A special woman

Sie hat mich vom allerersten Moment an beeindruckt. Obwohl alles erstmal mit einem Missverständnis begann…

Im November 2015 besuchten wir ein Dorf im Distrikt Gaibandha: Char Charita Bari. Das ‚Char‘ im Namen deutet schon darauf hin, dass dieser Ort auf Sand gebaut ist, genauer gesagt auf Schwemmland. Und genau das ist das Problem in dieser Gegend. Denn die Chars liegen zwischen den Flüssen Brahmaputra und Tista und sind fast jedes Jahr überschwemmt. Und weil der Boden so instabil ist, wird das Schwemmland oft einfach weggespült. Hier zu leben ist gefährlich. Deshalb wohnen auf diesen Chars eigentlich nur arme Menschen, die sich kein anderes Land leisten können. CharDas Dorf Char Charita Bari war ausgewählt worden, ein Pilotprojekt zu werden – das komplette Dorf samt einiger Felder sollte erhöht werden (siehe: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ ). Jedenfalls wurden wir zwar von allen Dorfbewohnern herzlich begrüßt, es war aber eine Frau, die als Repräsentantin für das Dorf gesprochen hat. Deshalb dachte ich damals, diese Frau, Laily, sei eine Art Ortsvorsteherin. Was für Bangladesch ziemlich ungewöhnlich ist, weil normalerweise Männer solche wichtigen Positionen einnehmen, der Älteste zum Beispiel oder der Reichste im Dorf.

Laily machte ihre Sache sehr gut, schilderte die Situation anschaulich, war dabei aber nicht zu ausschweifend, betonte das die Dorfbewohner alle zusammen was verändern wollten, wies aber auch auf Schwierigkeiten hin. Irgendwann kniete ich quasi vor ihr, weil ich ihre Aussagen ja mit dem Mikro einfangen musste. Obwohl sie nur indirekt, also über den Übersetzer, mit mir sprechen konnte, blickte sie mich dabei direkt an. Ich war beeindruckt, wieviel Wärme, Begeisterung und Intelligenz in diesem Blick lagen. Ich registrierte aber auch, dass die umstehenden Dorfbewohner immer wieder zustimmend nickten bei Lailys Ausführungen. Deshalb war ich während der ganzen Beratungen sicher, diese Frau ist ein angesehenes Mitglied der Dorfgemeinschaft ist. Aber das stimmt gar nicht!

Herausgefunden hab ich das aber erst bei meinem nächsten Besuch im Januar 2017 (https://yvonnekoch.wordpress.com/2017/01/26/after-the-big-flood-char-charita-bari/ ). Das Dorf war da schon erhöht, hatte die ersten starken Überschwemmungen unbeschadet überstanden und war eine Art Modell-Projekt geworden. Für mich war es ein bisschen wie ‚heimkommen‘, weil ich zu diesem Dorf einen besonderen Bezug habe. Es war schön, bekannte Gesichter wiederzusehen, die Vertrautheit der Dorfbewohner zu spüren und ihren Stolz auf das Geleistete. Aber irgendwas fehlte… Laily!

Die kam erst, als wir eigentlich schon aufbrechen wollten. Freudestrahlend kam sie auf mich zu, umarmte mich herzlich – und ich hatte sofort das Gefühl von Vertrautheit. Ich müsse unbedingt mit in ihr Haus kommen, darauf bestand sie. Ein kurzer Blick zu meinen Begleitern. Ja, eine Kurzvisite sei drin….

