Old Dhaka

Dhaka, die Hauptstadt von Bangladesch, macht es einem nicht leicht, sie zu mögen. Tagsüber schwirrt die Luft vom Gehupe der Autos, dem Geklingel der Rikschas, den lauten Rufen der Straßenhändler und es ist oft lebensgefährlich die Straße zu überqueren. Außerdem steht man hier fast immer im Stau und an manchen Tagen drückt die schlechte Luft beim Atmen auf die Lunge. Erst nachts wird es ruhiger, die Autos werden weniger und die unterschiedlichen Klingeln der Rikschas vereinen sich zu immer neuen Harmonien. Wenn sich dann noch der Vollmond einen Weg durch den Smog bahnt, wird es sogar richtig romantisch

vollmond in Dhaka

Allerdings nur solange keine Rudel von wilden Hunden laut kläffend und heulend durch die Straßen zieht – denn die machen nicht nur jede Stimmung kaputt, ich hab auch einen Heidenrespekt vor diesen struppigen und ausgehungerten Biestern.

Meistens empfinde ich Dhaka als riesigen Moloch, der sich laut rülpsend ständig verändert: Immer ist irgendwo eine Straße aufgerissen, werden wieder abenteuerliche Leitungen von Haus zu Haus gezogen, ein fieser Betonwohnblock schießt aus dem Boden oder ein neuer Slum breitet sich in einer Baulücke aus. Deshalb war ich erstaunt, als ich durch Zufall gehört habe, dass Dhaka auch eine Altstadt hat… Old Dhaka… ein historischer Stadtkern, der schon 1608 entlang des Buriganga Flusses gebaut worden war.

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Offenbar war Dhaka zu der Zeit, der sogenannten Mogul-Zeit, eine der größten und wohlhabendsten Städte in Süd-Asien und gleichzeitig  das Zentrum des Musselin-Handels. Musselin ist ein ganz feiner Baumwollstoff, der im 19. Jahrhundert vor allem bei den Frauen des Empires beliebt war. Mit der Glanzzeit von Dhaka war es dann aber vorbei als der Provinzgouverneur von Bengalen die Hauptstadt von Dhaka nach Murshidabad verlegte – das liegt heute in Indien.

Jedenfalls wollte ich mir diese historische Altstadt gerne ansehen und Hridoy, ein Bekannter von mir, ist bereit den Stadtführer zu geben. Hridoy spielt gern den Kavalier und ‚Macher‘, aber ich hab schnell gemerkt, dass er sich selbst in Old Dhaka kaum auskennt. Aber pfiffig wie er ist, hat er das Wissensdefizit durch Engagement ausgeglichen – über Handy hat er sein Netzwerk aktiviert und sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sagen lassen.

Ich glaube, so ganz hat er nicht verstanden, was ich in der Altstadt will. Denn er besteht auf eine Fahrt in der Rikscha, zu Fuß sei es zu gefährlich für mich. Und außerdem kämen wir so am schnellsten zu den Sehenswürdigkeiten. Leider konnte ich so nur ein paar ganz wenige Gebäude im Chaos der Straßen entdecken, die aus der Kolonialzeit oder sogar noch davor stammen. Dass diese Häuser überhaupt noch stehen, obwohl sie offensichtlich nie restauriert wurden, grenzt sowieso an ein Wunder…

Die Altstadt ist eng bebaut, wirkt chaotisch. Aber wenigstens quetschen sich nur wenige Autos durch die Gassen, hauptsächlich schlängeln sich Rikschas hier durch. Und unsere hält plötzlich an einem großen Platz….Wir sind am Ziel, sagt Hridoy, und zeigt stolz auf den riesigen rosa Palast vor uns.

Ahsan Manzil heißt dieser Prachtbau und war die Residenz des Nawabs von Dhaka. Im Mogulreich war ‚Nawab‘ der Titel für den Abgesandten des Kaisers, eine Art Provinzgouverneur. Allerdings wurden die Nawabs mächtiger, als das Mogulreich Anfang des 18. Jahrhunderts auseinanderbrach, sie regierten wie Fürsten und hatten auch das nötige Kleingeld, um so zu leben. In dieser Zeit wurde auch der rosa Palast gebaut. Heute ist er ein Museum – und für mich das erste Museum, dass ich in Bangladesch besichtige. Entsprechend ehrfürchtig betrete ich das Gebäude…

Und nach gut einer Stunde weiß ich:  In diesem Museum darf nicht fotografiert werden – darauf wurde ich freundlich aber bestimmt hingewiesen. Außerdem ist es wohl vor allem für einheimische Geschichtsbegeisterte gedacht, denn die meisten Erläuterungen sind auf Bangla und ich kann nur raten, was es mit den Ausstellungsstücken auf sich hat. Und: Auch ein Museum kann ein Ort für Propaganda sein – das beweist zum Beispiel die pathetische Inszenierung  der Gründung der All India Muslim League (Muslimliga), die im Palast 1906 vollzogen wurde. Oder die immer und überall präsenten Bilder der Staatsgründung von Bangladesch.

Trotzdem hab ich diesen Museumsbesuch genossen. Denn man kann den alltäglichen Luxus hier spüren, sehen und riechen, den der Nawab und seiner ‚Begum‘ genannte Frau umgeben hat. Die Einrichtung ist größtenteils noch genau so, wie sie vor 200 Jahren war und die vielen ausgestellten Prunkstücke lassen erahnen, wie der Herrscher sich bei Staatsdiners im Glanz der illustren Gäste gesonnt hat.

Was ein Kontrast zu dem heutigen Leben außerhalb des Palastes… Auch Hridoy ist still geworden. Er verrät mir, dass auch er zum ersten Mal in diesem Museum war. „Ich weiß so wenig von unserer Geschichte“, sagt er, jedes Kind würde in der Schule zwar den Unabhängigkeitskrieg und die Staatsgründung eingetrichtert kriegen, aber darüber hinaus gehe es kaum.

Weiter geht’s zu einem Hindu-Tempel in der Altstadt. Ach was sag ich: zu DEM Hindu-Tempel hier, denn der Dhakeshwari-Tempel ist der berühmteste und wahrscheinlich auch älteste Tempel in der Stadt. Vermutlich stammt er aus dem 11. Jahrhundert und die Herrin hier ist die zehnarmige Göttin Dhakeshwari. DHAKESHWARI – DHAKA…na, merkt ihr was? Diese Ähnlichkeit ist nicht nur mir aufgefallen, laut Wikipedia ist die Göttin vermutlich die Namensgeberin der Hauptstadt. Mich persönlich hat dieser Tempel – bis auf das verdrehte Hakenkreuz – wenig beeindruckt. Die kleinen Tempel im Vorort Savar sind mir viel sympathischer.

