Paradies hinter Mauern

Es sind manchmal gerade die ungeplanten, unvorhersehbaren Erlebnisse, die mich in Bangladesch am meisten beeindrucken…

Wir waren zum Beispiel gerade auf der Heimfahrt nach unserem Besuch der Fußballmädels von Kalsindur. Ich genieße diese Fahrten auf dem Motorrad deshalb immer besonders, weil wir so auch in entlegene Winkel kommen, weit ab der üblichen Routen und außerdem im Vorbeifahren so viele kleine Alltagsszenen mitbekommen. Und ja, ich mag es auch, wenn mir der Wind um die Ohren bläst.

motorradfahrt ich

Plötzlich aber hält mein Fahrer an, ohne ersichtlichen Grund. Der letzte Ort liegt schon mehrere Minuten zurück und entlang der Straßen ist nichts besonderes zu sehen, außer ein paar Ziegen auf einem Stoppelfeld rechter Hand und einer langen, weißgetünchten Mauer rechts. Mein Fahrer bespricht sich kurz mit Gopals Motorradlenker und kommt dann mit einer geheimnisvollen Miene auf mich zu. Ob ich Lust hätte, etwas ganz Besonderes zu sehen, fragt er mich und legt den Kopf schief. Mist, er scheint mich ja schon gut zu kennen…mit solchen Worten kriegt man mich ja immer. „Just one moment“, sagt er und geht auf die weiße Mauer zu, genauer gesagt auf das große grüne Tor, das mir davor gar nicht aufgefallen ist. Er klopft, das Tor öffnet sich einen Spalt, mein Fahrer redet eifrig auf jemanden ein und kommt dann zurück. „Let’s go“, sagt er und grinst verschwörerisch. Das Tor öffnet sich gerade so weit, dass wir durchschlüpfen können und wir müssen einem Mann mit strengem Blick versprechen, dass wir keine Fotos machen und uns ruhig und anständig verhalten. Wir nicken alle und ich fühle mich ein bisschen wie bei der Ansprache am ersten Schultag. Und dann tritt der Pförtner zur Seite und gibt den Blick frei…

Ein großer See eingefasst von sanften Hügeln, filigranem Schilf und majestätischen Bäumen, das ist das erste was ich seh. Dann Rosenbüsche in den unterschiedlichsten Farben, üppige Bougainvillea-Büsche, die einen betörenden Duft verströmen, sogar ein Spalier aus hochaufragenden Sonnenblumen, Farne… die Natur scheint hier überzuquellen –  so stell ich mir das Paradies vor, schießt mir durch den Kopf. Dann seh ich kleine weiße Häuschen auf den Hügeln, dazwischen ordentlich geharkte Kieswege. Mein Motorradguide reißt mich aus diesem Sinnesflash, wir sollten weitergehen, dann hätten wir noch einen besseren Blick. Jetzt erst kommt langsam mein Denken in Gang. Was ist das hier? Beide Fahrer strahlen mich an. Das sei eine Kolonie der Siebten-Tags-Adventisten und das Strahlen wird nicht einmal weniger, als ich zugeben muss, dass ich keine Ahnung von dieser Religionsgemeinschaft habe. Es sei eine christliche Freikirche, wird mir erklärt, und habe Ähnlichkeiten mit den Baptisten und den Protestanten. Dann stehen wir auf einem der Hügel und erst jetzt kann ich das riesige Gelände sehen…

Es gibt eine kleine Kirche hier, eine Schule für Jungs, eine für Mädchen, beide durch den See getrennt. Außerdem kleine Werkstätten und eine Backstube. Wenn ich meinen Fahrer richtig verstanden habe, sind die Schulen Internate und es gibt in Bangladesch auch noch viel mehr ummauerte Glaubensoasen wie diese.

Ich habe noch ziemlich viele Fragen, merke aber, dass das Englisch unserer Motorrad-guides begrenzt ist und deshalb beschließe ich, später selbst zu recherchieren.

Gopal aber hat eine ganz andere Frage: Außerhalb des riesigen Grundstücks, gleich neben der Mauer ragt nämlich ein weißer, pulvrig aussehender Hügel hervor. Was das denn sei, fragt er. „White clay“, ist die Antwort. Weißer Lehm? Das benutze man, um Keramik herzustellen, werde ich aufgeklärt. Okay, auch das muss ich später nachschlagen.

