Non-ferrous life begins!

Wie waren die Bewohner von Char Charita Bari stolz als sie mich im vergangenen Jahr durch ihr Dorf führten… Neben jeder Hütte war ein kleiner Sanitärbereich mit Waschstelle, Dusche und Toilette. Luxus auf der Schwemmlandinsel, denn davor musste das Wasser im Fluss geholt werden. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, dass das ganze Plateau dieses Dorfes im Überschwemmungsgebiet komplett erhöht und mit Brunnen, Pumpen und Solarzellen ausgestattet wurde (mit Spenden von Clingenburg-Festival-Besuchern). [nachzulesen hier:  https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/08/08/against-all-odds/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/    yvonnekoch.wordpress.com/2017/01/26/after-the-big-flood-char-charita-bari/ ]

Aber schon bei der Besichtigung ist mir aufgefallen, dass das Wasser rote Schlieren hinterlässt. Es sei extrem eisenhaltig, hat man mir erklärt.

Char Charita Bari vor dem Filter

Erst als ich wieder Zuhause war, ist mir das ‚rote‘ Wasser wieder eingefallen. Eigentlich ist Eisen ja ein Mineral, das unser Körper braucht. Aber das Wasser in Char Charita Bari roch extrem metallisch und der Geschmack war auch nicht so lecker. Kann das wirklich noch gesund sein? Also hab ich recherchiert: „Für den Menschen ist Eisen ein lebensnotwendiges Mikroelement, denn es ist vor allem für den Sauerstofftransport des Hämoglobins – der roten Blutkörperchen – zuständig. Der Tagesbedarf für Männer liegt bei etwa 10 mg pro Tag, für Frauen ist er mit ca. 15 mg etwas höher. Werden diese Werte dauerhaft unterschritten führt dies zur Diagnose Eisenmangel. Eine Überdosierung wirkt sich ebenfalls schädlich auf die Gesundheit aus. Bei zu hoher Eisenaufnahme kann sich Eisen in der Leber anreichern und vielfältige Erkrankungen, sogenannte Siderosen, auslösen.“ Außerdem greift das eisenhaltige Wasser auf Dauer auch Leitungen an.

Das hat mich richtig geärgert! Da haben es die 11 Familien im Überschwemmungsgebiet endlich ein bisschen leichter, verlieren nicht jedes Jahr Vieh, Häuser und ihr Leben bei der Flut und sollen jetzt dafür unter diesem blöden Eisen leiden? Denn die ersten Auswirkungen spürten die Bewohner schon: Der 18jährigen Laboni juckt die Kopfhaut, Morgina (23) bemerkt bei der ganzen Familie rot verfärbte Zähne, Momina stellt fest, dass der Reis rötlich aussieht und irgendwie anders schmeckt und bei der 20jährigen Roksana wird das Curry schwarz. Außerdem schmeckt das Wasser schlecht, bei allen. Wobei….diese Beschwerden gelangten lange nicht zu mir. Auch die Hilfsorganisation  CDD, die die Dorferhöhung umgesetzt hat, erfährt davon nichts. Denn die Dorfbewohner wollten nicht undankbar sein, schämten sich, von ihren Problemen zu erzählen.

Aber seit wir wussten, wie schädlich zu viel Eisen im Wasser ist, haben wir lange nach einer Lösung gesucht. Klar gibt es dafür Verfahren, aber chemische kamen nicht in Frage, weil es sich ja nicht um das Wasser für einen Swimming-Pool handelt, sondern um Trinkwasser. Spezial-Filter, wie sie auf dem Markt sind, waren für alle Beteiligten zu teuer. Deshalb waren Gopal und ich soweit, selbst ein Filtersystem aus Sand, Kies und Kohlepartikel zu entwickeln – wenigstens theoretisch hatten wir uns das Basiswissen dafür draufgeschafft, es haperte nur noch an der Umsetzung.

Und dann kam uns der Zufall zu Hilfe: In einem Blog-Artikel von rosarotjulia (https://wordpress.com/read/blogs/117704312/posts/267), einem Bangladesch-Fan, las ich von einem Mann im Süden von Bangladesch, der mit einfachen Mitteln Filtersysteme für alle möglichen Schadstoffe im Wasser baut. Die Blog-Autorin vermittelte den Kontakt, Gopal verhandelte mit dem Filterspezialisten und jetzt stehen die tatsächlich in jedem Haus in Char Charita Bari. Aber seht selbst:

Preisgünstig, einfach und effizient sind diese Filter. Und dass sie einigen Platz in den  kleinen Hütten beanspruchen, nehmen die Dorfbewohner gerne in Kauf. Denn das Wasser ist jetzt wieder klar (siehe Titelbild), es schmeckt richtig lecker und der metallische Geruch ist auch weg. Laboni meint sogar, ihr Haar sei jetzt viel weicher und die Verfärbungen bei Reis, Zähnen, Curry oder Sonstigem sind auch weg. Den dreistöckigen Turm aus Plastikeimern findet der 34jährige Kamrul Hossain sogar richtig chic, denn mittlerweile kommen immer öfter Nachbarn vorbei, um sich das Filtersystem anzukucken: „Meine Frau ist total glücklich über das Ding und wir kümmern uns auch gut darum.“

karmul mit filter

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A privat school in Bangladesh

Privatschule – da denk ich an ehrwürdige alte Gemäuer inmitten von sattem Grün und Tennisplätzen, mit einer imposanten Auffahrt auf der die Ferraris oder Rolls Royces anrollen, um die schnieken Mädels und Buben aus der Haute volée der Bildung an der Eliteschule zuzuführen.

