Changed situation – in the camp

Neun Monate sind vergangen zwischen meinem ersten Besuch in den Rohinga camps und dem zweiten. Und dass sich in diesen Monaten viel getan hat, merke ich schnell. Zuerst mal, weil es unendlich viel schwieriger geworden ist, überhaupt ins Flüchtlingslager zu kommen: „Not possible without a permission“, nur mit einer Genehmigung der obersten Lagerverwaltung also darf man rein. Und die kriegt man nur, wenn man im Auftrag einer NGO unterwegs ist oder als akkreditierter Journalist. Ein Problem für mich, denn ich bin beides nicht. Aber rein muss ich trotzdem, nicht nur weil ich mir unbedingt selbst ein Bild über die Zustände von dem Ort machen will, an dem mittlerweile rund eine Million Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Sondern auch, weil ich zwei Damen versprochen habe, mit ihren Spenden den child friendly space, den Kinder-Bereich einer Hilfsorganisation zu unterstützen.

Es war nicht leicht. Aber letztendlich hab ich es dank meines Netzwerks wieder mal geschafft, das Unmögliche möglich zu machen. Und dann war ich drin, wieder im Lager Balukhali und genau auf dem gleichen Weg wie im Januar 2018 – theoretisch wenigstens. Denn tatsächlich hat sich das Lager ziemlich verändert ind den neun Monaten:

Die Wege sind zwar immer noch aus gestampftem Sand, aber sie wirken jetzt sauber und strukturiert – es hat ein bisschen gedauert, bis ich kapiert habe warum: Neben den Hauptwegen sind jetzt kleine Kanäle angelegt, Rinnen aus Bambus, in denen jetzt das Regenwasser, aber auch alle anderen Flüssigkeiten des Alltags abfließen. Außerdem gibt es jetzt viel mehr richtige Brücken, nicht mehr nur nebeneinandergelegte wackelige Bambusstangen. Die Hügel hoch geht’s jetzt nicht mehr über rutschige, ausgetretene Pfade, sondern über befestigte Stufen. Die Hügel sind zum Teil mit Sandsäcken vor dem Abrutschen bei starkem Regen geschützt und selbst die Flüchtlingshütten wirken zum Teil viel stabiler.

Und dann gibt es noch eine immens wichtige Neuerung: Die Toiletten werden jetzt regelmäßig geleert!!! Einige NGOs haben eine Art Klär-System entwickelt – ich hab mir das natürlich genauer er-klär-en lassen (sorry, der Kalaurer musste jetzt sein 😉 ) Es gibt jetzt jedenfalls mehrere zwei-Mann-Teams, die systemmatisch jede Toilette nach einem rollierenden System leeren. Dazu schaufeln sie den Inhalt der Sickergruben in blaue Plastiktonnen, die sie dann an langen Bambusstangen zu den vorbereiteten Klärgruben bringen. Dort werden die Feststoffe aus den Toiletten zum Trocknen ausgebreitet und später als Dünger verwendet.

Erstaunlicherweise stinken diese Felder nicht – offenbar haben sich die Gase in den Sickergruben der Toiletten schon verflüchtigt. Trotzdem, könnte man mit den Exkrementen so vieler Menschen nicht besser eine Biogasanlage betreiben? Das gehe leider nicht, wird mir erklärt. Die Ausscheidungen von Menschen würden dafür nicht taugen, das gehe nur mit Tierkot. Aha, sag ich…und beiß mir dann auf die Zunge. Denn noch vor kurzem hab ich gelesen, dass Forscher mittlerweile aus Urin Strom und Wasserstoff gewinnen können und Slum-Klos für Biogas-Gewinnung nutzen… Wie auch immer, Hauptsache die Klos werden jetzt geleert und das Trinkwasser nicht mehr verseucht.

Insgesamt fällt mir auf, dass das Lager jetzt noch dichter besiedelt ist als im Januar. Ist ja auch kein Wunder: Etwa 1,1 Millionen Rohinga sind jetzt in Bangladesh registriert, hat Premierministerin Sheikh Hasina im September 2018 gesagt. Und die sind auf etwa 13 Quadratkilometer zusammengepfercht. Wobei, offenbar werden die Lager wieder erweitert. Jedenfalls sind mittlerweile noch weitere Hügel gerodet worden und noch warten sie auf Flüchtlingshütten

Soweit die äußeren Veränderungen im Camp. Aber mich interessiert auch, wie es den Rohingas jetzt geht, was sich an ihrer Situation geändert hat. Deshalb will ich mich nochmal mit Nur Mohammad treffen, dem Mahji, den ich im Januar kennengelernt habe. Aber vorher läuft mir noch diese junge Dame über den Weg:

Na? Habt ihr sie erkannt? Das ist Sahera, das Mädchen, das ich im Januar in ihrer Hütte besuchen durfte (https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/07/24/make-up-against-reality/ ). Es gehe ihr gut, sagt sie schüchtern, sie habe jetzt sogar ein paar Freunde. Ob sie noch immer Englisch-Lehrerin werde wolle, frag ich…da wird sie rot und dreht sich verschämt weg…upps. Hab ich da einen wunden Punkt erwischt? Oder hat sie mich nicht richtig verstanden? Immerhin ist der Dolmetscher noch nicht da.

