The ‚water gipsies‘ and the snakes

Meine Bekannten in Bangladesch wissen mittlerweile, dass ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, nach ungewöhnlichen Lebensweisen oder einfach besonderen Menschen. Und immer wieder komme ich so an Themen, die ich interessant finde. Vor der letzten Reise hat mich zum Beispiel ein Chatpartner gefragt, ob ich schon mal was von den ‚Bede‘ gehört habe. Spontan hab ich ja gesagt…weil ich dieses Wort mit dem französischen ‚pédé‘ assozieriert habe, so nennt man in Frankreich umgangssprachlich die Schwulen. Gemeint waren aber die ‚Bede people‘, die manchmal auch ‚water gypsies‘ genannt werden und quasi das fahrende Volk von Bangladesch sind.

Nein, von dieser Volksgruppe hatte ich tatsächlich noch nicht gehört, war aber sofort neugierig. Und weil mein langjähriger Begleiter Gopal sich wieder mal als Organisations-Genie betätigt hat, konnte ich mich in Savar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka, mit einigen Bede treffen.

Ein junger Mann holt uns vom Treffpunkt ab, er spricht ganz gut Englisch, spielt ständig mit einem kleinen Schlüsselbund und irgendwie erinnert er mich an eine Art Conferencier, also an diese Ansager im Varieté, die mit kleinen Anekdoten und humoristischen Einlagen zur nächsten Programmnummer überleiten. Er fragt mich nämlich, ob ich schon mal eine Bede-Show gesehen hätte. Nicht? Dann wär es aber höchste Zeit, das sei absolut sensationell, er könne gerne eine arrangieren, natürlich in einer abgespeckten Form, immerhin seinen manche Clan-Mitglieder noch bei der Arbeit…. Dann merkt er, dass ich nicht gleich darauf anspringe, sondern mich vor allem auf den Weg konzentriere. Der ist nämlich ziemlich uneben, voller Schlaglöcher, überall liegt Abfall und es ist offensichtlich, dass wir nicht gerade im Villenviertel des Orts unterwegs sind. Umso erstaunter bin ich, dass ich nicht zu einer zusammengeschusterten Wellblechhütte geführt werde, sondern zu einer aus Holz, mit Veranda und Lehnsessel. Ich dachte die Bede people seien das fahrende Volk Bangladeschs…

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Der Clanchef grunzt selbstgefällig. Das sei schon richtig, meint er. Und noch vor 30, 40 Jahren seien alle Bede immer viel gereist, sogar in verschieden Ländern, immer auf kleinen Booten, auf denen sie auch gewohnt haben. Deshalb wurden sie auch ‚water gypsies‘ genannt, Wasser-Zigeuner. In seinem Clan lebten damals etwa 300 Menschen mehr oder weniger zusammen. „Wir konnten nicht zur Schule und wir waren tatsächlich bettelarm.“ Ihren Lebensunterhalt verdienten sie, indem sie von Dorf zu Dorf zogen und ihre Dienste anboten. Manche machen das auch heute noch, erklärt der Mann mit dem Hennabart: „Wenn du irgendeinen Schmerz hast, Rückenschmerzen oder Zahnschmerzen oder irgendwas in der Art, dann benutzen wir ’shinga‘ , ein Gerät, um diese Schmerzen zu heilen und Gifte.“ Was genau dieses ‚Shinga‘ ist, hab ich bis heute noch nicht herausgefunden, es scheint irgendein bestimmtes Werkzeug zu sein.

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Ich möchte noch mehr zur Lebensweise der Bede erfahren. Deshalb richte ich die nächsten Fragen bewusst an die Dame des Hauses und beobachte dabei den Clanchef und die anderen Männer auf der Veranda ganz genau. Zucken sie zusammen, weil Frauen hier eigentlich nichts zu sagen haben? Nein, das scheint in dieser Gemeinschaft anders zu sein. Denn die zierliche Frau mir gegenüber antwortet ganz gelassen, selbstbewusst und auch für die Männer scheint es kein Affront zu sein:  „Es gibt in Bangladesch etwa 50.000 Bede, ungefähr 10.000 von uns sind mittlerweile sesshaft und haben Häuser wie wir, die anderen ziehen durch das Land, schlagen irgendwo ihre Zeltlager auf. Wir haben so eine Art Zelt aus kunststoffbeschichtetem Papier.“ Es gäbe mittlerweile immer mehr Grundbesitzer, die den Bede Land oder Hütten vermieten. Sie selbst würden zum Beispiel 50 Poisha Miete zahlen, das sind ein paar Cent. Trotzdem seien die Bede immer noch sehr arm. „Nur etwa 10 Prozent unserer Leute können lesen und schreiben, eine höhere Schulbildung hat niemand von uns, wir hatten nie die Möglichkeit dazu. Wir fühlen uns dadurch benachteiligt, wir sind wahrscheinlich das ärmste Volk der Welt, weil die meisten von uns nie eine Schule von innen gesehen haben.“

Ihr Mann nickt und ergänzt: „Was wir noch machen ist Schlangenbeschwörung und Affendressur, das machen immer noch die meisten von uns, mit diesen Shows ziehen wir von Haus zu Haus.“ Aber die Geschäfte gehen schlecht, betont er. „Früher sind wir zu den Familien gegangen und haben dort unsere Show gezeigt, damals haben die sogar richtig darauf gewartet, wir waren ein Event. Aber heutzutage lockt das niemand mehr hinterm Ofen vor. Weil sie heute alle gebildet sind, sie haben keine Zeit mehr dafür, es gibt Fernseher, für uns ist das ein Riesenproblem.“

Wie aufs Stichwort steht plötzlich der ‚Conferencier‘ von vorhin neben mir. Natürlich könnte ich eine kleine Kostprobe dieser ’snake and monkey shows‘ haben, also eine Aufführungen mit dressierten Affen und Schlangenbeschwörung. Nur ohne Affen, die seien gerade nicht da. „Ich machen einen Sonderpreis, nur 1000 Taka“. Mir ist klar, dass ich dabei wahrscheinlich abgezockt werde, aber neugierig bin ich trotzdem. Ich wundere mich noch, dass er das Geld ganz heimlich einsteckt…aber folge erstmal nach draußen. Gopal und mir werden Plastikstühle hingestellt, zwei Männer kommen mit kleinen Holzkästchen. Und dann geht etwas los, das eine gewagte Verhohnepipelung des Begriffs ‚Show‘ ist:

Die Männer öffnen eins der Kästchen und ich erkenne die Schlange sofort: eine Kobra. Scheinbar eine friedliche, denn sie will eigentlich nur wegkriechen. Aber die Männer stupsen sie mit einem Stöckchen, ziehen sie am Schwanz, bis sie sich richtig aufrichtet und ihren Nackenbereich aufplustert – eben so, wie man sich eine wilde Kobra kurz vor dem Zubeißen vorstellt. Triumphierend kucken mich die Männer an. Ich tue ihnen den Gefallen und sage ‚amazing‘, dann wird die nächste Box geöffnet. Diesmal sei es noch eine giftigere Schlange, den Namen hab ich nicht verstanden, sie sieht aber einer Kreuzotter ähnlich. Der ‚Schlangenbeschwörer‘ schnappt sie am Schwanz, die Schlange ringelt sich um seinen Arm und dann schwingt er das arme Tier durch die Luft, immer in meine Richtung. Weil ich nicht zurückzucke, kommt er näher. Ob ich sie mal streicheln wolle, fragt er. Ja, sage ich und sein Kiefer klappt runter, als ich das dann auch wirklich mache. Ob ich denn keine Angst vor diesem hochgiftigen Tier habe? Ein Biss und ich sei innerhalb von einer Minute tot! Ich grinse. „Vorrausgesetzt die Schlange hat das Gift noch“, sag ich dann. Weil ich aber annehme, dass die ‚Beschwörer‘ das Tier einmal am Tag melken, also das Gift entnehmen, sei ein Biss höchstens schmerzhaft, tödlich aber ja nicht. Der Mann im weiß-blauen T-Shirt reißt die Augen auf, schüttelt dann resigniert den Kopf und packt die Schlange wieder weg. Genau das sei das Problem heutzutage. Die Menschen wüssten zu viel. Wie solle man da denn noch eine spannende Show präsentieren…

Fast hab ich ein bisschen Mitleid. Aber nur, bis mir Gopal beim Weggehen sagt, dass er das mit der Bezahlung schon übernommen habe… wir haben also doppelt bezahlt!

Die pfiffigen Bede können also vielleicht keine Schlangen mehr beschwören, Touristen aber schon! 😉

A privat school in Bangladesh (english version)

When I think of private schools, I think of venerable old walls in the midst of lush greenery and tennis courts, with an impressive driveway on which the Ferraris or Rolls Royces roll up to bring the posh girls and boys for their education at an elite school.
That’s why I was especially looking forward to the school of my little Bangladeshi friend Amit. Because he too goes to a private school and he has invited me to visit it with him.

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But even from the outside, it is obvious: A private school in Bangladesh is something completely different than in Europe. To the left and right of the school are ancient brick houses, half demolished, the rubble is partly in large heaps just in front of them. The school itself is also made of unrendered bricks on the ground floor, a dreary-gray concrete block piles up above it and the only ’splendid‘ thing about this building is the stone door frame under the sign at the entrance.
In the entrance area, women sit on narrow wooden benches lined up along the wall. These are ‚guardians‘ explains Amit, and before I can dig deeper, the little man hops up the stairs to the first floor. There, we are welcomed by a visibly excited man in a gray suit – the director and founder of the school, Sanjit Sakar.

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I was told he speaks good English, so I would not need a translator, and he could answer all my questions … But I quickly realize this was a slight misinformation – many of my questions are not answered or answered with completely different information than I hoped to get. Whatever. First I am just shown around and have to look at every single classroom. It strikes me that this school hardly differs from a residential building. The school is on one floor, a long corridor from which about 10 rooms branch off – the classrooms.

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We start with the little ones, the ’nursery‘, and as I understand it, that’s comparable to the preschool in our kindergardens. Only a great deal more colourless. The room is grey and almost bare, only a few balloons sticking forlornly on the wall. Today, there are only four children sitting at two tables which are pushed together, with scissors, paper and pencils in front of them. And apparently they are already practicing first letters. Here, a teacher with a headscarf ‚rules‘ over the children and Amit tells me later that he does not like her at all, because she always beat him, for example, when he got up from his chair without permission or was too naughty in her opinion. Unfortunately, I cannot speak to her directly because she doesn’t know any English. And the director ignores my question, what exactly is taught in the nursery. Instead, he sings the lady’s highest praises, she is a proven expert, he says. And no, there are not always that few children here, but today not all of them came to school because it was so cold. (small note: the school visit took place in January 2018, as it was freezing cold for Bengali conditions – around 10 degrees centigrade).

Amit has to go in his class, the lessons are about to begin. But I realize that he is reluctant to wrench himself away… after all, he has brought the foreign lady and only this fact apparently makes him the star of the school.
I am now guided from room to room, from class to class. The children always have to get up when I step in and, more or less motivated,
they belt out a ‚welcome‘ or ‚how are you, Ma’am‘ for me. Every time I attempt to have a little conversation in English, the differences in the language skills quickly become obvious: In the lower classes, the children do not go beyond ‚how are you ‚ and maybe even ‚what’s your name‘. The older ones, on the other hand, can impart their favorite subjects, their favorite sport and even their knowledge of Germany to me. However, I deliberately keep these ‚visits‘ short, because I do not feel well in the situation which seems similar to interrogations.
Only in Amit’s class I stay longer. Especially to take pictures of a typical classroom in a private school in Bangladesh:

As I already mentioned, not all students are there today, usually at least two, sometimes even three pupils sit at the tables. I can understand that the children only come sporadically in winter…the classrooms cannot be heated, in some rooms you can’t close the windows properly and even if the pupils are wrapped up warmly, the damp cold slowly creeps in from below into all limbs.
By the way, the boy in the last picture is my friend Amit – right at our first meeting he conquered me with his open attitude, his mischievous humour and his cleverness. In recent years, we communicated nonverbally with our hands and feet, but now he is in the seconde grade and meanwhile we have real conversations. Because, unlike in Germany, children in Bangladesh have many more opportunites to use their language skills in English directly, even in everyday life.
A big advantage, I think.

10:30 am, time for a break. That means: 20 minutes free time for the pupils. The very little ones are now picked up again by their parents, the others can go to the playground or stay in the classes and get spicy tomatoes, cucumbers or similar things to eat. Amit usually prefers to stay in class with his friends, as it is not as cold as outside in the mini-playground – which, by the way, is roughly the size of four car-parking spaces. A concrete surface surrounded by rubble.

I take the opportunity and slip into the staff room. There the teachers use their free time to correct the mountains of class work that pile up here. Apparently, they do not give themselves a break. That’s because the teachers here work half-time, so theoretically they are free after class at half past one, explains Subarna Gosh, a young teacher who speaks English very well. Bad luck for her! Because of course she is bombarded with questions by me now …

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The biggest difference between private and public schools, she explains, is the funding: In private schools, some rich people raise money to run the school, and in public schools, the state finances everything. The teaching situation is different: In public schools, there are many more students, often 150 students together in one room, while the private ones have much smaller rooms, so usually only 20 students per class are taught. „With the effect that we teachers can take care of each student individually, the students learn much faster and we also regularly do tests to evaluate the progress.“ At least four tests per trimester in each subject.

