Changed situation 2 – the locals

Seit über einem Jahr leben die geflüchteten Rohinga jetzt in Bangladesch. Die Flüchtlingscamps sind nur rund eine Stunde Fahrt entfernt vom größten Strand der Welt, einer der Touristenattraktionen von Bangladesch, und von Cox’s Bazar, der Distrikt-Hauptstadt. Hier sind die meisten NGO-Mitarbeiter aus dem Ausland untergebracht, auch die Außenstellen der Hilfsorganisationen sind hier, meistens haben sie ganze Etagen in den Hotels gemietet.

Ich darf heute im Teambus einer NGO mitfahren. Sie fahren jeden Morgen zusammen in die Flüchtlingscamps. Aber ich steige früher aus, weil ich mit den ortsansässigen Bangladeshi sprechen will, den ‚locals‘.

Camp impressions (207) bearbeitet

Je näher wir den Camps kommen, desto mehr Kontrollposten passieren wir: Mit Stacheldraht umwickelte Balken, die den Hauptteil der Straße blockieren… Betonpolder…oder einfach nur quer gestellte Polizeitransporter. Hier werden vor allem diejenigen kontrolliert, die aus den Camps raus oder rein wollen. Natürlich nicht alle. Wer westlich aussieht, wird meistens einfach durchgewunken und auch die Busse und Autos mit den Labels der Hilfsorganisationen kommen oft unkontrolliert durch. Nur manchmal gibt es Stichproben, wie heute. Der Bus wird angehalten, zwei Männer in Uniform springen schon auf, bevor er richtig steht, zwei andere bleiben breitbeinig draußen. Der Ton ist ruppig, die Maschinengewehre werden demonstrativ so gehalten, dass sofort geschossen werden könnte. Ich sitze vorne, gleich neben der Tür und ja, mir ist ein bisschen mulmig….krieg ich jetzt Scherereien? Aber ich interessiere die offenbar gar nicht. Einer kontrolliert die Sitzreihen, warum weiß ich nicht….haben die Angst, dass wir einen Rohinga ins Lager schmuggeln wollen? 😉  Dann noch ein warnendes Wort zum Busfahrer und schon sind die Männer wieder aus dem Bus draußen.

An einer Wegkreuzung steig ich aus. Zum Dorf sind es nur noch ein paar hundert Meter. Die meisten Häuser sind Lehmhütten, es gibt einen kleinen Kiosk, der gleichzeitig Teestube ist, einen buddhistischen Tempel, neuerdings auch einen Kindergarten und ein mobiles medizinisches Zeltlager. Diese beiden Neuerungen am Ort haben die Dorfbewohner indirekt den Rohinga zu verdanken. Denn die Regierung von Bangladesch hat bemerkt, dass die Unzufriedenheit in den Dörfern rund um die Flüchtlingslager immer größer geworden ist. Deshalb hat sie den Hilfsorganisationen die Auflage erteilt, dass rund 30 Prozent der Gelder, mit denen die Rohinga unterstützt werden, in Projekte für die bengalischen Anwohner fließen müssen.

 

Schnell bildet sich ein Kreis um mich, es kommt selten vor, dass sich hier eine bideshi  sehen lässt, eine Ausländerin. Ich frage die Umstehenden ganz direkt, ob sie eigentlich außerhalb der Camps überhaupt Kontakt mit den Rohinga haben. Und dann, als hätten sie nur darauf gewartet, dass sie das Angestaute loswerden können,  prasseln die Antworten auf mich ein:

„Einige Rohginya kommen zu uns und finden hier Arbeit, zum Beispiel bei der Aussaat oder Ernte, beim Haferschneiden und verschiedenem anderen. Also kenne ich ein paar von denen, die zu uns kommen, arbeiten und dafür Geld kriegen. Das sind keine ehrlichen Leute. Die stecken schon mal heimlich was ein. Und eigentlich erlaubt ihnen die Armee gar nicht zu arbeiten.  Okay, ein paar von uns profitieren von der Arbeit in den Camps, aber das sind nur wenige. Von den Problemen sind wir aber alle betroffen: Alles ist teurer geworden. Was früher 20 Taka pro Kilo gekostet hat, kostet jetzt 40 Taka. Weil es so viele Menschen hier gibt, ist die Verschmutzung enorm angestiegen. Wir profitieren zwar von den neuen Straßen, aber wir haben unser Land verloren, unsere Reisfelder, die haben alle Hügel abgeholzt oder sogar platt gemacht für die Camps. Diese Menge an Leuten schadet uns, wir sind ohnehin schon so viele. Sie sollten so bald wie möglich zurückgeschickt werden“

local Direndro Borua, 80j (2) bearbeitet

Direndro Borua, 80 Jahre

„Eigentlich dürfen die Rohingya das Camp nicht verlassen, das Militär sorgt dafür. Aber die kontrollieren nur die Straßen und die Ausgänge, nicht die komplette Außenseite der Camps. Und die Rohinga nehmen dann geheime Wege, Schleichwege, um zur Arbeit zu kommen, das machen jetzt schon einige und es werden täglich mehr. Die ortsansässigen Tagelöhner haben bisher etwa 500 Taka am Tag bekommen. Die Rohinga machen die Arbeit aber für 200 Taka am Tag, manche sogar für 100, egal, Hauptsache Geld. …Und die Ortsansässigen werden dadurch arbeitslos. Ich denke, die gehen nie wieder weg. Weil, in Myanmar hatten sie nichts, jetzt kriegen sie alles, ohne eine Arbeit zu haben, ohne irgendwas tun zu müssen, kriegen sie alles. Sie kriegen immer mehr Kinder, kriegen genug zu essen, also, die sind glücklich hier. Und ich bin sicher, wenn jetzt 5000 nach Myanmar zurückgehen könnten, würden höchstens 500 tatsächlich gehen. Weil sie dort nicht die gleichen Möglichkeiten haben würden, das ist der Grund.“

local Anuwara, 60j (3) bearbeitet

Anuwara, 60 Jahre

„In meiner Schule gibt es mittlerweile ganz schön viele Rohinga, obwohl sie eigentlich gar nicht da sein dürften. Mich nervt halt, dass sie uns eigentlich ablehnen. Wenn wir unter uns über die Rohinga sprechen, dann sind das schon auch manchmal Überlegungen wie: Was passiert eigentlich, wenn die mal nicht mehr von NGOs unterstützt werden? Greifen sie uns dann an, um an Geld oder Essen zu kommen? Wir haben schon Angst davor… Wir hatten vorher zum Beispiel keinerlei Hygieneprobleme, aber seit sie da sind, haben wir hier plötzlich Krankheiten, die es vorher nicht gab. Also es wär schon besser, wenn die Regierung oder wir sie wegbringen würden“

