Changed situation 3 – political views

Cox’s Bazar ist die nächst gelegene Stadt zu den Flüchtlingscamps. Sie liegt direkt am Meer, am größten Strand der Welt – jedenfalls brüstet sich Bangladesch mit diesem Titel. Cox’s Bazar selbst ist eine der wenigen touristischen Orte in Bangladesch mit unzähligen Hotels, Restaurants, Strandbars und Souvenirläden. Hierher kommen die Bangladeshi in den Flitterwochen, Familien machen hier Urlaub und Unternehmen, die ihren Mitarbeitern was Gutes tun wollen, verlegen ihre Wochenend-Workshops hierher. Ausländische Touristen konnte Cox’s Bazar trotzdem nur selten anlocken, denn der Sandstrand zieht sich zwar endlos die Küste entlang, aber es fehlt ihm an ‚exotischem Flair‘: es gibt keine Palmen, keine idyllischen Buchten oder malerische Fischerdörfer.

Seit der großen Flüchtlingswelle im August 2017 hat sich das allerdings geändert. Man sieht inzwischen überall hellhäutige Gesichter, hört spanische, deutsche, dänische oder englische Wortfetzen. Der Verkehr hat drastisch zugenommen und in den Hotels ist es zunehmend schwierig, ein Zimmer zu bekommen, denn viele NGOs haben ganze Etagen angemietet, in die sie Büros für die Koordination ihrer Hilfsprojekte in den Flüchtlings-Lagern verlagert haben.

Die Bangladeshi, die für ausländische Organisationen arbeiten, sind größtenteils gut ausgebildete, clevere und flexible Partner. Und sie haben den Überblick, gute Sensoren für die aktuelle Stimmung und feine Antennen für die kleinsten politischen Veränderungen. Ich treffe mich nacheinander mit dreien von ihnen in einer Hotellobby. Die Interviews in meinem Hotelzimmer zu machen ist nicht möglich, eine Frau, die Männer mit auf ihr Zimmer nimmt – das geht im muslimischen Bangladesch einfach nicht. (*Ach ja, bitte nicht wundern, jeder meiner Gesprächspartner hat hier einen Fake-Namen. Sie waren sehr offen und manche ihrer Aussagen könnten verhängnisvoll für sie sein, deshalb kriegen sie hier bengalische Allerweltsnamen)

IMG_20181112_143340365 bearbeitet

Asad* macht es sich auf einem der Kunstledersofas bequem, er hat heute nicht die hellbraune Oxfam-Weste an, die sich sonst über seinem imposanten Bauch wölbt. Er sei nicht als Vertreter seines derzeitigen Arbeitgebers hier, sondern als Privatperson mit einer gewissen Erfahrung, verkündet er und zwinkert mir zu. Er kokettiert mit dieser Bescheidenheit, denn in der Helferszene von Bangladesch ist Asad* eine Größe. Er hat schon für fast alle Hilfsorganisationen gearbeitet, nationale wie internationale. Und er hat den Überblick:

„Im Moment beobachtet die Regierung – und auch die Einheimischen – dass die Rohinga die Umgebung zerstören. Sie fällen die Bäume weil sie das Feuerholz brauchen, dadurch zerstören sie ganze Wälder. Und außerdem: viele Rohinga verrichten ihre Notdurft immer noch im Freien, unter den Bäumen, dadurch entsteht auch ein Gesundheitsrisiko für die Lager. Und dann werfen sie ihren Müll einfach in die Kanäle, bei ihren Häusern, dadurch kann es sowohl für die Rohinga als auch für die Ortsansässigen zu Krankheiten kommen. Dazu kommt: Bangladesch ist sowieso anfällig für Naturkatastrophen und die Gegend von Cox’s Bazar ist besonders von Zyklonen, Erdrutschen und Sturzfluten betroffen. Und wenn sich sowas ereignet, werden die Hütten der Rohinga, die ganzen Camps und all ihre Habseligkeiten zerstört. Und dann gibt es noch die Gefahr, dass Feuer ausbricht. Wenn das mal passiert, dann fackelt das komplette Camp ab. Auch die Ortsansässigen könnten dann betroffen sein“

Das Rohinga-Problem betreffe aber schon längst nicht mehr nur die Bangladeshi, die direkt um die Lager herum leben, gibt Masud* zu bedenken. Er arbeitet im Moment für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP:

„Schon jetzt zerstreuen sich die Rohinga, du kennst doch den Norden von Bangladesch, dort sind sie auch schon angekommen, zum Beispiel in Gaibandha, Rangpur, Dinaspur. Und auch in Dhaka, in der Hauptstadt, gibt es sie, vor allem in Gazipur und Savar, dort wo die Gewerbegebiete sind. Viele Rohinga haben mittlerweile Dokumente, ID Karten/Pässe oder Geburtsurkunden. Die haben sie illegal besorgt und es sind mittlerweile auch nicht mehr nur 1 Million Rohinga, sondern 1,5 Millionen.“

Natürlich bringt allein die Masse an Menschen, die im Süden von Bangladesch auf eingeschränktem Raum leben müssen, Probleme mit sich. Deshalb hat sich die Stimmung bei den Bengalen mittlerweile komplett gedreht, berichtet Ibrahim*, der für eine deutsche Entwicklungsorganisation die Projekte in den Rohinga Lagern koordiniert.

