A special woman

Sie hat mich vom allerersten Moment an beeindruckt. Obwohl alles erstmal mit einem Missverständnis begann…

Im November 2015 besuchten wir ein Dorf im Distrikt Gaibandha: Char Charita Bari. Das ‚Char‘ im Namen deutet schon darauf hin, dass dieser Ort auf Sand gebaut ist, genauer gesagt auf Schwemmland. Und genau das ist das Problem in dieser Gegend. Denn die Chars liegen zwischen den Flüssen Brahmaputra und Tista und sind fast jedes Jahr überschwemmt. Und weil der Boden so instabil ist, wird das Schwemmland oft einfach weggespült. Hier zu leben ist gefährlich. Deshalb wohnen auf diesen Chars eigentlich nur arme Menschen, die sich kein anderes Land leisten können. CharDas Dorf Char Charita Bari war ausgewählt worden, ein Pilotprojekt zu werden – das komplette Dorf samt einiger Felder sollte erhöht werden (siehe: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ ). Jedenfalls wurden wir zwar von allen Dorfbewohnern herzlich begrüßt, es war aber eine Frau, die als Repräsentantin für das Dorf gesprochen hat. Deshalb dachte ich damals, diese Frau, Laily, sei eine Art Ortsvorsteherin. Was für Bangladesch ziemlich ungewöhnlich ist, weil normalerweise Männer solche wichtigen Positionen einnehmen, der Älteste zum Beispiel oder der Reichste im Dorf.

Laily machte ihre Sache sehr gut, schilderte die Situation anschaulich, war dabei aber nicht zu ausschweifend, betonte das die Dorfbewohner alle zusammen was verändern wollten, wies aber auch auf Schwierigkeiten hin. Irgendwann kniete ich quasi vor ihr, weil ich ihre Aussagen ja mit dem Mikro einfangen musste. Obwohl sie nur indirekt, also über den Übersetzer, mit mir sprechen konnte, blickte sie mich dabei direkt an. Ich war beeindruckt, wieviel Wärme, Begeisterung und Intelligenz in diesem Blick lagen. Ich registrierte aber auch, dass die umstehenden Dorfbewohner immer wieder zustimmend nickten bei Lailys Ausführungen. Deshalb war ich während der ganzen Beratungen sicher, diese Frau ist ein angesehenes Mitglied der Dorfgemeinschaft ist. Aber das stimmt gar nicht!

Herausgefunden hab ich das aber erst bei meinem nächsten Besuch im Januar 2017 (https://yvonnekoch.wordpress.com/2017/01/26/after-the-big-flood-char-charita-bari/ ). Das Dorf war da schon erhöht, hatte die ersten starken Überschwemmungen unbeschadet überstanden und war eine Art Modell-Projekt geworden. Für mich war es ein bisschen wie ‚heimkommen‘, weil ich zu diesem Dorf einen besonderen Bezug habe. Es war schön, bekannte Gesichter wiederzusehen, die Vertrautheit der Dorfbewohner zu spüren und ihren Stolz auf das Geleistete. Aber irgendwas fehlte… Laily!

Die kam erst, als wir eigentlich schon aufbrechen wollten. Freudestrahlend kam sie auf mich zu, umarmte mich herzlich – und ich hatte sofort das Gefühl von Vertrautheit. Ich müsse unbedingt mit in ihr Haus kommen, darauf bestand sie. Ein kurzer Blick zu meinen Begleitern. Ja, eine Kurzvisite sei drin….

Ich war ziemlich irritiert als Laily uns weg vom Dorf führte, unterhalb der erhöhten Ebene von Char Charita Bari. Sie wohnt gar nicht im Dorf – das wurde mir jetzt erst klar. Und als sie mich in ihr Haus führte, ihre Tochter Tee ausschenkte und uns Obst und süßes Gebäck angeboten wurde, genügte ein Blick: Diese Familie gehört nicht zu den Ärmsten! Ich sprach Laily auf meinen Irrtum an, dass ich sie für die Ortsvorsteherin gehalten habe. Sie lachte, strahlte über das ganze Gesicht und betonte immer wieder, wie gut es dem Dorf jetzt gehe: Die Dorfbewohner hätten keinerlei Ernteausfall gehabt, während der gesamten Monsunzeit sei immer genug zu essen da gewesen und als die umliegenden Dörfer überschwemmt wurden, durften sie sogar ihr Vieh in Char Charita Bari unterstellen. Dann zeigt sie mir dunkle Verfärbungen an ihren Möbeln. Die seien vom Wasser, dass hier kniehoch gestanden habe. Leider. Sie schaut mich an – und ich weiß genau, was sie eigentlich sagen will…“mein Haus wurde ja nicht erhöht“ sagt dieser Blick. Nicht vorwurfsvoll. Eher auffordernd. Ich nicke ihr zu. Sie versteht, dass ich verstanden habe. Aber bevor sich ein trimumphierendes Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreiten kann, betone ich, dass die Spendengelder nicht von mir kamen, dass ich nichtmal einer Hilfsorganisation angehöre, sondern nur vermittle und berichte. Auch sie nickt jetzt. Sie hat auch verstanden. Und trotzdem ist ihre Umarmung auch beim Abschied überaus herzlich. Wieder hat mich diese Frau beeindruckt. Mit ihrer Diplomatie, ihrer Chuzpe und ihrem Umgang mit Rückschlägen.

2017 Gaibandha

Im Januar 2018 war ich wieder in Gaibandha unterwegs. Allerdings war ein Besuch in Char Charita Bari nicht eingeplant, das ließ mein Zeitplan nicht zu. Fest stand dafür der Besuch von verschiedenen Dörfern, zu denen wir nur mit dem Motorrad hinkommen konnten. Treffpunkt für die Abfahrt war eine Teestube – perfekte Wahl, weil es an diesem Morgen a…..kalt war, der Nebel hing noch dick über den Feldern. Wir waren alle etwas einsilbig, umklammerten die Teetassen mit beiden Händen, um uns zu wärmen. Plötzlich waren laute Stimmen zu hören. Eine Silhouette stand in der Tür, eine Frau. Mir fiel fast die Tasse aus der Hand – es war Laily!

Laily Char Charita Bari

Sie sei den weiten Weg aus ihrem Dorf gekommen, um mich zu sehen, sagte sie. Was war ich da gerührt, die Umarmung fiel dementsprechend herzlich aus und uns beiden fehlten für einen Moment die Worte.

