Bera (part 2) – romantic boat trip

Ob ich Lust auf eine Bootstour habe, fragt mich meine Gastfamilie. Aber eigentlich kennen sie mich gut genug, um die Antwort schon zu wissen. Also wandern wir Frauen am Spätnachmittag Richtung Fluss. Die Anlegestelle ist nicht weit vom Haus entfernt, aber auf dem Weg dorthin fallen mir die vielen Zement-Laster auf, die entlang der Uferstraße stehen. Jaaaaaa, dieeeee… die warten auf den Sand, der an vielen Stellen aus dem Fluss gepumpt wird, wird mir gesagt.

BD 2019-11-15 Flussfahrt (174) bearbeitet

An der Anlegestelle selbst wimmelt es vor kleinen und größeren Booten. Manche bringen Leute ans andere Ufer, Fischerboote sind auch darunter, außerdem kleine und große Lastenkähne

Bei den Verhandlungen für den Bootstour halte ich mich bewusst zurück. Trotzdem bin ich leider schon von weitem als Ausländerin erkennbar, mit dem Effekt, dass sofort die Preise hochschnellen. Aber ausgerechnet Trisha, die jüngste Tochter meiner Gastgeberin, die die sonst so lieb und schüchtern wirkt, ausgerechnet sie greift ziemlich resolut in die Verhandlungen ein. Wird lauter, schiebt uns von dem Boot mit dem zu hohen Preis weg, wir werden zurückgerufen und irgendwann stimmt dann das Angebot. Los geht’s…

Dieses sanfte Dahingleiten….die kleinen Begegnungen auf dem Wasser oder Details am Ufer…WUNDERSCHÖN!!! Vor allem diese Fischfang-Konstruktionen begeistern mich jedes Mal:

Und dann kommen wir auch tatsächlich an einem der Boote vorbei, die den Sand aus dem Fluss pumpen und über eine Art ‚Pipeline‘ ans Ufer transportieren.

Wahrscheinlich hätten es sich die Bangladeshi selbst nicht träumen lassen, dass von all den Rohstoffen und Produkten ihres Landes ausgerechnet Sand so ein begehrtes Gut werden wird. Denn weltweit ist Sand rar geworden. Jedenfalls der Sand, der zur Zement- oder auch Glasherstellung genutzt werden kann. Irgendwo hab ich auch mal gelesen, dass Sand sogar in Putzmitteln, in Haarspray oder in Zahnpasta verarbeitet wird und auch unsere Handys brauchen anscheinend die kleinen Körnchen, um zu funktionieren.

Es wird schnell dunkel, höchste Zeit wieder anzulegen. Schade eigentlich. Aber irgendwie schwingt dieses Gefühl der sanften Wellenbewegung noch länger nach…. a warm feeling… schee war’s!

****Fortsetzung folgt****

Bera – the power filling station

Die Wochen in Bangladesch sind jedes Mal sehr anstrengend, vor allem wenn ich viele Ortswechsel habe. Denn jede Fahrt von A nach B dauert nicht nur unglaublich lange, die Straßen sind auch laut, voller Schlaglöcher und gefährlich. Jedenfalls war ich bei meiner letzten Reise nach zwei Wochen Recherchereise ziemlich erledigt. Aber ich hatte versprochen, noch einen weiteren Trip zu machen, nach Bera im Distrikt Pabna nämlich. Dort ist das Stammhaus meiner Gastfamilie, in das sie mich schon lange eingeladen hatten. Also packe ich, kaum dass ich aus den Rohinga camps zurück bin, wieder den Koffer. Mir bleiben zwei Stunden, dann geht’s wieder los. Diesmal mit dem Überlandbus, denn von der Hauptstadt Dhaka nach Bera sind es nur 150 Kilometer – In Deutschland wäre das eine Fahrt von etwa eineinhalb bis zwei Stunden. Wir haben dafür fast sieben Stunden gebraucht…

Von daher könnt Ihr Euch wahrscheinlich vorstellen, wie froh ich war, als ich endlich da war – in meinem Zimmer mit eigenem Bad!

Das Haus meiner Gastfamilie ist groß… eigentlich sind es sogar drei Häuser, die zusammen einen kleinen Innenhof bilden. Denn ursprünglich hatte die Familie in einer Wellblechhütte gelebt, dann daneben ein Backsteinhaus gebaut und das jetzige Haupthaus ist ein großzügiger Betonbau. Der ist einstockig mit 5 großen Schlafzimmern, alle mit seperatem Bad, zwei Küchen, einem  riesigen Raum, der als Wohn-, Ess- und Bürozimmer genutzt wird, einem ungenutzen Raum und einer Veranda. Erstaunlicherweise wird die alte Wellblechhütte immer noch genutzt. Vor allem zum Kochen, obwohl es im Haupthaus eine super-moderne Küche gibt. „Die Gerichte schmecken einfach besser, wenn sie auf einem Lehmofen gekocht werden“, klärt mich Nasima auf. Und weil es für mich besonders gut schmecken soll, verbringt sie gerade viel Zeit in der dunklen Hütte, manchmal helfen ihr ihre drei Töchter auch dabei.

Im kleinen Innenhof, den die drei Gebäude bilden, rennen zwei Hühner frei herum. Scheint eine besondere Rasse zu sein, sie wirken ziemlich mager, stolzieren aber auf ihren langen Stelzen ungerührt herum, selbst als wir in den Hof kommen. Anders die kleine Nuha: Sie rennt schreiend davon, sobald sie die Tiere sieht. Richtig panisch ist sie. Klar, in Dhaka seht sie Hühner immer nur in Käfigen. Wir versuchen sie zu beruhigen, aber alles reden nützt da nichts. Ihr Onkel will ihr zeigen, dass die Hühner nichts tun und füttert sie. Auch das hilft nichts, Nuha schreit immer noch wie am Spieß, sobald die Tiere sich bewegen.  Ihre Tante Trisha hat dann die erlösende Idee: Sie klatscht laut in die Hände und zischt die Tiere an. Sofort nehmen die reißaus. Nuha hört auf zu schreien. Kuckt interessiert. Und dann klatscht auch sie in die Hände und zischt. Es klappt. Die Hühner rennen weg. Und die kleine Lady straht über das ganze Gesicht, in dem immer noch ein paar Tränen kleben.

Aber das schönste am ganzen Haus ist das Dach! Rundherum nur Grün. Hier geht auch immer ein kleines Lüftchen und durch die großen Bäume gibt es zu jeder Tageszeit irgendwo ein schattiges Plätzchen. Kein Smog, kein Gehupe – deshalb bin ich so oft es geht auf dem Dach: Früh morgens, wenn noch alle schlafen und mir die exotischen Vögel ein Ständchen geben. Abends, wenn der Himmel sich wie eine Diva in knalligsten Farben präsentiert. Und nachts, wenn ganz neugierige Fledermäuse bis auf einen Meter herankommen und man sogar ab und zu Geräusche vom Fluss hören kann. Ich merke, wie hier auf diesem Betondach in einem kleinen Dorf auf dem Land, die ganze Anspannung und all der Stress von mir abfällt.

Meine Gastfamilie kommt auch hoch, jedenfalls die Frauen. Wir trinken zusammen Tee  und ich zeichne mit einem Kalkstein ein Himmel-und-Hölle-Hüpfspiel  auf den Boden. Theoretisch hat die vierjährige Nuha zwar bald die Regeln kapiert, aber man merkt dem Stadtkind an, dass es enorme Bewegungsdefizite hat: Auf einem Bein hüpfen klappt gar nicht und auch mit beiden gleichzeitig hüpft sie entweder über die Linien raus oder kippt sogar um. Trotzdem findet sie es lustig. Überhaupt, auch sie ist wie ausgewechselt her bei ihrer Oma. Denn alle haben Zeit, hören ihr sogar zu und es gibt jede Menge Abwechslung.BD 2019-11-15 (1) (9) bearbeitetLeider kann ich mir nicht alle Namen der Bäume merken, die hier und im Garten hinter dem Haus wachsen. Klar, einen Mangobaum erkenn ich jetzt, aber in Bangladesch gibt es so viele Früchte, von denen ich noch nie was gehört habe. Und manche Bäume bilden auch Früchte aus, die gar nicht zum Essen sind.BD 2019-11-16 (29) (41) bearbeitet

Der Mahagonibaum hier zum Beispiel. Ich kenn den ja nur verarbeitet zu Möbeln. Aber als Baum hab ich ihn noch nie gesehen. Seine Frucht ist etwa so groß wie eine Mango, aber hart, relativ leicht und irgendwie holzig. „Stimmt“, meint Nisha, deshalb werde sie auch zum Anfeuern benutzt.