local Emon Barua, 14j (3) bearbeitet

Emon Barua,14 Jahre

„Seit die Rohinga hier sind, ist es für uns schwieriger geworden. Vorher hat mein Mann zum Beispiel oft Feuerholz von den Hügeln gesammelt und auf dem Markt verkauft. Aber jetzt ist alles abgeholzt, die Rohinga leben auf den Hügeln. Überleben ist einfach schwieriger geworden. Als sie in Not waren, haben wir sie willkommen geheißen, als Nachbarn und als Muslime, aus religiösen Gründen, das war okay. Aber jetzt geht es ihnen gut und manche behandeln uns als würden wir auf ihrem Land leben. Sie kriegen alles von den NGOs umsonst und uns gegenüber verhalten sie sich wie: ‚wer bist du denn schon, was willst du denn von mir?‘ Ihr Verhalten ist arrogant…nicht schön. Wenn sie nicht zurück nach Myanmar wollen oder sonstwohin, dann müssen sie eben in einem abgegrenzten Gebiet bleiben. Und zwar nur dort, und dort müssten sie dann ruhig und wie normale Menschen leben. Ich hab von Nachbarn und anderen Leuten gehört, dass die Rohingya auf eine Insel gebracht werden sollen. Aber ich weiß nicht mehr darüber.“

local Farida Akter, 30j bearbeitet

Farida Akter, 30 Jahre

Da ist sie wieder, die ‚Insel-Lösung’… Schon seit Jahren ploppt diese Idee immer wieder auf. Und ebenso lange laufen Menschenrechtsorganisationen Sturm gegen diese Idee. Denn der Plan ist, mindestens 100.000 Rohinga auf eine Insel im Golf von Bengalen zu verfrachten. Lange Zeit waren kaum mehr Infos darüber rauszukriegen, selbst der Name der Insel war nicht klar. Manche sprachen von Thengar Char, andere von Bashan Char. Sicher war nur, dass es eine Schwemmlandinsel ist, also eine Art Sandbank, die sich in den letzten 20 Jahren im Golf von Bengalen gebildet hat.

Erst im Januar 2018 erfahre ich mehr: Ein bengalischer Bekannter, der über Kontakte zu Hilfsorganisationen und der Regierung verfügt, erzählt mir bei einem Treffen in Frankfurt, dass es Satelliten-Bilder der Insel Bashan Char gäbe, worauf ganz deutlich zu sehen sei, dass dort gebaut werde. Die Nachrichtenagentur Reuters hat daraus mittlerweile eine Art Slide-Show gemacht, die ständig aktualisiert wird. Die Luftaufnahmen zeigen Bilder von Januar 2017 bis Dezember 2018. Auf diesen Aufnahmen kann man deutlich sehen, dass auf der Insel gebaut wird. Straßen sind zu erkennen und ein Hubschrauber-Landeplatz. Auf den Aufnahmen vom Mai 2018 sind bereits Gebäude und Dämme zu sehen. Aber mehr war lange Zeit nicht herauszufinden. Die Regierung von Bangladesch hatte Bashan Char zum Sperrgebiet erklärt. Das heißt, kein Reporter, kein Fischer und kein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation durfte auf die Insel. Die Informationen waren dementsprechend dürftig. Sie sei sehr flach, erzählten Fischer, die die Insel jahrelang als Zwischenstopp bei ihren Tagestouren nutzten, denn von Bashan Char aus seien es mindestens noch drei Stunden mit dem Motorboot bis zur nächsten bewohnten Siedlung auf dem Festland. Bei jedem Sturm und während der Monsunzeit sei der Großteil komplett überschwemmt, der Boden versalzen und wohnen könne man da nicht. Nur Piraten würden die Insel ab und zu als Stützpunkt nutzen.

 

Im Herbst 2018 tauchen dann plötzlich Bilder von der Insel in regierungsnahen Zeitungen auf: Baupläne von Architekten, auf denen die Einteilung der langgezogenen Baracken zu sehen war. Auch einige wenige Fotos von den Baustellen.

Offenbar hat die Regierung von Bangladesch das Sperrgebiet für einige handverlesene Journalisten geöffnet. Und im Dezember 2018 gelingt es einem Fernsehreporter des amerikanischen Senders ABC- News heimlich auf die Insel zu kommen und die Baustellen im Südwesten der Insel zu filmen. Der Film zeigt eine Siedlung, die ein bisschen an eine römische Garnisonskaserne erinnert: Unzählige Langhäuser stehen hier auf engstem Raum in rechtem Winkel zueinander, bilden jeweils ein Karree. Sie sind aus Beton, haben leuchtend rote Satteldächer und stehen nicht direkt auf der Erde sondern auf Stelzen. Die einzelnen Räume sind klein, in den meisten ist gerade mal Platz für zwei Stockbetten. 1440 dieser Baracken soll es schon auf der Insel geben und in jeder einzelnen sollen 16 Familien untergebracht werden.

Soweit die Situation auf der Insel. Geplant war, dass die ersten Rohinga im November 2018 dorthin gebracht werden sollen, aber die Rohinga weigern sich….und viele Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen sind strikt gegen diese ‚Insel-Lösung‘.

Fortsetzung folgt

 

Werbeanzeigen

Changed situation – in the camp

Neun Monate sind vergangen zwischen meinem ersten Besuch in den Rohinga camps und dem zweiten. Und dass sich in diesen Monaten viel getan hat, merke ich schnell. Zuerst mal, weil es unendlich viel schwieriger geworden ist, überhaupt ins Flüchtlingslager zu kommen: „Not possible without a permission“, nur mit einer Genehmigung der obersten Lagerverwaltung also darf man rein. Und die kriegt man nur, wenn man im Auftrag einer NGO unterwegs ist oder als akkreditierter Journalist. Ein Problem für mich, denn ich bin beides nicht. Aber rein muss ich trotzdem, nicht nur weil ich mir unbedingt selbst ein Bild über die Zustände von dem Ort machen will, an dem mittlerweile rund eine Million Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Sondern auch, weil ich zwei Damen versprochen habe, mit ihren Spenden den child friendly space, den Kinder-Bereich einer Hilfsorganisation zu unterstützen.

Es war nicht leicht. Aber letztendlich hab ich es dank meines Netzwerks wieder mal geschafft, das Unmögliche möglich zu machen. Und dann war ich drin, wieder im Lager Balukhali und genau auf dem gleichen Weg wie im Januar 2018 – theoretisch wenigstens. Denn tatsächlich hat sich das Lager ziemlich verändert ind den neun Monaten:

Die Wege sind zwar immer noch aus gestampftem Sand, aber sie wirken jetzt sauber und strukturiert – es hat ein bisschen gedauert, bis ich kapiert habe warum: Neben den Hauptwegen sind jetzt kleine Kanäle angelegt, Rinnen aus Bambus, in denen jetzt das Regenwasser, aber auch alle anderen Flüssigkeiten des Alltags abfließen. Außerdem gibt es jetzt viel mehr richtige Brücken, nicht mehr nur nebeneinandergelegte wackelige Bambusstangen. Die Hügel hoch geht’s jetzt nicht mehr über rutschige, ausgetretene Pfade, sondern über befestigte Stufen. Die Hügel sind zum Teil mit Sandsäcken vor dem Abrutschen bei starkem Regen geschützt und selbst die Flüchtlingshütten wirken zum Teil viel stabiler.

