Encounters in Gaibandha

Wie ein Schwamm sauge ich die Geschichten, Alltagsszenen und Erlebnisse auf, wenn ich in Bangladesch bin. Denn ich lerne so viel in diesem Land…Nützliches (wie Hausmittel gegen Durchfall), Beeindruckendes (was Menschen gegen alle Widrigkeiten leisten können) oder einfach nur Schönes. Und heute möchte ich einiges davon mit Euch teilen: Begegnungen in Gaibandha, im Norden von Bangladesch.

gaibandha Mädchen

Besonders faszinierend finde ich den Alltag von Kindern hier, denn obwohl Gaibandha zu den ärmsten Regionen von Bangladesch gehört, machen die Mädels und Jungs hier keinen unglücklichen Eindruck. Sie müssen zwar oft schon von klein auf mitarbeiten und manchmal ist die Arbeit auch bestimmt nicht leicht, aber sie haben auch viel mehr Freiheiten als zum Beispiel in der Hauptstadt Dhaka.

 

Dieser Junge zum Beispiel hat eine wichtige Funktion beim Fährbetrieb auf einem der großen Flüsse in Gaibandha, dem Tista. Sobald das Boot in die  Nähe des Ufers kommt springt er ins Wasser, zieht und schiebt es in die Anlegeposition und macht es mit einem Seil am Steg fest. Beim Ablegen muss er das Boot dagegen mit der Stocherstange in die tiefere Fahrrinne bringen, erst dann wird der Außenbordmotor angeworfen. Es sind nur wenige Cent, die er so am Tag verdient und für den kleinen Mann ist das körperlich zum Teil auch anstrengend. Trotzdem nimmt er seine Aufgabe sichtbar ernst und wirkt stolz, dass er seine Familie auch schon unterstützen kann.

 

Das Boot gehöre seinem Onkel. Der sei ein reicher Mann, sagt er…. Reich ist hier nämlich, wer ein Boot oder einen der flachen, langen Holzkähne besitzt. Denn in diesem Teil von Bangladesch ist ein Boot vor allem ein wichtiges Fortbewegungsmittel – immerhin sind weite Teile dieses Distrikts über Monate überflutet. Mich beeindruckt jedes Mal, was alles in so einen Kahn passt: Fünf Motorräder mit etwa 20 Leuten und großen Füttersäcken, das ist keine Seltenheit.

 

Oder die Boote werden zum Fischen benutzt und helfen, große Netze quer über den Fluss zu spannen. Und in Monsunzeiten werden sogar ganze Häuser damit transportiert: Die Seitenwände aus Bambus und Strohmatten sind dann fein säuberlich zerlegt und das riesige Wellblechdach wird in einem abenteuerlichen Balanceakt über das ganze Boot drapiert.  Auf jeden Fall verdient der Bootsbesitzer bei jedem Transport etwas. Besonders, wenn die Flüsse über die Ufer treten und zu reißenden Wassermassen werden – je größer die Notsituation, desto teurer die Bootsmiete!

Gaibandha Kinder im Fluss

In einem kleinen Dorf hab ich eine für mich neue Art des Dreschens entdeckt: Während bei uns das Getreide früher mit Dreschschlegeln bearbeitet wurde, um das Korn vom Stroh zu kriegen, schlagen diese jungen Männer die Reisbündel auf eine Art Tisch. Erst hab ich mich gewundert, dass kein großes Tuch oder ähnliches auf dem Boden ausgebreitet war….immerhin wäre es leichter gewesen, die Reiskörner nach dem Dreschen damit einzusammeln. Mittlerweile weiß ich aber, dass bei dem ‚Tisch‘ unter der Tisch-Platte eine Art Trog angebracht hat, in den die Reiskörner fallen.

Das Reisstroh wird danach vielfältig genutzt: Die Jungs mit dem Fahrrad zum Beispiel brauchten nur wenige Bündel, um ein Stalldach auszubessern. Ansonsten wird es als Vieh-Zusatzfutter oder Stalleinlage benutzt, manchmal zum Anfeuern oder aber es werden Strohmatten daraus geflochten.