Etwa eine halbe Stunde später verlassen wir diesen Ort wieder. Und es ist völlig surreal als wir aus diesem blütenduft- und vogelgezwitscher-schwangeren Idyll durch das große Tor auf die staubige Straße mit den hupenden Motorrikschas und dem Müll am Wegesrand treten.

Wir reden nicht mehr viel an diesem Tag. Offenbar schwingt auch bei Gopal noch dieses ungewöhnliche Gefühl von ….naja, sowas wie der Reinheit dieses Orts nach. Erst beim Abendessen in unserem guesthouse ergreift Gopal das Wort. „Dhonnobad“, sagt er, danke. Wofür, frage ich. Er schaut mir ernst und direkt in die Augen. „Dafür, dass ich auf den Reisen mit dir so viele Aspekte meines eigenen Landes entdecke, soviele Orte sehe und Begegnungen habe, die ich sonst nie haben würde.“

Extra: Recherche-Ergebnisse

Adventisten

Die Adventisten  haben etwa 116 Kirchen in Bangladesch und etwa 35.000 Mitglieder, weltweit sind es über 20 Millionen (Zum Vergleich: Lutheraner gibt es weltweit etwa 70 Millionen). Sie betreiben Schulen und Schulungseinrichtungen und sogar ein eigenes Kurzwellen-Radioprogramm. Außerdem engagieren sie sich für Überschwemmungsopfer. Anders als die meisten christlichen Kirchen ist für die Adventisten der Samstag der Tag des Gottesdienstes, der Ruhetag, den sie als Sabbat bezeichnen. Ähnlich wie die Baptisten werden die Gläubigen erst nach gründlichem Bibelstudium getauft, es gibt also keine Kindstaufe. Und beim Taufen wird der ganze Körper untergetaucht. Nach ihrer Lehre versinkt man mit dem Tod in eine Art Schlaf, aus dem die wahrhaft Gläubigen – egal ob sie Adventisten oder aus anderen Glaubensgemeinschaften sind – mit der Wiederkehr Jesus auferstehen. Deshalb ist es für Adventisten wichtig, Gutes zu tun und im Sinne Jesus zu leben. Das heißt auch, dass sie sehr bewusst auf ein gesundes Leben ohne Alkohol, Drogen und Tabak achten, Adventisten essen zum Beispiel kein Schweine-, Pferde- oder Kaninchenfleisch und auch keine Schalentiere. Viele ernähren sich sogar vegetarisch – der Körper ist für sie ‚ein Haus Gottes‘. Eine Hölle für Sünder gibt es bei ihnen nicht, die werden bei der Christus Wiederkehr einfach vernichtet.

White clay

Der weiße Lehm wird auch als Kaolin, Porzellanerde, Porzellanton, weiße Tonerde, Pfeifenerde oder als Bolus alba bezeichnet. Es wird hauptsächlich bei der Herstellung von Porzellan oder Papier verwendet, manchmal auch als Pudergrundlage.

 

 

 

 


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Kicking predjudice (english version)

[Hä, das Bild kenn ich doch? Ja stimmt. Auf vielfachen Wunsch eines Einzelnen wurde dieser Blogartikel ins Englische übersetzt – ein herzliches Dankeschön an Christa Hebestreit und Mike Marklove für die Übersetzung!]

Normally I am not a big soccer fan. Nevertheless, I took a very long trip right to the very north of Bangladesh to meet soccer players. Young female soccer players, who have scored decisive goals in making changes in Bangladesh.

Once again I am travelling with a photographer, who in the past has shot some excellent pictures for me illustrating a magazine story. And of course I am accompanied by my longtime travel companion, friend, organizer and translator for me, all in one person.

Our first stop is at a school in Kalsindur, a very small village, of which, not too long ago, many people in Bangladesh hadn’t even heard of. Meanwhile this has changed. And Kalsindur is known by a lot of Bangladeshi, because of these soccer playing young girls… Again, we are travelling by motorcycles on this trip, as there are no bus connections to these distant villages. And cars cannot drive here due to the poor conditions of the roads. Speaking of bad conditions: In this picture you can see the soccer pitch in front of the school!  Sometimes it is also used by cows and goats and also for the local market.