Das tun wir dann auch abends. Barbecue-time!

Witzig, allein dieses Wort ‚barbecue‘ löst in der Familie eine spürbare Vorfreude aus, die Mädels klatschen in die Hände und überschlagen sich mit Tipps für die Marinade. Die Männer sind auch begeistert, schleppen den großen Grill aufs Dach, stellen einen Tisch und noch mehr Stühle nach oben und breiten eine große Decke auf dem Boden aus. Das scheint aber schon ihr ganzer Beitrag gewesen zu sein, denn sobald das Feuer an ist, übernimmt Nasima, die Dame des Hauses, den Grill. Sie legt die riesigen marinierten Rinderstücke auf den Rost und wendet sie unermüdlich. Offenbar ist ihr wichtig, die Fleischstücke in einer bestimmten Choreographie zu drehen, jedenfalls wirkt sie konzentriert, lässt sich durch nichts ablenken. Nisha rollt währenddessen kleine Teigfladen aus, die nebenher frisch aufgebacken werden. Ihre Schwester öffnet zwei Gläser. „Pickles“, ruft sie triumphierend und erntet ein wohliges „Ahhhhh“ von allen Seiten. Ich darf schon mal von den eingelegten Obst- und Gemüse-Spezialität probieren: Das Gemüse ist höllisch scharf eingelegt, das Obst süß-scharf, sehr lecker. Ketchup steht noch auf dem Tisch, ein paar Alibi-Gurkenscheiben sind noch aufgeschnitten, aber das war’s dann schon an Schnickschnack, die Hauptattraktion ist eindeutig das Fleisch.

Und einen Tag später gibt es noch ein Family-Event: Aysha, die frisch angeheiratete Frau von Naser (auf dem Bild stehen beide rechts) hat Geburtstag. Und für diese Geburtstagsfeier sind genau zwei Dinge wichtig: Eine representable Torte und die Familienfots beim Anschneiden. Sogar das Hausmädchen darf mit aufs Bild, ach was sag ich, auf die BILDER. Denn natürlich muss die Szene von jedem einzelnen Familienmitglied auf dem jeweils eigenen Handy festgehalten werden. Das dauert. Denn auf diesen ‚offiziellen‘ Fotos müssen offenbar die Haare jeder Frau bedeckt sein. Auch ein relativ gewichtiger Gesichtsausdruck scheint Usus…nur Nisha fällt mal wieder aus dem Rahmen, macht Quatsch… und so hab ich tatsächlich eines der wenigen Fotos geknipst, auf dem alle lächeln und etwas lockerer wirken. Dann wird die Torte angeschnitten, Aysha füttert jeden per Hand mit einem kleinen Stück – was natürlich auch jedes Mal ein Foto wert ist- und dann passiert etwas völlig Unerwartetes: Alle gehen wieder weg! Das war’s! Kein nettes Beisammensitzen, kein Geschenke-Auspacken, kein Tanz, nix.

Ich gebe zu, das hat mich dann doch etwas erstaunt. Obwohl ich natürlich längst weiß, dass Geburtstage bei den meisten Bangladeshi keine große Bedeutung haben, ja oft gar nicht beachtet, geschweige denn gefeiert werden. Geburtstagsfeiern scheinen eine eher importierte Sache von ‚Westlern‘ zu sein, die man zwar vor allem in der Mittelschicht gern kopiert, aber eben nur halbherzig.

****Fortsetzung folgt****

Kannenmacher-Gasse 2 – Impressionen

Die Gasse liegt auf dem Weg zum Hafen. Kein Schild, kein Bild, nichts deutet darauf hin, dass hier die billigen Haushaltswaren des Alltags hergestellt werden. Dabei breitet sich die Kannenmacher-Zunft eigentlich sogar auf mehr als nur eine Gasse aus…unzählige kleine Wege gehen ab, Hinterhöfe und offenbar wohnen viele Arbeiter auch direkt hinter, neben oder über ihrem Arbeitsplatz. Hier wird gewerkelt, gegessen, gestritten und geliebt. Alles immer öffentlich und direkt auf der Straße – okay, bis auf Letzteres, bei allem was Berührung zwischen den Geschlechtern in der Öffentlichkeit angeht sind Bangladeshi ja seeeehr zurückhaltend, fast schon prüde.

Auf jeden Fall wollt ich Euch noch einen Eindruck von diesem Alltag in der Gasse vermitteln. Und lass mal die Bilder für sich sprechen 😉

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Die Kannenmacher-Gasse

Reisen in Bangladesch – das heißt für mich sehr oft auch reisen in die Geschichte. Allerdings im übertragenen Sinn.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Kannenmacher-Gasse: Hunderte von Menschen arbeiten hier zusammen, um Alu-Töpfe, -Krüge und -Pfannen herzustellen. Jeder ist spezialisiert auf genau einen Arbeitsschritt, das meiste ist Handarbeit, körperlich oft sehr anstrengend. Und um eine Wasserkanne herzustellen braucht es nicht nur viel Zeit, sondern mindestens sieben verschiedene Arbeitsschritte und Menschen. Das fertige Produkt ist zwar auch Massenware, aber trotzdem ist jede Kanne ein kleines bisschen verschieden.

Genau so sind früher auch in Europa, in Deutschland, Gebrauchsgegenstände entstanden. Vor der industriellen Revolution, also bevor Maschinen die meisten Arbeitsschritte übernommen haben und zum Beispiel Kannen damit schneller, effektiver und qualitativ einheitlicher gefertigt werden konnten.

Aber heutzutage gibt’s diese Maschinen ja. Bestimmt auch in Bangladesch.  Warum also schuften sich hunderte von Menschen tagtäglich mit dieser ‚Handarbeit‘ ab?

Ich lass diese Frage jetzt mal so stehen. Vielleicht findet ihr selbst die Antwort. Und jetzt zeig ich Euch einfach mal die Arbeitsschritte 😉

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich den ersten Arbeitsschritt gefunden habe, weil die einzelnen Gewerke in der Kannenmachergasse völlig durcheinander angeordnet sind – jedenfalls konnte ich die innere Logik nicht erkennen…

Die Barren links sind jedenfalls der Rohstoff, aus dem später die Alu-Produkte entstehen. Ich nehme an, das ist nicht mehr der ursprüngliche Bauxit-Stoff, sondern schon verhüttetes Aluminium. Und wahrscheinlich kommt es aus Indien oder China, wo es meines Wissens große Bauxit-Vorkommen gibt. Diese Barren werden dann – Bilder rechts – eingeschmolzen. Ihr könnt Euch wahrscheinlich vorstellen wie heiß und stickig es in dieser ‚Guß-Barracke‘ ist…außerdem ist es ziemlich dunkel darin, was auf den Bildern nicht so rauskommt.

Der Herr in hellblauem Lungi (Wickelrock) ist der Meister der Esse. Er schöpft mit einer Riesenkelle das geschmolzene Alu und füllt es in die Gußformen. Ich hab erst beim näheren Hinsehen gemerkt, dass diese Gußformen im Prinzip nur zusammengelegte Winkel sind. Das seht ihr ganz gut im Bild unten links. Die Aufgabe der drei Männer hinter den Formen ist es, diese Winkel beim Eingießen mit Stäbchen zusammenzuhalten und zu entfernen, sobald die Aluplatten erkaltet sind. Und die gehen dann in die größere Werkstatt nebenan.

Hier werden die Platten erst gewalzt, dann von dem Jungen oben links mit einer überdimensionalen Schere in handlichere Bleche geschnitten. Die kommen zum jungen Mann im Bild drunter, der sie in eine Maschine einspannt und damit runde Rohlinge ausschneidet. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube bis hierhin ist noch nicht sicher, ob aus den Rohlingen Deckel, Kannen oder Töpfe werden. Auf jeden Fall gibt’s offenbar auch für die Rohlinge  eine Art Qualitätskontrolle (siehe letztes Bild).

