchen angeboten werden. Weil aber nicht alle Gemeinden so fortschrittlich und mutig seien, habe es das Fußball-Angebot erst nur in Kalsindur gegeben.

Ich hatte die Story übrigens ganz anders gehört und habe meine Variante mittlerweile auch verifiziert, indem ich lokale Journalisten, einen Mittelsmann in der Distrikt-Hauptstadt und den Vater eines Fußballmädchens gefragt habe. Offenbar ist das Mädchen-Team durch Trotz entstanden: In einem muslimischen Land wie Bangladesch ist es nämlich für Mädchen eigentlich verboten, Sport zu treiben und in einem Trikot rumzulaufen, geht schon gleich gar nicht. An der Schule in Kalsindur gab es aber durchaus eine Fußballmannschaft für Jungs. Allerdings war der Trainer alles andere als zufrieden mit der Disziplin und dem Einsatz dieser Jungen und war irgendwann so sauer, dass er schrie: „Das können ja die Mädchen noch besser!“ Großes Gelächter bei den Jungs – was den Trainer natürlich erst recht in Rage brachte. Und aus Trotz verdonnerte er gleichaltrige Mädchen zum Kicken. Klar, dass die Mädels zu Hause davon erzählten und die meisten Eltern waren ’not amused‘ über diesen Lehrer, der die muslimischen Sitten so mit Füßen trat. Sie verboten ihren Töchtern einfach, Fußball zu spielen.  Der Lehrer aber ließ nicht locker, ging von Haustür zu Haustür und setzte seine ganze Überzeugungskraft ein. Bis er tatsächlich einige Mädchen für eine Mannschaft zusammen hatte. Es waren Mädchen aus den Slums von Kalsindur, die ärmsten der Armen. Aber das war egal. Die Mädchen trainierten täglich und hatten bald einen Riesenspaß an diesem Sport. Und vor allem: Sie waren richtig gut!

Spiel (25)

Ich treffe mich erst mit Sajeda, einer 14jährigen Fußball-Verrückten – wenigstens stellt sich sich selbst breit grinsend so vor. Ich bin positiv überrascht von diesem Mädchen, denn normalerweise sind vor allem weibliche Tennies in Bangladesch sehr schüchtern, kriegen fast den Mund nicht auf. Für Sajeda scheint es aber ganz selbstverständlich zu sein, dass da Menschen von weit her zum Interview kommen – oder sie wurde einfach gut gebrieft. Wir setzen uns im Halbkreis auf den Platz vor der Wellblechhütte. Aber dann steh ich nochmal auf, geh zu dem Pulk an Honoratioren und Familienangehörigen, die sich auch hier versammelt haben und erkläre höflich, aber mit Autorität, dass wir jetzt Ruhe bräuchten, sowohl für die Interviews als auch für die Fotos. Erstauntes aber doch bereitwilliges Murmeln. Anweisungen von einer Frau gehen nur, wenn die mit der nötigen Chuzpe auftritt, soviel weiß ich schon.

Ich merke, dass Sajeda immer wieder an ihrer pinkfarbenen Trainingsjacke rumzippelt. „Chicer Dress“, sage ich. Und da platzt auch der letzte Rest Zurückhaltung wie eine Seifenblase. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, dass sie darauf auch unglaublich stolz ist, immerhin war es immer ihr Traum, zu dieser Schul-Mannschaft zu gehören und diese einheitlichen Trikots hätte das Team relativ neu gesponsert bekommen. Sogar ihr Name stehe drauf….sie stockt, wird etwas rot, und schiebt dann schnell ein: „Berühmt sein ist mir nicht so wichtig, aber eine gute Spielerin zu sein, schon.“

Es macht Spaß mit Sajeda zu reden, sie erzählt anschaulich, dass sie schon immer ein ziemlich gutes Ballgefühl hatte – naja, BALLgefühl passt nicht ganz, denn sie hatte ja in ihrer Kindheit keinen Ball, dafür waren ihre Eltern viel zu arm. Statt dessen hat sie mit unreifen Limetten, Mangos oder mit allem, was irgendwie die Form eines Balls hatte gespielt. Offenbar ein gutes Training, denn als sie später für das Fotoshooting in ihrem normalen Alltagskleid ihre Ballkünste vorführt, bin ich platt: Der Ball scheint wie an einem Gummiband mit Sajedas Fuß verbunden zu sein – er umkreist ihren Knöchel, wechselt zur Spitze, zur Hacke, fliegt, landet auf dem Spann und bleibt da ruhig liegen. Es sieht so spielerisch aus, aber die 14Jährige ist hochkonzentriert, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lacht: „Ich bin Stürmerin. Und in der Ballkontrolle bin ich richtig gut.“

Seit sie im Fußball-Team der Schule sei, trainiere sie täglich anderthalb Stunden. Mir rutscht die Augenbrauen hoch – anderthalb Stunden? Zusätzlich zur Schule? Sie nickt herausfordernd. Leicht sei das nicht, gibt sie zu. „Ich steh halt sehr früh auf, putz die Zähne und helf meiner Mutter beim Kochen. Dann geht’s zum Fluss, schwimmen, waschen und ab zur Schule. Und um drei ist dann Training. Das verpass ich nie! Sobald ich daheim bin, helf ich wieder im Haushalt und mach die Hausaufgaben.“

