Kicken gegen Vorurteile 2

Mädchen, die Fußball spielen – das geht gar nicht!

Jedenfalls war das im muslimischen Bangladesch lange Zeit gängige Meinung. Bis ein Lehrer an der Schule in Kalsindur das erste Team für Mädchen zwischen acht und sechzehn Jahren gestartet hat. Keiner hat erwartet, dass diese Mädchen so gut kicken, wahrscheinlich am wenigsten die Mädels selbst. Aber dazu später mehr….

Unser nächster Stopp ist nur kurz, denn die zwei Schwestern dort sind zwar ebenfalls im Fußballteam und ihre Geschichte wäre auf jeden Fall erzählenswert, aber die nötigen Fotos zur Story sind hier nicht machbar….ja, okay, das muss ich kurz erklären:

Ich finanziere meine Reisen nach Bangladesch ja selbst. Deshalb brauche ich vor Reisestart mindestens einen, besser noch zwei Auftraggeber, die mir meine Geschichten auf jeden Fall abkaufen. In diesem Fall ist das ein schweizer Kindermagazin. Und für Print-Medien sind natürlich Bilder sehr wichtig. Das heißt, ich brauche auf jeden Fall auch Fotos vom Zuhause der Mädels – und genau ist bei den beiden Schwestern das Problem…

Kalsindur Sitia + Schwester

Die 13jährige Sita und ihre ältere Schwester leben nämlich gar nicht Zuhause. Ihre Familie ist viel zu arm, um die beiden Mädchen versorgen zu können, Schule wäre schon gar nicht drin. Deshalb sind sie bei…na, nennen wir es einer Art Pflegefamilie. In der Regel heißt das, dass Mädchen in diesen Familien bei den Hausarbeiten helfen: kochen, putzen, waschen, Kinder versorgen. Wobei das oft ein Fulltime-Job ist. Sitia und ihre Schwester haben insofern Glück mit ihrer Pflegefamilie, weil sie zur Schule und sogar zum Fußballtraining dürfen. Und Sitia gibt offen zu, dass für sie Fußball nicht nur ein Sport ist. Für sie ist es wahrscheinlich die einzige Chance, es in ihrem Leben weiter als bis zur Haushaltshilfe zu bringen. „Ich bin Verteidigerin und werde alles, wirklich alles tun, damit ich ins Nationalteam komme“, sagt sie, schiebt das Kinn trotzig vor und schaut mir direkt in die Augen. Und so wie diese kleine Person gerade vor mir steht, aufrecht, eine Faust leicht geballt, bin ich sicher, dass sie das auch schaffen wird.

Kalsindur unterwegs.jpg

Es ist immer noch kalt hier ganz im Norden und auf dem Motorrad-Trip zur nächsten Kickerin, bin ich froh um mein Tuch um den Hals… Das letzte Stück zu ihrem Haus gehen wir, denn die eigentliche Straße hört auf und wir müssen auf einem schmalen Erdwall quer durch die Felder zu drei einsamen Hütten.

Offenbar wird hier gebaut, denn neben einer der Wellblech-Hütten ist ein etwa 40 Quadratmeter großes Fundament aus Beton gegossen, ein abgedeckter Sandhaufen, Zementsäcke und einige Ziegelsteine scheinen nur darauf zu warten, dass der Bau weiter geht.

Kalsindur Moyana vor dem Haus

Hier treffen wir Moyana – was ‚Moina‘ ausgesprochen wird. Die Lehrer an der Schule haben mir gesagt, sie sei 14, aber sie sieht eindeutig älter aus. Mindestens 16 würde ich schätzen… Sie verhält sich auch anders, wie ein Pubertier halt: Sie lacht fast nie offen, sondern hält sich beim Kichern die Hand vor den Mund. Sie gibt sich schüchtern, geniert sich offenbar für manche Bewegungen, errötet schnell, aber gleichzeitig übt sie auch schon mal einen kecken Augenaufschlag beim shooting mit dem Fotografen. Übrigens hab ich sie später nach ihrem Alter gefragt: „Meinen genauen Geburtstag weiß ich nicht, also den genauen Tag, aber ich bin 16 Jahre alt“ – Sag ich doch.