So, für den nächsten Arbeitsschritt musste ich erst ein bisschen suchen, bis ich die Weiterverarbeitung gefunden habe. Jedenfalls entscheidet sich jetzt, was aus den Rohlingen wird. In meinem Beispiel: eine Kanne. Der Junge in Jeans macht die Vorarbeit. Er legt das Rundblech auf einen zylinderförmigen Block und klopft es dann solange, bis eine Art Blumentopf daraus wird – ihr seht das Resultat im vierten Bild. Und das kommt dann in die Drehmaschine. Im Prinzip wird der Blumentopf dort über eine Form gestülpt und die Männer drücken mit langen und kurzen Stangen das rotierende Blech in die Kannenform. Das hört sich leicht an, scheint aber harte Arbeit zu sein, jedenfalls stemmen sich die Männer dabei mit dem ganzen Körper auf die meiselähnlichen Stangen. Es rinnt der Schweiß, der Raum selbst ist ziemlich duster und es riecht nach Metall und Staub. Harte Arbeitsbedingungen. Aber trotzdem präsentieren mir die Männer  das frischpolierte Resultat ihrer Arbeit voller Stolz (großes Foto Mitte rechts)

Hier noch ein paar Impressionen von anderen Produktions-Barracken. Ihr seht: Egal ob Deckel oder Töpfe hergestellt, die letzten Dellen rausgeklopft oder Griffe mit einer hitzebeständigen Farbe bestrichen werden, die Arbeiten sind monoton, anstrengend und zum Teil auch gesundheitsschädlich.

Aber machen wir weiter, nächster Schritt:

Alle Töpfe, Pfannen und Kannen werden vor der Auslieferung nochmal ausgewaschen, von Hand. Und dann entweder einfach auf der Straße oder aber auf den Dächern zum Trocknen ausgelegt. Diese Arbeit machen meistens Kinder.

Ganz wichtig in dieser Straße ist der Transport von A nach B. Ich habe in den Gassen der Kannenmacher nicht ein einziges Auto gesehen, keinen Laster oder Transporter. Alles wird entweder einfach auf die Schultern gehievt oder mit Karren und Lastenfahrrädern befördert. Das meiste dieser Haushaltswaren geht in große Zwischenlager oder direkt an die Geschäfte. Und manche werden auch direkt in der Gasse verkauft.

Ich hab eben nochmal bei meinen Freunden in Bangladesch nachgefragt, wieviel eigentlich so ein Topf oder eine Kanne dann letztendlich kosten. Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede und es kommt auch auf die Größe an, aber so ein Topf kostet in der Regel um die 200 Taka. So und jetzt haltet euch fest: Das sind umgerechnet weniger als 2 Euro!

***Fortsetzung folgt****

Abwracker (Teil 2) – vom Umschiffen der Regeln

Ich bin ja sonst ein großer Fan von Recycling. Aber wenn Menschen ihre Gesundheit und sogar ihr Leben riskieren müssen, um an die Altmetalle und Innenausstattung von ausgedienten Schiffen zu kommen, dann kann da was nicht stimmen.

Deshalb hab ich die Hilfsorganisation ’ship breaking platform‘ kontaktiert, die sich seit Jahren für sauberes und sicheres Abwracken ohne Kinderarbeit einsetzt. Die NGO selbst hat ihren Stammsitz in Brüssel – strategisch sinnvoll, weil sie dort quasi direkt am Knoten der europäischen Entscheidungen politisch arbeiten können. Aber sie sind auch weltweit aktiv und mittlerweile die größten organisierten Streiter für ein faires Abwrackgeschäft. Mit dem Pressesprecher der Organisation, Nicola Mulinaris, hab ich eine Art virtuelles Interview gemacht, hab ihm Fragen geschickt, die er mir als Audio beantwortet hat:

Frage: Dürfen europäische Reedereien eigentlich ihre alten Schiffe, also Container-, Kreuzfahrtschiffe oder Tanker, abwracken lassen wo sie wollen? Oder gibt es dafür gesetzliche Regelungen?

Nicola Mulinaris: Es gibt definitiv Gesetze, die das Recycling für ausgediente Schiffe regeln. Deshalb können europäische Reedereien eigentlich diese schwimmenden Riesengebilde, die voller gefährlicher Substanzen sind, nicht einfach hinbringen, wohin sie wollen. In den internationalen und auch die europäischen Standards gibt es verschiedene Auflagen und Regeln, die den Export von giftigen, alten Schiffen zum Beispiel nach Indien, Bangladesch und Pakistan explizit regulieren oder sogar verbieten. Weil die Schiffe dort direkt am Strand unter sehr unsauberen und gefährlichen Bedingungen auseinandergenommen werden.

Frage: Es gibt ja die Möglichkeit, Schiffe so zu zerlegen, dass weder Arbeiter noch die Umwelt gefährdet werden. Beim Recyclen in Trockendocks können alle gesetzlichen Auflagen und Sicherheitsvorschriften bestmöglichst eingehalten werden. Solche Werften gibt es auch in Europa, zum Beispiel in der Türkei. Warum lassen die Reedereien nicht dort Abwracken?

Nicola Mulinaris: Reedereien beklagen oft, dass es so teuer sei, alte Schiffe auf saubere und sichere Art abzuwracken. Das stimmt aber nicht. Es ist halt weniger profitabel. Denn natürlich gibt es Unterschiede in den Preisen, die die Werften weltweit den Schiffsbesitzern für das Abwracken bieten können: Abwrackhäfen an den Stränden von Süd-Asien zahlen etwa 400 Dollar pro Tonne. Während andere Häfen, wie zum Beispiel die in der Türkei oder den USA, gerade mal zwischen 100 und 250 Dollar pro Tonne bieten können. Je größer also ein Schiff ist, desto größer ist der Unterschied zwischen sauberem, sicherem Recyclen und umweltbelastendem, gefährlichem Abwracken. Leider entscheiden sich die meisten Schiffsgesellschaften immer noch für die Höchstpreis-Lösungen und immer noch für die schlechtesten Werften in Indien, Pakistan und Bangladesch – da können sie einfach am meisten Geld verdienen.

Frage: Wenn man das also zum Beispiel für einen Hochseetanker mit etwa 400.000 Tonnen hochrechnet, dann hieße das: 40 Millionen in Europa oder 160 Millionen in Bangladesch. Für das gleiche Schiff! Wie lang dauert es eigentlich, bis so ein Tanker in Bangladesch komplett zerlegt ist? Und wieviel Arbeiter braucht es dafür?

Nicola Mulinaris: Es kommt natürlich auf den Schiffstyp und die Größe an. Im Schnitt dauert das Zerlegen eines großen Handelsschiffs drei oder vier Monate und da sind dann hunderte von Arbeitern involviert.

Abwrackhafen Chittagong Foto Jürg Vifian (10)

Fotos: Jürg Vifian

Frage: Ihr Organisation setzt sich für die Rechte von Abwrackern ein. Weltweit. Wie sieht es denn mit den Arbeitsbedingungen für die Arbeiter in Bangladesch aus?

Nicola Mulinaris: Wenn wir über das Abwracken reden, dann reden wir laut den internationalen Arbeiterorganisationen über einen der gefährlichsten Jobs der Welt. Die Arbeitsbedingungen am Strand von Chittagong in Bangladesch sind gelinde gesagt entsetzlich. Arbeiter, und das schließt auch Kinder mit ein, sind täglich erheblichen Risiken ausgesetzt. Wir haben ja unsere Partner vor Ort und kennen daher die Situation in den Werften: Dass Arbeiter oft gravierende Verletzungen erleiden oder sogar sterben, weil zum Beispiel Feuer ausbricht, etwas explodiert oder ein massiver Eisenblock runter fällt. Oder weil sie giftigen Rauch und Gase einatmen, die beim Zerlegen entstehen. Man muss wissen, dass diese Schiffe giftige Stoffe in ihren Konstruktionen haben, zum Beispiel Asbest, Quecksilber, Blei, Kupfer, PCB oder hochtoxische Zinnverbindungen. Das kann alles extrem, extremst gefährlich für die Gesundheit der Arbeiter sein, wenn damit nicht richtig umgegangen wird und es nicht sorgfältig entfernt wird.

Frage: Und wie sieht es mit der Ausrüstung der Abwracker aus? Die Arbeiter, die ich interviewt habe berichten, dass sich da einiges getan hat in den letzten Jahren.