Klar, am Anfang hätten die Nachbarn getuschelt, manche hätten gesagt, das schicke sich nicht für Mädchen, das sei gegen die religiösen Gesetze. Sie sei liederlich, sich so anzuziehen….Sajeda wischt diese imaginären Stimmen mit einer Handbewegung weg. Da hatte das Team ja längst schon Erfolge im Ausland, deshalb hörte das böse Gerede bald auf. Und kaum hat sie das Thema Ausland angesprochen, rutscht und wippt Sajeda wieder auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sei schon in Indien und Tadschikistan gewesen, „das war toll, vor allem die Spielfelder dort – Waaaahnsinn!“ Ich grinse und erinnere mich an das riesige Feld vor der Schule, voller Sandlöcher, Abfall und Kuhdung.

Es habe sich so viel verändert durch das Mädchen-Fußballteam, sagt Sajeda. Sie hätten jetzt richtige Mannschaftstrikots. Und eigentlich profitiere der ganze Ort vom Erfolg der Kickerinnen, immerhin gäbe es jetzt in jedem Haus Strom. „Früher konnten wir nur im Haus der Lehrerin Fußball gucken. Jetzt kann ich das zusammen mit Freunden und Nachbarn machen, auch wenn wir nicht alle Kabel- oder Satelliten-Fernsehen haben.“

Dann geht’s ans Fotoshooting. Ich bitte das Mädchen, das Trikot aus und ihre Alltagsklamotten anzuziehen. Wir wollen ja auch ihren Alltag, ihr Leben in der Familie ablichten. Ihre Augen weiten sich ganz kurz, „wie ohne Trainingsanzug?“ – aber sie hat diese kleine Irritation schnell überwunden als ich ihr erkläre, dass die Menschen in Deutschland ja nicht wüssten, wie der Alltag einer 14Jährigen in Bangladesch aussehe, und dass wir das auch gerne zeigen würden.  Aber vorher, sagt sie, müsse sie uns noch ihre Medallien zeigen…

Und dann post sie für uns: Beim Kochen, Waschen, mit ihren Freundinnen, mit der Familie – Sajeda ist ganz bei der Sache, hat keinerlei Scheu. Sie scheint ganz bei sich zu sein, sich selbst bewusst und zufrieden. Und sie plappert ganz vergnügt mit meinem Fotografen, verrät ihm sogar, dass sie in der letzten Saison Torschützenkönigin war und überhaupt: Das Mädchenteam sei weit besser als die Fußball-Jungs….

Wir verabschieden uns von Sajeda, werden sie aber beim Training am Nachmittag wieder treffen.

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Und beim Wegfahren merke ich, wie froh mich diese Begegnung gemacht hat: Ich habe schon viele Mädchen aus sehr armen Familien gesehen, die meisten waren verhuscht, trauten sich kaum, mir in die Augen zu sehen und zuckten bei schnellen Bewegungen auch schon mal ängstlich zusammen. Was für ein Kontrast zu diesem offenen und unkomplizierten Mädchen!

Fortsetzung folgt

No place, no freedom

Es passieren manchmal ungewöhnliche Sachen, wenn man ein großes, internationales Netzwerk hat:

Vor kurzem erhielt ich eine Nachricht auf Facebook von einer mir unbekannten Person – An sich nichts Ungewöhnliches, es gibt ja ziemlich viele Menschen, die einfach mal einen ‚friend request‘ abschicken, auch wenn sie dich gar nicht kennen. Aber diesmal war es anders, denn die Nachricht kam von einem ziemlich verzweifelten Menschen in Bangladesch.

Wie ich schnell erfahren habe, ist der Absender ein Transgender, also jemand, der sich im falschen Körper, dem falschen Geschlecht zugeordnet fühlt.  Deshalb und weil ich den Namen der betroffenen Personen nicht nennen soll, nenn ich sie hier Nipu – ein bengalischer Name, den man für Männer und Frauen passt.

Nipu weiß offenbar schon lange, dass er eigentlich ein Mann ist, den es leider fälschlicherweise in einen Frauenkörper verschlagen hat. Gerade diese Transgender-Variante ist in Bangladesch aber besonders heikel. Denn es gibt dort zwar einige Hijra, die in einem Männerkörper geboren aber eigentlich Frauen sind (siehe Blog-Artikel vom 19.1.2015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/01/19/the-third-gender/ ), aber die umgekehrte Verkörperung scheint sich seltener an die Öffentlichkeit zu trauen.

Nipu jedenfalls hat sich getraut und sogar eine Arbeit gefunden, bei der er ganz er selbst sein konnte: Nämlich bei einer Hilfsorganisation, die sich für sexuelle Minderheiten einsetzt.

Aber dann ist 2013 etwas passiert, dass die bengalische Gesellschaft – oder jedenfalls die betroffenen Familien – nicht akzeptieren kann: Nipu hat sich verliebt! In eine FRAU!