Deshalb war ich auch besonders gespannt auf die Schule meines kleinen bengalischen Freundes Amit. Denn auch er geht auf eine Privatschule und er hat mich eingeladen, sie mit ihm zu besuchen.

schule schild

Aber schon von außen wir schnell klar: Eine Privatschule in Bangladesch ist was ganz anderes als in Europa. Links und rechts der Schule stehen uralte Backstein-Häuser, halb abgerissen, der Schutt liegt zum Teil in großen Haufen einfach davor. Die Schule selbst ist auch aus unverputztem Backstein, im Erdgeschoss, darüber türmt sich ein trist-grauer Betonkasten und das einzige ‚Prunkvolle‘ an diesem Gebäude ist der steinerne Türstock unter dem Schild am Eingang.

Im Eingangsbereich sitzen Frauen auf schmalen Holzbänken, die entlang der Wand aufgereiht sind. Das sind ‚guardians‘ erklärt mir Amit und bevor ich nachhaken kann,  hüpft der kleine Mann schon die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort empfängt uns ein sichtlich aufgeregter Mann in grauem Anzug – der Direktor und Gründer der Schule, Sanjit Sakar.

schule direktor

Mir wurde gesagt, dass er gut Englisch spreche, ich deshalb keinen Übersetzer brauche, er könne mir alle Fragen beantworten….Aber ich merke schnell, dass das eine leichte Fehlinformation war – Viele meiner Fragen werden gar nicht oder mit völlig anderen Infos beantwortet als ich haben wollte. Naja, erstmal werd ich sowieso einfach herumgeführt, soll mir jeden einzelnen Klassenraum anschauen.  Dabei fällt mir auf, dass diese Schule sich kaum von einem Wohnhaus unterscheidet. Die Schule ist auf einem Stockwerk untergebracht, ein langer Gang, von dem etwa 10 Räume abgehen – die Klassenzimmer.

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Wir fangen bei den Kleinsten an, der ’nursery‘, und so wie ich es verstanden hab, ist das vergleichbar mit der Vorschule in unseren Kindergärten. Nur ungleich trister. Der Raum ist grau und fast kahl, nur ein paar Luftballons kleben verloren an der Wand. An zwei zusammengeschobenen Tischen sitzen heute nur vier Kinder, vor sich eine Schere, Papier und Stifte. Und offenbar üben sie schon erste Buchstaben. Hier ‚herrscht‘ eine Lehrerin mit Kopftuch und Amit verrät mir später, das er sie überhaupt nicht leiden kann, weil sie ihn immer geschlagen habe, wenn er zum Beispiel unerlaubt vom Stuhl aufgestanden ist oder ihrer Meinung nach zu frech gewesen sei. Leider kann ich nicht direkt mit ihr sprechen, denn sie kann kein Englisch. Und der Direktor ignoriert meine Frage, was genau in der nursery unterrichtet werde, dafür lobt er die Dame in den höchsten Tönen, sie sei eine bewährte Fachkraft, meint er. Und nein, es seien nicht immer so wenig Kinder hier, aber heute sind nicht alle in die Schule gekommen, weil es so kalt sei. (kleine Anmerkung: der Schulbesuch fand im Januar 2018 statt, da war es für bengalische Verhältnisse saukalt – um die 10 Grad).

Amit muss in seine Klasse, der Unterricht fängt an. Aber ich merke, dass er sich nur ungern losreißt… immerhin hat er die Lady aus dem Ausland mitgebracht und allein diese Tatsache macht ihn offenbar zum Star an der Schule.

Ich werde jetzt von Raum zu Raum, von Klasse zu Klasse geführt. Immer müssen die Kinder aufstehen, wenn ich eintrete und schmettern mir mehr oder weniger motiviert ein ‚welcome‘ oder ‚how are you, Mam‘ entgegen. Ich versuche jedes Mal eine kleine Konversation auf Englisch und dabei werden die Unterschiede im Sprachniveau schnell klar: In den unteren Klassen kommen die Kinder nicht über dieses ‚how are you‘ und vielleicht noch ‚what’s your name‘ hinaus. Die Älteren dagegen können mir ihre Lieblingsfächer, den Lieblingssport und sogar ihr Wissen über Deutschland vermitteln. Allerdings halte ich diese ‚Visiten‘ bewusst kurz, denn ich fühl mich nicht wohl in der Situation, die was von Abfragen hat.

Nur in Amits Klasse bin ich länger. Vor allem, um Fotos zu machen von einem typischen Klassenzimmer in einer Privatschule in Bangladesch:

Wie gesagt, es sind heute nicht alle Schüler da, normalerweise sind alle Tische mit mindestens zwei, manchmal sogar drei Schülern besetzt. Dass die Kinder im Winter nur sporadisch kommen, kann ich verstehen…die Klassenzimmer können nämlich nicht beheizt werden, in manchen Räumen kann man nicht mal die Fenster richtig schließen und selbst wenn die Schüler dick eingemummelt sind, kriecht die feuchte Kälte von unter her langsam in alle Glieder.

Der Junge im letzten Bild ist übrigens mein Freund Amit – schon beim ersten Treffen hat er mich mit seiner offenen Art, seinem verschmitzten Humor und seiner Pfiffigkeit erobert. In den vergangenen Jahren haben wir uns mit Händen und Füßen nonverbal verständigt, aber  jetzt ist er in der zweiten Klasse und mittlerweile haben wir schon richtige Gespräche. Denn anders als in Deutschland, haben die Kinder in Bangladesch viel mehr Gelegenheit ihre Sprachkenntnisse in Englisch direkt anzuwenden, auch im Alltag. Ein großer Vorteil, finde ich.

 

10:30 Uhr, Pause. Das heißt für die Schüler: 20 Minuten Freizeit. Die ganz Kleinen werden jetzt schon wieder von ihren Eltern abgeholt, die anderen können in den Pausenhof gehen oder in den Klassen bleiben und kriegen gewürzte Tomaten, Gurken oder ähnliches zu essen. Amit bleibt mit seinen Freunden meist lieber in der Klasse, da ist es nicht so kalt wie draußen auf dem Mini-Pausenhof  – der übrigens gerade mal etwa so groß wie vier Autostellplätze ist. Eine Betonfläche, umgeben von Schutthügeln.