Nicola Mulinaris: Die meisten Besitzer von Abwrackhäfen stellen ihren Arbeitern nicht mal die grundlegendste Sicherheitsausrüstung zur Verfügung, also ich spreche jetzt von Helmen, Kleidung, Stiefeln, Schutzmasken. Die meisten Arbeiter werden gezwungen, mit tragbaren Lötlampen und bloßen Händen auf die Schiffe zu klettern, nur mit Käppis, Schals und Flipflops ausgerüstet. Manchmal haben sie nicht mal das. Die Sicherheit ist schon deshalb kaum zu garantieren, weil die Arbeiten während der Ebbe im Schlamm stattfinden. Der Strand dort hat zweimal am Tag Ebbe und Flut, ist instabil und ist deshalb wirklich kein guter Standort, um dort Schwerindustrie rund um das Abwracken zu betreiben. Ein anderer Aspekt ist das Fehlen von richtigen Einrichtungen in der Nähe der Werften, wo verletzte Arbeiter hingebracht werden können. Es gibt kein einziges Krankenhaus in der Nähe der Strände in Chittagong. In den letzten Jahren sind viele Arbeiter beim Transport zum nächsten Krankenhaus gestorben, weil das Kilometer entfernt in der Stadt und nur über eine staubige, ständig überfüllte Straße voller Schlaglöcher zu erreichen ist.

Frage: Ein bengalischer Aktivist, der sich für die Belange von Abwrackern einsetzt, hat mir gesagt, dass manche Unternehmen oder Subunternehmen versuchen, Unfälle und Tode geheimzuhalten, diese zu vertuschen. Manchmal auch nur, damit zum Beispiel die Arbeitsabläufe nicht gestört werden und es keinen Zeitverzug gibt. Und natürlich auch, damit die Zustände auf den Werften nicht publik werden. 

Nicola Mulinaris: Mich wundert das ehrlich gesagt nicht, was dieser Aktivist erzählt. Nicht nur die Besitzer von Abwrackhäfen, auch Reedereien und die örtlichen Behörden tun alles dafür, ihre beschämenden Praktiken zu vertuschen.

Frage: Das scheinen fast schon mafiöse Strukturen zu sein. Aber hat sich denn an den Zuständen so gar nichts verändert? Also bei der Bezahlung, der Versorgung oder den Todesraten? Gibt es keinerlei Gesetze oder Auflagen, die die Abwrackerei regeln?

Nicola Mulinaris: Es gab schon immer Gesetze, die diesen neuen, giftigen Kolonialismus regeln. Und es gibt auch ständig neue gesetzliche Auflagen. Die können aber leider ziemlich leicht von den meisten Interessengruppen im Abwrackgeschäft einfach umgangen werden, also von den Reedereien, den Abwrackunternehmen, von Zwischen- und Schrotthändler und von den Maklern. Ich würde sagen, wenn sich etwas ändern soll, muss der Anstoß von nationalen Behörden kommen. Umweltbehörden, vor allem in Europa, fordern jetzt endlich vehement die längst bestehenden Umweltrichtlinien ein und machen Reedereien für ihre ungesetzlichen Handlungen verantwortlich, also für illegale Exporte und das Verfrachten von gefährlichem Müll in ärmere Länder. Ein anderer Anstoß für Veränderung kommt von Banken oder Pensionskassen, die mit den Reedereien im Gespräch sind und diese auch zwingen, oder sagen wir ‚einladen‘, ihre Praktiken zu verbessern.

Wir selbst, also die NGO ship breaking platform, sorgen zum Beispiel dafür, dass verletzte Arbeiter oder Angehörige von Verstorbenen rechtliche Unterstützung bekommen, damit sie Entschädigungen von den Abwrackhafen-Besitzern kriegen. Und dann gibt es auch immer öfter ausländische, unabhängige Anwaltskanzleien, die sich für dieses Thema interessieren und verletzte Arbeiter oder Angehörige von Verstorbenen vertreten, um für die Entschädigungn zu erstreiten. Aber nicht von den Abwrackhafen-Chefs in Bangladesch, sondern direkt von den europäischen Reedereien, weil die ja zuerst mal giftige Schiffe an nicht geeignete Anlagen an den Ufern von Südasien verkauft haben.

Frage: Der Druck sollte also am besten von allen Seiten und auf alle Gewerke in der Abwrackindustrie kommen. Dafür sind natürlich konkrete und belastbare Zahlen und Informationen immer sehr hilfreich. Hat ihre Organisation denn einen Überblick über Verletzten- und Todeszahlen in den Abwrackhäfen von Bangladesch?

Nicola Mulinaris: Wir sammeln tatsächlich Daten über Unfälle die in den Werften in Südasien passieren. Das ist allerdings keine leichte Aufgabe, erstmal, weil es keine Transparenz in der Industrie gibt. Und auch, weil es für Vertreter von NGOs oder Gewerkschaften sehr gefährlich geworden ist, in den Abwrackhäfen von Indien, Pakistan und Bangladesch zu arbeiten. Was die Zahlen für Unfälle in Bangladesch betrifft stellen wir aber fest, dass die Situation immer noch inakzeptabel ist. Ich meine, allein im Jahr 2019 sind 24 Arbeiter verstorben, das war die höchste Todesrate seit 2009.

Frage: Wir haben jetzt vor allem über die katastrophale Arbeitssituation der Arbeiter gesprochen. Gibt es denn noch andere negative Aspekte der Abwrackindustrie in Bangladesch?

Nicola Mulinaris: Das Abwracken hat nicht nur diese menschliche Seite, sondern auch einen Umweltaspekt: Beim Zerlegen von Schiffen werden enorme Mengen an giftigen Substanzen in die Luft, den Ozean und in den Sand freigesetzt. Und die haben nicht nur Einfluss auf die physikalischen Eigenschaften eines Ökosystems, sondern auch auf den Lebensraum der umliegenden Bewohner. Zum Beispiel auf die Fischer in der Umgebung, die von den natürlichen Ressourcen wie den Fischen rund um die Werften abhängen. Und dann muss man sich auch dran erinnern, dass in Bangladesch in den letzten 10 Jahren mindestens 6000 Mangroven-Bäume abgeholzt wurden, um Platz für neue Abwrackhäfen zu schaffen. Mangroven-Wälder, die wichtig und sogar entscheidend sind, um die Dorfbewohner vor Überflutungen während der Regenzeit zu schützen.

***BONUS***

Hier ist noch ein kleines Video, das die NGO ship breaking platform zusammen mit National Geographic gemacht hat

https://video.nationalgeographic.com/video/magazine/00000145-51bb-dcd9-a547-d1bf9b7f0000

Das Mädchen, das unsichtbar werden soll

Als ich Sahera das erste mal getroffen hab, war sie 10 Jahre alt, gerade frisch in die Schule gekommen und voller Begeisterung. Das Rohinga-Mädchen schien sich an das Leben im weltgrößten Flüchtlingslager gewöhnt zu haben. Nur manchmal hatte ich den Eindruck, dass die bösen Erinnerungen an den Genozid in ihrer Heimat Myanmar, an Flucht und Grausamkeiten in ihr aufploppten – und sie in eine Art erschminkte Traumwelt flüchtete. (https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/07/24/make-up-against-reality/).

Sahera, 10 Jahre groß

Zehn Monate später, im November 2018, hab ich sie dann wiedergesehen. Nur kurz, weil meine Interviews im Camp eng getaktet waren. Aber Sahera strahlte, als ich sie wiedererkannt hab. Sie war weniger schüchtern, schwärmte von ihrer Schule und verriet mir, dass sie immer noch Englisch-Lehrerin werden wolle.

Und dann, ein Jahr später, will ich Sahera wieder treffen. Diesmal hab ich viel Zeit für sie eingeplant, uns extra einen abgetrennten Raum im medizinischen Zentrum einer Hilfsorganisation in der Nähe ihrer Hütte gesichert und der Dolmetscher ist auch zur Stelle. Er gehe sie mal holen, sagt er und verschwindet. Es dauert erstaunlich lang. Immer wieder kommt jemand in den Raum, ich schaue hoch, erkläre, dass der Raum belegt ist und dann wieder… warten.

Deshalb bin ich erstmal etwas genervt, als der Vorhang sich wieder bewegt und eine verschleierte Frau vor mir steht. Ich setzte gerade zu meinem ‚hier ist besetzt-Spruch‘ an, da seh ich die Augen. Diese Augen kenn ich doch? Und dann taucht Habib hinter ihr auf, mein Dolmetscher. Und gibt Zeichen, dass auch er ziemlich verblüfft ist über diese Verwandlung: Die verschleierte Frau ist Sahera, das bildhübsche Rohinga-Mädchen!

