The impressive brother

Wenige Monate vor meiner letzten Reise hat der Papst 17 neue Kardinäle ernannt. Die meisten von ihnen aus Schwellen- oder Entwicklungsländern. Nicht dass mich das sonst interessiert, aber diesmal schon. Denn einer der neuen Kardinäle ist Patrick D’Rozario, der der kleinen christlichen Minderheit in Bangladesch vorsteht. In diesem muslimischen Land machen die Christen gerade mal 0,3 Prozent aus, sagt Wikipedia. Klingt mickrig. Aber bei 160 Millionen Einwohnern in Bangladesch sind das immerhin 480.000 Christen. Und ich merke, wie gleich mehrere Fragen dazu bei mir aufploppen: Wie lebt es sich als Christ in Bangladesch? Ist es in den letzten Jahren gefährlicher geworden? – Immerhin gibt es seit einiger Zeit immer öfter Morde an Andersgläubigen in Bangladesch.  Hat die Kardinalsernennung irgendetwas an der Situation geändert?

Irgendwo hatte ich gehört, dass der neue Kardinal in Mymensingh residiert… also hab ich mein Netzwerk aktiviert und auf gut Glück gefragt, ob irgendjemand mir zu einer Audienz verhelfen kann – wo ich doch eh diesmal in dieser Ecke unterwegs war. Reaktionen gab es erstmal nicht und ganz ehrlich, ich hab auch nicht geglaubt, dass es klappen würde.

Umso überraschter war ich, als ich auf dem Rückweg von Kalsindur zur Distrikt-Hauptstadt Mymensingh einen Anruf bekam, von Mrinal, dem Mann, der uns bei der Organisation in dieser Ecke von Bangladesch geholfen hat. Er war hörbar aufgeregt, plapperte aber so schnell, dass ich den Hörer mit einem großen Fragezeichen im Gesicht an Gopal weiterreichen musste. Mrinal hat sich tausendmal entschuldigt – die Audienz beim Kardinal habe nicht geklappt, der sei gerade im Ausland. Aber er könne mich mit einem anderen Christen zusammenbringen, der schon sehr lange in Bangladesch lebe. Meine Mundwinkel zucken….Das ist so typisch für Bangladeshi: Von kleinen Rückschlägen oder Unwegbarkeiten lassen sie sich noch lange nicht vom eigentlichen Ziel abbringen. Und bei Bedarf wird halt das Ziel ein bisschen zurechtgebogen 😉

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Wir sind leider etwas verspätet zu unserer Verabredung gekommen und auch ziemlich unvorbereitet. Ich weiß nur, dass ich einen Bruder einer christlichen Gruppe sprechen werde, mehr nicht. Mrinal führt uns durch ein grünes Eisentor, direkt auf ein kleines Haus mit grünen Fenster- und Türläden zu. Das sei die Kirche. Die verschiedensten Menschen strömen heraus, manche mit chinesischem Aussehen, ein rothaariger Wuschelkopf, bengalische Frauen… etwa 25 Menschen schätz ich. Der Gottesdienst ist offenbar gerade vorbei, was ich sehr bedauere. Zu gern hätt ich in der christlichen Diaspora miterlebt, wie der Glauben hier zelebriert wird. Aber Zeit zum Ärgern hab ich nicht, denn schon kommt ein schlanker Mann auf mich zu und streckt uns schon von weitem die Hände entgegen. „I am brother Guillaume“, sagt er, dann zu Gopal gewandt: „Ami brother Guillaume“ und wieder zu mir: „oder sollen wir besser in deutsch uns unterhalten?“ Ich bin platt. Aus mehreren Gründen. Wie kann ein einzelner Mann nur mit einer Geste so viel Wärme und Herzlichkeit transportieren? Und dann switcht er noch mühelos zwischen mehreren Sprachen. Denn während er uns sanft den Weg neben der Kirche lang lotst, kommen immer wieder Leute auf ihn zu mit denen er in den verschiedensten Sprachen redet. Spanisch hör ich raus, bengalisch, niederländisch, dann irgendwas unverständliches asiatisches. Wir werden jetzt alle gemeinsam essen, erklärt Bruder Guillaume und führt und zu einer Art Pavillion: Betonboden mit Überdachung.

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Auf dem Boden bilden kleine Tischsets ein Rechteck, vor denen jeweils ein Teller und ein Glas steht. Nach dem Händewaschen setzt sich jeder Gast auf eines dieser Sets, Plastikkannen mit Wasser werden im Kreis gereicht, eine große Schüssel mit Reis auf einem Rollbrett kommt hinterher und danach noch eine Schüssel mit Dhal (Linsensuppe). Bruder Guillaume bugsiert mich auf den Platz neben ihm und erklärt, dass sich hier immer eine bunte Mischung von Menschen aus aller Welt treffe. Das sei besser als jede Zeitung, sagt er und zwinkert mir zu. Dann begrüßt er alle auf bangla und englisch und beginnt eine Art Vorstellungsrunde. Offenbar hat er sich jeden einzelnen Namen gemerkt, auch wenn manche ziemlich schwierig auszusprechen sind. Und er hat auch zu jedem Gast ein paar erklärende Worte, wo sie herkommen, warum sie gekommen sind und so. Besonders beeindruckt er mich, als er Gopal vorstellt. Ich hatte ihn nur als meinen Reise-Begleiter vorgestellt. Bruder Guillaume aber legt seine Handflächen in Hindu-Manier aneinander, als er Gopal vorstellt und verneigt sich leicht in seine Richtung. Keine Ahnung woher er weiß, dass Gopal Hindu ist. Eine Art Pfadfinder-Feeling stellt sich bei mir ein… ein Gefühl von Gemeinschaft, von beiläufiger Herzlichkeit und als ob wir uns alle schon lange kennen würden. Dann wird gegessen.

Mir fällt auf, dass keiner sich nachnimmt, obwohl noch genug da wäre. Um mich herum höre ich leise Gespräche, der rothaarige Wuschelkopf lächelt mich an, er sei von der Insel, sagt er. Irland?, frage ich. Nein, Schottland, meint er und schüttelt sich vor Lachen, weil er mein verdutztes Gesicht sieht. Aber er habe irische Vorfahren. Zwei Frauen ihm gegenüber melden sich zu Wort, sie würden gerne etwas singen, allerdings in ihrer Sprache, koreanisch. Bruder Guillaume nickt aufmunternd und wir hören eine komische Abfolge von Lauten in einem relativ hohen Singsang, der scheinbar keinen Rhythmus hat. Aber Bruder Guillaume singt schon nach kurzer Zeit den Refrain mit – ein Sprachgenie! Dann wird die Tafel aufgehoben, jeder schnappt seinen Teller und das Glas, spült es an der Wasserstelle aus und wäscht sich die Hände.

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„Wir können jetzt das Interview machen“, sagt Bruder Guillaume und bringt mich in eines der kleinen weißen Häuser, die eine Art Ring um die Kirche bilden. Es ist unglaublich grün hier, kleine Papageien sitzen in den Büschen, die manchmal kaum von den knalligen Blüten zu unterscheiden sind. Wir setzten uns an einen großen alten Tisch. Bestimmt noch aus der Kolonialzeit, schiesst mir durch den Kopf. Dann krieg ich einen Tee serviert und es beginnt einer der intensivsten Stunden, die ich je hatte.

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Bruder Guillaume lebt seit 1975 in Bangladesch, also quasi fast von Anfang an (Bangladesch wurde 1971 unabhängig von Pakistan). Er ist also der ideale Ansprechpartner für die Frage: Hat sich seither das Leben der Christen in diesem Land verändert? Er wackelt leicht mit dem Kopf, bevor er antwortet und ich muss innerlich grinsen, denn das ist genau die Gestik, die Bangladeshi anwenden, wenn sie eine eindeutige Antwort umgehen wollen. Bangladesch sei ein offenes Land, sagt er dann, man könne hier gut leben, auch als Christ. Allerdings sei Bangladesch auch ein Teil der internationalen Bewegung, die sich weltweit breit mache, weshalb es mittlerweile auch Terror hier gebe. Aber das sei ein importierter Fanatismus, den die meisten Bangladeshi nicht akzeptieren. Deshalb denke er, es sei wahrscheinlicher bei einem Busunfall ums Leben zu kommen als durch Terroristen.