Dafür aber der Mahji. Nur Mohammad hat sich kaum verändert. Immer noch drahtig, allerdings jetzt mit Bart. Er dirigiert mich zu einer leeren Hütte, weist seine Leute an, drei Stühle zu bringen und befiehlt dann absolute Ruhe für das Interview.

Ja, es habe sich einiges verändert, bestätigt der Mahji. Es sei alles sehr viel strukturierterter als bei unserem letzten Treffen. Familien hätten sich gefunden, die meisten Familien müssten nicht mehr mit Holz kochen, sondern haben jetzt kleine Gaskocher bekommen, die zugeteilten Lebensmittel seien jetzt nicht mehr so einseitig, auch Obst und Gemüse sind jetzt darunter und die oberste Campleitung koordiniert jetzt auch die Projekte der NGOs. Dadurch ist jetzt alles ausgewogener verteilt, also zum Beispiel nicht mehr drei Schulen dicht nebeneinander, sondern es wird nach dem Bedarf geschaut und dass jeder Block versorgt ist.

Was er nicht sagt oder vielleicht noch gar nicht weiß: Das Mahji-System (siehe auch: https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/03/17/the-maghi-system/ ) soll abgeschafft werden, also auch seine ‚Stellung‘ im Camp wackelt. Die Lagerverwaltung hat nämlich bemerkt, dass viele Mahjis ihre Position ausnutzen, tricksen. Zum Beispiel bei Lebensmittelausgaben angeben, sie betreuten 120 Menschen obwohl es nur 100 sind. Auch von Korruption ist die Rede. Jedenfalls soll in Zukunft in jedem Block eine geschulte Gruppe das Sagen haben, gemischte Kommittees, die gemeinsam Entscheidungen treffen und auch nach bengalischem Recht Strafen verhängen dürfen.

Camp impressions (101) bearbeitet

Im Lager sei das Leben jetzt leichter, sagt Nur Mohammad und wiegt den Kopf . Aber die Stimmung gegenüber den Rohinga habe sich verändert. Die Bangladeshi seien zwar nicht gerade aggressiv, aber immer öfter kämen Sprüche wie: „Jetzt reicht’s, geht endlich weg, woanders hin“. Manche hätten ihnen sogar eine Art Vertrag hingehalten: „Ihr könnt länger bleiben, aber dann müsst ihr Miete zahlen für das Land, auf dem ihr lebt“

Auch im Lager selbst, unter den Rohinga verändere sich die Stimmung langsam, meint der Mahji. Anfangs waren alle nur froh, einen sicheren Platz zu haben, ohne Angst irgendwo leben zu können. Und sie waren überwältigt von der enormen Hilfsbereitschaft der Bangladeshi, die alle ihren muslimischen Brüdern und Schwestern aus dem Nachbarland helfen wollten. Aber jetzt mache sich wieder Angst breit. Denn nach über einem Jahr hier in Bangladesch sei ihre Zukunft immer noch völlig ungewiss. Sie dürften offiziell nicht arbeiten, seien immer abhängig von anderen. Keiner weiß, wo sie nächstes Jahr sein werden und dadurch könnten sich auch kein neues Leben aufbauen.

Ist eine Rückkehr nach Myanmar für sie denkbar, frag ich. Nur Mohammad wird unruhig, wirkt unentschlossen. „Wenn wir in den nächsten fünf, sechs Jahren immer noch hier sind, dann wird es richtige Probleme geben, weil unsere Familien zum Beispiel immer größer werden, der Platz hier würde dann zu klein, wir können nicht mal mehr so leben wie jetzt.“ Die meisten wollen jetzt schon wieder zurück und nicht länger im Lager bleiben. Sie würden sofort nach Myanmar gehen, wenn sie dort die Staatsbürgerschaft kriegen würden, die Garantie, dass sie dort sicher wären und wenn sie ihr Land wieder zurück bekämen. Dann gingen sie zurück nach Myanmar – vorausgesetzt, sie würden als Rohinga, als eigenständige Volksgruppe akzeptiert. Aber – und dieses Aber kommt heftig – nichts deutet darauf hin, dass das passieren könnte. „Was ich über die Situation in Myanmar für die Heimkehrer gehört habe ist, dass sie für uns auch Flüchtlingscamps errichtet haben, dort sollen wir wohnen. Soweit ich weiß sind das niedrige Massenunterkünfte, eine dicht neben der anderen, Baracken. Und in der Mitte eine schmale Straßen. Das ist kein guter Ort.“