Sie setzt sich. Schlägt die Augen schüchtern zu Boden. Und auf meine Frage, ob sie hier in diesem Raum den Schleier nicht ablegen will, antwortet sie nur ganz leise: „Das geht nicht solange ER im Raum ist…“ Sahera deutet zaghaft auf Habib. Der ist immer noch sichtbar verblüfft, steht aber sofort auf und meint, ich solle ihn rufen, wenn’s losgehen soll. Und erst als er draußen und der Vorhang sorgfältig drapiert ist, löst Sahera die kleinen türkisen Stecknadeln vom Schleier.

Witzig, denke ich, nur Frauen dürfen sie unverschleiert sehen, aber sie hat nichts dagegen, dass ich ein Foto mache. Und wenn das ein Mann sieht?

Aber noch mehr interessiert mich, warum sie jetzt verschleiert ist. Wieder kuckt Sahera auf den Boden. „Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, da war ich ja noch ein Kind. Da bin ich noch in die Schule gegangen und in die Madrasa (das ist eine Koranschule). Jetzt bin ich größer geworden, ich bin kein Kind mehr. Und meine Mutter lässt mich jetzt nicht mehr auf die Schule, weil ich jetzt eine junge Frau bin. Meine Mutter will nicht, dass ich das Haus verlasse, das gehört sich nicht nach unseren Rollenvorstellungen.“

Zugegeben, ich hab nicht gleich verstanden, was jetzt wirklich der Grund für den Schleier war. Bis Habib, mein Übersetzer, deutlicher wurde: Sahera hatte ihre Tage bekommen. Und damit gilt sie als Frau!

Und hab ich das richtig verstanden? Sie geht nicht mehr zur Schule? Kaum hab ich diese Frage gestellt, werden ihre Augen zu Schlitzen. Es ist nicht ganz leicht, Gefühlsregungen anhand eines kleinen Gesichtsausschnitts zu erkennen, aber ich glaube, in Saheras Augen ist ganz kurz sowas wie Wut aufgeblitzt. Aber als sie antwortet klingt ihre Stimme immer noch leise, zurückgenommen: „Ich will schon immer noch Lehrerin werden. Aber ich hab jetzt keine Möglichkeit mehr fürs Lernen. Die Schule ist ja von einer NGO und das ist ein Stück weiter weg und meine Mutter meint eben, dass das nicht sicher für mich ist, zu gefährlich. Außerdem will sie auch nicht, dass ich Lehrerin werde. ICH schon, immer noch, ich würde so gerne mehr lernen. Für mich war die Schulzeit einfach toll, ich bin ja hier im Lager mit 10 Jahren zum allerersten mal in den Unterricht. In einer NGO-Schule und in einer Madrasa. Und wir konnten draußen auch spielen. Aber jetzt darf ich halt gar nichts mehr, weder zur Schule noch zur Madrasa, ich darf ja nicht mal mehr raus. Und den ganzen Tag in der Hütte…das macht mich verrückt. Ich bin 13 und seit fast einem Jahr ist das jetzt so.“

Ihr Mutter arbeite mittlerweile bei einer Hilfsorganisation, sagt sie. Und das heißt, dass Sahera den Haushalt macht, auf den kleinen Bruder und das Baby ihrer Schwester aufpassen muss. Kochen, putzen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, das sei ihrAlltag.

Sie will mir ihr neues Zuhause zeigen. Denn die alte Hütte ist ersetzt worden, sie wohne jetzt auch eine Gasse weiter weg. Also folge ich ihr. Und bin erstaunt, wie ein so junges Mädchen mit all den Kleiderschichten auf den unebenen, schmalen Gassen so elegant laufen kann. Wir brauchen keine fünf Minuten, dann öffnet sie eine Tür und lässt mich ein. Und ich bin erstmal sprachlos! Das hab ich nicht erwartet….

Die komplette Decke der Hütte ist mit Papierblumen und Girlanden bedeckt, alles ist bunt und bewegt sich leicht durch den Luftzug. UNGLAUBLICH! Das also macht Sahera, wenn sie Zuhause bleiben muss. Sahera nimmt den Gesichtsschleier ab und grinst schief. Meine Begeisterung für ihre Bastelarbeiten freut sie zwar, aber, sagt sie, sie sind auch ein Zeichen für all die Zeit, die sie hier verbringen muss. „Ich gehorche meiner Mutter. Ich muss ihr gehorchen und auf ihren Rat hören. Wenn sie was will, dann tue ich das einfach, ich hinterfrage das gar nicht, das wär nicht okay.“ Sie schüttelt den Kopf ganz leicht, dann drückt sie die Schultern nach hinten und den Kopf hoch. Naja, ganz so schlimm sei es dann auch wieder nicht. „Es gibt schon fünf, sechs Freundinnen, die quasi meine Nachbarn sind und die besuchen mich Zuhause. Wir haben zwar keine Spiele, aber wir quatschen dann halt miteinander. Es geht uns zwar gut hier, aber meistens reden wir doch über die Zeit, wenn wir nach Myanmar zurück können, wie das dann wohl sein wird. Als wir uns das letzte Mal getroffen haben war das noch nicht so, da war es ja in Myanmar noch total schrecklich. Aber jetzt ist es besser und wir hoffen halt, dass wir bald dorthin zurück und wieder unser normales Leben leben können.“

Ich bin erstaunt. Glaubt sie wirklich, dass sie bald wieder zurück kann? Und wer hat ihr das erzählt? Ich frage jetzt ganz vorsichtig, will ihr nicht ihre Träume nehmen…Ob sie denn glaube,  dass in Myanmar alles genau so sein wird wie vorher, dass sie wieder in ihr großes Haus könne, von dem sie mir erzählt hat? „Ja, ja, ich hab schon auch davon gehört, dass sie dort alles niedergebrannt haben. Aber wenn wir zurück gehen, hoffe ich, dass ich unser Grundstück wieder finde und dort dann ein neues Haus bauen kann. Also erstmal werden wir auch nur eine Hütte dort aufbauen. Aber wir haben ja hier mittlerweile auch Geld, meine Mutter arbeitet ja jetzt, und in Myanmar werden wir dann wieder Landwirtschaft haben, damit Geld verdienen und halt nach und nach alles wieder aufbauen.“

Okay. Das ist ihr Plan. Und was plant ihre Mutter? ——– Ich merke gleich, dass ich mit dieser Frage voll in den Fettnapf getreten bin… „Meine Mutter denkt, ich bin jetzt alt genug, ich kann auch schon an einen Bräutigam gegeben werden. Der Plan ist, das ich mit 14 verheiratet werde.“ Sie selbst wolle das nicht. Sie sei noch viel zu jung dafür. Aber es kämen jetzt schon Anfragen, Bewerbungen. Dabei wolle sie in ihrem Alter noch niemand heiraten. „Und ich hoffe, meine Mutter versteht mich da, im Moment hört sich noch auf mich, dass ich mich zu jung fühle und ich kann nur hoffen, dass das auch noch länger so bleibt. Ich will halt jetzt gerade nicht heiraten, aber irgendwann schon, vielleicht so mit 25 oder so.“

Sie kichert als ich wissen will, wie sie sich dann ihre Zukunft, ihr Eheleben vorstellt. „Ich weiß es nicht wirklich. Ich weiß nur, wenn ich mal ein Baby habe, dann werd ich mit ihm nirgends hingehen, wegen all des Drecks hier. Ich würde bestimmt ständig alles putzen. Ich würde gerne schöne Kleider tragen, am schönsten wär so ein Prinz- und Prinzessinnen-Leben… Nein, Spaß, ich wünsche mir, dass mein Ehemann ein Lehrer ist, er soll gut aussehen und genug Geld für uns beide verdienen. Ich hätte gerne einfach einen ganz normalen Mann, einfach aber lieb“

Sahera farblos groß

Nachtrag:

Ja, ich gebe zu, ich war geschockt als ich hörte, dass Sahera jetzt verschleiert ist, ‚eingesperrt‘ und womöglich bald verheiratet wird. Aber ich habe im Januar 2018 auch ihre Mutter kurz kennengelernt und hatte den Eindruck, dass sie ihre Tochter abgöttisch liebt. Warum also verbietet sie ihr, zur Schule zu gehen, draußen mit den anderen Kindern zu spielen und will sie schon mit 14 verheiraten?