Bruder Guillaume selbst versteht sich als Christ, aber nicht als katholischer oder protestantischer, er gehört der Gemeinschaft von Taizé an, das ist der erste ökomenischer Männerorden weltweit, der vor allem durch seine großen jährlichen Jugendtreffen bekannt ist.

taizé

Trotzdem will ich wissen, ob die Kardinals-Ernennung sich irgendwie auf die Christen in Bangladesch auswirkt. Tut es tatsächlich, meint er. Nicht nur, weil sich die Christen im Land dadurch anerkannt und ermutigt fühlen. Sondern auch weil Hierarchien in Bangladesch so unglaublich wichtig sind und diese Ernennung der christlichen Minderheit mehr Autorität verleiht. Das merke man direkt, bei Verhandlungen mit Behörden, Landstreitigkeiten…überall. Das sei übrigens auch ein Grund, warum die katholische Kirche in Bangladesch ein besseres Standing habe als zum Beispiel die protestantische oder baptistische. Die hatten und haben wunderbare Missionare, die sehr unternehmungslustig und mitreißend arbeiten. Dadurch haben sich diese christlichen Kirchen zwar sehr schnell und in sehr vielen Gruppen im Land ausgebreitet. Aber gerade weil Protestanten und Baptisten eher demokratische Strukturen haben, sei das hier ein Nachteil: Die Missionare würden nämlich wieder abgezogen werden oder ausgetauscht, sobald eine Gemeinde gegründet wurde. Und dadurch zerbröseln diese Gemeinden auch oft schnell wieder. Die Katholiken dagegen seien zwar viel langsamer in der Missionsarbeit, aber sie installieren sofort Priester, Gemeindearbeiter und Katechisten. Faktisch sei das also effektiver.

Es macht Spaß, diesem Mann zuzuhören. Nicht nur, weil seine Analysen und Überlegungen interessant und zum Teil neu für mich sind. Sondern auch, weil die Art wie er spricht so…erfrischend ist. Bruder Guillaume ist nämlich gebürtiger Niederländer, beherrscht aber mindestens acht Sprachen fließend. Wir sprechen zwar in deutsch miteinander, aber immer wieder schmuggelt sich ein englischer, schwedischer oder spanischer Begriff in seine Worte. Zum Glück zeichne ich dieses Gespräch auf, denn ich selbst bleib immer wieder an diesen kleinen anderssprachigen Worten hängen und versuch die Sprache einzuordnen. Außerdem überlege ich dauernd, warum die Art wie er spricht so…lustig-liebenswürdig wirkt. Möglicherweise weil er Vieles mit einem leicht gespitzten Mund artikuliert. Auf jeden Fall aber auch, weil einem aus seinen Augen der Schalk entgegenhüpft – selbst wenn er über erste Dinge spricht, strahlt er eine unglaubliche Lebensfreude und Leichtigkeit aus.

Uff, Konzentration! Wir waren bei den effektiven Katholiken…sollten die anderen Religionsgruppen also sich die Strukturen der Katholiken zum Vorbild nehmen? – wieder wackelt er mit dem Kopf. Die katholische Kirche sei in Bangladesch zur Zeit viel größer als die protestantische Kirche, weil deren Organisation viel besser zu den Strukturen und Hierarchien im Land passe. Eine demokratische Kirche bedeutet, es wird gewählt, man arbeitet mit Stimmen und in Bangladesch sei das gleichbedeutend mit Korruption – immerhin sei die Kirche immer auch ein bisschen ein Abbild des jeweiligen Landes. So kann es passieren, dass durch so eine Wahl jemand an die Macht kommt, der alles tut, um diese Stellung zu bekommen und diese dann auch ausnutzt. Anderseits gäbe es bei den Katholiken auch Leute, die bleiben 20, 30 Jahre im Land und selbst wenn es sehr gute Leute sind, dadurch sei die Gefahr von Korruption groß.

Papst Franziskus in Bangladesch

Wieder grinse ich innerlich – offenbar hält Bruder Guillaume generell nicht viel von kirchlichen Strukturen und Hierarchien. Ich frage vorsichtig, ob ich damit richtig liege. Diesmal wackelt er nicht mit dem Kopf. In Bangladesch respektieren die Menschen andere Religionen und zwar jede, man muss sich da nicht viel anpassen, sagt er, und er denke, die Leute lieben und bewundern es einfach, wenn man eine wirkliche Überzeugung hat und danach lebt. In seine Gemeinde würden sogar Leute von den Matrasas kommen, von den Koran-Schulen und man muss nur vorsichtig sein, nicht gegen den Islam zu sprechen. Christen beeindrucken deshalb vor allem durch ihr Leben, wie sie sich anderen gegenüber präsentieren und mit ihnen umgehen. Die Institution der jeweiligen Kirche sei da nicht so wichtig. Der Zusammenhalt innerhalb einer Glaubensgemeinschaft dagegen schon. Er beobachte zum Beispiel, dass die Hindus in Bangladesch einen viel schwereren Stand haben, als Christen. Sie seien zwar zahlenmäßig viel mehr als die Christen, aber gleichzeitig auch viel schwächer. Es gäbe sehr viele intellektuelle Hindus, auch reiche Hindus, aber sie sind sehr verteilt im Land und sie verteidigen immer nur ihre eigene Familie gegen Anfeindungen, vielleicht noch ihre Kaste. Wenn zum Beispiel ein Muslim behauptet, das Land oder das Haus eines Hindus gehöre rechtlich ihm, dann kämpft der Hindu allein gegen diese willkürliche Behauptung. Vielleicht kommt der Fall sogar mal in die Zeitung, weil ein Journalist dort das Unrecht anprangert, aber der Muslim muss nur abwarten, Gerichtsprozesse nur lange genug aussitzen, irgendwann wird der Hindu aufgeben und sein Land oder Haus verlieren. Denn seine Nachbarn, Freunde, selbst Verwandten machen nichts, die haben Angst. Wenn sie dagegen füreinander einstehen würen, könnten sie viel stärker sein. Aber das tun sie nicht – viele wandern sogar nach Indien aus.

Bruder Guillaume ist etwas lauter geworden. Dieses Thema, diese Ungerechtigkeit, scheint ihm am Herzen zu liegen. Und er sagt in seinem drolligen deutsch: „Ich liebe das nicht, ich hätte viel lieber, dass sie kämpfen, dass sie sagen, wir werden nicht nach Indien gehen, das ist auch unser Land und wir werden hier leben!“ Die Gerechtigkeit vor Gericht sei hier schrecklich, meint er, nur das Geld regiere. Alles sei leider unglaublich korrupt. Und das werde sich nicht ändern, weil jeder denkt, dass er nichts ändern kann. Dabei bräuchte es nur eine kleine Minderheit von zehn Personen, eine abrahamitische Minderheit, die die Welt verändern könne. „Aber wenn es nicht zehn gibt sondern nur ein oder zwei, dann kann man vielleicht nichts verändern. Aber wenn nur zehn Menschen anfangen: wir zahlen nicht… wir bleiben, aber wir zahlen nicht, dann werden es bald hundert sein und dann tausend und dann zehntausend, aber das gibt es nicht in Bangladesch.“

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Ich bin beeindruckt. Dieser schmächtige Mann mir gegenüber, dieser warmherzige, offene Mensch, entwickelt bei diesen Worten so eine Kraft, wirkt so überzeugend, dass in mir kurz das Kopfkino einsetzt: Bruder Guillaume wie er inmitten von Hindus vor einem Haus eine Menschenkette bildet, ein gigantisches sit-in, gegen dass die anrückende Polizei keine Chance hat…

Aber wahrscheinlich würde er das selbst nie tun, sich als Anführer inszenieren mein ich. Mein Eindruck ist vielmehr: Dieser Mann arbeitet mit anderen Methoden – mit Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und offenen Armen für Jedermann.