Und auch die Gerüchte über die Pläne der bengalischen Regierung würden die Unsicherheit seiner Leuten verstärken, sagt der Mahji. „Ich habe von dem Plan gehört, dass 100.000 Rohinga auf eine Insel verfrachtet werden sollen. Und keiner von uns will da hin, weil es dort Überschwemmungen gibt, Zyklone und das Meer ist ja auch gefährlich. Wir haben Angst davor, wir wollen da nicht hin.“

 

Fortsetzung folgt

 

 

 

 

 

visions and reality

Als ich im Januar 2018 zum ersten Mal die riesigen Flüchtlingscamps der Rohinga besucht habe, wurde zufällig gerade ein sogenannter ‚child-friendly space‘ eröffnet – in diesem Fall ein Kooperationsprojekt von einer lokalen und deutschen  Hilfsorganisationen.

Die Idee ist, für die vielen Kinder im Lager einen Raum zu schaffen, wo sie die Greueltaten in Myanmar und auf der Flucht vergessen können, wo sie auch nicht an den oft anstrengenden Alltag im Camp denken müssen, sondern einfach nur Kind sein dürfen.

Und tatsächlich sind diese kinderfreundlichen Räume für die Rohinga-Kinder oft sowas wie ein Paradies – ein Spieleparadies! Denn die meisten mussten all ihre Spielsachen in Myanmar zurücklassen oder haben sie auf der Flucht verloren. In diesen ‚child-friendly spaces‘ aber gibt es Attraktionen, von denen die Rohinga-Kids bisher noch nichtmal geträumt hatten

Puzzles, Steckbausteine, Brettspiele, Geschicklichkeitsspiele, ein Trampolin und sogar eine Rutsche – manche Kinder standen bei der Eröffnung fast andächtig vor all den bunten Spielsachen. Die Rutsche hatte es allen besonders angetan, sie war zeitweise so begehrt, dass sie schon bedenklich ins Wanken kam. Zum Glück hatten die Hilfsorganisationen auch an Menschen gedacht, die die Kinder betreuen sollten. Am Eröffnungstag waren sie vor allem damit beschäftigt, dass jedes Kind mal rutschen durfte und dass auch die Kinder, die an den Fenstern hingen, nach und nach ins neue Spiele-Paradies kommen konnten.

Dieser spezielle Raum für Kinder sollte aber noch mehr leisten, als ’nur‘ Spiele, wurde mir von den Mitarbeitern erklärt. Speziell in diesem ‚child-friendly space‘ soll es inklusiv zugehen, besonders Kinder mit Behinderungen sollten dort willkommen sein. Außerdem plane man, den Kids spielerisch auch etwas beizubringen. Wie man richtig Zähne putzt zum Beispiel oder wie man gutes von schlechtem Trinkwasser unterscheiden kann. Solche Informationen sollten über Sing- oder Klatsch-Spiele vermittelt werden, vielleicht sogar über ein kleines Puppentheater…. So jedenfalls war der Plan im Januar, bei der Eröffnung dieses ‚child-friendly spaces‘.

Knapp zehn Monate später war ich wieder da. Diesmal sogar mit kleinen Geldspenden aus Deutschland, die ausdrücklich für den neueröffneten Kinder-Raum gedacht waren. Den Weg dorthin kannt ich ja schon – aber irgendwie hatte ich den subjektiven Eindruck, dass es inzwischen sogar noch mehr Kinder im Camp gibt.

Im ‚child-friendly space‘ bin ich diesmal nicht der einzige Besucher. Schon ganz früh morgens gibt es eine Art Team-Treffen dort, weil mehrere junge Frauen und Männer gekommen sind, um sich den Kinderbereich kritisch anzuschauen – ein Expertenteam speziell für die Arbeit mit Kindern.

Dann kommen die ersten Kinder. Jungs vor allem, die sich gleich auf die großen Carom-Bretter stürzen. Offenbar ist diese asiatisch Billiard-Variante, bei der man kleine Holzscheiben mit dem Finger übers Brett schnippt, gerade sehr beliebt. Die Plastikrutsche gibt es auch noch, allerdings macht sie mittlerweile nicht mehr den stabilsten Eindruck. Ein kleines Mädchen steckt mit einer unglaublichen Ernsthaftigkeit bunte Pins zu einem Bild und gleich daneben versucht sich ein anderes am Turmbau.