The ‚guardians‘ pay for the school – they are the parents, says the young woman and also answers the question that I had in the entrance area of ​​the school …. The women who sat on the benches are apparently waiting parents. „These are the guardians of the new students. They wait there, because sometimes the children have to get used to school. So the guardians wait downstairs until the break, as the little ones stay only for about two and a half hours. „It also happens that a child doesn’t want to stay in school, but the guardians have their methods of motivation: with chocolate, stickers or balloons they make them curious, so that they get used to the class.

„However,“ continues Subarna Gosh, „there are also parents who cannot afford the school. Then the school assists, the parents have to pay half or nothing. But there are only few. „There is an admission charge of 3000 Taka (about 30 euros), but those who cannot pay that, only pay 1000. The monthly costs for the nursery are 600 Taka (6 euros) and the same for the first two classes, the higher classes cost 700 Taka (7 Euro). „Teachers earn very little here. The junior teachers 4000, the senior teachers 5000 Taka monthly. That is very little. In public schools you earn more „. Then why is she working at this school, I ask her. „Because the working hours are short. I’m actually a housewife, but teaching for a few hours here works just fine. And I also do it out of passion.“ The young woman lowers her eyes and even blushes a bit. That’s quite cute – a teacher who likes to do her job … you don’t find that too often in Bangladesh, I’ve already noticed.

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There are 15 teachers at this private school and subjects are Bangla, English, mathematics, religion and sciences, meaning biology, chemistry and physics. Always ex-cathedra teaching, I suppose? Subarna hesitates, does not know exactly what I mean. I talk about concepts like group or project work. She only smiles mildly. No, this is unthinkable here, she admits: „We have such small rooms, sometimes it is quite exhausting when a child is very loud and is yelling around. This disturbs the other classes, so discipline is important to us. But we can only implement it with the help of the parents. The problem is that many parents are illiterate and sometimes do not care so much about education or have a problem educating their children properly, teaching them manners. So we often have to teach the children not only within the curriculum, but also how to behave properly. And because most parents themselves are uneducated, they also do not know how to behave properly towards the teachers. That’s a big problem for us. But because it’s just a private school, we have to endure that. The main problem is education, Bangladesh is just a developing country, a poor country, and most parents are uneducated. If you want, we also bring up the parents a bit, because we try to teach them how important manners and good behavior are for everyone. I think the family is the most important and first instance in which a child learns. So basically we have to start in the families. We’re trying our best here, but I hope the parents will try harder too.

That seems to work pretty well, I think, as I leave the staff room and go down the stairs to the director. Because lessons have commenced, and it is pretty quiet in the classes. Even though there are 250 students at this school, I learn from him. Boys and girls are taught together and the religions are mixed: There are Hindus, Christians, Muslims and Buddhists at his school. But most are Hindus.
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He founded the school 5 years ago, says director Sanjit Sakar. „I wanted to help the poor, the people without possessions, who otherwise have no chance of education. There are many schools in Savar, but ours is different. We attach great importance to a beautiful handwriting and good enunciation. This will later be an advantage for the students. For the parents it is especially important that their children learn English and then maths and sciences. They hope for better chances for their children.“

Of course, he does not finance the school alone, he tells me, he is not that rich … a small smile flits across his face. But then he gets ’serious‘ again and explains the financing: „Every month I need about 150,000 takas to keep the school running (about 1500 euros). We never quite manage to get this amount; from the students we get 100,000 a month. That’s when the seven members of management jump in. These are all business people who earn well: landlords, retailers and the likes. I also own a business and also run an NGO. But we get no money from government, only a few books are provided by it, all other things the parents have to pay.“

This is apparently the only common ground between German and Bengali private schools: The parents have to pay a lot of money. Even if the costs cannot be compared, of course.
Therefore, after school, I ask Amit’s father Gopal why he decided on
a private school. „The school is not far away, the teachers are well educated and the teaching situation is better than at the public school nearby. But honestly, I did not even ask before if the teaching standard is better than in public schools. I know that it is not easy to be accepted at the few really good public schools in Bangladesh – there is enormous competition.

A privat school in Bangladesh

Privatschule – da denk ich an ehrwürdige alte Gemäuer inmitten von sattem Grün und Tennisplätzen, mit einer imposanten Auffahrt auf der die Ferraris oder Rolls Royces anrollen, um die schnieken Mädels und Buben aus der Haute volée der Bildung an der Eliteschule zuzuführen.

Deshalb war ich auch besonders gespannt auf die Schule meines kleinen bengalischen Freundes Amit. Denn auch er geht auf eine Privatschule und er hat mich eingeladen, sie mit ihm zu besuchen.

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Aber schon von außen wir schnell klar: Eine Privatschule in Bangladesch ist was ganz anderes als in Europa. Links und rechts der Schule stehen uralte Backstein-Häuser, halb abgerissen, der Schutt liegt zum Teil in großen Haufen einfach davor. Die Schule selbst ist auch aus unverputztem Backstein, im Erdgeschoss, darüber türmt sich ein trist-grauer Betonkasten und das einzige ‚Prunkvolle‘ an diesem Gebäude ist der steinerne Türstock unter dem Schild am Eingang.

Im Eingangsbereich sitzen Frauen auf schmalen Holzbänken, die entlang der Wand aufgereiht sind. Das sind ‚guardians‘ erklärt mir Amit und bevor ich nachhaken kann,  hüpft der kleine Mann schon die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort empfängt uns ein sichtlich aufgeregter Mann in grauem Anzug – der Direktor und Gründer der Schule, Sanjit Sakar.

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Mir wurde gesagt, dass er gut Englisch spreche, ich deshalb keinen Übersetzer brauche, er könne mir alle Fragen beantworten….Aber ich merke schnell, dass das eine leichte Fehlinformation war – Viele meiner Fragen werden gar nicht oder mit völlig anderen Infos beantwortet als ich haben wollte. Naja, erstmal werd ich sowieso einfach herumgeführt, soll mir jeden einzelnen Klassenraum anschauen.  Dabei fällt mir auf, dass diese Schule sich kaum von einem Wohnhaus unterscheidet. Die Schule ist auf einem Stockwerk untergebracht, ein langer Gang, von dem etwa 10 Räume abgehen – die Klassenzimmer.

