After the big flood – Char Charita Bari

Ich hab hier ja schon mehrmals über ein kleines Dorf im Norden von Bangladesch berichtet: Char Charita Bari heißt es und liegt auf einer Schwemmlandinsel im Distrikt Gaibandha. (siehe: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/08/08/against-all-odds/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/  )

Das komplette Dorf wurde mit Geld aus einer Spendenaktion der Clingenburg Festspiele (Franken) erhöht – konkret heißt das, die Dorfbewohner haben Erde aus dem Fluss und von Anbauflächen abgetragen und händisch auf das Dorfplateau aufgeschichtet. Dann wurde es festgestampft, geebnet und die Hauser samt Solaranlage, Toiletten und Brunnen wieder aufgebaut. Soviel zur Vorgeschichte.

Natürlich war ich neugierig, wie es den Dorfbewohnern jetzt geht, von denen ich zwar wusste, dass sie im vergangenen Jahr trocken geblieben sind, aber nicht, was genau während und nach der Flut passiert ist.

Schon als wir uns mit den Motorrädern dem Dorf nähern, sehe ich eine Veränderung:

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Foto: Yvonne Koch

Über einen Arm des Tista führt jetzt eine Brücke, eine niegelnagelneue. Beim letzten Mal habe uns hier noch Jungs aus dem Dorf mit dem Kahn übergesetzt… Und statt des Trampelpfads zum Dorf, führt jetzt eine lange Rampe auf den zentralen Platz

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Foto: Yvonne Koch

Dort steht ein kleiner Holztisch, mit Tischdecke und Blumenvase, drumherum einige Plastikstühle und alle Dorfbewohner sind hier versammelt. Sie sind sichtlich aufgeregt, besonders die Kinder tuscheln und hippeln herum, als ob gleich was Besonderes passiert. Und das tut es tatsächlich:

Ein junges Mädchen kommt auf mich zu, wahrscheinlich um die zwölf Jahre alt, in der Hand eine Blumenkette. Ganz langsam und feierlich legt sie sie mir um den Hals, dreht sich halb und lächelt in die vielen Kameras und Handylinsen, die jetzt plötzlich alle gleichzeitig losknipsen. Ich bin total gerührt….was für ein Empfang…und erst als dann noch ein kleines Mädchen mit einem lustigen grünen Klämmerchen im kurzen Haar mir noch eine Blumenkette umhängt, hab ich mich wieder einigermaßen unter Kontrolle. Auch Broja Gopal Saha bekommt einen Kranz – und er hat ihn auch wirklich verdient: Denn er vertritt hier die bengalische Hilfsorganisation Centre for Disability in Development (CDD), also die NGO, die die Idee zur Dorferhöhung hatte und sie vor Ort umgesetzt hat.

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Foto: Yvonne Koch

Wieder sind es Frauen, mit denen ich ins Gespräch komme – eine Besonderheit, die mir schon beim letzten Besuch aufgefallen ist. Die Frau in rot heißt Morcina Kathon, verrät sie mir, nicht aber ihr Alter – das solle ich schätzen. Sie hat was Spitzbübisches, ein offenes Lachen….33 schätze ich spontan…und sie fängt an zu kichern. Tatsächlich wisse sie ihr genaues Alter gar nicht, aber wahrscheinlich sei sie so um die 40. Die junge Frau in rosa wirkt deutlich schüchterner. Sie heiße Sabina (gesprochen: Schobina), 23 Jahre alt, sagt sie leise, dann schlägt sie die Augen nieder als ob sie selbst erstaunt ist über den Mut, mit mir zu sprechen.

Soweit ich weiß, war das Dorf zwar das einzige in der Gegend, dass bei der letzten Flut nicht überschwemmt wurde, aber trotzdem war es knapp: Nur etwa 30 Zentimeter trennten die Dorfbewohner vom höchsten Pegel. Ob sie während der Flut Angst gehabt hätten, dass das Wasser doch wieder alles mitreiße, frage ich Morcina. Nein, nie, ist die spontane Antwort. Sie alle seien sicher gewesen, Allah würde es niemals zulassen, dass all die Arbeit, all die Bemühung so vieler Menschen, umsonst gewesen seien. Ich bin platt über so viel Gottvertrauen, aber auch ein bisschen erschreckt. Denn es ist durchaus möglich, dass die nächste oder übernächste Monsunzeit das Wasser noch höher steigen lässt und dann selbst dieses erhöhte Dorf nicht hoch genug ist.