Kalsindur Moyana Balosri Mankin (3)

Moyana war von Anfang an im Fußballteam dabei, seit 2011. „Beim ersten Training wussten wir gar nicht, was wir machen sollten und standen einfach nur rum. Und dann kam der Trainer und sagte, Fußball ist kein Standspiel, ihr müsst rennen und er hat uns mit einem Stecken angetrieben. So haben wir gelernt, hinter dem Ball her zu rennen“. Kaum hat sie das gesagt, da stockt sie kurz, ihr Kopf kippt etwas zur Seite, sie blickt in die Ferne. Offenbar denkt sie nach. Auf mich wirkt es, als ob sie überlegt, ob sie das richtige gesagt hat. Dieses Gefühl hab ich im Gespräch immer wieder. Ich weiß nie, ob sie in diesen Denkpausen in Erinnerungen kramt, oder ob sie versucht, sich an die Anweisungen zu erinnern, die sie bekommen hat. Immerhin gibt es ja die offizielle ‚Teamlegende‘, die die Schule jetzt erzählt, und die inoffizielle. Dann schaut sie mir zum ersten Mal direkt in die Augen. „Es gab mehrere Gründe, warum ich bei der neugegründeten Mannschaft mitgemacht habe: Ich hatte vorher noch nie Sport gemacht – das war die erste Chance und ich wollte es einfach mal ausprobieren. “ Und  ein bisschen Trotz war wohl auch dabei. Denn gerade weil alle gesagt hätten, Fußball sei nichts für Mädchen, wollte sie das Gegenteil beweisen. „Irgendwie wusste ich, dass diese erste weibliche Fußball-Mannschaft was ganz Besonderes ist. Und da wollte ich einfach dabei sein!“

Die Anfangszeit im Team war spannend, erinnert sich Moyana, alle waren mit Feuereifer dabei und die Mädchen haben schnell gemerkt, dass die Spielzüge immer besser klappten, ihre Kondition besser wurde und sie ein gutes Ballgefühl entwickelten. Aber der ‚Aha-Effekt‘ kam eigentlich erst ein Jahr später. „Als wir 2012 in Dhaka zum ersten Mal Sieger im Turnier wurden, da hab ich gedacht, JA, wir können was! Wir werden eine tolle Zukunft haben!“

Als das Team zum ersten Mal in der Zeitung war, war die ganze Mannschaft natürlich irre stolz. Dann die Reisen ins Ausland – plötzlich waren die Mädchen aus den zusammengeschusterten Wellblechhäusern wer…Ja, das war ein tolles Gefühl, gibt Moyana zu, aber die Trainer sorgten auch dafür, dass die Mädels nicht total abhoben: „Unsere Trainer sagen immer: Hört bloß auf, euch eine tolle Zukunft als Star auszumalen, dass alle Autogramme wollen und was ihr dann tun oder kaufen würdet. Konzentriert euch nur auf eure Ausbildung und auf den Fußball. Alles andere kommt dann ganz von selbst.“

Tatsächlich ging die Erfolgsgeschichte weiter: An immer mehr Schulen wurde Mädchenfußball angeboten und dann beschloss die Regierung auch noch, eine Mädchen-Nationalmannschaft zu gründen. Und natürlich kamen und kommen die meisten Spielerinnen aus Kalsindur! Acht sind es im Moment.

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Ich frage Moyanan vorsichtig, ob es nicht hart sei, dass sie selbst den Sprung in die Nationalmannschaft nie geschafft habe. Sie nestelt an ihrem Tuch herum bevor sie antwortet…“Nein, eigentlich nicht.“  Pause. „Berühmt sein ist mir nicht so wichtig. Deshalb spiele ich nicht. Obwohl – es ist schon toll, dass genau die Leute, die anfangs so dagegen waren, dass wir Fußball spielen, jetzt am Spielfeldrand stehen und uns anfeuern.“ Jetzt sei es eh zu spät, sagt sie. Denn die Mädchen-Mannschaften sei nur ‚U16‘, also für unter 16 Jährige. Sie streicht das Tuch glatt und schaut mich wieder direkt an.  „Ich mag Fußball, aber ganz ehrlich, ich hab für meine Zukunft andere Ziele: Ich will zur Navy. Und wenn ich nicht mehr spiele, ist es auch kein Problem, einen Mann zu kriegen.“

Ich bin platt. Denn Moyana spielt auf etwas an, über das ich schon die ganze Zeit nachdenke: Das Fußballspielen hat diese Mädchen so selbstsicher gemacht, sie wissen, sie sind wer, können was leisten, haben einen ‚Wert‘. All das sind aber Eigenschaften, die in der bengalischen Gesellschaft für Frauen nicht unbedingt gewünscht sind. Eine stolze, selbstbewusste junge Frau – die wird sich nicht ohne weiteres den Wünschen eines Mannes beugen. Möglicherweise könnte es für die Fußballer-Mädels gerade wegen ihrer Erfolge schwierig werden, eine ‚gute Partie‘ zu machen. Und selbst wenn sie einen Mann finden, werden sie nach all den Reisen und der Publicity mit der von der Gesellschaft definierten Rolle als Ehefrau glücklich werden?