Letzter Sightseeing-Punkt: Das Lalbag-Fort. Heißt übersetzt soviel wie ‚Festung des roten Gartens‘ und stammt auch aus der Mogulzeit. Aber Festung war diese Anlage wohl nie, sie wurde nämlich nie fertig gebaut.

Wir sind jedenfalls zu einer ungünstigen Zeit gekommen, kurz vor Schließung der riesigen Anlage. Nur bis zur Moschee durften wir noch laufen. Aber trotzdem konnte ich die Idee des Architekten sehen: Im Zentrum steht eine zweistöckige Konferenzhalle, die offenbar auch ein Hammam im Innern hat. Und von dieser Halle gehen Wege wie Achsen zu einem Mausoleum, der Moschee und einem Wasserreservoir ab. Früher war das alles von einer unglaublich dicken Mauer umgeben, heute sind das nur noch Ruinen.

Der Legende nach sollte der neue Gouverneur von Dhaka, Shaista Khan, im 17. Jahrhundert das Fort fertigstellen. Aber als seine Tochter starb, glaubte er, das Fort sei verflucht und stoppte alle Baumaßnahmen. Nur das Mausoleum seiner Tochter Pari Bibi, wurde noch vollendet.

Die Bewohner von Dhaka scheint das nicht zu stören… Sie verrichten ihre Gebete in der Moschee, genießen die Blütenpracht  und flanieren die Wege entlang. Immerhin ist dieses ‚Fort‘ einer der wenigen grünen Anlagen in der Altstadt.

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Encounters in Gaibandha

Wie ein Schwamm sauge ich die Geschichten, Alltagsszenen und Erlebnisse auf, wenn ich in Bangladesch bin. Denn ich lerne so viel in diesem Land…Nützliches (wie Hausmittel gegen Durchfall), Beeindruckendes (was Menschen gegen alle Widrigkeiten leisten können) oder einfach nur Schönes. Und heute möchte ich einiges davon mit Euch teilen: Begegnungen in Gaibandha, im Norden von Bangladesch.

gaibandha Mädchen

Besonders faszinierend finde ich den Alltag von Kindern hier, denn obwohl Gaibandha zu den ärmsten Regionen von Bangladesch gehört, machen die Mädels und Jungs hier keinen unglücklichen Eindruck. Sie müssen zwar oft schon von klein auf mitarbeiten und manchmal ist die Arbeit auch bestimmt nicht leicht, aber sie haben auch viel mehr Freiheiten als zum Beispiel in der Hauptstadt Dhaka.

 

Dieser Junge zum Beispiel hat eine wichtige Funktion beim Fährbetrieb auf einem der großen Flüsse in Gaibandha, dem Tista. Sobald das Boot in die  Nähe des Ufers kommt springt er ins Wasser, zieht und schiebt es in die Anlegeposition und macht es mit einem Seil am Steg fest. Beim Ablegen muss er das Boot dagegen mit der Stocherstange in die tiefere Fahrrinne bringen, erst dann wird der Außenbordmotor angeworfen. Es sind nur wenige Cent, die er so am Tag verdient und für den kleinen Mann ist das körperlich zum Teil auch anstrengend. Trotzdem nimmt er seine Aufgabe sichtbar ernst und wirkt stolz, dass er seine Familie auch schon unterstützen kann.

 

Das Boot gehöre seinem Onkel. Der sei ein reicher Mann, sagt er…. Reich ist hier nämlich, wer ein Boot oder einen der flachen, langen Holzkähne besitzt. Denn in diesem Teil von Bangladesch ist ein Boot vor allem ein wichtiges Fortbewegungsmittel – immerhin sind weite Teile dieses Distrikts über Monate überflutet. Mich beeindruckt jedes Mal, was alles in so einen Kahn passt: Fünf Motorräder mit etwa 20 Leuten und großen Füttersäcken, das ist keine Seltenheit.

 

Oder die Boote werden zum Fischen benutzt und helfen, große Netze quer über den Fluss zu spannen. Und in Monsunzeiten werden sogar ganze Häuser damit transportiert: Die Seitenwände aus Bambus und Strohmatten sind dann fein säuberlich zerlegt und das riesige Wellblechdach wird in einem abenteuerlichen Balanceakt über das ganze Boot drapiert.  Auf jeden Fall verdient der Bootsbesitzer bei jedem Transport etwas. Besonders, wenn die Flüsse über die Ufer treten und zu reißenden Wassermassen werden – je größer die Notsituation, desto teurer die Bootsmiete!

Gaibandha Kinder im Fluss

In einem kleinen Dorf hab ich eine für mich neue Art des Dreschens entdeckt: Während bei uns das Getreide früher mit Dreschschlegeln bearbeitet wurde, um das Korn vom Stroh zu kriegen, schlagen diese jungen Männer die Reisbündel auf eine Art Tisch. Erst hab ich mich gewundert, dass kein großes Tuch oder ähnliches auf dem Boden ausgebreitet war….immerhin wäre es leichter gewesen, die Reiskörner nach dem Dreschen damit einzusammeln. Mittlerweile weiß ich aber, dass bei dem ‚Tisch‘ unter der Tisch-Platte eine Art Trog angebracht hat, in den die Reiskörner fallen.

Das Reisstroh wird danach vielfältig genutzt: Die Jungs mit dem Fahrrad zum Beispiel brauchten nur wenige Bündel, um ein Stalldach auszubessern. Ansonsten wird es als Vieh-Zusatzfutter oder Stalleinlage benutzt, manchmal zum Anfeuern oder aber es werden Strohmatten daraus geflochten.

 

Als ich den Heuwagen mit Zugtier gesehen hab, ist mir aufgefallen, dass es in Gaibandha relativ wenige Esel oder Mulis gibt. Wahrscheinlich sind die Tiere im Unterhalt für viele Familien doch zu teuer. Deshalb schleppen die Menschen hier selbst unhandliche oder schwere Lasten oft einfach selbst…

 

Aber an einer andere ‚Last‘ haben manche Menschen hier enorm schwer zu tragen: Behinderungen. Eigentlich sieht man in jedem Dorf Kinder und Erwachsene, die blind sind, hinken oder sogar ein Körperteil amputiert haben oder bei denen das Gesicht mit Hasenscharten oder ähnlichen Fehlbildungen verunstaltet ist. Mit einigen dieser Menschen hab ich gesprochen und mir ihre Geschichte erzählen lassen.