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Wir fangen bei den Kleinsten an, der ’nursery‘, und so wie ich es verstanden hab, ist das vergleichbar mit der Vorschule in unseren Kindergärten. Nur ungleich trister. Der Raum ist grau und fast kahl, nur ein paar Luftballons kleben verloren an der Wand. An zwei zusammengeschobenen Tischen sitzen heute nur vier Kinder, vor sich eine Schere, Papier und Stifte. Und offenbar üben sie schon erste Buchstaben. Hier ‚herrscht‘ eine Lehrerin mit Kopftuch und Amit verrät mir später, das er sie überhaupt nicht leiden kann, weil sie ihn immer geschlagen habe, wenn er zum Beispiel unerlaubt vom Stuhl aufgestanden ist oder ihrer Meinung nach zu frech gewesen sei. Leider kann ich nicht direkt mit ihr sprechen, denn sie kann kein Englisch. Und der Direktor ignoriert meine Frage, was genau in der nursery unterrichtet werde, dafür lobt er die Dame in den höchsten Tönen, sie sei eine bewährte Fachkraft, meint er. Und nein, es seien nicht immer so wenig Kinder hier, aber heute sind nicht alle in die Schule gekommen, weil es so kalt sei. (kleine Anmerkung: der Schulbesuch fand im Januar 2018 statt, da war es für bengalische Verhältnisse saukalt – um die 10 Grad).

Amit muss in seine Klasse, der Unterricht fängt an. Aber ich merke, dass er sich nur ungern losreißt… immerhin hat er die Lady aus dem Ausland mitgebracht und allein diese Tatsache macht ihn offenbar zum Star an der Schule.

Ich werde jetzt von Raum zu Raum, von Klasse zu Klasse geführt. Immer müssen die Kinder aufstehen, wenn ich eintrete und schmettern mir mehr oder weniger motiviert ein ‚welcome‘ oder ‚how are you, Mam‘ entgegen. Ich versuche jedes Mal eine kleine Konversation auf Englisch und dabei werden die Unterschiede im Sprachniveau schnell klar: In den unteren Klassen kommen die Kinder nicht über dieses ‚how are you‘ und vielleicht noch ‚what’s your name‘ hinaus. Die Älteren dagegen können mir ihre Lieblingsfächer, den Lieblingssport und sogar ihr Wissen über Deutschland vermitteln. Allerdings halte ich diese ‚Visiten‘ bewusst kurz, denn ich fühl mich nicht wohl in der Situation, die was von Abfragen hat.

Nur in Amits Klasse bin ich länger. Vor allem, um Fotos zu machen von einem typischen Klassenzimmer in einer Privatschule in Bangladesch:

Wie gesagt, es sind heute nicht alle Schüler da, normalerweise sind alle Tische mit mindestens zwei, manchmal sogar drei Schülern besetzt. Dass die Kinder im Winter nur sporadisch kommen, kann ich verstehen…die Klassenzimmer können nämlich nicht beheizt werden, in manchen Räumen kann man nicht mal die Fenster richtig schließen und selbst wenn die Schüler dick eingemummelt sind, kriecht die feuchte Kälte von unter her langsam in alle Glieder.

Der Junge im letzten Bild ist übrigens mein Freund Amit – schon beim ersten Treffen hat er mich mit seiner offenen Art, seinem verschmitzten Humor und seiner Pfiffigkeit erobert. In den vergangenen Jahren haben wir uns mit Händen und Füßen nonverbal verständigt, aber  jetzt ist er in der zweiten Klasse und mittlerweile haben wir schon richtige Gespräche. Denn anders als in Deutschland, haben die Kinder in Bangladesch viel mehr Gelegenheit ihre Sprachkenntnisse in Englisch direkt anzuwenden, auch im Alltag. Ein großer Vorteil, finde ich.

 

10:30 Uhr, Pause. Das heißt für die Schüler: 20 Minuten Freizeit. Die ganz Kleinen werden jetzt schon wieder von ihren Eltern abgeholt, die anderen können in den Pausenhof gehen oder in den Klassen bleiben und kriegen gewürzte Tomaten, Gurken oder ähnliches zu essen. Amit bleibt mit seinen Freunden meist lieber in der Klasse, da ist es nicht so kalt wie draußen auf dem Mini-Pausenhof  – der übrigens gerade mal etwa so groß wie vier Autostellplätze ist. Eine Betonfläche, umgeben von Schutthügeln.

 

Ich nutze die Chance und flutsche ins Lehrerzimmer. Dort nutzen die Lehrer die Zeit, um zum Beispiel die Berge von Klassenarbeiten zu korrigieren, die sich hier türmen. Offenbar gönnen sie sich selbst keine Pause. Das liege daran, dass die Lehrer hier alle halbtags arbeiten, also nach Unterrichtsschluß um halb zwei theoretisch frei haben, erklärt mir Subarna Gosh, eine junge Lehrerin, die sehr gut Englisch spricht. Ihr Pech! Denn natürlich wird sie von mir jetzt mit Fragen bombadiert…

Der größte Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Schulen, erklärt sie, sei die Finanzierung: Bei Privatschulen legen einige Reiche Geld zusammen, um damit die Schule zu betreiben, bei öffentlichen Schulen finanziert der Staat alles. Auch die Unterrichtssituation sei anders: In öffentlichen Schulen gibt es viel mehr Schüler, oft sind da 150 Schüler zusammen in einem Raum, während die Privaten schon viel kleinere Räume hätten, in der Regel also nur 20 Schüler pro Klasse unterrichtet werden. „Mit dem Effekt, dass wir Lehrer auch jeden Schüler einzeln betreuen können, die Schüler lernen dadurch viel schneller und außerdem machen wir regelmäßig Tests, um die Fortschritte beurteilen zu können.“ Mindestens vier Tests pro Trimester in jedem Fach.

Die ‚guardians‘ zahlen für die Schule, also die Eltern, sagt die junge Frau und klärt damit auch die Frage, die ich im Eingangsbereich der Schule hatte….Die Frauen, die dort auf den Bänken saßen, sind also wartende Eltern. „Das sind die guardians der neuen Schüler, die sitzen da, weil sich die Kinder manchmal noch schwer tun, in der Schule zu bleiben. Also waren sie unten bis zur Pause, die Kleinen bleiben ja nur für etwa zweieinhalb Stunden.“ Es komme schon auch vor, dass ein Kind so gar nicht in der Schule bleiben will, aber da hätten sie schon ihre Methoden: Mit Schokolade, Sticker oder Luftballons würden sie dann neugierig gemacht, so dass sie sich an die Klasse gewöhnen würden.