 

Ich nutze die Chance und flutsche ins Lehrerzimmer. Dort nutzen die Lehrer die Zeit, um zum Beispiel die Berge von Klassenarbeiten zu korrigieren, die sich hier türmen. Offenbar gönnen sie sich selbst keine Pause. Das liege daran, dass die Lehrer hier alle halbtags arbeiten, also nach Unterrichtsschluß um halb zwei theoretisch frei haben, erklärt mir Subarna Gosh, eine junge Lehrerin, die sehr gut Englisch spricht. Ihr Pech! Denn natürlich wird sie von mir jetzt mit Fragen bombadiert…

Der größte Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Schulen, erklärt sie, sei die Finanzierung: Bei Privatschulen legen einige Reiche Geld zusammen, um damit die Schule zu betreiben, bei öffentlichen Schulen finanziert der Staat alles. Auch die Unterrichtssituation sei anders: In öffentlichen Schulen gibt es viel mehr Schüler, oft sind da 150 Schüler zusammen in einem Raum, während die Privaten schon viel kleinere Räume hätten, in der Regel also nur 20 Schüler pro Klasse unterrichtet werden. „Mit dem Effekt, dass wir Lehrer auch jeden Schüler einzeln betreuen können, die Schüler lernen dadurch viel schneller und außerdem machen wir regelmäßig Tests, um die Fortschritte beurteilen zu können.“ Mindestens vier Tests pro Trimester in jedem Fach.

Die ‚guardians‘ zahlen für die Schule, also die Eltern, sagt die junge Frau und klärt damit auch die Frage, die ich im Eingangsbereich der Schule hatte….Die Frauen, die dort auf den Bänken saßen, sind also wartende Eltern. „Das sind die guardians der neuen Schüler, die sitzen da, weil sich die Kinder manchmal noch schwer tun, in der Schule zu bleiben. Also waren sie unten bis zur Pause, die Kleinen bleiben ja nur für etwa zweieinhalb Stunden.“ Es komme schon auch vor, dass ein Kind so gar nicht in der Schule bleiben will, aber da hätten sie schon ihre Methoden: Mit Schokolade, Sticker oder Luftballons würden sie dann neugierig gemacht, so dass sie sich an die Klasse gewöhnen würden.

„Allerdings“, fährt Subarna Gosh fort, „gibt es auch Eltern, die sich die Schule nicht leisten können. Da hilft dann die Schule aus, die zahlen dann die Hälfte oder gar nichts. Aber das sind nur wenige.“ Es gebe eine Aufnahmegebühr von 3000 Taka (etwa 30 Euro), wer das aber nicht zahlen könne, zahle halt nur 1000. Und monatlich kämen dann noch 600 Taka (6 Euro) für die nursery und die ersten beiden Klassen dazu, bei den höheren Klassen kostet es 700 Taka (7 Euro). „Lehrer verdienen hier sehr wenig. Die Junior-teachers 4000, die Senior teachers 5000 Taka monatlich. Das ist sehr wenig. An öffentlichen Schulen verdient man schon mehr“. Warum arbeitet sie dann an dieser Schule, frage ich sie. „Weil die Arbeitszeiten kurz sind. Ich bin eigentlich Hausfrau, aber für ein paar Stunden hier zu unterrichten, klappt ganz gut nebenher. Und ich mach es auch aus Leidenschaft.“ Die junge Frau senkt den Blick und wird sogar ein bisschen rot. Ist ja süß – eine Lehrerin, die ihren Job gern macht…das findet man in Bangladesch nicht unbedingt oft, hab ich schon festgestellt.

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15 Lehrer gibt es an dieser Privatschule und unterrichtet wird Bangla, Englisch, Mathematik, Religion und Wissenschaften, also Biologie, Chemie und Physik. Immer im Frontalunterricht, nehm ich an? Subarna stutzt kurz, weiß nicht genau was ich meine. Ich erzähle von Konzepten wie Gruppen- oder Projektarbeit. Sie lächelt nur milde. Nein, daran sei hier nicht zu denken, sagt sie dann: „Wir haben so kleine Räume, da ist es manchmal ganz schön anstrengend, wenn ein Kind sehr laut ist und rumschreit. Das stört auch die anderen Klassen, deshalb ist bei uns Disziplin schon auch wichtig. Aber wir können das nur mit Hilfe der Eltern umsetzen. Das Problem ist, dass viele Eltern Analphabeten sind und manchmal Bildung nicht so wichtig nehmen oder ein Problem haben, ihre Kinder richtig zu erziehen, ihnen Manieren beizubringen. Also müssen wir den Kindern oft nicht nur den Lernstoff beibringen, sondern auch noch, wie man sich richtig benimmt. Und weil die meisten Eltern selbst ungebildet sind, wissen sie auch nicht, wie man sich den Lehrern gegenüber richtig verhält. Das ist für uns schon ein großes Problem. Aber weil es halt eine Privatschule ist, müssen wir das ein Stück weit ertragen. Das Hauptproblem ist Bildung, Bangladesch ist halt ein Entwicklungsland, ein armes Land, und die meisten Eltern sind ungebildet. Wenn man so will, erziehen wir die Eltern auch ein Stück weit noch mit, weil wir versuchen ihnen beizubringen, wie wichtig Manieren und gutes Benehmen für alle sind. Ich denke hat, die Familie ist die wichtigste und erste Instanz, in der ein Kind lernt. Also müssen wir im Prinzip schon in den Familien anfangen. Wir versuchen hier unser bestes, aber ich hoffe, dass auch die Eltern sich mehr bemühen.“

Das scheint ganz gut zu klappen, denke ich als ich das Lehrerzimmer verlasse und die Treppe runter zum Direktor gehe. Denn es ist wieder Unterricht und ziemlich ruhig in den Klassen. Obwohl es an dieser Schule 250 Schüler gibt, erfahr ich von ihm. Jungen und Mädchen werden zusammen unterrichtet und auch die Religionen sind gemischt: Es gäbe Hindus, Christen, Muslime und Buddhisten an seiner Schule. Aber die meisten sind Hindus.