 

 

 

 

 

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Paradies hinter Mauern

Es sind manchmal gerade die ungeplanten, unvorhersehbaren Erlebnisse, die mich in Bangladesch am meisten beeindrucken…

Wir waren zum Beispiel gerade auf der Heimfahrt nach unserem Besuch der Fußballmädels von Kalsindur. Ich genieße diese Fahrten auf dem Motorrad deshalb immer besonders, weil wir so auch in entlegene Winkel kommen, weit ab der üblichen Routen und außerdem im Vorbeifahren so viele kleine Alltagsszenen mitbekommen. Und ja, ich mag es auch, wenn mir der Wind um die Ohren bläst.

motorradfahrt ich

Plötzlich aber hält mein Fahrer an, ohne ersichtlichen Grund. Der letzte Ort liegt schon mehrere Minuten zurück und entlang der Straßen ist nichts besonderes zu sehen, außer ein paar Ziegen auf einem Stoppelfeld rechter Hand und einer langen, weißgetünchten Mauer rechts. Mein Fahrer bespricht sich kurz mit Gopals Motorradlenker und kommt dann mit einer geheimnisvollen Miene auf mich zu. Ob ich Lust hätte, etwas ganz Besonderes zu sehen, fragt er mich und legt den Kopf schief. Mist, er scheint mich ja schon gut zu kennen…mit solchen Worten kriegt man mich ja immer. „Just one moment“, sagt er und geht auf die weiße Mauer zu, genauer gesagt auf das große grüne Tor, das mir davor gar nicht aufgefallen ist. Er klopft, das Tor öffnet sich einen Spalt, mein Fahrer redet eifrig auf jemanden ein und kommt dann zurück. „Let’s go“, sagt er und grinst verschwörerisch. Das Tor öffnet sich gerade so weit, dass wir durchschlüpfen können und wir müssen einem Mann mit strengem Blick versprechen, dass wir keine Fotos machen und uns ruhig und anständig verhalten. Wir nicken alle und ich fühle mich ein bisschen wie bei der Ansprache am ersten Schultag. Und dann tritt der Pförtner zur Seite und gibt den Blick frei…

Ein großer See eingefasst von sanften Hügeln, filigranem Schilf und majestätischen Bäumen, das ist das erste was ich seh. Dann Rosenbüsche in den unterschiedlichsten Farben, üppige Bougainvillea-Büsche, die einen betörenden Duft verströmen, sogar ein Spalier aus hochaufragenden Sonnenblumen, Farne… die Natur scheint hier überzuquellen –  so stell ich mir das Paradies vor, schießt mir durch den Kopf. Dann seh ich kleine weiße Häuschen auf den Hügeln, dazwischen ordentlich geharkte Kieswege. Mein Motorradguide reißt mich aus diesem Sinnesflash, wir sollten weitergehen, dann hätten wir noch einen besseren Blick. Jetzt erst kommt langsam mein Denken in Gang. Was ist das hier? Beide Fahrer strahlen mich an. Das sei eine Kolonie der Siebten-Tags-Adventisten und das Strahlen wird nicht einmal weniger, als ich zugeben muss, dass ich keine Ahnung von dieser Religionsgemeinschaft habe. Es sei eine christliche Freikirche, wird mir erklärt, und habe Ähnlichkeiten mit den Baptisten und den Protestanten. Dann stehen wir auf einem der Hügel und erst jetzt kann ich das riesige Gelände sehen…

Es gibt eine kleine Kirche hier, eine Schule für Jungs, eine für Mädchen, beide durch den See getrennt. Außerdem kleine Werkstätten und eine Backstube. Wenn ich meinen Fahrer richtig verstanden habe, sind die Schulen Internate und es gibt in Bangladesch auch noch viel mehr ummauerte Glaubensoasen wie diese.

Ich habe noch ziemlich viele Fragen, merke aber, dass das Englisch unserer Motorrad-guides begrenzt ist und deshalb beschließe ich, später selbst zu recherchieren.

Gopal aber hat eine ganz andere Frage: Außerhalb des riesigen Grundstücks, gleich neben der Mauer ragt nämlich ein weißer, pulvrig aussehender Hügel hervor. Was das denn sei, fragt er. „White clay“, ist die Antwort. Weißer Lehm? Das benutze man, um Keramik herzustellen, werde ich aufgeklärt. Okay, auch das muss ich später nachschlagen.

Etwa eine halbe Stunde später verlassen wir diesen Ort wieder. Und es ist völlig surreal als wir aus diesem blütenduft- und vogelgezwitscher-schwangeren Idyll durch das große Tor auf die staubige Straße mit den hupenden Motorrikschas und dem Müll am Wegesrand treten.

Wir reden nicht mehr viel an diesem Tag. Offenbar schwingt auch bei Gopal noch dieses ungewöhnliche Gefühl von ….naja, sowas wie der Reinheit dieses Orts nach. Erst beim Abendessen in unserem guesthouse ergreift Gopal das Wort. „Dhonnobad“, sagt er, danke. Wofür, frage ich. Er schaut mir ernst und direkt in die Augen. „Dafür, dass ich auf den Reisen mit dir so viele Aspekte meines eigenen Landes entdecke, soviele Orte sehe und Begegnungen habe, die ich sonst nie haben würde.“

Extra: Recherche-Ergebnisse

Adventisten

Die Adventisten  haben etwa 116 Kirchen in Bangladesch und etwa 35.000 Mitglieder, weltweit sind es über 20 Millionen (Zum Vergleich: Lutheraner gibt es weltweit etwa 70 Millionen). Sie betreiben Schulen und Schulungseinrichtungen und sogar ein eigenes Kurzwellen-Radioprogramm. Außerdem engagieren sie sich für Überschwemmungsopfer. Anders als die meisten christlichen Kirchen ist für die Adventisten der Samstag der Tag des Gottesdienstes, der Ruhetag, den sie als Sabbat bezeichnen. Ähnlich wie die Baptisten werden die Gläubigen erst nach gründlichem Bibelstudium getauft, es gibt also keine Kindstaufe. Und beim Taufen wird der ganze Körper untergetaucht. Nach ihrer Lehre versinkt man mit dem Tod in eine Art Schlaf, aus dem die wahrhaft Gläubigen – egal ob sie Adventisten oder aus anderen Glaubensgemeinschaften sind – mit der Wiederkehr Jesus auferstehen. Deshalb ist es für Adventisten wichtig, Gutes zu tun und im Sinne Jesus zu leben. Das heißt auch, dass sie sehr bewusst auf ein gesundes Leben ohne Alkohol, Drogen und Tabak achten, Adventisten essen zum Beispiel kein Schweine-, Pferde- oder Kaninchenfleisch und auch keine Schalentiere. Viele ernähren sich sogar vegetarisch – der Körper ist für sie ‚ein Haus Gottes‘. Eine Hölle für Sünder gibt es bei ihnen nicht, die werden bei der Christus Wiederkehr einfach vernichtet.

White clay

Der weiße Lehm wird auch als Kaolin, Porzellanerde, Porzellanton, weiße Tonerde, Pfeifenerde oder als Bolus alba bezeichnet. Es wird hauptsächlich bei der Herstellung von Porzellan oder Papier verwendet, manchmal auch als Pudergrundlage.