 

Upon our arrival at the school we are welcomed by a committee, teachers and other representatives of this small village. People in Bangladesh love to represent, it seems. Simple visits quickly become ceremonial. Here – for the first time – I hear the first stories of the soccer playing girls, but a version, which is new to me. Their school ‚muftis‘ told me the government of Bangladesh wanted to strengthen the self confidence of young girls – „Allah, protect our wise Prime Minister Sheikh Hasina“ – and thus they started a program that encouraged girls at schools to start playing soccer. But as not all schools were so courageous and progressive, there was only such a project in Kalsindur.

 

Incidentally, I had heard a completely different version of the story, which was verified by local journalists, a middleman in the district capital and the father of one of these girls. It seemed to me that this soccer team was somewhat founded out of defiance. In a muslim country like Bangladesh it is normally forbidden for girls participate in sports. And running around in sports-wear is normally a no-go. At this school in Kalsindur they already had a soccer team, but for boys. But their coach was not at all satisfied with the discipline and engagement of the boys. This made the coach once scream out: „Even girls can do better“. This caused big laughter among the boys,  and this infuriated the coach even more. As a reaction to this, the coach made girls play soccer. Of course, the girls talked about this at home. And most parents were not amused about this teacher, who did not follow the Muslim rules. At first, the parents didn’t allow their girls to play soccer. But this teacher was a persistent man. He went from household to household and talked to the parents with a large amount of persuasion. In the end the teacher was able to build a small girls soccer team. These were girls coming from the slums of Kalsindur, the poorest of the poor. But that did not seem to matter. The girls started their daily training and after a short while the girls had a lot of fun with their new sport. And, most importantly, the girls did a really good job.

Spiel (25)

The first girl I meet is Sajeda, a 14 year old soccer ’nerd‘, at least that was how she introduced herself to me with a bright smile. I am really surprised by this girl. Normally, female teenagers in Bangladesh are very shy and hardly speak a word. Sajeda seems to think it is very normal that people from far away want to interview her, or at least she has been briefed well. We sit down at the place before their simple shelter. But then I  rise again and walk over to the people who are standing behind us, once again a commitee of representatives and family members. And I explain to them very politely, but quite firm and with a certain authority in my voice that we would now need silence, for the interviews as well as for the pictures which would be taken. The answer is an astonished murmering, but they accept my request. ‚Orders‘ coming from a woman will only be accepted if done with a lot of ‚Chutzpa‘, I have learned in the meantime.

 

I notice that Sajeda is constantly playing around with her new pink coloured sportsjacket. „Nice clothes“, I say. And then suddenly, like a soap bubble, the last caution flies away. Her eyes glow when she tells me that she is immensely proud of this. It was always her big dream to become a member of this school soccer team. And these new sports jackets were given to them not long ago. Even her name is imprinted on it. She stops, blushes a little and then says hastily: „To become famous is not so important to me, but I want to be a very good player. That really matters to me!“

I enjoy talking to Sajeda. She explains very vividly that she always had a good feel for the ball. Well, ball is not the right expression. In her childhood she had no football, her parents were too poor to give her a ball. Instead, she played with unripe limes, mangos or everything that even looked like a ball. This training must have been a good training. Because she stuns me when I watch her play in her everyday clothes. The balls seems to stick to her foot as if tied to a rubber band. She rolls it around her ankle, flicks it to her toes, to her heels, kicks it high and catches it with her instep where she rests it calmly. It looks very easy and playful, but the 14 year old girl is highly concentrated, moves a strand of hair from her face and laughs: „I am a striker. And I am pretty good in keeping control of the ball.

 

Since she has been playing in the soccer team of her school, she trains one and a half hours every day. My eyebrows rise in disbelief – one and a half hours? Besides going to school? She nods challengingly. It is not easy to achieve, she admits. „I get up very early every morning, clean my teeth and help my mother with cooking. Afterwards, I go to the river for a swim and a wash and then to school“. Training starts at three. „I never miss that. As soon as I am back home again afterwards, I help once again with the housekeeping and do my homework.