Und dann gibt es noch eine immens wichtige Neuerung: Die Toiletten werden jetzt regelmäßig geleert!!! Einige NGOs haben eine Art Klär-System entwickelt – ich hab mir das natürlich genauer er-klär-en lassen (sorry, der Kalaurer musste jetzt sein 😉 ) Es gibt jetzt jedenfalls mehrere zwei-Mann-Teams, die systemmatisch jede Toilette nach einem rollierenden System leeren. Dazu schaufeln sie den Inhalt der Sickergruben in blaue Plastiktonnen, die sie dann an langen Bambusstangen zu den vorbereiteten Klärgruben bringen. Dort werden die Feststoffe aus den Toiletten zum Trocknen ausgebreitet und später als Dünger verwendet.

Erstaunlicherweise stinken diese Felder nicht – offenbar haben sich die Gase in den Sickergruben der Toiletten schon verflüchtigt. Trotzdem, könnte man mit den Exkrementen so vieler Menschen nicht besser eine Biogasanlage betreiben? Das gehe leider nicht, wird mir erklärt. Die Ausscheidungen von Menschen würden dafür nicht taugen, das gehe nur mit Tierkot. Aha, sag ich…und beiß mir dann auf die Zunge. Denn noch vor kurzem hab ich gelesen, dass Forscher mittlerweile aus Urin Strom und Wasserstoff gewinnen können und Slum-Klos für Biogas-Gewinnung nutzen… Wie auch immer, Hauptsache die Klos werden jetzt geleert und das Trinkwasser nicht mehr verseucht.

Insgesamt fällt mir auf, dass das Lager jetzt noch dichter besiedelt ist als im Januar. Ist ja auch kein Wunder: Etwa 1,1 Millionen Rohinga sind jetzt in Bangladesh registriert, hat Premierministerin Sheikh Hasina im September 2018 gesagt. Und die sind auf etwa 13 Quadratkilometer zusammengepfercht. Wobei, offenbar werden die Lager wieder erweitert. Jedenfalls sind mittlerweile noch weitere Hügel gerodet worden und noch warten sie auf Flüchtlingshütten

Soweit die äußeren Veränderungen im Camp. Aber mich interessiert auch, wie es den Rohingas jetzt geht, was sich an ihrer Situation geändert hat. Deshalb will ich mich nochmal mit Nur Mohammad treffen, dem Mahji, den ich im Januar kennengelernt habe. Aber vorher läuft mir noch diese junge Dame über den Weg:

Na? Habt ihr sie erkannt? Das ist Sahera, das Mädchen, das ich im Januar in ihrer Hütte besuchen durfte (https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/07/24/make-up-against-reality/ ). Es gehe ihr gut, sagt sie schüchtern, sie habe jetzt sogar ein paar Freunde. Ob sie noch immer Englisch-Lehrerin werde wolle, frag ich…da wird sie rot und dreht sich verschämt weg…upps. Hab ich da einen wunden Punkt erwischt? Oder hat sie mich nicht richtig verstanden? Immerhin ist der Dolmetscher noch nicht da.

Dafür aber der Mahji. Nur Mohammad hat sich kaum verändert. Immer noch drahtig, allerdings jetzt mit Bart. Er dirigiert mich zu einer leeren Hütte, weist seine Leute an, drei Stühle zu bringen und befiehlt dann absolute Ruhe für das Interview.

Ja, es habe sich einiges verändert, bestätigt der Mahji. Es sei alles sehr viel strukturierterter als bei unserem letzten Treffen. Familien hätten sich gefunden, die meisten Familien müssten nicht mehr mit Holz kochen, sondern haben jetzt kleine Gaskocher bekommen, die zugeteilten Lebensmittel seien jetzt nicht mehr so einseitig, auch Obst und Gemüse sind jetzt darunter und die oberste Campleitung koordiniert jetzt auch die Projekte der NGOs. Dadurch ist jetzt alles ausgewogener verteilt, also zum Beispiel nicht mehr drei Schulen dicht nebeneinander, sondern es wird nach dem Bedarf geschaut und dass jeder Block versorgt ist.

Was er nicht sagt oder vielleicht noch gar nicht weiß: Das Mahji-System (siehe auch: https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/03/17/the-maghi-system/ ) soll abgeschafft werden, also auch seine ‚Stellung‘ im Camp wackelt. Die Lagerverwaltung hat nämlich bemerkt, dass viele Mahjis ihre Position ausnutzen, tricksen. Zum Beispiel bei Lebensmittelausgaben angeben, sie betreuten 120 Menschen obwohl es nur 100 sind. Auch von Korruption ist die Rede. Jedenfalls soll in Zukunft in jedem Block eine geschulte Gruppe das Sagen haben, gemischte Kommittees, die gemeinsam Entscheidungen treffen und auch nach bengalischem Recht Strafen verhängen dürfen.

Camp impressions (101) bearbeitet

Im Lager sei das Leben jetzt leichter, sagt Nur Mohammad und wiegt den Kopf . Aber die Stimmung gegenüber den Rohinga habe sich verändert. Die Bangladeshi seien zwar nicht gerade aggressiv, aber immer öfter kämen Sprüche wie: „Jetzt reicht’s, geht endlich weg, woanders hin“. Manche hätten ihnen sogar eine Art Vertrag hingehalten: „Ihr könnt länger bleiben, aber dann müsst ihr Miete zahlen für das Land, auf dem ihr lebt“

Auch im Lager selbst, unter den Rohinga verändere sich die Stimmung langsam, meint der Mahji. Anfangs waren alle nur froh, einen sicheren Platz zu haben, ohne Angst irgendwo leben zu können. Und sie waren überwältigt von der enormen Hilfsbereitschaft der Bangladeshi, die alle ihren muslimischen Brüdern und Schwestern aus dem Nachbarland helfen wollten. Aber jetzt mache sich wieder Angst breit. Denn nach über einem Jahr hier in Bangladesch sei ihre Zukunft immer noch völlig ungewiss. Sie dürften offiziell nicht arbeiten, seien immer abhängig von anderen. Keiner weiß, wo sie nächstes Jahr sein werden und dadurch könnten sich auch kein neues Leben aufbauen.