Die Kinder haben Spaß, keine Frage. Aber es fällt schon auf, dass nur sehr wenige da sind. Durch das Spezial-Team für Kinderbelange, das verschiedene Hilfsorganisationen im Camp berät, sind es heute sogar mehr Erwachsene als Kinder in dem Raum. Seltsam. Wie kommt das?

Die Konkurrenz ist mittlerweile sehr groß, bekomme ich als Antwort. Fast jede NGO im Camp bietet mittlerweile solche ‚child-friendly spaces‘ an und machen haben neueres oder sogar mehr Spielzeug, da gehen die Kinder lieber dort hin. Ich schau mich um. Tatsächlich ist von den Spielzeugbergen zur Eröffnung nicht mehr viel da. Der Verschleiß ist bei so vielen Kindern natürlich groß, das kann auch jede deutsche Kita bestätigen. Dazu kommt, dass nicht jeder Kinderbereich sich wirklich Fachkräfte leisten kann, also Leute, die pädagogisch geschult sind, die wissen, wie man Kinder motiviert und spielerisch Lerninhalte vermittelt. Wie so oft sind da die Möglichkeiten von Hilfsorganisationen beschränkt. Denn Spender wollen ihre Gelder oft gezielt in Spielsachen oder eine tolle Ausstattung stecken – das macht sich dann auch gut auf den Bildern, die man auf die Firmenseite stellen kann, für die Organisation oder womöglich sogar Verwaltungsarbeit in Projekten stehen aber oft wenig Spendengelder zur Verfügung.

Besonders tragisch ist das für Hilfsorganisationen, die den Kindern mehr als Spaß bieten wollen…. Die Inklusion zum Beispiel, die sich die NGO hier auf die Fahnen geschrieben hat, findet dadurch nur selten statt. Die Tabelle auf dem linken Bild zeigt die traurige Bilanz eines Tages: In der Spalte CWD, also child with disability, war am 12.11.2018 gerade mal ein kleiner Besucher mit Behinderung verzeichnet.

Ich merke, dass die Mitarbeiter richtig geknickt sind. Sie sind so voller Elan an dieses Projekt herangegangen, haben soviel zu geben – nur wie man die Kinder anleitet, das Wissen vermittelt, das wissen sie selbst manchmal nicht so richtig.

Das Experten-Team, das zu Besuch ist, aber schon! Deren Fazit ist eindeutig: Erst muss neues Spielzeug her, muss der Kinderraum attraktiv und spannend gemacht werden, dann kommen auch mehr Kinder und erst dann kann auch Wissen vermittelt werden. Und außerdem muss dringend spezielles inklusives Spielzeug angeschafft werden. Bälle mit Glöckchen zum Beispiel, Tast-Domino-Steine, bei denen die Punkte erhaben sind oder auch Fühlbücher. Und die Mitarbeiter müssen geschult werden. Denn oft reichen schon kleine Tricks und man kriegt eine ausgelassene Stimmung in eine Kindergruppe – egal ob mit oder ohne Behinderung. Und einer dieser Tricks wird auch gleich ausprobiert: SINGEN! Da sind gleich alle dabei – sogar ein englisches Lied geben die Kids zum besten (auch wenn ich etwas Fantasie gebraucht hab, um den Text und auch die Melodie zu erkennen…twinkle, twinkle, littala storrr)

The Majhi-system

Die Sicherheitslage in den Rohingya Camps sei sehr unsicher, hieß es. Vor allem für ‚foreigners‘ sei es gefährlich, hieß es. Es habe auch schon Entführungen gegeben, hieß es… Was hab ich nicht alles für Horrorstories gehört vor der Reise.

Dass davon Vieles übertrieben oder sogar falsch ist, hab ich schon vor der Reise in die Camps gewusst: Zum Beispiel gab es zwar Entführungen, aber vor allem in den Chittagong hills – und die sind über 100km von den Rohingya camps entfernt, in die ich wollte. Allerdings warnten mich meine Kontakte und Freunde vor Ort, dass das Militär in dieser Gegend stark aktiv sei und ziemlich pingelige Kontrollen durchführe. Man bräuchte auch Genehmigungen, wenn man in die Camps wolle, sagten manche. Andere beruhigten mich, das sei alles nur ein Aufplustern – die Regierung von Bangladesch wolle den vielen internationalen Hilfsorganisationen nur demonstrieren, dass sie erstens wichtig sei und zweitens die Lage unter Kontrolle habe. Insofern war ich ziemlich gespannt, wie es in den Camps tatsächlich zugeht.