 

Als ich den Heuwagen mit Zugtier gesehen hab, ist mir aufgefallen, dass es in Gaibandha relativ wenige Esel oder Mulis gibt. Wahrscheinlich sind die Tiere im Unterhalt für viele Familien doch zu teuer. Deshalb schleppen die Menschen hier selbst unhandliche oder schwere Lasten oft einfach selbst…

 

Aber an einer andere ‚Last‘ haben manche Menschen hier enorm schwer zu tragen: Behinderungen. Eigentlich sieht man in jedem Dorf Kinder und Erwachsene, die blind sind, hinken oder sogar ein Körperteil amputiert haben oder bei denen das Gesicht mit Hasenscharten oder ähnlichen Fehlbildungen verunstaltet ist. Mit einigen dieser Menschen hab ich gesprochen und mir ihre Geschichte erzählen lassen.

Da ist zum Beispiel die 16jährige Shantona, die jahrelang tagsüber allein Zuhause bleiben musste, weil blinde Kinder in der Dorfschule nicht aufgenommen werden. Aber das toughe Mädchen hat sich trotzdem selbst ‚gebildet‘, indem sie viel Radio gehört und so ihr Wissen, ihr Vokabular und ihre Aussprache geschult hat – mit dem Effekt, dass ihr Bangla bald weit besser war als das von anderen Kindern. Was wiederum einem Sozialarbeiter aufgefallen ist, der ihr einen Platz an einer Schule für Sehbehinderte samt einem Stipendium vermittelt hat.

Amirons Geschichte ist nicht ganz so ambitioniert: Sie ist nach einer Windpocken-Erkrankung erblindet, da war sie ein Jahr alt. Und schon früh hat die heute 38jährige die extreme Ausgrenzung erfahren, der man mit einer Behinderung in Bangladesch ausgesetzt ist – Arbeit wollte ihr zum Beispiel keiner geben. Sie hat sich mit Betteln durchgeschlagen, mehr schlecht als recht. Bis sie in das Hilfsprogramm der Christoffel-Blindenmission aufgenommen wurde. Betteln muss sie jetzt nicht mehr, denn sie züchtet jetzt Kühe. Damit ist auch ihr Status im Dorf ‚gestiegen‘ und sie darf jetzt auch auf den Feldern der Nachbarn mitarbeiten – gegen Bezahlung versteht sich.

 

Generell hab ich den Eindruck, dass sich allein in den vier Jahren, in denen ich immer wieder in Gaibandha unterwegs bin, schon einiges verändert hat. Eindeutig zum Besseren! Selbst auf dem Land, wo die Menschen meist wenig Schulbildung haben und eine Behinderung lange als Strafe Gottes für begangene Sünden gesehen wurde – selbst dort sehe ich immer öfter, wie Menschen mit Behinderung in einer Gruppe unterwegs sind, dazugehören oder sogar eine wichtige Position in ihrem Dorf einnehmen. Schaut Euch zum Beispiel mal dieses Bild an:

Bangladesch Reise 15-Harrys Foto

Foto: Harry Maskallis

Der Junge vorne rechts. Eine üble Fehlbildung, die mehr als offensichtlich ist. Trotzdem war er bei dieser Horde neugieriger Kids immer mit dabei, hat wie alle anderen auch mit uns gelacht, Quatsch gemacht und sich auch auf den Fotos nicht versteckt. Er hat offenbar seinen Platz unter Freunden gefunden – Für mich ein deutliches Zeichen, dass sich in Bangladesch doch was bewegt in Richtung Inklusion!

 

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Non-ferrous life begins!

Wie waren die Bewohner von Char Charita Bari stolz als sie mich im vergangenen Jahr durch ihr Dorf führten… Neben jeder Hütte war ein kleiner Sanitärbereich mit Waschstelle, Dusche und Toilette. Luxus auf der Schwemmlandinsel, denn davor musste das Wasser im Fluss geholt werden. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, dass das ganze Plateau dieses Dorfes im Überschwemmungsgebiet komplett erhöht und mit Brunnen, Pumpen und Solarzellen ausgestattet wurde (mit Spenden von Clingenburg-Festival-Besuchern). [nachzulesen hier:  https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/08/08/against-all-odds/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/    yvonnekoch.wordpress.com/2017/01/26/after-the-big-flood-char-charita-bari/ ]

Aber schon bei der Besichtigung ist mir aufgefallen, dass das Wasser rote Schlieren hinterlässt. Es sei extrem eisenhaltig, hat man mir erklärt.