Meine Begleiter drängten zum Aufbruch. Und ich war hin- und hergerissen. Ich konnte Laily doch jetzt nicht so stehen lassen…. Aber sie nickte zu den Erklärungen meines Teams, verabschiedete sich und steckte mir dabei einen Brief zu. Den habe ein Onkel von ihr ins Englische übersetzt. Er käme von Herzen. Und bevor ich was erwiedern konnte, war sie aus der Tür raus.

Den Brief konnte ich erst viel später lesen, in einer kurzen Pause. Und was soll ich sagen….mir liefen die Tränen herunter dabei. Ich möchte den Inhalt gar nicht wiedergeben…nur soviel: Offenbar hat es sie sehr beeindruckt, dass Jemand sich über Geldspenden hinaus für ihr Dorf und die Dorfbewohner interessiert, Jemand aus dem Westen noch dazu. Es war fast ein Art Liebesbrief, aber nicht schwülstig, eher vertraut, sehr nahe. Und er war lang. Erst zum Ende hin nahm er eine andere Wendung: Laily erzählt da von ihrem Sohn, der im Ausland arbeitet, aber jetzt seinen Job verloren hat. Ob ich nicht eine Arbeit für ihn in Deutschland hätte?

Meine Rührung schlug um. Ich musste grinsen. Die toughe Laily! Engagiert sich mal für das Nachbardorf und mal für den Sohn, jeweils mit vollem Einsatz – eine wahre Löwin. Und eine hartnäckige noch dazu. Denn schon am nächsten Tag seh ich sie wieder. In einem ganz anderen Dorf. Wieder ist sie extra dahin gekommen. Ob ich den Brief gelesen hätte? Als ich ihr versichere, dass er mich sehr ergriffen hat, strahlt sie. Und als ich ihr sage, dass ich trotzdem leider nichts für ihren Sohn tun könne und erkläre warum, wird das Strahlen schwächer, weicht einem verständigen Nicken und wechselt dann in ein verschmitztes Grinsen. Sie habe es halt versuchen müssen, sagt sie. Umarmt mich nochmal und geht winkend davon.

Clever and dedicated – the villagers

Es ist ein ungewöhnlicher Empfang, der mich in einem abgelegenen Dorf in Gaibandha erwartet: Eine rote Rose ist das erste, was ich sehe, als ich aus dem Auto steige. Und an dieser Rose hängt ein schlaksiger, hochgeschossener junger Mann, der offensichtlich mehr als aufgeregt ist. Ich erkenne ihn nicht gleich…Aber dann stellt er sich als ‚Rubel‘ vor und bei mir macht’s klick.

Mit Rubel chatte ich seit einigen Monaten. Irgendwann hat er mir in Facebook eine Freundschaftsanfrage geschickt, die ich mit der Begründung abgelehnt habe, dass ich nur Anfragen von Menschen annehme, die ich persönlich kenne. Aber der junge Mann ließ nicht locker: Er wolle sein Englisch verbessern und würde deshalb gerne mit mir chatten. Tja und seither schreiben wir uns. Unregelmäßig, meist nur kurz, aber es ist immer lustig.  Oft hab ich Probleme, seine Sätze zu verstehen und Rubels Englisch ist auch nicht wirklich besser geworden, aber ich war beeindruckt von seiner Initiative.

Rubels Dorf Rubel

Jetzt also steht er vor mir. Was ein Zufall. Denn eigentlich bin ich hier, weil ich für eine Hilfsorganisation eine Familie portraitieren soll, die mit Spendengeldern unterstützt wird.

Rubel kann vor Aufregung nicht Englisch sprechen, aber es purzeln Bangla-Wörter aus ihm heraus, sie scheinen sich zu überschlagen und ich versteh kein Wort. Gopal kommt zur Hilfe und übersetzt: Rubel wusste aus unseren Chats, dass ich bei dieser Reise auch nach Gaibandha komme und als er gehört hatte, dass die NGO mit einem Gast ins Dorf komme, hat er vermutet, dass ich das sein könnte. Ich bin gerührt. Aber muss ihn vertrösten, weil ich zuerst meine Arbeit erledigen will: Die Geschichte von dem Jungen, der jahrelang weder sprechen noch laufen konnte, muss ja erzählt werden 😉

Rubels Dorf Interview

Als wir danach durch’s Dorf laufen, fällt mir eine Menschenansammlung auf. Auf der Straße stehen einige Bänke, vollbesetzt mit Menschen, die alle zur Veranda einer Hütte schauen. Mehrere Männer sitzen dort an einem Tisch, daneben eine junge Frau, die sich auf Krücken stützt und etwas in ein Megaphon spricht. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass im Publikum sehr viele alte Menschen sitzen. Auch Leute mit Behinderungen. Keiner hat richtige Schuhe und die meisten sind nur leicht bekleidet – obwohl es im Januar 2018 für bengalische Verhältinisse empfindlich kalt ist: Nachts sinken die Temperaturen auf 12 bis 6 Grad. Arschkalt also, weil die Häuser hier ja keine Heizung und vor allem auch keine Isolierung haben.

Ich lasse mir erzählen, was hier gerade passiert: Die Leute auf der Veranda sind überwiegend Mitglieder von Selbsthilfe-Gruppen, die selbst eine Behinderung haben. Diese Gruppen gibt es mittlerweile in vielen Dörfer, sie werden von Hilfsorganisationen wie zum Beispiel der CBM (Christoffel Blindenmission, eine deutsche NGO) gegründet, mit dem Ziel, die Situation von behinderten Menschen auf dem Land zu verbessern. Gehörlose, Seh- oder Gehbehinderte, Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, sie alle treffen sich in diesen Gruppen, erfahren, dass sie auch Rechte haben, dass es Förderprogramme für sie gibt, Ausbildungsmöglichkeiten, sogar finanzielle Unterstützung. Für uns klingt das vielleicht banal. Aber in Bangladesch ist die Situation für Menschen mit Behinderungen anders. Manche werden hier sogar versteckt, weil eine Behinderung als Schande oder Strafe Gottes angesehen wird. Außerdem sind die meisten hier immer noch Analphabeten, haben nie eine Schule besucht und wissen vor allem nichts über Menschenrechte, geschweige denn, was solche abstrakten Worte bedeuten.

Diese Selbsthilfe-Gruppen jedenfalls haben bemerkt, dass es zwar Programme und Gelder von der Regierung für sie gibt, diese aber nicht in den Dörfern ankommen. Deshalb haben die Gruppen selbst die Initiative ergriffen, haben Geld gesammelt und Decken gekauft, die sie jetzt an Bedürftige verteilen. Lautstark! Und geschickt! Denn sie haben auch ‚die Obrigkeit‘ zu dieser Verteil-Aktion eingeladen. Und weil die Selbstilfe-Gruppen mittlerweile einen enormen Einfluss haben, sind auch tatsächlich wichtige Personen gekommen: der Distriktvorsteher zum Beispiel. Und eine Art Staatssekretärin.