Da ist zum Beispiel die 16jährige Shantona, die jahrelang tagsüber allein Zuhause bleiben musste, weil blinde Kinder in der Dorfschule nicht aufgenommen werden. Aber das toughe Mädchen hat sich trotzdem selbst ‚gebildet‘, indem sie viel Radio gehört und so ihr Wissen, ihr Vokabular und ihre Aussprache geschult hat – mit dem Effekt, dass ihr Bangla bald weit besser war als das von anderen Kindern. Was wiederum einem Sozialarbeiter aufgefallen ist, der ihr einen Platz an einer Schule für Sehbehinderte samt einem Stipendium vermittelt hat.

Amirons Geschichte ist nicht ganz so ambitioniert: Sie ist nach einer Windpocken-Erkrankung erblindet, da war sie ein Jahr alt. Und schon früh hat die heute 38jährige die extreme Ausgrenzung erfahren, der man mit einer Behinderung in Bangladesch ausgesetzt ist – Arbeit wollte ihr zum Beispiel keiner geben. Sie hat sich mit Betteln durchgeschlagen, mehr schlecht als recht. Bis sie in das Hilfsprogramm der Christoffel-Blindenmission aufgenommen wurde. Betteln muss sie jetzt nicht mehr, denn sie züchtet jetzt Kühe. Damit ist auch ihr Status im Dorf ‚gestiegen‘ und sie darf jetzt auch auf den Feldern der Nachbarn mitarbeiten – gegen Bezahlung versteht sich.

 

Generell hab ich den Eindruck, dass sich allein in den vier Jahren, in denen ich immer wieder in Gaibandha unterwegs bin, schon einiges verändert hat. Eindeutig zum Besseren! Selbst auf dem Land, wo die Menschen meist wenig Schulbildung haben und eine Behinderung lange als Strafe Gottes für begangene Sünden gesehen wurde – selbst dort sehe ich immer öfter, wie Menschen mit Behinderung in einer Gruppe unterwegs sind, dazugehören oder sogar eine wichtige Position in ihrem Dorf einnehmen. Schaut Euch zum Beispiel mal dieses Bild an:

Bangladesch Reise 15-Harrys Foto

Foto: Harry Maskallis

Der Junge vorne rechts. Eine üble Fehlbildung, die mehr als offensichtlich ist. Trotzdem war er bei dieser Horde neugieriger Kids immer mit dabei, hat wie alle anderen auch mit uns gelacht, Quatsch gemacht und sich auch auf den Fotos nicht versteckt. Er hat offenbar seinen Platz unter Freunden gefunden – Für mich ein deutliches Zeichen, dass sich in Bangladesch doch was bewegt in Richtung Inklusion!

 

Make-up against reality

In den Flüchtlings-Camps im Süden von Bangladesch wimmelt es vor Kindern. Alle sind aus Myanmar geflohen. Mit ihren Eltern, Verwandten, Nachbarn oder manchmal sogar allein. Und jetzt leben mehr als eine Million Rohingyas hier auf engstem Raum – und es kommen immer noch Menschen dazu.

Sahera will mir von ihrem Alltag hier im Camp Balukhali erzählen. Aber erstmal sitzt sie nur verschüchtert und mit großen Augen vor mir. Es ist für uns beide nicht leicht, wir können ja nicht direkt miteinander sprechen, alles geht über einen Dolmetscher.

Ich drücke ihr mein Mikrophon in die Hand, erkläre ihr, wie es funktioniert uns dass sie erstmal das Interview macht und mir alle Fragen stellen kann, die sie will. Ein erstaunter Blick. Und dann legt sie los….mit ganz leiser Stimme und versteinerter Miene erstmal. Aber bald taut die Zehnjährige auf: Was genau ich wissen will, wie weit Deutschland weg ist von Bangladesch, ob dort auch die Kinder das Wasser schleppen müssen und wie ich meine Haare so gelb gekriegt habe. Ich antworte so gut ich kann.

Dann tauschen wir die Rollen. Und Sahera zeigt mir erstmal ihr neues Zuhause. Das Konstrukt aus Bambusgerüst und Plastikplanen wirkt erstaunlich groß innen. Geschätzt sind es etwa 12 Quadratmeter, durch eine Plane  in zwei Räume getrennt. Sahera führt mich in den hinteren Teil. „Hier ist unsere Küche, die Vorräte, unsere Kleider und die große Truhe.“

‚Die große Truhe‘ scheint etwas ganz besonderes zu sein. Ich frage nach. „Alles, was wir aus Myanmar retten konnten, war in dieser Truhe“, sagt sie. Ihre Stimme ist irgendwie anders jetzt. Und ich merke, dass das Mädchen plötzlich ganz steif dasteht, ihr Blick scheint glasig, sie selbst weit weg. Aber nur kurz. Dann reißt sie das Klicken der Kamera aus den Gedanken. Sie blinzelt. Und zeigt mir dann stolz, dass sie neuerdings sogar einen Gaskocher hätten und sie und ihr Bruder jetzt keine Feuerholz mehr sammeln müssten. „Und das hier“, sie zeigt auf eine Mischung aus Bank und Regal, auf dem Säcke mit Reis, Salz und Tee stehen, „das hab ich zusammen mit meinem Bruder selbst gebastelt.“ Kurze Pause. „Wir leben hier jetzt zu dritt, mein Bruder, meine Mutter und ich. Mein Vater ist in Myanmar gestorben….“. Sahera senkt den Blick. Dass ihr Vater vom dortigen Militär getötet wurde, sagt sie nicht. Das erzählt mir ihre Mutter später. Sahera wirbelt herum. „Komm, ich zeig dir, was ich am liebsten mache“

Sie packt eine kleine Schachtel aus, offenbar ihre Schminkutensilien. Erst trägt sie eine Art weißliche Paste auf, dann kommt der orange-rote Lippenstift. Das Mädchen wirkt plötzlich völlig versunken, sie scheint mich und den Fotografen komplett vergessen zu haben. Erst als sie fertig ist, blickt sie auf. „Ich schminke mich oft“, sagt sie, „irgendwie fühle ich mich dann anders, besser. Als ob ich jemand anderer bin mit einem besseren Leben.“

Ihr Blick schweift durch den Raum und bleibt an dem langen Seil hängen, über dem Kleidern hängen. „Meine Schätze! Das sind alles meine Kleider.“ Behutsam nimmt sie Stück für Stück ab und breitet alles liebevoll auf dem grossen Teppich im Nebenraum aus. Manche Kleider wirken fast punkvoll: Sie sind mit vielen glitzernden Steinchen bestickt oder haben aufgedruckte Goldleisten. Sahera mag es, wenn es glitzert.

