Middle class situation

Wenn es irgend geht, wohn ich bei meinen Reisen in Bangladesch nicht in Hotels, sondern privat, bei Freunden und Bekannten. So bekomme ich unbezahlbare Einblicke in den Alltag von Familien, wie sie miteinander umgehen, was für Bangladeshi wichtig ist und was auch nicht. Meine Gastgeber sind in der Regel nicht reich, sondern kommen aus der sogenannten Mittelschicht.

Mich hat interessiert, was ‚Mittelschicht‘ in Bangladesch eigentlich bedeutet. Und zum Glück hab ich zwei Familienväter gefunden, die mir bei der Einordnung geholfen haben – vor allem, in dem sie sehr offen über ihre finanzielle Situation gesprochen haben.

Faisal, bei dem ich meistens wohne, wenn ich in Dhaka bin, meint, die Mittelschicht definiert sich vor allem über das Einkommen. Ab mindestens 100.000 Taka im Monat gehört man dazu und ab 300.000 Taka zur gehobenen Mittelschicht. Umgerechnet wäre das etwa 1000 bzw. 3000 Euro im Monat. [Kleiner Tipp fürs Umrechnen: Wenn ihr bei den Taka-Beträgen die letzten zwei Nullen weglasst, dann habt ihr ganz grob die Euro-Entsprechung] (Dieses Gespräch fand übrigens Anfang November 2019 statt und gibt den damaligen Stand wieder.)

Er räuspert sich, scheint etwas verlegen. Und meint dann, dass er nach dieser Definition eigentlich gar nicht zur Mittelschicht gehöre. Denn er selbst verdiene etwa 65.000 im Monat, seine Frau bekomme als Grundschullehrerin etwa 20.000. „Ganz ehrlich, ich weiß eigenlich nicht, wie wir damit Monat für Monat über die Runden kommen“, sagt er und lacht übertrieben fröhlich. Die Finanzen sind ein wunder Punkt bei ihm, das weiß ich. Denn seine Frau kommt aus einer ziemlich wohlhabenden Familie, die auch immer wieder was zuschießt, wenn es knapp wird – aber wohl fühlt Faisal sich mit dieser Situation nicht.

Faisal dröselt jetzt seine monatlichen Ausgaben auf: Für die Miete gehen schon mal 23.000 Taka weg, dazu kommen noch etwa 3.000 für Strom und Wasser. Ein fester Prozentsatz von beiden Einkommen geht an die Bank und fließt in eine Art Bausparer ein, ‚deposit pension scheme‘ oder auch ‚fixed deposit‘ nennt sich das. Wenn man da über zwei bis drei Jahre einzahlt, bekommt man 100.000 Taka obendrauf. Faisal meint, er zahle also zwischen 5.000 und 10.000 Taka monatlich an die Bank. Für Essen gibt die Familie etwa 20.000 im Monat aus, dazu kommen noch Arztkosten, Kleidung, Ausgaben für Rickschas, Bus und Bahn…..Er atmet tief durch. Am Ende des Monats sei jedenfalls meistens nix mehr da.

Was Faisal bei seiner Rechnung vergessen hat, sind die Steuern, die er ja auch noch zahlen muss. An die hatte ich selbst bei unserem Gespräch auch nicht gedacht. Und noch was hab ich vergessen: Faisal hat im November 2019 bei einer regionalen Zeitung gearbeitet und war dort für die Kinderseiten zuständig. Seine Frau hat zu der Zeit wie gesagt vormittags als Lehrerin gearbeitet, die 4 jährige Tochter war in der Zeit Zuhause bei der Haushaltshilfe. (Mittlerweile hat sich die Situation der Familie komplett geändert.)

Foto: Shahed Alam Choudhury

Meine andere ‚Quelle‘ ist Shahed, er arbeitet als Mathelehrer an einer Privatschule, ebenfalls in der Hauptstadt Dhaka. In seiner Familie ist er der Alleinversorger und damit für seine Mutter, seine Frau, seine Schwester und den kleinen Sohn. Er erzählt mir, dass in Bangladesch sowieso nur die Menschen Steuer zahlen müssen, die mehr als 250.000 Taka (ca. 2500 Euro) im Jahr verdienen, also knapp 21.000 (ca. 210 Euro) im Monat – von daher zahlen vor allem Frauen oft gar keine Steuern, weil die entweder schlecht bezahlte Jobs haben oder nur halbtags arbeiten.

Foto: Shahed Alam Choudhury

Er selbst hat ein festes Gehalt. Aber auch wenn er an einer Privatschule arbeitet, ist das nicht besonders hoch: gerade mal 55.000 Taka (ca. 550 Euro) sind das im Monat. Allerdings gibt er auch ‚extra classes‘, also sowas wie Zusatzunterricht, der in vielen Schulen nachmittags geboten wird und mit diesem Verdienst kommt er dann auf etwa 80.000 Taka. Davon zahlt er monatlich 1700 Taka Steuern, für Miete, Strom, Gas, Wasser und Wartung gehen 16.000 ab, für Essen gibt seine Familie zwischen 15 und 20.000 im Monat aus. Witzig ist, dass er seinen Sohn quasi als Extra-Posten sieht, für den er bis zu 5.000 Taka ausgibt, ich nehme an, für Kleidung. Für Versicherung und den ‚Bausparer‘ gibt er 22.000 aus, für Arzt und Medikamente bis zu 3.000, besondere Ausgaben hat er auch manchmal, die gibt er mit 3.000 an und dann unterstützt er immer auch noch Verwandte in seinem Heimatdorf mit etwa 3.000 Taka. Wenn ich richtig gerechnet hab, bleiben ihm dann pro Monat etwa 63 Euro übrig. Auch damit kann man keine großen Sprünge machen.

„He must hang“ – Todesstrafe in Bangladesch

Reisen bildet, heißt es. Reisen kann aber auch erschüttern – und zwar das eigene Wertesystem. Bei mir ist das bei meiner dritten Reise nach Bangladesch passiert, im November 2015:

Eigentlich war ich noch ganz voll von den Eindrücken der ersten Etappe. Wir hatten ein Dorf im Norden von Bangaldesch ausgewählt, dass mit deutschen Spendengeldern komplett um mehr als einen Meter erhöht werden sollte. Aber trotzdem kriegte ich eine angespannte Stimmung mit, als ich bei meiner Gastfamilie ankam. Immer wieder fiel ein Wort in den Gesprächen: „Mrittu Dhonda“. Ich fragte nach, was das auf Englisch heißt. Death penalty, war die Antwort. Und dann kam noch die Erklärung für die Aufregung hinterher: Ende November sollte bei zwei Männern die Todesstrafe vollzogen werden. Konkret heißt das, sie werden erhängt.

Ich war geschockt! Todesstrafe….ein absolutes No-Go für mich. Und für mich mit der heutigen Zeit und meinem Demokratie-Verständnis überhaupt nicht vereinbar. Obwohl mir natürlich klar ist, dass es die Todesstrafe in vielen Ländern immer noch gibt…in den USA zum Beispiel. Und in Bangladesch offenbar auch – das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber das erklärt die angespannte Stimmung in meiner Gastfamilie, dachte ich. Bestimmt diskutieren sie gerade, wie man dieses grausame und antiquierte Bestrafungsmittel abschaffen kann….Und eigentlich nur weil ich diesen Gedanken bestätigt kriegen wollte, fragte ich nach, warum dieses Thema die Gemüter so erregt.

„Weil es höchste Zeit wird, dass diese Verbrecher bestraft werden“, ist die Antwort. Mutter, Vater und Sohn sind sich da einig. Ihre Wangen glühen vor Empörung, als sie mir erklären, dass die beiden Männer, Salahuddin Quader Chowdhury und Ali Ahsan Mohammad Mojaheed, im Unabhängigkeitskrieg 1971 schreckliche Gräueltaten verübt hätten, schon längst verurteilt worden wären und es jetzt Zeit sei, dass die Strafe endlich vollzogen würde.

Diese Heftigkeit und auch die Haltung selbst erstaunen mich. Immerhin hab ich meine Gastfamilie bisher als weltoffene, liberale Menschen wahrgenommen, beide Eltern Arbeiten für humanitäre Organisationen. Wie geht das zusammen? Hab ich meine Freunde so falsch eingeschätzt?