Rubel steht plötzlich neben mir. Sein Vater sei der Vorstand dieser Selbsthilfe-Gruppe, sagt er stolz. Und ich reagiere schnell. Ob es eine Möglichkeit gäbe, mit seinem Vater, den Regierungs- und Verwaltungsvertretern und mit den Bedürftigen zu sprechen, Interviews zu machen? Rubels Augen beginnen zu funkeln. Klar, er organisiere das. Und weg ist er. Kurz. Und dann lotst er mich in einen Raum gleich neben dem Kiosk, der seinem Vater und ihm gehört. Dort könne ich ungestört die Interviews machen und er bringe mir die Gesprächspartner.

Eine alte Frau mit nur noch einem Schneidezahn steht vor mir, ganz gebückt. Sie drückt die knallrote Decke fest an sich, die sie eben bekommen hat. „Jetzt muss ich heute Nacht nicht frieren“, sagt sie. Ihre Stimme ist rau. Sie sei der Gruppe so unendlich dankbar. Weil sie so viel für die ganz Armen tun würde….und überhaupt… Sie dreht den Kopf weg. Ihr Stimme versagt. Sie mag nicht mehr sprechen.

Die nächste Frau ist gut gekleidet, auch gut genährt. Weißer Sari, rote Strickjacke, ein Tuch locker über die Haare gelegt. Sie ist die Regierungsvertreterin und hat vorhin mit stoischer Mine die Decken mit verteilt. Es sei beschämend, platzt es aus ihr heraus. Dass in diesem Land die Ärmsten der Armen für andere Bedrüftige sammeln, während die staatlichen Hilfen nicht ankämen. Woran das liege? Oft sei einfach nicht bekannt, wieviele Menschen in den Dörfern auf Zuwendungen angewiesen sind. Oder die Verwaltungen gäben die Daten nicht weiter. Oder die Gelder würden auf dem Weg von Dhaka bis in die Dörfer irgendwie ‚versickern‘. Auf jeden Fall werde sie alles tun, um das zu ändern…

Es kommt ein Mann mit hennagefärbtem Bart. Der Distriktvorsteher. Er scheint gewohnt zu sein, dass man seinen Anweisungen folgt, jedenfalls scheucht er die Leute auseinander, die neugierig an der Tür stehen. Diese Verteil-Aktion sei toll gewesen, meint er. Es sei immer gut, wenn Menschen Eigeninitiative ergreifen, sich selbst helfen. Weil sie ja selbst am besten wüssten, wie der Bedarf sei. Die Selbsthilfegruppen hätten in seinem Distrikt schon so viel erreicht….Gelder für bessere Straßen, Kredite für kleine Läden, Schulungen für Gemüseanbau und Viehzucht und Behinderte könnten jetzt sogar auch zur Schule gehen – das alles hätten die Gruppen und die NGOs bewegt. Und er sei stolz darauf. Aber ist es nicht eigentlich die Aufgabe des Staates, sich um diese Dinge zu kümmern, frag ich. Er streicht seinen Bart, verlangt nach einem Tee und blickt mich dann gönnerhaft an. Wir sind hier in Bangladesch, sagt er dann gewichtig. Dieses Land sei nicht perfekt, aber es gäbe einen großen wirtschaftlichen Aufschwung, ein enormes Engagement der Regierung und viele Initiativen, die gerade den ländlichen Raum unterstützten. Es dauere halt nur manchmal ein bisschen…

Und dann kommt Rubels Vater zu mir. Er wohnt schon immer hier im Dorf, ist gehbehindert und ein Energiebündel, wenn es um die Belange von benachteiligten Menschen geht. Ja, gibt er zu, er habe sich vorher ganz genau überlegt, wie er die Decken am effektivsten verteilen kann. Denn es gehe längst nicht mehr nur darum, den Armen hier über die kalte Jahreszeit zu helfen. Es gehe darum, den Menschen zu zeigen, dass sie Rechte haben, dass sie diese einfordern können und dass das auch klappt, wenn man zusammenhält.

Dann ruft er seinen Sohn zu sich. Rubel ist schon größer als er, wirkt aber sofort kleiner als sein Vater ihm die Hand auf die Schulter legt. Sein Sohn sei sein Antrieb, sagt der. Denn Rubel soll lernen, dass man anständig und geachtet leben kann, obwohl man arm oder behindert ist. Jeder könne für die Gesellschaft wichtig sein. Man dürfe sich nur nicht einschüchtern lassen.

Es ist kein Pathos in seiner Stimme, als er das sagt. Aber man merkt, dass jedes Wort gut durchdacht ist, dass dieser Mann gelernt hat, seine Meinung zu sagen. Und als wir zusammen durchs Dorf gehen, merke ich, dass alle ihm mit Respekt begegnen. Alle bis auf zwei kleine Mädchen. Die strahlen diesen kleinen, kämpferischen Mann einfach nur ganz offen an…

Encounters in Gaibandha

Wie ein Schwamm sauge ich die Geschichten, Alltagsszenen und Erlebnisse auf, wenn ich in Bangladesch bin. Denn ich lerne so viel in diesem Land…Nützliches (wie Hausmittel gegen Durchfall), Beeindruckendes (was Menschen gegen alle Widrigkeiten leisten können) oder einfach nur Schönes. Und heute möchte ich einiges davon mit Euch teilen: Begegnungen in Gaibandha, im Norden von Bangladesch.

gaibandha Mädchen

Besonders faszinierend finde ich den Alltag von Kindern hier, denn obwohl Gaibandha zu den ärmsten Regionen von Bangladesch gehört, machen die Mädels und Jungs hier keinen unglücklichen Eindruck. Sie müssen zwar oft schon von klein auf mitarbeiten und manchmal ist die Arbeit auch bestimmt nicht leicht, aber sie haben auch viel mehr Freiheiten als zum Beispiel in der Hauptstadt Dhaka.