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Er habe die Schule vor 5 Jahren gegründet, sagt Direktor Sanjit Sakar. „Ich wollte den armen, besitzlosen Menschen helfen, die sonst keine Chance auf Bildung haben. Es gibt in Savar sehr viele Schulen, aber unsere ist anders. Wir legen hier viel Wert auf eine schöne Schrift und gute Ausdrucksweise. Das wird später ein Vorteil für die Schüler sein. Den Eltern ist es vor allem wichtig, dass ihre Kinder Englisch lernen und dann Mathe und Wissenschaften. Sie erhoffen sich dadurch für ihre Kinder besser Chancen.“

Aber er finanziert die Schule natürlich nicht allein, verrät er mir, so reich sei er dann doch nicht… Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht. Aber dann wird er wieder ’seriös‘ und klärt mich über die Finanzierung auf: „Monatlich brauch ich etwa 150.000 Taka um die Schule am Laufen zu halten (etwa 1500 Euro). Wir schaffen es eigentlich nie, dieses Geld reinzukriegen, von den Schülern kriegen wir 100.000 im Monat. Deshalb springen dann die sieben Mitglieder des Managements ein. Die sind alle Geschäftsleute, die gut verdienen: Landvermieter, Einzelhändler oder so. Ich selbst habe auch ein Geschäft und leite außerdem noch eine NGO. Aber wir bekommen keinerlei Geld vom Staat, nur einige Bücher werden von ihm gestellt, alle anderen müssen die Eltern zahlen.“

DAS ist offenbar die einzige Gemeinsamkeit zwischen deutschen und bengalischen Privatschulen: Die Eltern müssen richtig viel Geld zahlen. Auch wenn sich die Kosten natürlich nicht vergleichen lassen.

Deshalb frage ich nach der Schule Amits Vater Gopal, warum er sich eigentlich für eine Privatschule entschieden hat. „Die Schule ist nicht weit weg, die Lehrer sind gut ausgebildet und die Unterrichtssituation ist besser als an der öffentlichen Schule in der Nähe. Aber ganz ehrlich, ich hab mich vorher gar nicht erkundigt, ob der Lehr-Standard besser ist als an öffentlichen Schulen. Ich weiß halt, dass es nicht leicht ist, an den wenigen richtig guten public schools in Bangladesch angenommen zu werden – da herrscht ein enormer Wettbewerb.“

 

 

 

 

Sunset in Gaibandha

Es ist immer dasselbe Guesthouse, in dem ich im district Gaibandha übernachte. Ich mag es sehr hier – nicht nur wegen des hervorragenden Essens, den sauberen Zimmern, die sogar eine Dusche haben oder dem WLAN-Anschluss. Nein vor allem liebe ich den Blick von den kleinen Balkonen. Dieser Blick besonders bei Dämmerung – da fällt auch das letzte bisschen Anspannung sofort von mir ab. Hier fühl ich mich einfach unglaublich wohl.

Gaibandha Blick aus Zimmer

Besonders im Winter ist hier abends ein wunderschönes Licht. Aber was red ich, genießt die Bilder und ich versuch mal, diesmal etwas weniger Text zu liefern 😉

Okay, klappt nicht ganz… Fällt Euch an den Reisfeldern was auf? Normalerweise sprießt um diese Jahreszeit ein zartes, frisches Grün. Diesmal haben viele Halme aber einen eher rötlichen Schimmer. Das sei durch den kalten Nebel, der in diesem Jahr besonders zäh und lange über den Feldern hänge. Die rötlichen Halme seien wahrscheinlich alle nicht mehr nutzbar, der Reis quasi erfroren. Auch das sei eine Auswirkung des Klimawandels, sagt man mir. Aber ich häng immer noch an dem Wort ‚erfroren‘ – geht das überhaupt bei Temperaturen von plus sechs Grad? Auch wenn das zugegebenermaßen für Bangladesch schon seeeehr kalt ist.

Als der Traktorfahrer mich sieht, verändert er sein Fahrverhalten sofort: das Handy kommt vom Ohr, der Fuß aufs Pedal und dann startet das Gefährt durch. Laut tuckernd rast der Traktor auf eine Böschung zu, die ist etwa anderthalb Meter hoch. Ohne zu bremsen erklimmt dieser die Böschung bis er fast senkrecht steht. Kurz vor dem Kippen fährt die Egge am Hinterteil nach oben und stützt den Traktor ab. Der junge Mann auf dem Fahrersitz dreht sich kurz zu uns um, winkt triumphierend und tuckert dann im Abendlicht davon.

Fast hätte ich ob dieser artistischen Einlage die Bahnschwelle übersehen, die vor mir im Boden eingelassen ist. Fiat 1959 steht da drauf.  Haben etwa Italiener die Bahnlinie hier verlegt? Jetzt ist die Strecke jedenfalls stillgelegt. Hoff ich. Denn im Moment wird sie sichtbar zweckentfremdet.

Ein paar Schritte weiter wieder Schienen. Und die vibrieren plötzlich und ein seltsames, Rumpeln ist zu hören.

Schnell ist der Zug nicht. Die Passagiere haben genug Zeit, der neugierigen Europäerin zu winken und sogar ein ‚Valo theko – Mach’s gut‘ zuzurufen.

Kaum ist der Zug vorbei, hör ich wieder Rufe. Diesmal sind es Kinder, die auf den Feldern neben Wellblechhütten spielen. Ich winke, knipse und grinse – posende Jungs scheinen ein ziemlich internationales Phänomen zu sein.