Um es schon mal vorweg zu nehmen: Von den bengalischen Militärs hab ich nur sehr wenig mitgekriegt: Kurz vor dem Zugang zu den Camps war eine kleine Schranke aufgebaut, die etwa die Hälfte der Straße absperrte. Dort standen zwei Männchen in Tarnanzug und hielten ab und zu Autos an. Das sah ziemlich willkürlich aus. Und kontrolliert wurden vor allem Einheimische, war mein Eindruck. Unser Auto mit dem Label einer Hilfsorganisation wurde jedenfalls nie angehalten. Und in den Camps selbst hab ich nicht einen Uniformierten gesehen. Ja, das Militär sei selten hier, bestätigt mir einer der NGO-Mitarbeiter im Camp Balukhali dann auch.

Aber irgendein Ordnungssystem, sowas wie Polizei muss es ja schon geben… Immerhin leben in den Camps Hunderttausende auf engstem Raum zusammen. Und keiner kann mir erzählen, dass es da nicht zu Streit, Diebstählen oder sogar Schlimmerem kommt. Dafür gibt es das Majhi-System, verrät mir Maleque, einer der Ortsansässigen, die hier nur ‚locals‘ genannt werden. Majhi, gesprochen ‚Madschi‘ – nie gehört. Meine erste Assoziation ist die Würzsauce meiner Kindheit und offenbar hab ich deshalb einen verblüfft-dümmlichen Gesichtsausdruck. Jedenfalls wird mir dann erklärt, dass das eine Art Verwaltungssystem innerhalb der Rohingyas ist. Aber das könne mir ein Majhi wahrscheinlich besser erklären. Und schon ist Maleque weg….

camp maghi3

Kurz danach taucht er mit einem Mann im Schlepptau wieder auf: Drahtig, graumelierter Bart, Hemd oben, Lungi unten und Wollmütze auf dem Kopf. Das ist der Majhi der umliegenden Familien, stellt der NGO-Mitarbeiter ihn vor, sein Name sei Nur Mohammad. Ich stelle mich auch vor. Habib, mein Dolmetscher, übersetzt. Und ich merke schnell, dass dieser Majhi ziemlich aufgeschlossen ist und mir ganz bereitwillig meine Fragen beantwortet. Das Majhi-System, erklärt er, ist quasi eine Kooperation zwischen den Rohingya und dem Militär von Bangladesch. Weil die Militärs diese Masse von Menschen in den Camps niemals alleine kontrollieren und organisieren könnten, haben sie angesehene Männer innerhalb der Flüchtlinge als Helfer eingesetzt. Er selbst sei einer der Sub-Majhis, damit sei er für 100 Familien hier im Block 2 im Camp Balukhali zuständig. Das heißt, er weiß, wieviel Kinder geboren werden, wer krank oder gestorben ist, wo und wann Hilfsgüter verteilt werden und er schlichte auch kleinere Streitigkeiten.

Außerdem befehlige er eine Art kleine Bürgerwehr, also Freiwillige, die vor allem nachts patroullieren und nach dem Rechten sehen. Alle Sub-Majhis in diesem Camp unterstehen dem Maghi, der für das ganze Camp zuständig ist und der wiederum ist dem Ober-Majhi untergeordnet, der den Überblick über alle Camps hat und eng mit dem bengalischen Militär zusammenarbeitet.

Der Majhi hat sich warm geredet, er wirkt locker und offen. Also versuche ich das zu nutzen: Was denn, seiner Meinung nach, die Hauptprobleme im Lager seien, frag ich. Und bin verblüfft über die Antwort: „Elefanten“

camp maghi elefant

Die würden nämlich nachts immer öfter in die Camps eindringen, wahrscheinlich weil sie Essen riechen würden oder einfach wieder zurück in ihre Wälder wollten. Klar, denk ich, da wo sich jetzt die Flüchtlingscamps über Kilometer an und zwischen die Hügel quetschen war davor ja alles bewaldet – der Lebensraum unter anderem auch von wild lebenden Elefanten. Jedenfalls kämen die grauen Riesen nachts und trampelten alles nieder, auch Menschen seien da oft unter den Opfern.

