Sunset in Gaibandha

Es ist immer dasselbe Guesthouse, in dem ich im district Gaibandha übernachte. Ich mag es sehr hier – nicht nur wegen des hervorragenden Essens, den sauberen Zimmern, die sogar eine Dusche haben oder dem WLAN-Anschluss. Nein vor allem liebe ich den Blick von den kleinen Balkonen. Dieser Blick besonders bei Dämmerung – da fällt auch das letzte bisschen Anspannung sofort von mir ab. Hier fühl ich mich einfach unglaublich wohl.

Gaibandha Blick aus Zimmer

Besonders im Winter ist hier abends ein wunderschönes Licht. Aber was red ich, genießt die Bilder und ich versuch mal, diesmal etwas weniger Text zu liefern 😉

Okay, klappt nicht ganz… Fällt Euch an den Reisfeldern was auf? Normalerweise sprießt um diese Jahreszeit ein zartes, frisches Grün. Diesmal haben viele Halme aber einen eher rötlichen Schimmer. Das sei durch den kalten Nebel, der in diesem Jahr besonders zäh und lange über den Feldern hänge. Die rötlichen Halme seien wahrscheinlich alle nicht mehr nutzbar, der Reis quasi erfroren. Auch das sei eine Auswirkung des Klimawandels, sagt man mir. Aber ich häng immer noch an dem Wort ‚erfroren‘ – geht das überhaupt bei Temperaturen von plus sechs Grad? Auch wenn das zugegebenermaßen für Bangladesch schon seeeehr kalt ist.

Als der Traktorfahrer mich sieht, verändert er sein Fahrverhalten sofort: das Handy kommt vom Ohr, der Fuß aufs Pedal und dann startet das Gefährt durch. Laut tuckernd rast der Traktor auf eine Böschung zu, die ist etwa anderthalb Meter hoch. Ohne zu bremsen erklimmt dieser die Böschung bis er fast senkrecht steht. Kurz vor dem Kippen fährt die Egge am Hinterteil nach oben und stützt den Traktor ab. Der junge Mann auf dem Fahrersitz dreht sich kurz zu uns um, winkt triumphierend und tuckert dann im Abendlicht davon.

Fast hätte ich ob dieser artistischen Einlage die Bahnschwelle übersehen, die vor mir im Boden eingelassen ist. Fiat 1959 steht da drauf.  Haben etwa Italiener die Bahnlinie hier verlegt? Jetzt ist die Strecke jedenfalls stillgelegt. Hoff ich. Denn im Moment wird sie sichtbar zweckentfremdet.

Ein paar Schritte weiter wieder Schienen. Und die vibrieren plötzlich und ein seltsames, Rumpeln ist zu hören.

Schnell ist der Zug nicht. Die Passagiere haben genug Zeit, der neugierigen Europäerin zu winken und sogar ein ‚Valo theko – Mach’s gut‘ zuzurufen.

Kaum ist der Zug vorbei, hör ich wieder Rufe. Diesmal sind es Kinder, die auf den Feldern neben Wellblechhütten spielen. Ich winke, knipse und grinse – posende Jungs scheinen ein ziemlich internationales Phänomen zu sein.

Anders ist es mit den Gesichtern von älteren Menschen. Die find ich speziell in Bangladesch oft einfach unglaublich interessant…

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Kinder im Camp

Es gibt unglaublich viele Kinder in diesen Rohingya Camps im Süden von Bangladesch. Manche sind in Gruppen unterwegs, stromern herum, viele aber arbeiten – zum Teil sehr hart. Aber alle wirken irgendwie… richtungslos. Offenbar sind die Eltern selbst zu sehr mit sich und ihren Problemen beschäftigt. Eine Therapeutin im Camp hat mir erzählt, dass die meisten, die zu ihr kommen, an den traumatischen Erlebnissen in Myanmar leiden. Sie haben Flashbacks, also plötzlich aufblitzende Erinnerungen an schreckliche Situationen. Oder leiden an Schlaflosigkeit, weil sie Angst vor Albträumen haben. Auf jeden Fall sind viele Eltern ihren Kindern keine Stütze. Und dann organisieren sich die Kinder eben selbst. In diesem Blogartikel sollen sie das weitestgehend auch tun – deshalb lass ich einfach die Bilder sprechen und kommentiere sie nur sporadisch. Also Vorhang auf für die Kinder:

Es gibt regelrechte Banden, die gemeinsam durchs Lager stromern. Vielleicht tun sich die Kinder in Gruppen zusammen, weil es so sicherer ist. Vielleicht ist es aber einach auch weniger langweilig.

Abfall

Dass es im Lager sandig und staubig ist, hab ich ja schon erzählt. Aber nicht nur dieses Mädchen macht es fassungslos, an wie vielen Stellen es einfach nur dreckig, vermüllt und trostlos aussieht. Dazwischen immer wieder diese rostroten Schlieren im Wasser oder auf der Straße – keine Ahnung, ob das Blut von einem geschlachteten Huhn oder von etwas Größerem stammt.