Anders ist es mit den Gesichtern von älteren Menschen. Die find ich speziell in Bangladesch oft einfach unglaublich interessant…

The dancing goat

Nach Gaibandha zu kommen ist immer ein bisschen wie heimkommen. Denn dieser Distrikt im Norden von Bangladesch liegt mir besonders am Herzen. Nicht nur, weil diese Gegend als die ärmste im Land gilt oder weil es hier jedes Jahr zu verheerenden Überschwemmungen kommt, sondern weil ich die Menschen dort grenzenlos bewundere: Sie leben mit und gegen die zahlreichen Flüsse, die sich wie Adern durch das Land ziehen. Und obwohl diese Ströme während der Monsunzeit ihnen fast jährlich Ernten zerstören, Häuser und Felder wegreißen und sogar Todesopfer fordern, bauen die Menschen in Gaibandha jedes Jahr wieder alles auf. Nicht weil sie dumm sind, sondern so bettelarm, dass sie oft keine Alternativen haben. Und trotzdem sind die Menschen in Gaibandha freundlich und offen und strahlen eine besondere Gelassenheit aus, eine innere Harmonie.

Gaibandha impressions4.jpg

Lange hab ich gedacht, dass ich die Gegend aus irgendeinem Grund romantisiere und mit einem sentimentalen Weichzeichner sehe. Aber mittlerweile hab ich auch andere Europäer dorthin gelotst und auch Einheimische aus anderen Regionen von Bangladesch … und auch sie hatten das Gefühl, dass dort alles von ihnen abfällt, entschleunigt und sich etwas Warmes, Harmonisches in ihnen breit macht.

Kurz, ich komm gern nach Gaibandha. Und nach und nach, lerne ich auch die kleinen Freuden kennen, denen vor allem die Kinder gerne nachgehen. Mitten im Dorf ist zum Beispiel eigentlich immer ein kleiner Weiher, der sogenannte pukur. Hier wird gebadet, gewaschen und oft auch noch in einem Eck Wassergemüse angebaut. Oder aber, der Uferbereich des Weihers wird als Spielwiese genutzt:

Es ist eine Art Fangen, das die Kinder hier spielen, offenbar auf mehreren Ebenen, aber da bin ich nicht ganz sicher. Auf jeden Fall spielen Mädchen und Jungen hier zusammen – was nicht selbstverständlich ist.

Als die Kids bemerken, dass ich mich für ihre Spiele interessiere, versuchen sie mir einige zu erklären….

bei Kazol (74)

Aber weil sie schnell merken, dass mein Bangla dafür bei weitem nicht reicht, ziehen sie mich einfach mit. Zu einem Platz am Flussufer, außerhalb des Dorfs. Zwei Gruppen werden gebildet, Schuhe als Markierungen ausgelegt – ich denke, sie sollen eine Art Torpfosten darstellen. Ein Junge nähert sich der Schuhmarkierung der anderen Mannschaft. Und dann geht alles sehr schnell:

Die genauen Regeln hab ich nicht kapiert, aber es geht um Geschicklichkeit und Schnelligkeit, das konnte ich sehen.

Mädchen machen bei diesem Spiel nicht mit. Nur eins stand am Rand und kuckte verschüchtert zu.

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Offenbar kam sie gerade aus der Schule. Einer der größeren Jungs erklärt mir in holprigem Englisch, dass sie einen besonders weiten Schulweg habe. Er deutet auf eine Erhebung auf der anderen Seite des Flusses. Ihr Dorf sei etwa eine Stunde Fußweg vom Flussufer entfernt. Insgesamt brauche sei fast zwei Stunden zur Schule – und natürlich auch so lange wieder zurück. Sie komme überhaupt nur während der Trockenzeit zum Unterricht, denn sobald der Monsun einsetzt, sei es zu gefährlich, der Fluss zu reißend.

Jetzt aber liegt der Fluss ganz ruhig da. Ein Fischer steht am Ufer. Geduldig zieht er immer wieder sein Schwenk-Netz durch das Wasser. In der Hoffnung, wenigstens ein paar kleine Fische zu fangen.

Mein Name wird gerufen. Ob ich schon mal eine tanzende Ziege gesehen hätte? Hab ich nicht. Und deshalb ziehen wir alle im Pulk zum Haus eines hochgeschossenen Jungen, der stolz seine kleine, schwarze Ziege präsentiert. Er habe sie dressiert, erklärt er und wird ein bisschen rot. Sie sei sein bester Freund und begleite ihn manchmal sogar zur Schule. Alle lachen. Und dann beweist mir der Teenager, dass in Gaibandha sogar die Ziegen tanzen:

Flying corruption

(Regieanweisung:) Szene am Flughafen von Cox’s Bazar, Bangladesch. Boarding zone. Zu sehen ist der überfüllte Wartebereich (der Flug hat Verspätung). Die Erzählerin und ihr bengalischer Freund Gopal sitzen nebeneinander mit Blick auf die Landebahn, rechts von ihnen die Kontrollschleuse mit Gepäckscanner, Metalldetektor-Rahmen und dem Kontrollteam: Eine dickliche Frau hinter dem Computer-Bildschirm, hinter einer Art Tresen eine junge Frau und ein Grenzbeamter in Uniform, direkt vor dem Metalldetektor ein schlanker Mit-Dreißiger im Anzug.

