The Majhi-system

Die Sicherheitslage in den Rohingya Camps sei sehr unsicher, hieß es. Vor allem für ‚foreigners‘ sei es gefährlich, hieß es. Es habe auch schon Entführungen gegeben, hieß es… Was hab ich nicht alles für Horrorstories gehört vor der Reise.

Dass davon Vieles übertrieben oder sogar falsch ist, hab ich schon vor der Reise in die Camps gewusst: Zum Beispiel gab es zwar Entführungen, aber vor allem in den Chittagong hills – und die sind über 100km von den Rohingya camps entfernt, in die ich wollte. Allerdings warnten mich meine Kontakte und Freunde vor Ort, dass das Militär in dieser Gegend stark aktiv sei und ziemlich pingelige Kontrollen durchführe. Man bräuchte auch Genehmigungen, wenn man in die Camps wolle, sagten manche. Andere beruhigten mich, das sei alles nur ein Aufplustern – die Regierung von Bangladesch wolle den vielen internationalen Hilfsorganisationen nur demonstrieren, dass sie erstens wichtig sei und zweitens die Lage unter Kontrolle habe. Insofern war ich ziemlich gespannt, wie es in den Camps tatsächlich zugeht.

Um es schon mal vorweg zu nehmen: Von den bengalischen Militärs hab ich nur sehr wenig mitgekriegt: Kurz vor dem Zugang zu den Camps war eine kleine Schranke aufgebaut, die etwa die Hälfte der Straße absperrte. Dort standen zwei Männchen in Tarnanzug und hielten ab und zu Autos an. Das sah ziemlich willkürlich aus. Und kontrolliert wurden vor allem Einheimische, war mein Eindruck. Unser Auto mit dem Label einer Hilfsorganisation wurde jedenfalls nie angehalten. Und in den Camps selbst hab ich nicht einen Uniformierten gesehen. Ja, das Militär sei selten hier, bestätigt mir einer der NGO-Mitarbeiter im Camp Balukhali dann auch.

Aber irgendein Ordnungssystem, sowas wie Polizei muss es ja schon geben… Immerhin leben in den Camps Hunderttausende auf engstem Raum zusammen. Und keiner kann mir erzählen, dass es da nicht zu Streit, Diebstählen oder sogar Schlimmerem kommt. Dafür gibt es das Majhi-System, verrät mir Maleque, einer der Ortsansässigen, die hier nur ‚locals‘ genannt werden. Majhi, gesprochen ‚Madschi‘ – nie gehört. Meine erste Assoziation ist die Würzsauce meiner Kindheit und offenbar hab ich deshalb einen verblüfft-dümmlichen Gesichtsausdruck. Jedenfalls wird mir dann erklärt, dass das eine Art Verwaltungssystem innerhalb der Rohingyas ist. Aber das könne mir ein Majhi wahrscheinlich besser erklären. Und schon ist Maleque weg….

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Kurz danach taucht er mit einem Mann im Schlepptau wieder auf: Drahtig, graumelierter Bart, Hemd oben, Lungi unten und Wollmütze auf dem Kopf. Das ist der Majhi der umliegenden Familien, stellt der NGO-Mitarbeiter ihn vor, sein Name sei Nur Mohammad. Ich stelle mich auch vor. Habib, mein Dolmetscher, übersetzt. Und ich merke schnell, dass dieser Majhi ziemlich aufgeschlossen ist und mir ganz bereitwillig meine Fragen beantwortet. Das Majhi-System, erklärt er, ist quasi eine Kooperation zwischen den Rohingya und dem Militär von Bangladesch. Weil die Militärs diese Masse von Menschen in den Camps niemals alleine kontrollieren und organisieren könnten, haben sie angesehene Männer innerhalb der Flüchtlinge als Helfer eingesetzt. Er selbst sei einer der Sub-Majhis, damit sei er für 100 Familien hier im Block 2 im Camp Balukhali zuständig. Das heißt, er weiß, wieviel Kinder geboren werden, wer krank oder gestorben ist, wo und wann Hilfsgüter verteilt werden und er schlichte auch kleinere Streitigkeiten.

Außerdem befehlige er eine Art kleine Bürgerwehr, also Freiwillige, die vor allem nachts patroullieren und nach dem Rechten sehen. Alle Sub-Majhis in diesem Camp unterstehen dem Maghi, der für das ganze Camp zuständig ist und der wiederum ist dem Ober-Majhi untergeordnet, der den Überblick über alle Camps hat und eng mit dem bengalischen Militär zusammenarbeitet.

Der Majhi hat sich warm geredet, er wirkt locker und offen. Also versuche ich das zu nutzen: Was denn, seiner Meinung nach, die Hauptprobleme im Lager seien, frag ich. Und bin verblüfft über die Antwort: „Elefanten“

camp maghi elefant

Die würden nämlich nachts immer öfter in die Camps eindringen, wahrscheinlich weil sie Essen riechen würden oder einfach wieder zurück in ihre Wälder wollten. Klar, denk ich, da wo sich jetzt die Flüchtlingscamps über Kilometer an und zwischen die Hügel quetschen war davor ja alles bewaldet – der Lebensraum unter anderem auch von wild lebenden Elefanten. Jedenfalls kämen die grauen Riesen nachts und trampelten alles nieder, auch Menschen seien da oft unter den Opfern.

