Harmonic mornings

In den ländlichen Gegenden von Bangladesch, weit ab von den großen Städten, hört man vor allem nachts sehr ungewöhnliche Geräusche: Diese lautliche Mischung aus knarrender Tür und schepperndem Kichern zum Beispiel, die mich im nördlichen Distrikt Gaibandha in den ersten Nächten vom Schlaf abhielt. Nach und nach hab ich Geckos als Quelle für diese Laute enttarnt, die entweder stoisch an der Wand hängen oder in einem Affenzahn durch die kleinsten Ritzen schlüpfen. (Echsenzahn wär wahrscheinlich das bessere Wort…aber haben Echsen Zähne?)

Dann ist da noch dieses Pfeifen, hoch, relativ schrill und oft vielstimmig. Ich vermute, dass das von den unzähligen kleinen Vögeln kommt, die in den Büschen und Bäumen nisten. Aber die Recherche dazu ist noch nicht abgeschlossen.

Weniger mysteriös ist dagegen dieser hohe, fiese Ton, den die auch in Deutschland bekannte geflügelte Folter-Pikse macht, besser bekannt unter dem Namen ‚Moskito‘. Auch die Kakophonie der Straßenköter nachts ist zwar etwas ungewöhnlich, aber leicht einzuordnen.

Das wollte mir aber bei dem Geräusch absolut nicht gelingen, mit dem ich im GUK guesthouse in Gaibandha morgens geweckt wurde: rhythmisch klang es, etwas quäkig und vor allem konnte ich nicht hören, aus welcher Richtung es kam. Vielleicht von hinten? Von den Feldern rund um das guesthouse?

Vom kleinen Balkon aus hab ich zwar einen guten Blick, aber außer dem Radfahrer im Nebel und der vom Hund verfolgten Frau seh ich Linkerhand nichts, was das Geräusch machen könnte. Es wabert aber immer noch durch die Morgenluft. Wie der Nebel, nicht greifbar…Rechts seh ich einen bunten Fleck an einem Weiher, aber es dauert etwas, bis ich erkenne, was es ist.

 

Da wäscht eine Frau Wäsche. Aber von dem Plätschern und Klatschen, das das Reinigungsritual normalerweise macht, kann ich nichts hören – also kommt das Geräusch wohl doch vom Innenhof des guesthouses. Mist. Dann muss ich mich doch erstmal richtig anziehen, bevor ich weiter forschen kann.

Kaum hab ich die Tür zum Zimmer auf, wird das Geräusch konkreter: Es könnte sowas wie Musik sein….auch Stimmen sind zu hören. Viele Stimmen. Gesang! Ja, tatsächlich. Da steht eine ganze Gruppe von Menschen im Hof, kreisförmig…und sie singen.

 

Und jetzt erkenn ich auch die Melodie: Es ist die Nationalhymne von Bangladesch, die die gesamte Belegschaft des guesthouses mit Inbrunst von sich gibt. Und das rhythmische, quäkende Geräusch kommt von dem Instrument, um das sich alle gruppieren. Ein Harmonium.

Ich seh dieses Instrument hier in Bangladesch zum allerersten Mal. Dabei kommt es ursprünglich aus Deutschland, sagt Wikipedia – dort wurde es 1810 von Bernhard Eschenbach erstmals gebaut. Und jetzt dient es hier, über 7000 Kilometer entfernt, für den Morgenappell einer Hilfsorganisation. 😉

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Mission accomplished – this time

Auch in diesem Jahr gab es wieder heftige Überschwemmungen in Bangladesch: Springfluten nach einem Hurrikan im Juni und Extrempegel während der Regenzeit. Zyniker könnten jetzt sagen: Tja, das ist man in Bangladesch ja schon gewohnt…

Tatsächlich merken die Menschen in diesem flussreichen Land schon seit Jahren, dass die Natur sich verändert, dass die Stürme häufiger werden und die Überschwemmungen heftiger und länger. Aber anders als in europäischen Ländern können sich die Bangladeshi so gut wie gar nicht dagegen schützen. Und die Wassermassen treffen vor allem die Ärmsten in der Bevölkerung

Ich stell mir das schrecklich vor: Man sieht, wie das Wasser steigt, versucht mit Sandsäcken und kleinen Kanälen, das Wasser vom Haus weg zu halten und hofft bis zuletzt, dass wenigstens diesmal das Haus, das Vieh und die Äcker verschont bleiben

Das kann über Wochen gehen. Wochen in denen das Brunnenwasser verschmutzt wird, die Vorräte verschimmeln, das Vieh und womöglich die Kinder krank werden und vielleicht sogar die Häuser einstürzen.