Mich interessiert aber eher der Teppich. Tagsüber wird der eingerollt und ist neben den beiden roten Plastikstühlen der einzige Gegenstand in diesem Raum. Hier schlafen Sahera, ihre Mutter und ihr Bruder nachts, dicht nebeneinander, ohne Bettzeug.

„Eigentlich kann ich alles wie meine Mutter“, sagt Sahera: „Ich kann kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen. Das mache ich alles selbst, ohne meine Mutter. Denn die ist ja tagsüber gar nicht da.“ Die Mutter muss sich nämlich in den langen Schlangen vor den Lebensmittelausgaben anstellen. Das heißt, Sahera und ihr Bruder sind viel allein, ohne Aufsicht. Ihre Hauptaufgabe ist es, mehrmals täglich Wasser holen. Es gibt zwar eine Wasserstelle gleich nebenan. Aber das Wasser dort stinkt oft, weil die Wasserpumpe gleich neben einer Toilette steht. Deshalb füllt Sahera den Krug lieber an einem Brunnen weiter weg, steht dort an, bis sie dran kommt und schleppt den vollen Krug dann wieder heim. Wie die anderen Kinder hier eben auch.

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„Ich bin viel allein“, sagt Sahera. „Meine Freunde aus Myanmar hab ich verloren. Vielleicht sind manche ja im Nachbarcap gelandet oder in einem der Flüchtlingslager, die noch näher an der Grenze sind…wenn sie noch leben. Aber ich weiß es nicht und ich kann sie jetzt nicht mehr sehen.“ Früher habe sie gern mit Knete gespielt, die hatte ihre Mutter ihr geschenkt, aber jetzt habe sie gar keine Spielsachen mehr…

Seit Januar ist ihr Tag aber nicht mehr ganz so langweilig. Denn sie gehe jetzt in die Schule. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Im Schichtbetrieb, also nur zwei oder drei Stunden am Tag, dann kämen schon die nächsten Schüler – es sind einfach zu viel Kinder im Camp und zu wenig Schulen. In Myanmar gab es keine Schulen für Rohingya in der Nähe. Aber hier im Camp haben Hilfsorganisationen welche aufgebaut. „Wir haben ein grosses Klassenzimmer, genauer gesagt ist es ein Gerüst aus Bambusstangen, das mit Strohmatten umwickelt ist. In diesem Raum sitzen Mädchen auf der einen Seite und Jungs auf der anderen. Wir sind etwa 20 Mädchen und 30 Jungs, aber das schwankt von Tag zu Tag.“ Nicht immer kämen alle, besonders jetzt, wo es kalt ist, blieben manche lieber daheim.

Zwei Lehrerinnen haben sie, eine für Birmanisch, die andere für Englisch. Sahera findet Schule toll, vor allem Englisch macht ihr sehr viel Spass. Gerade haben sie ein Lied gelernt, einen richtigen Ohrwurm. Sie beginnt leise zu singen „twinkle, twinkle, little star…“ Sahera versteht zwar noch nicht alle Worte, aber sie trällert es ständig vor sich hin.

Seit sie in der Schule ist, hat sie auch ein paar Freundinnen. Mit denen spielt sie Dorilap, Seilspringen. Eins finde sie allerdings richtig doof hier, meint die Zehnjährige: „In Myanmar haben wir das immer alle zusammen gespielt, aber hier sind Mädchen und Jungs meistens getrennt und Jungs springen hier auch nicht Seil. Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, mit was Jungs hier so spielen, wir spielen eigentlich immer getrennt. Ball vielleicht, aber ich selbst hab noch nie gekickt. In der Schule sind wir getrennt und danach auch.“

Eigentlich habe sie sich mittlerweile an das Leben im Camp gewöhnt, versichert Sahera. Aber wenn sie sich was wünschen könnte, dann hätte sie gerne wieder ihre Knete zurück. Und vielleicht auch eine Puppe. „Aber vor allem wünsche ich mir, dass ich ganz, ganz viel lerne in der Schule. Vielleicht werde ich dann auch irgendwann Lehrerin.“ Die Frage, ob sie wieder zurück nach Myanmar wolle, beantwortet die Zehnjährige erst nicht, sie überlegt lange. Und schüttelt dann ganz langsam aber bestimmt den Kopf.

Non-ferrous life begins!

Wie waren die Bewohner von Char Charita Bari stolz als sie mich im vergangenen Jahr durch ihr Dorf führten… Neben jeder Hütte war ein kleiner Sanitärbereich mit Waschstelle, Dusche und Toilette. Luxus auf der Schwemmlandinsel, denn davor musste das Wasser im Fluss geholt werden. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, dass das ganze Plateau dieses Dorfes im Überschwemmungsgebiet komplett erhöht und mit Brunnen, Pumpen und Solarzellen ausgestattet wurde (mit Spenden von Clingenburg-Festival-Besuchern). [nachzulesen hier:  https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/08/08/against-all-odds/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/    yvonnekoch.wordpress.com/2017/01/26/after-the-big-flood-char-charita-bari/ ]

Aber schon bei der Besichtigung ist mir aufgefallen, dass das Wasser rote Schlieren hinterlässt. Es sei extrem eisenhaltig, hat man mir erklärt.

Char Charita Bari vor dem Filter

Erst als ich wieder Zuhause war, ist mir das ‚rote‘ Wasser wieder eingefallen. Eigentlich ist Eisen ja ein Mineral, das unser Körper braucht. Aber das Wasser in Char Charita Bari roch extrem metallisch und der Geschmack war auch nicht so lecker. Kann das wirklich noch gesund sein? Also hab ich recherchiert: „Für den Menschen ist Eisen ein lebensnotwendiges Mikroelement, denn es ist vor allem für den Sauerstofftransport des Hämoglobins – der roten Blutkörperchen – zuständig. Der Tagesbedarf für Männer liegt bei etwa 10 mg pro Tag, für Frauen ist er mit ca. 15 mg etwas höher. Werden diese Werte dauerhaft unterschritten führt dies zur Diagnose Eisenmangel. Eine Überdosierung wirkt sich ebenfalls schädlich auf die Gesundheit aus. Bei zu hoher Eisenaufnahme kann sich Eisen in der Leber anreichern und vielfältige Erkrankungen, sogenannte Siderosen, auslösen.“ Außerdem greift das eisenhaltige Wasser auf Dauer auch Leitungen an.