Ist eine Rückkehr nach Myanmar für sie denkbar, frag ich. Nur Mohammad wird unruhig, wirkt unentschlossen. „Wenn wir in den nächsten fünf, sechs Jahren immer noch hier sind, dann wird es richtige Probleme geben, weil unsere Familien zum Beispiel immer größer werden, der Platz hier würde dann zu klein, wir können nicht mal mehr so leben wie jetzt.“ Die meisten wollen jetzt schon wieder zurück und nicht länger im Lager bleiben. Sie würden sofort nach Myanmar gehen, wenn sie dort die Staatsbürgerschaft kriegen würden, die Garantie, dass sie dort sicher wären und wenn sie ihr Land wieder zurück bekämen. Dann gingen sie zurück nach Myanmar – vorausgesetzt, sie würden als Rohinga, als eigenständige Volksgruppe akzeptiert. Aber – und dieses Aber kommt heftig – nichts deutet darauf hin, dass das passieren könnte. „Was ich über die Situation in Myanmar für die Heimkehrer gehört habe ist, dass sie für uns auch Flüchtlingscamps errichtet haben, dort sollen wir wohnen. Soweit ich weiß sind das niedrige Massenunterkünfte, eine dicht neben der anderen, Baracken. Und in der Mitte eine schmale Straßen. Das ist kein guter Ort.“

Und auch die Gerüchte über die Pläne der bengalischen Regierung würden die Unsicherheit seiner Leuten verstärken, sagt der Mahji. „Ich habe von dem Plan gehört, dass 100.000 Rohinga auf eine Insel verfrachtet werden sollen. Und keiner von uns will da hin, weil es dort Überschwemmungen gibt, Zyklone und das Meer ist ja auch gefährlich. Wir haben Angst davor, wir wollen da nicht hin.“

 

Fortsetzung folgt

 

 

 

 

 

visions and reality

Als ich im Januar 2018 zum ersten Mal die riesigen Flüchtlingscamps der Rohinga besucht habe, wurde zufällig gerade ein sogenannter ‚child-friendly space‘ eröffnet – in diesem Fall ein Kooperationsprojekt von einer lokalen und deutschen  Hilfsorganisationen.

Die Idee ist, für die vielen Kinder im Lager einen Raum zu schaffen, wo sie die Greueltaten in Myanmar und auf der Flucht vergessen können, wo sie auch nicht an den oft anstrengenden Alltag im Camp denken müssen, sondern einfach nur Kind sein dürfen.

Und tatsächlich sind diese kinderfreundlichen Räume für die Rohinga-Kinder oft sowas wie ein Paradies – ein Spieleparadies! Denn die meisten mussten all ihre Spielsachen in Myanmar zurücklassen oder haben sie auf der Flucht verloren. In diesen ‚child-friendly spaces‘ aber gibt es Attraktionen, von denen die Rohinga-Kids bisher noch nichtmal geträumt hatten

Puzzles, Steckbausteine, Brettspiele, Geschicklichkeitsspiele, ein Trampolin und sogar eine Rutsche – manche Kinder standen bei der Eröffnung fast andächtig vor all den bunten Spielsachen. Die Rutsche hatte es allen besonders angetan, sie war zeitweise so begehrt, dass sie schon bedenklich ins Wanken kam. Zum Glück hatten die Hilfsorganisationen auch an Menschen gedacht, die die Kinder betreuen sollten. Am Eröffnungstag waren sie vor allem damit beschäftigt, dass jedes Kind mal rutschen durfte und dass auch die Kinder, die an den Fenstern hingen, nach und nach ins neue Spiele-Paradies kommen konnten.

Dieser spezielle Raum für Kinder sollte aber noch mehr leisten, als ’nur‘ Spiele, wurde mir von den Mitarbeitern erklärt. Speziell in diesem ‚child-friendly space‘ soll es inklusiv zugehen, besonders Kinder mit Behinderungen sollten dort willkommen sein. Außerdem plane man, den Kids spielerisch auch etwas beizubringen. Wie man richtig Zähne putzt zum Beispiel oder wie man gutes von schlechtem Trinkwasser unterscheiden kann. Solche Informationen sollten über Sing- oder Klatsch-Spiele vermittelt werden, vielleicht sogar über ein kleines Puppentheater…. So jedenfalls war der Plan im Januar, bei der Eröffnung dieses ‚child-friendly spaces‘.

Knapp zehn Monate später war ich wieder da. Diesmal sogar mit kleinen Geldspenden aus Deutschland, die ausdrücklich für den neueröffneten Kinder-Raum gedacht waren. Den Weg dorthin kannt ich ja schon – aber irgendwie hatte ich den subjektiven Eindruck, dass es inzwischen sogar noch mehr Kinder im Camp gibt.

Im ‚child-friendly space‘ bin ich diesmal nicht der einzige Besucher. Schon ganz früh morgens gibt es eine Art Team-Treffen dort, weil mehrere junge Frauen und Männer gekommen sind, um sich den Kinderbereich kritisch anzuschauen – ein Expertenteam speziell für die Arbeit mit Kindern.

Dann kommen die ersten Kinder. Jungs vor allem, die sich gleich auf die großen Carom-Bretter stürzen. Offenbar ist diese asiatisch Billiard-Variante, bei der man kleine Holzscheiben mit dem Finger übers Brett schnippt, gerade sehr beliebt. Die Plastikrutsche gibt es auch noch, allerdings macht sie mittlerweile nicht mehr den stabilsten Eindruck. Ein kleines Mädchen steckt mit einer unglaublichen Ernsthaftigkeit bunte Pins zu einem Bild und gleich daneben versucht sich ein anderes am Turmbau.

Die Kinder haben Spaß, keine Frage. Aber es fällt schon auf, dass nur sehr wenige da sind. Durch das Spezial-Team für Kinderbelange, das verschiedene Hilfsorganisationen im Camp berät, sind es heute sogar mehr Erwachsene als Kinder in dem Raum. Seltsam. Wie kommt das?

Die Konkurrenz ist mittlerweile sehr groß, bekomme ich als Antwort. Fast jede NGO im Camp bietet mittlerweile solche ‚child-friendly spaces‘ an und machen haben neueres oder sogar mehr Spielzeug, da gehen die Kinder lieber dort hin. Ich schau mich um. Tatsächlich ist von den Spielzeugbergen zur Eröffnung nicht mehr viel da. Der Verschleiß ist bei so vielen Kindern natürlich groß, das kann auch jede deutsche Kita bestätigen. Dazu kommt, dass nicht jeder Kinderbereich sich wirklich Fachkräfte leisten kann, also Leute, die pädagogisch geschult sind, die wissen, wie man Kinder motiviert und spielerisch Lerninhalte vermittelt. Wie so oft sind da die Möglichkeiten von Hilfsorganisationen beschränkt. Denn Spender wollen ihre Gelder oft gezielt in Spielsachen oder eine tolle Ausstattung stecken – das macht sich dann auch gut auf den Bildern, die man auf die Firmenseite stellen kann, für die Organisation oder womöglich sogar Verwaltungsarbeit in Projekten stehen aber oft wenig Spendengelder zur Verfügung.