„Die meisten Menschen in Bangladesch sind mittlerweile wirklich sauer über die Situation, auch weil man jeden Monat neue Nachrichten in den Zeitungen liest, dass Rohingas in Drogenhandel verstrickt sind oder sowas“

Ibrahim* bricht plötzlich ab, schaut sich nervös in der Hotellobby um und rutscht unruhig auf dem Kunstleder-Sofa hin und her. Ich merke dem schlanken, großen Mann die Anspannung an, aber er hat sich offenbar entschieden, jetzt Tacheles zu reden:

„Es ist schon eine Veränderung bei der Regierung zu merken. Anfangs hieß die Regierung alle willkommen, hat die Grenzen geöffnet und alle einfach aufgenommen und versucht, ihre Leben zu retten. Und meine ganz persönliche Meinung ist, dass es unserer Regierung ganz gut in den Kram passte, als 2017 die große Flüchtlingswelle zu uns geschwappt ist, das hat die internationale Gemeinschaft nämlich schön von unseren innenpolitischen Problemen abgelenkt, also von allen politischen Entscheidungen, die fragwürdig waren. Und so hat Bangladesch international einen guten Ruf erlangt, die internationale Gemeinschaft gegenüber der aktuellen Regierung gewogen gemacht.“

Ja, innenpolitische Probleme hat Bangladesch einige. Und die gravierendsten sind: Korruption und eine sehr stark eingeschränkte Presse- und Meinungsfreiheit. Beides hat sich in den letzten Jahren immer mehr verschärft. Im jährlichen Ranking des Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International von 2018 ist Bangladesch auf Platz 149 von 180 gelisteten Ländern und gilt damit als hoch korruptes Land. Vor allem auch, weil es sich im Vergleich zum Vorjahr nochmal um sechs Plätze verschlechtert hat. Gleichzeitig wird die kritische Berichterstattung seit Jahren eingeschränkt: Journalisten und Blogger werden in ihrer Arbeit behindert, bedroht und sogar getötet. Reporter ohne Grenzen beobachtet diese Entwicklung seit Jahren und stuft Bangladesch in puncto Pressefreiheit deshalb im unteren Bereich des weltweiten Vergleich ein, aktuell auf Platz 146 von 180 untersuchten Ländern. Kurz vor den Parlamentswahlen in Bangladesch im vergangenen Jahr wurde die Meinungs- und Pressefreiheit sogar zusätzlich durch den ’new digital security act‘ eingeschränkt: Jetzt können alle Äußerungen, die sich gegen staatliche Interessen, die Regierung oder deren Vertreter richten, als Propaganda eingestuft werden – dafür sind Haftstrafen von 10 Jahren bis lebenslänglich möglich

Camp impressions (207) bearbeitet

In Bangladesch gäbe es faktisch keine Pressefreiheit, meint Ibrahim*: „Meiner Meinung nach versucht die Regierung alles zu beeinflussen. Alles, ob das Extremismus ist oder Sexualität oder Rohinga, einfach überall legt sie den Menschen die Hand vor den Mund. Und weil die Journalisten vieles nicht mehr sagen, kriegen die Menschen nicht mehr die richtigen Informationen, das bedeutet, sie sehen keinen Grund sauer, ängstlich oder frustriert gegenüber der Regierung zu sein und darauf kommt es ihr ja an.“

Das beste Beispiel sei die ‚Insel-Lösung‘, also die Idee der Regierung von Bangladesch, hundert Tausende Rohinga auf eine Insel im Golf von Bengalen umzusiedeln. Tatsächlich ploppt diese Idee schon seit Jahren immer wieder auf, aber sie war lange nur ein Gerücht, kein bengalischer Journalist wusste mehr darüber.

Erst im Januar 2018 erfahre ich mehr: Ein bengalischer Bekannter, der über Kontakte zu Hilfsorganisationen und der Regierung verfügt, erzählt mir bei einem Treffen in Frankfurt, dass es Satelliten-Bilder der Schwemmland-Insel Bashan Char gäbe, worauf ganz deutlich zu sehen sei, dass dort gebaut werde. Straßen sind zu erkennen und ein Hubschrauber-Landeplatz. Auf Aufnahmen vom Mai 2018 sind bereits Gebäude und Dämme zu sehen. Aber mehr war lange Zeit nicht herauszufinden. Die Regierung von Bangladesch hatte Bashan Char zum Sperrgebiet erklärt. Das heißt, kein Reporter, kein Fischer und kein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation durfte auf die Insel. Die Informationen waren dementsprechend dürftig. Sie sei sehr flach, erzählten Fischer, die die Insel jahrelang als Zwischenstopp bei ihren Tagestouren nutzten. Bei jedem Sturm und während der Monsunzeit sei der Großteil komplett überschwemmt, der Boden sei versalzen und wohnen könne man da nicht. Nur Piraten würden die Insel ab und zu als Stützpunkt nutzen.

14 d rohingya-info-1551612897141

Im Herbst 2018 tauchen dann plötzlich Bilder von der Insel in regierungsnahen Zeitungen auf: Baupläne von Architekten, auf denen die Einteilung der langgezogenen Baracken zu sehen war. Auch einige wenige Fotos von den Baustellen. Offenbar hat die Regierung von Bangladesch das Sperrgebiet für einige handverlesene Journalisten geöffnet. Und im Dezember 2018 gelingt es einem Fernsehreporter des amerikanischen Senders ABC-News, heimlich auf die Insel zu kommen und die Baustellen im Südwesten der Insel zu filmen. Auf engstem Raum ist dort eine Siedlung entstanden, die ein bisschen an eine römische Garnisonskaserne erinnert: Unzählige Langhäuser stehen hier in rechtem Winkel zueinander, bilden jeweils ein Karree. Sie sind aus Beton , haben leuchtend rote Satteldächer und stehen nicht direkt auf der Erde sondern auf Stelzen. Die einzelnen Räume sind klein, in den meisten ist gerade mal Platz für zwei Stockbetten. 1440 dieser Baracken soll es schon auf der Insel geben und in jeder einzelnen sollen 16 Familien untergebracht werden.