Wie weit Moyana von dieser Rolle als Ehefrau und Mutter entfernt ist, zeigt sich übrigens auch beim Fotoshooting…

Der Fotograf hat schon öfter für mich gearbeitet, wir haben vorher genau durchgesprochen, welche Fotos ich brauche: Alltagssituationen nämlich. Die Leser sollen ja erfahren, wie die Mädchen normalerweise in Bangladesch und speziell in den Armenvierteln von Kalsindur leben. Er zieht sich also mit Moyana zurück und macht die Bilder. Irgendwann bemerke ich, dass er sich kaum mehr das Lachen verkneifen kann. Ich trete hinter ihn und frage ihn leise, was denn los sei. Dieses Mädchen hat noch nie Wäsche aufgehängt, sagt er, dreht sich so, dass sie ihn nicht sehen kann und kichert leise. Ich bin verblüfft. Dann frag ich Moyanas Mutter, was sie von der Fußballbegeisterung ihrer Tochter hält. Sie sei so stolz auf Moyana, sagt sie. Und weil sie wisse, wie wichtig das Spielen und die Schule seien, brauche ihre Tochter zu Hause auch nicht zu helfen. Dann zeigt sie mit einer großen Geste auf die kleine Baustelle neben der Wellblechhütte. Dieser Neubau sei nur durch Moyana möglich, sagt die kleine Frau. Denn nur weil sie in diesem berühmten Fußballteam mitspiele, hätten sie einen Kredit bekommen.

Kalsindur Moyanas Familie

Moyana ist mittlerweile fertig mit den Fotos. Und ja, auch der Rest der Familie spielt sehr gerne Fotomodell. Der Vater wackelt in Bangla-Manier mit dem Kopf: Es sei ja schon komisch wie dieser Sport, Fußball, den ganzen Ort verändert habe. Moyana widerspricht. Nein, nicht der Fußball habe das bewirkt. Sondern das Mädchenteam von Kalsindur. „Seit wir so bekannt und berühmt geworden sind ist alles anders. Wenn wir zur Schule laufen kommt es zum Beispiel manchmal vor, dass ein Taxifahrer anhält und sagt: „Kommt, steigt ein, ich fahr euch zur Schule – umsonst!“

Fortsetzung folgt

 

 

 

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Kicken gegen Vorurteile

Eigentlich bin ich kein großer Fußball-Fan. Aber trotzdem hab ich die weite Reise ganz in den Norden von Bangladesch gemacht, um Fußballspieler zu treffen. Genauer gesagt Spielerinnen. Jugendliche Spielerinnen. Denn diese Mädels haben enorm viel bewegt in Bangladesch.

Ich bin diesmal auch mit einem Fotografen unterwegs, ein Freund, der schon einmal Bilder für einen Magazinbeitrag für mich gemacht hat. Und natürlich mit meinem bewährten Reisegefährten, der Freund, Organisator und Dolmetscher in einem ist.

Zuerst geht es an die Schule in Kalsindur, das ist ein ganz kleiner Ort, den auch in Bangladesch lange Zeit kaum einer kannte. Mittlerweile kennen ihn aber die meisten und auch das liegt an den Fußballmädels… Wir sind auch diesmal wieder mit Motorrädern unterwegs, Busse fahren in diese entlegenen Dörfer nicht und für Autos sind die Wege oft zu schlecht. Apropos schlecht, das hier ist das Fußballfeld vor der Schule! Es wird außerdem – wie man ja sieht – von Kühen, Ziegen und für den örtlichen Markt genutzt.