 

 

 

 


Harmonic mornings

In den ländlichen Gegenden von Bangladesch, weit ab von den großen Städten, hört man vor allem nachts sehr ungewöhnliche Geräusche: Diese lautliche Mischung aus knarrender Tür und schepperndem Kichern zum Beispiel, die mich im nördlichen Distrikt Gaibandha in den ersten Nächten vom Schlaf abhielt. Nach und nach hab ich Geckos als Quelle für diese Laute enttarnt, die entweder stoisch an der Wand hängen oder in einem Affenzahn durch die kleinsten Ritzen schlüpfen. (Echsenzahn wär wahrscheinlich das bessere Wort…aber haben Echsen Zähne?)

Dann ist da noch dieses Pfeifen, hoch, relativ schrill und oft vielstimmig. Ich vermute, dass das von den unzähligen kleinen Vögeln kommt, die in den Büschen und Bäumen nisten. Aber die Recherche dazu ist noch nicht abgeschlossen.

Weniger mysteriös ist dagegen dieser hohe, fiese Ton, den die auch in Deutschland bekannte geflügelte Folter-Pikse macht, besser bekannt unter dem Namen ‚Moskito‘. Auch die Kakophonie der Straßenköter nachts ist zwar etwas ungewöhnlich, aber leicht einzuordnen.

Das wollte mir aber bei dem Geräusch absolut nicht gelingen, mit dem ich im GUK guesthouse in Gaibandha morgens geweckt wurde: rhythmisch klang es, etwas quäkig und vor allem konnte ich nicht hören, aus welcher Richtung es kam. Vielleicht von hinten? Von den Feldern rund um das guesthouse?

Vom kleinen Balkon aus hab ich zwar einen guten Blick, aber außer dem Radfahrer im Nebel und der vom Hund verfolgten Frau seh ich Linkerhand nichts, was das Geräusch machen könnte. Es wabert aber immer noch durch die Morgenluft. Wie der Nebel, nicht greifbar…Rechts seh ich einen bunten Fleck an einem Weiher, aber es dauert etwas, bis ich erkenne, was es ist.

 

Da wäscht eine Frau Wäsche. Aber von dem Plätschern und Klatschen, das das Reinigungsritual normalerweise macht, kann ich nichts hören – also kommt das Geräusch wohl doch vom Innenhof des guesthouses. Mist. Dann muss ich mich doch erstmal richtig anziehen, bevor ich weiter forschen kann.

Kaum hab ich die Tür zum Zimmer auf, wird das Geräusch konkreter: Es könnte sowas wie Musik sein….auch Stimmen sind zu hören. Viele Stimmen. Gesang! Ja, tatsächlich. Da steht eine ganze Gruppe von Menschen im Hof, kreisförmig…und sie singen.

 

Und jetzt erkenn ich auch die Melodie: Es ist die Nationalhymne von Bangladesch, die die gesamte Belegschaft des guesthouses mit Inbrunst von sich gibt. Und das rhythmische, quäkende Geräusch kommt von dem Instrument, um das sich alle gruppieren. Ein Harmonium.

Ich seh dieses Instrument hier in Bangladesch zum allerersten Mal. Dabei kommt es ursprünglich aus Deutschland, sagt Wikipedia – dort wurde es 1810 von Bernhard Eschenbach erstmals gebaut. Und jetzt dient es hier, über 7000 Kilometer entfernt, für den Morgenappell einer Hilfsorganisation. 😉

Daily life and demise in Savar

Nicht nur im Tempelbezirk wird Alltag gelebt, sondern auch direkt drum herum: Direkt vor dem Tor schließt sich ein kleiner Lebensmittelmarkt an. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele verschiedene Gemüsesorten es in Bangladesch gibt und zwar im Land selbst, importiert wird so gut wie nichts! Manches Grünzeugs sieht aus wie frisch aus dem See gezogene Algen, scheint aber eine Art Spinat zu sein. Ich kann mir leider weder die verschiedenen Knollengemüse noch die diversen Zucchini-Okra-Kürbis-Arten merken, aber im Essen bin ich dafür ganz groß 😉

Deshalb ziehen mich auch die vielen kleinen Garküchen oder Street-food-Stände magisch an. Oft gibt es diese frittierten Teigtaschen, die man in Indien Samosa nennt. Und egal ob vegetarisch oder mit Fleisch, sie sind einfach köstlich gewürzt – oft ziemlich scharf, aber immer LECKER!!!

Gopal zieht mich weg von den Ständen. Einmal, weil er mir noch den Handwerker-Markt zeigen will und außerdem – er kuckt mich vorwurfsvoll an – weil doch Mona, seine Frau, mich noch bekochen will…

Also biegen wir mal rechts mal links ab, mal sind die Gassen so schmal, dass ich mit den Schultern fast stecken bleibe, mal enden sie in kleinen Plätzen. Und immer wieder stolpern wir über Händler, die ihre oft lebende Waren anbieten.

 

Für Amit bin ich viel zu langsam, er kann gar nicht verstehen, was ich zum Beispiel an so ’nem großen, ollen Haus finde. Klar, er hat bestimmt noch nie von Kolonialstil gehört und wenn etwas nicht bunt und knallig ist, interessiert es ihn nicht wirklich. Deshalb verabschiedet er sich an der nächsten Seitengasse auch von uns. Er gehe schon mal heim, meint er. Und kaum ist er weg, entdecke ich in einem Hinterhof eine skurille Werkstadt für motorisierte Transport-Rikschas…

Noch eine Ecke weiter lucke ich durch ein leicht geöffnetes Tor….dahinter eine Art Tempel. Allerdings ist irgendetwas anders hier, auch wenn ich nicht greifen kann, was. Das hier sei ein….Gopal sucht nach dem richtigen Wort…der Ort, an dem die Toten verbrannt werden. Ein Krematorium? Genau, meint er und zeigt mir eine Art metallenes Bettgestell. Damit werden die Toten transportiert, dann auf den Steinblock gelegt, wo der Leichnam sorgfältig gewaschen und in Tücher gewickelt wird. Ich schau mich nach den Resten von einem Scheiterhaufen um… denn meines Wissens werden die Toten ja dort öffentlich verbrannt. Das hier sei ein etwas moderneres Krematorium, meint Gopal und bringt mich zu einem gemauerten Etwas ein paar Schritte weiter. Der Leichnam werde zwischen diesen beiden Mäuerchen auf die Metallträger gelegt, von unten wird ein Feuer entzündet und der Tote so verbrannt. Und danach, er deutet auf das andere Ende der Mäuerchen, danach werde die Asche mit Wasser über die Rinnen in den See gespült.

Das heißt, die Asche fließt in den See im Tempelbezirk, frage ich. Gopal nickt. In den See, in dem vorher die Männer gebadet haben? Wieder nickt er. Aber ich dachte, die Asche von Hindus sollte in den heiligen Fluss Ganges fließen…? Nachsichtiges Lächeln von Gopal. Irgendwie fließe doch alles Wasser durch jeden Fluss…

Als wir diesen Ort verlassen bin ich…ja was? Erschüttert? Nein, eher ernüchtert. Ich habe mir die hinduistische Bestattungszeremonie irgendwie pompöser, auch glamouröser vorgestellt. Wahrscheinlich hab ich da noch Bilder von irgendwelchen Sandalen-Filmen im Kopf. Und die Verbrennungs-Mäuerchen passen so gar nicht zu diesen Bildern.

Weiter geht’s vorbei an bunten Marktständen. Oder auch weniger bunten. Ein Stand fällt nämlich gerade durch mangelnde Farbe auf: Eine Art grobes Garn liegt hier und Büschel von Textilstreifen. Sieht alles aus wie Matratzen-Füll-Material. Das ist es auch, erklärt Gopal. Und das grobe Garn ist Jute.

Ich stelle fest, dass ich Jute eigentlich nie in Garnform gesehen habe. Ich kenn’s nur von den Beuteln, die man in den 80ern als Plastikersatz nehmen sollte, wenn man sich umweltbewusst und cool geben wollte. Oder von den riesigen Kartoffelsäcken, die meine Oma immer hatte.