Viele Bangladeshi wissen nach wie vor nichts von dieser ‚Insel-Idee‘, auch Asad* mit all seinen Kontakten fühlt sich nicht richtig informiert. Aber eine Meinung dazu hat er trotzdem:

„Ich weiß ein bisschen über diese Insel, sie ist sehr abgelegen, man braucht lange, um von den bewohnten Gegenden mit dem Boot dorthin zu kommen. Sie ist komplett abgeschieden und sehr häufig von Zyklonen betroffen. Wenn ein Zyklon auftritt, werden alle Häuser zerstört werden und das wird ein großes Risiko auch für die Rohinga sein. nein, das ist wirklich keine gute Lösung. Die Rohinga mussten schon in Myanmar unglaubliche Folter erdulden. Wenn sie jetzt auf diese Schwemmland-Insel müssen, dann bedeutet das eine weiterer psychische Belastung für sie.“

DSC_0324

Es hilft also nichts, für mehr Information, muss ich einen Gesprächspartner aus Regierungskreisen finden, jemand der über die Pläne der bengalischen Regierung Bescheid weiß. Allerdings ist das nicht leicht. Denn im November 2018 ist Wahlkampfzeit, am 30. Dezember 2018 sind in Bangladesch Parlamentswahlen, die Stimmung ist angespannt und alle Politiker für den Wahlkampf eingespannt. Wieder mal hilft mir mein Netzwerk aus der Bredouille und ich finde tatsächlich einen Politiker, der bereit ist, mit mir zu reden. Ganz privat und inoffiziell. (*Auch ihn will ich schützen, deshalb ist auch sein Name geändert)

Faisal*  ist Parlamentsmitglied. Seine Partei ist mit der amtierenden Regierungspartei Awami League eine Koalition eingegangen. Von daher sei er auch über alle Schritte und Entscheidungen bestens informiert, die die Rohinga in Bangladesch betreffen, sagt er. Und er betont, dass er alle Schritte der Präsidentin Sheikh Hasina und ihrer Partei bei der Flüchtlingskrise im Land voll unterstütze, auch wenn er sonst nicht immer einer Meinung mit der Awami League sei. Aber was die Rohinga angehe, sei die bengalische Regierung absolut auf dem richtigen Weg – auch wenn es ihm persönlich viel zu langsam voran gehe

„Es ist unmöglich die Rohinga über lange Zeit zu versorgen, aber wir hoffen ja, dass wir bald eine Lösung finden. Die UN unterstützt uns, viele andere Länder auch und es muss eine Lösung geben. Wenn es nicht möglich ist, dann werden wir sehen, welche Alternativen es gibt. Wir sind noch bei Plan A, wir denken schon über einen Alternativplan nach. Aber wir wollen über den Plan B im Moment nicht reden.“

Aber ich schon. Ich spreche den Politiker ganz direkt auf den Insel-Plan an.

„Ja, wir bereiten unsere Insel vor, eine große Insel, damit sie zu einem sicheren Aufenthaltsort wird und in ein paar Tagen werden die Rohingya auf diese Insel gebracht. 100.000 Menschen können dort leben, also werden wir sie nach und nach dorthin bringen. Wir haben schon alles vorbereitet, Häuser, Strom, alles ist für die Rohinga vorbereitet. Es ist nicht komplett unfruchtbares Schwemmland, man kann da was anbauen. Aber wir haben nicht geplant, dass sie dort Getreide anbauen und es zur Versorgung nutzen, das ist nicht der Plan. Die leben dort und wir versorgen sie von außerhalb mit Nahrung. Die Insel ist total flach, unsicher, aber wir haben keine Alternative, wir müssen sie für ein paar Tage dorthin transferieren, mindestens so lange bis es eine Lösung gibt, bis sie zurück in ihr Land können“

Für ein paar Tage? Ich bin platt. Denn Faisal* meint das weder ironisch noch zynisch. Es scheint ihm nicht mal komisch vorzukommen, dass eine abgelegene, unbewohnte Insel ohne jegliche Infrastruktur komplett umgebaut wird, um 100 000 Rohinga ‚für ein paar Tage‘ umzusiedeln. Und wegen ‚dieser paar Tage‘ ist diese Insel seit fast einem Jahr absolutes Sperrgebiet, auf dem nur das Militär und die Bauarbeiter zugelassen sind? Gab es nicht lange Zeit eine absolute Informationssperre für Journalisten?

Der Politiker stellt die Teetasse ab. Er gibt zu bedenken, dass er zwar  im Parlament sitze, in einer Koalition mit der Regierungspartei, aber dass er nicht in allen Arbeitsgruppen mitwirke und deshalb nicht im Detail wissen, was die Gründe für die Geheimhaltung seien. Aber er habe natürlich eine Vermutung, eine eigene Meinung dazu

„Die Araber, die Wahhabiten, eine fundamentalistische Strömung unter den Muslimen, sind der Grund. Die haben militante Gruppen gebildet. Und wenn wir alle Journalisten zulassen würden, würden die agitieren und Terroristen aktivieren und das könnte Probleme geben. Auch Myanmar könnte versuchen, zu beeinflussen. Die würden einen Journalisten und einen Regierungsspion senden, dann würden sie vor der Presse sagen, dass die Rohinga nicht Einwohner von Myanmar sondern von Bangladesch seien. Und das könnte neue Probleme, neue Auseinandersetzungen zwischen Myanmar und Bangladesch zur Folge haben.“

Fundamentalisten, die Journalisten für ihre Propaganda manipulieren und gleichzeitig die Rohinga zu Terroristen transformieren, Spione aus Myanmar, die Fake news verbreiten…..Uff! Starker Tobak! Ist das jetzt die Paranoia eines einzelnen Politikers oder tickt die ganze bengalische Regierung so?

