One day in Sylhet

So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr. Ich steh am Flughafen in Sylhet und warte auf den Menschen, den ich seit zwei Jahren kenne – ohne ihn je getroffen zu haben. Denn Rahat ist eine Internet-Bekanntschaft, ein Chatpartner, den ich über ein bengalisches Forum kennengelernt habe. Und er war sofort bereit zu helfen, als mein Reisebegleiter für diesen Trip abgesprungen ist.

Ein blauer Toyota kommt durch die Einfahrt…das ist er. Steigt aus, kurzes Zögern, dann ein breites Lachen und eine schnelle Umarmung. Verrückt – die virtuelle Freundschaft ist in Sekunden zu einer realen geworden!

Sylhet (85) bearbeitet

Es geht nur kurz ins Hotel, dann bekomme ich von Rahat eine exklusive und intensive Sylhet-Tour. Und los geht’s mit dem Sufi-Tempel am Ende der Straße. Hier wird Hazrat Shah Jalal verehrt, ein Sufi-Mystiker, der von 1271 bis 1346 gelebt haben soll. Man schreibt ihm verschiedene Wunder zu, vor allem aber eine tiefe Religiosität – und offenbar glauben die über zehntausend Pilger, die jedes Jahr seinen Schrein besuchen, dass etwas von seiner Spiritualität auf sie abfärbt, wenn sie hierher kommen.

Sobald wir durch das große blaue Portal sind, scheinen wir in einer anderen Welt zu sein. Eine ungewöhnliche Ruhe herrscht hier, die Besucher sprechen nicht viel und wenn, dann mit gesenkter Stimme. Das weiße Gebäude vor uns, das mit den vorspringenden Treppenhaus und den großen kunstvollen Fenstern, das sei die Moschee, erklärt Rahat. Nur für Männer, versteht sich. Die Frauen würden in dem Mini-Pavillion rechts daneben beten. Ich bin fassungslos über dieses enorme Ungleichgewicht. Aber bevor ich was sagen kann, ist Rahat schon weiter, zeigt mir einen umzäunten Bereich, der voller Körner – und Tauben ist. Auch wenn die Tauben sonst eher gejagt würden, hier im Tempel-Bereich seien sie heilig, niemand würde ihnen hier eine Feder krümmen dürfen. Warum? Hatte der Sufi irgendein besonderes Verhältnis zu diesen Tieren? Rahat zieht die Schultern hoch. Keine Ahnung. Aber auch die Fische im Tempel-Teich nebenan seien heilig und dürften nicht gegessen werden.  Und apropos essen….

Rahat führt mich in das Gebäude hinter dem Tauben-Zaun. Riesige Zinn-Töpfe auf kleinen offenen Feuerstellen sind hier aufgereiht. Das sei die Pilger-Küche, meint Rahat. Und der große, kahle Raum nebenan das Gästehaus. Hier dürfen alle Pilger umsonst auf dem Boden übernachten und Essen. Umsonst? Und wer finanziert das alles? Mein Sylheti-Freund grinst und führt mich zu einem kleinen Nischenraum vor dem Gebäude. Hier sitzt ein alter Mann in weißem Kaftan, Käppi auf dem Kopf, neben zwei riesigen Kesseln. In diesen Kesseln werden die Spenden gesammelt, die die Besucher einwerfen. Und auf meinen fragenden Blick reagiert er fast ein bisschen belehrend: Almosen oder Spenden geben sei für Muslime eine wichtige Säule des Glaubens, das nenne sich ‚Zakat‘ und sei so selbstverständlich für alle Gläubigen, dass zum Beispiel dieser gesamte Tempel-Bezirk sich davon ohne Probleme unterhalten läßt. Es gäbe aber auch noch eine andere Einkommensquelle hier.

Er führt mich durch ein kleines Tor in den hinteren Bereich des Schreins. Was für mich erstmal wie ein verwilderter Garten aussieht, ist in Wirklichkeit ein Friedhof. Jeder Muslim in Sylhet, der was auf sich hält, versucht hier ein Grab zu kriegen. Ein System bei diesen Gräbern kann ich nicht erkennen. Ein paar alte, sehr schiefe Grabsteine neben Emaille-Schildern auf Stangen, dazwischen immer wieder eingezäunte Mini-Parzellen. Aber Grabpflege wie auf europäischen Friedhöfen ist hier anscheinend nicht angesagt.

Es dauert eine Weile, bis ich merke, dass wir immer noch im Tempelbezirk sind, quasi hinter der großen Moschee. Große Kulleraugen starren mich an, ein Junge kichert unsicher. Das sei die Koranschule, sagt Rahat und knufft mich belustigt. Womöglich sei ich die erste Europäerin, die die Jungs sehen, denn der Sufi-Tempel sei zwar in Bangladesch berühmt, es kämen sogar Pilger aus dem Ausland, aber halt eher aus Pakistan oder anderen muslimischen Ländern.

Ich bin abgelenkt. Denn mich ziehen gerade große Stofftücher in den Bann, die an einem riesigen Gerüst vor der Moschee hängen. Was für wunderschöne Farben. Manche Tücher sind kunstvoll bestickt. Und wie sie da hintereinander an den Stangen hängen…das hätte man nicht schöner komponieren können. Das sind Schrein-Tücher, erklärt Rahat. Das Grab des Hazrat Shah Jalal sei je nach Tag und Monat immer mit einem dieser Tücher bedeckt und natürlich gehe ein kleines bisschen seiner Heiligkeit dabei auch auf diese Stoffe über. Das erklärt, warum manche Pilger sich direkt neben diesen Tüchern im Schneidersitz niedergelassen haben. Manche scheinen in hochphilosophische Gespräche vertieft, manche haben die Augen geschlossen und scheinen zu meditieren. Und da ist sie wieder: diese Ruhe und Harmonie, die von diesem Ort ausgeht.

(Fortsetzung folgt)