In Bangladesch findet man Jute aber überall. Sie ist eine der Haupt-Export-Produkte des Landes und Jute aus Bangladesch deckt einen Großteil des Weltmarktes ab. Übrigens findet sich die bengalische Jute höchstwahrscheinlich auch in fast jedem unserer Autos…dieser nachwachsende Rohstoff wird nämlich gern als Dämmmaterial zum Beispiel in den Autotüren verwendet.

Beim Stoffhändler am Nebenstand spielt sich eine typische Szene ab: Der Verkäufer breitet verschiedene goldgewirkte rote Stoffbahnen aus. Eine glitzeriger als die andere. Direkt vor ihm sitzen zwei Männer, zwei Frauen in etwa anderthalb Meter Abstand dahinter.

Hier wird gerade ein Brautkleid ausgesucht! Wobei ich nicht den Eindruck habe, dass das junge Mädchen mit den unverschleierten Haaren – bestimmt die Braut in spe – viel bei der Auswahl mitzureden hat.

Und dann endlich sind wir bei den Werkstätten angelangt. Hier gibt es Alltagsgegenstände genauso wie Luxusware. Und alles wird direkt und vor aller Augen gefertigt.

Diese Männer stellen zum Beispiel ein typisches bengalisches Küchenmesser her. Es hat eine große, dolchartig gebogene Klinge, die an einem kleinen Gestell befestigt ist. Wie eine Art Dreifuß sieht das aus, der zu einer Seite hin verlängert ist. Denn die bengalische Hausfrau verrichtet die meiste Arbeit in der Hocke auf dem Boden. Das Messer mit Gestell wird vor ihr aufgestellt, mit der Klinge von ihr weg, den Fuß hat sie dabei auf dem verlängerten Gestellausleger. Und alles, was geschnitten werden muss, wird dann in einem Affenzahn über die Klinge gezogen. Das Gemüse wird also zum Messer geführt und nicht umgekehrt, wie bei uns.

Und wieder glitzert es! Wir sind bei den Goldschmieden angelangt. Hier werden gerade Ohrringe und Anhänger für Ketten hergestellt. Was für eine fisselige, filligrane Puzzle-Arbeit: Der Goldschied frickelt nämlich winzige Goldblättchen auf ein fingerdickes schwarzes Etwas, wo es in verschiedene zarte Formen drapiert wird. Das schwarzes Etwas sei…modeling clay, erklärt mir der Goldschmied. Ich schau kurz zu Gopal – hab ich das richtig verstanden? Das ist Knete?

Ja, ist es. Und in die wird die gewünschte Form leicht eingestanzt, die Goldplättchen vorsichtig an die richtige Stelle gerückt und dann wird das Ganze mit einer Art Puder bestreut. Das sei Klebstoff, murmelt der Goldschmid hoch konzentriert, wirft einen Bunsenbrenner an und schreicht mit der Flamme vorsichtig und gleichmässig über das Schmuckstück. Geschafft! Er löst der Ohrring vorsichtig von der Knetmasse, tunkt ihn in einen Wasserbecher und präsentiert ihn mir dann stolz auf der Handfläche.

I’m deeply impressed!

 

 

Discoveries in Savar

Für mich braucht es gar nicht die super-aufregende Sight-seeing-Tour zu sein – in Bangladesch entdecke ich an jeder Ecke Schönes, Erstaunliches und Beeindruckendes. So zum Beispiel bei einem Rundgang durch Savar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka, den ich im Januar erkundet habe. Meine beiden Führer sind gute Freunde von mir und abgehärtet genug, jede meiner unzähligen Fragen nach bestem Wissen zu beantworten. Darf ich vorstellen: Amit (rotes T-Shirt) und Gopal!

Savar gopal

Ich war zwar schon öfter in Savar, aber wenn man per Rikscha oder Auto unterwegs ist, sieht man doch manches nicht wirklich. Aber diesmal sind wir zu Fuß unterwegs und schon nach ein paar Hausecken fallen mir kleine Statuen vor den Eingängen auf, weiblich, manche mit einem Instrument in der Hand, andere mit anmutiger Armhaltung – fast wie im Tanz erstarrt. Bestimmt eine der unzähligen Hindu-Gottheiten, immerhin gibt es in Savar eine ziemlich große Hindu-community. Stimmt, meint Gopal, das sei Sarasvati, die Göttin der Weisheit und Gelehrsamkeit. In wenigen Tagen sei das Puja dieser Göttin und schon jetzt bereiten alle Hindus in Savar sich darauf vor. Schon wieder ein Puja – irgendwie ist immer gerade irgendeines dieser Feste für einen Gott oder eine Göttin, wenn ich in Savar bin.

Diese Göttin sei besonders wichtig, erklärt mir Amit. Er würde ihr in der Schule immer ein Opfer bringen, weil sie die Schutzpatronin des Lernens sei – und wenn man ihr ein schönes Geschenk mache, kriege man gute Noten!

Gopal grinst als er mir die Erklärungen seines Sohnes übersetzt. Und lenkt schnell ab, als ich mehr über diese Göttin wissen will, ob sie auch eine Verkörperung von Brahma ist, wie wichtig innerhalb der Götterhierarchie und ob es eine Legende zu ihr gäbe… Das ist typisch. Denn Gopal weiß meist wenig über die Götter, auch wenn er alle Rituale mitmacht. Seine Frau dagegen, die könne das alles erklären.

Ob ich sehen will, wie die Statuen hergestellt werden, fragt er deshalb schnell – Er weiß halt, wie er mich kriegen kann 😉

Auf einem kleinen Platz ein paar Häuser weiter seh ich sie: Eine ganze Armee von Göttinnen. Manche noch völlig roh, mit einer Basis aus einem Stroh-Matsch-Gemisch, andere schon fertig ausgearbeitet, manche nackig, andere mit einem raffinierten Faltenwurf bedeckt, aber alle grau, innen hohl und noch unbemalt. Der Künstler, der offenbar all diese Göttinnen fertigt, sitzt mitten auf dem Platz, die Göttinnenarmee hinter sich. Vor ihm eine Figur, die zwar schon fast fertig, aber noch ohne Hände ist. Fast liebevoll modelliert er ihren Hals, streicht ihn glatt und blickt nicht hoch, als ich ihn grüße. Aber bei meinem  „Namaskar“ huscht ein Lächeln über sein Gesicht und er ist auch sofort einverstanden, mir Fragen zu beantworten. „Das interessiert mich auch“, flüstert Gopal mir zu, „aber ich hab mich nie getraut, ihn auszufragen“. Es gäbe verschiedene Haltungen und Attribute für die Göttin, erklärt der Künstler. Diese hier – er streicht der Statue über die kleine Speckfalte am Bauch – habe ein langhalsiges  Instrument im Arm und eine Gans zu ihren Füssen, die Symbole für Musik und Weisheit. Aber wie schafft er es, dass die Gesichtsausdrücke der Göttinnen bei allen gleich zart, wissend lächelnd aber auch etwas abwesend aussehen? Jetzt blickt er auf. Das sei ein Trick. Und er zieht eine Art handtellergroße, gewölbte Schale aus seinem Hüfttuch. Das sei quasi eine Schablone, die drücke er nur vorsichtig auf den feuchten Lehm und schon habe jede Göttin den passenden Gesichtsausdruck. Die meisten Statuen werden später noch bemalt, sagt er. Manche kriegen sogar noch prächtige Gewänder angelegt und auf jeden Fall wird an den Löchern am Hinterkopf der prächtige Kopfschmuck befestigt. Er deutet auf den Tempel gegenüber. Da drin sei zwar Kali und nicht Sarasvati zu sehen, aber auch diese Statue sei ursprünglich mal ein grau und nackt gewesen.

Savar Göttin3

Wir gehen weiter, denn Amit hat was entdeckt, was er mir unbedingt zeigen will:  Drachen…

Tatsächlich präsentieren mir ein paar Jungs stolz ihre selbstgebastelten Fluggeräte und als ich sie wenig später im Tempelbezirk wieder treffe, muss ich zugeben: Diese Drachen stehen wie eine Eins am Himmel.