 

Dieser Junge zum Beispiel hat eine wichtige Funktion beim Fährbetrieb auf einem der großen Flüsse in Gaibandha, dem Tista. Sobald das Boot in die  Nähe des Ufers kommt springt er ins Wasser, zieht und schiebt es in die Anlegeposition und macht es mit einem Seil am Steg fest. Beim Ablegen muss er das Boot dagegen mit der Stocherstange in die tiefere Fahrrinne bringen, erst dann wird der Außenbordmotor angeworfen. Es sind nur wenige Cent, die er so am Tag verdient und für den kleinen Mann ist das körperlich zum Teil auch anstrengend. Trotzdem nimmt er seine Aufgabe sichtbar ernst und wirkt stolz, dass er seine Familie auch schon unterstützen kann.

 

Das Boot gehöre seinem Onkel. Der sei ein reicher Mann, sagt er…. Reich ist hier nämlich, wer ein Boot oder einen der flachen, langen Holzkähne besitzt. Denn in diesem Teil von Bangladesch ist ein Boot vor allem ein wichtiges Fortbewegungsmittel – immerhin sind weite Teile dieses Distrikts über Monate überflutet. Mich beeindruckt jedes Mal, was alles in so einen Kahn passt: Fünf Motorräder mit etwa 20 Leuten und großen Füttersäcken, das ist keine Seltenheit.

 

Oder die Boote werden zum Fischen benutzt und helfen, große Netze quer über den Fluss zu spannen. Und in Monsunzeiten werden sogar ganze Häuser damit transportiert: Die Seitenwände aus Bambus und Strohmatten sind dann fein säuberlich zerlegt und das riesige Wellblechdach wird in einem abenteuerlichen Balanceakt über das ganze Boot drapiert.  Auf jeden Fall verdient der Bootsbesitzer bei jedem Transport etwas. Besonders, wenn die Flüsse über die Ufer treten und zu reißenden Wassermassen werden – je größer die Notsituation, desto teurer die Bootsmiete!

Gaibandha Kinder im Fluss

In einem kleinen Dorf hab ich eine für mich neue Art des Dreschens entdeckt: Während bei uns das Getreide früher mit Dreschschlegeln bearbeitet wurde, um das Korn vom Stroh zu kriegen, schlagen diese jungen Männer die Reisbündel auf eine Art Tisch. Erst hab ich mich gewundert, dass kein großes Tuch oder ähnliches auf dem Boden ausgebreitet war….immerhin wäre es leichter gewesen, die Reiskörner nach dem Dreschen damit einzusammeln. Mittlerweile weiß ich aber, dass bei dem ‚Tisch‘ unter der Tisch-Platte eine Art Trog angebracht hat, in den die Reiskörner fallen.

Das Reisstroh wird danach vielfältig genutzt: Die Jungs mit dem Fahrrad zum Beispiel brauchten nur wenige Bündel, um ein Stalldach auszubessern. Ansonsten wird es als Vieh-Zusatzfutter oder Stalleinlage benutzt, manchmal zum Anfeuern oder aber es werden Strohmatten daraus geflochten.

 

Als ich den Heuwagen mit Zugtier gesehen hab, ist mir aufgefallen, dass es in Gaibandha relativ wenige Esel oder Mulis gibt. Wahrscheinlich sind die Tiere im Unterhalt für viele Familien doch zu teuer. Deshalb schleppen die Menschen hier selbst unhandliche oder schwere Lasten oft einfach selbst…

 

Aber an einer andere ‚Last‘ haben manche Menschen hier enorm schwer zu tragen: Behinderungen. Eigentlich sieht man in jedem Dorf Kinder und Erwachsene, die blind sind, hinken oder sogar ein Körperteil amputiert haben oder bei denen das Gesicht mit Hasenscharten oder ähnlichen Fehlbildungen verunstaltet ist. Mit einigen dieser Menschen hab ich gesprochen und mir ihre Geschichte erzählen lassen.

Da ist zum Beispiel die 16jährige Shantona, die jahrelang tagsüber allein Zuhause bleiben musste, weil blinde Kinder in der Dorfschule nicht aufgenommen werden. Aber das toughe Mädchen hat sich trotzdem selbst ‚gebildet‘, indem sie viel Radio gehört und so ihr Wissen, ihr Vokabular und ihre Aussprache geschult hat – mit dem Effekt, dass ihr Bangla bald weit besser war als das von anderen Kindern. Was wiederum einem Sozialarbeiter aufgefallen ist, der ihr einen Platz an einer Schule für Sehbehinderte samt einem Stipendium vermittelt hat.

Amirons Geschichte ist nicht ganz so ambitioniert: Sie ist nach einer Windpocken-Erkrankung erblindet, da war sie ein Jahr alt. Und schon früh hat die heute 38jährige die extreme Ausgrenzung erfahren, der man mit einer Behinderung in Bangladesch ausgesetzt ist – Arbeit wollte ihr zum Beispiel keiner geben. Sie hat sich mit Betteln durchgeschlagen, mehr schlecht als recht. Bis sie in das Hilfsprogramm der Christoffel-Blindenmission aufgenommen wurde. Betteln muss sie jetzt nicht mehr, denn sie züchtet jetzt Kühe. Damit ist auch ihr Status im Dorf ‚gestiegen‘ und sie darf jetzt auch auf den Feldern der Nachbarn mitarbeiten – gegen Bezahlung versteht sich.

 

Generell hab ich den Eindruck, dass sich allein in den vier Jahren, in denen ich immer wieder in Gaibandha unterwegs bin, schon einiges verändert hat. Eindeutig zum Besseren! Selbst auf dem Land, wo die Menschen meist wenig Schulbildung haben und eine Behinderung lange als Strafe Gottes für begangene Sünden gesehen wurde – selbst dort sehe ich immer öfter, wie Menschen mit Behinderung in einer Gruppe unterwegs sind, dazugehören oder sogar eine wichtige Position in ihrem Dorf einnehmen. Schaut Euch zum Beispiel mal dieses Bild an:

Bangladesch Reise 15-Harrys Foto

Foto: Harry Maskallis

Der Junge vorne rechts. Eine üble Fehlbildung, die mehr als offensichtlich ist. Trotzdem war er bei dieser Horde neugieriger Kids immer mit dabei, hat wie alle anderen auch mit uns gelacht, Quatsch gemacht und sich auch auf den Fotos nicht versteckt. Er hat offenbar seinen Platz unter Freunden gefunden – Für mich ein deutliches Zeichen, dass sich in Bangladesch doch was bewegt in Richtung Inklusion!

 

Non-ferrous life begins!