Für mich ist die Insellösung jedenfalls immer noch eine Schnapsidee, auch wenn ich gar nicht unterstellen will, dass dahinter so zynische Motive wie ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘ stehen. Und je mehr ich erfahre, desto mehr werden auch die Fragen: Warum dieser Aufwand eine ganze Insel mit Infrastruktur zu versehen?  Nur damit 100.000 Flüchtlinge weniger in den Lager rund um Cox’s wären? Bei über einer Million Menschen dort würde man da womöglich gar keine wirklich ‚Entspannung‘ merken. Wer bezahlt das alles eigentlich? Die UN und Europa haben sich ja explizit von dieser Insel-Lösung distanziert. Oder will Bangladesch mit diesem inhumanen Insel-Ghetto nur den Druck auf die internationale Gemeinschaft erhöhen, schnell eine Alternativ-Lösung für die Flüchtlinge in Bangladesch zu finden?

Auf all diese Fragen hab ich immer noch keine Antworten. Dafür aber mittlerweile noch ein Gerücht mehr: Die Rohinga, die auf die Insel gebracht werden sollen, seien nur ein Vorwand, eine Art ‚potemkinsches Dorf‘, um zu vertuschen, dass Bashan Char zu einem Militärstützpunkt ausgebaut wird…

 

 

Werbeanzeigen

Changed situation 2 – the locals

Seit über einem Jahr leben die geflüchteten Rohinga jetzt in Bangladesch. Die Flüchtlingscamps sind nur rund eine Stunde Fahrt entfernt vom größten Strand der Welt, einer der Touristenattraktionen von Bangladesch, und von Cox’s Bazar, der Distrikt-Hauptstadt. Hier sind die meisten NGO-Mitarbeiter aus dem Ausland untergebracht, auch die Außenstellen der Hilfsorganisationen sind hier, meistens haben sie ganze Etagen in den Hotels gemietet.

Ich darf heute im Teambus einer NGO mitfahren. Sie fahren jeden Morgen zusammen in die Flüchtlingscamps. Aber ich steige früher aus, weil ich mit den ortsansässigen Bangladeshi sprechen will, den ‚locals‘.

Camp impressions (207) bearbeitet

Je näher wir den Camps kommen, desto mehr Kontrollposten passieren wir: Mit Stacheldraht umwickelte Balken, die den Hauptteil der Straße blockieren… Betonpolder…oder einfach nur quer gestellte Polizeitransporter. Hier werden vor allem diejenigen kontrolliert, die aus den Camps raus oder rein wollen. Natürlich nicht alle. Wer westlich aussieht, wird meistens einfach durchgewunken und auch die Busse und Autos mit den Labels der Hilfsorganisationen kommen oft unkontrolliert durch. Nur manchmal gibt es Stichproben, wie heute. Der Bus wird angehalten, zwei Männer in Uniform springen schon auf, bevor er richtig steht, zwei andere bleiben breitbeinig draußen. Der Ton ist ruppig, die Maschinengewehre werden demonstrativ so gehalten, dass sofort geschossen werden könnte. Ich sitze vorne, gleich neben der Tür und ja, mir ist ein bisschen mulmig….krieg ich jetzt Scherereien? Aber ich interessiere die offenbar gar nicht. Einer kontrolliert die Sitzreihen, warum weiß ich nicht….haben die Angst, dass wir einen Rohinga ins Lager schmuggeln wollen? 😉  Dann noch ein warnendes Wort zum Busfahrer und schon sind die Männer wieder aus dem Bus draußen.

An einer Wegkreuzung steig ich aus. Zum Dorf sind es nur noch ein paar hundert Meter. Die meisten Häuser sind Lehmhütten, es gibt einen kleinen Kiosk, der gleichzeitig Teestube ist, einen buddhistischen Tempel, neuerdings auch einen Kindergarten und ein mobiles medizinisches Zeltlager. Diese beiden Neuerungen am Ort haben die Dorfbewohner indirekt den Rohinga zu verdanken. Denn die Regierung von Bangladesch hat bemerkt, dass die Unzufriedenheit in den Dörfern rund um die Flüchtlingslager immer größer geworden ist. Deshalb hat sie den Hilfsorganisationen die Auflage erteilt, dass rund 30 Prozent der Gelder, mit denen die Rohinga unterstützt werden, in Projekte für die bengalischen Anwohner fließen müssen.

 

Schnell bildet sich ein Kreis um mich, es kommt selten vor, dass sich hier eine bideshi  sehen lässt, eine Ausländerin. Ich frage die Umstehenden ganz direkt, ob sie eigentlich außerhalb der Camps überhaupt Kontakt mit den Rohinga haben. Und dann, als hätten sie nur darauf gewartet, dass sie das Angestaute loswerden können,  prasseln die Antworten auf mich ein:

„Einige Rohginya kommen zu uns und finden hier Arbeit, zum Beispiel bei der Aussaat oder Ernte, beim Haferschneiden und verschiedenem anderen. Also kenne ich ein paar von denen, die zu uns kommen, arbeiten und dafür Geld kriegen. Das sind keine ehrlichen Leute. Die stecken schon mal heimlich was ein. Und eigentlich erlaubt ihnen die Armee gar nicht zu arbeiten.  Okay, ein paar von uns profitieren von der Arbeit in den Camps, aber das sind nur wenige. Von den Problemen sind wir aber alle betroffen: Alles ist teurer geworden. Was früher 20 Taka pro Kilo gekostet hat, kostet jetzt 40 Taka. Weil es so viele Menschen hier gibt, ist die Verschmutzung enorm angestiegen. Wir profitieren zwar von den neuen Straßen, aber wir haben unser Land verloren, unsere Reisfelder, die haben alle Hügel abgeholzt oder sogar platt gemacht für die Camps. Diese Menge an Leuten schadet uns, wir sind ohnehin schon so viele. Sie sollten so bald wie möglich zurückgeschickt werden“