Ich war ziemlich irritiert als Laily uns weg vom Dorf führte, unterhalb der erhöhten Ebene von Char Charita Bari. Sie wohnt gar nicht im Dorf – das wurde mir jetzt erst klar. Und als sie mich in ihr Haus führte, ihre Tochter Tee ausschenkte und uns Obst und süßes Gebäck angeboten wurde, genügte ein Blick: Diese Familie gehört nicht zu den Ärmsten! Ich sprach Laily auf meinen Irrtum an, dass ich sie für die Ortsvorsteherin gehalten habe. Sie lachte, strahlte über das ganze Gesicht und betonte immer wieder, wie gut es dem Dorf jetzt gehe: Die Dorfbewohner hätten keinerlei Ernteausfall gehabt, während der gesamten Monsunzeit sei immer genug zu essen da gewesen und als die umliegenden Dörfer überschwemmt wurden, durften sie sogar ihr Vieh in Char Charita Bari unterstellen. Dann zeigt sie mir dunkle Verfärbungen an ihren Möbeln. Die seien vom Wasser, dass hier kniehoch gestanden habe. Leider. Sie schaut mich an – und ich weiß genau, was sie eigentlich sagen will…“mein Haus wurde ja nicht erhöht“ sagt dieser Blick. Nicht vorwurfsvoll. Eher auffordernd. Ich nicke ihr zu. Sie versteht, dass ich verstanden habe. Aber bevor sich ein trimumphierendes Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreiten kann, betone ich, dass die Spendengelder nicht von mir kamen, dass ich nichtmal einer Hilfsorganisation angehöre, sondern nur vermittle und berichte. Auch sie nickt jetzt. Sie hat auch verstanden. Und trotzdem ist ihre Umarmung auch beim Abschied überaus herzlich. Wieder hat mich diese Frau beeindruckt. Mit ihrer Diplomatie, ihrer Chuzpe und ihrem Umgang mit Rückschlägen.

2017 Gaibandha

Im Januar 2018 war ich wieder in Gaibandha unterwegs. Allerdings war ein Besuch in Char Charita Bari nicht eingeplant, das ließ mein Zeitplan nicht zu. Fest stand dafür der Besuch von verschiedenen Dörfern, zu denen wir nur mit dem Motorrad hinkommen konnten. Treffpunkt für die Abfahrt war eine Teestube – perfekte Wahl, weil es an diesem Morgen a…..kalt war, der Nebel hing noch dick über den Feldern. Wir waren alle etwas einsilbig, umklammerten die Teetassen mit beiden Händen, um uns zu wärmen. Plötzlich waren laute Stimmen zu hören. Eine Silhouette stand in der Tür, eine Frau. Mir fiel fast die Tasse aus der Hand – es war Laily!

Laily Char Charita Bari

Sie sei den weiten Weg aus ihrem Dorf gekommen, um mich zu sehen, sagte sie. Was war ich da gerührt, die Umarmung fiel dementsprechend herzlich aus und uns beiden fehlten für einen Moment die Worte.

Meine Begleiter drängten zum Aufbruch. Und ich war hin- und hergerissen. Ich konnte Laily doch jetzt nicht so stehen lassen…. Aber sie nickte zu den Erklärungen meines Teams, verabschiedete sich und steckte mir dabei einen Brief zu. Den habe ein Onkel von ihr ins Englische übersetzt. Er käme von Herzen. Und bevor ich was erwiedern konnte, war sie aus der Tür raus.

Den Brief konnte ich erst viel später lesen, in einer kurzen Pause. Und was soll ich sagen….mir liefen die Tränen herunter dabei. Ich möchte den Inhalt gar nicht wiedergeben…nur soviel: Offenbar hat es sie sehr beeindruckt, dass Jemand sich über Geldspenden hinaus für ihr Dorf und die Dorfbewohner interessiert, Jemand aus dem Westen noch dazu. Es war fast ein Art Liebesbrief, aber nicht schwülstig, eher vertraut, sehr nahe. Und er war lang. Erst zum Ende hin nahm er eine andere Wendung: Laily erzählt da von ihrem Sohn, der im Ausland arbeitet, aber jetzt seinen Job verloren hat. Ob ich nicht eine Arbeit für ihn in Deutschland hätte?

Meine Rührung schlug um. Ich musste grinsen. Die toughe Laily! Engagiert sich mal für das Nachbardorf und mal für den Sohn, jeweils mit vollem Einsatz – eine wahre Löwin. Und eine hartnäckige noch dazu. Denn schon am nächsten Tag seh ich sie wieder. In einem ganz anderen Dorf. Wieder ist sie extra dahin gekommen. Ob ich den Brief gelesen hätte? Als ich ihr versichere, dass er mich sehr ergriffen hat, strahlt sie. Und als ich ihr sage, dass ich trotzdem leider nichts für ihren Sohn tun könne und erkläre warum, wird das Strahlen schwächer, weicht einem verständigen Nicken und wechselt dann in ein verschmitztes Grinsen. Sie habe es halt versuchen müssen, sagt sie. Umarmt mich nochmal und geht winkend davon.