Ein anderes Problem im Moment seien die ‚locals‘, meint der Majhi. Es komme immer öfter vor, dass die ebenfalls nachts bewaffnet in die Camps einfallen. Die Stimmung gegen die Flüchtlinge sei zum Teil sehr aggressiv. „Wir sind an allem schuld, in deren Augen“. Ich beobachte ihn, während er das sagt. Er presst die Kiefer aufeinander, seine Stimme wirkt jetzt fast etwas trotzig. Wie alt er wohl ist? Wenn er lacht, schätze ich ihn auf dreißig, aber jetzt gerade… mindestens 10 Jahre älter. Ich frag ihn nach seinem Alter – auch damit sich sein Kiefer wieder lockert. Er sei 45 Jahre alt, meint Mohammad Nur, jedenfalls ungefähr. Er lacht. Klar, Geburtstage sind weder in Myanmar noch in Bangladesch besonders wichtig und hier wie dort wird bei den Dokumenten diesbezüglich schon auch mal geschummelt. Wir lächeln uns an. Dann frag ich weiter: Bei so vielen Menschen, die auf engstem Raum zusammenleben gibt es doch bestimmt auch noch andere Probleme. Wie sieht es da aus? Der Majhi lehnt sich selbstsicher zurück, drückt die Knie weit auseinander und versichert mir, dass da das Majhi-System hervorragend greife – sie hätten die Querelen und kleiner Diebstähle ganz gut im Griff. Ich fixiere seine Augen. Tatsächlich? Gibt es wirklich keine anderen Probleme?

Jetzt rutscht er auf dem Stuhl ganz nach vorne, das Lächeln verschwindet. Ich kann förmlich spüren wie ‚der Rolladen runtergeht‘. Jetzt ist es an mir, beruhigend zu lächeln und zu erklären, dass unser Gespräch in Bangladesch ja nicht zu hören oder lesen sein wird. Ich schreibe ja nur in deutsch und veröffentliche auch nur in Deutschland… Er zögert, wieder malmt der Kiefer, eine Ader an der Schläfe pocht. „Ja“, sagt er dann langsam, „es gibt auch noch andere Probleme…“ Erst vor ein paar Tagen sei zum Beispiel ein kleines Mädchen hier entführt worden. Die Eltern hättten kurz danach Bilder von ihr aufs Handy geschickt bekommen mit einer Lösegeld-Forderung. Lösegeld? Von geflüchteten Rohingyas? Das wundert mich, die hatten doch bestimmt kein Geld gehabt. Majhi Nur legt den Kopf schief und spricht jetzt ganz leise: Wenn man sein Kind wiederhaben wolle, komme man schon irgendwie an Geld. Dann schaut er mich wieder direkt an. Sie hätten den Erpresser dann nach der Geldübergabe verfolgt und ihn dann samt Komplizen gefasst. Das Mädchen sei auch wieder bei den Eltern. Ich halte den Blick fest… Ich hätte auch noch von anderen Problemen gehört. Wie manche Menschen auch noch auf andere Art an Geld kämen. Seine Augen weiten sich, er senkt den Blick, rutscht auf dem Stuhl hin und her. Ich warte, blicke ihn aber weiter an. Dann plötzlich seufzt der drahtige Mann, seine Schultern hängen nach vorne. Es sei so eine Schande, sagt er. Und er wünschte, er müsste nicht darüber sprechen. Sein Blick streift mich nur flüchtig. Ich sage nur ein Wort: „Please“

Er räuspert sich. Ja, es gäbe da noch ein Problem. Und das hätten die Majhi leider nicht im Griff… Es gäbe immer öfter Fälle von… er holt tief Luft…Prostitution im Lager. Mädchen und junge Frauen verschwänden plötzlich und würden dann in einem anderen Camp oder in Cox’s Bazar ‚angeboten‘. Und alles deute darauf hin…er schüttelt resigniert den Kopf…dass nicht nur ‚locals‘ zu diesem Verbrecher-Ring gehören, sondern auch seine eigene Volksgruppe. Dass Rohingyas ihre eigenen Frauen zum Sex zwingen. Dass mache ihn fassungslos. Er schäme sich für diese Menschen.

Fast bin ich versucht, ihm die Hand auf den Arm zu legen. Aber nur fast. Das ist in Bangladesch und bestimmt auch in Myanmar einfach ein No-Go. Also nicke ich nur verständnisvoll und bedanke mich für seine Offenheit.