Char Charita Bari vor dem Filter

Erst als ich wieder Zuhause war, ist mir das ‚rote‘ Wasser wieder eingefallen. Eigentlich ist Eisen ja ein Mineral, das unser Körper braucht. Aber das Wasser in Char Charita Bari roch extrem metallisch und der Geschmack war auch nicht so lecker. Kann das wirklich noch gesund sein? Also hab ich recherchiert: „Für den Menschen ist Eisen ein lebensnotwendiges Mikroelement, denn es ist vor allem für den Sauerstofftransport des Hämoglobins – der roten Blutkörperchen – zuständig. Der Tagesbedarf für Männer liegt bei etwa 10 mg pro Tag, für Frauen ist er mit ca. 15 mg etwas höher. Werden diese Werte dauerhaft unterschritten führt dies zur Diagnose Eisenmangel. Eine Überdosierung wirkt sich ebenfalls schädlich auf die Gesundheit aus. Bei zu hoher Eisenaufnahme kann sich Eisen in der Leber anreichern und vielfältige Erkrankungen, sogenannte Siderosen, auslösen.“ Außerdem greift das eisenhaltige Wasser auf Dauer auch Leitungen an.

Das hat mich richtig geärgert! Da haben es die 11 Familien im Überschwemmungsgebiet endlich ein bisschen leichter, verlieren nicht jedes Jahr Vieh, Häuser und ihr Leben bei der Flut und sollen jetzt dafür unter diesem blöden Eisen leiden? Denn die ersten Auswirkungen spürten die Bewohner schon: Der 18jährigen Laboni juckt die Kopfhaut, Morgina (23) bemerkt bei der ganzen Familie rot verfärbte Zähne, Momina stellt fest, dass der Reis rötlich aussieht und irgendwie anders schmeckt und bei der 20jährigen Roksana wird das Curry schwarz. Außerdem schmeckt das Wasser schlecht, bei allen. Wobei….diese Beschwerden gelangten lange nicht zu mir. Auch die Hilfsorganisation  CDD, die die Dorferhöhung umgesetzt hat, erfährt davon nichts. Denn die Dorfbewohner wollten nicht undankbar sein, schämten sich, von ihren Problemen zu erzählen.

Aber seit wir wussten, wie schädlich zu viel Eisen im Wasser ist, haben wir lange nach einer Lösung gesucht. Klar gibt es dafür Verfahren, aber chemische kamen nicht in Frage, weil es sich ja nicht um das Wasser für einen Swimming-Pool handelt, sondern um Trinkwasser. Spezial-Filter, wie sie auf dem Markt sind, waren für alle Beteiligten zu teuer. Deshalb waren Gopal und ich soweit, selbst ein Filtersystem aus Sand, Kies und Kohlepartikel zu entwickeln – wenigstens theoretisch hatten wir uns das Basiswissen dafür draufgeschafft, es haperte nur noch an der Umsetzung.

Und dann kam uns der Zufall zu Hilfe: In einem Blog-Artikel von rosarotjulia (https://wordpress.com/read/blogs/117704312/posts/267), einem Bangladesch-Fan, las ich von einem Mann im Süden von Bangladesch, der mit einfachen Mitteln Filtersysteme für alle möglichen Schadstoffe im Wasser baut. Die Blog-Autorin vermittelte den Kontakt, Gopal verhandelte mit dem Filterspezialisten und jetzt stehen die tatsächlich in jedem Haus in Char Charita Bari. Aber seht selbst:

Preisgünstig, einfach und effizient sind diese Filter. Und dass sie einigen Platz in den  kleinen Hütten beanspruchen, nehmen die Dorfbewohner gerne in Kauf. Denn das Wasser ist jetzt wieder klar (siehe Titelbild), es schmeckt richtig lecker und der metallische Geruch ist auch weg. Laboni meint sogar, ihr Haar sei jetzt viel weicher und die Verfärbungen bei Reis, Zähnen, Curry oder Sonstigem sind auch weg. Den dreistöckigen Turm aus Plastikeimern findet der 34jährige Kamrul Hossain sogar richtig chic, denn mittlerweile kommen immer öfter Nachbarn vorbei, um sich das Filtersystem anzukucken: „Meine Frau ist total glücklich über das Ding und wir kümmern uns auch gut darum.“

karmul mit filter

Sunset in Gaibandha (english version)

(A very special friend asked me to make an english translation of this article….here it is! Thanks to Mike for his help)

I always stay at the same guest house in Gaibandha district. I like it very much here – not just for the excellent food, the clean rooms that even have a shower or the wi-fi connection. No, above all, I love the view from the small balconies. This view, especially at dusk – and immediately the last bit of tension melted away from me. Here I just feel incredibly well.