Das hat mich richtig geärgert! Da haben es die 11 Familien im Überschwemmungsgebiet endlich ein bisschen leichter, verlieren nicht jedes Jahr Vieh, Häuser und ihr Leben bei der Flut und sollen jetzt dafür unter diesem blöden Eisen leiden? Denn die ersten Auswirkungen spürten die Bewohner schon: Der 18jährigen Laboni juckt die Kopfhaut, Morgina (23) bemerkt bei der ganzen Familie rot verfärbte Zähne, Momina stellt fest, dass der Reis rötlich aussieht und irgendwie anders schmeckt und bei der 20jährigen Roksana wird das Curry schwarz. Außerdem schmeckt das Wasser schlecht, bei allen. Wobei….diese Beschwerden gelangten lange nicht zu mir. Auch die Hilfsorganisation  CDD, die die Dorferhöhung umgesetzt hat, erfährt davon nichts. Denn die Dorfbewohner wollten nicht undankbar sein, schämten sich, von ihren Problemen zu erzählen.

Aber seit wir wussten, wie schädlich zu viel Eisen im Wasser ist, haben wir lange nach einer Lösung gesucht. Klar gibt es dafür Verfahren, aber chemische kamen nicht in Frage, weil es sich ja nicht um das Wasser für einen Swimming-Pool handelt, sondern um Trinkwasser. Spezial-Filter, wie sie auf dem Markt sind, waren für alle Beteiligten zu teuer. Deshalb waren Gopal und ich soweit, selbst ein Filtersystem aus Sand, Kies und Kohlepartikel zu entwickeln – wenigstens theoretisch hatten wir uns das Basiswissen dafür draufgeschafft, es haperte nur noch an der Umsetzung.

Und dann kam uns der Zufall zu Hilfe: In einem Blog-Artikel von rosarotjulia (https://wordpress.com/read/blogs/117704312/posts/267), einem Bangladesch-Fan, las ich von einem Mann im Süden von Bangladesch, der mit einfachen Mitteln Filtersysteme für alle möglichen Schadstoffe im Wasser baut. Die Blog-Autorin vermittelte den Kontakt, Gopal verhandelte mit dem Filterspezialisten und jetzt stehen die tatsächlich in jedem Haus in Char Charita Bari. Aber seht selbst:

Preisgünstig, einfach und effizient sind diese Filter. Und dass sie einigen Platz in den  kleinen Hütten beanspruchen, nehmen die Dorfbewohner gerne in Kauf. Denn das Wasser ist jetzt wieder klar (siehe Titelbild), es schmeckt richtig lecker und der metallische Geruch ist auch weg. Laboni meint sogar, ihr Haar sei jetzt viel weicher und die Verfärbungen bei Reis, Zähnen, Curry oder Sonstigem sind auch weg. Den dreistöckigen Turm aus Plastikeimern findet der 34jährige Kamrul Hossain sogar richtig chic, denn mittlerweile kommen immer öfter Nachbarn vorbei, um sich das Filtersystem anzukucken: „Meine Frau ist total glücklich über das Ding und wir kümmern uns auch gut darum.“

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A privat school in Bangladesh

Privatschule – da denk ich an ehrwürdige alte Gemäuer inmitten von sattem Grün und Tennisplätzen, mit einer imposanten Auffahrt auf der die Ferraris oder Rolls Royces anrollen, um die schnieken Mädels und Buben aus der Haute volée der Bildung an der Eliteschule zuzuführen.

Deshalb war ich auch besonders gespannt auf die Schule meines kleinen bengalischen Freundes Amit. Denn auch er geht auf eine Privatschule und er hat mich eingeladen, sie mit ihm zu besuchen.

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Aber schon von außen wir schnell klar: Eine Privatschule in Bangladesch ist was ganz anderes als in Europa. Links und rechts der Schule stehen uralte Backstein-Häuser, halb abgerissen, der Schutt liegt zum Teil in großen Haufen einfach davor. Die Schule selbst ist auch aus unverputztem Backstein, im Erdgeschoss, darüber türmt sich ein trist-grauer Betonkasten und das einzige ‚Prunkvolle‘ an diesem Gebäude ist der steinerne Türstock unter dem Schild am Eingang.

Im Eingangsbereich sitzen Frauen auf schmalen Holzbänken, die entlang der Wand aufgereiht sind. Das sind ‚guardians‘ erklärt mir Amit und bevor ich nachhaken kann,  hüpft der kleine Mann schon die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort empfängt uns ein sichtlich aufgeregter Mann in grauem Anzug – der Direktor und Gründer der Schule, Sanjit Sakar.

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Mir wurde gesagt, dass er gut Englisch spreche, ich deshalb keinen Übersetzer brauche, er könne mir alle Fragen beantworten….Aber ich merke schnell, dass das eine leichte Fehlinformation war – Viele meiner Fragen werden gar nicht oder mit völlig anderen Infos beantwortet als ich haben wollte. Naja, erstmal werd ich sowieso einfach herumgeführt, soll mir jeden einzelnen Klassenraum anschauen.  Dabei fällt mir auf, dass diese Schule sich kaum von einem Wohnhaus unterscheidet. Die Schule ist auf einem Stockwerk untergebracht, ein langer Gang, von dem etwa 10 Räume abgehen – die Klassenzimmer.

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Wir fangen bei den Kleinsten an, der ’nursery‘, und so wie ich es verstanden hab, ist das vergleichbar mit der Vorschule in unseren Kindergärten. Nur ungleich trister. Der Raum ist grau und fast kahl, nur ein paar Luftballons kleben verloren an der Wand. An zwei zusammengeschobenen Tischen sitzen heute nur vier Kinder, vor sich eine Schere, Papier und Stifte. Und offenbar üben sie schon erste Buchstaben. Hier ‚herrscht‘ eine Lehrerin mit Kopftuch und Amit verrät mir später, das er sie überhaupt nicht leiden kann, weil sie ihn immer geschlagen habe, wenn er zum Beispiel unerlaubt vom Stuhl aufgestanden ist oder ihrer Meinung nach zu frech gewesen sei. Leider kann ich nicht direkt mit ihr sprechen, denn sie kann kein Englisch. Und der Direktor ignoriert meine Frage, was genau in der nursery unterrichtet werde, dafür lobt er die Dame in den höchsten Tönen, sie sei eine bewährte Fachkraft, meint er. Und nein, es seien nicht immer so wenig Kinder hier, aber heute sind nicht alle in die Schule gekommen, weil es so kalt sei. (kleine Anmerkung: der Schulbesuch fand im Januar 2018 statt, da war es für bengalische Verhältnisse saukalt – um die 10 Grad).