Wie waren die Bewohner von Char Charita Bari stolz als sie mich im vergangenen Jahr durch ihr Dorf führten… Neben jeder Hütte war ein kleiner Sanitärbereich mit Waschstelle, Dusche und Toilette. Luxus auf der Schwemmlandinsel, denn davor musste das Wasser im Fluss geholt werden. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, dass das ganze Plateau dieses Dorfes im Überschwemmungsgebiet komplett erhöht und mit Brunnen, Pumpen und Solarzellen ausgestattet wurde (mit Spenden von Clingenburg-Festival-Besuchern). [nachzulesen hier:  https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/08/08/against-all-odds/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/    yvonnekoch.wordpress.com/2017/01/26/after-the-big-flood-char-charita-bari/ ]

Aber schon bei der Besichtigung ist mir aufgefallen, dass das Wasser rote Schlieren hinterlässt. Es sei extrem eisenhaltig, hat man mir erklärt.

Char Charita Bari vor dem Filter

Erst als ich wieder Zuhause war, ist mir das ‚rote‘ Wasser wieder eingefallen. Eigentlich ist Eisen ja ein Mineral, das unser Körper braucht. Aber das Wasser in Char Charita Bari roch extrem metallisch und der Geschmack war auch nicht so lecker. Kann das wirklich noch gesund sein? Also hab ich recherchiert: „Für den Menschen ist Eisen ein lebensnotwendiges Mikroelement, denn es ist vor allem für den Sauerstofftransport des Hämoglobins – der roten Blutkörperchen – zuständig. Der Tagesbedarf für Männer liegt bei etwa 10 mg pro Tag, für Frauen ist er mit ca. 15 mg etwas höher. Werden diese Werte dauerhaft unterschritten führt dies zur Diagnose Eisenmangel. Eine Überdosierung wirkt sich ebenfalls schädlich auf die Gesundheit aus. Bei zu hoher Eisenaufnahme kann sich Eisen in der Leber anreichern und vielfältige Erkrankungen, sogenannte Siderosen, auslösen.“ Außerdem greift das eisenhaltige Wasser auf Dauer auch Leitungen an.

Das hat mich richtig geärgert! Da haben es die 11 Familien im Überschwemmungsgebiet endlich ein bisschen leichter, verlieren nicht jedes Jahr Vieh, Häuser und ihr Leben bei der Flut und sollen jetzt dafür unter diesem blöden Eisen leiden? Denn die ersten Auswirkungen spürten die Bewohner schon: Der 18jährigen Laboni juckt die Kopfhaut, Morgina (23) bemerkt bei der ganzen Familie rot verfärbte Zähne, Momina stellt fest, dass der Reis rötlich aussieht und irgendwie anders schmeckt und bei der 20jährigen Roksana wird das Curry schwarz. Außerdem schmeckt das Wasser schlecht, bei allen. Wobei….diese Beschwerden gelangten lange nicht zu mir. Auch die Hilfsorganisation  CDD, die die Dorferhöhung umgesetzt hat, erfährt davon nichts. Denn die Dorfbewohner wollten nicht undankbar sein, schämten sich, von ihren Problemen zu erzählen.

Aber seit wir wussten, wie schädlich zu viel Eisen im Wasser ist, haben wir lange nach einer Lösung gesucht. Klar gibt es dafür Verfahren, aber chemische kamen nicht in Frage, weil es sich ja nicht um das Wasser für einen Swimming-Pool handelt, sondern um Trinkwasser. Spezial-Filter, wie sie auf dem Markt sind, waren für alle Beteiligten zu teuer. Deshalb waren Gopal und ich soweit, selbst ein Filtersystem aus Sand, Kies und Kohlepartikel zu entwickeln – wenigstens theoretisch hatten wir uns das Basiswissen dafür draufgeschafft, es haperte nur noch an der Umsetzung.

Und dann kam uns der Zufall zu Hilfe: In einem Blog-Artikel von rosarotjulia (https://wordpress.com/read/blogs/117704312/posts/267), einem Bangladesch-Fan, las ich von einem Mann im Süden von Bangladesch, der mit einfachen Mitteln Filtersysteme für alle möglichen Schadstoffe im Wasser baut. Die Blog-Autorin vermittelte den Kontakt, Gopal verhandelte mit dem Filterspezialisten und jetzt stehen die tatsächlich in jedem Haus in Char Charita Bari. Aber seht selbst:

Preisgünstig, einfach und effizient sind diese Filter. Und dass sie einigen Platz in den  kleinen Hütten beanspruchen, nehmen die Dorfbewohner gerne in Kauf. Denn das Wasser ist jetzt wieder klar (siehe Titelbild), es schmeckt richtig lecker und der metallische Geruch ist auch weg. Laboni meint sogar, ihr Haar sei jetzt viel weicher und die Verfärbungen bei Reis, Zähnen, Curry oder Sonstigem sind auch weg. Den dreistöckigen Turm aus Plastikeimern findet der 34jährige Kamrul Hossain sogar richtig chic, denn mittlerweile kommen immer öfter Nachbarn vorbei, um sich das Filtersystem anzukucken: „Meine Frau ist total glücklich über das Ding und wir kümmern uns auch gut darum.“

karmul mit filter

Sunset in Gaibandha (english version)

(A very special friend asked me to make an english translation of this article….here it is! Thanks to Mike for his help)

I always stay at the same guest house in Gaibandha district. I like it very much here – not just for the excellent food, the clean rooms that even have a shower or the wi-fi connection. No, above all, I love the view from the small balconies. This view, especially at dusk – and immediately the last bit of tension melted away from me. Here I just feel incredibly well.

Gaibandha Blick aus Zimmer

Especially in winter there is a beautiful light in the evening. But enough talk, enjoy the pictures and I will try to deliver a little less text.

Okay, I this isn’t working … do you notice anything on the rice fields? Normally, soft, fresh green sprouts come out at this time of the year. But this time, many stalks have a rather reddish glow. This is due to the cold fog, which lies persistently for a long time over the fields. The reddish stalks are probably not usable, the rice would be virtually frozen. That, too, is an effect of climate change, people tell me. But I still get stuck on to the word ‚frozen‘ – is that even possible at temperatures of six degrees plus? Although, admittedly, for Bangladesh it is already veeeery cold.

When the tractor driver sees me, he immediately changes his driving behavior: he takes his mobile phone from his ear, puts his foot on the pedal and then the vehicle takes off. Chugging loudly, the tractor races towards an embankment, which has a height of about one and a half meters. Without braking, the tractor climbs the slope until it is almost vertical. Shortly before tipping, the harrow pulls up on the rear end and supports the tractor. The young man in the driver’s seat turns around briefly, waves triumphantly and then chugs off in the evening light.