Auch die Bewohner von Char Charita Bari kennen diese Situation. Denn ihr Dorf ist auf einer Schwemmlandinsel gebaut, mitten im Fluss. Das heißt, wenn das Wasser kommt, kommt es gleich von allen Seiten. Aber in diesem Jahr hatten die rund 60 Bewohner Hoffnung! Immerhin war das komplette Dorf ja erhöht worden und damit über einen Meter über dem zuletzt gemessenenen Höchst-Pegel von 2014. Aber dann kamen die Fluten, mit der Monsunzeit stieg das Wasser höher und höher. Sogar noch höher als 2014. Und Laily, Muslem Ali und all die anderen, die ich bei der Reise im November kennengelernt hatte, wurde es ziemlich mulmig – war die Aufschüttung hoch genug? Wird die festgestampfte und mühsam bepflanzte Erde den Fluten widerstehen?

Sie mussten mit ansehen, wie das Wasser in angrenzenden Dörfern stieg und erst den Dorfplatz, die Viehställe und dann auch die Häuser erreichte

Irgendwann gaben die Dorfbewohner der umliegenden Dörfer auf und versuchten, sich selbst, ihr Vieh und die Vorräte in Sicherheit zu bringen. In Char Charita Bari durften sie ihr Vieh unterstellen…denn das kleine Dorf lag immer noch etwa 30 cm über dem Pegel.

Auf dem rechten Bild seht ihr, wie knapp das Dorf vor der Überflutung ist….bzw. war. Denn mittlerweile ist das Wasser zurückgegangen und die Dorfbewohner höchstwahrscheinlich für dieses Jahr verschont geblieben.

Ungefähr 30 cm, etwas mehr als eine Lineallänge –  das klingt für mich so lächerlich wenig. Aber diese 30 cm haben gereicht, um den Dorfbewohnern von Char Charita Bari zu helfen. Ihr Viehfutter ist verschont geblieben (1. Bild), der Gemüsegarten noch intakt (2. Bild) und die 10 Familien auf dieser Schwemmlandinsel (3. Bild, an der Rampe) haben auch keinen Verdienstausfall. Diesmal.

Für wie lange, weiß ich allerdings nicht. Denn die Menschen in Bangladesch können weder den Klimawandel beeinflussen, noch die politisch-ökonomischen Umstände (Indien leitet zum Beispiel immer wieder den Ganges um, um Zentralindien zu bewässern – dadurch fehlt in Bangladesch in Trockenzeiten dieses Wasser. Während der Regenzeit wird das Wasser dann von Indien aber wieder nach Bangladesch geleitet, was die Monsun-Auswirkungen verstärkt).

Trotzdem versuche ich mir die Bangla-Mentalität zu eigen zu machen, das Hier und Jetzt zu genießen – Und mich einfach nur zu freuen, dass rund 60 Menschen im Norden von Bangladesch dank der Hilfe von deutschen Spendern (Besucher der Klingenburgfestspiele 2015) und einer mutigen Idee der Hilfsorganisation CDD trocken geblieben sind!

Dhonnobad, danke!

CCB Dorfbewohner neu

Foto: Subir Kumar Saha, CDD

 

 

 

 

Against all odds

Ein Dorf auf einer Schwemmlandinsel mitten im Fluss Tista….bei jeder Flut müssen die Bewohner um ihr Leben fürchten – Erinnert Ihr Euch? Ich hatte im November von diesem Dorf im Distrikt Gaibandha erzählt (siehe https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/). Es heißt Char Charita Bari und es wurde von deutschen Spendern für ein ungewöhnliches Projekt ausgewählt: Das komplette Dorf sollte höher gelegt werden.

Tatsächlich haben sich die zehn Familien des Dorfes gleich an die Arbeit gemacht. Unter der Anleitung einer örtlichen Hilfsorganisation wurden erst die Hütten abgebaut. (Was übrigens nicht so schwierig ist, weil die Bewohner schon immer flexibel sein mussten und die Wellblech- und Bambushütten für ein gewisses ‚Normadentum‘ angelegt sind).