Besonders tragisch ist das für Hilfsorganisationen, die den Kindern mehr als Spaß bieten wollen…. Die Inklusion zum Beispiel, die sich die NGO hier auf die Fahnen geschrieben hat, findet dadurch nur selten statt. Die Tabelle auf dem linken Bild zeigt die traurige Bilanz eines Tages: In der Spalte CWD, also child with disability, war am 12.11.2018 gerade mal ein kleiner Besucher mit Behinderung verzeichnet.

Ich merke, dass die Mitarbeiter richtig geknickt sind. Sie sind so voller Elan an dieses Projekt herangegangen, haben soviel zu geben – nur wie man die Kinder anleitet, das Wissen vermittelt, das wissen sie selbst manchmal nicht so richtig.

Das Experten-Team, das zu Besuch ist, aber schon! Deren Fazit ist eindeutig: Erst muss neues Spielzeug her, muss der Kinderraum attraktiv und spannend gemacht werden, dann kommen auch mehr Kinder und erst dann kann auch Wissen vermittelt werden. Und außerdem muss dringend spezielles inklusives Spielzeug angeschafft werden. Bälle mit Glöckchen zum Beispiel, Tast-Domino-Steine, bei denen die Punkte erhaben sind oder auch Fühlbücher. Und die Mitarbeiter müssen geschult werden. Denn oft reichen schon kleine Tricks und man kriegt eine ausgelassene Stimmung in eine Kindergruppe – egal ob mit oder ohne Behinderung. Und einer dieser Tricks wird auch gleich ausprobiert: SINGEN! Da sind gleich alle dabei – sogar ein englisches Lied geben die Kids zum besten (auch wenn ich etwas Fantasie gebraucht hab, um den Text und auch die Melodie zu erkennen…twinkle, twinkle, littala storrr)

Children’s interaction

Geburtstagsparty! Die kleine Nuha freut sich schon seit Tagen auf ihren dritten Geburtstag und ist völlig aus dem Häuschen, als die ersten Gäste eintreffen. Es kommt vor allem Familie, aber auch Freunde der Eltern. Für mich ist das eine gute Möglichkeit, die Kinder und Eltern zu beobachten.

Während schon die ersten Gäste eintreffen, wird noch dekoriert: Vor allem bunt muss es sein! Deshalb blasen wir Erwachsenen viele Luftballons auf – das ist leicht – und versuchen danach Luft in die Happy-birthday-Buchstaben zu kriegen. Das ist schon schwieriger, denn der chinesische Hersteller hat zwar die knalligen Zellophan-Lettern verpackt, nicht aber das Mundstück, mit dem man die Luft reinblasen kann. Also werden Strohhalme gesucht, gekürzt und damit klappt es tatsächlich.

2018-11-06 Nuha's birthday (2) bearbeitet

Alle Deko soll an eine Wand, so die Anweisung. Und zwar an die, vor der nachher die Geburtstagstorten aufgeschnitten werden – damit es schöne (gemeint sind bunte) Fotos gibt. Mit Klebefilm, Powerstrips, Klebeband und wird alles mit Schmackes an die Wand gepinnt und es stört keinen, dass der Putz an manchen Stellen dabei weggerissen wird. Sobald die Deko hängt, geht’s dann auch los: Die Kinder der Familien erobern den immerlaufenden Computer, aktivieren eine Mischung aus Kinderlieder und Kitsch-Bollywood-Songs und fangen an zu tanzen.

Nach und nach kommen immer mehr Gäste, die sich auf die Sessel, Sofas und alle Betten im Haus verteilen. Denn die Betten sind immer gleichzeitig auch Sitzgelegenheiten und es ist üblich, dass auch alle Räume von jedem genutzt werden – so was wie Privatsphäre oder verschlossene Räume gibt es nicht. Das heißt, auch mein Zimmer kriegt Gäste….und zwar die kleinen.

2018-11-06 Nuha's birthday (45) bearbeitet2

Die Verständigung läuft erstaunlich gut, weil die drei Großen gut Englisch können. Ich schlage vor, dass wir was zusammen spielen – und löse damit Begeisterungsstürme aus….denn mittlerweile weiß ich: Das ist nicht üblich! Erwachsenen spielen fast nie mit den Kindern.

Wir aber schon! Zum Beispiel ein Spiel, dass ich dem Geburtstagskind geschenkt habe: Auf kleinen Kärtchen sind verschiedene Dinge abgebildet, ein Apfel zum Beispiel, ein Stück Käse, ein Bonbon und so weiter. Und zu jedem dieser Bilder gibt es das Orginal in Form eines Holzteilchens, das aber jeweils in Säckchen versteckt ist. Ein Bildkärtchen wird aufgedeckt und alle Mitspieler versuchen das entsprechende Holzteilchen durch das Säckchen hindurch zu ertasten. Erstaunlicherweise haben auch die Großen an diesem Spiel viel Spaß, immer wieder kommt das Wort ‚abar‘ – ’nochmal‘. Und die Älteste erklärt mir, dass sie solche Spiele gar nicht kennen. Außer der bengalischen Variante von ‚Mensch-ärger-dich-nicht‘ oder Carom, einer Art Billiard, bei dem man Holzscheiben mit dem Finger schnippt, kenne sie keine Brett- oder Tischspiele. Macht ja nix. Es geht ja auch ohne. Beim Nachmach-Spiel zum Beispiel: Einer oder eine macht möglichst krude Bewegungen vor und die anderen müssen die nachmachen….offenbar ist unser Gelächter dabei so laut, dass doch tatsächlich eine Mutter den Kopf ins Zimmer steckt.

2018-11-06 Nuha's birthday (1) bearbeitet2Ich bin nicht ganz sicher, ob sie nur erstaunt ist, dass wir so viel Spaß zusammen haben oder ob sie mich für völlig verrückt hält, weil ich diese Gesellschaft der der Erwachsenen vorziehe. Aber ganz ehrlich, die erhitzten Gesichter der Kinder, ihre strahlenden Augen und das uneingeschränkte Vertrauen, das mir hier entgegenschwappt – das kann kein small talk und keine noch so krude Klatschgeschichte von nebenan toppen.