Mittlerweile hab ich eine mögliche Erklärung gefunden: Saheras Mutter ist alleinerziehend, der Vater ist bei der Flucht aus Myanmar gestorben. Das heißt, sie muss ihre Kinder allein versorgen und beschützen. Und besonders für ein junges, hübsches Mädchen ist das Leben im Flüchtlingslager nicht gerade ungefährlich: Es gibt Vergewaltigungen, Entführungen und manche Mädchen werden zur Prostitution gezwungen. Vielleicht ist es also eine Art Schutzmaßnahme, ihre Tochter lieber nicht zu ‚zeigen‘. Und die frühe Verheiratung, dass hab ich auch schon in abgelegenen, ländlichen Gebieten in Bangladesch gehört, die ist manchmal nötig, damit die Mädchen einen Beschützer bekommen, nicht mehr als ‚Freiwild‘ gelten.

Ich sage nicht, dass ich das gut finde. Aber ich bin sicher, dass auch ich alles tun würde, um meine Tochter zu beschützen.

 

Actual situation of a love story

Erinnert Ihr Euch noch an den Mathelehrer, von dem ich vor vier Jahren schon erzählt habe? Der, der sich in ein Mädchen verliebt hatte, sich aber nicht getraute, seiner Familie davon zu erzählen, weil Liebesheiraten in Bangladesch eher verpönt sind? (Siehe Blog-Artikel vom 31. Januar 2015 „DIE mathematische Formel für das Geschlechter-Verhältnis„, vom 23. März 2015 „Virtuelle Freundschaften werden real“ und vom 29. Juli 2015 „https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/07/29/cheating-at-school-the-education-fraud/„)

Diesen jungen Mann treffe ich seither bei jeder Reise und auch virtuell ist der Kontakt nie abgebrochen. Auch diesmal habe ich ihn wiedergetroffen, deshalb nur kurz, was bisher geschah:

Shaheds Vater ist früh gestorben, er war da gerade mal 17 und ganz plötzlich quasi das Oberhaupt der Familie. Er war damit für seine drei Schwestern und seine Mutter verantwortlich. Das Geld war immer knapp, aber Shahed wollte studieren. Also haben Verwandte seine Mutter und die Schwestern mit unterstützt und er selbst finanzierte sich das Studium, indem er Nachhilfestunden gab. Wie hart diese Zeit für ihn war, klingt nur manchmal in seinen Erinnerungen durch: Eine Minikammer im Wohnheim, nicht immer genug zu essen, ausgehen war sowieso nicht drin. Aber er hat sich durchgeschlagen, sein Studium erfolgreich abgeschlossen und dann eine Stelle als Lehrer an einer Privatschule gekriegt.

Und in der Situation war er, als er mich kontaktiert hat. Mit der Frage „Is there an English version of your blog article?“ Gab’s da noch nicht. Ich war damals, 2014, gerade von meiner ersten Bangladesch-Reise zurück, voll von Eindrücken und hatte deshalb beschlossen, einen Blog über meine Impressionen zu schreiben. Das tu ich seither. Und seit damals hab ich auch Kontakt mit diesem besonderen Mathelehrer. Unsere Gespräche beginnen meisten so: „Journalist?“ – „Teacher! How are you?“ Und oft ist er eine wichtige Informations-Quelle, egal ob es um Schülerproteste oder auch Matherätsel geht 🙂MatherätselDurch Shahed hab ich viel über das bengalische Schulsystem gelernt: Über Lehrer an Privatschulen, die gefeuert werden, wenn die Noten ihrer Schüler nicht gut genug sind. Dass die Lehrer in ländlichen Gebieten oft diejenigen sind, die bei den Examen am schlechtesten abgeschnitten haben und dorthin zwangsversetzt wurden. Mit der Folge, dass sie schlecht bis gar nicht unterrichten, sondern Noten verteilen, je nachdem wie die Eltern sie bezahlen. Und dass eigentlich alle Lehrer zusätzlich noch Nachhilfe oder Förderunterricht geben, um einigermaßen über die Runden zu kommen.

Im Gegenzug konnte er mit mir über Dinge sprechen, über die man in Bangladesch eigentlich nicht redet. Über Ernährungsmythen und neue Lebensmittel-Studien zum Beispiel, über Sexualität, über europäische Sichtweisen auf Ereignisse in der Welt und über Kritik an der bengalischen Regierung. Und dabei hat er mir eben auch gestanden, dass er in einem riesigen Dilemma steckte: Er war verliebt, seine Liebe wurde sogar erwidert, aber trotzdem schien es unmöglich, dass sie zusammen glücklich werden könnten. Denn beide Familien waren eher konservativ, was heißt, dass die Ehen von der Familie arrangiert werden. Außerdem glaubte der Mathelehrer, dass er sich eine Heirat nicht leisten könnte, immerhin musste er ja noch seine Schwestern und seine Mutter unterstützen. Aber das Examen seiner Angebeteten rückte näher und damit auch der Zeitpunkt, an dem sie verheiratet werden sollte.

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Mein Rat an ihn: Sprich mit deiner Mutter über dein Dilemma. Gerade weil Ehen eine Familienangelegenheit sind, sollte sie einbezogen werden. Und wer weiß, vielleicht finden Mutter und Sohn gemeinsam eine Lösung. Dieses Gespräch hat er laaaange vor sich her geschoben. Aber als er es dann endlich gewagt hatte, ging alles ganz schnell: Die Familien haben sich getroffen und befunden, dass die beiden jungen Leute doch auch unkonventionell zusammen kommen könnten, also eine Liebesheirat möglich sei. Und in einem Affenzahn wurde die Hochzeit in kleinem Rahmen organisiert. Eigentlich hätte jetzt alles gut sein können, aber da ploppte das nächste Problem auf: Der Mathelehrer war 28 Jahre alt und noch Jungfrau. Und ganz schüchtern fragte er mich, wie er in der Hochzeitsnacht vorgehen, auf was er bei seiner Frau achten solle und wie das nochmal mit der Verhütung ginge….

Ich hoffe nicht, dass es an meinen Erklärungen lag, vielleicht eher an einem porösen Kondom, jedenfalls wurde seine Holde prompt schwanger. Und Shahed war etwas verzweifelt. Wie um alles in der Welt sollte er auch noch ein Kind ernähren und erziehen? Diese erste Panik legte sich aber bald wieder und als der kleine Mann dann auf der Welt war, fand die Familie folgendes Arrangement: Shaheds Frau und sein Sohn lebten bei seiner Mutter auf dem Land. Dort ist das Leben günstiger, die Mutter wurde von seiner Frau mit versorgt und die Frauen teilten sich die Aufgaben rund um den kleinen Mann. Aber für Shahed war es schwer. Er wohnte unter der Woche in der Hauptstadt Dhaka, arbeitete so viel wie möglich und fuhr am Wochenende zu seiner Familie aufs Land. Drei Jahre lang ging das so.

Und jetzt endlich, seit ein paar Wochen, hat die kleine Familie ein gemeinsames Zuhause: Shahed lebt jetzt mit seiner Mutter, seiner jüngeren Schwester, seiner Frau und seinem Sohn in einer Wohnung in Dhaka. Und dorthin hat er mich ganz stolz eingeladen.

2019-11-18 Shahed und ich bearbeitet

Für mich war es ein besonderer Abend. Nicht nur, weil ich mich total für Shahed freue, dass er jetzt ein normales Familienleben haben kann. Sondern auch, weil ich sehen konnte, wie intensiv er die Zeit nutzt, die er mit seinem Sohn verbringt. Der kleine Racker genießt es sichtlich, auf dem Schoß seines Vaters zu sitzen und der wiederum strahlt eine unglaubliche Ruhe, Wärme und ja, auch ein bisschen Autorität aus. Trotzdem weiß der Kleine ganz genau, wie er seinen Papa um den Finger wickeln kann…

Für die drei Frauen war mein Besuch zuerst etwas ungewohnt – ich war wohl die erste Ausländerin, die sie kennengelernt haben. Aber vor allem Shaheds kleine Schwester hat sich schnell getraut, sich zu uns zu setzen und beim Essen sind dann auch seine Frau und Mutter aufgetaut. Wahrscheinlich, weil sie gemerkt haben, dass die ‚Fremde‘ zwar in Englisch, aber trotzdem ohne Scheu drauf los plappert und außerdem das leckere Essen sichtlich genießt 😉 Besonders gefreut haben mich dann die Abschiedsworte, die Shaheds Frau Rabeya und seine Schwester unisono und von Herzen von sich gaben: „Please come back soon!“

 

Mandatory helmet – the bangla style

Diesmal hat’s mich nach Kurigram verschlagen, das ist ganz im Norden von Bangladesch. Auch hier kommt man nur mit dem Motorrad in die abgelegenen Ortschaften auf den Schwemmlandinseln – für mich kein Problem, ich find Motorradfahren eh gut…solang ich nicht selbst fahren muss.