I almost overlook the railway sleeper, which is embedded in the ground in front of me. Fiat 1959 is written on it. Have Italians laid this railway line here? At least the track is shut down now, I hope. Because at the moment it is diverted from its intentional use, which one can see quite clearly.

A few steps further there the tracks continue. And suddenly they start to vibrate and there is a strange rumbling sound.

The train is not fast. The passengers have enough time to wave at the inquisitive European and even to call Valo theko – take care.

As soon as the train has passed, I hear shouts again. This time, it’s from children playing in the fields next to Nissen huts. I wave, take snapshots and smile – posing guys seem to be a pretty international phenomenon.

It is different with the faces of older people. Especially in Bangladesh, I often find these ones incredibly interesting …

Sunset in Gaibandha

Es ist immer dasselbe Guesthouse, in dem ich im district Gaibandha übernachte. Ich mag es sehr hier – nicht nur wegen des hervorragenden Essens, den sauberen Zimmern, die sogar eine Dusche haben oder dem WLAN-Anschluss. Nein vor allem liebe ich den Blick von den kleinen Balkonen. Dieser Blick besonders bei Dämmerung – da fällt auch das letzte bisschen Anspannung sofort von mir ab. Hier fühl ich mich einfach unglaublich wohl.

Gaibandha Blick aus Zimmer

Besonders im Winter ist hier abends ein wunderschönes Licht. Aber was red ich, genießt die Bilder und ich versuch mal, diesmal etwas weniger Text zu liefern 😉

Okay, klappt nicht ganz… Fällt Euch an den Reisfeldern was auf? Normalerweise sprießt um diese Jahreszeit ein zartes, frisches Grün. Diesmal haben viele Halme aber einen eher rötlichen Schimmer. Das sei durch den kalten Nebel, der in diesem Jahr besonders zäh und lange über den Feldern hänge. Die rötlichen Halme seien wahrscheinlich alle nicht mehr nutzbar, der Reis quasi erfroren. Auch das sei eine Auswirkung des Klimawandels, sagt man mir. Aber ich häng immer noch an dem Wort ‚erfroren‘ – geht das überhaupt bei Temperaturen von plus sechs Grad? Auch wenn das zugegebenermaßen für Bangladesch schon seeeehr kalt ist.

Als der Traktorfahrer mich sieht, verändert er sein Fahrverhalten sofort: das Handy kommt vom Ohr, der Fuß aufs Pedal und dann startet das Gefährt durch. Laut tuckernd rast der Traktor auf eine Böschung zu, die ist etwa anderthalb Meter hoch. Ohne zu bremsen erklimmt dieser die Böschung bis er fast senkrecht steht. Kurz vor dem Kippen fährt die Egge am Hinterteil nach oben und stützt den Traktor ab. Der junge Mann auf dem Fahrersitz dreht sich kurz zu uns um, winkt triumphierend und tuckert dann im Abendlicht davon.

Fast hätte ich ob dieser artistischen Einlage die Bahnschwelle übersehen, die vor mir im Boden eingelassen ist. Fiat 1959 steht da drauf.  Haben etwa Italiener die Bahnlinie hier verlegt? Jetzt ist die Strecke jedenfalls stillgelegt. Hoff ich. Denn im Moment wird sie sichtbar zweckentfremdet.

Ein paar Schritte weiter wieder Schienen. Und die vibrieren plötzlich und ein seltsames, Rumpeln ist zu hören.

Schnell ist der Zug nicht. Die Passagiere haben genug Zeit, der neugierigen Europäerin zu winken und sogar ein ‚Valo theko – Mach’s gut‘ zuzurufen.

Kaum ist der Zug vorbei, hör ich wieder Rufe. Diesmal sind es Kinder, die auf den Feldern neben Wellblechhütten spielen. Ich winke, knipse und grinse – posende Jungs scheinen ein ziemlich internationales Phänomen zu sein.

Anders ist es mit den Gesichtern von älteren Menschen. Die find ich speziell in Bangladesch oft einfach unglaublich interessant…

The dancing goat

Nach Gaibandha zu kommen ist immer ein bisschen wie heimkommen. Denn dieser Distrikt im Norden von Bangladesch liegt mir besonders am Herzen. Nicht nur, weil diese Gegend als die ärmste im Land gilt oder weil es hier jedes Jahr zu verheerenden Überschwemmungen kommt, sondern weil ich die Menschen dort grenzenlos bewundere: Sie leben mit und gegen die zahlreichen Flüsse, die sich wie Adern durch das Land ziehen. Und obwohl diese Ströme während der Monsunzeit ihnen fast jährlich Ernten zerstören, Häuser und Felder wegreißen und sogar Todesopfer fordern, bauen die Menschen in Gaibandha jedes Jahr wieder alles auf. Nicht weil sie dumm sind, sondern so bettelarm, dass sie oft keine Alternativen haben. Und trotzdem sind die Menschen in Gaibandha freundlich und offen und strahlen eine besondere Gelassenheit aus, eine innere Harmonie.

Gaibandha impressions4.jpg

Lange hab ich gedacht, dass ich die Gegend aus irgendeinem Grund romantisiere und mit einem sentimentalen Weichzeichner sehe. Aber mittlerweile hab ich auch andere Europäer dorthin gelotst und auch Einheimische aus anderen Regionen von Bangladesch … und auch sie hatten das Gefühl, dass dort alles von ihnen abfällt, entschleunigt und sich etwas Warmes, Harmonisches in ihnen breit macht.

Kurz, ich komm gern nach Gaibandha. Und nach und nach, lerne ich auch die kleinen Freuden kennen, denen vor allem die Kinder gerne nachgehen. Mitten im Dorf ist zum Beispiel eigentlich immer ein kleiner Weiher, der sogenannte pukur. Hier wird gebadet, gewaschen und oft auch noch in einem Eck Wassergemüse angebaut. Oder aber, der Uferbereich des Weihers wird als Spielwiese genutzt:

Es ist eine Art Fangen, das die Kinder hier spielen, offenbar auf mehreren Ebenen, aber da bin ich nicht ganz sicher. Auf jeden Fall spielen Mädchen und Jungen hier zusammen – was nicht selbstverständlich ist.

Als die Kids bemerken, dass ich mich für ihre Spiele interessiere, versuchen sie mir einige zu erklären….

bei Kazol (74)

Aber weil sie schnell merken, dass mein Bangla dafür bei weitem nicht reicht, ziehen sie mich einfach mit. Zu einem Platz am Flussufer, außerhalb des Dorfs. Zwei Gruppen werden gebildet, Schuhe als Markierungen ausgelegt – ich denke, sie sollen eine Art Torpfosten darstellen. Ein Junge nähert sich der Schuhmarkierung der anderen Mannschaft. Und dann geht alles sehr schnell:

Die genauen Regeln hab ich nicht kapiert, aber es geht um Geschicklichkeit und Schnelligkeit, das konnte ich sehen.