„Allerdings“, fährt Subarna Gosh fort, „gibt es auch Eltern, die sich die Schule nicht leisten können. Da hilft dann die Schule aus, die zahlen dann die Hälfte oder gar nichts. Aber das sind nur wenige.“ Es gebe eine Aufnahmegebühr von 3000 Taka (etwa 30 Euro), wer das aber nicht zahlen könne, zahle halt nur 1000. Und monatlich kämen dann noch 600 Taka (6 Euro) für die nursery und die ersten beiden Klassen dazu, bei den höheren Klassen kostet es 700 Taka (7 Euro). „Lehrer verdienen hier sehr wenig. Die Junior-teachers 4000, die Senior teachers 5000 Taka monatlich. Das ist sehr wenig. An öffentlichen Schulen verdient man schon mehr“. Warum arbeitet sie dann an dieser Schule, frage ich sie. „Weil die Arbeitszeiten kurz sind. Ich bin eigentlich Hausfrau, aber für ein paar Stunden hier zu unterrichten, klappt ganz gut nebenher. Und ich mach es auch aus Leidenschaft.“ Die junge Frau senkt den Blick und wird sogar ein bisschen rot. Ist ja süß – eine Lehrerin, die ihren Job gern macht…das findet man in Bangladesch nicht unbedingt oft, hab ich schon festgestellt.

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15 Lehrer gibt es an dieser Privatschule und unterrichtet wird Bangla, Englisch, Mathematik, Religion und Wissenschaften, also Biologie, Chemie und Physik. Immer im Frontalunterricht, nehm ich an? Subarna stutzt kurz, weiß nicht genau was ich meine. Ich erzähle von Konzepten wie Gruppen- oder Projektarbeit. Sie lächelt nur milde. Nein, daran sei hier nicht zu denken, sagt sie dann: „Wir haben so kleine Räume, da ist es manchmal ganz schön anstrengend, wenn ein Kind sehr laut ist und rumschreit. Das stört auch die anderen Klassen, deshalb ist bei uns Disziplin schon auch wichtig. Aber wir können das nur mit Hilfe der Eltern umsetzen. Das Problem ist, dass viele Eltern Analphabeten sind und manchmal Bildung nicht so wichtig nehmen oder ein Problem haben, ihre Kinder richtig zu erziehen, ihnen Manieren beizubringen. Also müssen wir den Kindern oft nicht nur den Lernstoff beibringen, sondern auch noch, wie man sich richtig benimmt. Und weil die meisten Eltern selbst ungebildet sind, wissen sie auch nicht, wie man sich den Lehrern gegenüber richtig verhält. Das ist für uns schon ein großes Problem. Aber weil es halt eine Privatschule ist, müssen wir das ein Stück weit ertragen. Das Hauptproblem ist Bildung, Bangladesch ist halt ein Entwicklungsland, ein armes Land, und die meisten Eltern sind ungebildet. Wenn man so will, erziehen wir die Eltern auch ein Stück weit noch mit, weil wir versuchen ihnen beizubringen, wie wichtig Manieren und gutes Benehmen für alle sind. Ich denke hat, die Familie ist die wichtigste und erste Instanz, in der ein Kind lernt. Also müssen wir im Prinzip schon in den Familien anfangen. Wir versuchen hier unser bestes, aber ich hoffe, dass auch die Eltern sich mehr bemühen.“

Das scheint ganz gut zu klappen, denke ich als ich das Lehrerzimmer verlasse und die Treppe runter zum Direktor gehe. Denn es ist wieder Unterricht und ziemlich ruhig in den Klassen. Obwohl es an dieser Schule 250 Schüler gibt, erfahr ich von ihm. Jungen und Mädchen werden zusammen unterrichtet und auch die Religionen sind gemischt: Es gäbe Hindus, Christen, Muslime und Buddhisten an seiner Schule. Aber die meisten sind Hindus.

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Er habe die Schule vor 5 Jahren gegründet, sagt Direktor Sanjit Sakar. „Ich wollte den armen, besitzlosen Menschen helfen, die sonst keine Chance auf Bildung haben. Es gibt in Savar sehr viele Schulen, aber unsere ist anders. Wir legen hier viel Wert auf eine schöne Schrift und gute Ausdrucksweise. Das wird später ein Vorteil für die Schüler sein. Den Eltern ist es vor allem wichtig, dass ihre Kinder Englisch lernen und dann Mathe und Wissenschaften. Sie erhoffen sich dadurch für ihre Kinder besser Chancen.“

Aber er finanziert die Schule natürlich nicht allein, verrät er mir, so reich sei er dann doch nicht… Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht. Aber dann wird er wieder ’seriös‘ und klärt mich über die Finanzierung auf: „Monatlich brauch ich etwa 150.000 Taka um die Schule am Laufen zu halten (etwa 1500 Euro). Wir schaffen es eigentlich nie, dieses Geld reinzukriegen, von den Schülern kriegen wir 100.000 im Monat. Deshalb springen dann die sieben Mitglieder des Managements ein. Die sind alle Geschäftsleute, die gut verdienen: Landvermieter, Einzelhändler oder so. Ich selbst habe auch ein Geschäft und leite außerdem noch eine NGO. Aber wir bekommen keinerlei Geld vom Staat, nur einige Bücher werden von ihm gestellt, alle anderen müssen die Eltern zahlen.“

DAS ist offenbar die einzige Gemeinsamkeit zwischen deutschen und bengalischen Privatschulen: Die Eltern müssen richtig viel Geld zahlen. Auch wenn sich die Kosten natürlich nicht vergleichen lassen.

Deshalb frage ich nach der Schule Amits Vater Gopal, warum er sich eigentlich für eine Privatschule entschieden hat. „Die Schule ist nicht weit weg, die Lehrer sind gut ausgebildet und die Unterrichtssituation ist besser als an der öffentlichen Schule in der Nähe. Aber ganz ehrlich, ich hab mich vorher gar nicht erkundigt, ob der Lehr-Standard besser ist als an öffentlichen Schulen. Ich weiß halt, dass es nicht leicht ist, an den wenigen richtig guten public schools in Bangladesch angenommen zu werden – da herrscht ein enormer Wettbewerb.“

 

 

 

 

Daily life and demise in Savar

Nicht nur im Tempelbezirk wird Alltag gelebt, sondern auch direkt drum herum: Direkt vor dem Tor schließt sich ein kleiner Lebensmittelmarkt an. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele verschiedene Gemüsesorten es in Bangladesch gibt und zwar im Land selbst, importiert wird so gut wie nichts! Manches Grünzeugs sieht aus wie frisch aus dem See gezogene Algen, scheint aber eine Art Spinat zu sein. Ich kann mir leider weder die verschiedenen Knollengemüse noch die diversen Zucchini-Okra-Kürbis-Arten merken, aber im Essen bin ich dafür ganz groß 😉

Deshalb ziehen mich auch die vielen kleinen Garküchen oder Street-food-Stände magisch an. Oft gibt es diese frittierten Teigtaschen, die man in Indien Samosa nennt. Und egal ob vegetarisch oder mit Fleisch, sie sind einfach köstlich gewürzt – oft ziemlich scharf, aber immer LECKER!!!