Sure, in the beginning the neighbours talked behind her back about her. Some said this behavior wasn’t suitable for a young girl and went against religious rules. She dressed in a dissolute manner… With the movement of her hand, Sajeda wipes away these imaginary voices. Ant the time, the soccer team was already very successful, even outside Bangladesh. And because of this success, talk ended soon. In the moment when Sajeda talks about the success of the team abroad, she slides back and forth in her chair. She is proud to have been to India and Tadschikistan already. „That was great, the playing grounds there – wow!“ I smile and remember her local pitch in front of her school, covered with sand holes, waste and cow dung. 

Everything has changed so much because of the girls soccer team, says Sajeda. They now have their own soccer jerseys. And actually, the whole village has profited from the success of the girls team. At least every house now has electricity. „In earlier days, we could watch soccer on TV only in the house of our Lady teacher. Now I can do this together with friends and neighbours, although not every household is connected to cable or satellite“.

Now the photoshooting starts. I ask the girl to take off her sports wear and put on her everyday clothes. After all, we’d also like to see her everyday life, her life in her family. Her eyes widen very shortly. „Without my soccer clothes?“  But she loses her brief irritation very soon after I explain to her, that people in Germany can’t imagine what the life of a 14 year old girl in Bangladesh is like. And that we would love to show that too. But before that, she replies, she wants to show us her medals…

 

Shortly afterwards she is posing for us: cooking, washing, with her girl friends, with her family – all of a sudden, Sajeda is in her element. She shows no signs of shyness at all. She seems very much within herself, very self confident and content. And she talks very happily with our photographer, tells him that during the last season she was the top scorer of her team, oh, and by the way: The girls-team is much better than the boys soccer team…

 

We say good bye to Sajeda, but will meet her again during her training in the afternoon.

JPS16468

And upon leaving I realize how happy I am because of this encounter: I have seen a lot of girls from very poor families. Most of them were very timid, were afraid to look into my eyes and were very edgy, jerking suddenly and anxiously after certain movements. What a difference this open-minded and uncomplicated young girl makes.

„To be continued“

Kicken gegen Vorurteile

Eigentlich bin ich kein großer Fußball-Fan. Aber trotzdem hab ich die weite Reise ganz in den Norden von Bangladesch gemacht, um Fußballspieler zu treffen. Genauer gesagt Spielerinnen. Jugendliche Spielerinnen. Denn diese Mädels haben enorm viel bewegt in Bangladesch.

Ich bin diesmal auch mit einem Fotografen unterwegs, ein Freund, der schon einmal Bilder für einen Magazinbeitrag für mich gemacht hat. Und natürlich mit meinem bewährten Reisegefährten, der Freund, Organisator und Dolmetscher in einem ist.

Zuerst geht es an die Schule in Kalsindur, das ist ein ganz kleiner Ort, den auch in Bangladesch lange Zeit kaum einer kannte. Mittlerweile kennen ihn aber die meisten und auch das liegt an den Fußballmädels… Wir sind auch diesmal wieder mit Motorrädern unterwegs, Busse fahren in diese entlegenen Dörfer nicht und für Autos sind die Wege oft zu schlecht. Apropos schlecht, das hier ist das Fußballfeld vor der Schule! Es wird außerdem – wie man ja sieht – von Kühen, Ziegen und für den örtlichen Markt genutzt.

In der Schule werden wir schon erwartet, von einigen Lehrern und Honoratioren des Ortes. Die Bangladeshi lieben einfach das Repräsentieren, scheint mir. Alles wird hier gleich zum Staatsakt. Na, jedenfalls bekomme ich hier die ‚Legende‘ der fußballspielenden Mädchen erzählt – allerdings in einer Variante, die mir völlig neu ist: Laut den Schul-Muftis wollte die Regierung von Bangladesch – „Allah schütze unsere weise Premierministerin Sheikh Hasina“ – das Selbstbewusstsein von jungen Mädchen stärken und habe deshalb eine Intitiative ins Leben gerufen: An den Schulen im Land sollte Fußballspielen für Mädchen angeboten werden. Weil aber nicht alle Gemeinden so fortschrittlich und mutig seien, habe es das Fußball-Angebot erst nur in Kalsindur gegeben.