Gopal will mir noch einen anderen Tempel zeigen, einen, in dem angezogene Statuen zu sehen sind und auch welche, deren Gewänder und Schmuck nur modelliert sind.

‚Angezogen‘? Ich dreh mich laut prustend zu Gopal um. Bestimmt ist das schrecklich blasphemisch, schießt es mir durch den Kopf…aber ich kann mir das Lachen einfach nicht verkneifen. Und der Hindu Gopal lacht mit. Nur Amit schaut uns beide verständnislos an…

Weiter geht’s zum eigentlichen Tempelbezirk von Savar. Der sei ziemlich berühmt, weil es hier auch einen großen Ashram gibt, also eine Art Meditationszentrum oder Kloster, meint Gopal. Ich erwarte also irgendwas Besonderes, Heiliges, sobald wir das Tor passiert haben…

Und bin erstaunt, dass am Weg farbenfrohe Wäsche hängt, Männer ungeniert im See baden und etwas weiter hinten lautes Klopfen zu hören ist. Jede Menge Holzlatten liegen hier rum, nein, keine Latten, eher sowas wie Paletten… Das sind Lattenroste. Für Betten. Erklärt Gopal auf meinen erstaunten Blick hin.

Eine Holzwerkstatt mitten im Tempelbezirk, Wäsche an der Leine, der See ist eine Art Badezimmer – ob das normal ist, frage ich? Klar, kommt zurück, für Hindus sei das Leben selbst heilig, mit allen Banalitäten und Alltäglichkeiten. Deshalb sei auch der Tempelbezirk ein Ort des Betens, des Meditierens, aber auch des Lachens und einfachen Lebens.

Ganz kurz hab ich Bilder von katholischen Kathedralen im Kopf, von Weihrauch, flüsternden Kirchenbesuchern und gesenkten Blicken… Ich glaube, dieser Aspekt des Hinduismuses ist mir sehr sympathisch!

 

Kicken gegen Vorurteile 2

Mädchen, die Fußball spielen – das geht gar nicht!

Jedenfalls war das im muslimischen Bangladesch lange Zeit gängige Meinung. Bis ein Lehrer an der Schule in Kalsindur das erste Team für Mädchen zwischen acht und sechzehn Jahren gestartet hat. Keiner hat erwartet, dass diese Mädchen so gut kicken, wahrscheinlich am wenigsten die Mädels selbst. Aber dazu später mehr….

Unser nächster Stopp ist nur kurz, denn die zwei Schwestern dort sind zwar ebenfalls im Fußballteam und ihre Geschichte wäre auf jeden Fall erzählenswert, aber die nötigen Fotos zur Story sind hier nicht machbar….ja, okay, das muss ich kurz erklären:

Ich finanziere meine Reisen nach Bangladesch ja selbst. Deshalb brauche ich vor Reisestart mindestens einen, besser noch zwei Auftraggeber, die mir meine Geschichten auf jeden Fall abkaufen. In diesem Fall ist das ein schweizer Kindermagazin. Und für Print-Medien sind natürlich Bilder sehr wichtig. Das heißt, ich brauche auf jeden Fall auch Fotos vom Zuhause der Mädels – und genau ist bei den beiden Schwestern das Problem…

Kalsindur Sitia + Schwester

Die 13jährige Sita und ihre ältere Schwester leben nämlich gar nicht Zuhause. Ihre Familie ist viel zu arm, um die beiden Mädchen versorgen zu können, Schule wäre schon gar nicht drin. Deshalb sind sie bei…na, nennen wir es einer Art Pflegefamilie. In der Regel heißt das, dass Mädchen in diesen Familien bei den Hausarbeiten helfen: kochen, putzen, waschen, Kinder versorgen. Wobei das oft ein Fulltime-Job ist. Sitia und ihre Schwester haben insofern Glück mit ihrer Pflegefamilie, weil sie zur Schule und sogar zum Fußballtraining dürfen. Und Sitia gibt offen zu, dass für sie Fußball nicht nur ein Sport ist. Für sie ist es wahrscheinlich die einzige Chance, es in ihrem Leben weiter als bis zur Haushaltshilfe zu bringen. „Ich bin Verteidigerin und werde alles, wirklich alles tun, damit ich ins Nationalteam komme“, sagt sie, schiebt das Kinn trotzig vor und schaut mir direkt in die Augen. Und so wie diese kleine Person gerade vor mir steht, aufrecht, eine Faust leicht geballt, bin ich sicher, dass sie das auch schaffen wird.

Kalsindur unterwegs.jpg

Es ist immer noch kalt hier ganz im Norden und auf dem Motorrad-Trip zur nächsten Kickerin, bin ich froh um mein Tuch um den Hals… Das letzte Stück zu ihrem Haus gehen wir, denn die eigentliche Straße hört auf und wir müssen auf einem schmalen Erdwall quer durch die Felder zu drei einsamen Hütten.

Offenbar wird hier gebaut, denn neben einer der Wellblech-Hütten ist ein etwa 40 Quadratmeter großes Fundament aus Beton gegossen, ein abgedeckter Sandhaufen, Zementsäcke und einige Ziegelsteine scheinen nur darauf zu warten, dass der Bau weiter geht.

Kalsindur Moyana vor dem Haus

Hier treffen wir Moyana – was ‚Moina‘ ausgesprochen wird. Die Lehrer an der Schule haben mir gesagt, sie sei 14, aber sie sieht eindeutig älter aus. Mindestens 16 würde ich schätzen… Sie verhält sich auch anders, wie ein Pubertier halt: Sie lacht fast nie offen, sondern hält sich beim Kichern die Hand vor den Mund. Sie gibt sich schüchtern, geniert sich offenbar für manche Bewegungen, errötet schnell, aber gleichzeitig übt sie auch schon mal einen kecken Augenaufschlag beim shooting mit dem Fotografen. Übrigens hab ich sie später nach ihrem Alter gefragt: „Meinen genauen Geburtstag weiß ich nicht, also den genauen Tag, aber ich bin 16 Jahre alt“ – Sag ich doch.

Kalsindur Moyana Balosri Mankin (3)

Moyana war von Anfang an im Fußballteam dabei, seit 2011. „Beim ersten Training wussten wir gar nicht, was wir machen sollten und standen einfach nur rum. Und dann kam der Trainer und sagte, Fußball ist kein Standspiel, ihr müsst rennen und er hat uns mit einem Stecken angetrieben. So haben wir gelernt, hinter dem Ball her zu rennen“. Kaum hat sie das gesagt, da stockt sie kurz, ihr Kopf kippt etwas zur Seite, sie blickt in die Ferne. Offenbar denkt sie nach. Auf mich wirkt es, als ob sie überlegt, ob sie das richtige gesagt hat. Dieses Gefühl hab ich im Gespräch immer wieder. Ich weiß nie, ob sie in diesen Denkpausen in Erinnerungen kramt, oder ob sie versucht, sich an die Anweisungen zu erinnern, die sie bekommen hat. Immerhin gibt es ja die offizielle ‚Teamlegende‘, die die Schule jetzt erzählt, und die inoffizielle. Dann schaut sie mir zum ersten Mal direkt in die Augen. „Es gab mehrere Gründe, warum ich bei der neugegründeten Mannschaft mitgemacht habe: Ich hatte vorher noch nie Sport gemacht – das war die erste Chance und ich wollte es einfach mal ausprobieren. “ Und  ein bisschen Trotz war wohl auch dabei. Denn gerade weil alle gesagt hätten, Fußball sei nichts für Mädchen, wollte sie das Gegenteil beweisen. „Irgendwie wusste ich, dass diese erste weibliche Fußball-Mannschaft was ganz Besonderes ist. Und da wollte ich einfach dabei sein!“