Amit muss in seine Klasse, der Unterricht fängt an. Aber ich merke, dass er sich nur ungern losreißt… immerhin hat er die Lady aus dem Ausland mitgebracht und allein diese Tatsache macht ihn offenbar zum Star an der Schule.

Ich werde jetzt von Raum zu Raum, von Klasse zu Klasse geführt. Immer müssen die Kinder aufstehen, wenn ich eintrete und schmettern mir mehr oder weniger motiviert ein ‚welcome‘ oder ‚how are you, Mam‘ entgegen. Ich versuche jedes Mal eine kleine Konversation auf Englisch und dabei werden die Unterschiede im Sprachniveau schnell klar: In den unteren Klassen kommen die Kinder nicht über dieses ‚how are you‘ und vielleicht noch ‚what’s your name‘ hinaus. Die Älteren dagegen können mir ihre Lieblingsfächer, den Lieblingssport und sogar ihr Wissen über Deutschland vermitteln. Allerdings halte ich diese ‚Visiten‘ bewusst kurz, denn ich fühl mich nicht wohl in der Situation, die was von Abfragen hat.

Nur in Amits Klasse bin ich länger. Vor allem, um Fotos zu machen von einem typischen Klassenzimmer in einer Privatschule in Bangladesch:

Wie gesagt, es sind heute nicht alle Schüler da, normalerweise sind alle Tische mit mindestens zwei, manchmal sogar drei Schülern besetzt. Dass die Kinder im Winter nur sporadisch kommen, kann ich verstehen…die Klassenzimmer können nämlich nicht beheizt werden, in manchen Räumen kann man nicht mal die Fenster richtig schließen und selbst wenn die Schüler dick eingemummelt sind, kriecht die feuchte Kälte von unter her langsam in alle Glieder.

Der Junge im letzten Bild ist übrigens mein Freund Amit – schon beim ersten Treffen hat er mich mit seiner offenen Art, seinem verschmitzten Humor und seiner Pfiffigkeit erobert. In den vergangenen Jahren haben wir uns mit Händen und Füßen nonverbal verständigt, aber  jetzt ist er in der zweiten Klasse und mittlerweile haben wir schon richtige Gespräche. Denn anders als in Deutschland, haben die Kinder in Bangladesch viel mehr Gelegenheit ihre Sprachkenntnisse in Englisch direkt anzuwenden, auch im Alltag. Ein großer Vorteil, finde ich.

 

10:30 Uhr, Pause. Das heißt für die Schüler: 20 Minuten Freizeit. Die ganz Kleinen werden jetzt schon wieder von ihren Eltern abgeholt, die anderen können in den Pausenhof gehen oder in den Klassen bleiben und kriegen gewürzte Tomaten, Gurken oder ähnliches zu essen. Amit bleibt mit seinen Freunden meist lieber in der Klasse, da ist es nicht so kalt wie draußen auf dem Mini-Pausenhof  – der übrigens gerade mal etwa so groß wie vier Autostellplätze ist. Eine Betonfläche, umgeben von Schutthügeln.

 

Ich nutze die Chance und flutsche ins Lehrerzimmer. Dort nutzen die Lehrer die Zeit, um zum Beispiel die Berge von Klassenarbeiten zu korrigieren, die sich hier türmen. Offenbar gönnen sie sich selbst keine Pause. Das liege daran, dass die Lehrer hier alle halbtags arbeiten, also nach Unterrichtsschluß um halb zwei theoretisch frei haben, erklärt mir Subarna Gosh, eine junge Lehrerin, die sehr gut Englisch spricht. Ihr Pech! Denn natürlich wird sie von mir jetzt mit Fragen bombadiert…

Der größte Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Schulen, erklärt sie, sei die Finanzierung: Bei Privatschulen legen einige Reiche Geld zusammen, um damit die Schule zu betreiben, bei öffentlichen Schulen finanziert der Staat alles. Auch die Unterrichtssituation sei anders: In öffentlichen Schulen gibt es viel mehr Schüler, oft sind da 150 Schüler zusammen in einem Raum, während die Privaten schon viel kleinere Räume hätten, in der Regel also nur 20 Schüler pro Klasse unterrichtet werden. „Mit dem Effekt, dass wir Lehrer auch jeden Schüler einzeln betreuen können, die Schüler lernen dadurch viel schneller und außerdem machen wir regelmäßig Tests, um die Fortschritte beurteilen zu können.“ Mindestens vier Tests pro Trimester in jedem Fach.

Die ‚guardians‘ zahlen für die Schule, also die Eltern, sagt die junge Frau und klärt damit auch die Frage, die ich im Eingangsbereich der Schule hatte….Die Frauen, die dort auf den Bänken saßen, sind also wartende Eltern. „Das sind die guardians der neuen Schüler, die sitzen da, weil sich die Kinder manchmal noch schwer tun, in der Schule zu bleiben. Also waren sie unten bis zur Pause, die Kleinen bleiben ja nur für etwa zweieinhalb Stunden.“ Es komme schon auch vor, dass ein Kind so gar nicht in der Schule bleiben will, aber da hätten sie schon ihre Methoden: Mit Schokolade, Sticker oder Luftballons würden sie dann neugierig gemacht, so dass sie sich an die Klasse gewöhnen würden.

„Allerdings“, fährt Subarna Gosh fort, „gibt es auch Eltern, die sich die Schule nicht leisten können. Da hilft dann die Schule aus, die zahlen dann die Hälfte oder gar nichts. Aber das sind nur wenige.“ Es gebe eine Aufnahmegebühr von 3000 Taka (etwa 30 Euro), wer das aber nicht zahlen könne, zahle halt nur 1000. Und monatlich kämen dann noch 600 Taka (6 Euro) für die nursery und die ersten beiden Klassen dazu, bei den höheren Klassen kostet es 700 Taka (7 Euro). „Lehrer verdienen hier sehr wenig. Die Junior-teachers 4000, die Senior teachers 5000 Taka monatlich. Das ist sehr wenig. An öffentlichen Schulen verdient man schon mehr“. Warum arbeitet sie dann an dieser Schule, frage ich sie. „Weil die Arbeitszeiten kurz sind. Ich bin eigentlich Hausfrau, aber für ein paar Stunden hier zu unterrichten, klappt ganz gut nebenher. Und ich mach es auch aus Leidenschaft.“ Die junge Frau senkt den Blick und wird sogar ein bisschen rot. Ist ja süß – eine Lehrerin, die ihren Job gern macht…das findet man in Bangladesch nicht unbedingt oft, hab ich schon festgestellt.