„Soll ich noch einen Kaffee holen?“, frag ich. Aber Gopal ist plötzlich völlig abwesend, scheint sich auf irgendwas anderes zu konzentrieren. Trotzdem bemerkt er meinen fragenden Blick. „Moment, ich kann gerade nicht, ich beobachte gerade was“. Ich folge seiner Blickrichtung: Der Mit-Dreißiger im Anzug tastet gerade einen jungen Mann ab. Auf eine seltsam sanfte Art, streicht er ganz langsam von oben nach unten über die Kleidung mit kleinen kreisenden Bewegungen um die Hosentasche, dann gleiten seine Hände an der Oberschenkel Innenseite nach unten. „Ist der schwul?“, flüstere ich Gopal zu. Aber der zischt nur: „Warte ab. Beobachte!“

Ich kann zwar die Worte nicht verstehen, aber der Anzug-Mann ist honigsüß-freundlich, dass merkt man, er lächelt ständig. Dann lotst er den jungen Mann zum Gepäckscanner. Offenbar ist eine große Tüte das einzige Hand-Gepäckstück des jungen Mannes, der aussieht wie ein Student. Der Anzug läßt den Studenten alles auspacken. „Das sind Süßigkeiten, Spezialitäten aus Myanmar, die kriegt man hier in Bangladesch nicht“, informiert mich Gopal. Mindestens zwanzig Packungen sind jetzt auf dem Band ausgebreitet. Der Anzug grinst den Studenten an, sagt was. Der junge Mann wirkt angespannt. Er schiebt dem Kontrolleur eine Packung Süßigkeiten zu, schaut kurz auf und schiebt dann dem Anzug noch eine Packung zu. Der verabschiedet den Studenten überschwenglich und wendet sich dann dem nächsten Reisenden zu, der durch den Metallrahmen will.

Gopal steht auf, schlendert lässig zum Pfeiler neben dem Kontrollpunkt und positioniert sich direkt hinter dem Anzug-Kontrolleur. Gopal, der Spion…. Der Anzug bemerkt nicht, wer ihm da im Nacken sitzt bzw. steht. Wohl aber die beiden hinter dem Kontroll-Tresen. Sie beobachten Gopal genau, die junge Frau mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

Nach einiger Zeit kommt Gopal zurück und erzählt mir, wie er beobachtet hat, dass diesmal sogar Geldscheine den Besitzer gewechselt hätten. Die Masche sei nicht einmal subtil: Erst verwickelt der Kontrolleur sein Opfer in ein Gespräch, plaudert angeregt, wobei er darauf hinweist, dass das Team ja schon den ganzen Tag hier stünde und es daher ja schon gut wäre, wenn der Reisende dem Team eine kleine Spende geben würde.

Wir beobachten weiter, vor allem auch, weil wir wissen wollen, welche Flugäste hier abgezockt werden. Ausländische Reisende auf jeden Fall nicht. Und die bengalischen Opfer sind immer gut gekleidet, meistens Typ Geschäftsmann. Wir haben insgesamt vier dieser Transaktionen beobachtet, bei denen jedes Mal etwa 200 oder 3oo Taka ‚gespendet‘ wurde, das sind umgerechnet 2 bzw. 3 Euro. Nur bei einem ‚Geschäftsmann‘ lief es anders: Auch er wurde super-sanft abgetastet, umschmeichelt und dann um die Spende angehauen. Der Herr hat gelacht, abgewunken und ist dann einfach weiter gegangen. Ohne jegliche Konsequenzen!

Drei Dinge haben mich bei dieser Szenerie verblüfft: Dass diese Korruption so offen, unverhüllt und unverfroren stattfindet. Dass offenbar das ganze Team eingeweiht oder sogar beteiligt ist und es nicht mal für nötig befindet, den Anzugträger zu warnen, wenn er bei seinem Tun beobachtet wird – so sicher fühlen sie sich. Und drittens, dass fast alle ‚Opfer‘ bei diesem korrupten System mitmachen – obwohl es doch offenbar (wenigstens in diesem Fall) so leicht ist, sich dem zu entziehen.

 

Beaching at Cox’s Bazar

Ich habe Tage in den Flüchtlingscamps verbracht – morgens früh hin und in der Dämmerung zurück zum Hotel. Aber an einem Tag haben wir’s tatsächlich auch mal am frühen Nachmittag aus den Rohingya-Camps geschafft und sind auf kleinen Schleichwegen durch den unglaublich schönen letzten Rest Wald gefahren, der noch nicht für die Camps abgeholzt wurde und immer noch Lebensraum für Elefanten und exotische Pflanzen ist. Unser Ziel war, endlich mehr von dem ‚größten Strand der Welt‘ zu sehen, als den Abschnitt, den ich morgens aus dem Hotelfenster zu sehen kriege.

Strand

Tatsächlich haben wir aber, kaum aus dem Wald raus, erstmal vor allem Boote gesehen. Diese wunderschönen, speziell geformten Fischerboote, mit denen die Fischer oft wochenlang auf dem Meer verbringen – angedockt entlang eines kleinen Flusses, der offenbar gleichzeitig eine Art Haltestelle vor dem nächsten Einsatz und Werkstatt ist.

Ich konnte mich nur schwer sattsehen an diesen farbenfrohen Booten. Aber wir wollten ja zum Strand, möglichst nicht an einen touristischen Abschnitt, entschied ich. Was bei diesem über 120 kilometerlangen Strand ja kein Problem ist. Anhalten, aussteigen und den Sand unter unseren Füßen spüren… Diese Weite! Das beruhigende Blau des Meeres, die sanften Wellen. Vergessen sind die elenden Hütten an den instabilen Sandhügeln. Diesen beruhigenden, meditativen Effekt hat das Meer immer auf mich.

Aber wir sind trotzdem nicht ganz allein hier : Zwei Fischer tragen Körbe, ein anderer etwas, was aussieht wie ein nasses Tuch. Und etwas weiter weg kommt gerade eines der Fischerboote von seinem Fang zurück…

Das Boot ankert aber nicht nur, sondern wird mit vereinten Kräften der Fischer an Land gezogen

Das Boot wirkt riesig neben den vielen Männern. Und als die Männer ihren Fang gleich neben dem gestrandeten Riesen-Hörnchen auskippen, bin ich erst ziemlich gespannt….dann fast schon entsetzt:

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So wenig? Und so kleine Fische? Ich hoffe, dass das wenigstens der Fang von nur einem Tag ist, denn mit dieser Ausbeute können sich die Männer ja wohl kaum finanziell über Wasser halten.