Die Anfangszeit im Team war spannend, erinnert sich Moyana, alle waren mit Feuereifer dabei und die Mädchen haben schnell gemerkt, dass die Spielzüge immer besser klappten, ihre Kondition besser wurde und sie ein gutes Ballgefühl entwickelten. Aber der ‚Aha-Effekt‘ kam eigentlich erst ein Jahr später. „Als wir 2012 in Dhaka zum ersten Mal Sieger im Turnier wurden, da hab ich gedacht, JA, wir können was! Wir werden eine tolle Zukunft haben!“

Als das Team zum ersten Mal in der Zeitung war, war die ganze Mannschaft natürlich irre stolz. Dann die Reisen ins Ausland – plötzlich waren die Mädchen aus den zusammengeschusterten Wellblechhäusern wer…Ja, das war ein tolles Gefühl, gibt Moyana zu, aber die Trainer sorgten auch dafür, dass die Mädels nicht total abhoben: „Unsere Trainer sagen immer: Hört bloß auf, euch eine tolle Zukunft als Star auszumalen, dass alle Autogramme wollen und was ihr dann tun oder kaufen würdet. Konzentriert euch nur auf eure Ausbildung und auf den Fußball. Alles andere kommt dann ganz von selbst.“

Tatsächlich ging die Erfolgsgeschichte weiter: An immer mehr Schulen wurde Mädchenfußball angeboten und dann beschloss die Regierung auch noch, eine Mädchen-Nationalmannschaft zu gründen. Und natürlich kamen und kommen die meisten Spielerinnen aus Kalsindur! Acht sind es im Moment.

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Ich frage Moyanan vorsichtig, ob es nicht hart sei, dass sie selbst den Sprung in die Nationalmannschaft nie geschafft habe. Sie nestelt an ihrem Tuch herum bevor sie antwortet…“Nein, eigentlich nicht.“  Pause. „Berühmt sein ist mir nicht so wichtig. Deshalb spiele ich nicht. Obwohl – es ist schon toll, dass genau die Leute, die anfangs so dagegen waren, dass wir Fußball spielen, jetzt am Spielfeldrand stehen und uns anfeuern.“ Jetzt sei es eh zu spät, sagt sie. Denn die Mädchen-Mannschaften sei nur ‚U16‘, also für unter 16 Jährige. Sie streicht das Tuch glatt und schaut mich wieder direkt an.  „Ich mag Fußball, aber ganz ehrlich, ich hab für meine Zukunft andere Ziele: Ich will zur Navy. Und wenn ich nicht mehr spiele, ist es auch kein Problem, einen Mann zu kriegen.“

Ich bin platt. Denn Moyana spielt auf etwas an, über das ich schon die ganze Zeit nachdenke: Das Fußballspielen hat diese Mädchen so selbstsicher gemacht, sie wissen, sie sind wer, können was leisten, haben einen ‚Wert‘. All das sind aber Eigenschaften, die in der bengalischen Gesellschaft für Frauen nicht unbedingt gewünscht sind. Eine stolze, selbstbewusste junge Frau – die wird sich nicht ohne weiteres den Wünschen eines Mannes beugen. Möglicherweise könnte es für die Fußballer-Mädels gerade wegen ihrer Erfolge schwierig werden, eine ‚gute Partie‘ zu machen. Und selbst wenn sie einen Mann finden, werden sie nach all den Reisen und der Publicity mit der von der Gesellschaft definierten Rolle als Ehefrau glücklich werden?

Wie weit Moyana von dieser Rolle als Ehefrau und Mutter entfernt ist, zeigt sich übrigens auch beim Fotoshooting…

Der Fotograf hat schon öfter für mich gearbeitet, wir haben vorher genau durchgesprochen, welche Fotos ich brauche: Alltagssituationen nämlich. Die Leser sollen ja erfahren, wie die Mädchen normalerweise in Bangladesch und speziell in den Armenvierteln von Kalsindur leben. Er zieht sich also mit Moyana zurück und macht die Bilder. Irgendwann bemerke ich, dass er sich kaum mehr das Lachen verkneifen kann. Ich trete hinter ihn und frage ihn leise, was denn los sei. Dieses Mädchen hat noch nie Wäsche aufgehängt, sagt er, dreht sich so, dass sie ihn nicht sehen kann und kichert leise. Ich bin verblüfft. Dann frag ich Moyanas Mutter, was sie von der Fußballbegeisterung ihrer Tochter hält. Sie sei so stolz auf Moyana, sagt sie. Und weil sie wisse, wie wichtig das Spielen und die Schule seien, brauche ihre Tochter zu Hause auch nicht zu helfen. Dann zeigt sie mit einer großen Geste auf die kleine Baustelle neben der Wellblechhütte. Dieser Neubau sei nur durch Moyana möglich, sagt die kleine Frau. Denn nur weil sie in diesem berühmten Fußballteam mitspiele, hätten sie einen Kredit bekommen.

Kalsindur Moyanas Familie

Moyana ist mittlerweile fertig mit den Fotos. Und ja, auch der Rest der Familie spielt sehr gerne Fotomodell. Der Vater wackelt in Bangla-Manier mit dem Kopf: Es sei ja schon komisch wie dieser Sport, Fußball, den ganzen Ort verändert habe. Moyana widerspricht. Nein, nicht der Fußball habe das bewirkt. Sondern das Mädchenteam von Kalsindur. „Seit wir so bekannt und berühmt geworden sind ist alles anders. Wenn wir zur Schule laufen kommt es zum Beispiel manchmal vor, dass ein Taxifahrer anhält und sagt: „Kommt, steigt ein, ich fahr euch zur Schule – umsonst!“

Fortsetzung folgt

 

 

 

Kicken gegen Vorurteile

Eigentlich bin ich kein großer Fußball-Fan. Aber trotzdem hab ich die weite Reise ganz in den Norden von Bangladesch gemacht, um Fußballspieler zu treffen. Genauer gesagt Spielerinnen. Jugendliche Spielerinnen. Denn diese Mädels haben enorm viel bewegt in Bangladesch.

Ich bin diesmal auch mit einem Fotografen unterwegs, ein Freund, der schon einmal Bilder für einen Magazinbeitrag für mich gemacht hat. Und natürlich mit meinem bewährten Reisegefährten, der Freund, Organisator und Dolmetscher in einem ist.

Zuerst geht es an die Schule in Kalsindur, das ist ein ganz kleiner Ort, den auch in Bangladesch lange Zeit kaum einer kannte. Mittlerweile kennen ihn aber die meisten und auch das liegt an den Fußballmädels… Wir sind auch diesmal wieder mit Motorrädern unterwegs, Busse fahren in diese entlegenen Dörfer nicht und für Autos sind die Wege oft zu schlecht. Apropos schlecht, das hier ist das Fußballfeld vor der Schule! Es wird außerdem – wie man ja sieht – von Kühen, Ziegen und für den örtlichen Markt genutzt.

In der Schule werden wir schon erwartet, von einigen Lehrern und Honoratioren des Ortes. Die Bangladeshi lieben einfach das Repräsentieren, scheint mir. Alles wird hier gleich zum Staatsakt. Na, jedenfalls bekomme ich hier die ‚Legende‘ der fußballspielenden Mädchen erzählt – allerdings in einer Variante, die mir völlig neu ist: Laut den Schul-Muftis wollte die Regierung von Bangladesch – „Allah schütze unsere weise Premierministerin Sheikh Hasina“ – das Selbstbewusstsein von jungen Mädchen stärken und habe deshalb eine Intitiative ins Leben gerufen: An den Schulen im Land sollte Fußballspielen für Mädchen angeboten werden. Weil aber nicht alle Gemeinden so fortschrittlich und mutig seien, habe es das Fußball-Angebot erst nur in Kalsindur gegeben.