Dann haben die Bewohner und Anwohner aus den anderen Dörfern Erde von einem ehemaligen Reisfeld abgetragen und zwar händisch, das heißt, die lehmige Erde wurde mit Schaufeln ausgestochen, in Körbe gefüllt und dann auf den Dorfplatz getragen.

Für diese Arbeit wurden alle Arbeiter bezahlt (auch das war im Spendenprojekt mit eingeplant), damit die Dorfbewohner einen Ausgleich hatten – immerhin konnten sie in der Zeit ihre eigenen Felder nicht bestellen. Weil aber die Arbeit nicht schnell genug voran ging und die Erde aus dem vorgesehenen Feld nicht reichte, grub letztlich doch ein Bagger Baumaterial aus dem Flussbett aus. Nach und nach wurde so die Dorfplatform samt einigen Anbauflächen auf über einen Meter über dem höchsten bisherigen Flutpegel aufgeschüttet. Dann ging es an den Wiederaufbau der Häuser.

 

Jedes Haus wurde auf einen kleinen Sockel gesetzt und bekam einen Wasseranschluss. Wobei das natürlich kein fließendes Wasser aus dem Wasserhahn im Badezimmer bedeutet, wie in unseren Häusern. Sondern, dass vor dem Haus eine Wasserstelle mit Handpumpe zu einem Brunnen installiert wurde. Ach ja und mehrere Außen-Toiletten getrennt nach Männlein und Weiblein gibt es jetzt natürlich auch.

Rechtzeitig vor dem Einsetzen des Monsuns im Juni konnte so das komplette Dorf höher gelegt werden, hatte saubere Wasserstellen, hygienische Toiletten und einen Wasserspeicher – und: das komplette Dorf ist jetzt barrierefrei, sodass alte oder behinderte Menschen problemlos kochen, waschen oder aufs Klo können. Außerdem haben die Dorfbewohner die Uferböschung mit speziellem Gras bepflanzt, dass schnell dichtes Wurzelgeflecht bildet, sodass die Aufschüttung Halt bekommt.

Mittlerweile haben die rund 60 Menschen in Char Charita Bari sich schon bestens eingelebt auf ihrem Hochplateau mitten im Fluß. Sie sind stolz auf das, was sie geleistet haben und dankbar…denn sie wissen, dass ohne die Spendengelder aus Deutschland diese Erhöhung nicht möglich gewesen wäre.

Der nächsten Flut sehen alle Dorfbewohner ziemlich selbstbewußt entgegen – aber noch ist nicht sicher, ob die aufgeschüttete Schwemmland-Platform halten wird….

Serious faces

Egal wohin wir kommen, sofort sind wir von Menschen umringt. Und das Gefühl, überall aufzufallen und offenbar wie ein Magnet zu wirken, ist seltsam….aber nie unangenehm. Denn wir werden zwar neugierig gemustert, aber nie berührt. Die Gesichter um uns herum wirken offen, abwartend, aber nicht fordernd.

Meistens trauen sich die Kinder zuerst, uns auch anzusprechen. Manche versuchen es in Bangla, was ich leider nur sehr rudimentär spreche. Aber die Größeren wagen dann doch auch erste Worte in Englisch: „Where do you come from“ oder „What’s your name“ wird uns von allen Seiten zugerufen. Und sie schauen ziemlich erstaunt, als wir darauf antworten …als ob sie nie wirklich daran geglaubt hätten, dass man mit den komischen Lauten tatsächlich kommunizieren kann.

Bangladesch Reise 15-323 (2)

Foto: Harry Maskallis

Harry ist ganz in seinem Element, mit gezücktem Fotoapparat springt er von einer Seite zur anderen – anfangs hat er seine ‚Modelle‘ noch gefragt, ob er sie fotografieren darf, aber wir haben schnell gemerkt, dass die Bangladeshi überhaupt kein Problem damit haben, abgelichet zu werden. Im Gegenteil, vor allem die Kinder drängen sich regelrecht vor die Linse.

Bangladesch Reise 15-308

Foto: Harry Maskallis

Allerdings schauen sie meistens unglaublich ernst, sobald die Kamera auf sie gerichtet ist. Nicht nur bei den Kindern ist das so, fällt Harry auf, auch bei den Frauen und Männer.