Gopal zieht mich weg von den Ständen. Einmal, weil er mir noch den Handwerker-Markt zeigen will und außerdem – er kuckt mich vorwurfsvoll an – weil doch Mona, seine Frau, mich noch bekochen will…

Also biegen wir mal rechts mal links ab, mal sind die Gassen so schmal, dass ich mit den Schultern fast stecken bleibe, mal enden sie in kleinen Plätzen. Und immer wieder stolpern wir über Händler, die ihre oft lebende Waren anbieten.

 

Für Amit bin ich viel zu langsam, er kann gar nicht verstehen, was ich zum Beispiel an so ’nem großen, ollen Haus finde. Klar, er hat bestimmt noch nie von Kolonialstil gehört und wenn etwas nicht bunt und knallig ist, interessiert es ihn nicht wirklich. Deshalb verabschiedet er sich an der nächsten Seitengasse auch von uns. Er gehe schon mal heim, meint er. Und kaum ist er weg, entdecke ich in einem Hinterhof eine skurille Werkstadt für motorisierte Transport-Rikschas…

Noch eine Ecke weiter lucke ich durch ein leicht geöffnetes Tor….dahinter eine Art Tempel. Allerdings ist irgendetwas anders hier, auch wenn ich nicht greifen kann, was. Das hier sei ein….Gopal sucht nach dem richtigen Wort…der Ort, an dem die Toten verbrannt werden. Ein Krematorium? Genau, meint er und zeigt mir eine Art metallenes Bettgestell. Damit werden die Toten transportiert, dann auf den Steinblock gelegt, wo der Leichnam sorgfältig gewaschen und in Tücher gewickelt wird. Ich schau mich nach den Resten von einem Scheiterhaufen um… denn meines Wissens werden die Toten ja dort öffentlich verbrannt. Das hier sei ein etwas moderneres Krematorium, meint Gopal und bringt mich zu einem gemauerten Etwas ein paar Schritte weiter. Der Leichnam werde zwischen diesen beiden Mäuerchen auf die Metallträger gelegt, von unten wird ein Feuer entzündet und der Tote so verbrannt. Und danach, er deutet auf das andere Ende der Mäuerchen, danach werde die Asche mit Wasser über die Rinnen in den See gespült.

Das heißt, die Asche fließt in den See im Tempelbezirk, frage ich. Gopal nickt. In den See, in dem vorher die Männer gebadet haben? Wieder nickt er. Aber ich dachte, die Asche von Hindus sollte in den heiligen Fluss Ganges fließen…? Nachsichtiges Lächeln von Gopal. Irgendwie fließe doch alles Wasser durch jeden Fluss…

Als wir diesen Ort verlassen bin ich…ja was? Erschüttert? Nein, eher ernüchtert. Ich habe mir die hinduistische Bestattungszeremonie irgendwie pompöser, auch glamouröser vorgestellt. Wahrscheinlich hab ich da noch Bilder von irgendwelchen Sandalen-Filmen im Kopf. Und die Verbrennungs-Mäuerchen passen so gar nicht zu diesen Bildern.

Weiter geht’s vorbei an bunten Marktständen. Oder auch weniger bunten. Ein Stand fällt nämlich gerade durch mangelnde Farbe auf: Eine Art grobes Garn liegt hier und Büschel von Textilstreifen. Sieht alles aus wie Matratzen-Füll-Material. Das ist es auch, erklärt Gopal. Und das grobe Garn ist Jute.

Ich stelle fest, dass ich Jute eigentlich nie in Garnform gesehen habe. Ich kenn’s nur von den Beuteln, die man in den 80ern als Plastikersatz nehmen sollte, wenn man sich umweltbewusst und cool geben wollte. Oder von den riesigen Kartoffelsäcken, die meine Oma immer hatte.

In Bangladesch findet man Jute aber überall. Sie ist eine der Haupt-Export-Produkte des Landes und Jute aus Bangladesch deckt einen Großteil des Weltmarktes ab. Übrigens findet sich die bengalische Jute höchstwahrscheinlich auch in fast jedem unserer Autos…dieser nachwachsende Rohstoff wird nämlich gern als Dämmmaterial zum Beispiel in den Autotüren verwendet.

Beim Stoffhändler am Nebenstand spielt sich eine typische Szene ab: Der Verkäufer breitet verschiedene goldgewirkte rote Stoffbahnen aus. Eine glitzeriger als die andere. Direkt vor ihm sitzen zwei Männer, zwei Frauen in etwa anderthalb Meter Abstand dahinter.

Hier wird gerade ein Brautkleid ausgesucht! Wobei ich nicht den Eindruck habe, dass das junge Mädchen mit den unverschleierten Haaren – bestimmt die Braut in spe – viel bei der Auswahl mitzureden hat.

Und dann endlich sind wir bei den Werkstätten angelangt. Hier gibt es Alltagsgegenstände genauso wie Luxusware. Und alles wird direkt und vor aller Augen gefertigt.

Diese Männer stellen zum Beispiel ein typisches bengalisches Küchenmesser her. Es hat eine große, dolchartig gebogene Klinge, die an einem kleinen Gestell befestigt ist. Wie eine Art Dreifuß sieht das aus, der zu einer Seite hin verlängert ist. Denn die bengalische Hausfrau verrichtet die meiste Arbeit in der Hocke auf dem Boden. Das Messer mit Gestell wird vor ihr aufgestellt, mit der Klinge von ihr weg, den Fuß hat sie dabei auf dem verlängerten Gestellausleger. Und alles, was geschnitten werden muss, wird dann in einem Affenzahn über die Klinge gezogen. Das Gemüse wird also zum Messer geführt und nicht umgekehrt, wie bei uns.

Und wieder glitzert es! Wir sind bei den Goldschmieden angelangt. Hier werden gerade Ohrringe und Anhänger für Ketten hergestellt. Was für eine fisselige, filligrane Puzzle-Arbeit: Der Goldschied frickelt nämlich winzige Goldblättchen auf ein fingerdickes schwarzes Etwas, wo es in verschiedene zarte Formen drapiert wird. Das schwarzes Etwas sei…modeling clay, erklärt mir der Goldschmied. Ich schau kurz zu Gopal – hab ich das richtig verstanden? Das ist Knete?