Mir schwirrt der Kopf als ich sein Zelt verlasse. Eigentlich hätte ich noch viele Fragen. Aber ich habe gemerkt, dass jede weitere im Moment zu viel wäre. Manchmal muss man es eben auch gut sein lassen…

 

 

 

 

 

Kinder im Camp

Es gibt unglaublich viele Kinder in diesen Rohingya Camps im Süden von Bangladesch. Manche sind in Gruppen unterwegs, stromern herum, viele aber arbeiten – zum Teil sehr hart. Aber alle wirken irgendwie… richtungslos. Offenbar sind die Eltern selbst zu sehr mit sich und ihren Problemen beschäftigt. Eine Therapeutin im Camp hat mir erzählt, dass die meisten, die zu ihr kommen, an den traumatischen Erlebnissen in Myanmar leiden. Sie haben Flashbacks, also plötzlich aufblitzende Erinnerungen an schreckliche Situationen. Oder leiden an Schlaflosigkeit, weil sie Angst vor Albträumen haben. Auf jeden Fall sind viele Eltern ihren Kindern keine Stütze. Und dann organisieren sich die Kinder eben selbst. In diesem Blogartikel sollen sie das weitestgehend auch tun – deshalb lass ich einfach die Bilder sprechen und kommentiere sie nur sporadisch. Also Vorhang auf für die Kinder:

Es gibt regelrechte Banden, die gemeinsam durchs Lager stromern. Vielleicht tun sich die Kinder in Gruppen zusammen, weil es so sicherer ist. Vielleicht ist es aber einach auch weniger langweilig.

Abfall

Dass es im Lager sandig und staubig ist, hab ich ja schon erzählt. Aber nicht nur dieses Mädchen macht es fassungslos, an wie vielen Stellen es einfach nur dreckig, vermüllt und trostlos aussieht. Dazwischen immer wieder diese rostroten Schlieren im Wasser oder auf der Straße – keine Ahnung, ob das Blut von einem geschlachteten Huhn oder von etwas Größerem stammt.

Wasserholen scheint Kinderarbeit zu sein im Camp. Und zwar mehrmals am Tag. Es gibt zwar relativ viele Wasserstellen im Camp, aber manche sind direkt neben einer Latrine oder das Wasser riecht auch so schon nicht so gut – deshalb müssen die kleinen Wasserträger die Mangelware Trinkwasser oft über weite Strecken tragen.

Die Hügel in den Camps sind zwar so gut wie kahl, aber irgendwie schaffen es die Kinder doch immer wieder, ein Bündel Holz nach Hause zu tragen oder die mageren Einkäufe. Es ist zum Teil harte Arbeit. Aber schon die Kinder wissen hier: Wenn nicht alle zusammenhelfen gibt es halt schlicht nichts zu essen…

Ausgleichssport. Seile gibt es im Camp anscheinend massenhaft…

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…Bälle dagegen sind seltener. Dafür aber meist mit einem dicken Logo einer Hilfsorganisation versehen.

Es ist ganz selbstverständlich hier, dass Geschwister oder Nachbarskinder auf die Kleineren mit aufpassen. Sie schleppen die Zwerge ständig mit sich rum und gehen sogar im Bedarf mit ihnen zum Arzt.

Rumlungern, irgendwie den Tag rumbringen. Denn Spielsachen sind rar im Camp, die mussten die Kinder bei der Flucht meist zurücklassen.

Vielleicht war es Zufall, aber so zwischen drei und vier Uhr nachmittags scheinen die meisten Shops in den Camps mit Kindern besetzt zu sein. Ist mir an zwei Tagen aufgefallen…

Natürlich gibt es mittlerweile auch Schulen im Camp. Dort werden wenigstens die Basics wie Lesen und Schreiben vermittelt, machmal sogar noch Englisch und Burmesisch. Aber weil es eben noch viel mehr Kinder als Schulen gibt, wird meist in Schichten unterrichtet – also zwei bis drei Stunden am Vormittag, dann kommt der nächste Schwung Rotznasen dran. Daneben gibt es auch einige Madrasas, also Islamschulen, und immer mal wieder baut eine Hilfsorganisation sogenannte ‚child friendly spaces‘ auf: Ein großer Raum, der für Kinder unglaubliche Schätze birgt. Eine Rutsche zum Beispiel. Oder knallbunte Bälle, manchmal sogar Puzzle, Bilderbücher, Murmelbahnen oder kleine Webrahmen. Ein wahres Paradies also – leider nur jeweils für eine limitierte Anzahl an Kindern. Die anderen können nur von draußen zuschauen.

Zum Glück gibt es im Camp Balukhali eine Attraktion, die für jedes Kind offen ist: Die steile, abgerubbelte Riesen-Natur-Rutsche an einem Sandberg. Und da ist es völlig egal, ob beim Rutschen der blanke Bobbes geschmirgelt, die Hose am Podex dünner wird oder ein eingedrückter Wasserkanister als Bob herhalten muss – der Spaß ist sicht- und hörbar!