Ich hatte die Story übrigens ganz anders gehört und habe meine Variante mittlerweile auch verifiziert, indem ich lokale Journalisten, einen Mittelsmann in der Distrikt-Hauptstadt und den Vater eines Fußballmädchens gefragt habe. Offenbar ist das Mädchen-Team durch Trotz entstanden: In einem muslimischen Land wie Bangladesch ist es nämlich für Mädchen eigentlich verboten, Sport zu treiben und in einem Trikot rumzulaufen, geht schon gleich gar nicht. An der Schule in Kalsindur gab es aber durchaus eine Fußballmannschaft für Jungs. Allerdings war der Trainer alles andere als zufrieden mit der Disziplin und dem Einsatz dieser Jungen und war irgendwann so sauer, dass er schrie: „Das können ja die Mädchen noch besser!“ Großes Gelächter bei den Jungs – was den Trainer natürlich erst recht in Rage brachte. Und aus Trotz verdonnerte er gleichaltrige Mädchen zum Kicken. Klar, dass die Mädels zu Hause davon erzählten und die meisten Eltern waren ’not amused‘ über diesen Lehrer, der die muslimischen Sitten so mit Füßen trat. Sie verboten ihren Töchtern einfach, Fußball zu spielen.  Der Lehrer aber ließ nicht locker, ging von Haustür zu Haustür und setzte seine ganze Überzeugungskraft ein. Bis er tatsächlich einige Mädchen für eine Mannschaft zusammen hatte. Es waren Mädchen aus den Slums von Kalsindur, die ärmsten der Armen. Aber das war egal. Die Mädchen trainierten täglich und hatten bald einen Riesenspaß an diesem Sport. Und vor allem: Sie waren richtig gut!

Spiel (25)

Ich treffe mich erst mit Sajeda, einer 14jährigen Fußball-Verrückten – wenigstens stellt sich sich selbst breit grinsend so vor. Ich bin positiv überrascht von diesem Mädchen, denn normalerweise sind vor allem weibliche Tennies in Bangladesch sehr schüchtern, kriegen fast den Mund nicht auf. Für Sajeda scheint es aber ganz selbstverständlich zu sein, dass da Menschen von weit her zum Interview kommen – oder sie wurde einfach gut gebrieft. Wir setzen uns im Halbkreis auf den Platz vor der Wellblechhütte. Aber dann steh ich nochmal auf, geh zu dem Pulk an Honoratioren und Familienangehörigen, die sich auch hier versammelt haben und erkläre höflich, aber mit Autorität, dass wir jetzt Ruhe bräuchten, sowohl für die Interviews als auch für die Fotos. Erstauntes aber doch bereitwilliges Murmeln. Anweisungen von einer Frau gehen nur, wenn die mit der nötigen Chuzpe auftritt, soviel weiß ich schon.

Ich merke, dass Sajeda immer wieder an ihrer pinkfarbenen Trainingsjacke rumzippelt. „Chicer Dress“, sage ich. Und da platzt auch der letzte Rest Zurückhaltung wie eine Seifenblase. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, dass sie darauf auch unglaublich stolz ist, immerhin war es immer ihr Traum, zu dieser Schul-Mannschaft zu gehören und diese einheitlichen Trikots hätte das Team relativ neu gesponsert bekommen. Sogar ihr Name stehe drauf….sie stockt, wird etwas rot, und schiebt dann schnell ein: „Berühmt sein ist mir nicht so wichtig, aber eine gute Spielerin zu sein, schon.“

Es macht Spaß mit Sajeda zu reden, sie erzählt anschaulich, dass sie schon immer ein ziemlich gutes Ballgefühl hatte – naja, BALLgefühl passt nicht ganz, denn sie hatte ja in ihrer Kindheit keinen Ball, dafür waren ihre Eltern viel zu arm. Statt dessen hat sie mit unreifen Limetten, Mangos oder mit allem, was irgendwie die Form eines Balls hatte gespielt. Offenbar ein gutes Training, denn als sie später für das Fotoshooting in ihrem normalen Alltagskleid ihre Ballkünste vorführt, bin ich platt: Der Ball scheint wie an einem Gummiband mit Sajedas Fuß verbunden zu sein – er umkreist ihren Knöchel, wechselt zur Spitze, zur Hacke, fliegt, landet auf dem Spann und bleibt da ruhig liegen. Es sieht so spielerisch aus, aber die 14Jährige ist hochkonzentriert, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lacht: „Ich bin Stürmerin. Und in der Ballkontrolle bin ich richtig gut.“

Seit sie im Fußball-Team der Schule sei, trainiere sie täglich anderthalb Stunden. Mir rutscht die Augenbrauen hoch – anderthalb Stunden? Zusätzlich zur Schule? Sie nickt herausfordernd. Leicht sei das nicht, gibt sie zu. „Ich steh halt sehr früh auf, putz die Zähne und helf meiner Mutter beim Kochen. Dann geht’s zum Fluss, schwimmen, waschen und ab zur Schule. Und um drei ist dann Training. Das verpass ich nie! Sobald ich daheim bin, helf ich wieder im Haushalt und mach die Hausaufgaben.“

Klar, am Anfang hätten die Nachbarn getuschelt, manche hätten gesagt, das schicke sich nicht für Mädchen, das sei gegen die religiösen Gesetze. Sie sei liederlich, sich so anzuziehen….Sajeda wischt diese imaginären Stimmen mit einer Handbewegung weg. Da hatte das Team ja längst schon Erfolge im Ausland, deshalb hörte das böse Gerede bald auf. Und kaum hat sie das Thema Ausland angesprochen, rutscht und wippt Sajeda wieder auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sei schon in Indien und Tadschikistan gewesen, „das war toll, vor allem die Spielfelder dort – Waaaahnsinn!“ Ich grinse und erinnere mich an das riesige Feld vor der Schule, voller Sandlöcher, Abfall und Kuhdung.

Es habe sich so viel verändert durch das Mädchen-Fußballteam, sagt Sajeda. Sie hätten jetzt richtige Mannschaftstrikots. Und eigentlich profitiere der ganze Ort vom Erfolg der Kickerinnen, immerhin gäbe es jetzt in jedem Haus Strom. „Früher konnten wir nur im Haus der Lehrerin Fußball gucken. Jetzt kann ich das zusammen mit Freunden und Nachbarn machen, auch wenn wir nicht alle Kabel- oder Satelliten-Fernsehen haben.“

Dann geht’s ans Fotoshooting. Ich bitte das Mädchen, das Trikot aus und ihre Alltagsklamotten anzuziehen. Wir wollen ja auch ihren Alltag, ihr Leben in der Familie ablichten. Ihre Augen weiten sich ganz kurz, „wie ohne Trainingsanzug?“ – aber sie hat diese kleine Irritation schnell überwunden als ich ihr erkläre, dass die Menschen in Deutschland ja nicht wüssten, wie der Alltag einer 14Jährigen in Bangladesch aussehe, und dass wir das auch gerne zeigen würden.  Aber vorher, sagt sie, müsse sie uns noch ihre Medallien zeigen…

Und dann post sie für uns: Beim Kochen, Waschen, mit ihren Freundinnen, mit der Familie – Sajeda ist ganz bei der Sache, hat keinerlei Scheu. Sie scheint ganz bei sich zu sein, sich selbst bewusst und zufrieden. Und sie plappert ganz vergnügt mit meinem Fotografen, verrät ihm sogar, dass sie in der letzten Saison Torschützenkönigin war und überhaupt: Das Mädchenteam sei weit besser als die Fußball-Jungs….

Wir verabschieden uns von Sajeda, werden sie aber beim Training am Nachmittag wieder treffen.

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Und beim Wegfahren merke ich, wie froh mich diese Begegnung gemacht hat: Ich habe schon viele Mädchen aus sehr armen Familien gesehen, die meisten waren verhuscht, trauten sich kaum, mir in die Augen zu sehen und zuckten bei schnellen Bewegungen auch schon mal ängstlich zusammen. Was für ein Kontrast zu diesem offenen und unkomplizierten Mädchen!

Fortsetzung folgt