Ja, ist es. Und in die wird die gewünschte Form leicht eingestanzt, die Goldplättchen vorsichtig an die richtige Stelle gerückt und dann wird das Ganze mit einer Art Puder bestreut. Das sei Klebstoff, murmelt der Goldschmid hoch konzentriert, wirft einen Bunsenbrenner an und schreicht mit der Flamme vorsichtig und gleichmässig über das Schmuckstück. Geschafft! Er löst der Ohrring vorsichtig von der Knetmasse, tunkt ihn in einen Wasserbecher und präsentiert ihn mir dann stolz auf der Handfläche.

I’m deeply impressed!

 

 

Discoveries in Savar

Für mich braucht es gar nicht die super-aufregende Sight-seeing-Tour zu sein – in Bangladesch entdecke ich an jeder Ecke Schönes, Erstaunliches und Beeindruckendes. So zum Beispiel bei einem Rundgang durch Savar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka, den ich im Januar erkundet habe. Meine beiden Führer sind gute Freunde von mir und abgehärtet genug, jede meiner unzähligen Fragen nach bestem Wissen zu beantworten. Darf ich vorstellen: Amit (rotes T-Shirt) und Gopal!

Savar gopal

Ich war zwar schon öfter in Savar, aber wenn man per Rikscha oder Auto unterwegs ist, sieht man doch manches nicht wirklich. Aber diesmal sind wir zu Fuß unterwegs und schon nach ein paar Hausecken fallen mir kleine Statuen vor den Eingängen auf, weiblich, manche mit einem Instrument in der Hand, andere mit anmutiger Armhaltung – fast wie im Tanz erstarrt. Bestimmt eine der unzähligen Hindu-Gottheiten, immerhin gibt es in Savar eine ziemlich große Hindu-community. Stimmt, meint Gopal, das sei Sarasvati, die Göttin der Weisheit und Gelehrsamkeit. In wenigen Tagen sei das Puja dieser Göttin und schon jetzt bereiten alle Hindus in Savar sich darauf vor. Schon wieder ein Puja – irgendwie ist immer gerade irgendeines dieser Feste für einen Gott oder eine Göttin, wenn ich in Savar bin.

Diese Göttin sei besonders wichtig, erklärt mir Amit. Er würde ihr in der Schule immer ein Opfer bringen, weil sie die Schutzpatronin des Lernens sei – und wenn man ihr ein schönes Geschenk mache, kriege man gute Noten!

Gopal grinst als er mir die Erklärungen seines Sohnes übersetzt. Und lenkt schnell ab, als ich mehr über diese Göttin wissen will, ob sie auch eine Verkörperung von Brahma ist, wie wichtig innerhalb der Götterhierarchie und ob es eine Legende zu ihr gäbe… Das ist typisch. Denn Gopal weiß meist wenig über die Götter, auch wenn er alle Rituale mitmacht. Seine Frau dagegen, die könne das alles erklären.

Ob ich sehen will, wie die Statuen hergestellt werden, fragt er deshalb schnell – Er weiß halt, wie er mich kriegen kann 😉

Auf einem kleinen Platz ein paar Häuser weiter seh ich sie: Eine ganze Armee von Göttinnen. Manche noch völlig roh, mit einer Basis aus einem Stroh-Matsch-Gemisch, andere schon fertig ausgearbeitet, manche nackig, andere mit einem raffinierten Faltenwurf bedeckt, aber alle grau, innen hohl und noch unbemalt. Der Künstler, der offenbar all diese Göttinnen fertigt, sitzt mitten auf dem Platz, die Göttinnenarmee hinter sich. Vor ihm eine Figur, die zwar schon fast fertig, aber noch ohne Hände ist. Fast liebevoll modelliert er ihren Hals, streicht ihn glatt und blickt nicht hoch, als ich ihn grüße. Aber bei meinem  „Namaskar“ huscht ein Lächeln über sein Gesicht und er ist auch sofort einverstanden, mir Fragen zu beantworten. „Das interessiert mich auch“, flüstert Gopal mir zu, „aber ich hab mich nie getraut, ihn auszufragen“. Es gäbe verschiedene Haltungen und Attribute für die Göttin, erklärt der Künstler. Diese hier – er streicht der Statue über die kleine Speckfalte am Bauch – habe ein langhalsiges  Instrument im Arm und eine Gans zu ihren Füssen, die Symbole für Musik und Weisheit. Aber wie schafft er es, dass die Gesichtsausdrücke der Göttinnen bei allen gleich zart, wissend lächelnd aber auch etwas abwesend aussehen? Jetzt blickt er auf. Das sei ein Trick. Und er zieht eine Art handtellergroße, gewölbte Schale aus seinem Hüfttuch. Das sei quasi eine Schablone, die drücke er nur vorsichtig auf den feuchten Lehm und schon habe jede Göttin den passenden Gesichtsausdruck. Die meisten Statuen werden später noch bemalt, sagt er. Manche kriegen sogar noch prächtige Gewänder angelegt und auf jeden Fall wird an den Löchern am Hinterkopf der prächtige Kopfschmuck befestigt. Er deutet auf den Tempel gegenüber. Da drin sei zwar Kali und nicht Sarasvati zu sehen, aber auch diese Statue sei ursprünglich mal ein grau und nackt gewesen.

Savar Göttin3

Wir gehen weiter, denn Amit hat was entdeckt, was er mir unbedingt zeigen will:  Drachen…

Tatsächlich präsentieren mir ein paar Jungs stolz ihre selbstgebastelten Fluggeräte und als ich sie wenig später im Tempelbezirk wieder treffe, muss ich zugeben: Diese Drachen stehen wie eine Eins am Himmel.

Gopal will mir noch einen anderen Tempel zeigen, einen, in dem angezogene Statuen zu sehen sind und auch welche, deren Gewänder und Schmuck nur modelliert sind.

‚Angezogen‘? Ich dreh mich laut prustend zu Gopal um. Bestimmt ist das schrecklich blasphemisch, schießt es mir durch den Kopf…aber ich kann mir das Lachen einfach nicht verkneifen. Und der Hindu Gopal lacht mit. Nur Amit schaut uns beide verständnislos an…

Weiter geht’s zum eigentlichen Tempelbezirk von Savar. Der sei ziemlich berühmt, weil es hier auch einen großen Ashram gibt, also eine Art Meditationszentrum oder Kloster, meint Gopal. Ich erwarte also irgendwas Besonderes, Heiliges, sobald wir das Tor passiert haben…

Und bin erstaunt, dass am Weg farbenfrohe Wäsche hängt, Männer ungeniert im See baden und etwas weiter hinten lautes Klopfen zu hören ist. Jede Menge Holzlatten liegen hier rum, nein, keine Latten, eher sowas wie Paletten… Das sind Lattenroste. Für Betten. Erklärt Gopal auf meinen erstaunten Blick hin.