Wasserholen scheint Kinderarbeit zu sein im Camp. Und zwar mehrmals am Tag. Es gibt zwar relativ viele Wasserstellen im Camp, aber manche sind direkt neben einer Latrine oder das Wasser riecht auch so schon nicht so gut – deshalb müssen die kleinen Wasserträger die Mangelware Trinkwasser oft über weite Strecken tragen.

Die Hügel in den Camps sind zwar so gut wie kahl, aber irgendwie schaffen es die Kinder doch immer wieder, ein Bündel Holz nach Hause zu tragen oder die mageren Einkäufe. Es ist zum Teil harte Arbeit. Aber schon die Kinder wissen hier: Wenn nicht alle zusammenhelfen gibt es halt schlicht nichts zu essen…

Ausgleichssport. Seile gibt es im Camp anscheinend massenhaft…

JPS14199 - Kopie

…Bälle dagegen sind seltener. Dafür aber meist mit einem dicken Logo einer Hilfsorganisation versehen.

Es ist ganz selbstverständlich hier, dass Geschwister oder Nachbarskinder auf die Kleineren mit aufpassen. Sie schleppen die Zwerge ständig mit sich rum und gehen sogar im Bedarf mit ihnen zum Arzt.

Rumlungern, irgendwie den Tag rumbringen. Denn Spielsachen sind rar im Camp, die mussten die Kinder bei der Flucht meist zurücklassen.

Vielleicht war es Zufall, aber so zwischen drei und vier Uhr nachmittags scheinen die meisten Shops in den Camps mit Kindern besetzt zu sein. Ist mir an zwei Tagen aufgefallen…

Natürlich gibt es mittlerweile auch Schulen im Camp. Dort werden wenigstens die Basics wie Lesen und Schreiben vermittelt, machmal sogar noch Englisch und Burmesisch. Aber weil es eben noch viel mehr Kinder als Schulen gibt, wird meist in Schichten unterrichtet – also zwei bis drei Stunden am Vormittag, dann kommt der nächste Schwung Rotznasen dran. Daneben gibt es auch einige Madrasas, also Islamschulen, und immer mal wieder baut eine Hilfsorganisation sogenannte ‚child friendly spaces‘ auf: Ein großer Raum, der für Kinder unglaubliche Schätze birgt. Eine Rutsche zum Beispiel. Oder knallbunte Bälle, manchmal sogar Puzzle, Bilderbücher, Murmelbahnen oder kleine Webrahmen. Ein wahres Paradies also – leider nur jeweils für eine limitierte Anzahl an Kindern. Die anderen können nur von draußen zuschauen.

Zum Glück gibt es im Camp Balukhali eine Attraktion, die für jedes Kind offen ist: Die steile, abgerubbelte Riesen-Natur-Rutsche an einem Sandberg. Und da ist es völlig egal, ob beim Rutschen der blanke Bobbes geschmirgelt, die Hose am Podex dünner wird oder ein eingedrückter Wasserkanister als Bob herhalten muss – der Spaß ist sicht- und hörbar!

Wieviel Schüler passen in einen Klassenraum?

Eine Schule im Norden, in Gaibandha. Das Gebäude ist einstöckig und trotz der Hitze erstaunlich ‚luftig‘. Jedenfalls bevor die Kinder in der Klasse sind, denn im Unterricht wird’s richtig eng: Fünf, sechs Schüler an einem Tisch, auf eine Bank gequetscht. Und dass Reihe um Reihe. Richtig sitzen ist da nicht möglich, die Kinder schreiben halb im Stehen – Da wird Schönschrift zur Herausforderung… Allerdings weiß ich nicht wirklich, ob diese Klassensituation normal ist oder für uns Besucher inszeniert. Manche Schüler tragen nämlich eine Art hellblaue Schuluniform und fallen dadurch irgendwie aus dem Rahmen. Und im Klassenraum nebenan sind deutlich weniger Schüler, allerdings auch hier Mädchen und Jungen gemischt.

Jedenfalls kriegen wir ein Ständchen gesungen und werden Zeugen eines engagierten Frontalunterrichts. Um 10 Uhr fängt der Unterricht erst an, wird uns erklärt. Und offenbar wird in ‚Schichten‘ unterrichtet, denn nach zwei Stunden zieht die komplette Klasse ab, jedes Kind hat seine Hefte unter den Arm geklemmt und uns wird gesagt, dass nachher andere Schüler kommen.

Die meisten kids tragen keine Schuhe, die Jungs haben die traditionellen Tücher um die Hüften geschlungen und der Schulhof wird auch von Ziegen genutzt. Aber es gibt doch eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen dieser Schule und irgendeiner in Deutschland: Sobald sie aus der Schule raus sind und ein halbwegs ebenes Feld in der Nähe ist, treffen sich Jungs zum Fußballspielen!