local Direndro Borua, 80j (2) bearbeitet

Direndro Borua, 80 Jahre

„Eigentlich dürfen die Rohingya das Camp nicht verlassen, das Militär sorgt dafür. Aber die kontrollieren nur die Straßen und die Ausgänge, nicht die komplette Außenseite der Camps. Und die Rohinga nehmen dann geheime Wege, Schleichwege, um zur Arbeit zu kommen, das machen jetzt schon einige und es werden täglich mehr. Die ortsansässigen Tagelöhner haben bisher etwa 500 Taka am Tag bekommen. Die Rohinga machen die Arbeit aber für 200 Taka am Tag, manche sogar für 100, egal, Hauptsache Geld. …Und die Ortsansässigen werden dadurch arbeitslos. Ich denke, die gehen nie wieder weg. Weil, in Myanmar hatten sie nichts, jetzt kriegen sie alles, ohne eine Arbeit zu haben, ohne irgendwas tun zu müssen, kriegen sie alles. Sie kriegen immer mehr Kinder, kriegen genug zu essen, also, die sind glücklich hier. Und ich bin sicher, wenn jetzt 5000 nach Myanmar zurückgehen könnten, würden höchstens 500 tatsächlich gehen. Weil sie dort nicht die gleichen Möglichkeiten haben würden, das ist der Grund.“

local Anuwara, 60j (3) bearbeitet

Anuwara, 60 Jahre

„In meiner Schule gibt es mittlerweile ganz schön viele Rohinga, obwohl sie eigentlich gar nicht da sein dürften. Mich nervt halt, dass sie uns eigentlich ablehnen. Wenn wir unter uns über die Rohinga sprechen, dann sind das schon auch manchmal Überlegungen wie: Was passiert eigentlich, wenn die mal nicht mehr von NGOs unterstützt werden? Greifen sie uns dann an, um an Geld oder Essen zu kommen? Wir haben schon Angst davor… Wir hatten vorher zum Beispiel keinerlei Hygieneprobleme, aber seit sie da sind, haben wir hier plötzlich Krankheiten, die es vorher nicht gab. Also es wär schon besser, wenn die Regierung oder wir sie wegbringen würden“

local Emon Barua, 14j (3) bearbeitet

Emon Barua,14 Jahre

„Seit die Rohinga hier sind, ist es für uns schwieriger geworden. Vorher hat mein Mann zum Beispiel oft Feuerholz von den Hügeln gesammelt und auf dem Markt verkauft. Aber jetzt ist alles abgeholzt, die Rohinga leben auf den Hügeln. Überleben ist einfach schwieriger geworden. Als sie in Not waren, haben wir sie willkommen geheißen, als Nachbarn und als Muslime, aus religiösen Gründen, das war okay. Aber jetzt geht es ihnen gut und manche behandeln uns als würden wir auf ihrem Land leben. Sie kriegen alles von den NGOs umsonst und uns gegenüber verhalten sie sich wie: ‚wer bist du denn schon, was willst du denn von mir?‘ Ihr Verhalten ist arrogant…nicht schön. Wenn sie nicht zurück nach Myanmar wollen oder sonstwohin, dann müssen sie eben in einem abgegrenzten Gebiet bleiben. Und zwar nur dort, und dort müssten sie dann ruhig und wie normale Menschen leben. Ich hab von Nachbarn und anderen Leuten gehört, dass die Rohingya auf eine Insel gebracht werden sollen. Aber ich weiß nicht mehr darüber.“

local Farida Akter, 30j bearbeitet

Farida Akter, 30 Jahre

Da ist sie wieder, die ‚Insel-Lösung’… Schon seit Jahren ploppt diese Idee immer wieder auf. Und ebenso lange laufen Menschenrechtsorganisationen Sturm gegen diese Idee. Denn der Plan ist, mindestens 100.000 Rohinga auf eine Insel im Golf von Bengalen zu verfrachten. Lange Zeit waren kaum mehr Infos darüber rauszukriegen, selbst der Name der Insel war nicht klar. Manche sprachen von Thengar Char, andere von Bashan Char. Sicher war nur, dass es eine Schwemmlandinsel ist, also eine Art Sandbank, die sich in den letzten 20 Jahren im Golf von Bengalen gebildet hat. Mittlerweile gibt es mehr Infos, aber dazu später mehr.

Geplant war jedenfalls, dass die ersten Rohinga im November 2018 dorthin gebracht werden sollen, aber die Rohinga weigern sich….und viele Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen sind strikt gegen diese ‚Insel-Lösung‘.

Fortsetzung folgt

 

Changed situation – in the camp

Neun Monate sind vergangen zwischen meinem ersten Besuch in den Rohinga camps und dem zweiten. Und dass sich in diesen Monaten viel getan hat, merke ich schnell. Zuerst mal, weil es unendlich viel schwieriger geworden ist, überhaupt ins Flüchtlingslager zu kommen: „Not possible without a permission“, nur mit einer Genehmigung der obersten Lagerverwaltung also darf man rein. Und die kriegt man nur, wenn man im Auftrag einer NGO unterwegs ist oder als akkreditierter Journalist. Ein Problem für mich, denn ich bin beides nicht. Aber rein muss ich trotzdem, nicht nur weil ich mir unbedingt selbst ein Bild über die Zustände von dem Ort machen will, an dem mittlerweile rund eine Million Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Sondern auch, weil ich zwei Damen versprochen habe, mit ihren Spenden den child friendly space, den Kinder-Bereich einer Hilfsorganisation zu unterstützen.