Aber meistens genügt schon ein kleines Wort, die direkte Ansprache oder eine Geste – und schon ist die Foto-Starre verschwunden. Ich hab den Beweis!

Bangladesch Reise 15-238 (2)

Foto: Yvonne Koch

Zwischen den Wassern

Obwohl der Teesta normalerweise einer der größeren Flüsse in Gaibandha ist, führt er im Moment nicht viel Wasser – die Regenzeit ist ja schon länger vorbei. Deshalb waren wir etwas überrascht, dass mehrere Jungen uns auf keinen Fall durchs Wasser waten lassen wollten, während sie selbst nur hüfthoch darin standen…Sie hätten extra für uns einen Kahn organisiert, rufen sie lachend, denn die Sada chamrar manush, also wir ‚Hellhäutigen‘, sollen trockenen Fusses ans andere Ufer kommen

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Foto: Yvonne Koch

Dass das andere Ufer eigentlich eine Schwemmlandinsel ist, kann man im Moment nur erahnen, anhand der Auswaschungen und den zum Teil matschigen Wegen. Aber es ist trotzdem schwer vorstellbar, dass die komplette Ebene, durch die wir laufen, bei Flut unter Wasser steht.

Das kleine Dorf, das wir besuchen heißt Char Charita Bari und wurde von den lokalen Hilfsorganisationen deshalb ausgesucht, weil die Menschen hier seit Jahren gegen Überflutungen kämpfen und das Wasser gleich von allen Seiten kommt. Das Projekt hat ein ergeiziges Ziel: Um den Menschen zu helfen, soll das komplette Dorf höher gelegt werden. Und zwar um etwa einen Meter höher als der letzte Höchstpegel bei Flut. Aber dazu später mehr…

Erstmal werden wir an etwa acht Wellblechhütten vorbei zum Dorfplatz geführt. Dort sind Stühle im Kreis aufgestellt, manche aus Plastik, andere aus Holz und es ist offensichtlich, dass sie aus jedem Haushalt im Dorf zusammengetragen worden sind. Und hinter den Stühlen stehen sie, alle 11 Familien des Dorfes, vom Kleinkind bis zum Dorfältesten, neugierig, etwas schüchtern, aber trotzdem freundlich und offen. Und wieder einmal fällt mir auf, wie unglaublich einladend die farbenfrohen Gewänder der Dorfbewohner wirken.

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Foto: Broja Gopal Saha

Ich bin erstaunt, dass in diesem Dorf offenbar eine Frau als Wortführerin ausgewählt wurde und nicht wie sonst üblich der Dorfälteste oder der reichste Mann am Ort. Laily heißt sie, ist 42 Jahre alt und hat nicht mal ein Problem vor uns Sada Chamrar manush (Hellhäutige) zu sprechen. Sie antwortet bereitwillig auf all unsere Fragen und schildert uns, dass sie im letzten Jahr vom Wasser völlig eingeschlossen waren, die Lebensmittel wurden knapp und der Trinkwasser-Brunnen war während der Flut verseucht worden. Die Folge waren Durchfall, Haut- und Augenkrankheiten. Drei Kinder sind daran sogar gestorben, sagt Laily, drei Kinder und vier Kühe.

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Foto: Broja Gopal Saha

Das Hauptproblem sei aber, dass die Überschwemmungen mittlerweile völlig unkalkulierbar sind. Mittlerweile? Ich werde hellhörig. Was hat sich denn verändert? Einer der Dorfältesten, ein kleiner, drahtiger Mann mit lustigen Falten,  kann das näher erklären: Früher, so vor 20 Jahren, da trat der Teesta vielleicht alle 6 Jahre über die Ufer. Früher waren auch Stürme eher die Ausnahme und wenn, dann gab es sie im April. Aber jetzt gibt es  fast jedes Jahr Überschwemmungen, oft sogar mehrmals im Jahr und Orkane können jederzeit über das Land ziehen. Das Wasser steht jetzt oft monatelang, die Reisfelder können deshalb manchmal ein viertel Jahr nicht bepflanzt werden.

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Foto: Broja Gopal Saha

Und was das für die Familien bedeutet, erklärt Laily dann näher: Ohne Ernte, kein Einkommen. Also müssen die Männer woanders arbeiten gehen, in anderen Distrikten. Das heißt, sie sind monatelang weg, um sich als Tagelöhner oder Rikscha-Fahrer durchzuschlagen.