 

The ‚gold‘ of the Khasi people (Fortsetzung)

Egal wohin wir kommen im Dorf der Khasi von Jaflong, die Queen kennt hier jeder. Sie wird immer respektvoll gegrüßt, aber nicht unterwürfig, und oft in ein kleines Schwätzchen verwickelt. „Nur mal kurz ’ne Runde drehen“ wird so zu einem Ausflug von mehreren Stunden und offenbar ist Nerola Tynsong dabei völlig egal, dass wir eigentlich eine Verabredung zum Lunch bei ihrer Freundin haben. Egal. Sie nimmt mich mit zu Verwandten, erst im eigenen Dorf, dann im Nachbarort. Und egal wo wir hinkommen, immer wird Nerola Tynsong erstmal eines angeboten: Paan.

Gemeint ist damit das, was mir bei meiner allerersten Bangladesch-Reise als ‚der bengalische Kaugummi‘ präsentiert wurde (https://yvonnekoch.wordpress.com/2014/11/15/want-to-try-paan-der-bengalesische-kaugummi/), manche nennen es auch ‚Betelbissen‘. Das Kauen von Paan ist eine alte Tradition in Indien und Südostasien, allerdings ist es nicht nur ein Genussmittel oder ein Zeitvertreib wie Kaugummikauen, sondern auch ein Rauschmittel.

Als ich die Queen frage, ob Paan tatsächlich berauschend wirkt, lacht sie nur. „Iwo! Und wenn überhaupt, dann nur beim ersten oder zweiten Mal, das ist wie bei der ersten Zigarette, da wird dir auch etwas schummerig im Kopf, aber das ist dann bald auch vorbei“. Und bei den Khasi kaue sowieso jeder Paan. In der Regel fängt man mit 13, 14 damit an, verrät mir die Kong und grinst über mein entsetztes Gesicht. Nein, da habe hier niemand was dagegen, Paan sei hier keine ’schlechte Angewohnheit‘. Paan sei ein Teil ihrer Kultur. Wichtig als Einkommensquelle, als Teil der Rituale und Ausdruck ihres Lebensgefühls. Vor allem bei den Frauen, scheint mir. Denn gerade bei ihnen fallen mir die Spuren von Paan extrem auf: Gaumen, Zunge und Zahnfleisch sind orange-rot gefärbt, die Zähne oft schwarz. (Hier ein anschauliches Bild, das ich im Netz gefunden habe, allerdings von einem Mann:)

800px-Betel

Foto: Heike Zimmermann, Uni Marburg

Auch im übrigen Bangladesch wird Betel gekaut, aber es wird als eine Sucht angesehen, eben wie Zigarettenrauchen. Bei den Khasi nicht…vielleicht kauft man deshalb hier Paan auch nicht am Kiosk, wie eine Packung Gauloise. Bei den Khasi wird Paan selbst gemacht, es scheint eine Art Ritual zu sein. Jedenfalls wird in jedem Haushalt, den wir besuchen, kaum das wir sitzen ein kleines Kästchen gebracht, etwa so groß wie eine schmale Schublade. Und darin sind alle Zutaten, die man für das beste Paan in ganz Bangladesch braucht, versichert die Königin der Betelplantagen und bereitet dann konzentriert, geschickt und fast ein bisschen andächtig einen Betelbissen vor.

Zuerst ist da die Betelnuss, die orangene Frucht der Betelpalme. Orange ist aber nur das Äußere, die Schale. Die Nuss selbst ist etwa so groß wie eine Muskatnuss, sie wird vom Fruchtfleisch entfernt, gesäubert und dann in Stückchen gebrochen. (Je frischer die Nuss, desto berauschender die Wirkung, wurde mir gesagt…und die Nuss hier sind quasi taufrisch, denn im November ist Erntezeit bei den Khasi.) Danach geht es an die Blätter des Betelpfeffers, also dieser Rankpflanze, die die Khasi ebenfalls in ihren Gärten anbauen. Für einen Betelbissen wird ein frisches Blatt halbiert, der Strunk entfernt. Auf die Blatthälfte wird dann eine weiße Paste aufgetragen. Das sei ‚lime‘, sagt die Queen, aber ich musste nachschlagen, was sie damit meint. Es ist Kalk, genauer gesagt gelöschter Kalk. Er sorgt dafür, dass sich die Substanzen des Paan verbinden und über die Mundschleimhaut ins Blut gelangen. Das Blatt mit dem Löschkalk und dem Nusstückchen wird dann sorgfältig eingeschlagen und gewickelt, bis ein kleines Päckchen entsteht, etwa so groß wie ein Fingerglied. Und das verschwindet, schwupps, im Mund der Queen.

In den zwei Tagen, die ich mit Nerola Tynsong verbringe, sehe ich diese ‚Zeremonie‘ unzählige Male. Manchmal wird sogar noch ein bisschen Tabak in den Betelbissen gepackt. Ich war ja manchmal mit Interviews oder dem Fotoshooting beschäftigt, aber so grob hab ich mitgezählt: Die Queen hat am Tag mindestens acht Paan-Portionen gekaut – allerdings muss ich ihr zugute halten, dass sie den eckligen orangegefärbten Speichel nicht ausspuckt, jedenfalls hab ich das nie gesehen.

Jaflong_Khasi people (192) bearbeitet

Ach und noch ’ne witzige Info am Rande, hab ich in Wikipedia gefunden: Beim Kauen des Betelpfeffers wird anscheinend die DNA im Mund vorübergehend neutralisiert, was zu Problemen beim Analysieren von Speichelproben führen kann…. 😉

Jaaaaa und natürlich wurde mir der Betelbissen auch angeboten. Erst hab ich abgelehnt, weil ich noch bitteren Geschmack von meinem ersten Paan-Erlebnis in Erinnerung hatte. Aber als die Queen mir versicherte, dass der Khasi-Paan weit weniger herb, eher sogar ein bisschen süßlich sei, war ich kurz tatsächlich in Versuchung – bis mich die Gastgeberin  orange-rot anlächelte. Da war die Versuchung schlagartig wieder vorbei!

 

Animists and Christians – no opposite for the Khasi (Fortsetzung)

Rishon Kong Wang kauert in etwa zwei Meter Höhe auf einer Art Stein-Portal und bemalt eine Tonfigur darauf mit knalligem Rot und Blau. Die Figur stellt einen Hahn dar. Und der Mann, der sie verschönert, ist der Priester der Khasi-Gemeinschaft hier in Jaflong, im Norden von Bangladesch. Genauer gesagt ist er einer der Priester. Denn Rishon vertritt nur die Animisten, die Christen hier haben ihre eigenen Gottesmänner, einen für die Katholiken und einen für die Presbyterianer.

jaflong_khasi people (295) bearbeitet

Behände klettert der kleine Mann vom Eingangsportal herunter und weist mit einer weit ausholenden Geste auf die wild wuchernde Natur dahinter: „Das ist unser heiliger Garten, der Hain, in dem wir die Rituale zelebrieren. Nicht alle, manche kann man auch Zuhause machen.“ Aber es sollte schon ein Baum, ein Fluss oder auch ein besonderer Stein in der Nähe sein, denn in jedem dieser Natur-Elemente steckt für die Animisten ein Stück des alles umfassenden Schöpfers, quasi seine Seele. Deshalb verehren sie Flüsse, Bäume oder auch Tiere wie Gottheiten.