Das will ich genauer wissen: Ich schicke Nachrichten an mein Netzwerk, das sich über alle Schichten, verschiedene Landesteile und Altersgruppen erstreckt. An alle geht die gleiche Frage: Wie steht ihr zur Todesstrafe?

Nach und nach tudeln die Antworten ein: ALLE, wirklich ausnahmslos alle sind FÜR die Todesstrafe! Ich bin fassungslos. Wie kann es sein, dass selbst die engagiertesten Streiter für Menschenrechte die Todesstrafe befürworten?

Nach dem ersten Schock frage ich nach. Warum seid ihr für die Todesstrafe? Und nach und nach, Antwort für Antwort, bekomme ich folgendes Bild: Bangladesch ist zwar offiziell eine Demokratie, aber eben keine mit Gewaltenteilung wie bei uns. Und seit der Staatsgründung 1971 gab es schon viele Regierungswechsel, vor allem in den ersten zwanzig Jahren waren die oft blutige Machtübernahmen, Putschs, bei denen schon auch mal der amtierende Premierminister über die Wupper ging. In der Folgezeit wurde bei jedem Regierungswechsel der noch junge Staat nahezu komplett umgekrempelt: Gesetze wurden in kurzer Zeit geändert – im Sinne der neuen Regierung versteht sich. Regierungsstellen wurden neu besetzt – mit Anhängern der aktuell regierenden Partei. UND – und das ist wahrscheinlich essentiell für die Einstellung zur Todesstrafe – Gefangene der alten Regierung wurden entlassen! Menschen, die wehrlose Kinder und Frauen abgeschlachtet haben, ganze Dörfer ausgerottet haben, könnten also wieder auf freiem Fuß sein und damit ihrer Strafe entgehen. Genau diese Vorstellung ist für Bangladeshi unerträglich. Und aus diesem Grund ziehen sie einen deutlichen Schnitt, beziehungsweise eben den Strick, vor.

Versteht mich nicht falsch, ich bin nach wie vor gegen die Todesstrafe. Aber ich kann die Denkweise in Bangladesch durch diese Erklärung besser verstehen.

Vor allem aber hab ich an diesem Beispiel den Wert UNSERER Demokratie besser verstanden. Denn durch die Gewalten-Teilung in Deutschland kann genau diese Willkür bei einem Regierungswechsel nicht passieren. Wenn es eine neue Regierung gibt, bleiben die Gesetze bestehen, die Beamten im Dienst und die Gefangenen trotzdem in Haft. Natürlich hab ich in der Schule die Funktionen von Judikative, Exekutive und Legislative gelernt, aber ich gebe zu, dass das Prinzip der Gewaltenteilung für mich etwas Abstraktes, vor allem aber auch was Selbstverständliches war. Und erst durch die Konfrontation mit Bangladesch und diesem völlig anderen Demokratieverständnis, hab ich meine eigene Verfassung und Gesellschaftsstruktur zu schätzen gelernt.

(Anmerkung: Die Zeichnungen zu diesem Artikel stammen von Ben Koch, 2020)

Bera (part 3) – scenarios of a rikshaw ride

Früh am Morgen oder spät am Abend ist die beste Zeit, die Gegend zu erkunden. Dann ist es nicht mehr so heiß. Und wir gehen nicht zu Fuß, sondern mit einer Rikscha, beschließt die Hausherrin. Eine Rikscha für sechs Personen? Das wird eng, denk ich. Aber da hab ich Nasima mal wieder unterschätzt…. denn sie organisiert eine Rikscha mit Ladefläche, auf der wir alle bequem Platz haben. Mein nächster Gedanke: der arme Riksha-Fahrer….das Gewicht schafft er doch nie. Und wieder lieg ich falsch. Denn Nasima hat den Fahrer unter all den sich anbietenden Männern im Personentransport-Business sorgfältig und nach zwei Kriterien ausgesucht: erstens hat ‚unser‘ Fahrer offensichtlich eine körperliche Behinderung – er humpelt stark, scheint irgendwie schief gewachsen – und außerdem fährt er eine e-Rikscha. Ich frage Nasima, warum sie gerade diesen Fahrer ausgewählt hat. Sie sieht mich an, überlegt kurz, wie sie das für sie Normale in Worte fassen soll und sagt dann: „Er hat es schwerer im Leben als andere. Mir geht es gut. Also kann ich ihn unterstützen.“ So einfach ist das. Und wieder mal habe ich einen Kloß im Hals ob der Herzenswärme dieser Frau.

Es geht los. Wir sind in der für mich optimalen Geschwindigkeit unterwegs, gerade so schnell, dass ich all die netten Szenen am Wegesrand aufnehmen kann: Die Frauen, die am Ufer schon Wäsche waschen. Manche singen, andere klatschen die Stoffe im Takt auf die Steine. Bestimmt ziemlich anstrengend. Aber auf mich wirkt die Szene vor allem harmonisch….

Direkt vor uns schüttet ein Mann einen Sack voll Reis auf die Straße. Aufmerksam beäugt von mehreren Staren, die triumphierend im Baum kreischen. Und kaum ist der Mann weg, beginnt eine Art Futter-Choreographie: Ein Vogel fliegt im eleganten Bogen von links, ein anderer von rechts und wieder ein anderer stürzt sich fast senkrecht auf die ausliegenden Körner. Ein fly-in, die etwas andere Art von fast food.

Mir fallen die zwei Kinder mit der Riesenangel ins Auge. Sie diskutieren laut. Und immer wieder geht ihr Blick zum Kiosk nebenan. Überlegen sie, ob sie einen Fisch gegen eine Süßigkeit tauschen können? Oder ob Puffreis als Köder taugt?

Die Stimmung am frühen Morgen ist unglaublich. Verträumt-romantisch. Wir sind alle still geworden, versuchen diese wunderschöne Atmosphäre und Landschaft in uns aufzunehmen. Und wieder hab ich das Gefühl, dass ich hier auftanken kann, dass nicht nur meine Beine von der Rikscha-Ladefläche baumeln, sondern auch meine Seele….

Huch, Kitsch-Alarm! Aber…ja, manchmal fühlt frau halt kitschig 😉

Stop! Was war das?

Der Rikscha-Fahrer hält an. Es scheint eine Art Tor zu sein. Kolonialstil, würd ich sagen. Aber das Tor steht scheinbar völlig isoliert hier rum. Oder nee, doch nicht. Weiter hinten, verdeckt von Palmen, Bäumen und Büschen lugt ein Bauwerk aus dem Grün…

Ein Palast! Und man kann immer noch erahnen, dass der mal prächtig und hochherrschaftlich war. Leider kann niemand aus meiner Gastfamilie mir sagen, wer hier einmal gewohnt hat.

Aber wozu hab ich ein Netzwerk…. Ich schicke die Bilder an verschiedene Bekannte in Bangladesch. Und habe tatsächlich innerhalb kürzester Zeit mehr Informationen:

Dieser Palast ist einer von insgesamt 13 im Pabna Distrikt. Hier haben Anfang des 20. Jahrhunderts, also bis etwa 1905, die letzten Zamindare gewohnt. Das Wort Zamindar kommt aus dem Persischen und ursprünglich wurden so die Personen genannt, die für den jeweiligen Herrscher einer Region die Steuern eingetrieben haben. Ursprünglich waren Zamindare also Teil des Feudalsystems und zwar sowohl im Mogulreich in Indien als auch später unter den Briten. Allerdings wurde der Begriff auch synonym für Großgrundbesitzer verwendet. Das sogenannte „Zamindar-System“ wurde dann in Indien mit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1947 abgeschafft. Im ehemaligen Ostpakistan, als dem heutigen Bangladesch, existierten die Zamindare weiter, bis 1950. Und offiziell aufgelöst wurde dieses System erst nach der Gründung des Staates Bangladesch 1971. In Pakistan gibt es dieses Zamindar-System wohl immer noch in bestimmten Gegenden.

Dass die Zamindare gerade im Pabna Distrikt und besonders in der Stadt Bera so mächtig wurden, liegt übrigens daran, dass die Stadt durch den Fluss direkt mit Kolkata (Kalkutta) verbunden war. Die erst acht, später 13 Zaminare kamen alle aus drei großen Clans, die das gesamte Gebiet verwalteten. Das war lukrativ, denn die Stadt war sowohl Handels- als auch Gewerbezentrum, jeder wollte sich hier ansiedeln und die Zaminare profitierten von den steigenden Grundstückspreisen.

Ihre Wichtigkeit sollte auch zu sehen sein, deshalb die Prachtbauten. Als das Zamindari-System dann abgeschafft wurde, verloren sieschlagartig an Bedeutung, die Häuser verfielen oder wurden sogar bewusst zerstört. Laut meinen Quellen gibt es heute nur noch ein oder zwei dieser Villen, jeweils in sehr schlechtem Zustand, aber trotzdem leben offenbar noch einige der Familien dort. Die Erinnerung an sie scheint aber jedenfalls am Ort fast vollständig ausgelöscht zu sein….

Bera – the power filling station (english version)

The weeks in Bangladesh are always very tiring, especially when I travel al lot within the country. Because every journey from A to B not only takes an incredibly long time, the streets are also loud, full of potholes and dangerous. Anyway, on my last trip after two weeks of research, I was pretty exhausted. But I had promised to take another trip to Bera in the Pabna district. This is where my host family comes from, and they had invited my long ago to stay at their home there. So, as soon as I’m back from the Rohinga camps, I pack my suitcase again. I have two hours, then my journey continues. This time with the intercity bus, because it is only 150 kilometers from the capital Dhaka to Bera – a journey that would take about one and a half to two hours in Germany – in Bangladesh, it took us almost seven hours …

So you can probably imagine how happy I was when I was finally there – in my room with a private bathroom!

My host family’s house is large … actually there are three houses that together form a small courtyard. Because originally the family had lived in a corrugated iron hut, then built a brick house next to it and the current main house is a spacious concrete building. It is on one floor with 5 large bedrooms, all with separate bathrooms, two kitchens, a huge room that is used as living, dining and office room, an unused room and a veranda. Amazingly, the old corrugated iron hut is still used. Especially for cooking, although there is a super modern kitchen in the main house. „The dishes simply taste better when they are cooked on a clay oven,“ explains my host Nasima. And because they want to prepare a really tasty dinner expecially for me, she spends a lot of time in the dark hut, sometimes her three daughters also help her.

Two chickens run free in the small courtyard formed by the three buildings. Seems to be a special breed, they look rather lean, but strut about on their stilt-like legs, even when we come into the yard. Little Nuha is different: she runs away screaming as soon as she sees the animals. She is really panicky. Sure, in Dhaka she only sees chickens in cages. We try to calm her down, but talking about it doesn’t help. Her uncle wants to show her that the chickens are harmless and feeds them. That doesn’t help neither, Nuha still screams as soon as the animals move. Her aunt Trisha then has the redeeming idea: she claps her hands loudly and hisses at the animals. Immediately, she takes them out. Nuha stops screaming and looks interested. And then she claps her hands and hisses. It works. The chickens run away. And the little lady starts to beam all over her face, which still has a few tears in it.

But the most beautiful thing about the whole house is the roof! Wherever I look: everywhere it is green. There is always a little breeze here and through the large trees a shady spot can be found at any time of the day. No smog, no horns – that’s why I’m on the roof as often as possible: early in the morning when everyone is still asleep and the exotic birds serenade me. In the evening when the sky presents itself like a diva in bright colors. And at night when very curious bats come within a meter and you can even hear sounds from the river every now and then. I notice how here on this concrete roof in a small village in the country, all tension and all stress fall away from me.

My host family comes up here too, at least the women. We drink tea together and I use limestone to draw a hopscotch game on the floor. In theory, the four-year-old Nuha soon graps the rules, but you can tell that the city child has enormous deficits in movement: jumping on one leg doesn’t work at all, and with both at the same time she either jumps out over the lines or even tips over. Still, she thinks it’s funny. It’s obvious, she too can relax at her grandma’s house. Because everyone has time, even listen to her and there are so much interesting things to see.BD 2019-11-15 (1) (9) bearbeitet

Unfortunately I cannot remember all the names of the trees that grow here and in the garden behind the house. Sure, I can recognize a mango tree now, but there are so many fruits in Bangladesh that I’ve never heard of. And some trees also form fruits that are not for eating at all.BD 2019-11-16 (29) (41) bearbeitet

The mahogany tree here, for example. I only know that furniture is made out of it. But I’ve never seen it as a tree. Its fruit is about the size of a mango, but hard, relatively light and somewhat woody. „That’s right,“ says Nisha, “that’s why it is also used for the fire”. And that’s what we do this evening – barbecue-time!

Funny, just this word ‚barbecue‘ triggers a noticeable anticipation in the family, the girls clap their hands and roll over with tips for the marinade. The men are also enthusiastic, drag the big grill to the roof, put a table and more chairs upstairs and spread a large blanket on the floor. But that seems to have been her full contribution, because as soon as the fire is on, Nasima, the lady of the house, takes over the grill. She puts the huge marinated pieces of beef on the grate and tirelessly turns them. Apparently, it is important to her to rotate the pieces of meat in a certain choreography; in any case, she appears concentrated and cannot be distracted by anything. Meanwhile, Nisha rolls out small dough patties that are freshly baked on the side. Her sister opens two glasses. „Pickles“, she calls triumphantly and gets a pleasant „Ahhhhh“ from all sides. I can already try the pickled fruit and vegetable specialty: the vegetables are pickled in hot sauces , the fruit sauce is sweet and hot, very tasty. Ketchup is still on the table, a few alibi cucumber slices are also cut, but that’s it with the bells and whistles, the main attraction is clearly the meat.

And a day later there is another family event: Aysha, the newly married wife of Naser (both on the picture on the right) is celebrating her birthday. And exactly two things are important for this birthday party: a representable cake and the family photos while cutting it. Even the housemaid is allowed to be on the picture, or I should rather say: on the PICTURES. Because every family member has to take a picture of this scene with their own smartphones – of course. This takes a while. Because on these ‚official‘ photos the hair of every woman must be covered. A relatively ernest facial expression also seems to be common for this occasion… only Nisha gets out of line, does nonsense … and so I actually took one of the few photos where everyone smiles and looks a little more relaxed. Then the cake is cut, Aysha feeds everyone a small piece by hand – which of course is always worth a photo – and then something completely unexpected happens: Everyone goes away again! That’s it! No nice get-together, no unwrapping gifts, no dancing, nothing.

I admit that I was a little bit surprised. Although, of course, I have known for a long time that birthdays are of little importance to most Bangladeshi, often not even considered, let alone celebrated. Birthday parties seem to be a rather imported thing from ‚westerners‘, which one likes to copy, especially in the middle class, but only halfheartedly.

****to be continued****

Bera (part 2) – romantic boat trip

Ob ich Lust auf eine Bootstour habe, fragt mich meine Gastfamilie. Aber eigentlich kennen sie mich gut genug, um die Antwort schon zu wissen. Also wandern wir Frauen am Spätnachmittag Richtung Fluss. Die Anlegestelle ist nicht weit vom Haus entfernt, aber auf dem Weg dorthin fallen mir die vielen Zement-Laster auf, die entlang der Uferstraße stehen. Jaaaaaa, dieeeee… die warten auf den Sand, der an vielen Stellen aus dem Fluss gepumpt wird, wird mir gesagt.

BD 2019-11-15 Flussfahrt (174) bearbeitet

An der Anlegestelle selbst wimmelt es vor kleinen und größeren Booten. Manche bringen Leute ans andere Ufer, Fischerboote sind auch darunter, außerdem kleine und große Lastenkähne

Bei den Verhandlungen für den Bootstour halte ich mich bewusst zurück. Trotzdem bin ich leider schon von weitem als Ausländerin erkennbar, mit dem Effekt, dass sofort die Preise hochschnellen. Aber ausgerechnet Trisha, die jüngste Tochter meiner Gastgeberin, die die sonst so lieb und schüchtern wirkt, ausgerechnet sie greift ziemlich resolut in die Verhandlungen ein. Wird lauter, schiebt uns von dem Boot mit dem zu hohen Preis weg, wir werden zurückgerufen und irgendwann stimmt dann das Angebot. Los geht’s…

Dieses sanfte Dahingleiten….die kleinen Begegnungen auf dem Wasser oder Details am Ufer…WUNDERSCHÖN!!! Vor allem diese Fischfang-Konstruktionen begeistern mich jedes Mal:

Und dann kommen wir auch tatsächlich an einem der Boote vorbei, die den Sand aus dem Fluss pumpen und über eine Art ‚Pipeline‘ ans Ufer transportieren.

Wahrscheinlich hätten es sich die Bangladeshi selbst nicht träumen lassen, dass von all den Rohstoffen und Produkten ihres Landes ausgerechnet Sand so ein begehrtes Gut werden wird. Denn weltweit ist Sand rar geworden. Jedenfalls der Sand, der zur Zement- oder auch Glasherstellung genutzt werden kann. Irgendwo hab ich auch mal gelesen, dass Sand sogar in Putzmitteln, in Haarspray oder in Zahnpasta verarbeitet wird und auch unsere Handys brauchen anscheinend die kleinen Körnchen, um zu funktionieren.

Es wird schnell dunkel, höchste Zeit wieder anzulegen. Schade eigentlich. Aber irgendwie schwingt dieses Gefühl der sanften Wellenbewegung noch länger nach…. a warm feeling… schee war’s!

****Fortsetzung folgt****

Bera – the power filling station

Die Wochen in Bangladesch sind jedes Mal sehr anstrengend, vor allem wenn ich viele Ortswechsel habe. Denn jede Fahrt von A nach B dauert nicht nur unglaublich lange, die Straßen sind auch laut, voller Schlaglöcher und gefährlich. Jedenfalls war ich bei meiner letzten Reise nach zwei Wochen Recherchereise ziemlich erledigt. Aber ich hatte versprochen, noch einen weiteren Trip zu machen, nach Bera im Distrikt Pabna nämlich. Dort ist das Stammhaus meiner Gastfamilie, in das sie mich schon lange eingeladen hatten. Also packe ich, kaum dass ich aus den Rohinga camps zurück bin, wieder den Koffer. Mir bleiben zwei Stunden, dann geht’s wieder los. Diesmal mit dem Überlandbus, denn von der Hauptstadt Dhaka nach Bera sind es nur 150 Kilometer – In Deutschland wäre das eine Fahrt von etwa eineinhalb bis zwei Stunden. Wir haben dafür fast sieben Stunden gebraucht…

Von daher könnt Ihr Euch wahrscheinlich vorstellen, wie froh ich war, als ich endlich da war – in meinem Zimmer mit eigenem Bad!

Das Haus meiner Gastfamilie ist groß… eigentlich sind es sogar drei Häuser, die zusammen einen kleinen Innenhof bilden. Denn ursprünglich hatte die Familie in einer Wellblechhütte gelebt, dann daneben ein Backsteinhaus gebaut und das jetzige Haupthaus ist ein großzügiger Betonbau. Der ist einstockig mit 5 großen Schlafzimmern, alle mit seperatem Bad, zwei Küchen, einem  riesigen Raum, der als Wohn-, Ess- und Bürozimmer genutzt wird, einem ungenutzen Raum und einer Veranda. Erstaunlicherweise wird die alte Wellblechhütte immer noch genutzt. Vor allem zum Kochen, obwohl es im Haupthaus eine super-moderne Küche gibt. „Die Gerichte schmecken einfach besser, wenn sie auf einem Lehmofen gekocht werden“, klärt mich Nasima auf. Und weil es für mich besonders gut schmecken soll, verbringt sie gerade viel Zeit in der dunklen Hütte, manchmal helfen ihr ihre drei Töchter auch dabei.

Im kleinen Innenhof, den die drei Gebäude bilden, rennen zwei Hühner frei herum. Scheint eine besondere Rasse zu sein, sie wirken ziemlich mager, stolzieren aber auf ihren langen Stelzen ungerührt herum, selbst als wir in den Hof kommen. Anders die kleine Nuha: Sie rennt schreiend davon, sobald sie die Tiere sieht. Richtig panisch ist sie. Klar, in Dhaka seht sie Hühner immer nur in Käfigen. Wir versuchen sie zu beruhigen, aber alles reden nützt da nichts. Ihr Onkel will ihr zeigen, dass die Hühner nichts tun und füttert sie. Auch das hilft nichts, Nuha schreit immer noch wie am Spieß, sobald die Tiere sich bewegen.  Ihre Tante Trisha hat dann die erlösende Idee: Sie klatscht laut in die Hände und zischt die Tiere an. Sofort nehmen die reißaus. Nuha hört auf zu schreien. Kuckt interessiert. Und dann klatscht auch sie in die Hände und zischt. Es klappt. Die Hühner rennen weg. Und die kleine Lady straht über das ganze Gesicht, in dem immer noch ein paar Tränen kleben.

Aber das schönste am ganzen Haus ist das Dach! Rundherum nur Grün. Hier geht auch immer ein kleines Lüftchen und durch die großen Bäume gibt es zu jeder Tageszeit irgendwo ein schattiges Plätzchen. Kein Smog, kein Gehupe – deshalb bin ich so oft es geht auf dem Dach: Früh morgens, wenn noch alle schlafen und mir die exotischen Vögel ein Ständchen geben. Abends, wenn der Himmel sich wie eine Diva in knalligsten Farben präsentiert. Und nachts, wenn ganz neugierige Fledermäuse bis auf einen Meter herankommen und man sogar ab und zu Geräusche vom Fluss hören kann. Ich merke, wie hier auf diesem Betondach in einem kleinen Dorf auf dem Land, die ganze Anspannung und all der Stress von mir abfällt.

Meine Gastfamilie kommt auch hoch, jedenfalls die Frauen. Wir trinken zusammen Tee  und ich zeichne mit einem Kalkstein ein Himmel-und-Hölle-Hüpfspiel  auf den Boden. Theoretisch hat die vierjährige Nuha zwar bald die Regeln kapiert, aber man merkt dem Stadtkind an, dass es enorme Bewegungsdefizite hat: Auf einem Bein hüpfen klappt gar nicht und auch mit beiden gleichzeitig hüpft sie entweder über die Linien raus oder kippt sogar um. Trotzdem findet sie es lustig. Überhaupt, auch sie ist wie ausgewechselt her bei ihrer Oma. Denn alle haben Zeit, hören ihr sogar zu und es gibt jede Menge Abwechslung.BD 2019-11-15 (1) (9) bearbeitetLeider kann ich mir nicht alle Namen der Bäume merken, die hier und im Garten hinter dem Haus wachsen. Klar, einen Mangobaum erkenn ich jetzt, aber in Bangladesch gibt es so viele Früchte, von denen ich noch nie was gehört habe. Und manche Bäume bilden auch Früchte aus, die gar nicht zum Essen sind.BD 2019-11-16 (29) (41) bearbeitet

Der Mahagonibaum hier zum Beispiel. Ich kenn den ja nur verarbeitet zu Möbeln. Aber als Baum hab ich ihn noch nie gesehen. Seine Frucht ist etwa so groß wie eine Mango, aber hart, relativ leicht und irgendwie holzig. „Stimmt“, meint Nisha, deshalb werde sie auch zum Anfeuern benutzt.

Das tun wir dann auch abends. Barbecue-time!

Witzig, allein dieses Wort ‚barbecue‘ löst in der Familie eine spürbare Vorfreude aus, die Mädels klatschen in die Hände und überschlagen sich mit Tipps für die Marinade. Die Männer sind auch begeistert, schleppen den großen Grill aufs Dach, stellen einen Tisch und noch mehr Stühle nach oben und breiten eine große Decke auf dem Boden aus. Das scheint aber schon ihr ganzer Beitrag gewesen zu sein, denn sobald das Feuer an ist, übernimmt Nasima, die Dame des Hauses, den Grill. Sie legt die riesigen marinierten Rinderstücke auf den Rost und wendet sie unermüdlich. Offenbar ist ihr wichtig, die Fleischstücke in einer bestimmten Choreographie zu drehen, jedenfalls wirkt sie konzentriert, lässt sich durch nichts ablenken. Nisha rollt währenddessen kleine Teigfladen aus, die nebenher frisch aufgebacken werden. Ihre Schwester öffnet zwei Gläser. „Pickles“, ruft sie triumphierend und erntet ein wohliges „Ahhhhh“ von allen Seiten. Ich darf schon mal von den eingelegten Obst- und Gemüse-Spezialität probieren: Das Gemüse ist höllisch scharf eingelegt, das Obst süß-scharf, sehr lecker. Ketchup steht noch auf dem Tisch, ein paar Alibi-Gurkenscheiben sind noch aufgeschnitten, aber das war’s dann schon an Schnickschnack, die Hauptattraktion ist eindeutig das Fleisch.

Und einen Tag später gibt es noch ein Family-Event: Aysha, die frisch angeheiratete Frau von Naser (auf dem Bild stehen beide rechts) hat Geburtstag. Und für diese Geburtstagsfeier sind genau zwei Dinge wichtig: Eine representable Torte und die Familienfots beim Anschneiden. Sogar das Hausmädchen darf mit aufs Bild, ach was sag ich, auf die BILDER. Denn natürlich muss die Szene von jedem einzelnen Familienmitglied auf dem jeweils eigenen Handy festgehalten werden. Das dauert. Denn auf diesen ‚offiziellen‘ Fotos müssen offenbar die Haare jeder Frau bedeckt sein. Auch ein relativ gewichtiger Gesichtsausdruck scheint Usus…nur Nisha fällt mal wieder aus dem Rahmen, macht Quatsch… und so hab ich tatsächlich eines der wenigen Fotos geknipst, auf dem alle lächeln und etwas lockerer wirken. Dann wird die Torte angeschnitten, Aysha füttert jeden per Hand mit einem kleinen Stück – was natürlich auch jedes Mal ein Foto wert ist- und dann passiert etwas völlig Unerwartetes: Alle gehen wieder weg! Das war’s! Kein nettes Beisammensitzen, kein Geschenke-Auspacken, kein Tanz, nix.

Ich gebe zu, das hat mich dann doch etwas erstaunt. Obwohl ich natürlich längst weiß, dass Geburtstage bei den meisten Bangladeshi keine große Bedeutung haben, ja oft gar nicht beachtet, geschweige denn gefeiert werden. Geburtstagsfeiern scheinen eine eher importierte Sache von ‚Westlern‘ zu sein, die man zwar vor allem in der Mittelschicht gern kopiert, aber eben nur halbherzig.

****Fortsetzung folgt****

Kannenmacher-Gasse 2 – Impressionen

Die Gasse liegt auf dem Weg zum Hafen. Kein Schild, kein Bild, nichts deutet darauf hin, dass hier die billigen Haushaltswaren des Alltags hergestellt werden. Dabei breitet sich die Kannenmacher-Zunft eigentlich sogar auf mehr als nur eine Gasse aus…unzählige kleine Wege gehen ab, Hinterhöfe und offenbar wohnen viele Arbeiter auch direkt hinter, neben oder über ihrem Arbeitsplatz. Hier wird gewerkelt, gegessen, gestritten und geliebt. Alles immer öffentlich und direkt auf der Straße – okay, bis auf Letzteres, bei allem was Berührung zwischen den Geschlechtern in der Öffentlichkeit angeht sind Bangladeshi ja seeeehr zurückhaltend, fast schon prüde.

Auf jeden Fall wollt ich Euch noch einen Eindruck von diesem Alltag in der Gasse vermitteln. Und lass mal die Bilder für sich sprechen 😉

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Die Kannenmacher-Gasse

Reisen in Bangladesch – das heißt für mich sehr oft auch reisen in die Geschichte. Allerdings im übertragenen Sinn.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Kannenmacher-Gasse: Hunderte von Menschen arbeiten hier zusammen, um Alu-Töpfe, -Krüge und -Pfannen herzustellen. Jeder ist spezialisiert auf genau einen Arbeitsschritt, das meiste ist Handarbeit, körperlich oft sehr anstrengend. Und um eine Wasserkanne herzustellen braucht es nicht nur viel Zeit, sondern mindestens sieben verschiedene Arbeitsschritte und Menschen. Das fertige Produkt ist zwar auch Massenware, aber trotzdem ist jede Kanne ein kleines bisschen verschieden.

Genau so sind früher auch in Europa, in Deutschland, Gebrauchsgegenstände entstanden. Vor der industriellen Revolution, also bevor Maschinen die meisten Arbeitsschritte übernommen haben und zum Beispiel Kannen damit schneller, effektiver und qualitativ einheitlicher gefertigt werden konnten.

Aber heutzutage gibt’s diese Maschinen ja. Bestimmt auch in Bangladesch.  Warum also schuften sich hunderte von Menschen tagtäglich mit dieser ‚Handarbeit‘ ab?

Ich lass diese Frage jetzt mal so stehen. Vielleicht findet ihr selbst die Antwort. Und jetzt zeig ich Euch einfach mal die Arbeitsschritte 😉

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich den ersten Arbeitsschritt gefunden habe, weil die einzelnen Gewerke in der Kannenmachergasse völlig durcheinander angeordnet sind – jedenfalls konnte ich die innere Logik nicht erkennen…

Die Barren links sind jedenfalls der Rohstoff, aus dem später die Alu-Produkte entstehen. Ich nehme an, das ist nicht mehr der ursprüngliche Bauxit-Stoff, sondern schon verhüttetes Aluminium. Und wahrscheinlich kommt es aus Indien oder China, wo es meines Wissens große Bauxit-Vorkommen gibt. Diese Barren werden dann – Bilder rechts – eingeschmolzen. Ihr könnt Euch wahrscheinlich vorstellen wie heiß und stickig es in dieser ‚Guß-Barracke‘ ist…außerdem ist es ziemlich dunkel darin, was auf den Bildern nicht so rauskommt.

Der Herr in hellblauem Lungi (Wickelrock) ist der Meister der Esse. Er schöpft mit einer Riesenkelle das geschmolzene Alu und füllt es in die Gußformen. Ich hab erst beim näheren Hinsehen gemerkt, dass diese Gußformen im Prinzip nur zusammengelegte Winkel sind. Das seht ihr ganz gut im Bild unten links. Die Aufgabe der drei Männer hinter den Formen ist es, diese Winkel beim Eingießen mit Stäbchen zusammenzuhalten und zu entfernen, sobald die Aluplatten erkaltet sind. Und die gehen dann in die größere Werkstatt nebenan.

Hier werden die Platten erst gewalzt, dann von dem Jungen oben links mit einer überdimensionalen Schere in handlichere Bleche geschnitten. Die kommen zum jungen Mann im Bild drunter, der sie in eine Maschine einspannt und damit runde Rohlinge ausschneidet. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube bis hierhin ist noch nicht sicher, ob aus den Rohlingen Deckel, Kannen oder Töpfe werden. Auf jeden Fall gibt’s offenbar auch für die Rohlinge  eine Art Qualitätskontrolle (siehe letztes Bild).

So, für den nächsten Arbeitsschritt musste ich erst ein bisschen suchen, bis ich die Weiterverarbeitung gefunden habe. Jedenfalls entscheidet sich jetzt, was aus den Rohlingen wird. In meinem Beispiel: eine Kanne. Der Junge in Jeans macht die Vorarbeit. Er legt das Rundblech auf einen zylinderförmigen Block und klopft es dann solange, bis eine Art Blumentopf daraus wird – ihr seht das Resultat im vierten Bild. Und das kommt dann in die Drehmaschine. Im Prinzip wird der Blumentopf dort über eine Form gestülpt und die Männer drücken mit langen und kurzen Stangen das rotierende Blech in die Kannenform. Das hört sich leicht an, scheint aber harte Arbeit zu sein, jedenfalls stemmen sich die Männer dabei mit dem ganzen Körper auf die meiselähnlichen Stangen. Es rinnt der Schweiß, der Raum selbst ist ziemlich duster und es riecht nach Metall und Staub. Harte Arbeitsbedingungen. Aber trotzdem präsentieren mir die Männer  das frischpolierte Resultat ihrer Arbeit voller Stolz (großes Foto Mitte rechts)

Hier noch ein paar Impressionen von anderen Produktions-Barracken. Ihr seht: Egal ob Deckel oder Töpfe hergestellt, die letzten Dellen rausgeklopft oder Griffe mit einer hitzebeständigen Farbe bestrichen werden, die Arbeiten sind monoton, anstrengend und zum Teil auch gesundheitsschädlich.

Aber machen wir weiter, nächster Schritt:

Alle Töpfe, Pfannen und Kannen werden vor der Auslieferung nochmal ausgewaschen, von Hand. Und dann entweder einfach auf der Straße oder aber auf den Dächern zum Trocknen ausgelegt. Diese Arbeit machen meistens Kinder.

Ganz wichtig in dieser Straße ist der Transport von A nach B. Ich habe in den Gassen der Kannenmacher nicht ein einziges Auto gesehen, keinen Laster oder Transporter. Alles wird entweder einfach auf die Schultern gehievt oder mit Karren und Lastenfahrrädern befördert. Das meiste dieser Haushaltswaren geht in große Zwischenlager oder direkt an die Geschäfte. Und manche werden auch direkt in der Gasse verkauft.