Ich erinnere mich, wie mir ein Rikscha-Fahrer in Dhaka erzählt hat, dass er etwa zwei bis drei Euro am Tag verdient…davon muss dann die ganze Familie leben. Und gleichzeitig sind die Frauen monatelang allein, müssen mit dem Alltag allein fertig zu werden. Vielleicht ist das der Grund, dass Laily so selbstbewußt ist, dass die in Bangladesch oft starke Geschlechtertrennung hier im Dorf offenbar nicht greift, dass der Gemeinschaftssinn hier besonders ausgeprägt ist. Denn eine Frau und ein junger Mann erzählen uns stolz, dass sie jetzt bei den Freiwilligen sind, die sich zu Nothelfern haben ausbilden lassen. Bei Überschwemmungen retten sie jetzt Kinder, Alte und Schwangere von den Fluten und es sei ein gutes Gefühl, gezielt helfen zu können.

Jetzt meldet sich Gopal zu Wort, unser Reiseleiter, Übersetzer und Vertreter der Hilfsorganisation CDD, die die Spendengelder aus Deutschland bekommen wird.

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Foto: Yvonne Koch

Der Plan für dieses Dorf ist, es komplett höher zu legen, sagt er. Das ganze Plateau soll um einen Meter höher als der letzte Überschwemmungspegel angehoben werden. Es sei alles vorbereitet: Einer der Männer im Dorf habe sein Grundstück zur Verfügung gestellt von dem die Erde abgetragen, in Körben auf das Dorfplateau getragen und dort aufgeschüttet werden soll. Auch die Felder und Weideflächen sollen höhergelegt werden. Und danach würden die Häuser wieder aufgebaut, ein Brunnen gebohrt und gemauert, zwei Toiletten angelegt und eine Solarpumpe installiert werden. Wir sind beeindruckt! Ein ehrgeiziges Projekt. Und eines, bei dem alle Dorfbewohner mithelfen könnten, weil sie die Arbeiten bezahlt bekommen würden und nicht zum Geldverdienen weggehen müssten. Alles sei vorbereitet, sie könnten sofort loslegen, sagt Gopal und blickt jetzt vor allem Festivalleiter Marcel direkt in die Augen. Wenn er sich für diese Projekt entscheiden würde. Wenn nicht, würden sie die noch brachliegenden Felder bebauen und müssten warten, bis wieder Geld für die Höherlegung da sei.

Ich sehe Marcel an, dass ihm dieser Druck enorm unangenehm ist. Und die Verantwortung. Aber er weiß auch, dass er es den Spendern der Clingenburgfestspielen schuldig ist, auch noch das andere Projekt anzuschauen, genau abzuwägen und dann nach bestem Wissen zu entscheiden.

The unrequested police escort

Kaum haben wir den Distrikt Gaibandha erreicht, klingelt bei unserem CDD-Reiseleiter ständig das Handy…und auch wenn wir alle kein Bangla verstehen, es ist klar, dass er nicht mit einem Freund oder Kollegen spricht. Nein, meint er auf Nachfrage gequält, das sei die Polizei gewesen, die genau wissen wolle, wo wir uns gerade befinden. Unsere Gruppe würde nämlich gleich, naja, verstärkt werden…

Keine zwei Kilometer später halten wir an, neben einem Pritschenwagen auf dem vier Polizisten in gesprenkelter Uniform sitzen. Das sei jetzt unsere Eskorte, meint unser Reiseleiter, und wahrscheinlich sogar während des ganzen Trips.

Wir sind fassungs-und kurz auch sprachlos. Denn der Pritschenwagen vor uns fährt auch noch mit Sirene, also quasi mit akustischem Holzhammer, damit auch noch der Doofste merkt, dass der folgende Wagen ’special‘ ist.

Aber es gibt keine Alternative: Alle Reisen von NGOs, egal ob inländische oder ausländische Hilforganisationen, müssen im Moment gemeldet werden. Das ist eine der Konsequenzen, die die bengalische Regierung nach den zwei ermordeten Ausländern gezogen hat. Und weil wir gleich drei ‚foreigners‘ auf einem Haufen sind, werden wir eben besonders gepampert, ob uns das passt oder nicht!