Queen Kong (sorry, ich musste dieses Sprachspiel machen) hat mir Rishon schon am Vortag vorgestellt. Auch er ist mit ihr verwandt, ich glaub ein Cousin oder so. Jedenfalls ist er einer der wenigen Khasi in Bangladesch, die noch nach den alten Bräuchen leben, denen alles in der Natur heilig ist. Deshalb wird bei den Animisten jede Naturgottheit  mit komplizierten Ritualen und Zeremonien geehrt, erklärt Rishon: „Wir brauchen viele Dinge für ein Ritual, je nach Ritual andere. Aber es ist immer Wasser dabei, Reisschnaps, Betelnüsse und -blätter und Öl. Auch sehr wichtig sind handgemachter Reiskuchen, Reis und in manchen Ritualen Puffreis, dann noch Hühner, Ziegen, Vögel und Enten.“ Alles Dinge, die im Alltag des Khasi-Volkes eine große Rolle spielen. Für die Zeremonien wird alles kunstvoll drapiert, aus Reis und Betelblättern werden zum Beispiel kleine Schiffchen geformt, jede Zutat hat einen bestimmten Platz. Denn das Gleichgewicht, die Ausgewogenheit der Dinge, ist bei den Khasi wichtig

Rishon erklärt es genauer: „Wenn wir zum Beispiel ein Huhn oder einen Hahn opfern, müssen wir die Eingeweide begutachten, ob irgendetwas defekt oder gerissen ist. Schon die kleine Fehlbildung ist ein Zeichen, dass der Schöpfer das Ritual nicht annimmt und wir es wiederholen müssen. Bei vielen Innereien vergleichen wir die rechte und linke Seite und wenn die nicht gleich sind, zeigt das, dass der Schöpfer nicht einverstanden ist.

Rishon grinst verschmitzt, weil sich mittlerweile viele Kinder um uns versammelt haben und neugierig zuhören. Nur wenige von ihnen sind bekennende Animisten wie er, erklärt er, aber das mache nichts aus. Denn im Prinzip sei die Khasi-Religion sowieso die Basis von allem, meint er: „Ich persönlich bin wahnsinnig stolz auf meine Religion, denn sie reicht zurück bis zur Entstehung der Welt, bis zum Ursprung von allem, bis zu der Zeit als der Schöpfer alles schuf. Alle anderen Religionen kamen erst später.“

Auf jeden Fall hatte das Khasi-Volk erst später Kontakt zu anderen Religionen. In Bangladesch brachten vor allem britische Missionare Mitte des 18. Jahrhunderts den christlichen Gott mit. Und nach und nach konvertierten immer mehr Ureinwohner zum Christentum. Rund 70% der Khasi bekennen sich heute vor allem zur protestantischen, aber auch zur katholischen Kirche. Auch Queen Nerola Tynsong ist Christin. Für die Gemeinschaft sei das kein Problem, sagt die 43jährige. Und als ich sie frage, was den der Hauptunterschied zwischen Christentum und Animismus sei, denkt sie kurz nach und sagt dann: „In gewisser Hinsicht ist es ähnlich: Wir als Christen, wir beten zu Gott, der ja auch unser Schöpfer ist und wenn die Animisten beten, dann sprechen sie auch den Schöpfer an, nicht wahr?“ Ich nicke. Und mir fällt ein, dass ich beobachtet habe, dass die Queen vor jedem Essen ein kleines stilles Gebet spricht…sie danke Gott für diese Gabe, hat sie mir erklärt. Und mir schießt durch den Kopf, dass dieser stille Dank oder auch das Abendmahl Ähnlichkeit mit den Ritualen der Animisten haben, nur eben in einer ‚abgespeckten‘ Form.

Die Khasi-Königin nimmt mich mit auf einen Spaziergang durch ihr Reich: Riesige Wälder mit ungewöhnlich hohen Bäumen. Darunter viele Palmen, an denen etwa pflaumengroße, orangene Früchte hängen: die Betelnüsse. Und an anderen Bäumen ranken sich Kletterpflanzen mit handgroßen Blättern empor, das ist der sogenannte Betelpfeffer. Mir fällt auf, dass die Wälder unglaublich gepflegt aussehen, fast wie ein Garten, es gibt kaum Unterholz oder Wildwuchs. Moment, da leuchtet doch irgendwas Blaues durch die Bäume…. Das sei ein Grab, verrät die Queen und zwar das ihres Onkels, der ein sehr frommer Mann war und nach seinem Wunsch mitten in einem Betelwald begraben wurde – obwohl er Christ war. Tatsächlich sind die Wälder auch für die christlichen Khasi eine Art heiliger Hain, betont Nerola Tysong. „Wir leben von den Betelblättern und –Nüssen. Die Gärten sind eine Art heiliger Raum für uns, wir erlauben keinem Fremden hier einzutreten. Und bevor jemand die Blätter ernten darf, muss er zuerst ein Bad nehmen und sich gründlich reinigen. Es ist eine Art von Respekt gegenüber der Natur und der Reinheit. Ohne diese Reinigung darfst du die Blätter nicht abschneiden.“ Die Queen verstummt, fährt mit der Hand durch die blondierten Locken und scheint nachzudenken. Möglicherweise, sagt sie dann, war und ist die christliche Religion für die Khasi genau deshalb so attraktiv, weil auch sie den Respekt vor der Schöpfung lehrt. „Weißt du, wir als Eingeborene, wir brauchen das Feuer, die Luft zum Atmen, wir brauchen den Wald zum Leben, und weil diese Dinge unsere Existenz ausmachen, müssen wir sie respektieren. Für uns ist das alles sehr wertvoll.“

Wir laufen an einer Mauer mit bengalischen und lateinischen Schriftzeichen vorbei (siehe Titelbild). Das sind Bibelsprüche, erklärt die Queen, einmal auf Bangla und drunter auf Khasi. Lange Zeit wurde die Khasi-Sprache nur mündlich überliefert. Aber mit den Briten kam auch die Schrift und die Bibel war das erste, was auf Khasi schriftlich niedergelegt wurde. Eine dieser Khasi-Bibeln hatte ich in der Hand und im Vergleich dazu auch eine englische. Lesen lässt sich das leicht, aber diese Sprache klingt….komplett anders als Bangla…viel asiatischer, mit vielen schwingenden ‚yong‘- und ‚tong‘-Lauten. Laut Wikipedia ist Khasi eine Khmer-Sprache und mit der in Kambodscha und Vietnam verwandt. Nerola Tynsong runzelt darüber die Stirn. Nein, davon weiß sie nichts, ihre Überlieferungen sagen dazu auch nichts.