Ein Pfiff. Und schon läuft das nächste asiatische ‚Wikingerboot‘ aufs Trockene…

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Wir müssen langsam wieder los. Obwohl es uns allen schwer fällt, uns von diesem wunderschönen Strand loszureißen. Aber die Muschelausbeute ist bescheiden und unsere Krebs-Fang-Erfolge hundsmiserabel – immer wenn wir näher kommen, gräbt sich das rote Tier so schnell in den Sand, dass es nicht mehr zu sehen ist. krebsAls ich zurück in meine Hotelzimmer bin, merk ich, wie ich noch immer das Gefühl der Wellen an meinen Beinen spüre. Gerade geht die Sonne unter – auch schön, passend zu meiner Stimmung

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Duschen, umziehen…es ist immer noch Zeit bis zum Essen. Ich schwanke zwischen einem Powernap und einem Strand-Shop-Bummel – ratet, welche Idee gewonnen hat 😉

Neben dem üblichen Touri-Klimbim wie Muschelketten, Strandhüte und Souvenir-Schlüsselanhänger gibt es auch hier die typisch bengalischen Kleinigkeiten, wie zum Beispiel Paan. Ihr erinnert Euch? (yvonnekoch.wordpress.com/2014/11/15/want-to-try-paan-der-bengalesische-kaugummi/) Und noch was gilt als bengalische Spezialität: Dry fish – getrockneter Fisch. Hier gibt es große Läden mit allen denkbaren Varianten davon.

Klar, hab ich natürlich auch mal probiert. Aber neben dem bitteren Corolla (auch Korola, Bittergurke oder bitter melon genannt), ist Trockenfisch eines der wenigen Gerichte, die ich nicht unbedingt noch einmal essen will.

Was ich allerdings sehr gerne möchte: Nocheinmal mit ganz viel Muße zurück nach Cox’s Bazar, zurück zu diesem wunderschönen, vom Tourismus fast unberührten und unendlich langen Strand….Vielleicht schaff ich es doch irgendwann mal, nur als Tourist nach Bangladesch zu reisen – Insha’allah!

 

 

The Maghi-system

Die Sicherheitslage in den Rohingya Camps sei sehr unsicher, hieß es. Vor allem für ‚foreigners‘ sei es gefährlich, hieß es. Es habe auch schon Entführungen gegeben, hieß es… Was hab ich nicht alles für Horrorstories gehört vor der Reise.

Dass davon Vieles übertrieben oder sogar falsch ist, hab ich schon vor der Reise in die Camps gewusst: Zum Beispiel gab es zwar Entführungen, aber vor allem in den Chittagong hills – und die sind über 100km von den Rohingya camps entfernt, in die ich wollte. Allerdings warnten mich meine Kontakte und Freunde vor Ort, dass das Militär in dieser Gegend stark aktiv sei und ziemlich pingelige Kontrollen durchführe. Man bräuchte auch Genehmigungen, wenn man in die Camps wolle, sagten manche. Andere beruhigten mich, das sei alles nur ein Aufplustern – die Regierung von Bangladesch wolle den vielen internationalen Hilfsorganisationen nur demonstrieren, dass sie erstens wichtig sei und zweitens die Lage unter Kontrolle habe. Insofern war ich ziemlich gespannt, wie es in den Camps tatsächlich zugeht.

Um es schon mal vorweg zu nehmen: Von den bengalischen Militärs hab ich nur sehr wenig mitgekriegt: Kurz vor dem Zugang zu den Camps war eine kleine Schranke aufgebaut, die etwa die Hälfte der Straße absperrte. Dort standen zwei Männchen in Tarnanzug und hielten ab und zu Autos an. Das sah ziemlich willkürlich aus. Und kontrolliert wurden vor allem Einheimische, war mein Eindruck. Unser Auto mit dem Label einer Hilfsorganisation wurde jedenfalls nie angehalten. Und in den Camps selbst hab ich nicht einen Uniformierten gesehen. Ja, das Militär sei selten hier, bestätigt mir einer der NGO-Mitarbeiter im Camp Balukhali dann auch.

Aber irgendein Ordnungssystem, sowas wie Polizei muss es ja schon geben… Immerhin leben in den Camps Hunderttausende auf engstem Raum zusammen. Und keiner kann mir erzählen, dass es da nicht zu Streit, Diebstählen oder sogar Schlimmerem kommt. Dafür gibt es das Maghi-System, verrät mir Maleque, einer der Ortsansässigen, die hier nur ‚locals‘ genannt werden. Maghi, gesprochen ‚Madschi‘ – nie gehört. Meine erste Assoziation ist die Würzsauce meiner Kindheit und offenbar hab ich deshalb einen verblüfft-dümmlichen Gesichtsausdruck. Jedenfalls wird mir dann erklärt, dass das eine Art Verwaltungssystem innerhalb der Rohingyas ist. Aber das könne mir ein Maghi wahrscheinlich besser erklären. Und schon ist Maleque weg….

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Kurz danach taucht er mit einem Mann im Schlepptau wieder auf: Drahtig, graumelierter Bart, Hemd oben, Lungi unten und Wollmütze auf dem Kopf. Das ist der Maghi der umliegenden Familien, stellt der NGO-Mitarbeiter ihn vor, sein Name sei Nur Mohammad. Ich stelle mich auch vor. Habib, mein Dolmetscher, übersetzt. Und ich merke schnell, dass dieser Maghi ziemlich aufgeschlossen ist und mir ganz bereitwillig meine Fragen beantwortet. Das Maghi-System, erklärt er, ist quasi eine Kooperation zwischen den Rohingya und dem Militär von Bangladesch. Weil die Militärs diese Masse von Menschen in den Camps niemals alleine kontrollieren und organisieren könnten, haben sie angesehene Männer innerhalb der Flüchtlinge als Helfer eingesetzt. Er selbst sei einer der Sub-Maghis, damit sei er für 100 Familien hier im Block 2 im Camp Balukhali zuständig. Das heißt, er weiß, wieviel Kinder geboren werden, wer krank oder gestorben ist, wo und wann Hilfsgüter verteilt werden und er schlichte auch kleinere Streitigkeiten.