Es war nicht leicht. Aber letztendlich hab ich es dank meines Netzwerks wieder mal geschafft, das Unmögliche möglich zu machen. Und dann war ich drin, wieder im Lager Balukhali und genau auf dem gleichen Weg wie im Januar 2018 – theoretisch wenigstens. Denn tatsächlich hat sich das Lager ziemlich verändert ind den neun Monaten:

Die Wege sind zwar immer noch aus gestampftem Sand, aber sie wirken jetzt sauber und strukturiert – es hat ein bisschen gedauert, bis ich kapiert habe warum: Neben den Hauptwegen sind jetzt kleine Kanäle angelegt, Rinnen aus Bambus, in denen jetzt das Regenwasser, aber auch alle anderen Flüssigkeiten des Alltags abfließen. Außerdem gibt es jetzt viel mehr richtige Brücken, nicht mehr nur nebeneinandergelegte wackelige Bambusstangen. Die Hügel hoch geht’s jetzt nicht mehr über rutschige, ausgetretene Pfade, sondern über befestigte Stufen. Die Hügel sind zum Teil mit Sandsäcken vor dem Abrutschen bei starkem Regen geschützt und selbst die Flüchtlingshütten wirken zum Teil viel stabiler.

Und dann gibt es noch eine immens wichtige Neuerung: Die Toiletten werden jetzt regelmäßig geleert!!! Einige NGOs haben eine Art Klär-System entwickelt – ich hab mir das natürlich genauer er-klär-en lassen (sorry, der Kalaurer musste jetzt sein 😉 ) Es gibt jetzt jedenfalls mehrere zwei-Mann-Teams, die systemmatisch jede Toilette nach einem rollierenden System leeren. Dazu schaufeln sie den Inhalt der Sickergruben in blaue Plastiktonnen, die sie dann an langen Bambusstangen zu den vorbereiteten Klärgruben bringen. Dort werden die Feststoffe aus den Toiletten zum Trocknen ausgebreitet und später als Dünger verwendet.

Erstaunlicherweise stinken diese Felder nicht – offenbar haben sich die Gase in den Sickergruben der Toiletten schon verflüchtigt. Trotzdem, könnte man mit den Exkrementen so vieler Menschen nicht besser eine Biogasanlage betreiben? Das gehe leider nicht, wird mir erklärt. Die Ausscheidungen von Menschen würden dafür nicht taugen, das gehe nur mit Tierkot. Aha, sag ich…und beiß mir dann auf die Zunge. Denn noch vor kurzem hab ich gelesen, dass Forscher mittlerweile aus Urin Strom und Wasserstoff gewinnen können und Slum-Klos für Biogas-Gewinnung nutzen… Wie auch immer, Hauptsache die Klos werden jetzt geleert und das Trinkwasser nicht mehr verseucht.

Insgesamt fällt mir auf, dass das Lager jetzt noch dichter besiedelt ist als im Januar. Ist ja auch kein Wunder: Etwa 1,1 Millionen Rohinga sind jetzt in Bangladesh registriert, hat Premierministerin Sheikh Hasina im September 2018 gesagt. Und die sind auf etwa 13 Quadratkilometer zusammengepfercht. Wobei, offenbar werden die Lager wieder erweitert. Jedenfalls sind mittlerweile noch weitere Hügel gerodet worden und noch warten sie auf Flüchtlingshütten

Soweit die äußeren Veränderungen im Camp. Aber mich interessiert auch, wie es den Rohingas jetzt geht, was sich an ihrer Situation geändert hat. Deshalb will ich mich nochmal mit Nur Mohammad treffen, dem Mahji, den ich im Januar kennengelernt habe. Aber vorher läuft mir noch diese junge Dame über den Weg:

Na? Habt ihr sie erkannt? Das ist Sahera, das Mädchen, das ich im Januar in ihrer Hütte besuchen durfte (https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/07/24/make-up-against-reality/ ). Es gehe ihr gut, sagt sie schüchtern, sie habe jetzt sogar ein paar Freunde. Ob sie noch immer Englisch-Lehrerin werde wolle, frag ich…da wird sie rot und dreht sich verschämt weg…upps. Hab ich da einen wunden Punkt erwischt? Oder hat sie mich nicht richtig verstanden? Immerhin ist der Dolmetscher noch nicht da.

Dafür aber der Mahji. Nur Mohammad hat sich kaum verändert. Immer noch drahtig, allerdings jetzt mit Bart. Er dirigiert mich zu einer leeren Hütte, weist seine Leute an, drei Stühle zu bringen und befiehlt dann absolute Ruhe für das Interview.

Ja, es habe sich einiges verändert, bestätigt der Mahji. Es sei alles sehr viel strukturierterter als bei unserem letzten Treffen. Familien hätten sich gefunden, die meisten Familien müssten nicht mehr mit Holz kochen, sondern haben jetzt kleine Gaskocher bekommen, die zugeteilten Lebensmittel seien jetzt nicht mehr so einseitig, auch Obst und Gemüse sind jetzt darunter und die oberste Campleitung koordiniert jetzt auch die Projekte der NGOs. Dadurch ist jetzt alles ausgewogener verteilt, also zum Beispiel nicht mehr drei Schulen dicht nebeneinander, sondern es wird nach dem Bedarf geschaut und dass jeder Block versorgt ist.

Was er nicht sagt oder vielleicht noch gar nicht weiß: Das Mahji-System (siehe auch: https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/03/17/the-maghi-system/ ) soll abgeschafft werden, also auch seine ‚Stellung‘ im Camp wackelt. Die Lagerverwaltung hat nämlich bemerkt, dass viele Mahjis ihre Position ausnutzen, tricksen. Zum Beispiel bei Lebensmittelausgaben angeben, sie betreuten 120 Menschen obwohl es nur 100 sind. Auch von Korruption ist die Rede. Jedenfalls soll in Zukunft in jedem Block eine geschulte Gruppe das Sagen haben, gemischte Kommittees, die gemeinsam Entscheidungen treffen und auch nach bengalischem Recht Strafen verhängen dürfen.