Ich hatte die Story übrigens ganz anders gehört und habe meine Variante mittlerweile auch verifiziert, indem ich lokale Journalisten, einen Mittelsmann in der Distrikt-Hauptstadt und den Vater eines Fußballmädchens gefragt habe. Offenbar ist das Mädchen-Team durch Trotz entstanden: In einem muslimischen Land wie Bangladesch ist es nämlich für Mädchen eigentlich verboten, Sport zu treiben und in einem Trikot rumzulaufen, geht schon gleich gar nicht. An der Schule in Kalsindur gab es aber durchaus eine Fußballmannschaft für Jungs. Allerdings war der Trainer alles andere als zufrieden mit der Disziplin und dem Einsatz dieser Jungen und war irgendwann so sauer, dass er schrie: „Das können ja die Mädchen noch besser!“ Großes Gelächter bei den Jungs – was den Trainer natürlich erst recht in Rage brachte. Und aus Trotz verdonnerte er gleichaltrige Mädchen zum Kicken. Klar, dass die Mädels zu Hause davon erzählten und die meisten Eltern waren ’not amused‘ über diesen Lehrer, der die muslimischen Sitten so mit Füßen trat. Sie verboten ihren Töchtern einfach, Fußball zu spielen.  Der Lehrer aber ließ nicht locker, ging von Haustür zu Haustür und setzte seine ganze Überzeugungskraft ein. Bis er tatsächlich einige Mädchen für eine Mannschaft zusammen hatte. Es waren Mädchen aus den Slums von Kalsindur, die ärmsten der Armen. Aber das war egal. Die Mädchen trainierten täglich und hatten bald einen Riesenspaß an diesem Sport. Und vor allem: Sie waren richtig gut!

Spiel (25)

Ich treffe mich erst mit Sajeda, einer 14jährigen Fußball-Verrückten – wenigstens stellt sich sich selbst breit grinsend so vor. Ich bin positiv überrascht von diesem Mädchen, denn normalerweise sind vor allem weibliche Tennies in Bangladesch sehr schüchtern, kriegen fast den Mund nicht auf. Für Sajeda scheint es aber ganz selbstverständlich zu sein, dass da Menschen von weit her zum Interview kommen – oder sie wurde einfach gut gebrieft. Wir setzen uns im Halbkreis auf den Platz vor der Wellblechhütte. Aber dann steh ich nochmal auf, geh zu dem Pulk an Honoratioren und Familienangehörigen, die sich auch hier versammelt haben und erkläre höflich, aber mit Autorität, dass wir jetzt Ruhe bräuchten, sowohl für die Interviews als auch für die Fotos. Erstauntes aber doch bereitwilliges Murmeln. Anweisungen von einer Frau gehen nur, wenn die mit der nötigen Chuzpe auftritt, soviel weiß ich schon.

Ich merke, dass Sajeda immer wieder an ihrer pinkfarbenen Trainingsjacke rumzippelt. „Chicer Dress“, sage ich. Und da platzt auch der letzte Rest Zurückhaltung wie eine Seifenblase. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, dass sie darauf auch unglaublich stolz ist, immerhin war es immer ihr Traum, zu dieser Schul-Mannschaft zu gehören und diese einheitlichen Trikots hätte das Team relativ neu gesponsert bekommen. Sogar ihr Name stehe drauf….sie stockt, wird etwas rot, und schiebt dann schnell ein: „Berühmt sein ist mir nicht so wichtig, aber eine gute Spielerin zu sein, schon.“

Es macht Spaß mit Sajeda zu reden, sie erzählt anschaulich, dass sie schon immer ein ziemlich gutes Ballgefühl hatte – naja, BALLgefühl passt nicht ganz, denn sie hatte ja in ihrer Kindheit keinen Ball, dafür waren ihre Eltern viel zu arm. Statt dessen hat sie mit unreifen Limetten, Mangos oder mit allem, was irgendwie die Form eines Balls hatte gespielt. Offenbar ein gutes Training, denn als sie später für das Fotoshooting in ihrem normalen Alltagskleid ihre Ballkünste vorführt, bin ich platt: Der Ball scheint wie an einem Gummiband mit Sajedas Fuß verbunden zu sein – er umkreist ihren Knöchel, wechselt zur Spitze, zur Hacke, fliegt, landet auf dem Spann und bleibt da ruhig liegen. Es sieht so spielerisch aus, aber die 14Jährige ist hochkonzentriert, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lacht: „Ich bin Stürmerin. Und in der Ballkontrolle bin ich richtig gut.“