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15 Lehrer gibt es an dieser Privatschule und unterrichtet wird Bangla, Englisch, Mathematik, Religion und Wissenschaften, also Biologie, Chemie und Physik. Immer im Frontalunterricht, nehm ich an? Subarna stutzt kurz, weiß nicht genau was ich meine. Ich erzähle von Konzepten wie Gruppen- oder Projektarbeit. Sie lächelt nur milde. Nein, daran sei hier nicht zu denken, sagt sie dann: „Wir haben so kleine Räume, da ist es manchmal ganz schön anstrengend, wenn ein Kind sehr laut ist und rumschreit. Das stört auch die anderen Klassen, deshalb ist bei uns Disziplin schon auch wichtig. Aber wir können das nur mit Hilfe der Eltern umsetzen. Das Problem ist, dass viele Eltern Analphabeten sind und manchmal Bildung nicht so wichtig nehmen oder ein Problem haben, ihre Kinder richtig zu erziehen, ihnen Manieren beizubringen. Also müssen wir den Kindern oft nicht nur den Lernstoff beibringen, sondern auch noch, wie man sich richtig benimmt. Und weil die meisten Eltern selbst ungebildet sind, wissen sie auch nicht, wie man sich den Lehrern gegenüber richtig verhält. Das ist für uns schon ein großes Problem. Aber weil es halt eine Privatschule ist, müssen wir das ein Stück weit ertragen. Das Hauptproblem ist Bildung, Bangladesch ist halt ein Entwicklungsland, ein armes Land, und die meisten Eltern sind ungebildet. Wenn man so will, erziehen wir die Eltern auch ein Stück weit noch mit, weil wir versuchen ihnen beizubringen, wie wichtig Manieren und gutes Benehmen für alle sind. Ich denke hat, die Familie ist die wichtigste und erste Instanz, in der ein Kind lernt. Also müssen wir im Prinzip schon in den Familien anfangen. Wir versuchen hier unser bestes, aber ich hoffe, dass auch die Eltern sich mehr bemühen.“

Das scheint ganz gut zu klappen, denke ich als ich das Lehrerzimmer verlasse und die Treppe runter zum Direktor gehe. Denn es ist wieder Unterricht und ziemlich ruhig in den Klassen. Obwohl es an dieser Schule 250 Schüler gibt, erfahr ich von ihm. Jungen und Mädchen werden zusammen unterrichtet und auch die Religionen sind gemischt: Es gäbe Hindus, Christen, Muslime und Buddhisten an seiner Schule. Aber die meisten sind Hindus.

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Er habe die Schule vor 5 Jahren gegründet, sagt Direktor Sanjit Sakar. „Ich wollte den armen, besitzlosen Menschen helfen, die sonst keine Chance auf Bildung haben. Es gibt in Savar sehr viele Schulen, aber unsere ist anders. Wir legen hier viel Wert auf eine schöne Schrift und gute Ausdrucksweise. Das wird später ein Vorteil für die Schüler sein. Den Eltern ist es vor allem wichtig, dass ihre Kinder Englisch lernen und dann Mathe und Wissenschaften. Sie erhoffen sich dadurch für ihre Kinder besser Chancen.“

Aber er finanziert die Schule natürlich nicht allein, verrät er mir, so reich sei er dann doch nicht… Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht. Aber dann wird er wieder ’seriös‘ und klärt mich über die Finanzierung auf: „Monatlich brauch ich etwa 150.000 Taka um die Schule am Laufen zu halten (etwa 1500 Euro). Wir schaffen es eigentlich nie, dieses Geld reinzukriegen, von den Schülern kriegen wir 100.000 im Monat. Deshalb springen dann die sieben Mitglieder des Managements ein. Die sind alle Geschäftsleute, die gut verdienen: Landvermieter, Einzelhändler oder so. Ich selbst habe auch ein Geschäft und leite außerdem noch eine NGO. Aber wir bekommen keinerlei Geld vom Staat, nur einige Bücher werden von ihm gestellt, alle anderen müssen die Eltern zahlen.“

DAS ist offenbar die einzige Gemeinsamkeit zwischen deutschen und bengalischen Privatschulen: Die Eltern müssen richtig viel Geld zahlen. Auch wenn sich die Kosten natürlich nicht vergleichen lassen.

Deshalb frage ich nach der Schule Amits Vater Gopal, warum er sich eigentlich für eine Privatschule entschieden hat. „Die Schule ist nicht weit weg, die Lehrer sind gut ausgebildet und die Unterrichtssituation ist besser als an der öffentlichen Schule in der Nähe. Aber ganz ehrlich, ich hab mich vorher gar nicht erkundigt, ob der Lehr-Standard besser ist als an öffentlichen Schulen. Ich weiß halt, dass es nicht leicht ist, an den wenigen richtig guten public schools in Bangladesch angenommen zu werden – da herrscht ein enormer Wettbewerb.“

 

 

 

 

Sunset in Gaibandha

Es ist immer dasselbe Guesthouse, in dem ich im district Gaibandha übernachte. Ich mag es sehr hier – nicht nur wegen des hervorragenden Essens, den sauberen Zimmern, die sogar eine Dusche haben oder dem WLAN-Anschluss. Nein vor allem liebe ich den Blick von den kleinen Balkonen. Dieser Blick besonders bei Dämmerung – da fällt auch das letzte bisschen Anspannung sofort von mir ab. Hier fühl ich mich einfach unglaublich wohl.

Gaibandha Blick aus Zimmer

Besonders im Winter ist hier abends ein wunderschönes Licht. Aber was red ich, genießt die Bilder und ich versuch mal, diesmal etwas weniger Text zu liefern 😉

Okay, klappt nicht ganz… Fällt Euch an den Reisfeldern was auf? Normalerweise sprießt um diese Jahreszeit ein zartes, frisches Grün. Diesmal haben viele Halme aber einen eher rötlichen Schimmer. Das sei durch den kalten Nebel, der in diesem Jahr besonders zäh und lange über den Feldern hänge. Die rötlichen Halme seien wahrscheinlich alle nicht mehr nutzbar, der Reis quasi erfroren. Auch das sei eine Auswirkung des Klimawandels, sagt man mir. Aber ich häng immer noch an dem Wort ‚erfroren‘ – geht das überhaupt bei Temperaturen von plus sechs Grad? Auch wenn das zugegebenermaßen für Bangladesch schon seeeehr kalt ist.