Eine Holzwerkstatt mitten im Tempelbezirk, Wäsche an der Leine, der See ist eine Art Badezimmer – ob das normal ist, frage ich? Klar, kommt zurück, für Hindus sei das Leben selbst heilig, mit allen Banalitäten und Alltäglichkeiten. Deshalb sei auch der Tempelbezirk ein Ort des Betens, des Meditierens, aber auch des Lachens und einfachen Lebens.

Ganz kurz hab ich Bilder von katholischen Kathedralen im Kopf, von Weihrauch, flüsternden Kirchenbesuchern und gesenkten Blicken… Ich glaube, dieser Aspekt des Hinduismuses ist mir sehr sympathisch!

 

Everytime you think, nothing will go well…

Mehr Integration als heute, geht fast nicht mehr: Ich hatte einen eigenen Schreibtisch in einem bengalischen Großraumbüro! Außerdem wurde ein abenteuerlicher Adapter aus Klebestreifen und Plastikbuchsen für mein Laptop-Kabel gebastelt und beim Mittagessen wurden meine Bangla-Kenntnisse getestet.

Und dann hatte ich auch noch die ehrenvolle Aufgabe, die niegel-nagel-neuen Gästezimmer kritisch zu beäugen und Verbesserungsvorschläge zu machen, also quasi eine Wunschliste nach europäischem Geschmack zu erstellen.

Mein Ehrgeiz war es dabei, mit wenig Aufwand und möglichst kostengünstig, ein bisschen pragmatischen ‚Luxus‘ (für hiesige Verhältnisse) vorzuschlagen. Eine Türhakenleiste zum Beispiel, damit man im Bad auch was aufhängen kann, oder Nachtischlampen, damit man nicht im Dunkeln quer durchs ganze Zimmer tapsen muss oder ein weiteres Laken als leichte Zudecke. Bei der auf dem Bett muss ich nämlich schon schwitzen, wenn ich sie nur ansehe . Jedenfalls kamen meine schwäbisch-spartanischen Vorschläge gut an und ich hab jetzt den Titel ‚migrant worker at CDD‘ gekriegt 😉

guesthouse zimmer

Foto: Yvonne Koch

Bei meiner eigenen Arbeiten hat dagegen so gar nichts geklappt…fast alle Gespräche, die ich vorab geplant hatte, wurden abgesagt oder wackelten jedenfalls bedenklich. Leichte Panik…und wenn ich so gar nichts von meinen Themen umgesetzt kriege? Wenn die ganze Recherche und Vorarbeit umsonst war?

Irgendjemand lacht mich aus! Jedenfalls klang das, was mich aus den Gedanken gerissen hat, nach einem hämischen Lachen.

Tatsächlich war es ein Gecko der es sich direkt an meinem Fenster gemütlich gemacht hat. Vielleicht sogar derselbe, der mich in der Nacht schon beglückt hat mit seinem Geckern. Gesehen hab ich ihn nicht, draußen  war schon alles dunkel und ich hätte ihn wahrscheinlich nichtmal bemerkt, wenn er sich bewegt hätte. Aber dass sich plötzlich was auf meinem Laptop bewegt, das konnte ich schon sehen….

Drei Chat-Fenster springen gleichzeitig auf. Im einen werden mir Pärchen zugesagt, die sich im Heiratswahn hochverschuldet haben, im anderen erfahr ich von einem Dorf voller Tiger-Witwen, also Frauen, deren Männer jeweils zwischen die Zähne bengalischer Tiger geraten sind und im dritten steht, dass das Interview mit dem im Moment am meisten gefährdeten Journalisten in Bangladesch klappt.

Was soll ich sagen….es ge(cko)ht doch…

 

coulorful quality time

Endlich ging’s doch nach Savar, zu dem Menschen, den ich von allen Bangladeshi der letzte Reise am meisten schätze. Wegen seiner Offenheit, seiner unkomplizierten Art und seiner Fähigkeit, innerhalb von Sekunden ganze Heerscharen zu organisieren.

Er kommt uns schon grinsend entgegen, hinter ihm silbrig glänzende Gnome…nein, es sind Kinder, von oben bis unten mit Farbe beschmiert und mit Spritzflaschen bewaffnet. Muss ich betonen, dass ich mit meiner weißen Lieblingshose nicht gerade begeistert war, diese Rasselbande mit den farblüsternen Blicken näher kommen zu sehen?

Geistesgegenwärtig zücke ich die Kamera – die hat mir ja schon einmal zu mehr Autorität verholfen. Und ja, es klappt, bis zur Eingangstür bleibe ich tatsächlich unbeglitzert. Aber dort umarmt mich die Herrin des Hauses und schmiert mir dabei ihre Silberwange genüsslich über meine bisher unbefleckte…Wer schon mal diese komische Jod-Tinktur auf Wunden gesprüht hat kann übrigens wahrscheinlich einschätzen, wie schlecht man diese Glitzerpaste, die beim Abwaschen ins Gelbe verfärbt, wieder abkriegt.

Foto: Yvonne Koch Tempelruine im Hinterhof

Foto: Yvonne Koch
Tempelruine im Hinterhof

Aber meine ‚Kriegsbemalung‘ hat auch zwei Vorteile: Ich hab die Farb-Initiation hinter mir und trotzdem noch saubere Kleider – und ich kann so fast unauffällig das bunte Treiben im Hinterhof beobachten: Die Musik ist laut aufgedreht, große und kleine Glitzergnome hoppeln laut singend durcheinander und tauchen sich gegenseitig mit wachsender Begeisterung in eine zentimeterdicke Schicht. Die ganze Nachbarschaft ist hier auf den Beinen und alle, von der blaugefärbten Oma bis zum beklecksten Windelhosen-Wackel, scheinen einfach nur….glücklich.

Übrigens werde ich – weil ich ja mittlerweile wieder fast farbfrei war – danach noch von drei älteren Wesen der Knallfarbenfraktion beglückt, mit Pink, Kobaltblau und Orange-Rot.

Hintergrund dieser Farbenschlacht ist das hinduistische Fest Holi. Es basiert auf einer Legende, wonach die beiden verliebten Götter Krishna und Radha sich an diesem Tag mit Farben beworfen haben…aus purer Lebensfreude und weil sie verliebt waren. Aus Verehrung für diese Götter ahmen gläubige Hindus diese Götter nach – offiziell ist es ein Frühlingsfest. Tatsächlich ist es einfach für alle ein Heidenspaß!