Mädchen machen bei diesem Spiel nicht mit. Nur eins stand am Rand und kuckte verschüchtert zu.

schulmädchen

Offenbar kam sie gerade aus der Schule. Einer der größeren Jungs erklärt mir in holprigem Englisch, dass sie einen besonders weiten Schulweg habe. Er deutet auf eine Erhebung auf der anderen Seite des Flusses. Ihr Dorf sei etwa eine Stunde Fußweg vom Flussufer entfernt. Insgesamt brauche sei fast zwei Stunden zur Schule – und natürlich auch so lange wieder zurück. Sie komme überhaupt nur während der Trockenzeit zum Unterricht, denn sobald der Monsun einsetzt, sei es zu gefährlich, der Fluss zu reißend.

Jetzt aber liegt der Fluss ganz ruhig da. Ein Fischer steht am Ufer. Geduldig zieht er immer wieder sein Schwenk-Netz durch das Wasser. In der Hoffnung, wenigstens ein paar kleine Fische zu fangen.

Mein Name wird gerufen. Ob ich schon mal eine tanzende Ziege gesehen hätte? Hab ich nicht. Und deshalb ziehen wir alle im Pulk zum Haus eines hochgeschossenen Jungen, der stolz seine kleine, schwarze Ziege präsentiert. Er habe sie dressiert, erklärt er und wird ein bisschen rot. Sie sei sein bester Freund und begleite ihn manchmal sogar zur Schule. Alle lachen. Und dann beweist mir der Teenager, dass in Gaibandha sogar die Ziegen tanzen:

Harmonic mornings

In den ländlichen Gegenden von Bangladesch, weit ab von den großen Städten, hört man vor allem nachts sehr ungewöhnliche Geräusche: Diese lautliche Mischung aus knarrender Tür und schepperndem Kichern zum Beispiel, die mich im nördlichen Distrikt Gaibandha in den ersten Nächten vom Schlaf abhielt. Nach und nach hab ich Geckos als Quelle für diese Laute enttarnt, die entweder stoisch an der Wand hängen oder in einem Affenzahn durch die kleinsten Ritzen schlüpfen. (Echsenzahn wär wahrscheinlich das bessere Wort…aber haben Echsen Zähne?)

Dann ist da noch dieses Pfeifen, hoch, relativ schrill und oft vielstimmig. Ich vermute, dass das von den unzähligen kleinen Vögeln kommt, die in den Büschen und Bäumen nisten. Aber die Recherche dazu ist noch nicht abgeschlossen.

Weniger mysteriös ist dagegen dieser hohe, fiese Ton, den die auch in Deutschland bekannte geflügelte Folter-Pikse macht, besser bekannt unter dem Namen ‚Moskito‘. Auch die Kakophonie der Straßenköter nachts ist zwar etwas ungewöhnlich, aber leicht einzuordnen.

Das wollte mir aber bei dem Geräusch absolut nicht gelingen, mit dem ich im GUK guesthouse in Gaibandha morgens geweckt wurde: rhythmisch klang es, etwas quäkig und vor allem konnte ich nicht hören, aus welcher Richtung es kam. Vielleicht von hinten? Von den Feldern rund um das guesthouse?

Vom kleinen Balkon aus hab ich zwar einen guten Blick, aber außer dem Radfahrer im Nebel und der vom Hund verfolgten Frau seh ich Linkerhand nichts, was das Geräusch machen könnte. Es wabert aber immer noch durch die Morgenluft. Wie der Nebel, nicht greifbar…Rechts seh ich einen bunten Fleck an einem Weiher, aber es dauert etwas, bis ich erkenne, was es ist.

 

Da wäscht eine Frau Wäsche. Aber von dem Plätschern und Klatschen, das das Reinigungsritual normalerweise macht, kann ich nichts hören – also kommt das Geräusch wohl doch vom Innenhof des guesthouses. Mist. Dann muss ich mich doch erstmal richtig anziehen, bevor ich weiter forschen kann.

Kaum hab ich die Tür zum Zimmer auf, wird das Geräusch konkreter: Es könnte sowas wie Musik sein….auch Stimmen sind zu hören. Viele Stimmen. Gesang! Ja, tatsächlich. Da steht eine ganze Gruppe von Menschen im Hof, kreisförmig…und sie singen.

 

Und jetzt erkenn ich auch die Melodie: Es ist die Nationalhymne von Bangladesch, die die gesamte Belegschaft des guesthouses mit Inbrunst von sich gibt. Und das rhythmische, quäkende Geräusch kommt von dem Instrument, um das sich alle gruppieren. Ein Harmonium.

Ich seh dieses Instrument hier in Bangladesch zum allerersten Mal. Dabei kommt es ursprünglich aus Deutschland, sagt Wikipedia – dort wurde es 1810 von Bernhard Eschenbach erstmals gebaut. Und jetzt dient es hier, über 7000 Kilometer entfernt, für den Morgenappell einer Hilfsorganisation. 😉

Mission accomplished – this time

Auch in diesem Jahr gab es wieder heftige Überschwemmungen in Bangladesch: Springfluten nach einem Hurrikan im Juni und Extrempegel während der Regenzeit. Zyniker könnten jetzt sagen: Tja, das ist man in Bangladesch ja schon gewohnt…

Tatsächlich merken die Menschen in diesem flussreichen Land schon seit Jahren, dass die Natur sich verändert, dass die Stürme häufiger werden und die Überschwemmungen heftiger und länger. Aber anders als in europäischen Ländern können sich die Bangladeshi so gut wie gar nicht dagegen schützen. Und die Wassermassen treffen vor allem die Ärmsten in der Bevölkerung

Ich stell mir das schrecklich vor: Man sieht, wie das Wasser steigt, versucht mit Sandsäcken und kleinen Kanälen, das Wasser vom Haus weg zu halten und hofft bis zuletzt, dass wenigstens diesmal das Haus, das Vieh und die Äcker verschont bleiben

Das kann über Wochen gehen. Wochen in denen das Brunnenwasser verschmutzt wird, die Vorräte verschimmeln, das Vieh und womöglich die Kinder krank werden und vielleicht sogar die Häuser einstürzen.