Auf diesen beiden Fotos wird nochmal deutlich, wie hoch das Wasser stand: Der Mann auf dem linken Bild steht au f der Höhe des letzten Pegels (die Füsse links am Bildrand stehen auf der jetztigen Dorfebene) und rechts sieht man, wieviel höher das Dorf jetzt über der Ebene ist. Das verdorrte Gewölle an der Böschung ist übrigens ein spezielles Gras, mit dem die Dorfbewohner das aufgeschüttete Gelände bepflanzt haben. Dieses Gras bildet ein besonders dichtes Wurzelgeflecht und die Dorfbewohner waren überzeugt, dass nur durch diese Bepflanzung die Erde nicht ins Rutschen kommen würde – und diese Idee hat sich bei der letzten Flut tatsächlich bewährt!

Der CDD Repräsentant Gopal verkündet den Dorfbewohnern noch eine gute Nachricht: Ihr Dorf ist zum Model-Projekt geworden. Denn hier wurde nicht nur ein Spendentopf ausgekippt und den Menschen etwas vor die Nase gesetzt, von dem andere denken, es wäre zu ihrem Besten. In Char Charita Bari konnten und mussten die Dorfbewohner aktiv mithelfen. Sie haben selbst die Erde am Fluss ab- und auf das neue Plateau aufgetragen, haben mitentschieden, wie ihr Dorf danach wieder aufgebaut wurde. Zum Beispiel haben sie sich gegen eine Solarpumpe für den Brunnen und eine zentrale Toilettenanlage entschieden und stattdessen lieber Sanitäranlagen für jedes Haus extra gebaut. Und genau dieses Konzept macht jetzt Furore: Sieben andere Dörfer sollen nach dem selben Prinzip erhöht werden – vorausgesetzt die Gelder sind dafür da. Außerdem reisen mittlerweile auch Interessierte aus anderen Distrikten und sogar aus dem Ausland an, um sich das Projekt vor Ort anzuschauen.

Als ich die beiden Frauen frage, welche Tipps sie für diese neuen Projekte hätten, was man noch verbessern könne, ergreift nochmal Morcina das Wort: „Es muss nichts verbessert werden! Uns ging es noch nie so gut, wir haben die Flut ohne jeden Verlust überlebt, wir konnten Anderen Schutz bieten, unsere Nachbarn mit Essen versorgen, haben Reis und Gemüse im Überfluss und all unsere Tiere haben Nachwuchs – Wir sind jetzt reich!“

Wieder hab ich einen Kloß im Hals…Sabina merkt das und bietet an, mich durch das Dorf zu führen.

Ich kriege die Wassertanks gezeigt, in die das Wasser gepumpt wird, dass für die Dusche und das Klo gebraucht wird, die behindertengerechte Wasserstelle und die Solarpanel auf den Dächern, mit denen jetzt jedes Haus drei Lampen betreiben kann – eine im Bad, eine in der Küche und eine im Wohnzimmer.

Und mein Blumenmädchen zieht mich in seine Hütte, weil sie mir zeigen will, dass sie jetzt endlich nach der Schule und der Arbeit, ihre Schulaufgaben machen kann – denn jetzt ist in der Hütte genug Licht.

 

Nochmehr beeindruckt mich aber bei dem Rundgang durchs Dorf, wie ordentlich jetzt alles ist, jedes Tier, jedes Werkzeug hat seinen Platz – als ob die Bewohner diesen Ort besonders pflegen und hegen.

Und dann zeigen mir die Dorfbewohner noch, dass man manchmal mit einem old-school-Gerät beste Qualität erzeugen kann:

Mit dieser Wipp-Vorrichtung brechen die Frauen die Reiskörner aus den Spelzen: Eine tritt  in regelmäßigem Rhythmus auf den kurzen Hebel, dadurch hebt und senkt sich die Wippe im Takt. Und die andere Frau schiebt die Körner immer wieder in die Kuhle. Wobei sie höllisch aufpassen muss, dass ihre Hand nicht dazwischen ist.

Mit den so ‚geschälten‘ Reiskörner verdienen die Familien weit mehr als mit dem von Maschinen bearbeiteten Reis. Es ist mehr Arbeit, aber weil die Männer jetzt im Dorf bleiben können, dort die Landwirtschaft übernehmen, haben die Frauen Zeit für diese Qualitätsarbeit – ein Gewinn für alle.

Übrigens hab ich auch Laily wieder getroffen, die Frau, die ich beim letzten Mal für so eine Art Dorfvorsteherin gehalten habe. Das ist sie nicht. Laily lebt nicht einmal in dem erhöhten Dorf, sondern etwa 150 Meter entfernt. Sie kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, drückt mich fest und hat Tränen in den Augen, als sie mich wieder loslässt. Wir müssten unbedingt auch ihr Haus besuchen, wir dürften nicht ablehnen.