BD hands

Seine Liebe – ich nenne sie hier Simu – kannte Nipu schon lange, ihre Familien waren befreundet. Und die beiden wurden vor vier Jahren ein Liebespaar. Lange Zeit schöpfte niemand Verdacht, bis Simus Mutter eines Abends ein Telefongespräch der beiden belauschte. Keine Ahnung, was die beiden am Telefon gesprochen haben…aber kombiniert mit dem ‚männlichen Auftreten‘ von Nipu hat sich die Mutter alles zusammengereimt. Und war entsetzt! Für sie war diese Liebe ‚abnormal‘, gegen die religiösen Gebote und das Gesetz.

Simu bekam ihr Entsetzen auch gleich zu spüren – durch heftige Schläge. Außerdem durfte sie das Haus nicht mehr alleine verlassen.  Und Nipu samt seiner Familie musste sich wüste Beschimpfungen und Drohungen gefallen lassen. Nipus Familie gab sich übrigens überrascht, aber die ‚Beweise‘ – also die Nachrichten auf den Telefonen – waren eindeutig.

text tippen auf handy

Nach einigen Monaten normalisierte sich das Leben aber wieder. Nipu und Simu trafen sich wieder, heimlich. Aber obwohl er geschworen hatten, die Liebenden zu decken, verriet Simus jüngerer Bruder die Beiden an die Eltern. Die stürmten sofort in Nipus Elternhaus, bedrohten und beleidigten alle Familienmitglieder und forderten Nipu auf, Dhaka zu verlassen, ansonsten würden sie ihn umbringen. Wie ernst es Ihnen war, hat Nipu bald schmerzhaft erfahren: Als er abends mit Freunden am Fluß saß, kam Simus Bruder mit einer ganzen Gruppe und griff Nipu an. Sie schlugen ihn, packten ihn am Kragen und riefen: „Du siehst zwar wie ein Mann aus, aber du bist eine verdammte Frau“ und dann grapschte einer der Angreifer Nipu an die Brust, um den handfesten Beweis zu haben.  Nipu fühlte sich zerschunden, beschmutzt und schrecklich gedemütigt.

Simu ging es auch nicht besser: Sie wurde abwechselnd von ihrer Mutter, ihrem Vater und sogar vom jüngeren Bruder geschlagen. Ihr Vater warf ein Holzwerkzeug nach ihr, das sie übel verletzte. Das schlimmste aber war für sie, dass alle Familienmitglieder sie anspuckten.

Simu studiert an einer Mastermind-Schule, also einer Schule für Hochbegabte, aber mit all den blauen Flecken und Wunden, konnte sie natürlich nicht dort auftauchen. Die Mutter entschuldigte sie bei der Schule: Sie habe hohes Fieber und könne deshalb nicht zum Unterricht kommen.

Ein paar Wochen später schaffte es Simu, abzuhauen. Sie kam zu Nipus Arbeitsstelle, einer Hilfsorganisation für sexuelle Minderheiten. Die beiden suchten dort Hilfe. Ihr ‚Fall‘ wurde protokolliert, unzählige Formulare ausgefüllt und dann wurde ihnen eröffnet, dass sie sich eigentlich nur für die Rechte von Trans-Frauen einsetzen (also Männer, die sich als Frau fühlen).

Zu der Enttäuschung bekam Nipu noch einen Anruf. Seine Mutter erzählte, dass  ihr Haus auf dem Land umzingelt sei.  Simus Onkel, ein hohes Tier in der Regierungspartei und gleichzeitig  korrupt, habe ihr gedroht, wenn Nipu Simu nicht sofort wieder ihrer Familie aushändige, dann würde er seinen Vater öffentlich angreifen und zwei seiner Neffen kidnappen.

Die beiden Verliebten waren hilflos….Also gaben sie klein bei. Simu wurde von einer Tante abgeholt, dann zu ihrer Oma gebracht und in deren Haus monatelang eingesperrt. Keinerlei Kontakt zur Außenwelt! Sie bat verzweifelt darum, dass sie wenigstens ihre Ausbildung abschließen dürfe, aber es half nichts. Im Gegenteil, sie wurde zu einem Psychiater gebracht.

Nipu fügte sich ebenfalls und verließ die Hauptstadt Dhaka. Er war sicher, dass er sonst – wie angedroht – umgebracht worden wäre. Und tatsächlich hat er später erfahren, dass Simus Familie schon Kontakt zu einem Profikiller hatten, der für 1.000.000 Taka zu haben war (das sind umgerechnet etwa 11.000 Euro).

Seit Dezember 2015 lebt Nipu jetzt auf dem Land, ohne Job und auch fast ohne Kontakt zu seiner eigenen Familie, die nichts mehr von ihm wissen will. Ab und zu hat er Bewerbungsgespräche, es wurden ihm auch schon Jobs angeboten – aber immer mit der Auflage, dass er sich ’normal‘, also wie eine Frau kleiden müsse. Das kommt für ihn aber nicht in Frage, er mag und kann sich nicht mehr selbst verleugnen. Gleichzeitig sagt er von sich selbst, dass er depressiv geworden sei, dass er nicht mehr ohne Schlaftabletten einschlafen kann und in Bangladesch keine Zukunft mehr habe.

Simu lebt seit Anfang des Jahres wieder in Dhaka, studiert auch wieder, aber immer noch unter ständiger Bewachung. Sie hat kein eigenes Handy, ihr Facebook-Account wird kontrolliert, aber ab und zu kann sie mit dem Handy einer Freundin Kontakt zu Nipu aufnehmen.

Sie gehen beide ein hohes Risiko ein, wenn sie sich trotz allem treffen. Aber manchmal tun sie es doch. Und ganz im Geheimen, mit der Hilfe von wahren Freunden, haben sie am 12. Februar 2017 geheiratet.

Transgender-Paar verfremdet

Soweit die Geschichte dieses Paares.

Wahrscheinlich könnt Ihr verstehen, dass ich den beiden gerne helfen will. Mittlerweile hab ich Kontakt zu Amnesty International aufgenommen, zu verschiedenen Aktivisten, zu Gender-Gruppen und zwar in Deutschland und Bangladesch. Wir sind erstmal auf der Suche nach einem Land, in dem Homosexuelle oder Transgender offen und ohne Angst leben und arbeiten können. Nipu hat einen Master in Wirtschaftswissenschaften, Simu träumt davon, ihr Englisch- und Literatur-Studium abzuschließen und an einer Uni arbeiten zu können. Und beide hätten auch gerne irgendwann ein Kind…

Ganz normale Träume eben. Und ich hoffe, dass sie irgendwann wahr werden!

Impressions from the road

Wer in Bangladesch von einem Ort zum anderen kommen will, braucht vor allem eins: Zeit.

Denn in den Städten verstopfen Autos, Rikschas, Busse und Fußgänger die Straßen und außerhalb der Orte sind die Straßen oft so schlecht, dass es auch nur langsam vorwärts geht. Und genau das finde ich mittlerweile so unglaublich schön! Dadurch findet man nämlich die Muse, auf all die kleinen Szenen zu achten, denen man am Wegesrand begegnet. Es ergeben sich auch manchmal unvorhergesehene Begegnungen oder einfach nur wunderschöne Eindrücke, die einen noch lange begleiten.

Heute möchte ich ein paar dieser Impressionen mit Euch teilen. Weniger mit Worten als vielmehr mit Bildern…

Das satte Grün von Reisfeldern ist in Bangladesch allgegenwärtig. Selbst dann, wenn die Felder gerade erst bepflanzt werden, wie bei der letzten Reise im bengalischen Winter. Auf dem letzten Bild seht ihr im oberen Drittel übrigens die angesäten Reispflanzen, die dann von Hand  ausgegraben, vereinzelt und wieder eingepflanzt werden – dazu bücken sich die Männer tief, ein Reispflänzchen aus dem Büschel von links wandert in die rechte Hand, dann in den Matsch, das geht ziemlich schnell, fast schon rhythmisch. Auf mich wirkt das irgendwie harmonisch, für die Männer ist das aber wahrscheinlich ein Knochenjob.

Leider hab ich nicht von allen Szenen Bilder, die mir im Vorbeifahren aufgefallen sind: die von dem kleinen Jungen, der mit einem Stock einen Reifen vor sich hertreibt. Oder die Mutter, die mit ihrem Kind schimpft und es dann ziemlich rüde am Arm hinter sich herzieht. Oder die Kuh, die seelenruhig mitten auf einem Cricket-Feld grast, während eine Horde Jungs um sie herum Bälle drischt. Und immer wieder, die ‚Kebab-Spieße‘ am Wegesrand – Kuh- und Ziegendung, der getrocknet und dann zum Anfeuern verwendet wird

Die bunten Flecken auf dem abgeernteten Feld sind übrigens Wäsche, die zum Trocknen ausgelegt wurde. Scheint eine bewährte Methode zu sein, sieht man fast genauso oft wie Wäsche auf der Leine

das schwimmende Grün auf dem Bild unten rechts ist übrigens Gemüse, das ich erst mit Seerosen verwechselt habe – schmeckt aber garantiert besser!

Weitere Szenen am Wegesrand: Kinder, die Futter zu den Tieren Zuhause schleppen. Ein Mann lässt sich von einem anderen die ergrauten Haare mit einer schwarzen Paste abdecken, die liebvoll-vorsichtig mit einer Zahnbürste aufgetragen wird. Und das laute Knattern kommt offenbar von dem einzigen High-Tech-Gerät weit und breit, mit dem gerade das Feld gepflügt wird.

Auf den Landstraßen ist zwar immer etwas Verkehr, auch hier wird eifrig gehupt, aber es geht eigentlich ganz gemächlich zu. Rasen lassen die Schlaglöcher in den Straßen eh nicht zu…

In den kleine Ortschaften, durch die wir kommen dagegen, geht es schon lebhafter zu. Normale Autos gibt es eher selten hier, dafür aber Lastwagen, Busse, Radfahrer, einen Traktor und eine Art Pritschen-Rikscha. Nach meiner Theorie lässt sich die Bedeutung und Größe einer Ortschaft daran ablesen, ob die Spuren der Hauptstraße von einander getrennt sind, also ob zwischen ihnen diese hässlichen mobilen Beton-Mäuerchen aufgestellt sind. Oder auch am Aufgebot der Verkehrspolizisten. Nach meinem Eindruck haben die eine ganz spezielle Ausbildung genossen. Nicht in Verkehrsführung, oh nein. Sondern in einem Fitness-Studio. Denn sobald ein Vehikel nicht so steht oder fährt, wie es die Verkehrspolizisten wünschen, knüppeln die völlig entfesselt auf das Fahrzeug und im Zweifel auch auf dessen Fahrer ein.

Egal wo ich hinkomme, ich falle auf. Nicht unangenehm. Noch nie hatte ich das Gefühl, unerwünscht zu sein. Es ist eher Neugier, die mir entgegen gebracht wird. Und vielleicht Erstaunen, dass sich in die manchmal abgelegenen Gegenden überhaupt ein Fremder verirrt.

Entlang der Wege gibt es unzählige kleine Stände: Obst, Gemüse, Suppen, Süßigkeiten, Zigaretten und natürlich das obligatorische Tässchen Tee. Ich liebe diese farbenfrohe Klekse auf den Straßen und werde selbst bei street food immer mutiger – erfahrungsgemäß ist mein Magen auch sehr experimentierfreudig.

Gewundert hat mich, dass es in manchen Dörfern riesige Holzstapel vom Baumstamm bis zum gehobelten Brett gab und sogar Sägemühlen. Obwohl es in den meisten Gegenden nur wenige Bäume und höchstens kleine Wäldchen gibt. Offenbar wird das Holz vor allem von den bewaldeten Hügeln im Südosten hergebracht, den Chittagong Hills.

Ab und zu ist auch eine ‚Großbaustelle‘ am Straßenrand zu sehen, vor allem aber immer wieder die unendlich scheinenden Ziegelfelder. Schneller als man kucken kann, schaufeln die am Boden kauernden Männer den Lehm in eine Form, klopfen sie kurz auf den Boden, drehen die Form und der Rohziegel landet zielsicher neben seinem Vorgänger. Nach und nach entstehen so die kleine grauen Mäuerchen – das sind die trocknenden Lehmziegel. Und in den Brennöfen unter dem großen Kamin werden sie dann zu den typisch roten Ziegeln gebrannt, die man in Bangladesch scheinbar für alles braucht. Für Straßen, Häuser, als Erhöhung bei Hochwasser und als Torersatz auf den wenigen Fußballfeldern.

Auf langen Strecken bin ich übrigens meisten mit den ortsüblichen Überlandbussen unterwegs, ganz selten mit einem gemieteten Auto und auf kürzeren Strecken mit dem CNG, also einer Motorrikscha oder dem Motorrad. Letzteres ist gerade in ländlichen Gegenden oft die einzige Möglichkeit, um überhaupt ans Ziel zu kommen, denn dort werden aus Straßen oft super-schmale Staubpisten. Böse Zungen behaupten ja, ich würde nur deshalb abgelegene Dörfer besuchen wollen, damit ich wieder mal auf einem Motorrad fahren kann…

Immer wieder muss man in Bangladesch Flüsse überqueren, denn die ziehen sich wie Adern durchs ganze Land. Manchmal- vor allem nachts, wenn man weder genau sieht, worauf man das Wasser überwindet, noch wie tief es ist – ist da plötzlich so ein komisches Kribbeln in der Magengrube. Und erst wenn man die Stelle bei der Rückfahrt nochmal überquert, kann man den Schwimm-Schweb-Gleit-Moment richtig genießen.

An dieser Fähr-Anlegestelle hatte ich übrigens eine sehr eindrückliche Begegnung: Wir mussten auf die nächste Überfahrt warten und gönnten uns am Kiosk einen Tee. Mehrere ältere Männer saßen dort herum, schlürften ihr Getränk und waren ansonsten eher einsilbig.  Trotzdem wirkten sie sehr zufrieden. Ob ich fotografieren dürfe? „Aber natürlich!“

Besonders der ältere Mann mit dem weißen Bart hatte es mir angetan, er strahlte irgendwie Ruhe aus…und Offenheit. Ich zeige das Portrait meinem Begleiter: „He has so friendly eyes, hasn’t he?“ – eigentlich dachte ich, das leise gesagt zu haben. Aber der alte Mann mit dem weißen Bart spricht mich plötzlich an: „Please, take a seat“