In der Schule werden wir schon erwartet, von einigen Lehrern und Honoratioren des Ortes. Die Bangladeshi lieben einfach das Repräsentieren, scheint mir. Alles wird hier gleich zum Staatsakt. Na, jedenfalls bekomme ich hier die ‚Legende‘ der fußballspielenden Mädchen erzählt – allerdings in einer Variante, die mir völlig neu ist: Laut den Schul-Muftis wollte die Regierung von Bangladesch – „Allah schütze unsere weise Premierministerin Sheikh Hasina“ – das Selbstbewusstsein von jungen Mädchen stärken und habe deshalb eine Intitiative ins Leben gerufen: An den Schulen im Land sollte Fußballspielen für Mädchen angeboten werden. Weil aber nicht alle Gemeinden so fortschrittlich und mutig seien, habe es das Fußball-Angebot erst nur in Kalsindur gegeben.

Ich hatte die Story übrigens ganz anders gehört und habe meine Variante mittlerweile auch verifiziert, indem ich lokale Journalisten, einen Mittelsmann in der Distrikt-Hauptstadt und den Vater eines Fußballmädchens gefragt habe. Offenbar ist das Mädchen-Team durch Trotz entstanden: In einem muslimischen Land wie Bangladesch ist es nämlich für Mädchen eigentlich verboten, Sport zu treiben und in einem Trikot rumzulaufen, geht schon gleich gar nicht. An der Schule in Kalsindur gab es aber durchaus eine Fußballmannschaft für Jungs. Allerdings war der Trainer alles andere als zufrieden mit der Disziplin und dem Einsatz dieser Jungen und war irgendwann so sauer, dass er schrie: „Das können ja die Mädchen noch besser!“ Großes Gelächter bei den Jungs – was den Trainer natürlich erst recht in Rage brachte. Und aus Trotz verdonnerte er gleichaltrige Mädchen zum Kicken. Klar, dass die Mädels zu Hause davon erzählten und die meisten Eltern waren ’not amused‘ über diesen Lehrer, der die muslimischen Sitten so mit Füßen trat. Sie verboten ihren Töchtern einfach, Fußball zu spielen.  Der Lehrer aber ließ nicht locker, ging von Haustür zu Haustür und setzte seine ganze Überzeugungskraft ein. Bis er tatsächlich einige Mädchen für eine Mannschaft zusammen hatte. Es waren Mädchen aus den Slums von Kalsindur, die ärmsten der Armen. Aber das war egal. Die Mädchen trainierten täglich und hatten bald einen Riesenspaß an diesem Sport. Und vor allem: Sie waren richtig gut!

Spiel (25)

Ich treffe mich erst mit Sajeda, einer 14jährigen Fußball-Verrückten – wenigstens stellt sich sich selbst breit grinsend so vor. Ich bin positiv überrascht von diesem Mädchen, denn normalerweise sind vor allem weibliche Tennies in Bangladesch sehr schüchtern, kriegen fast den Mund nicht auf. Für Sajeda scheint es aber ganz selbstverständlich zu sein, dass da Menschen von weit her zum Interview kommen – oder sie wurde einfach gut gebrieft. Wir setzen uns im Halbkreis auf den Platz vor der Wellblechhütte. Aber dann steh ich nochmal auf, geh zu dem Pulk an Honoratioren und Familienangehörigen, die sich auch hier versammelt haben und erkläre höflich, aber mit Autorität, dass wir jetzt Ruhe bräuchten, sowohl für die Interviews als auch für die Fotos. Erstauntes aber doch bereitwilliges Murmeln. Anweisungen von einer Frau gehen nur, wenn die mit der nötigen Chuzpe auftritt, soviel weiß ich schon.

Ich merke, dass Sajeda immer wieder an ihrer pinkfarbenen Trainingsjacke rumzippelt. „Chicer Dress“, sage ich. Und da platzt auch der letzte Rest Zurückhaltung wie eine Seifenblase. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, dass sie darauf auch unglaublich stolz ist, immerhin war es immer ihr Traum, zu dieser Schul-Mannschaft zu gehören und diese einheitlichen Trikots hätte das Team relativ neu gesponsert bekommen. Sogar ihr Name stehe drauf….sie stockt, wird etwas rot, und schiebt dann schnell ein: „Berühmt sein ist mir nicht so wichtig, aber eine gute Spielerin zu sein, schon.“