Als der Traktorfahrer mich sieht, verändert er sein Fahrverhalten sofort: das Handy kommt vom Ohr, der Fuß aufs Pedal und dann startet das Gefährt durch. Laut tuckernd rast der Traktor auf eine Böschung zu, die ist etwa anderthalb Meter hoch. Ohne zu bremsen erklimmt dieser die Böschung bis er fast senkrecht steht. Kurz vor dem Kippen fährt die Egge am Hinterteil nach oben und stützt den Traktor ab. Der junge Mann auf dem Fahrersitz dreht sich kurz zu uns um, winkt triumphierend und tuckert dann im Abendlicht davon.

Fast hätte ich ob dieser artistischen Einlage die Bahnschwelle übersehen, die vor mir im Boden eingelassen ist. Fiat 1959 steht da drauf.  Haben etwa Italiener die Bahnlinie hier verlegt? Jetzt ist die Strecke jedenfalls stillgelegt. Hoff ich. Denn im Moment wird sie sichtbar zweckentfremdet.

Ein paar Schritte weiter wieder Schienen. Und die vibrieren plötzlich und ein seltsames, Rumpeln ist zu hören.

Schnell ist der Zug nicht. Die Passagiere haben genug Zeit, der neugierigen Europäerin zu winken und sogar ein ‚Valo theko – Mach’s gut‘ zuzurufen.

Kaum ist der Zug vorbei, hör ich wieder Rufe. Diesmal sind es Kinder, die auf den Feldern neben Wellblechhütten spielen. Ich winke, knipse und grinse – posende Jungs scheinen ein ziemlich internationales Phänomen zu sein.

Anders ist es mit den Gesichtern von älteren Menschen. Die find ich speziell in Bangladesch oft einfach unglaublich interessant…

The dancing goat

Nach Gaibandha zu kommen ist immer ein bisschen wie heimkommen. Denn dieser Distrikt im Norden von Bangladesch liegt mir besonders am Herzen. Nicht nur, weil diese Gegend als die ärmste im Land gilt oder weil es hier jedes Jahr zu verheerenden Überschwemmungen kommt, sondern weil ich die Menschen dort grenzenlos bewundere: Sie leben mit und gegen die zahlreichen Flüsse, die sich wie Adern durch das Land ziehen. Und obwohl diese Ströme während der Monsunzeit ihnen fast jährlich Ernten zerstören, Häuser und Felder wegreißen und sogar Todesopfer fordern, bauen die Menschen in Gaibandha jedes Jahr wieder alles auf. Nicht weil sie dumm sind, sondern so bettelarm, dass sie oft keine Alternativen haben. Und trotzdem sind die Menschen in Gaibandha freundlich und offen und strahlen eine besondere Gelassenheit aus, eine innere Harmonie.

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Lange hab ich gedacht, dass ich die Gegend aus irgendeinem Grund romantisiere und mit einem sentimentalen Weichzeichner sehe. Aber mittlerweile hab ich auch andere Europäer dorthin gelotst und auch Einheimische aus anderen Regionen von Bangladesch … und auch sie hatten das Gefühl, dass dort alles von ihnen abfällt, entschleunigt und sich etwas Warmes, Harmonisches in ihnen breit macht.

Kurz, ich komm gern nach Gaibandha. Und nach und nach, lerne ich auch die kleinen Freuden kennen, denen vor allem die Kinder gerne nachgehen. Mitten im Dorf ist zum Beispiel eigentlich immer ein kleiner Weiher, der sogenannte pukur. Hier wird gebadet, gewaschen und oft auch noch in einem Eck Wassergemüse angebaut. Oder aber, der Uferbereich des Weihers wird als Spielwiese genutzt:

Es ist eine Art Fangen, das die Kinder hier spielen, offenbar auf mehreren Ebenen, aber da bin ich nicht ganz sicher. Auf jeden Fall spielen Mädchen und Jungen hier zusammen – was nicht selbstverständlich ist.

Als die Kids bemerken, dass ich mich für ihre Spiele interessiere, versuchen sie mir einige zu erklären….

bei Kazol (74)

Aber weil sie schnell merken, dass mein Bangla dafür bei weitem nicht reicht, ziehen sie mich einfach mit. Zu einem Platz am Flussufer, außerhalb des Dorfs. Zwei Gruppen werden gebildet, Schuhe als Markierungen ausgelegt – ich denke, sie sollen eine Art Torpfosten darstellen. Ein Junge nähert sich der Schuhmarkierung der anderen Mannschaft. Und dann geht alles sehr schnell:

Die genauen Regeln hab ich nicht kapiert, aber es geht um Geschicklichkeit und Schnelligkeit, das konnte ich sehen.

Mädchen machen bei diesem Spiel nicht mit. Nur eins stand am Rand und kuckte verschüchtert zu.

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Offenbar kam sie gerade aus der Schule. Einer der größeren Jungs erklärt mir in holprigem Englisch, dass sie einen besonders weiten Schulweg habe. Er deutet auf eine Erhebung auf der anderen Seite des Flusses. Ihr Dorf sei etwa eine Stunde Fußweg vom Flussufer entfernt. Insgesamt brauche sei fast zwei Stunden zur Schule – und natürlich auch so lange wieder zurück. Sie komme überhaupt nur während der Trockenzeit zum Unterricht, denn sobald der Monsun einsetzt, sei es zu gefährlich, der Fluss zu reißend.

Jetzt aber liegt der Fluss ganz ruhig da. Ein Fischer steht am Ufer. Geduldig zieht er immer wieder sein Schwenk-Netz durch das Wasser. In der Hoffnung, wenigstens ein paar kleine Fische zu fangen.

Mein Name wird gerufen. Ob ich schon mal eine tanzende Ziege gesehen hätte? Hab ich nicht. Und deshalb ziehen wir alle im Pulk zum Haus eines hochgeschossenen Jungen, der stolz seine kleine, schwarze Ziege präsentiert. Er habe sie dressiert, erklärt er und wird ein bisschen rot. Sie sei sein bester Freund und begleite ihn manchmal sogar zur Schule. Alle lachen. Und dann beweist mir der Teenager, dass in Gaibandha sogar die Ziegen tanzen: