One day in Sylhet (2)

Die Briten haben in Sylhet überall ihre Spuren hinterlassen. Einmal durch die riesigen Teeplantagen, die sich rund um die Stadt über alle Hügel ziehen. Aber auch durch einige Wahrzeichen im Zentrum der Stadt. Das auffälligste ist wahrscheinlich die Keane bridge, die sich über 350 Meter Länge wie ein roter Bogen aus Stahl und Eisen über den Fluss Surma spannt.

Trotzdem wirkt diese Brücke erstaunlich filigran. Vielleicht, weil die Bangladeshi in den Städten sonst eher Betonmonster als Brücken haben. Oder weil hier keine Blechlawinen drüber rollen – diese Brücke ist nämlich eine Fußgängerbrücke….okay, eine Fußgänger-Rikscha-Motorrad-Fahrrad-Brücke. Apropos Rikscha: Es ist unglaublich, was mit diesem Gefährt alles transportiert wird. Manche sind bis zum Verdeck hoch vollgeladen und zusätzlich sitzt dann noch ein Mensch drauf. Muss ein ganz schönes Gewicht sein. Und dadurch für die findigen Bangladeshi auch ein gleich wieder ein Geschäftsmodell: Am Fuß der Brücke bieten sich nämlich Männer als ‚Schieber‘ an, damit die bepackten Drahtesel überhaupt über die Rampe auf die Brücke kommen.

Und natürlich wird dort auch alles denkbare für den täglichen Bedarf angeboten: Das obligatorische ‚Paan‘ wie im ersten Bild natürlich (mehr zu Paan: https://yvonnekoch.wordpress.com/2014/11/15/want-to-try-paan-der-bengalesische-kaugummi/ und https://yvonnekoch.wordpress.com/2019/02/13/the-gold-of-the-khasi-people-fortsetzung/ ). Aber auch Töpferware oder die Rattan-Hocker. Und dabei fällt mir auf, dass ich hier das erste Mal sowas wie Handwerkskunst auf einem Markt sehe. Auf solche mobilen Verkaufsstände dagegen trifft man öfter:

Mit dieser Vorrichtung wird Zuckerrohr ausgequetscht und der Saft dann verkauft.

Wir überqueren die Brücke und Rahat weist mich auf eine weitere Sehenswürdigkeit hin:

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Das sei der ‚Big Ben‘ von Sylhet, meint er, die älteste Uhrenturm der Stadt, der Ali Amjad Clock Tower. Gebaut wurde 1872 vom Vater des damaligen Nawabs. Ich war darüber erst irritiert, weil Nawabs ursprünglich so was wie Gouverneure während des Mogul-Reichs waren. Aber offenbar nannten auch die Briten ihre in den Adelsstand erhobenen Vasallen so, die die Distrikte für sie verwalteten.

Wir nähern uns dem anderen Ufer. Und da seh ich….nee, das kann nicht sein….ich kneife die Augen zusammen, damit ich besser sehe. Tatsächlich, dort an der Uferböschung, die kleinen schwarzen Tiere, das sind doch….

SCHWEINE! Im muslimischen Bangladesch! Die ersten überhaupt, die ich in diesem Land sehe. Und dann scheinen sie hier auch noch als vierbeinige Müllvernichter eingesetzt zu werden, jedenfalls wühlen sie denn Abfall durch, der dort am Flussufer liegt.

Rahat ist dieser Anblick offenbar mehr als unangenehm, immerhin wollte er mir doch die schönen Ecken von Sylhet zeigen. Wir drehen also um. Runter von der Brücke. Aber auch da fällt mir ausgerechnet das auf, was mein Guide am liebsten nicht wahrnehmen würde….

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Selbst für bengalische Verhältnisse ist dieser Schlafplatz nicht gerade der bequemste, oder? Rahat verdreht die Augen. Jaaaaaa, diesem Mann ist das aber offensichtlich egal, wahrscheinlich sei er drogensüchtig. Yaba sei ja mittlerweile zu einer richtigen Seuche geworden. Yaba – bei uns bekannt als Crystal Meth – eine künstliche Droge, die die Menschen verändert, sie aggressiv und paranoid macht…

Rahat führt mich am Ellenbogen weiter. Und da seh ich sie: Prodips, diese kleinen getöpferten Schälchen, in denen die Hindus ihre Opfer-Lichter anzünden.

Und weiter geht’s. Zu einem großen Platz mit moscheeartigen Toren und reichverzierten Brüstungen

Das sei der große Versammlungs- und Gebetsplatz, erklärt Rahat. Hier werden zum Beispiel die zeremoniellen Gebete während dem Opferfest Eid gesprochen. Möglich, dass das während des Festes etwas eindrucksvolles ist, jetzt aber ist es in großen Teilen nur ein riesiger betonierter Platz.

Wir steigen ins Auto. Denn jetzt geht’s zum M. C. College, der ältesten Hochschule von Bangladesch. Sie hat zwar seit ihrer Gründung 1892 schon ein paar Erdbeben hinter sich, aber trotzdem gilt sie als eine der schönsten in ganz Bangladesch – und ist berühmt für ihre über 100.000 Bücher umfassende Bibliothek.

In diesen Langhäusern sind die Studenten untergebracht. Und während wir gemütlich über das baumreiche Gelände schlendern, fallen mir die vielen Paare auf, die sich mal auf einer von Büschen geschützte Bank, mal am Ufer des Campus-Sees erstaunlich nahe sind. Auch deshalb sei dieses College so begehrt, grinst Rahat. Es ist eine dieser wenigen Orte in Bangladesch, wo Zweisamkeit zwischen den Geschlechtern nicht ganz so rigoros geahndet wird. Und er kenne noch so einen Ort….

Der ist allerdings nicht ganz so verwunschen. Denn als wir mit dem Auto näher kommen, müssen wir uns in eine Warteschlange einreihen. Diese Tierzeichnungen am Eingang…Wo sind wir hier? Ist das ein Zoo? So was ähnliches, meint Rahat. Eigentlich ist es eine Art Naturschutzgebiet, der Tilagarh Eco-Park, in dem aber auch Tiere in Gehegen gehalten werden. Ich sehe einige Vögel in Volieren, auf den Wegweiser steht, dass es hier auch Affen, Rehe und Tiger zu sehen sind. Wir schlendern aber einfach durch das üppige Grün und reden. Rahat träumt nämlich davon, irgendwann einmal ein Resort zu haben. Eine Bio-Wohlfühl-Oase mitten im Grünen mit kleinen architektonisch ungewöhnlichen Hütten, in der Menschen mit kleinem Geldbeutel genauso Urlaub machen können, wie Gutbetuchte.

Dann müssen wir zurück, denn es wird langsam dunkel. Und mit einem gemeinsamen Abendessen beschließen wir diesen wunderschönen, ereignisreichen Tag in Sylhet.

One day in Sylhet

So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr. Ich steh am Flughafen in Sylhet und warte auf den Menschen, den ich seit zwei Jahren kenne – ohne ihn je getroffen zu haben. Denn Rahat ist eine Internet-Bekanntschaft, ein Chatpartner, den ich über ein bengalisches Forum kennengelernt habe. Und er war sofort bereit zu helfen, als mein Reisebegleiter für diesen Trip abgesprungen ist.

Ein blauer Toyota kommt durch die Einfahrt…das ist er. Steigt aus, kurzes Zögern, dann ein breites Lachen und eine schnelle Umarmung. Verrückt – die virtuelle Freundschaft ist in Sekunden zu einer realen geworden!

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Es geht nur kurz ins Hotel, dann bekomme ich von Rahat eine exklusive und intensive Sylhet-Tour. Und los geht’s mit dem Sufi-Tempel am Ende der Straße. Hier wird Hazrat Shah Jalal verehrt, ein Sufi-Mystiker, der von 1271 bis 1346 gelebt haben soll. Man schreibt ihm verschiedene Wunder zu, vor allem aber eine tiefe Religiosität – und offenbar glauben die über zehntausend Pilger, die jedes Jahr seinen Schrein besuchen, dass etwas von seiner Spiritualität auf sie abfärbt, wenn sie hierher kommen.

Sobald wir durch das große blaue Portal sind, scheinen wir in einer anderen Welt zu sein. Eine ungewöhnliche Ruhe herrscht hier, die Besucher sprechen nicht viel und wenn, dann mit gesenkter Stimme. Das weiße Gebäude vor uns, das mit den vorspringenden Treppenhaus und den großen kunstvollen Fenstern, das sei die Moschee, erklärt Rahat. Nur für Männer, versteht sich. Die Frauen würden in dem Mini-Pavillion rechts daneben beten. Ich bin fassungslos über dieses enorme Ungleichgewicht. Aber bevor ich was sagen kann, ist Rahat schon weiter, zeigt mir einen umzäunten Bereich, der voller Körner – und Tauben ist. Auch wenn die Tauben sonst eher gejagt würden, hier im Tempel-Bereich seien sie heilig, niemand würde ihnen hier eine Feder krümmen dürfen. Warum? Hatte der Sufi irgendein besonderes Verhältnis zu diesen Tieren? Rahat zieht die Schultern hoch. Keine Ahnung. Aber auch die Fische im Tempel-Teich nebenan seien heilig und dürften nicht gegessen werden.  Und apropos essen….

Rahat führt mich in das Gebäude hinter dem Tauben-Zaun. Riesige Zinn-Töpfe auf kleinen offenen Feuerstellen sind hier aufgereiht. Das sei die Pilger-Küche, meint Rahat. Und der große, kahle Raum nebenan das Gästehaus. Hier dürfen alle Pilger umsonst auf dem Boden übernachten und Essen. Umsonst? Und wer finanziert das alles? Mein Sylheti-Freund grinst und führt mich zu einem kleinen Nischenraum vor dem Gebäude. Hier sitzt ein alter Mann in weißem Kaftan, Käppi auf dem Kopf, neben zwei riesigen Kesseln. In diesen Kesseln werden die Spenden gesammelt, die die Besucher einwerfen. Und auf meinen fragenden Blick reagiert er fast ein bisschen belehrend: Almosen oder Spenden geben sei für Muslime eine wichtige Säule des Glaubens, das nenne sich ‚Zakat‘ und sei so selbstverständlich für alle Gläubigen, dass zum Beispiel dieser gesamte Tempel-Bezirk sich davon ohne Probleme unterhalten läßt. Es gäbe aber auch noch eine andere Einkommensquelle hier.

Er führt mich durch ein kleines Tor in den hinteren Bereich des Schreins. Was für mich erstmal wie ein verwilderter Garten aussieht, ist in Wirklichkeit ein Friedhof. Jeder Muslim in Sylhet, der was auf sich hält, versucht hier ein Grab zu kriegen. Ein System bei diesen Gräbern kann ich nicht erkennen. Ein paar alte, sehr schiefe Grabsteine neben Emaille-Schildern auf Stangen, dazwischen immer wieder eingezäunte Mini-Parzellen. Aber Grabpflege wie auf europäischen Friedhöfen ist hier anscheinend nicht angesagt.

Es dauert eine Weile, bis ich merke, dass wir immer noch im Tempelbezirk sind, quasi hinter der großen Moschee. Große Kulleraugen starren mich an, ein Junge kichert unsicher. Das sei die Koranschule, sagt Rahat und knufft mich belustigt. Womöglich sei ich die erste Europäerin, die die Jungs sehen, denn der Sufi-Tempel sei zwar in Bangladesch berühmt, es kämen sogar Pilger aus dem Ausland, aber halt eher aus Pakistan oder anderen muslimischen Ländern.

Ich bin abgelenkt. Denn mich ziehen gerade große Stofftücher in den Bann, die an einem riesigen Gerüst vor der Moschee hängen. Was für wunderschöne Farben. Manche Tücher sind kunstvoll bestickt. Und wie sie da hintereinander an den Stangen hängen…das hätte man nicht schöner komponieren können. Das sind Schrein-Tücher, erklärt Rahat. Das Grab des Hazrat Shah Jalal sei je nach Tag und Monat immer mit einem dieser Tücher bedeckt und natürlich gehe ein kleines bisschen seiner Heiligkeit dabei auch auf diese Stoffe über. Das erklärt, warum manche Pilger sich direkt neben diesen Tüchern im Schneidersitz niedergelassen haben. Manche scheinen in hochphilosophische Gespräche vertieft, manche haben die Augen geschlossen und scheinen zu meditieren. Und da ist sie wieder: diese Ruhe und Harmonie, die von diesem Ort ausgeht.

(Fortsetzung folgt)

 

Modern slavery

Es war nicht leicht, Frauen zu finden, die mit mir über ihre Arbeit in den Teeplantagen reden wollen. Nicht nur, weil es für die Teepflücker riskant ist, mit der Presse zu reden – sie könnten ihre Arbeit verlieren und damit ihre Existenz -, sie haben in der Regel auch so gut wie keinen Kontakt zu der Welt außerhalb der Teeplantagen. Alleine hätte ich das nie geschafft. Aber wie so oft haben mir liebe Menschen geholfen und das Unmögliche möglich gemacht (dazu mehr in einem Extra-Blog-Artikel).

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Der Grund, warum die Plantagen-Arbeiter so isoliert sind, liegt über 150 Jahre zurück: Die Teearbeiter sind nämlich ursprünglich aus Indien, aus einigen wenigen Regionen dort. In jeder dieser Regionen wurde ein anderer Dialekt gesprochen, gab es andere Traditionen und ethnische Wurzeln. Und genau deshalb haben britische Teeplantagen-Besitzer sich 1853 diese Volksgruppen als Erntehelfer ausgesucht und sie dabei gewaltig übers Ohr gehauen. Sie haben den Orissas, Santals, Mundas und all den anderen ethnischen Gruppen erzählt, dass sie für vier Jahre in einem wundervollen Garten arbeiten dürfen, in dem die Blätter der Bäume aus Gold sind. Klar wollten sie dort arbeiten und haben einen superkrasser buy-out-Vertrag unterschrieben: sie haben sich verpflichtet, ihr Leben auf den Plantagen zu verbringen und auch ihre Kinder dort anzulernen. Mit dem Effekt, dass sie jetzt seit Generationen in den Teeplantagen leben, arbeiten, einkaufen und sterben. Und das weitestgehend isoliert und unbemerkt von den Bangladeshi.

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Wir treffen zwei Frauen, heimlich, in einem Haus in einer der Teeplantagen. Naja, heimlich… die Nachbarn kriegen natürlich was mit, aber wir sind so schnell da und auch gleich im Haus verschwunden, dass sich die neugierigen Blicke in Grenzen halten.

Ich habe eine spezielle Dolmetscherin bei mir, Rupa, eine Frau aus Sylhet, die den örtlichen Slang versteht und auch diese Mischung aus Sylheti und Hindi, die die Arbeiterinnen sprechen.

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Wir sind alle etwas aufgeregt, wie wir da sitzen: Die zwei Arbeiterinnen, neben mir auf dem Sofa, Rupa gegenüber auf dem großen Bett und ihr Sohn Arman im Stuhl daneben. Er unterstützt seine Mutter, springt immer dann ein, wenn ihr das englische Wort nicht einfällt…

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Jenny, die jüngere der beiden Frauen, ist 25 Jahre alt. Ich zucke innerlich leicht zusammen, als sie mir ihr Alter verrät, denn ich sitze direkt neben ihr und ihr Gesicht ist übersät von unzähligen kleinen Falten, die Haut wirkt ausgelaugt. Ihre Augen dagegen schauen mich zwar schüchtern, aber totzdem offen an. Und dann erzählt sie bereitwillig von ihrem Alltag. Sie lebt mit ihren drei Kindern, ihrem Mann, dem Schwiegervater und dem Schwager in einer kleinen Hütte. Während der Tee-Ernte hat sie einen ziemlich straffen und anstrengenden Tagesablauf: Morgens muss sie schon früh raus, für alle kochen, Geschirr spülen, den Haushalt machen und um neun fängt dann die Arbeit in der Plantage an. Die geht bis sechs Uhr abends, nur unterbrochen von einer kleinen Mittagspause. Sie pflückt nur die zartesten Blätter der hüfthohen Teepflanzen ab, darf sie dabei nicht quetschen oder knicken und muss auch ziemlich schnell sein. Denn es gibt zwar kein Tagessoll, dass sie erfüllen muss, aber sie wird nach Menge bezahlt: Pro Korb bekommt sie vier bis fünf Taka und an besonders guten Tagen schafft sie etwa 50 Körbe – also 250 Taka, wenn’s gut läuft…das sind weniger als drei Euro. Es wird meistens schon dunkel, wenn sie mit der Arbeit im tea garden fertig ist, der Rücken tut weh, die Beine sind schwer und Zuhause duscht sie dann erstmal. Füße hochlegen ist allerdings nicht, denn die Kinder und die Männer warten auf das Essen, womöglich muss auch noch Wäsche gewaschen werden…und erst dann darf sie sich ausruhen.

Harte Arbeit, aber sie ist nur begrenzt. Denn die Pflückerinnen können nur an drei Monaten im Jahr arbeiten, die restlichen neun Monate haben sie oft keinerlei Einkommen. Jenny hat Glück, denn sie hilft jetzt im Winter bei der Aufzucht der Pflanzensetzlinge. Trotzdem: Das Einkommen von ihr, ihrem Mann und ihrem Schwiegervater reicht eigentlich nie, um alle sieben Familienmitglieder richtig satt zu kriegen oder mal ein paar neue Schuhe zu kaufen.

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Wir tauschen die Plätze und Sandra Dash sitzt jetzt neben mir, der Name spricht sich übrigens Sondra. Wie alt sie ist, weiß sie nicht genau, wahrscheinlich um die 45, denn sie ist wohl kurz nach der Staatsgründung von Bangladesch auf die Welt gekommen und die war 1971. Den weißen Schleier trägt sie übrigens, weil sie Witwe ist. Offenbar hat sie auch sonst keine direkten Verwandten mehr, obwohl sie fünf Brüder hatte. Auf jeden Fall haben alle ihre Verwandten immer im tea garden gearbeitet, über alle Generationen, solange sie zurückdenken kann. Es gibt zwar manche, die ‚draußen‘ arbeiten, als Tagelöhner auf Baustellen, aber das sind nur die Männer und eben nur außerhalb der Saison. Denn wer im tea garden geboren ist, muss hier auch arbeiten, sagt sie. Sie könnten ja auch nirgends anders hin, sie hätten ja keinen anderen Platz, keine Familie oder Freunde, kein Land und auch kein Geld, um sich ‚draußen‘ eine Wohnung zu mieten.

Wenn Sandra das Hindi-Sylheti-Wort ‚draußen‘ benutzt, kräuselt sie gleichzeitig die Nase. Es sieht aus, als rümpfe sie die Nase über dieses ‚Draußen‘. Ihr selbst ist das offenbar nicht bewusst, denn sie erzählt unbeirrt weiter.

Sie selbst war nie auf einer Schule, sagt Sandra und schlägt die Augen nieder. Aber es gäbe seit ein paar Jahren die primary schools, also Grundschulen in dem tea gardens, die seien für die Arbeiterkinder umsonst. Und danach?, frage ich, gehen die Kinder danach auf staatliche Schulen? Sandra sieht mich etwas seltsam an. Natürlich nicht. Die müssten sie ja bezahlen. Und keine Familie in den tea gardens könne sich das leisten und sie kenne niemand, der je auf eine Schule außerhalb gegangen wäre. Ihre eigenen Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, sind längst verheiratet. Sie waren wie sie selbst, nie auf einer Schule.

Ich merke, dass die beiden Frauen manche meiner Fragen seltsam finden. Zum Beispiel als ich frage, was ihr größter Wunsch war oder ist. Beide wackeln in Bangla-Manier mit den Köpfen, was sowas wie ‚ich weiß nicht‘ heißt. Nach einer kleinen Pause meint Sandra dann, sie habe sich immer eine bessere Zukunft für ihre Kinder gewünscht, aber sie wisse, dass das völlig idiotisch sei. Jenny pflichtet ihr bei. Und schiebt dann schüchtern nach, dass sie in ihrer Jugend immer davon geträumt habe, einen gutsituierten Mann zu finden, der nicht in den Plantagen lebt, ein Leben ohne Sorgen zu haben. In ihrer Jugend….oh Mann, diese Frau ist gerade mal 25 Jahre alt!

Nächste Frage – und wieder verwirrte Blicke – wo kaufen sie ein? Ich hatte nämlich gehört, dass sie die Plantagen nicht verlassen dürfen, sondern alles Nötige in den Läden in den tea gardens kaufen müssen, die natürlich auch den Plantagenbesitzern gehören. Nein, nein, natürlich könnten sie auch außerhalb einkaufen, versichert mir Sandra und Jenny nickt eifrig. Aber als ich nachhake kommt raus, dass das faktisch meistens doch nicht geht. Denn in den tea garden shops bekommen sie kleine Ermässigungen, zum Beispiel vier Körbe Reis für 10 Taka, etwa 12 Cent. Auch das Mehl ist billiger. Und dann gibt es ja noch eine andere Abhängigkeit, die die Arbeiter in den Plantagen hält: Alle tea garden workers sind nämlich Hindus, haben ihre eigene Kultur, Sitten und Gebräuche – und sie dürfen, anders als die Muslime, Alkohol trinken. Und genau das machen sich die Plantagen-Besitzer gern zu Nutzen: In den Plantagen-Shops verkaufen sie Alkohol. Und schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Arbeiter benebeln sich nach der harten Arbeit gerne, versuchen sich so ihre Situation schön zu trinken. Dadurch verlieren sie aber auch jeden Willen, etwas zu ändern. Jeder revolutionäre Gedanke wird so im Alk ertränkt. Außerdem werden und sind viele Arbeiter alkoholabhängig, brauchen den Stoff und tun alles, um ihn zu kriegen.

Onil Dash mischt sich ein, ein drahtiger Mann, der plötzlich am Fenster hängt. Er erzählt, das manche der tea workers auch noch in den Häusern der Bengalen arbeiten müssen, also bei den Aufsehern und Managern der Plantagen. Sie putzen dort, binden den Herren die Schuhe oder leeren den Abfall – unbezahlt. Er sagt es zwar nicht, aber ich denke, das ist eine Auswirkung der Alksucht, der noch größeren Abhängigkeit.

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Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, wo ich anfange, etwas herumzueiern…ich möchte nämlich herausfinden, wie Onil und die beiden Frauen ihr Verhältnis zu den ‚Bossen‘ empfinden (damit sind die Aufseher und Manager gemeint, die richtigen Bosse, also die Besitzer, bekommen die Arbeiter nämlich nie zu sehen). Aber ich will fragen, ohne Worte wie Diskriminierung oder Sklaverei  zu verwenden. Wie sie behandelt werden, frag ich deshalb, ob sie denken, dass die Bosse sie wie Gleichwertige behandeln. Wieder unverständige Blicke. Ja, die Bosse schätzen ihre Arbeit, sagt Jenny. Also wenn sie gut und viel arbeiten. Und ja, sie würden gut behandelt werden, also es gäbe in der Regel keine Schläge mehr.

Ich schaue Rupa an, Rupa schaut mich an. Wir merken, dass wir an diesem Punkt nicht weiterkommen. Die Frauen kennen nichts anderes. Dass die Bosse sie wie Untermenschen behandeln ist für sie normal. Vielleicht auch, weil es im indischen Kastensystem auch diesen festen Platz gegeben hat, in den man geboren wird und den man verdient. Dass sie in den Häusern der Bosse zwar die Drecksarbeit machen dürfen, aber weder das Geschirr noch irgendwelche Wertsachen berühren dürfen, ist eben so…sie sind wie die ‚untouchables‘ – Unberührbare und Unsichtbare. Denn wie die tea worker leben, dass sie eigentlich eine eigene Sprache, Kultur und Identität haben, weiß kaum jemand – auch nicht die Bangladeshi selbst.

 

Discoveries in the tea gardens

In Sylhet, dem nordöstlichsten Distrikt von Bangladesch, habe ich einen dieser ‚tea gardens‘ besucht. Nicht mit einer offiziellen Touristen-Führung, sondern mit Gumir, einem der Arbeiter dort. Gumir war nie auf einer Schule, selbst Bangla, die Landessprache, spricht er nur gebrochen und außer einzelnen Worten wie ‚monkey‘ und ‚tea factory‘ kann er auch kein Englisch.

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Trotzdem führt er mich zwei Stunden lang durch die sanften Hügel, über kleine Flüsschen, entlang der scheinbar nicht enden wollenden Tee-Plantagen. Uns begegnen nur wenige Arbeiter auf diesen Wegen, vor allem Männer, die jetzt im Winter, also außerhalb der Saison, die Tee-Büsche beschneiden. Allerdings nicht alle gleich: Auf manchen Feldern werden die Büsche radikal mit einer Motorsäge auf eine einheitliche Höhe gestutzt, so dass eine waagrechte Ebene entsteht, auf der fast keine Blätter mehr wachsen. Auf anderen wird in der Mitte jedes Busches ein Ast stehen gelassen, so dass der wie ein Arm mit Blatthändchen den Restbusch etwa 30 Zentimeter überragt. Gumir gibt mir zu verstehen, dass dieser Haupttrieb der ‚Boss‘ des Busches ist und dass diese Methode neu sei. Und mir fällt auf, dass auf diesen Feldern auffällig viele hohe Bäume stehen, die alle etwa mannshoch mit weißer Farbe angestrichen sind. Das sieht aus als ob die Bäume Söckchen hätten…Vielleicht auch Teil eines neuen Ernte-Optimierungskonzepts.

Und dann ist plötzlich ein gleichmäßiges Geräusch zu hören, es klingt irgendwie peitschend. Und eine Hügelkette weiter sehen wir den Ursprung der Geräusche: Etwa ein Dutzend Arbeiter scheint auf die Büsche einzuschlagen. Gumir erklärt mir, dass sie die Buschspitzen mit Metallschlaufen abschlagen, die sie tatsächlich wie Peitschen schwingen. Die Blätter und Ästchen spritzen nur so um die Männer herum.

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Jede dieser Schnitt-Methoden dient dazu, dass die Büsche im kommenden Jahr neue, starke Blatttriebe bekommen, denn nur die ganz zarten Spitzen werden für die Teeproduktion verwendet.

Fünf Frauen kommen uns entgegen, alle tragen bunte Ballen auf ihren Köpfen. Tee scheint es nicht zu sein, dazu sind die Bündel zu klein. Sie haben eine Art Sichel in der Hand, am Körper bunte Saris und jede hat einen roten Punkt zwischen den Augenbrauen. Stolz sehen sie aus, wie sie schlank und aufrecht näher schreiten. Aber dann sieht man ihre verbraucht aussehende Haut, die zum Teil schlechten, krumm gewachsenen Zähne und die vielen Narben an den Händen.

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Etwas weiter hinter ihnen steht eine kleine Gruppe Männer. Beim Näherkommen sehe ich, dass zwei Polizisten ziemlich aggressiv auf einen älteren Mann einreden. Dann gibt der ihnen ein Bündel Geldscheine. Ist das eine Art Wegzoll? Ich frage Gumir, der mir ganz leise und ziemlich angespannt antwortet. Ich meine zu verstehen, dass die Männer bei einem Tempel waren, obwohl heute Freitag ist – also der muslimische Sonntag – und  dass sie deshalb Strafe zahlen müssen. Wir gehen schnell vorbei, aber ich kann mir nicht verkneifen, diese Szene dann doch noch zu fotografieren…auch wenn auf diesem Foto nicht mehr deutlich ist, wer wem Geld gibt.

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Tja, leider haben mich die Polizisten beim Fotografieren bemerkt. Mit dem Effekt, dass sie uns folgen. Erst mit etwas Abstand, aber bald rücken sie immer dichter auf. Ich bleibe mehrmals stehen, mache Fotos, in der Hoffnung, dass sie uns überholen. Das tun sie aber nicht, sondern bleiben auch stehen.

Ob es irgendein Problem gibt oder ich ihnen irgendwie helfen könne, frage ich sie. Antwort: „No, we just want to protect you“. Ich versichere ihnen, dass Gumir mich hervorragend beschützt und extra dafür angeheuert wurde, dreh mich um und geh weiter. Gumir wirkt immer noch angespannt, erklärt mir flüstern etwas, das ich nicht verstehe und wird erst wieder ruhiger, als die Polizisten uns dann doch irgendwann überholen und schnell außer Sichtweite sind.

Gumir grinst mich an und deutet auf einen Hügel. Da hinauf sollen wir, er wolle mir etwas zeigen.

Der Tempel von Mohadeb, so wird Shiva hier wohl genannt. Aber der Tempel ist nicht das einzige Heilige hier…auch der riesige Baum daneben, mit seinen unzähligen, verschlungenen Wurzeln scheint eine besondere Bedeutung zu haben. Jedenfalls steht ein goldfarbener Minikessel in einem Hohlraum des Baumes, der sich aus einem Geflecht von Luftwurzeln und Ästen gebildet hat. Hat was von einem sakralen Turm, oder einem filigran-durchbrochenen Minarett-Turm, den ein abgedrehter Architekt ersonnen hat.

Über eine Stunde sind wir schon unterwegs und ich gebe Gumir zu verstehen, dass ich langsam gerne zurück will. Wir gehen jetzt schneller, trotzdem muss ich ab und zu anhalten, um die tea garden-Atmosphäre einzufangen oder kleine Szenen am Wegrand

Plötzlich höre ich Kinderstimmen….hört sich an wie ein Abzählreim, oder, nein, eher wie das Geleier von aufgesagten Gedichten…

Tatsächlich nähern wir uns einer Plantagengrundschule. Ich strecke den Kopf rein, frage die Lehrerin, ob ich kurz stören und außerdem Fotos machen darf und fühle mich dann von unzähligen Kulleraugen beobachtet. Manchen kids bleibt sogar der Mund offen stehen ob des unerwarteten Besuchs. Aber die Lehrerin scheint nichts aus der Ruhe zu bringen, sie lacht, lädt mich mit einer Handbewegung ein und macht dann einfach weiter.

Gumir drängelt, also geht’s weiter. Zur Teefabrik, in der die Blätter getrocknet und fermentiert werden, entlang der langen ‚office‘-Barracken, in denen der Tee gehandelt wird und die Arbeiter ihr Geld kriegen und vorbei an der einzigen Einkaufsmöglichkeit in dieser Plantage.

Die einzelnen Plantagen sind durch Mauern getrennt. Manche gehören der Company, sagt Gumir, manche sind wohl ‚private‘. Auch ohne die Mauer wäre mir aufgefallen, dass es wohl unterschiedliche Besitzer gibt: In den Company-Plantagen sind die Arbeiterhäuser aus Beton, meistens bunt gestrichen und sehen ganz ansehnlich aus. Anders auf den privaten Plantagen. Das sind dann doch eher Hütten…

Zwei Stunden lang war ich mit Gumir unterwegs, zwei Stunden, indem mir dieser junge Mann nonverbal ziemlich viel vom Alltag der tea gardens vermittelt hat. Und wie es ist, als Pflückerin auf diesen Plantagen zu arbeiten, wollen mir zwei Frauen später erzählen.

***Fortsetzung folgt***

The fith time…

Nur noch zwei Tage!

Eigentlich drei….

Denn ich starte zwar am Montag, komm aber erst am Dienstag Abend in Dhaka an. Aber auf jeden Fall geht es wieder nach Bangladesch und diesmal länger als bisher.

Das Erstaunliche ist, dass ich mich vor jeder Reise in dieses Land fühle wie ein Teenager vor dem Abschlussball: aufgeregt, ungeduldig, ein bisschen ängstlich und voller Tatendrang. Eine Routine stellt sich immer noch nicht ein.

Vielleicht auch, weil sich jedes Mal wieder etwas ändert: Mal sind es die Visa-Bestimmungen, der zu zahlende Preis beim arrival-Visum oder ich muss mich nach neuen Unterkünften in noch unbekannten Gegenden umschauen oder aber ich erfahre, dass meine Bangla-SIM-card plötzlich nicht mehr ohne weiteres aufgeladen werden kann, weil man sie neuerdings mit Fingerabdrücken hinterlegen muss. Keine Ahnung, was das soll.

Aber irgendwie wird schon alles gutgehen, soviel hab ich aus den bisherigen Reisen gelernt. Und ich freue mich riesig, dass ich diesmal gleich drei Inlandsreisen machen kann, zum Teil mit lieben Freunden oder aber mit noch unbekannten, aber deshalb nicht weniger hilfsbereiten Menschen, die mir vor Ort Unmögliches möglich machen.

Auch diesmal geht es wieder nach Gaibandha, im Nordwesten von Bangladesch. Ich will mir dort anschauen, was aus dem ‚erhöhten Dorf‘ geworden ist, dass von Geldern aus einer Spendenaktion der Clingenburg Festspiele gebaut wurde (https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ und https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/ ). Und wenn ich Glück habe, treff ich mich auch wieder mit Kazol, der jungen Frau, die mich schon auf der allerersten Reise so beeindruckt hat (https://yvonnekoch.wordpress.com/2014/10/28/mit-dem-wasser-kommt-die-angst/ ).  Außerdem geht diesmal es auch in Nordosten, nach Sylhet, wo ich mir die Teeplantagen und vor allem auch die Arbeitsbedingungen dort genauer ansehen will. Und dann freu ich mich auch schon auf einen ganz kleinen Ort im Norden, direkt an der Grenze nach Indien: Dort versuche ich herauszufinden, was es mit dem Fußball-Gen auf sich hat, das offenbar nur Mädchen in sich tragen… Natürlich werde ich auch wieder in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka sein, wieder bei Freunden dort wohnen und alles aufsaugen, was um mich herum passiert.

Diese Reise diesmal ist aber nicht nur für mich was Besonderes. Sondern möglicherweise auch für Euch. Denn Ihr alle, die Ihr diesen Blog lest, werdet von diesem und allen vorigen Bangladesch-Trips auch was haben: Wenn nichts schief geht werden alle Eindrücke, Erfahrungen und Erkenntnisse aus meinem Bangla-Spleen bald zwischen zwei Buchdeckel gepresst..und voraussichtlich im Mai in den Markt geworfen.

Und wehe, Ihr kauft das Buch nicht!

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