Gaibandha Blick aus Zimmer

Especially in winter there is a beautiful light in the evening. But enough talk, enjoy the pictures and I will try to deliver a little less text.

Okay, I this isn’t working … do you notice anything on the rice fields? Normally, soft, fresh green sprouts come out at this time of the year. But this time, many stalks have a rather reddish glow. This is due to the cold fog, which lies persistently for a long time over the fields. The reddish stalks are probably not usable, the rice would be virtually frozen. That, too, is an effect of climate change, people tell me. But I still get stuck on to the word ‚frozen‘ – is that even possible at temperatures of six degrees plus? Although, admittedly, for Bangladesh it is already veeeery cold.

When the tractor driver sees me, he immediately changes his driving behavior: he takes his mobile phone from his ear, puts his foot on the pedal and then the vehicle takes off. Chugging loudly, the tractor races towards an embankment, which has a height of about one and a half meters. Without braking, the tractor climbs the slope until it is almost vertical. Shortly before tipping, the harrow pulls up on the rear end and supports the tractor. The young man in the driver’s seat turns around briefly, waves triumphantly and then chugs off in the evening light.

I almost overlook the railway sleeper, which is embedded in the ground in front of me. Fiat 1959 is written on it. Have Italians laid this railway line here? At least the track is shut down now, I hope. Because at the moment it is diverted from its intentional use, which one can see quite clearly.

A few steps further there the tracks continue. And suddenly they start to vibrate and there is a strange rumbling sound.

The train is not fast. The passengers have enough time to wave at the inquisitive European and even to call Valo theko – take care.

As soon as the train has passed, I hear shouts again. This time, it’s from children playing in the fields next to Nissen huts. I wave, take snapshots and smile – posing guys seem to be a pretty international phenomenon.

It is different with the faces of older people. Especially in Bangladesh, I often find these ones incredibly interesting …

Sunset in Gaibandha

Es ist immer dasselbe Guesthouse, in dem ich im district Gaibandha übernachte. Ich mag es sehr hier – nicht nur wegen des hervorragenden Essens, den sauberen Zimmern, die sogar eine Dusche haben oder dem WLAN-Anschluss. Nein vor allem liebe ich den Blick von den kleinen Balkonen. Dieser Blick besonders bei Dämmerung – da fällt auch das letzte bisschen Anspannung sofort von mir ab. Hier fühl ich mich einfach unglaublich wohl.

Gaibandha Blick aus Zimmer

Besonders im Winter ist hier abends ein wunderschönes Licht. Aber was red ich, genießt die Bilder und ich versuch mal, diesmal etwas weniger Text zu liefern 😉

Okay, klappt nicht ganz… Fällt Euch an den Reisfeldern was auf? Normalerweise sprießt um diese Jahreszeit ein zartes, frisches Grün. Diesmal haben viele Halme aber einen eher rötlichen Schimmer. Das sei durch den kalten Nebel, der in diesem Jahr besonders zäh und lange über den Feldern hänge. Die rötlichen Halme seien wahrscheinlich alle nicht mehr nutzbar, der Reis quasi erfroren. Auch das sei eine Auswirkung des Klimawandels, sagt man mir. Aber ich häng immer noch an dem Wort ‚erfroren‘ – geht das überhaupt bei Temperaturen von plus sechs Grad? Auch wenn das zugegebenermaßen für Bangladesch schon seeeehr kalt ist.

Als der Traktorfahrer mich sieht, verändert er sein Fahrverhalten sofort: das Handy kommt vom Ohr, der Fuß aufs Pedal und dann startet das Gefährt durch. Laut tuckernd rast der Traktor auf eine Böschung zu, die ist etwa anderthalb Meter hoch. Ohne zu bremsen erklimmt dieser die Böschung bis er fast senkrecht steht. Kurz vor dem Kippen fährt die Egge am Hinterteil nach oben und stützt den Traktor ab. Der junge Mann auf dem Fahrersitz dreht sich kurz zu uns um, winkt triumphierend und tuckert dann im Abendlicht davon.

Fast hätte ich ob dieser artistischen Einlage die Bahnschwelle übersehen, die vor mir im Boden eingelassen ist. Fiat 1959 steht da drauf.  Haben etwa Italiener die Bahnlinie hier verlegt? Jetzt ist die Strecke jedenfalls stillgelegt. Hoff ich. Denn im Moment wird sie sichtbar zweckentfremdet.