Bisher sah das dann so aus: Mein Team aus Fotograf, Dolmetscher und Projektverantwortlichem wurde jeweils hinten auf ein Motorrad verfrachtet, der Fahrer hatte einen Helm, wir Beifahrer nicht. Das war so üblich und da man in Bangladesch in dieser Gegend eh nicht schnell fahren kann, weil die Straßen zu schlecht, die Wege zu schmal oder zu sandig sind, war das für mich nie ein Problem. (Für meine ‚Daheimgebliebenen‘ allerdings schon…)

Foto Zakir

Foto: Zakir Hossain

Diesmal allerdings wurde mir gesagt, dass ich auch einen Helm tragen müsse, weil es jetzt ein Gesetz für Helmpflicht in Bangladesch gäbe. Und tatsächlich tragen alle Motorradfahrer, Lenker wie Hinterbänkler, einen Helm.

Alle, bis auf die Beifahrer unserer Polizeieskorten!

An jedem Tag und bei jedem Eskortenteam dasselbe: Immer hat der Fahrer einen Helm, der Beifahrer nicht. Klar, dass ich mich frage, wie um alles in der Welt die Polizei ein Gesetz umsetzen will, wenn sie selbst sich nicht daran hält?

Bei den gemeinsamen Mittagessen spreche ich deshalb jedes unserer Begleitteams so blond-naiv wie möglich darauf an. Ich hätte gehörte, dass es jetzt eine Helmpflicht in Bangladesch gäbe, ob das denn stimme? Das erste Team antwortet kurz und bestimmt mit ‚Ja‘ und verstummt, sobald ich nachfrage, warum dann der Beifahrer keinen Helm habe. Das zweite Team antwortet mit einem verlegenen Lächeln und eilt dann zum Ausgang. Und erst beim dritten Team bekomme ich eine einleuchtende Erklärung:

Die Motorräder, auf denen die Polizisten unterwegs sind, sind Privatmaschinen, also keine Einsatzfahrzeuge der Polizei. Der Besitzer, der gleichzeitig Fahrer ist, hat deshalb natürlich einen Helm. Der Beifahrer aber deshalb nicht, weil er den selbst finanzieren müsste. Und das von dem ohnehin oft nicht üppigen Gehalt.

Wie sie denn ein Gesetz durchsetzen wollten, an dass sie sich selbst nicht halten, hab ich dann noch gefragt. Der ältere Polizist faselt was von einer Übergangsfrist, die noch bis Dezember gelte, erst dann sei das Gesetz verpflichtend für alle… (das Wort ‚Zivilisten‘ hat er sich dabei gerade noch verkniffen). Und der jüngere Polizist blafft von hinten noch eine andere Erklärung, die ich allerdings nicht verstehe und mir übersetzen lassen muss: „Wir haben unsere Methoden, wie wir Gesetze umsetzen, dafür braucht’s keinen Helm“

Meeting with a jinn!?

Meine Gastfamilie ist in heller Aufregung als ich heimkomme. Alle reden durcheinander, wirken verängstigt und die jüngste Schwester meiner Freundin hat rotgeweinte Augen. Was denn los sei, frage ich. Schwer zu erklären, meint der Herr des Hauses. Sein Blick weicht mir aus. So hab ich ihn noch nie erlebt, normalerweise gibt er sich weltmännisch, offen, vielseitig interessiert und wirkt immer auch ein bisschen spöttisch. Heute aber wirkt er…ohnmächtig.

Nach und nach bekomme ich raus, was eigentlich vorgefallen ist: Es war Spätnachmittag. Die jüngste Schwester (Anfang 20) war mit der kleinen Tochter (3 Jahre) meiner Gastgeber allein in der Wohnung, beide im Schlafzimmer beim Mittagschlaf. Plötzlich kamen aus dem Wohnzimmer Geräusche. Etwas rollte über den Boden. Dann…Geräusche von Tieren, bellen, miauen und seltsame Stimmen. Die junge Frau schreckt aus dem Schlaf. Voller Angst lauscht sie den Geräuschen aus dem Nebenraum. Sie ruft leise den Namen ihrer Schwester, weil sie glaubt, sie sei vielleicht schon nach Hause gekommen. Keine Antwort. Nur wieder Geräusche. Es hörte sich nicht menschlich an, sagt die junge Frau später. Sie habe sich nicht getraut, ins Wohnzimmer zu gehen und nachzusehen. Denn plötzlich sei ihr klar gewesen: Das muss ein Dschinn sein! Deshalb kroch sie unter die Decke und rief völlig panisch ihre Verwandten an, die ein paar Häuser in derselben Straßen wohnen. Dort, unter der Decke fanden sie dann der Bruder und die Tanten.

Ich bin baff über diese Geschichte. Ein Dschinn? Was genau meinen meine Freunde damit? Ist das ein Dämon? Oder ein böser Geist? Meine Freundin wiegt den Kopf auf Bangla Art. So genau wisse sie das auch nicht, wohl eher ein Dämon, meint sie fahrig. Auf jeden Fall nicht ein Schatten eines verstorbenen Menschen, das seien dann Geister und die gäbe es ja nicht.  Aber, werfe ich ein, könnte es nicht auch noch eine andere Erklärung für die Geräusche geben? Vielleicht sind ja Vögel über die offene Balkontüren ins Zimmer gekommen,  ich habe schon öfter beobachtet wie diese kleinen neugierigen Piepmätze an allem rumpicken, was auf dem Boden rumliegt. Mein Gastgeber schaut mich erstaunt an, überlegt kurz und schüttelt dann den Kopf. Nein, die Vögel seinen zu schwach um solche Geräusche zu machen, außerdem hätte seine Schwägerin ja auch Stimmen gehört. Und wenn eine Katze im Zimmer war? Und mit der Tatze auf das Spielzeug-Keyboard getreten ist, das ja verschiedene Tiergeräusche und auch kurze Sätze programmiert hat? Aber ich dringe gar nicht mehr durch. Alle sind fest überzeugt, dass ein Dschinn in der Wohnung war. Ich wende mich nochmal an meinen Gastgeber. Immerhin kenne ich ihn als bekennender Freigeist und großen Skeptiker. Ob er wirklich an Dschinns glaube, frage ich. Ja, DIE gäbe es wirklich. Immerhin seien die im Koran erwähnt.

Nachtrag: In Wikipedia findet man unter dem Stichwort Dschinn folgenden Eintrag:

Ein Dschinn ist in der islamischen Vorstellung ein übersinnliches Wesen, das aus rauchlosem Feuer erschaffen ist, über Verstand verfügt und neben den Menschen und den Engeln mit anderen Dschinn die Welt als Geistwesen bevölkert. Nur in Ausnahmesituationen werden Dschinn den Menschen sichtbar. Die den Menschen rechtleitenden Dschinn gelangten aus altarabisch-vorislamischen in islamische Glaubensvorstellungen und werden mehrfach im Koran erwähnt. Mit dem Islam verbreitete sich der Glaube an Dschinn über den arabisch-orientalischen Kulturraum hinaus.

(…) Im Koran werden Dschinn häufig erwähnt. Ihnen ist eine eigene Sure gewidmet (Sure 72). Ausdrücklich gilt die Verkündung des Propheten Mohammed nicht nur für die Menschen, sondern genauso auch für die Dschinn. (…) Wie die Menschen sollen die Dschinn „dazu geschaffen sein, Gott zu dienen“. Darüber hinaus gibt es gläubige und ungläubige Dschinn, wobei die ungläubigen Dschinn in die Hölle kommen sollen. Zu Zeiten des Propheten stellten einige Dschinn bei einer Versammlung fest, dass sie die Engel nicht mehr sprechen hörten. Sie zogen los, um den Grund dafür herauszufinden. Sie fanden Mohammed, als dieser den Koran las. Dies geschah eben, weil der Prophet für Dschinn ebenso wie für die Menschen den Koran offenbarte. Diese Dschinn konvertierten zum Islam, da sie nun alles erfahren hatten, was sie wissen mussten.