Es macht Spaß mit Sajeda zu reden, sie erzählt anschaulich, dass sie schon immer ein ziemlich gutes Ballgefühl hatte – naja, BALLgefühl passt nicht ganz, denn sie hatte ja in ihrer Kindheit keinen Ball, dafür waren ihre Eltern viel zu arm. Statt dessen hat sie mit unreifen Limetten, Mangos oder mit allem, was irgendwie die Form eines Balls hatte gespielt. Offenbar ein gutes Training, denn als sie später für das Fotoshooting in ihrem normalen Alltagskleid ihre Ballkünste vorführt, bin ich platt: Der Ball scheint wie an einem Gummiband mit Sajedas Fuß verbunden zu sein – er umkreist ihren Knöchel, wechselt zur Spitze, zur Hacke, fliegt, landet auf dem Spann und bleibt da ruhig liegen. Es sieht so spielerisch aus, aber die 14Jährige ist hochkonzentriert, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lacht: „Ich bin Stürmerin. Und in der Ballkontrolle bin ich richtig gut.“

Seit sie im Fußball-Team der Schule sei, trainiere sie täglich anderthalb Stunden. Mir rutscht die Augenbrauen hoch – anderthalb Stunden? Zusätzlich zur Schule? Sie nickt herausfordernd. Leicht sei das nicht, gibt sie zu. „Ich steh halt sehr früh auf, putz die Zähne und helf meiner Mutter beim Kochen. Dann geht’s zum Fluss, schwimmen, waschen und ab zur Schule. Und um drei ist dann Training. Das verpass ich nie! Sobald ich daheim bin, helf ich wieder im Haushalt und mach die Hausaufgaben.“

Klar, am Anfang hätten die Nachbarn getuschelt, manche hätten gesagt, das schicke sich nicht für Mädchen, das sei gegen die religiösen Gesetze. Sie sei liederlich, sich so anzuziehen….Sajeda wischt diese imaginären Stimmen mit einer Handbewegung weg. Da hatte das Team ja längst schon Erfolge im Ausland, deshalb hörte das böse Gerede bald auf. Und kaum hat sie das Thema Ausland angesprochen, rutscht und wippt Sajeda wieder auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sei schon in Indien und Tadschikistan gewesen, „das war toll, vor allem die Spielfelder dort – Waaaahnsinn!“ Ich grinse und erinnere mich an das riesige Feld vor der Schule, voller Sandlöcher, Abfall und Kuhdung.

Es habe sich so viel verändert durch das Mädchen-Fußballteam, sagt Sajeda. Sie hätten jetzt richtige Mannschaftstrikots. Und eigentlich profitiere der ganze Ort vom Erfolg der Kickerinnen, immerhin gäbe es jetzt in jedem Haus Strom. „Früher konnten wir nur im Haus der Lehrerin Fußball gucken. Jetzt kann ich das zusammen mit Freunden und Nachbarn machen, auch wenn wir nicht alle Kabel- oder Satelliten-Fernsehen haben.“

Dann geht’s ans Fotoshooting. Ich bitte das Mädchen, das Trikot aus und ihre Alltagsklamotten anzuziehen. Wir wollen ja auch ihren Alltag, ihr Leben in der Familie ablichten. Ihre Augen weiten sich ganz kurz, „wie ohne Trainingsanzug?“ – aber sie hat diese kleine Irritation schnell überwunden als ich ihr erkläre, dass die Menschen in Deutschland ja nicht wüssten, wie der Alltag einer 14Jährigen in Bangladesch aussehe, und dass wir das auch gerne zeigen würden.  Aber vorher, sagt sie, müsse sie uns noch ihre Medallien zeigen…

Und dann post sie für uns: Beim Kochen, Waschen, mit ihren Freundinnen, mit der Familie – Sajeda ist ganz bei der Sache, hat keinerlei Scheu. Sie scheint ganz bei sich zu sein, sich selbst bewusst und zufrieden. Und sie plappert ganz vergnügt mit meinem Fotografen, verrät ihm sogar, dass sie in der letzten Saison Torschützenkönigin war und überhaupt: Das Mädchenteam sei weit besser als die Fußball-Jungs….

Wir verabschieden uns von Sajeda, werden sie aber beim Training am Nachmittag wieder treffen.

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Und beim Wegfahren merke ich, wie froh mich diese Begegnung gemacht hat: Ich habe schon viele Mädchen aus sehr armen Familien gesehen, die meisten waren verhuscht, trauten sich kaum, mir in die Augen zu sehen und zuckten bei schnellen Bewegungen auch schon mal ängstlich zusammen. Was für ein Kontrast zu diesem offenen und unkomplizierten Mädchen!

Fortsetzung folgt