Ein paar Schritte weiter wieder Schienen. Und die vibrieren plötzlich und ein seltsames, Rumpeln ist zu hören.

Schnell ist der Zug nicht. Die Passagiere haben genug Zeit, der neugierigen Europäerin zu winken und sogar ein ‚Valo theko – Mach’s gut‘ zuzurufen.

Kaum ist der Zug vorbei, hör ich wieder Rufe. Diesmal sind es Kinder, die auf den Feldern neben Wellblechhütten spielen. Ich winke, knipse und grinse – posende Jungs scheinen ein ziemlich internationales Phänomen zu sein.

Anders ist es mit den Gesichtern von älteren Menschen. Die find ich speziell in Bangladesch oft einfach unglaublich interessant…

The dancing goat

Nach Gaibandha zu kommen ist immer ein bisschen wie heimkommen. Denn dieser Distrikt im Norden von Bangladesch liegt mir besonders am Herzen. Nicht nur, weil diese Gegend als die ärmste im Land gilt oder weil es hier jedes Jahr zu verheerenden Überschwemmungen kommt, sondern weil ich die Menschen dort grenzenlos bewundere: Sie leben mit und gegen die zahlreichen Flüsse, die sich wie Adern durch das Land ziehen. Und obwohl diese Ströme während der Monsunzeit ihnen fast jährlich Ernten zerstören, Häuser und Felder wegreißen und sogar Todesopfer fordern, bauen die Menschen in Gaibandha jedes Jahr wieder alles auf. Nicht weil sie dumm sind, sondern so bettelarm, dass sie oft keine Alternativen haben. Und trotzdem sind die Menschen in Gaibandha freundlich und offen und strahlen eine besondere Gelassenheit aus, eine innere Harmonie.

Gaibandha impressions4.jpg

Lange hab ich gedacht, dass ich die Gegend aus irgendeinem Grund romantisiere und mit einem sentimentalen Weichzeichner sehe. Aber mittlerweile hab ich auch andere Europäer dorthin gelotst und auch Einheimische aus anderen Regionen von Bangladesch … und auch sie hatten das Gefühl, dass dort alles von ihnen abfällt, entschleunigt und sich etwas Warmes, Harmonisches in ihnen breit macht.

Kurz, ich komm gern nach Gaibandha. Und nach und nach, lerne ich auch die kleinen Freuden kennen, denen vor allem die Kinder gerne nachgehen. Mitten im Dorf ist zum Beispiel eigentlich immer ein kleiner Weiher, der sogenannte pukur. Hier wird gebadet, gewaschen und oft auch noch in einem Eck Wassergemüse angebaut. Oder aber, der Uferbereich des Weihers wird als Spielwiese genutzt:

Es ist eine Art Fangen, das die Kinder hier spielen, offenbar auf mehreren Ebenen, aber da bin ich nicht ganz sicher. Auf jeden Fall spielen Mädchen und Jungen hier zusammen – was nicht selbstverständlich ist.

Als die Kids bemerken, dass ich mich für ihre Spiele interessiere, versuchen sie mir einige zu erklären….

bei Kazol (74)

Aber weil sie schnell merken, dass mein Bangla dafür bei weitem nicht reicht, ziehen sie mich einfach mit. Zu einem Platz am Flussufer, außerhalb des Dorfs. Zwei Gruppen werden gebildet, Schuhe als Markierungen ausgelegt – ich denke, sie sollen eine Art Torpfosten darstellen. Ein Junge nähert sich der Schuhmarkierung der anderen Mannschaft. Und dann geht alles sehr schnell:

Die genauen Regeln hab ich nicht kapiert, aber es geht um Geschicklichkeit und Schnelligkeit, das konnte ich sehen.

Mädchen machen bei diesem Spiel nicht mit. Nur eins stand am Rand und kuckte verschüchtert zu.

schulmädchen

Offenbar kam sie gerade aus der Schule. Einer der größeren Jungs erklärt mir in holprigem Englisch, dass sie einen besonders weiten Schulweg habe. Er deutet auf eine Erhebung auf der anderen Seite des Flusses. Ihr Dorf sei etwa eine Stunde Fußweg vom Flussufer entfernt. Insgesamt brauche sei fast zwei Stunden zur Schule – und natürlich auch so lange wieder zurück. Sie komme überhaupt nur während der Trockenzeit zum Unterricht, denn sobald der Monsun einsetzt, sei es zu gefährlich, der Fluss zu reißend.