A special woman

Sie hat mich vom allerersten Moment an beeindruckt. Obwohl alles erstmal mit einem Missverständnis begann…

Im November 2015 besuchten wir ein Dorf im Distrikt Gaibandha: Char Charita Bari. Das ‚Char‘ im Namen deutet schon darauf hin, dass dieser Ort auf Sand gebaut ist, genauer gesagt auf Schwemmland. Und genau das ist das Problem in dieser Gegend. Denn die Chars liegen zwischen den Flüssen Brahmaputra und Tista und sind fast jedes Jahr überschwemmt. Und weil der Boden so instabil ist, wird das Schwemmland oft einfach weggespült. Hier zu leben ist gefährlich. Deshalb wohnen auf diesen Chars eigentlich nur arme Menschen, die sich kein anderes Land leisten können. CharDas Dorf Char Charita Bari war ausgewählt worden, ein Pilotprojekt zu werden – das komplette Dorf samt einiger Felder sollte erhöht werden (siehe: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ ). Jedenfalls wurden wir zwar von allen Dorfbewohnern herzlich begrüßt, es war aber eine Frau, die als Repräsentantin für das Dorf gesprochen hat. Deshalb dachte ich damals, diese Frau, Laily, sei eine Art Ortsvorsteherin. Was für Bangladesch ziemlich ungewöhnlich ist, weil normalerweise Männer solche wichtigen Positionen einnehmen, der Älteste zum Beispiel oder der Reichste im Dorf.

Laily machte ihre Sache sehr gut, schilderte die Situation anschaulich, war dabei aber nicht zu ausschweifend, betonte das die Dorfbewohner alle zusammen was verändern wollten, wies aber auch auf Schwierigkeiten hin. Irgendwann kniete ich quasi vor ihr, weil ich ihre Aussagen ja mit dem Mikro einfangen musste. Obwohl sie nur indirekt, also über den Übersetzer, mit mir sprechen konnte, blickte sie mich dabei direkt an. Ich war beeindruckt, wieviel Wärme, Begeisterung und Intelligenz in diesem Blick lagen. Ich registrierte aber auch, dass die umstehenden Dorfbewohner immer wieder zustimmend nickten bei Lailys Ausführungen. Deshalb war ich während der ganzen Beratungen sicher, diese Frau ist ein angesehenes Mitglied der Dorfgemeinschaft ist. Aber das stimmt gar nicht!

Herausgefunden hab ich das aber erst bei meinem nächsten Besuch im Januar 2017 (https://yvonnekoch.wordpress.com/2017/01/26/after-the-big-flood-char-charita-bari/ ). Das Dorf war da schon erhöht, hatte die ersten starken Überschwemmungen unbeschadet überstanden und war eine Art Modell-Projekt geworden. Für mich war es ein bisschen wie ‚heimkommen‘, weil ich zu diesem Dorf einen besonderen Bezug habe. Es war schön, bekannte Gesichter wiederzusehen, die Vertrautheit der Dorfbewohner zu spüren und ihren Stolz auf das Geleistete. Aber irgendwas fehlte… Laily!

Die kam erst, als wir eigentlich schon aufbrechen wollten. Freudestrahlend kam sie auf mich zu, umarmte mich herzlich – und ich hatte sofort das Gefühl von Vertrautheit. Ich müsse unbedingt mit in ihr Haus kommen, darauf bestand sie. Ein kurzer Blick zu meinen Begleitern. Ja, eine Kurzvisite sei drin….

Ich war ziemlich irritiert als Laily uns weg vom Dorf führte, unterhalb der erhöhten Ebene von Char Charita Bari. Sie wohnt gar nicht im Dorf – das wurde mir jetzt erst klar. Und als sie mich in ihr Haus führte, ihre Tochter Tee ausschenkte und uns Obst und süßes Gebäck angeboten wurde, genügte ein Blick: Diese Familie gehört nicht zu den Ärmsten! Ich sprach Laily auf meinen Irrtum an, dass ich sie für die Ortsvorsteherin gehalten habe. Sie lachte, strahlte über das ganze Gesicht und betonte immer wieder, wie gut es dem Dorf jetzt gehe: Die Dorfbewohner hätten keinerlei Ernteausfall gehabt, während der gesamten Monsunzeit sei immer genug zu essen da gewesen und als die umliegenden Dörfer überschwemmt wurden, durften sie sogar ihr Vieh in Char Charita Bari unterstellen. Dann zeigt sie mir dunkle Verfärbungen an ihren Möbeln. Die seien vom Wasser, dass hier kniehoch gestanden habe. Leider. Sie schaut mich an – und ich weiß genau, was sie eigentlich sagen will…“mein Haus wurde ja nicht erhöht“ sagt dieser Blick. Nicht vorwurfsvoll. Eher auffordernd. Ich nicke ihr zu. Sie versteht, dass ich verstanden habe. Aber bevor sich ein trimumphierendes Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreiten kann, betone ich, dass die Spendengelder nicht von mir kamen, dass ich nichtmal einer Hilfsorganisation angehöre, sondern nur vermittle und berichte. Auch sie nickt jetzt. Sie hat auch verstanden. Und trotzdem ist ihre Umarmung auch beim Abschied überaus herzlich. Wieder hat mich diese Frau beeindruckt. Mit ihrer Diplomatie, ihrer Chuzpe und ihrem Umgang mit Rückschlägen.

2017 Gaibandha

Im Januar 2018 war ich wieder in Gaibandha unterwegs. Allerdings war ein Besuch in Char Charita Bari nicht eingeplant, das ließ mein Zeitplan nicht zu. Fest stand dafür der Besuch von verschiedenen Dörfern, zu denen wir nur mit dem Motorrad hinkommen konnten. Treffpunkt für die Abfahrt war eine Teestube – perfekte Wahl, weil es an diesem Morgen a…..kalt war, der Nebel hing noch dick über den Feldern. Wir waren alle etwas einsilbig, umklammerten die Teetassen mit beiden Händen, um uns zu wärmen. Plötzlich waren laute Stimmen zu hören. Eine Silhouette stand in der Tür, eine Frau. Mir fiel fast die Tasse aus der Hand – es war Laily!

Laily Char Charita Bari

Sie sei den weiten Weg aus ihrem Dorf gekommen, um mich zu sehen, sagte sie. Was war ich da gerührt, die Umarmung fiel dementsprechend herzlich aus und uns beiden fehlten für einen Moment die Worte.

Meine Begleiter drängten zum Aufbruch. Und ich war hin- und hergerissen. Ich konnte Laily doch jetzt nicht so stehen lassen…. Aber sie nickte zu den Erklärungen meines Teams, verabschiedete sich und steckte mir dabei einen Brief zu. Den habe ein Onkel von ihr ins Englische übersetzt. Er käme von Herzen. Und bevor ich was erwiedern konnte, war sie aus der Tür raus.

Den Brief konnte ich erst viel später lesen, in einer kurzen Pause. Und was soll ich sagen….mir liefen die Tränen herunter dabei. Ich möchte den Inhalt gar nicht wiedergeben…nur soviel: Offenbar hat es sie sehr beeindruckt, dass Jemand sich über Geldspenden hinaus für ihr Dorf und die Dorfbewohner interessiert, Jemand aus dem Westen noch dazu. Es war fast ein Art Liebesbrief, aber nicht schwülstig, eher vertraut, sehr nahe. Und er war lang. Erst zum Ende hin nahm er eine andere Wendung: Laily erzählt da von ihrem Sohn, der im Ausland arbeitet, aber jetzt seinen Job verloren hat. Ob ich nicht eine Arbeit für ihn in Deutschland hätte?

Meine Rührung schlug um. Ich musste grinsen. Die toughe Laily! Engagiert sich mal für das Nachbardorf und mal für den Sohn, jeweils mit vollem Einsatz – eine wahre Löwin. Und eine hartnäckige noch dazu. Denn schon am nächsten Tag seh ich sie wieder. In einem ganz anderen Dorf. Wieder ist sie extra dahin gekommen. Ob ich den Brief gelesen hätte? Als ich ihr versichere, dass er mich sehr ergriffen hat, strahlt sie. Und als ich ihr sage, dass ich trotzdem leider nichts für ihren Sohn tun könne und erkläre warum, wird das Strahlen schwächer, weicht einem verständigen Nicken und wechselt dann in ein verschmitztes Grinsen. Sie habe es halt versuchen müssen, sagt sie. Umarmt mich nochmal und geht winkend davon.