Außerdem befehlige er eine Art kleine Bürgerwehr, also Freiwillige, die vor allem nachts patroullieren und nach dem Rechten sehen. Alle Sub-Maghis in diesem Camp unterstehen dem Maghi, der für das ganze Camp zuständig ist und der wiederum ist dem Ober-Maghi untergeordnet, der den Überblick über alle Camps hat und eng mit dem bengalischen Militär zusammenarbeitet.

Der Maghi hat sich warm geredet, er wirkt locker und offen. Also versuche ich das zu nutzen: Was denn, seiner Meinung nach, die Hauptprobleme im Lager seien, frag ich. Und bin verblüfft über die Antwort: „Elefanten“

camp maghi elefant

Die würden nämlich nachts immer öfter in die Camps eindringen, wahrscheinlich weil sie Essen riechen würden oder einfach wieder zurück in ihre Wälder wollten. Klar, denk ich, da wo sich jetzt die Flüchtlingscamps über Kilometer an und zwischen die Hügel quetschen war davor ja alles bewaldet – der Lebensraum unter anderem auch von wild lebenden Elefanten. Jedenfalls kämen die grauen Riesen nachts und trampelten alles nieder, auch Menschen seien da oft unter den Opfern.

Ein anderes Problem im Moment seien die ‚locals‘, meint der Maghi. Es komme immer öfter vor, dass die ebenfalls nachts bewaffnet in die Camps einfallen. Die Stimmung gegen die Flüchtlinge sei zum Teil sehr aggressiv. „Wir sind an allem schuld, in deren Augen“. Ich beobachte ihn, während er das sagt. Er presst die Kiefer aufeinander, seine Stimme wirkt jetzt fast etwas trotzig. Wie alt er wohl ist? Wenn er lacht, schätze ich ihn auf dreißig, aber jetzt gerade… mindestens 10 Jahre älter. Ich frag ihn nach seinem Alter – auch damit sich sein Kiefer wieder lockert. Er sei 45 Jahre alt, meint Mohammad Nur, jedenfalls ungefähr. Er lacht. Klar, Geburtstage sind weder in Myanmar noch in Bangladesch besonders wichtig und hier wie dort wird bei den Dokumenten diesbezüglich schon auch mal geschummelt. Wir lächeln uns an. Dann frag ich weiter: Bei so vielen Menschen, die auf engstem Raum zusammenleben gibt es doch bestimmt auch noch andere Probleme. Wie sieht es da aus? Der Maghi lehnt sich selbstsicher zurück, drückt die Knie weit auseinander und versichert mir, dass da das Maghi-System hervorragend greife – sie hätten die Querelen und kleiner Diebstähle ganz gut im Griff. Ich fixiere seine Augen. Tatsächlich? Gibt es wirklich keine anderen Probleme?

Jetzt rutscht er auf dem Stuhl ganz nach vorne, das Lächeln verschwindet. Ich kann förmlich spüren wie ‚der Rolladen runtergeht‘. Jetzt ist es an mir, beruhigend zu lächeln und zu erklären, dass unser Gespräch in Bangladesch ja nicht zu hören oder lesen sein wird. Ich schreibe ja nur in deutsch und veröffentliche auch nur in Deutschland… Er zögert, wieder malmt der Kiefer, eine Ader an der Schläfe pocht. „Ja“, sagt er dann langsam, „es gibt auch noch andere Probleme…“ Erst vor ein paar Tagen sei zum Beispiel ein kleines Mädchen hier entführt worden. Die Eltern hättten kurz danach Bilder von ihr aufs Handy geschickt bekommen mit einer Lösegeld-Forderung. Lösegeld? Von geflüchteten Rohingyas? Das wundert mich, die hatten doch bestimmt kein Geld gehabt. Maghi Nur legt den Kopf schief und spricht jetzt ganz leise: Wenn man sein Kind wiederhaben wolle, komme man schon irgendwie an Geld. Dann schaut er mich wieder direkt an. Sie hätten den Erpresser dann nach der Geldübergabe verfolgt und ihn dann samt Komplizen gefasst. Das Mädchen sei auch wieder bei den Eltern. Ich halte den Blick fest… Ich hätte auch noch von anderen Problemen gehört. Wie manche Menschen auch noch auf andere Art an Geld kämen. Seine Augen weiten sich, er senkt den Blick, rutscht auf dem Stuhl hin und her. Ich warte, blicke ihn aber weiter an. Dann plötzlich seufzt der drahtige Mann, seine Schultern hängen nach vorne. Es sei so eine Schande, sagt er. Und er wünschte, er müsste nicht darüber sprechen. Sein Blick streift mich nur flüchtig. Ich sage nur ein Wort: „Please“

Er räuspert sich. Ja, es gäbe da noch ein Problem. Und das hätten die Maghi leider nicht im Griff… Es gäbe immer öfter Fälle von… er holt tief Luft…Prostitution im Lager. Mädchen und junge Frauen verschwänden plötzlich und würden dann in einem anderen Camp oder in Cox’s Bazar ‚angeboten‘. Und alles deute darauf hin…er schüttelt resigniert den Kopf…dass nicht nur ‚locals‘ zu diesem Verbrecher-Ring gehören, sondern auch seine eigene Volksgruppe. Dass Rohingyas ihre eigenen Frauen zum Sex zwingen. Dass mache ihn fassungslos. Er schäme sich für diese Menschen.

Fast bin ich versucht, ihm die Hand auf den Arm zu legen. Aber nur fast. Das ist in Bangladesch und bestimmt auch in Myanmar einfach ein No-Go. Also nicke ich nur verständnisvoll und bedanke mich für seine Offenheit.

Mir schwirrt der Kopf als ich sein Zelt verlasse. Eigentlich hätte ich noch viele Fragen. Aber ich habe gemerkt, dass jede weitere im Moment zu viel wäre. Manchmal muss man es eben auch gut sein lassen…