Camp impressions (101) bearbeitet

Im Lager sei das Leben jetzt leichter, sagt Nur Mohammad und wiegt den Kopf . Aber die Stimmung gegenüber den Rohinga habe sich verändert. Die Bangladeshi seien zwar nicht gerade aggressiv, aber immer öfter kämen Sprüche wie: „Jetzt reicht’s, geht endlich weg, woanders hin“. Manche hätten ihnen sogar eine Art Vertrag hingehalten: „Ihr könnt länger bleiben, aber dann müsst ihr Miete zahlen für das Land, auf dem ihr lebt“

Auch im Lager selbst, unter den Rohinga verändere sich die Stimmung langsam, meint der Mahji. Anfangs waren alle nur froh, einen sicheren Platz zu haben, ohne Angst irgendwo leben zu können. Und sie waren überwältigt von der enormen Hilfsbereitschaft der Bangladeshi, die alle ihren muslimischen Brüdern und Schwestern aus dem Nachbarland helfen wollten. Aber jetzt mache sich wieder Angst breit. Denn nach über einem Jahr hier in Bangladesch sei ihre Zukunft immer noch völlig ungewiss. Sie dürften offiziell nicht arbeiten, seien immer abhängig von anderen. Keiner weiß, wo sie nächstes Jahr sein werden und dadurch könnten sich auch kein neues Leben aufbauen.

Ist eine Rückkehr nach Myanmar für sie denkbar, frag ich. Nur Mohammad wird unruhig, wirkt unentschlossen. „Wenn wir in den nächsten fünf, sechs Jahren immer noch hier sind, dann wird es richtige Probleme geben, weil unsere Familien zum Beispiel immer größer werden, der Platz hier würde dann zu klein, wir können nicht mal mehr so leben wie jetzt.“ Die meisten wollen jetzt schon wieder zurück und nicht länger im Lager bleiben. Sie würden sofort nach Myanmar gehen, wenn sie dort die Staatsbürgerschaft kriegen würden, die Garantie, dass sie dort sicher wären und wenn sie ihr Land wieder zurück bekämen. Dann gingen sie zurück nach Myanmar – vorausgesetzt, sie würden als Rohinga, als eigenständige Volksgruppe akzeptiert. Aber – und dieses Aber kommt heftig – nichts deutet darauf hin, dass das passieren könnte. „Was ich über die Situation in Myanmar für die Heimkehrer gehört habe ist, dass sie für uns auch Flüchtlingscamps errichtet haben, dort sollen wir wohnen. Soweit ich weiß sind das niedrige Massenunterkünfte, eine dicht neben der anderen, Baracken. Und in der Mitte eine schmale Straßen. Das ist kein guter Ort.“

Und auch die Gerüchte über die Pläne der bengalischen Regierung würden die Unsicherheit seiner Leuten verstärken, sagt der Mahji. „Ich habe von dem Plan gehört, dass 100.000 Rohinga auf eine Insel verfrachtet werden sollen. Und keiner von uns will da hin, weil es dort Überschwemmungen gibt, Zyklone und das Meer ist ja auch gefährlich. Wir haben Angst davor, wir wollen da nicht hin.“

 

Fortsetzung folgt

 

 

 

 

 

Make-up against reality

In den Flüchtlings-Camps im Süden von Bangladesch wimmelt es vor Kindern. Alle sind aus Myanmar geflohen. Mit ihren Eltern, Verwandten, Nachbarn oder manchmal sogar allein. Und jetzt leben mehr als eine Million Rohingyas hier auf engstem Raum – und es kommen immer noch Menschen dazu.

Sahera will mir von ihrem Alltag hier im Camp Balukhali erzählen. Aber erstmal sitzt sie nur verschüchtert und mit großen Augen vor mir. Es ist für uns beide nicht leicht, wir können ja nicht direkt miteinander sprechen, alles geht über einen Dolmetscher.

Ich drücke ihr mein Mikrophon in die Hand, erkläre ihr, wie es funktioniert uns dass sie erstmal das Interview macht und mir alle Fragen stellen kann, die sie will. Ein erstaunter Blick. Und dann legt sie los….mit ganz leiser Stimme und versteinerter Miene erstmal. Aber bald taut die Zehnjährige auf: Was genau ich wissen will, wie weit Deutschland weg ist von Bangladesch, ob dort auch die Kinder das Wasser schleppen müssen und wie ich meine Haare so gelb gekriegt habe. Ich antworte so gut ich kann.

Dann tauschen wir die Rollen. Und Sahera zeigt mir erstmal ihr neues Zuhause. Das Konstrukt aus Bambusgerüst und Plastikplanen wirkt erstaunlich groß innen. Geschätzt sind es etwa 12 Quadratmeter, durch eine Plane  in zwei Räume getrennt. Sahera führt mich in den hinteren Teil. „Hier ist unsere Küche, die Vorräte, unsere Kleider und die große Truhe.“

‚Die große Truhe‘ scheint etwas ganz besonderes zu sein. Ich frage nach. „Alles, was wir aus Myanmar retten konnten, war in dieser Truhe“, sagt sie. Ihre Stimme ist irgendwie anders jetzt. Und ich merke, dass das Mädchen plötzlich ganz steif dasteht, ihr Blick scheint glasig, sie selbst weit weg. Aber nur kurz. Dann reißt sie das Klicken der Kamera aus den Gedanken. Sie blinzelt. Und zeigt mir dann stolz, dass sie neuerdings sogar einen Gaskocher hätten und sie und ihr Bruder jetzt keine Feuerholz mehr sammeln müssten. „Und das hier“, sie zeigt auf eine Mischung aus Bank und Regal, auf dem Säcke mit Reis, Salz und Tee stehen, „das hab ich zusammen mit meinem Bruder selbst gebastelt.“ Kurze Pause. „Wir leben hier jetzt zu dritt, mein Bruder, meine Mutter und ich. Mein Vater ist in Myanmar gestorben….“. Sahera senkt den Blick. Dass ihr Vater vom dortigen Militär getötet wurde, sagt sie nicht. Das erzählt mir ihre Mutter später. Sahera wirbelt herum. „Komm, ich zeig dir, was ich am liebsten mache“