Wir halten vor einer seltsamen Tür. Sie ist aus Metall, rot angestrichen und hat eine Mittelachse,  wie ein Drehkreuz. Das hier, verkündet die Queen und deutet mit einer großen Geste auf den weiten Platz und die blau getünchten Gebäude, sei die katholische Kirche. Und  nur hier und in der presbyterianischen Kirche um die Ecke können die Khasi  ihre Sprache lernen. Denn in der öffentlichen Schule am Ort darf nur Bangla und Englisch unterrichtet werden, so will es die Regierung von Bangladesch.

Fällt Euch was auf? Auch die Kirche ist blau getüncht…wie das Grab vorher… Vielleicht hat die Farbe blau bei den Khasi eine religiöse Bedeutung. Nachfragen kann ich leider nicht, denn die Queen war schon losmarschiert, weiter zum Haus ihrer Tante. Dort soll ich mehr über das gelebte Matriarchat erfahren, wie Männer und Frauen miteinander umgehen, hat sie mir versprochen…

Fortsetzung folgt

 

 

Quite different – the Khasi people

Man kann fast rüberspucken nach Indien, hier im äußersten Nord-Osten von Bangladesch. Der Fluß Goyain bildet hier die Grenze von Jaflong auf bengalischer Seite und Meghalaya auf der indischen Seite. Auf beiden Seiten der Grenze lebt hier das Volk der Khasi, ein Eingeborenen-Stamm, den ich im November 2018 besuchen durfte.

Die Khasi leben schon seeeehr lange in Bangladesch, über 250 Jahre mindestens, heißt es. Aber sie sind eine ethnische Minderheit: Manche Quellen sprechen von 20.000, andere von 50.000 Khasi in Bangladesch. (Zum Vergleich: in Indien leben rund 2 Millionen). Auf jeden Fall unterscheidet sich ihre Kultur komplett von der der Bangladeshi – sie leben zum Beispiel das Matriarchat, das heißt, nur die Frauen in ihrer Gesellschaft sind erbberechtigt und haben das Sagen. Und eine dieser Frauen, die Khasi-Queen von Jaflong, hat mich zu sich eingeladen…

2018-11-19_21 khasi (72) bearbeitet

Ihr seht wahrscheinlich schon, Nerola Tynsong ist eine sehr westlich-orientierte Frau, sie ist in einer Großstadt aufgewachsen, hat in Indien studiert und spricht sehr gut Englisch. Aber sie ist auch die jüngste Tochter in ihrer Familie und das heißt bei den Khasi: Sie erbt den Besitz der Eltern und hat gleichzeitig die Verantwortung für die Familie und in ihrem Fall auch für den Clan und eine ganze Dorfgemeinschaft. Denn bei den Khasi erbt immer nur die jüngste Tochter, die Kadoo. Männer können nicht erben. Wenn also eine Familie nur Jungs hat, fällt der Besitz nach dem Tod der Eltern an die Schwester der Mutter oder zur Not auch an die Schwester des Vaters, die Söhne gehen jedenfalls leer aus.

Die Frauen verwalten also das Geld in diesem Volksstamm – und das hat spür- und sichtbare Auswirkungen: Die Frauen in den Khasi-Dörfern treten zum Beispiel deutlich selbstbewusster auf als ihre Geschlechtsgenossinnen bei den Bangladeshi. Keine hat hier bei Interviews mit mir einen einverständnis-heischenden Blick zu ihrem Mann geworfen oder verschämt die Augen niedergeschlagen, weil sie soviel Aufmerksamkeit nicht gewohnt ist. Und während viele bengalische Frauen beim Lachen die Hand vor den Mund machen, fast als genierten sie sich für ihre Heiterkeit, wird bei den Khasi oft und offen gelacht – auch wenn ich persönlich manchmal durchaus empfehlen würde, die Hand beim Lachen vor den Mund zu legen….aber seht selbst:

Einen rot-orange gefärbten Mund haben hier die Meisten, das liegt am Paan-Konsum – aber dazu später mehr.

Der Einfluss der Frauen sieht man auch an den Dörfern selbst. Denn ich hab in Bangladesch noch nie so saubere und bunte Straßen und Häuser gesehen wie in den Khasi-Dörfern

Und selbst bei der Wäsche ist mir etwas aufgefallen, was bei den muslimischen Bangladeshi undenkbar wäre:

jaflong_khasi-people-118-bearbeitet.jpg

Unterwäsche, weibliche Dessous, die öffentlich zu sehen sind – ein absolutes No-Go bei den muslimischen Mitbürgern.

Aber jetzt komm ich nochmal zur ‚Galionsfigur‘ der Khasi-Gemeinschaft in Bangladesch, Queen Nerola Tynsong. Die 43-Jährige reist viel, oft auf die andere Seite der Grenze, nach Shillong, die Hauptstadt des indischen Khasi-Gebiets. Dort ist sie aufgewachsen, hat dort studiert und ein ziemlich westliches Leben geführt. Aber ihr war immer klar, dass sie als jüngste Tochter später mal das Erbe der Familie antreten müsste. Allerdings kam diese Verantwortung schneller als gedacht, denn ihre Mutter verstarb schon früh. Und Nerola Tynsong musste schon mit Mitte zwanzig ihr Frau stehen. Das war hart, sagt sie heute. Vor allem, weil der Familienbesitz in Bangladesch war und sie die Stellung einer Queen in diesem Nachbarland übernehmen sollte. In Bangladesch darf sie aber gar nicht ‚Queen‘ genannt werden, dass erlaubt die Regierung nicht, hier ist sie ‚Kong‘, was soviel wie ‚erlauchte Lady‘ bedeutet und der Stellung eines Großgrundbesitzers entspricht. Queen Kong steht jetzt also etwa 200 Familien in Bangladesch vor. Wobei viele ihrer Leute nicht in ihrem Dorf, sondern abgeschieden in den Wäldern leben. Nerola Tynsong selbst sich mittlerweile mit ihrer Stellung arrangiert, hat Wasser- und Stromleitungen legen lassen und nach und nach ihre Khasi-Gemeinde an westliche Errungenschaften wie Duschen und Western-Klos herangeführt. Ihr eigenes Haus kann sich jedenfalls sehen lassen:

Für mich war es nicht nur eine Ehre, bei der Khasi-Queen wohnen zu dürfen, sondern vor allem ein großer Spaß – denn Nerola Tynsong liebt Rockmusik, Wildschwein, Bier und ein unabhängiges Leben. Und abgesehen von den Infos zum Matriarchat hab ich durch sie auch noch viel mehr über die Kultur der Khasi gelernt. Aber das erzähl ich Euch in einem anderen Blog-Artikel…

Fortsetzung folgt