Es waren nur etwa 15 Minuten, die ich mit diesem Mann gesprochen habe. Aber es waren sehr eindrückliche Minuten. Wir sprachen über meine Reisen, warum ich immer wieder nach Bangladesch zurück komme. Er interessierte sich sehr für meine Eindrücke von seinem Land. Und nickte ganz leicht mit dem Kopf als ich sagte, dass ich nie in Hotels, dafür aber sehr gerne bei Freunden wohne, weil ich so viel mehr Eindrücke über den Alltag und das Miteinander von bangladeshi bekäme. Ja, er hat mich richtig ausgefragt. Und ganz kurz hat bei mir auch mal ein Alarmlämpchen aufgeleuchtet – vorsicht, ich bin ja offiziell nur eine normale Touristin… Aber letztendlich hab ich mich auf mein Gefühl verlassen, war sehr offen zu ihm und teilte meine Eindrücke – auch die negativen. Und als wir an der Reihe waren fürs nächste Übersetzen, stand der alte Mann mit den gütigen Augen auch auf: „My dear lady, you got so deep insights from my country, please write about Bangladesh. Share your impressions!“

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Ruti – das bengalische Brot

Heute wird’s hier mal wieder etwas aktiver – es gibt nämlich mal wieder ein Rezept zum Ausprobieren.

Böse Zungen behaupten ja, in Bangladesch gäbe es immer nur Reis – zum Frühstück, zum Mittagessen und abends auch gleich noch…Das stimmt nur fast. Morgens habe ich oft Ruti bekommen, ein herrlich fluffig-würziges Brot. Okay, eher ein Fladenbrot. Aber lecker!

Und weil mir meine Freundin Nisha mal wieder eine super-genaue Anleitung (für vier Rutis) samt Bilder geschickt hat, könnt Ihr gleich loslegen:

  1. schüttet ein halbes Glass Wasser in einen Topf, etwa einen halben Teelöffel Salz dazu und zum Kochen bringen

2. dann eine Tasse Mehl in das kochende Wasser und alles gut vermischen – damit habt Ihr schon den Ruti-Teig. Er darf übrigens nicht trocken sein

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3. dann raus mit dem Teig, gut durchkneten und in vier gleich große Knödel aufteilen

4. jedes einzelne Ruti-Stück muss jetzt gut gerollt werden – das scheint enorm wichtig zu sein. Warum konnte mir Nisha zwar nicht erklären, aber vielleicht kommt dadurch nochmal Luft rein, die nachher die Rutis so fluffig macht

5. jetzt die Teigklümpchen zu einem Ball rollen, von beiden Seiten leicht mit den Fingern andrücken und dann geht’s ans Ausrollen

6. Mehl drauf und jetzt kommt eine spezielle Teigrolle zum Einsatz: Die Bangla-Rolle hat nämlich Rillen, die sich wie eine Spirale von links nach rechts ziehen. Und damit kann man den Teig – mit ein bisschen Übung –  mit gleichmäßigen Drehungen ausrollen. Also der Teig selbst wird dabei bewegt, er dreht sich beim Rollen. Mit dem Effekt, dass eine gleichmäßig runde Teigplatte entsteht (ich bin zwar noch nicht perfekt beim Ausrollen, aber ich hab mir auf jeden Fall so einen pfiffigen Teigroller angeschafft 😉 )

7. jetzt geht’s ans Ausbacken: Bei Gasherden eine flache Pfanne auf mittlere Stufe erhitzen, bei Elektroherden würd ich erstmal volle Pulle geben und später runterdrehen. Die Pfanne sollte ziemlich heiß sein, KEIN Öl oder Fett rein, dafür aber die Ruti-Flade, sobald die Pfanne heiß ist.

Es werden beim Ausbacken kleine Blasen entstehen, die man vorsichtig flach drückt. Ansonsten einfach kurz von beiden Seiten anbraten bis kleine braune Punkte anzeigen, dass das Ruti fertig ist.

Dieses Fladenbrot wird übrigens meines Wissens nur morgens gegessen. Dafür aber gerne mit Spiegelei oder den aufgewärmten Resten vom Vortag. Und besonders lecker ist es zu meinem Lieblingsgericht: Pumpkin-Curry made by Nisha!!!

Apropos, ich muss Euch ja noch meine Koch-Lehrerin Nisha vorstellen

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Manche kennen sie wahrscheinlich schon vom Pumpkin-Curry-Rezept. Nisha macht es offenbar viel Spaß, mich in die Geheimnisse der bengalischen Küche einzuweisen und sie ist dabei unglaublich geduldig! Auch wenn ich für ein Ruti die doppelte Zeit gebraucht habe, wenn mein Reis-Mehl-Crèpes nicht die richtige Größe hatte oder ich beim Putzen des Algen-ähnlichen Gemüses einfach nicht ihren eleganten Dreh mit der Hand hinbekommen habe…

DHONNOBAD NISHA!

After the big flood – Char Charita Bari

Ich hab hier ja schon mehrmals über ein kleines Dorf im Norden von Bangladesch berichtet: Char Charita Bari heißt es und liegt auf einer Schwemmlandinsel im Distrikt Gaibandha. (siehe: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/08/08/against-all-odds/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/  )

Das komplette Dorf wurde mit Geld aus einer Spendenaktion der Clingenburg Festspiele (Franken) erhöht – konkret heißt das, die Dorfbewohner haben Erde aus dem Fluss und von Anbauflächen abgetragen und händisch auf das Dorfplateau aufgeschichtet. Dann wurde es festgestampft, geebnet und die Hauser samt Solaranlage, Toiletten und Brunnen wieder aufgebaut. Soviel zur Vorgeschichte.