Dreimal wechselt die Eskorte insgesamt und jedes Mal haben die Jungs auch andere Uniformen. Besonders befremdlich ist für uns, dass sie von ihren Pritschenwagen herab mit Knüppeln wild auf Rickshaw-Fahrer, Busse oder Fussgänger einschlagen, sobald es irgendwo einen Engpass gibt und unser Konvoi ins Stocken gerät. Für uns, die wir diese Szenen direkt vor unseren Augen haben, wirkt das martialisch, unnötig und unverständlich. Nicht aber für unseren Fahrer und unseren Reiseleiter – die Polizei in Bangladesch sei noch nie zimperlich gewesen, meinen sie…

Unsere Eskorte verläßt uns nicht mal, als wir vom Auto auf Motorräder umsteigen, die kurz vor einem Fluss samt zugehörige Biker auf uns warten.

Foto: Harry Maskallis

Denn der Weg zum ersten Projekt ist mit dem Auto bald nicht mehr machbar, wir müssen Flüsse überqueren – dafür werden die Motorräder samt Fahrer und uns auf schmale Boote geladen, dann geht’s auf zwei Rädern weiter, auf schmalen Pfaden durch winzige Dörfer, über sandige Pisten und durch schlammige Furten. Selbst für unsere erfahrene Fahrer sind diese Strecken eine Herausforderung – und die pritschenwagen-verwöhnten Polizisten scheitern daran irgendwann: Einer läuft, der andere schiebt das Motorrad.

Und nein, wir waren natürlich NICHT schadenfroh…

Mission impossible? – No way!

Helfen wollen, ein bisschen Spenden sammeln, ein passendes Projekt finden und dann wird alles gut….

So läuft das leider gar nicht!

Umso besonderer ist deshalb der Hauptgrund für meine dritte Reise nach Bangladesch: Im April wurde im Deutschlandfunk ein Beitrag von mir ausgestrahlt und hatte (mindestens) einen speziellen Hörer – Marcel, der Leiter der Clingenburgfestspiele. Mit Feuereifer haben er und seine Darsteller unter den Festspielbesuchern für Menschen in Bangladesch gesammelt, und zwar für die, die oft ausgegrenzt, versteckt oder sogar ausgesetzt werden: Menschen mit Behinderungen.

Dabei sind 20 000 Euro zusammen gekommen. Dieses Geld sollte möglichst komplett an ein Projekt gehen, das inklusiv, effektiv und nachhaltig arbeitet. Weil ich in Bangladesch mittlerweile ein ganz gutes Netzwerk habe, haben wir dafür eine lokale, einheimische Hilfsorganisation (NGO) gefunden. Aber wir waren geschockt zu erfahren, dass rund ein Drittel des Geldes nicht bei diesem Projekt ankommen würde, wenn es einfach nach Bangladesch überwiesen wird – irgendwelche Bank-, Steuer-, und Zollgebühren fallen da wohl an. Und die einzige Möglichkeit, das zu umgehen, ist es das Geld persönlich zu überbringen, pro Person darf nämlich eine bestimmte Summe ganz legal eingeführt werden.

Also war schnell klar, Marcel, sein Freund Harry und ich spielen Geldboten und das hat auch ohne Probleme geklappt (abgesehen von meinem Intermezzo in Kuwait, siehe Blogartikel vom 1. November: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/01/gestrandet-aber-fuer-reis-ist-gesorgt/).

Dass sich eine NGO über jede Geldspende freut, liegt in der Natur der Sache. Aber dass sie für uns eine ganz besondere Projektreise organisieren, dass ist nicht selbstverständlich. Jedenfalls hat ‚unsere‘ Hilfsorganisation, das Centre for Disability and Development (CDD), uns erstmal per Auto nach Gaibandha verfrachtet, ein Distrikt im Norden von Bangladesch, in dem drei große Flüsse und ein feines Geflecht von unzähligen kleinen, jedes Jahr für Überschwemmungen sorgen. Denn – so die Philosophie von CDD – das Geld soll nicht irgendwo anonym und für die Spender nicht mehr nachverfolgbar verteilt werden, sondern Marcel soll direkt vor Ort sehen, was mit dem Geld in Gaibandha gemacht, welchen Menschen wie geholfen werden kann. Und dann soll er selbst, stellvertretend für alle Spender, entscheiden, wohin das Geld fließt…