Seit sie im Fußball-Team der Schule sei, trainiere sie täglich anderthalb Stunden. Mir rutscht die Augenbrauen hoch – anderthalb Stunden? Zusätzlich zur Schule? Sie nickt herausfordernd. Leicht sei das nicht, gibt sie zu. „Ich steh halt sehr früh auf, putz die Zähne und helf meiner Mutter beim Kochen. Dann geht’s zum Fluss, schwimmen, waschen und ab zur Schule. Und um drei ist dann Training. Das verpass ich nie! Sobald ich daheim bin, helf ich wieder im Haushalt und mach die Hausaufgaben.“

Klar, am Anfang hätten die Nachbarn getuschelt, manche hätten gesagt, das schicke sich nicht für Mädchen, das sei gegen die religiösen Gesetze. Sie sei liederlich, sich so anzuziehen….Sajeda wischt diese imaginären Stimmen mit einer Handbewegung weg. Da hatte das Team ja längst schon Erfolge im Ausland, deshalb hörte das böse Gerede bald auf. Und kaum hat sie das Thema Ausland angesprochen, rutscht und wippt Sajeda wieder auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sei schon in Indien und Tadschikistan gewesen, „das war toll, vor allem die Spielfelder dort – Waaaahnsinn!“ Ich grinse und erinnere mich an das riesige Feld vor der Schule, voller Sandlöcher, Abfall und Kuhdung.

Es habe sich so viel verändert durch das Mädchen-Fußballteam, sagt Sajeda. Sie hätten jetzt richtige Mannschaftstrikots. Und eigentlich profitiere der ganze Ort vom Erfolg der Kickerinnen, immerhin gäbe es jetzt in jedem Haus Strom. „Früher konnten wir nur im Haus der Lehrerin Fußball gucken. Jetzt kann ich das zusammen mit Freunden und Nachbarn machen, auch wenn wir nicht alle Kabel- oder Satelliten-Fernsehen haben.“

Dann geht’s ans Fotoshooting. Ich bitte das Mädchen, das Trikot aus und ihre Alltagsklamotten anzuziehen. Wir wollen ja auch ihren Alltag, ihr Leben in der Familie ablichten. Ihre Augen weiten sich ganz kurz, „wie ohne Trainingsanzug?“ – aber sie hat diese kleine Irritation schnell überwunden als ich ihr erkläre, dass die Menschen in Deutschland ja nicht wüssten, wie der Alltag einer 14Jährigen in Bangladesch aussehe, und dass wir das auch gerne zeigen würden.  Aber vorher, sagt sie, müsse sie uns noch ihre Medallien zeigen…

Und dann post sie für uns: Beim Kochen, Waschen, mit ihren Freundinnen, mit der Familie – Sajeda ist ganz bei der Sache, hat keinerlei Scheu. Sie scheint ganz bei sich zu sein, sich selbst bewusst und zufrieden. Und sie plappert ganz vergnügt mit meinem Fotografen, verrät ihm sogar, dass sie in der letzten Saison Torschützenkönigin war und überhaupt: Das Mädchenteam sei weit besser als die Fußball-Jungs….

Wir verabschieden uns von Sajeda, werden sie aber beim Training am Nachmittag wieder treffen.

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Und beim Wegfahren merke ich, wie froh mich diese Begegnung gemacht hat: Ich habe schon viele Mädchen aus sehr armen Familien gesehen, die meisten waren verhuscht, trauten sich kaum, mir in die Augen zu sehen und zuckten bei schnellen Bewegungen auch schon mal ängstlich zusammen. Was für ein Kontrast zu diesem offenen und unkomplizierten Mädchen!

Fortsetzung folgt