Jetzt aber liegt der Fluss ganz ruhig da. Ein Fischer steht am Ufer. Geduldig zieht er immer wieder sein Schwenk-Netz durch das Wasser. In der Hoffnung, wenigstens ein paar kleine Fische zu fangen.

Mein Name wird gerufen. Ob ich schon mal eine tanzende Ziege gesehen hätte? Hab ich nicht. Und deshalb ziehen wir alle im Pulk zum Haus eines hochgeschossenen Jungen, der stolz seine kleine, schwarze Ziege präsentiert. Er habe sie dressiert, erklärt er und wird ein bisschen rot. Sie sei sein bester Freund und begleite ihn manchmal sogar zur Schule. Alle lachen. Und dann beweist mir der Teenager, dass in Gaibandha sogar die Ziegen tanzen:

Harmonic mornings

In den ländlichen Gegenden von Bangladesch, weit ab von den großen Städten, hört man vor allem nachts sehr ungewöhnliche Geräusche: Diese lautliche Mischung aus knarrender Tür und schepperndem Kichern zum Beispiel, die mich im nördlichen Distrikt Gaibandha in den ersten Nächten vom Schlaf abhielt. Nach und nach hab ich Geckos als Quelle für diese Laute enttarnt, die entweder stoisch an der Wand hängen oder in einem Affenzahn durch die kleinsten Ritzen schlüpfen. (Echsenzahn wär wahrscheinlich das bessere Wort…aber haben Echsen Zähne?)

Dann ist da noch dieses Pfeifen, hoch, relativ schrill und oft vielstimmig. Ich vermute, dass das von den unzähligen kleinen Vögeln kommt, die in den Büschen und Bäumen nisten. Aber die Recherche dazu ist noch nicht abgeschlossen.

Weniger mysteriös ist dagegen dieser hohe, fiese Ton, den die auch in Deutschland bekannte geflügelte Folter-Pikse macht, besser bekannt unter dem Namen ‚Moskito‘. Auch die Kakophonie der Straßenköter nachts ist zwar etwas ungewöhnlich, aber leicht einzuordnen.

Das wollte mir aber bei dem Geräusch absolut nicht gelingen, mit dem ich im GUK guesthouse in Gaibandha morgens geweckt wurde: rhythmisch klang es, etwas quäkig und vor allem konnte ich nicht hören, aus welcher Richtung es kam. Vielleicht von hinten? Von den Feldern rund um das guesthouse?

Vom kleinen Balkon aus hab ich zwar einen guten Blick, aber außer dem Radfahrer im Nebel und der vom Hund verfolgten Frau seh ich Linkerhand nichts, was das Geräusch machen könnte. Es wabert aber immer noch durch die Morgenluft. Wie der Nebel, nicht greifbar…Rechts seh ich einen bunten Fleck an einem Weiher, aber es dauert etwas, bis ich erkenne, was es ist.

 

Da wäscht eine Frau Wäsche. Aber von dem Plätschern und Klatschen, das das Reinigungsritual normalerweise macht, kann ich nichts hören – also kommt das Geräusch wohl doch vom Innenhof des guesthouses. Mist. Dann muss ich mich doch erstmal richtig anziehen, bevor ich weiter forschen kann.

Kaum hab ich die Tür zum Zimmer auf, wird das Geräusch konkreter: Es könnte sowas wie Musik sein….auch Stimmen sind zu hören. Viele Stimmen. Gesang! Ja, tatsächlich. Da steht eine ganze Gruppe von Menschen im Hof, kreisförmig…und sie singen.

 

Und jetzt erkenn ich auch die Melodie: Es ist die Nationalhymne von Bangladesch, die die gesamte Belegschaft des guesthouses mit Inbrunst von sich gibt. Und das rhythmische, quäkende Geräusch kommt von dem Instrument, um das sich alle gruppieren. Ein Harmonium.