Ich hab eben nochmal bei meinen Freunden in Bangladesch nachgefragt, wieviel eigentlich so ein Topf oder eine Kanne dann letztendlich kosten. Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede und es kommt auch auf die Größe an, aber so ein Topf kostet in der Regel um die 200 Taka. So und jetzt haltet euch fest: Das sind umgerechnet weniger als 2 Euro!

***Fortsetzung folgt****

Abwracker (Teil 2) – vom Umschiffen der Regeln

Ich bin ja sonst ein großer Fan von Recycling. Aber wenn Menschen ihre Gesundheit und sogar ihr Leben riskieren müssen, um an die Altmetalle und Innenausstattung von ausgedienten Schiffen zu kommen, dann kann da was nicht stimmen.

Deshalb hab ich die Hilfsorganisation ’ship breaking platform‘ kontaktiert, die sich seit Jahren für sauberes und sicheres Abwracken ohne Kinderarbeit einsetzt. Die NGO selbst hat ihren Stammsitz in Brüssel – strategisch sinnvoll, weil sie dort quasi direkt am Knoten der europäischen Entscheidungen politisch arbeiten können. Aber sie sind auch weltweit aktiv und mittlerweile die größten organisierten Streiter für ein faires Abwrackgeschäft. Mit dem Pressesprecher der Organisation, Nicola Mulinaris, hab ich eine Art virtuelles Interview gemacht, hab ihm Fragen geschickt, die er mir als Audio beantwortet hat:

Frage: Dürfen europäische Reedereien eigentlich ihre alten Schiffe, also Container-, Kreuzfahrtschiffe oder Tanker, abwracken lassen wo sie wollen? Oder gibt es dafür gesetzliche Regelungen?

Nicola Mulinaris: Es gibt definitiv Gesetze, die das Recycling für ausgediente Schiffe regeln. Deshalb können europäische Reedereien eigentlich diese schwimmenden Riesengebilde, die voller gefährlicher Substanzen sind, nicht einfach hinbringen, wohin sie wollen. In den internationalen und auch die europäischen Standards gibt es verschiedene Auflagen und Regeln, die den Export von giftigen, alten Schiffen zum Beispiel nach Indien, Bangladesch und Pakistan explizit regulieren oder sogar verbieten. Weil die Schiffe dort direkt am Strand unter sehr unsauberen und gefährlichen Bedingungen auseinandergenommen werden.

Frage: Es gibt ja die Möglichkeit, Schiffe so zu zerlegen, dass weder Arbeiter noch die Umwelt gefährdet werden. Beim Recyclen in Trockendocks können alle gesetzlichen Auflagen und Sicherheitsvorschriften bestmöglichst eingehalten werden. Solche Werften gibt es auch in Europa, zum Beispiel in der Türkei. Warum lassen die Reedereien nicht dort Abwracken?

Nicola Mulinaris: Reedereien beklagen oft, dass es so teuer sei, alte Schiffe auf saubere und sichere Art abzuwracken. Das stimmt aber nicht. Es ist halt weniger profitabel. Denn natürlich gibt es Unterschiede in den Preisen, die die Werften weltweit den Schiffsbesitzern für das Abwracken bieten können: Abwrackhäfen an den Stränden von Süd-Asien zahlen etwa 400 Dollar pro Tonne. Während andere Häfen, wie zum Beispiel die in der Türkei oder den USA, gerade mal zwischen 100 und 250 Dollar pro Tonne bieten können. Je größer also ein Schiff ist, desto größer ist der Unterschied zwischen sauberem, sicherem Recyclen und umweltbelastendem, gefährlichem Abwracken. Leider entscheiden sich die meisten Schiffsgesellschaften immer noch für die Höchstpreis-Lösungen und immer noch für die schlechtesten Werften in Indien, Pakistan und Bangladesch – da können sie einfach am meisten Geld verdienen.

Frage: Wenn man das also zum Beispiel für einen Hochseetanker mit etwa 400.000 Tonnen hochrechnet, dann hieße das: 40 Millionen in Europa oder 160 Millionen in Bangladesch. Für das gleiche Schiff! Wie lang dauert es eigentlich, bis so ein Tanker in Bangladesch komplett zerlegt ist? Und wieviel Arbeiter braucht es dafür?

Nicola Mulinaris: Es kommt natürlich auf den Schiffstyp und die Größe an. Im Schnitt dauert das Zerlegen eines großen Handelsschiffs drei oder vier Monate und da sind dann hunderte von Arbeitern involviert.

Abwrackhafen Chittagong Foto Jürg Vifian (10)

Fotos: Jürg Vifian

Frage: Ihr Organisation setzt sich für die Rechte von Abwrackern ein. Weltweit. Wie sieht es denn mit den Arbeitsbedingungen für die Arbeiter in Bangladesch aus?

Nicola Mulinaris: Wenn wir über das Abwracken reden, dann reden wir laut den internationalen Arbeiterorganisationen über einen der gefährlichsten Jobs der Welt. Die Arbeitsbedingungen am Strand von Chittagong in Bangladesch sind gelinde gesagt entsetzlich. Arbeiter, und das schließt auch Kinder mit ein, sind täglich erheblichen Risiken ausgesetzt. Wir haben ja unsere Partner vor Ort und kennen daher die Situation in den Werften: Dass Arbeiter oft gravierende Verletzungen erleiden oder sogar sterben, weil zum Beispiel Feuer ausbricht, etwas explodiert oder ein massiver Eisenblock runter fällt. Oder weil sie giftigen Rauch und Gase einatmen, die beim Zerlegen entstehen. Man muss wissen, dass diese Schiffe giftige Stoffe in ihren Konstruktionen haben, zum Beispiel Asbest, Quecksilber, Blei, Kupfer, PCB oder hochtoxische Zinnverbindungen. Das kann alles extrem, extremst gefährlich für die Gesundheit der Arbeiter sein, wenn damit nicht richtig umgegangen wird und es nicht sorgfältig entfernt wird.

Frage: Und wie sieht es mit der Ausrüstung der Abwracker aus? Die Arbeiter, die ich interviewt habe berichten, dass sich da einiges getan hat in den letzten Jahren.

Nicola Mulinaris: Die meisten Besitzer von Abwrackhäfen stellen ihren Arbeitern nicht mal die grundlegendste Sicherheitsausrüstung zur Verfügung, also ich spreche jetzt von Helmen, Kleidung, Stiefeln, Schutzmasken. Die meisten Arbeiter werden gezwungen, mit tragbaren Lötlampen und bloßen Händen auf die Schiffe zu klettern, nur mit Käppis, Schals und Flipflops ausgerüstet. Manchmal haben sie nicht mal das. Die Sicherheit ist schon deshalb kaum zu garantieren, weil die Arbeiten während der Ebbe im Schlamm stattfinden. Der Strand dort hat zweimal am Tag Ebbe und Flut, ist instabil und ist deshalb wirklich kein guter Standort, um dort Schwerindustrie rund um das Abwracken zu betreiben. Ein anderer Aspekt ist das Fehlen von richtigen Einrichtungen in der Nähe der Werften, wo verletzte Arbeiter hingebracht werden können. Es gibt kein einziges Krankenhaus in der Nähe der Strände in Chittagong. In den letzten Jahren sind viele Arbeiter beim Transport zum nächsten Krankenhaus gestorben, weil das Kilometer entfernt in der Stadt und nur über eine staubige, ständig überfüllte Straße voller Schlaglöcher zu erreichen ist.

Frage: Ein bengalischer Aktivist, der sich für die Belange von Abwrackern einsetzt, hat mir gesagt, dass manche Unternehmen oder Subunternehmen versuchen, Unfälle und Tode geheimzuhalten, diese zu vertuschen. Manchmal auch nur, damit zum Beispiel die Arbeitsabläufe nicht gestört werden und es keinen Zeitverzug gibt. Und natürlich auch, damit die Zustände auf den Werften nicht publik werden. 

Nicola Mulinaris: Mich wundert das ehrlich gesagt nicht, was dieser Aktivist erzählt. Nicht nur die Besitzer von Abwrackhäfen, auch Reedereien und die örtlichen Behörden tun alles dafür, ihre beschämenden Praktiken zu vertuschen.

Frage: Das scheinen fast schon mafiöse Strukturen zu sein. Aber hat sich denn an den Zuständen so gar nichts verändert? Also bei der Bezahlung, der Versorgung oder den Todesraten? Gibt es keinerlei Gesetze oder Auflagen, die die Abwrackerei regeln?

Nicola Mulinaris: Es gab schon immer Gesetze, die diesen neuen, giftigen Kolonialismus regeln. Und es gibt auch ständig neue gesetzliche Auflagen. Die können aber leider ziemlich leicht von den meisten Interessengruppen im Abwrackgeschäft einfach umgangen werden, also von den Reedereien, den Abwrackunternehmen, von Zwischen- und Schrotthändler und von den Maklern. Ich würde sagen, wenn sich etwas ändern soll, muss der Anstoß von nationalen Behörden kommen. Umweltbehörden, vor allem in Europa, fordern jetzt endlich vehement die längst bestehenden Umweltrichtlinien ein und machen Reedereien für ihre ungesetzlichen Handlungen verantwortlich, also für illegale Exporte und das Verfrachten von gefährlichem Müll in ärmere Länder. Ein anderer Anstoß für Veränderung kommt von Banken oder Pensionskassen, die mit den Reedereien im Gespräch sind und diese auch zwingen, oder sagen wir ‚einladen‘, ihre Praktiken zu verbessern.

Wir selbst, also die NGO ship breaking platform, sorgen zum Beispiel dafür, dass verletzte Arbeiter oder Angehörige von Verstorbenen rechtliche Unterstützung bekommen, damit sie Entschädigungen von den Abwrackhafen-Besitzern kriegen. Und dann gibt es auch immer öfter ausländische, unabhängige Anwaltskanzleien, die sich für dieses Thema interessieren und verletzte Arbeiter oder Angehörige von Verstorbenen vertreten, um für die Entschädigungn zu erstreiten. Aber nicht von den Abwrackhafen-Chefs in Bangladesch, sondern direkt von den europäischen Reedereien, weil die ja zuerst mal giftige Schiffe an nicht geeignete Anlagen an den Ufern von Südasien verkauft haben.

Frage: Der Druck sollte also am besten von allen Seiten und auf alle Gewerke in der Abwrackindustrie kommen. Dafür sind natürlich konkrete und belastbare Zahlen und Informationen immer sehr hilfreich. Hat ihre Organisation denn einen Überblick über Verletzten- und Todeszahlen in den Abwrackhäfen von Bangladesch?

Nicola Mulinaris: Wir sammeln tatsächlich Daten über Unfälle die in den Werften in Südasien passieren. Das ist allerdings keine leichte Aufgabe, erstmal, weil es keine Transparenz in der Industrie gibt. Und auch, weil es für Vertreter von NGOs oder Gewerkschaften sehr gefährlich geworden ist, in den Abwrackhäfen von Indien, Pakistan und Bangladesch zu arbeiten. Was die Zahlen für Unfälle in Bangladesch betrifft stellen wir aber fest, dass die Situation immer noch inakzeptabel ist. Ich meine, allein im Jahr 2019 sind 24 Arbeiter verstorben, das war die höchste Todesrate seit 2009.

Frage: Wir haben jetzt vor allem über die katastrophale Arbeitssituation der Arbeiter gesprochen. Gibt es denn noch andere negative Aspekte der Abwrackindustrie in Bangladesch?

Nicola Mulinaris: Das Abwracken hat nicht nur diese menschliche Seite, sondern auch einen Umweltaspekt: Beim Zerlegen von Schiffen werden enorme Mengen an giftigen Substanzen in die Luft, den Ozean und in den Sand freigesetzt. Und die haben nicht nur Einfluss auf die physikalischen Eigenschaften eines Ökosystems, sondern auch auf den Lebensraum der umliegenden Bewohner. Zum Beispiel auf die Fischer in der Umgebung, die von den natürlichen Ressourcen wie den Fischen rund um die Werften abhängen. Und dann muss man sich auch dran erinnern, dass in Bangladesch in den letzten 10 Jahren mindestens 6000 Mangroven-Bäume abgeholzt wurden, um Platz für neue Abwrackhäfen zu schaffen. Mangroven-Wälder, die wichtig und sogar entscheidend sind, um die Dorfbewohner vor Überflutungen während der Regenzeit zu schützen.

***BONUS***

Hier ist noch ein kleines Video, das die NGO ship breaking platform zusammen mit National Geographic gemacht hat

https://video.nationalgeographic.com/video/magazine/00000145-51bb-dcd9-a547-d1bf9b7f0000

Abwracker – einer der gefährlichsten Jobs der Welt

Die Abwrackhäfen von Chittagong – bisher hab ich sie nur vom Flugzeug aus gesehen. Aber es hat mich schon immer gereizt, das Zerlegen der riesigen Hochseetanker, Container- und Kreuzfahrtschiffe mal direkt zu sehen. Nicht nur, weil das beeindruckend sein muss, sondern auch, weil die Arbeiter dort unter denkbar gefährlichen Bedingungen arbeiten und das ist für mich natürlich auf jeden Fall eine Story wert!

Um es vorweg zu nehmen: Das Abwracken selbst hab ich immer noch nicht gesehen. Denn als ich im November 2019 vor Ort war, musste ich mich entscheiden: Zwischen sehen und hören…Okay, das ist jetzt etwas kryptisch, also, ich erklär’s mal genauer:

Ich war mit Jürg unterwegs, einem befreundeten Fotografen aus der Schweiz, der schon seit Jahren nach Bangladesch reist, um Fotos von Abwrackhäfen und diesem fazinierendem Mensch-Maschine-Gegensatz zu machen. Und wir hatten die Idee, dieses Thema – den gefährlichsten Job der Welt – gemeinsam an Zeitungen zuzuliefern. Also er die Fotos, ich die Geschichte. Weil es aber zum einen verboten ist, die Abwrackhäfen als Außenstehender zu betreten, geschweige denn Fotos und Interviews zu machen, haben wir andere Lösungen gesucht. Das war nicht leicht! Denn es war klar: Keine Reederei und kein Abwrackunternehmen hat Interesse daran, dass die unzulänglichen Arbeitsbedingungen in den Medien thematisiert werden. Arbeiter, die mit Journalisten sprechen, verlieren garantiert ihren Job und es soll sogar vorgekommen sein, dass zu gesprächige Abwracker spurlos verschwunden sind.

Aber wir haben es dank unseres Netzwerks doch geschafft: Jürg hat sich ein kleines Boot gemietet, ist mit dem von Seeseite her ganz nah an die abwrackbereiten Metallriesen herangefahren, die wie gestrandete Wale am Strand von Chittagong liegen, und hat wie wild fotografiert. Und auch ich hab tatsächlich zwei Abwrack-Arbeiter gefunden, die sich heimlich mit mir für Interviews treffen wollten.  Aber leider war das eben nur zeitgleich möglich. Also nutze Jürg die Ebbe und das gute Licht für Fotos, während ich über Handy von einem unbekannten Ansprechpartner zu einem konspirativen Treffen gelotst wurde.

Mein erster Gesprächspartner, Sumon, wirkt ziemlich angespannt. Er zupft ständig an den Ärmeln seines roten Hemds herum oder kratzt sich am Bart. Deshalb frage ich ihn vor dem Interview nochmal, ob er sicher sei, dass er mit mir reden wolle. Er schaut mich zum ersten Mal direkt an. Er nickt. „Ja, sonst verbessert sich ja nie was.“ Er zupft jetzt nicht mehr, sondern erzählt einfach: „Um ein Schiff zu zerlegen, braucht es drei Monate und etwa 100 oder 200 Leute. Die werden in Gruppen aufgeteilt, also Gruppe A macht die eine Arbeit, Gruppe B die andere, das vermischt sich nicht. Und das ist neu. Der Grund dafür ist, dass so alles schneller geht. Vorher, als jeder noch alles gemacht hat, hat es viel länger gedauert, da wurde erst alles langsam abmontiert, dann wurden die Teile an Land gezogen, dann verkauft, das hat unglaublich lange gedauert. Aber seit jetzt dieses Gruppensystem eingeführt wurde, also dass die einen zum Beispiel nur Metallplatten zersägen, andere die Schiffsschraube an Land ziehen und jeder genau weiß, wo er eingeteilt ist, seither braucht es viel weniger Zeit.“

Er selbst sei vor allem Eisenschneider und bearbeitete die Metallplatten im Schiff von innen her mit einem autogenen Brennschneider. Ich hab mal im Netz geschaut, so ein Brennschneider arbeitet mit Sauerstoff, der entzündet wird und dann Metall quasi schmilzt und sieht so aus:

Bevor die Eisenschneider loslegen, erklärt Sumon, müssen alle Tanks und alles Brennbare aus dem Schiff entfernt werden, sonst fliegt einem alles um die Ohren. Aber dann klettern er und die anderen auf dem Schiff herum und schneiden es quasi von innen her auf. Das sei ziemlich riskant, meint er, und man müsse höllisch gut auf sich aufpassen. Denn die Arbeiter klettern meistens ungesichert auf dem Schiff herum und auch sonst seien die Sicherheitsbestimmungen eher lax.