Natürlich war ich neugierig, wie es den Dorfbewohnern jetzt geht, von denen ich zwar wusste, dass sie im vergangenen Jahr trocken geblieben sind, aber nicht, was genau während und nach der Flut passiert ist.

Schon als wir uns mit den Motorrädern dem Dorf nähern, sehe ich eine Veränderung:

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Foto: Yvonne Koch

Über einen Arm des Tista führt jetzt eine Brücke, eine niegelnagelneue. Beim letzten Mal habe uns hier noch Jungs aus dem Dorf mit dem Kahn übergesetzt… Und statt des Trampelpfads zum Dorf, führt jetzt eine lange Rampe auf den zentralen Platz

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Foto: Yvonne Koch

Dort steht ein kleiner Holztisch, mit Tischdecke und Blumenvase, drumherum einige Plastikstühle und alle Dorfbewohner sind hier versammelt. Sie sind sichtlich aufgeregt, besonders die Kinder tuscheln und hippeln herum, als ob gleich was Besonderes passiert. Und das tut es tatsächlich:

Ein junges Mädchen kommt auf mich zu, wahrscheinlich um die zwölf Jahre alt, in der Hand eine Blumenkette. Ganz langsam und feierlich legt sie sie mir um den Hals, dreht sich halb und lächelt in die vielen Kameras und Handylinsen, die jetzt plötzlich alle gleichzeitig losknipsen. Ich bin total gerührt….was für ein Empfang…und erst als dann noch ein kleines Mädchen mit einem lustigen grünen Klämmerchen im kurzen Haar mir noch eine Blumenkette umhängt, hab ich mich wieder einigermaßen unter Kontrolle. Auch Broja Gopal Saha bekommt einen Kranz – und er hat ihn auch wirklich verdient: Denn er vertritt hier die bengalische Hilfsorganisation Centre for Disability in Development (CDD), also die NGO, die die Idee zur Dorferhöhung hatte und sie vor Ort umgesetzt hat.

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Foto: Yvonne Koch

Wieder sind es Frauen, mit denen ich ins Gespräch komme – eine Besonderheit, die mir schon beim letzten Besuch aufgefallen ist. Die Frau in rot heißt Morcina Kathon, verrät sie mir, nicht aber ihr Alter – das solle ich schätzen. Sie hat was Spitzbübisches, ein offenes Lachen….33 schätze ich spontan…und sie fängt an zu kichern. Tatsächlich wisse sie ihr genaues Alter gar nicht, aber wahrscheinlich sei sie so um die 40. Die junge Frau in rosa wirkt deutlich schüchterner. Sie heiße Sabina (gesprochen: Schobina), 23 Jahre alt, sagt sie leise, dann schlägt sie die Augen nieder als ob sie selbst erstaunt ist über den Mut, mit mir zu sprechen.

Soweit ich weiß, war das Dorf zwar das einzige in der Gegend, dass bei der letzten Flut nicht überschwemmt wurde, aber trotzdem war es knapp: Nur etwa 30 Zentimeter trennten die Dorfbewohner vom höchsten Pegel. Ob sie während der Flut Angst gehabt hätten, dass das Wasser doch wieder alles mitreiße, frage ich Morcina. Nein, nie, ist die spontane Antwort. Sie alle seien sicher gewesen, Allah würde es niemals zulassen, dass all die Arbeit, all die Bemühung so vieler Menschen, umsonst gewesen seien. Ich bin platt über so viel Gottvertrauen, aber auch ein bisschen erschreckt. Denn es ist durchaus möglich, dass die nächste oder übernächste Monsunzeit das Wasser noch höher steigen lässt und dann selbst dieses erhöhte Dorf nicht hoch genug ist.

Auf diesen beiden Fotos wird nochmal deutlich, wie hoch das Wasser stand: Der Mann auf dem linken Bild steht au f der Höhe des letzten Pegels (die Füsse links am Bildrand stehen auf der jetztigen Dorfebene) und rechts sieht man, wieviel höher das Dorf jetzt über der Ebene ist. Das verdorrte Gewölle an der Böschung ist übrigens ein spezielles Gras, mit dem die Dorfbewohner das aufgeschüttete Gelände bepflanzt haben. Dieses Gras bildet ein besonders dichtes Wurzelgeflecht und die Dorfbewohner waren überzeugt, dass nur durch diese Bepflanzung die Erde nicht ins Rutschen kommen würde – und diese Idee hat sich bei der letzten Flut tatsächlich bewährt!