Ich seh dieses Instrument hier in Bangladesch zum allerersten Mal. Dabei kommt es ursprünglich aus Deutschland, sagt Wikipedia – dort wurde es 1810 von Bernhard Eschenbach erstmals gebaut. Und jetzt dient es hier, über 7000 Kilometer entfernt, für den Morgenappell einer Hilfsorganisation. 😉

Mission accomplished – this time

Auch in diesem Jahr gab es wieder heftige Überschwemmungen in Bangladesch: Springfluten nach einem Hurrikan im Juni und Extrempegel während der Regenzeit. Zyniker könnten jetzt sagen: Tja, das ist man in Bangladesch ja schon gewohnt…

Tatsächlich merken die Menschen in diesem flussreichen Land schon seit Jahren, dass die Natur sich verändert, dass die Stürme häufiger werden und die Überschwemmungen heftiger und länger. Aber anders als in europäischen Ländern können sich die Bangladeshi so gut wie gar nicht dagegen schützen. Und die Wassermassen treffen vor allem die Ärmsten in der Bevölkerung

Ich stell mir das schrecklich vor: Man sieht, wie das Wasser steigt, versucht mit Sandsäcken und kleinen Kanälen, das Wasser vom Haus weg zu halten und hofft bis zuletzt, dass wenigstens diesmal das Haus, das Vieh und die Äcker verschont bleiben

Das kann über Wochen gehen. Wochen in denen das Brunnenwasser verschmutzt wird, die Vorräte verschimmeln, das Vieh und womöglich die Kinder krank werden und vielleicht sogar die Häuser einstürzen.

Auch die Bewohner von Char Charita Bari kennen diese Situation. Denn ihr Dorf ist auf einer Schwemmlandinsel gebaut, mitten im Fluss. Das heißt, wenn das Wasser kommt, kommt es gleich von allen Seiten. Aber in diesem Jahr hatten die rund 60 Bewohner Hoffnung! Immerhin war das komplette Dorf ja erhöht worden und damit über einen Meter über dem zuletzt gemessenenen Höchst-Pegel von 2014. Aber dann kamen die Fluten, mit der Monsunzeit stieg das Wasser höher und höher. Sogar noch höher als 2014. Und Laily, Muslem Ali und all die anderen, die ich bei der Reise im November kennengelernt hatte, wurde es ziemlich mulmig – war die Aufschüttung hoch genug? Wird die festgestampfte und mühsam bepflanzte Erde den Fluten widerstehen?

Sie mussten mit ansehen, wie das Wasser in angrenzenden Dörfern stieg und erst den Dorfplatz, die Viehställe und dann auch die Häuser erreichte

Irgendwann gaben die Dorfbewohner der umliegenden Dörfer auf und versuchten, sich selbst, ihr Vieh und die Vorräte in Sicherheit zu bringen. In Char Charita Bari durften sie ihr Vieh unterstellen…denn das kleine Dorf lag immer noch etwa 30 cm über dem Pegel.

Auf dem rechten Bild seht ihr, wie knapp das Dorf vor der Überflutung ist….bzw. war. Denn mittlerweile ist das Wasser zurückgegangen und die Dorfbewohner höchstwahrscheinlich für dieses Jahr verschont geblieben.

Ungefähr 30 cm, etwas mehr als eine Lineallänge –  das klingt für mich so lächerlich wenig. Aber diese 30 cm haben gereicht, um den Dorfbewohnern von Char Charita Bari zu helfen. Ihr Viehfutter ist verschont geblieben (1. Bild), der Gemüsegarten noch intakt (2. Bild) und die 10 Familien auf dieser Schwemmlandinsel (3. Bild, an der Rampe) haben auch keinen Verdienstausfall. Diesmal.

Für wie lange, weiß ich allerdings nicht. Denn die Menschen in Bangladesch können weder den Klimawandel beeinflussen, noch die politisch-ökonomischen Umstände (Indien leitet zum Beispiel immer wieder den Ganges um, um Zentralindien zu bewässern – dadurch fehlt in Bangladesch in Trockenzeiten dieses Wasser. Während der Regenzeit wird das Wasser dann von Indien aber wieder nach Bangladesch geleitet, was die Monsun-Auswirkungen verstärkt).

Trotzdem versuche ich mir die Bangla-Mentalität zu eigen zu machen, das Hier und Jetzt zu genießen – Und mich einfach nur zu freuen, dass rund 60 Menschen im Norden von Bangladesch dank der Hilfe von deutschen Spendern (Besucher der Klingenburgfestspiele 2015) und einer mutigen Idee der Hilfsorganisation CDD trocken geblieben sind!

Dhonnobad, danke!

CCB Dorfbewohner neu

Foto: Subir Kumar Saha, CDD