„Vorher haben wir tatsächlich in Lunghi, also dem traditionellen Hüfttuch und Flipflops gearbeitet. Aber kürzlich hat die Regierung ein Gesetz erlassen, dass wir das nicht mehr tragen dürfen. Also Helm und Schutzanzug sind jetzt Pflicht. Aber schau mal hier….“

Er zeigt mir seine Hände, Arme, die Schulter, den Hals. An vielen Stellen hat die Haut Narbenwülste oder ist dunkler…Spuren von Verbrennungen

BD 2019-11-11 (4) bearbeitet Ausschnitt

„Diese Verbrennungen hab ich vom Metallschneiden. Selbst wenn du den Schutzanzug trägst geht das durch. Ich glaube halt, diese Overalls sind nicht die beste Qualität. Wir haben jetzt auch Brillen, Sonnenbrillen, die schützen unsere Augen ein bisschen. Also wenigstens kriegen wir die Feuerfunken jetzt nicht mehr in die Augen, aber die fliegen halt überall rum, gehen an alle Stellen des Körpers. Vielleicht wären zusätzliche Gesichtsmasken besser, aber das wird hier nicht verteilt, wir müssen halt nehmen, was sie uns ausgeben.“

Sonnenbrillen bei Schweißarbeiten? Nicht mal richtig Schutzbrillen? Das erklärt für mich, warum so viele Arbeiter mit rot-geäderten, entzündeten Augen rumlaufen. Sumon lacht bitter. Richtige Schweißerbrillen könnten sie sich ja auch gar nicht leisten. Ich stutze. Wieso leisten? Das zahlt doch der Betrieb? Oder?

„Normalerweise müssen wir die ganze Schutzausrüstung bezahlen, wenn wir den Lohn ausgezahlt bekommen. Da hat sich noch nicht viel dran geändert. Manche Companies geben uns auch etwas zusätzliches Geld statt der Ausrüstung. Von dem sollen wir dann die Sachen selbst kaufen. Aber das ist immer zu wenig Geld.“

Gesetzlich vorgeschrieben sind neben der Schutzausrüstung neuerdings auch 90 Tage Sicherheitsschulung im Jahr, hab ich recherchiert. Trotzdem ist die Todesrate unter den Arbeitern nicht gesunken, 24 sind 2019 in Chittagong gestorben, hat die Hilfsorganisation ’ship breaking platform‘ in Brüssel herausgefunden, die sich seit Jahren für die Abwracker einsetzt. Sumon winkt ab. Er habe im vergangenen Jahr sowieso nur 3 Tage Sicherheitstraining bekommen und Unfälle sind nach wie vor auf der Tagesordnung

„Es gibt da zum Beispiel diese dicken Seile, die die Schiffe oder große Eisenteile an Land ziehen. Manchmal reißen die und wenn das passiert ist das eine Katastrophe, dann werden auf einen Schlag unglaublich viele Menschen verletzt.“

Jetzt schaltet sich auch mein zweiter Gesprächspartner ein, Shahidul. Neben Sumon wirkt er etwas untersetzt, aber auch er hat sehnige Oberarme.

„Wenn wir krank werden, also Fieber kriegen, Kopfschmerzen oder irgendeine andere Krankheit, dann hilft die Firma nicht, da gibt’s keinerlei Unterstützung. Nur wenn wir auf dem Gelände verletzt werden, also durch die Arbeit, die wir da machen, dann hilft der Betrieb. Der zahlt dann die Medikamente und die Arztkosten. Aber wenn wir ein Bein oder irgendein anderes Körperteil durch die Arbeit verlieren, dann kriegen wir zwar eine kleine Entschädigung für die nächsten paar Tage, darüber hinaus übernehmen sie überhaupt keine Verantwortung.“

Er arbeitet seit er 16 ist in den Werften, erzählt er. Er sei jetzt 32 und habe schon in verschiedenen ’ship breaking yards‘ gearbeitet.

„Wenn ein Schiff in der Werft liegt, dann geh ich jeden Morgen um 8 Uhr hin und komm um 5 wieder zurück. Und wenn es mal keine Arbeit am Schiff gibt, weil gerade keins anliegt, dann machen wir ‚ground work‘, Bodenarbeit, da fangen wir dann auch um 8 an, kommen aber erst so um 7 oder 8 wieder heim. Deshalb arbeiten wir auch nicht jeden Tag, das schafft niemand, dazu ist der Job zu anstrengend. Es liegt ja immer Roststaub und der Geruch von Gas in der Luft in den Abwrackzonen. Und das hält gesundheitlich kein Mensch 30 Tage im Monat durch. Das heißt, wir arbeiten vielleicht 15 oder höchstens 20 Tage. Und die Bezahlung liegt bei 350 Taka für 8 Stunden.“

350 Taka. Das sind gerade mal 3,50 Euro. Und die werden auch nicht direkt ausgezahlt, sondern immer am 5. und am 20. eines Monats. Weil neuerdings jeder Arbeiter eine digitale Stempelkarte hat und die Software die Arbeitszeiten zusammenrechnet.

Abwrackhafen Chittagong Foto Jürg Vifian (11)

Foto: Jürg Vifian

Während die beiden erzählen drängt sich mir immer wieder eine Frage auf: Warum um Gottes Willen tut man sich das an? Shahidul zuckt resigniert die Schultern:

„Warum ich angefangen habe? Meine Familie war damals in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten, hochverschuldet. Und ich hatte ja keine Ahnung, von nichts. Und dann bin ich halt zu den Yards. Der Vorteil dort ist halt: die fragen nicht nach einem Ausweis. Das ist schon eine Art Freiheit, weil man wirklich überall hin kann zum Arbeiten. Wenn ich irgendwo anders arbeiten wollte, in der Industrie zum Beispiel, dann brauch ich überall Beziehungen. In den meisten Jobs dort muss man erstmal die Beamten schmieren .Und ich hatte damals weder Geld noch einen Ausweis. Deshalb hab ich in den Werften angefangen.“

Eigentlich dreht sich seither fast alles in seinem Leben um die ship breaking yards, meint Shahidul, streicht sich über die Augen und schüttelt den Kopf. Fast so, also ob ihm das gerade erst richtig bewusst wird. Er lebe mit seiner Familie in einer Hütte gleich in der Nähe, fußläufig. Im Moment versorge er die große Familie allein, also seine Eltern, Frau, Kind und den Bruder. Sein Vater hatte schon als Abwracker gearbeitet, jetzt sei er aber zu alt. Und der Bruder verletzt – und ja, der arbeite sonst auch in den Abwrack-Häfen. Shahiduls Stimme klingt jetzt monoton, frustriert und sein ganzer Körper ist zusammengesackt, als ob jemand die Luft rausgelassen hätte. Das ändert sich aber als ich ihn frage, wie er sich die Zukunft für seinen zweijährigen Sohn vorstellt

„Wenn mein Junge älter wird, will ich ihn NIE bei den Abwrackhäfen sehen! Er soll nicht mal in die Nähe kommen. Ich möchte, dass er zur Schule geht und seine eigene Zukunft selbst in der Hand hat. Er soll auf keinen Fall zu den Werften und diesen Job machen, ich will was besseres für ihn. Er soll lernen, eine Ausbildung kriegen und dann eine gute Arbeit finden. Klar, man kriegt hier gutes Geld. Aber ich möchte meinen Sohn lieber schlechter bezahlt sehen als hier arbeiten. Es ist einfach lebensgefährlich hier“

Fortsetzung folgt