Ein anderes Problem im Moment seien die ‚locals‘, meint der Majhi. Es komme immer öfter vor, dass die ebenfalls nachts bewaffnet in die Camps einfallen. Die Stimmung gegen die Flüchtlinge sei zum Teil sehr aggressiv. „Wir sind an allem schuld, in deren Augen“. Ich beobachte ihn, während er das sagt. Er presst die Kiefer aufeinander, seine Stimme wirkt jetzt fast etwas trotzig. Wie alt er wohl ist? Wenn er lacht, schätze ich ihn auf dreißig, aber jetzt gerade… mindestens 10 Jahre älter. Ich frag ihn nach seinem Alter – auch damit sich sein Kiefer wieder lockert. Er sei 45 Jahre alt, meint Mohammad Nur, jedenfalls ungefähr. Er lacht. Klar, Geburtstage sind weder in Myanmar noch in Bangladesch besonders wichtig und hier wie dort wird bei den Dokumenten diesbezüglich schon auch mal geschummelt. Wir lächeln uns an. Dann frag ich weiter: Bei so vielen Menschen, die auf engstem Raum zusammenleben gibt es doch bestimmt auch noch andere Probleme. Wie sieht es da aus? Der Majhi lehnt sich selbstsicher zurück, drückt die Knie weit auseinander und versichert mir, dass da das Majhi-System hervorragend greife – sie hätten die Querelen und kleiner Diebstähle ganz gut im Griff. Ich fixiere seine Augen. Tatsächlich? Gibt es wirklich keine anderen Probleme?

Jetzt rutscht er auf dem Stuhl ganz nach vorne, das Lächeln verschwindet. Ich kann förmlich spüren wie ‚der Rolladen runtergeht‘. Jetzt ist es an mir, beruhigend zu lächeln und zu erklären, dass unser Gespräch in Bangladesch ja nicht zu hören oder lesen sein wird. Ich schreibe ja nur in deutsch und veröffentliche auch nur in Deutschland… Er zögert, wieder malmt der Kiefer, eine Ader an der Schläfe pocht. „Ja“, sagt er dann langsam, „es gibt auch noch andere Probleme…“ Erst vor ein paar Tagen sei zum Beispiel ein kleines Mädchen hier entführt worden. Die Eltern hättten kurz danach Bilder von ihr aufs Handy geschickt bekommen mit einer Lösegeld-Forderung. Lösegeld? Von geflüchteten Rohingyas? Das wundert mich, die hatten doch bestimmt kein Geld gehabt. Majhi Nur legt den Kopf schief und spricht jetzt ganz leise: Wenn man sein Kind wiederhaben wolle, komme man schon irgendwie an Geld. Dann schaut er mich wieder direkt an. Sie hätten den Erpresser dann nach der Geldübergabe verfolgt und ihn dann samt Komplizen gefasst. Das Mädchen sei auch wieder bei den Eltern. Ich halte den Blick fest… Ich hätte auch noch von anderen Problemen gehört. Wie manche Menschen auch noch auf andere Art an Geld kämen. Seine Augen weiten sich, er senkt den Blick, rutscht auf dem Stuhl hin und her. Ich warte, blicke ihn aber weiter an. Dann plötzlich seufzt der drahtige Mann, seine Schultern hängen nach vorne. Es sei so eine Schande, sagt er. Und er wünschte, er müsste nicht darüber sprechen. Sein Blick streift mich nur flüchtig. Ich sage nur ein Wort: „Please“

Er räuspert sich. Ja, es gäbe da noch ein Problem. Und das hätten die Majhi leider nicht im Griff… Es gäbe immer öfter Fälle von… er holt tief Luft…Prostitution im Lager. Mädchen und junge Frauen verschwänden plötzlich und würden dann in einem anderen Camp oder in Cox’s Bazar ‚angeboten‘. Und alles deute darauf hin…er schüttelt resigniert den Kopf…dass nicht nur ‚locals‘ zu diesem Verbrecher-Ring gehören, sondern auch seine eigene Volksgruppe. Dass Rohingyas ihre eigenen Frauen zum Sex zwingen. Dass mache ihn fassungslos. Er schäme sich für diese Menschen.

Fast bin ich versucht, ihm die Hand auf den Arm zu legen. Aber nur fast. Das ist in Bangladesch und bestimmt auch in Myanmar einfach ein No-Go. Also nicke ich nur verständnisvoll und bedanke mich für seine Offenheit.

Mir schwirrt der Kopf als ich sein Zelt verlasse. Eigentlich hätte ich noch viele Fragen. Aber ich habe gemerkt, dass jede weitere im Moment zu viel wäre. Manchmal muss man es eben auch gut sein lassen…

 

 

 

 

 

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