Auch die Bewohner von Char Charita Bari kennen diese Situation. Denn ihr Dorf ist auf einer Schwemmlandinsel gebaut, mitten im Fluss. Das heißt, wenn das Wasser kommt, kommt es gleich von allen Seiten. Aber in diesem Jahr hatten die rund 60 Bewohner Hoffnung! Immerhin war das komplette Dorf ja erhöht worden und damit über einen Meter über dem zuletzt gemessenenen Höchst-Pegel von 2014. Aber dann kamen die Fluten, mit der Monsunzeit stieg das Wasser höher und höher. Sogar noch höher als 2014. Und Laily, Muslem Ali und all die anderen, die ich bei der Reise im November kennengelernt hatte, wurde es ziemlich mulmig – war die Aufschüttung hoch genug? Wird die festgestampfte und mühsam bepflanzte Erde den Fluten widerstehen?

Sie mussten mit ansehen, wie das Wasser in angrenzenden Dörfern stieg und erst den Dorfplatz, die Viehställe und dann auch die Häuser erreichte

Irgendwann gaben die Dorfbewohner der umliegenden Dörfer auf und versuchten, sich selbst, ihr Vieh und die Vorräte in Sicherheit zu bringen. In Char Charita Bari durften sie ihr Vieh unterstellen…denn das kleine Dorf lag immer noch etwa 30 cm über dem Pegel.

Auf dem rechten Bild seht ihr, wie knapp das Dorf vor der Überflutung ist….bzw. war. Denn mittlerweile ist das Wasser zurückgegangen und die Dorfbewohner höchstwahrscheinlich für dieses Jahr verschont geblieben.

Ungefähr 30 cm, etwas mehr als eine Lineallänge –  das klingt für mich so lächerlich wenig. Aber diese 30 cm haben gereicht, um den Dorfbewohnern von Char Charita Bari zu helfen. Ihr Viehfutter ist verschont geblieben (1. Bild), der Gemüsegarten noch intakt (2. Bild) und die 10 Familien auf dieser Schwemmlandinsel (3. Bild, an der Rampe) haben auch keinen Verdienstausfall. Diesmal.

Für wie lange, weiß ich allerdings nicht. Denn die Menschen in Bangladesch können weder den Klimawandel beeinflussen, noch die politisch-ökonomischen Umstände (Indien leitet zum Beispiel immer wieder den Ganges um, um Zentralindien zu bewässern – dadurch fehlt in Bangladesch in Trockenzeiten dieses Wasser. Während der Regenzeit wird das Wasser dann von Indien aber wieder nach Bangladesch geleitet, was die Monsun-Auswirkungen verstärkt).

Trotzdem versuche ich mir die Bangla-Mentalität zu eigen zu machen, das Hier und Jetzt zu genießen – Und mich einfach nur zu freuen, dass rund 60 Menschen im Norden von Bangladesch dank der Hilfe von deutschen Spendern (Besucher der Klingenburgfestspiele 2015) und einer mutigen Idee der Hilfsorganisation CDD trocken geblieben sind!

Dhonnobad, danke!

CCB Dorfbewohner neu

Foto: Subir Kumar Saha, CDD

 

 

 

 

Against all odds

Ein Dorf auf einer Schwemmlandinsel mitten im Fluss Tista….bei jeder Flut müssen die Bewohner um ihr Leben fürchten – Erinnert Ihr Euch? Ich hatte im November von diesem Dorf im Distrikt Gaibandha erzählt (siehe https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/). Es heißt Char Charita Bari und es wurde von deutschen Spendern für ein ungewöhnliches Projekt ausgewählt: Das komplette Dorf sollte höher gelegt werden.

Tatsächlich haben sich die zehn Familien des Dorfes gleich an die Arbeit gemacht. Unter der Anleitung einer örtlichen Hilfsorganisation wurden erst die Hütten abgebaut. (Was übrigens nicht so schwierig ist, weil die Bewohner schon immer flexibel sein mussten und die Wellblech- und Bambushütten für ein gewisses ‚Normadentum‘ angelegt sind).

Dann haben die Bewohner und Anwohner aus den anderen Dörfern Erde von einem ehemaligen Reisfeld abgetragen und zwar händisch, das heißt, die lehmige Erde wurde mit Schaufeln ausgestochen, in Körbe gefüllt und dann auf den Dorfplatz getragen.

Für diese Arbeit wurden alle Arbeiter bezahlt (auch das war im Spendenprojekt mit eingeplant), damit die Dorfbewohner einen Ausgleich hatten – immerhin konnten sie in der Zeit ihre eigenen Felder nicht bestellen. Weil aber die Arbeit nicht schnell genug voran ging und die Erde aus dem vorgesehenen Feld nicht reichte, grub letztlich doch ein Bagger Baumaterial aus dem Flussbett aus. Nach und nach wurde so die Dorfplatform samt einigen Anbauflächen auf über einen Meter über dem höchsten bisherigen Flutpegel aufgeschüttet. Dann ging es an den Wiederaufbau der Häuser.

 

Jedes Haus wurde auf einen kleinen Sockel gesetzt und bekam einen Wasseranschluss. Wobei das natürlich kein fließendes Wasser aus dem Wasserhahn im Badezimmer bedeutet, wie in unseren Häusern. Sondern, dass vor dem Haus eine Wasserstelle mit Handpumpe zu einem Brunnen installiert wurde. Ach ja und mehrere Außen-Toiletten getrennt nach Männlein und Weiblein gibt es jetzt natürlich auch.

Rechtzeitig vor dem Einsetzen des Monsuns im Juni konnte so das komplette Dorf höher gelegt werden, hatte saubere Wasserstellen, hygienische Toiletten und einen Wasserspeicher – und: das komplette Dorf ist jetzt barrierefrei, sodass alte oder behinderte Menschen problemlos kochen, waschen oder aufs Klo können. Außerdem haben die Dorfbewohner die Uferböschung mit speziellem Gras bepflanzt, dass schnell dichtes Wurzelgeflecht bildet, sodass die Aufschüttung Halt bekommt.

Mittlerweile haben die rund 60 Menschen in Char Charita Bari sich schon bestens eingelebt auf ihrem Hochplateau mitten im Fluß. Sie sind stolz auf das, was sie geleistet haben und dankbar…denn sie wissen, dass ohne die Spendengelder aus Deutschland diese Erhöhung nicht möglich gewesen wäre.

Der nächsten Flut sehen alle Dorfbewohner ziemlich selbstbewußt entgegen – aber noch ist nicht sicher, ob die aufgeschüttete Schwemmland-Platform halten wird….