Sie packt eine kleine Schachtel aus, offenbar ihre Schminkutensilien. Erst trägt sie eine Art weißliche Paste auf, dann kommt der orange-rote Lippenstift. Das Mädchen wirkt plötzlich völlig versunken, sie scheint mich und den Fotografen komplett vergessen zu haben. Erst als sie fertig ist, blickt sie auf. „Ich schminke mich oft“, sagt sie, „irgendwie fühle ich mich dann anders, besser. Als ob ich jemand anderer bin mit einem besseren Leben.“

Ihr Blick schweift durch den Raum und bleibt an dem langen Seil hängen, über dem Kleidern hängen. „Meine Schätze! Das sind alles meine Kleider.“ Behutsam nimmt sie Stück für Stück ab und breitet alles liebevoll auf dem grossen Teppich im Nebenraum aus. Manche Kleider wirken fast punkvoll: Sie sind mit vielen glitzernden Steinchen bestickt oder haben aufgedruckte Goldleisten. Sahera mag es, wenn es glitzert.

Mich interessiert aber eher der Teppich. Tagsüber wird der eingerollt und ist neben den beiden roten Plastikstühlen der einzige Gegenstand in diesem Raum. Hier schlafen Sahera, ihre Mutter und ihr Bruder nachts, dicht nebeneinander, ohne Bettzeug.

„Eigentlich kann ich alles wie meine Mutter“, sagt Sahera: „Ich kann kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen. Das mache ich alles selbst, ohne meine Mutter. Denn die ist ja tagsüber gar nicht da.“ Die Mutter muss sich nämlich in den langen Schlangen vor den Lebensmittelausgaben anstellen. Das heißt, Sahera und ihr Bruder sind viel allein, ohne Aufsicht. Ihre Hauptaufgabe ist es, mehrmals täglich Wasser holen. Es gibt zwar eine Wasserstelle gleich nebenan. Aber das Wasser dort stinkt oft, weil die Wasserpumpe gleich neben einer Toilette steht. Deshalb füllt Sahera den Krug lieber an einem Brunnen weiter weg, steht dort an, bis sie dran kommt und schleppt den vollen Krug dann wieder heim. Wie die anderen Kinder hier eben auch.

anstellen an Wasserstelle

„Ich bin viel allein“, sagt Sahera. „Meine Freunde aus Myanmar hab ich verloren. Vielleicht sind manche ja im Nachbarcap gelandet oder in einem der Flüchtlingslager, die noch näher an der Grenze sind…wenn sie noch leben. Aber ich weiß es nicht und ich kann sie jetzt nicht mehr sehen.“ Früher habe sie gern mit Knete gespielt, die hatte ihre Mutter ihr geschenkt, aber jetzt habe sie gar keine Spielsachen mehr…

Seit Januar ist ihr Tag aber nicht mehr ganz so langweilig. Denn sie gehe jetzt in die Schule. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Im Schichtbetrieb, also nur zwei oder drei Stunden am Tag, dann kämen schon die nächsten Schüler – es sind einfach zu viel Kinder im Camp und zu wenig Schulen. In Myanmar gab es keine Schulen für Rohingya in der Nähe. Aber hier im Camp haben Hilfsorganisationen welche aufgebaut. „Wir haben ein grosses Klassenzimmer, genauer gesagt ist es ein Gerüst aus Bambusstangen, das mit Strohmatten umwickelt ist. In diesem Raum sitzen Mädchen auf der einen Seite und Jungs auf der anderen. Wir sind etwa 20 Mädchen und 30 Jungs, aber das schwankt von Tag zu Tag.“ Nicht immer kämen alle, besonders jetzt, wo es kalt ist, blieben manche lieber daheim.

Zwei Lehrerinnen haben sie, eine für Birmanisch, die andere für Englisch. Sahera findet Schule toll, vor allem Englisch macht ihr sehr viel Spass. Gerade haben sie ein Lied gelernt, einen richtigen Ohrwurm. Sie beginnt leise zu singen „twinkle, twinkle, little star…“ Sahera versteht zwar noch nicht alle Worte, aber sie trällert es ständig vor sich hin.

Seit sie in der Schule ist, hat sie auch ein paar Freundinnen. Mit denen spielt sie Dorilap, Seilspringen. Eins finde sie allerdings richtig doof hier, meint die Zehnjährige: „In Myanmar haben wir das immer alle zusammen gespielt, aber hier sind Mädchen und Jungs meistens getrennt und Jungs springen hier auch nicht Seil. Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, mit was Jungs hier so spielen, wir spielen eigentlich immer getrennt. Ball vielleicht, aber ich selbst hab noch nie gekickt. In der Schule sind wir getrennt und danach auch.“

Eigentlich habe sie sich mittlerweile an das Leben im Camp gewöhnt, versichert Sahera. Aber wenn sie sich was wünschen könnte, dann hätte sie gerne wieder ihre Knete zurück. Und vielleicht auch eine Puppe. „Aber vor allem wünsche ich mir, dass ich ganz, ganz viel lerne in der Schule. Vielleicht werde ich dann auch irgendwann Lehrerin.“ Die Frage, ob sie wieder zurück nach Myanmar wolle, beantwortet die Zehnjährige erst nicht, sie überlegt lange. Und schüttelt dann ganz langsam aber bestimmt den Kopf.