Two completely different sand-impressions

Wir sind heute von Dhaka nach Cox’s Bazar geflogen, dass ist die Stadt mit dem größten Sandstrand der Welt – heißt es. Ach und wir, das sind Jabed, diesmal wieder mit unterwegs als mein Fotograf und Gopal, der mich ja meistens auf meinen Reisen in Bangladesch begleitet.

Vom Flughafen aus geht’s direkt zum größten Rohingya camp – ich will mir gerne erstmal einen Überblick über die Situation verschaffen, bevor die richtige Arbeit morgen losgeht. Direkt ist allerdings relativ, denn es ist eine mindestens einstündige Strecke, ja nach Verkehr. Und ein gutes Stück Straße läuft erstmal parallel zum größten Sandstrand der Welt….

Nach und nach geht’s aber weg vom Strand, durch Straßendörfer durch, in denen ziemlich viel Verkehr herrscht – und mit allem gehandelt wird, das man sich vorstellen kann. Vom Kochtopf bis zum kompletten Bett gibt es hier alles. Und dazwischen steht immer wieder eine Kuh. Auch mitten auf der Straße. Wie in Indien 😉

Dann passieren wir eine einspurige Brücke…. das heißt, wir wollen gerne rüber, aber alles staut sich. Und der Grund dafür ragt weit über die Rikscha vor mir auf, zeigt mir den dicken, grauen Hintern und bewegt sich ziemlich gemächlich: Ein ausgewachsener Elefant! Nein sogar zwei

Erst der unglaubliche Sandstrand, dann die Fahrbahn entlang von kleinen Hainen und jetzt noch die Elefanten – kein Wunder, dass ich erstmal auch ganz begeistert über die kleinen Häuschen bin, die sich wie eine Terrassensiedlung an die sanften Hügel schmiegen. Aber der erste Eindruck täuscht. Denn die kleinen Häuschen stellen sich schnell als zusammengeschusterte Hütten heraus – erste Ausläufer der Rohingya-Camps.

Es gibt hier mehrere Camps, wir steuern aber das größte an. Hier hat die deutsche NGO CBM nämlich gerade erst ein Hilfsprojekt aufgebaut, das ich auf jeden Fall sehen will. Raus aus dem Auto, das letzte Stück – etwa 15 Minuten Weg – geht’s zu Fuß.

Die Wellblechhütten am Weg entlang sind in der Regel Anlaufstellen der verschiedensten Hilfsorganisationen. Hier tummelt sich alles, was ‚Rang und Namen‘ hat in diesem Geschäft: Ärzte ohne Grenzen, Save the Children, UNHCR oder auch einheimische NGOs wie die bengalische BRAC.

Es gibt unglaublich viele Kinder hier. Viele springen nackt herum, andere erledigen zum Teil schwere Arbeiten: schleppen Holz, Bambusstangen, schweißen Metall zusammen, hacken Löcher und Kanten in die Hügel. Wie gesagt, die sind zum Großteil terrassenförmig angelegt, mit eingekerbten Treppen. Und jetzt erst seh ich, dass die Hügel eigentlich nur aus festgestampftem Sand bestehen. Von wegen idyllische Terrassenanlage – ein starker Regenguss und viele der Häuser, Latrinen und Wasserstellen rutschen einfach ab…

Für die Lager wurden übrigens ganze Baum-Haine gerodet, die sich sonst über die Hügel ziehen. Totaler Kahlschlag an vielen Stellen. Trotzdem luckt auch immer mal wieder was Grünes aus diesem Plastik-Sand-Einerlei – und dann wirkt das endlos triste Lager plötzlich doch fast auch ein bisschen schön.

Dann haben wir’s geschafft: Die Registrierungsstelle der Christoffel-Blindenmission (CBM) taucht vor uns auf. Hier kann jeder um ärztliche Hilfe anfragen, wird erst von einem Arzt untersucht und eingeschätzt, dann an Spezialisten oder Therapeuten verwiesen, die gleich in der nächsten Zelt-Parzelle auf Hör- oder Sehschwächen untersuchen. Oder psychische und physische Beratung anbieten.

Gleich nebenan hat heute eine Art Schule aufgemacht. Wir kommen gerade noch richtig, um ein paar der rund 60 Kinder zu sehen, die hier ein bisschen beschult werden, vor allem aber einfach einen Raum haben, wo sie spielen und den tristen Lageralltag vergessen können.

Es ist kurz nach 16 Uhr, wir müssen das Lager verlassen, heißt es. Denn es wird bald dunkel und nachts darf kein foreigner mehr hier sein – das sei viel zu gefährlich.

Vielleicht krieg ich morgen mehr darüber raus, wie es in punkto Gewalt, Korruption und Prostitution hier im Lager zugeht…