Der CDD Repräsentant Gopal verkündet den Dorfbewohnern noch eine gute Nachricht: Ihr Dorf ist zum Model-Projekt geworden. Denn hier wurde nicht nur ein Spendentopf ausgekippt und den Menschen etwas vor die Nase gesetzt, von dem andere denken, es wäre zu ihrem Besten. In Char Charita Bari konnten und mussten die Dorfbewohner aktiv mithelfen. Sie haben selbst die Erde am Fluss ab- und auf das neue Plateau aufgetragen, haben mitentschieden, wie ihr Dorf danach wieder aufgebaut wurde. Zum Beispiel haben sie sich gegen eine Solarpumpe für den Brunnen und eine zentrale Toilettenanlage entschieden und stattdessen lieber Sanitäranlagen für jedes Haus extra gebaut. Und genau dieses Konzept macht jetzt Furore: Sieben andere Dörfer sollen nach dem selben Prinzip erhöht werden – vorausgesetzt die Gelder sind dafür da. Außerdem reisen mittlerweile auch Interessierte aus anderen Distrikten und sogar aus dem Ausland an, um sich das Projekt vor Ort anzuschauen.

Als ich die beiden Frauen frage, welche Tipps sie für diese neuen Projekte hätten, was man noch verbessern könne, ergreift nochmal Morcina das Wort: „Es muss nichts verbessert werden! Uns ging es noch nie so gut, wir haben die Flut ohne jeden Verlust überlebt, wir konnten Anderen Schutz bieten, unsere Nachbarn mit Essen versorgen, haben Reis und Gemüse im Überfluss und all unsere Tiere haben Nachwuchs – Wir sind jetzt reich!“

Wieder hab ich einen Kloß im Hals…Sabina merkt das und bietet an, mich durch das Dorf zu führen.

Ich kriege die Wassertanks gezeigt, in die das Wasser gepumpt wird, dass für die Dusche und das Klo gebraucht wird, die behindertengerechte Wasserstelle und die Solarpanel auf den Dächern, mit denen jetzt jedes Haus drei Lampen betreiben kann – eine im Bad, eine in der Küche und eine im Wohnzimmer.

Und mein Blumenmädchen zieht mich in seine Hütte, weil sie mir zeigen will, dass sie jetzt endlich nach der Schule und der Arbeit, ihre Schulaufgaben machen kann – denn jetzt ist in der Hütte genug Licht.

 

Nochmehr beeindruckt mich aber bei dem Rundgang durchs Dorf, wie ordentlich jetzt alles ist, jedes Tier, jedes Werkzeug hat seinen Platz – als ob die Bewohner diesen Ort besonders pflegen und hegen.

Und dann zeigen mir die Dorfbewohner noch, dass man manchmal mit einem old-school-Gerät beste Qualität erzeugen kann:

Mit dieser Wipp-Vorrichtung brechen die Frauen die Reiskörner aus den Spelzen: Eine tritt  in regelmäßigem Rhythmus auf den kurzen Hebel, dadurch hebt und senkt sich die Wippe im Takt. Und die andere Frau schiebt die Körner immer wieder in die Kuhle. Wobei sie höllisch aufpassen muss, dass ihre Hand nicht dazwischen ist.

Mit den so ‚geschälten‘ Reiskörner verdienen die Familien weit mehr als mit dem von Maschinen bearbeiteten Reis. Es ist mehr Arbeit, aber weil die Männer jetzt im Dorf bleiben können, dort die Landwirtschaft übernehmen, haben die Frauen Zeit für diese Qualitätsarbeit – ein Gewinn für alle.

Übrigens hab ich auch Laily wieder getroffen, die Frau, die ich beim letzten Mal für so eine Art Dorfvorsteherin gehalten habe. Das ist sie nicht. Laily lebt nicht einmal in dem erhöhten Dorf, sondern etwa 150 Meter entfernt. Sie kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, drückt mich fest und hat Tränen in den Augen, als sie mich wieder loslässt. Wir müssten unbedingt auch ihr Haus besuchen, wir dürften nicht ablehnen.

Sie ist sichtbar stolz auf ihr Haus, das deutlich besser ausgestattet ist, als das der Dorfbewohner von Char Charita Bari: Ein mit Schnitzereien verzierter Holzschrank ist das Punkstück hier. Darin reichverziertes Geschirr, kleine Figürchen, Kunstblumen. Dieser Repräsentier-Schrank steht auf Ziegeln, schwebt also quasi über dem Boden. Denn so hoch stand das Wasser bei der letzen Flut. War das nicht hart zu sehen, dass hier das Wasser stand während die Nachbarn nebenan davon verschont waren? Unangenehm war es, ja. Aber neidisch auf die Nachbarn sei sie nicht gewesen. Die hätten ihr ja so viel geholfen, sie konnte ihr Vieh nebenan unterstellen.

Auf dem Rückweg frage ich Gopal, warum Lailys Haus nicht einfach auch mit erhöht wurde. „Du hast vielleicht gesehen, dass sie nicht zu den Ärmsten gehört“, sagt er. „Wir wollen den Bedürftigsten helfen, den Gebrechlichen und Behinderten – alle anderen können das erhöhte Dorf als Vorbild nehmen und ihre Häuser, ihr Land selbst erhöhen. Die Dorfbewohner haben Laily dafür auch Hilfe angeboten“.

Wir können nicht allen helfen – das wird mir wieder mal klar. Aber ich habe den Eindruck, dass man schon viel bewegen kann, wenn man andere Lösungen und Sichtweisen aufzeigt.