Sie ist sichtbar stolz auf ihr Haus, das deutlich besser ausgestattet ist, als das der Dorfbewohner von Char Charita Bari: Ein mit Schnitzereien verzierter Holzschrank ist das Punkstück hier. Darin reichverziertes Geschirr, kleine Figürchen, Kunstblumen. Dieser Repräsentier-Schrank steht auf Ziegeln, schwebt also quasi über dem Boden. Denn so hoch stand das Wasser bei der letzen Flut. War das nicht hart zu sehen, dass hier das Wasser stand während die Nachbarn nebenan davon verschont waren? Unangenehm war es, ja. Aber neidisch auf die Nachbarn sei sie nicht gewesen. Die hätten ihr ja so viel geholfen, sie konnte ihr Vieh nebenan unterstellen.

Auf dem Rückweg frage ich Gopal, warum Lailys Haus nicht einfach auch mit erhöht wurde. „Du hast vielleicht gesehen, dass sie nicht zu den Ärmsten gehört“, sagt er. „Wir wollen den Bedürftigsten helfen, den Gebrechlichen und Behinderten – alle anderen können das erhöhte Dorf als Vorbild nehmen und ihre Häuser, ihr Land selbst erhöhen. Die Dorfbewohner haben Laily dafür auch Hilfe angeboten“.

Wir können nicht allen helfen – das wird mir wieder mal klar. Aber ich habe den Eindruck, dass man schon viel bewegen kann, wenn man andere Lösungen und Sichtweisen aufzeigt.

 

 

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Against all odds

Ein Dorf auf einer Schwemmlandinsel mitten im Fluss Tista….bei jeder Flut müssen die Bewohner um ihr Leben fürchten – Erinnert Ihr Euch? Ich hatte im November von diesem Dorf im Distrikt Gaibandha erzählt (siehe https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/). Es heißt Char Charita Bari und es wurde von deutschen Spendern für ein ungewöhnliches Projekt ausgewählt: Das komplette Dorf sollte höher gelegt werden.

Tatsächlich haben sich die zehn Familien des Dorfes gleich an die Arbeit gemacht. Unter der Anleitung einer örtlichen Hilfsorganisation wurden erst die Hütten abgebaut. (Was übrigens nicht so schwierig ist, weil die Bewohner schon immer flexibel sein mussten und die Wellblech- und Bambushütten für ein gewisses ‚Normadentum‘ angelegt sind).

Dann haben die Bewohner und Anwohner aus den anderen Dörfern Erde von einem ehemaligen Reisfeld abgetragen und zwar händisch, das heißt, die lehmige Erde wurde mit Schaufeln ausgestochen, in Körbe gefüllt und dann auf den Dorfplatz getragen.

Für diese Arbeit wurden alle Arbeiter bezahlt (auch das war im Spendenprojekt mit eingeplant), damit die Dorfbewohner einen Ausgleich hatten – immerhin konnten sie in der Zeit ihre eigenen Felder nicht bestellen. Weil aber die Arbeit nicht schnell genug voran ging und die Erde aus dem vorgesehenen Feld nicht reichte, grub letztlich doch ein Bagger Baumaterial aus dem Flussbett aus. Nach und nach wurde so die Dorfplatform samt einigen Anbauflächen auf über einen Meter über dem höchsten bisherigen Flutpegel aufgeschüttet. Dann ging es an den Wiederaufbau der Häuser.

 

Jedes Haus wurde auf einen kleinen Sockel gesetzt und bekam einen Wasseranschluss. Wobei das natürlich kein fließendes Wasser aus dem Wasserhahn im Badezimmer bedeutet, wie in unseren Häusern. Sondern, dass vor dem Haus eine Wasserstelle mit Handpumpe zu einem Brunnen installiert wurde. Ach ja und mehrere Außen-Toiletten getrennt nach Männlein und Weiblein gibt es jetzt natürlich auch.

Rechtzeitig vor dem Einsetzen des Monsuns im Juni konnte so das komplette Dorf höher gelegt werden, hatte saubere Wasserstellen, hygienische Toiletten und einen Wasserspeicher – und: das komplette Dorf ist jetzt barrierefrei, sodass alte oder behinderte Menschen problemlos kochen, waschen oder aufs Klo können. Außerdem haben die Dorfbewohner die Uferböschung mit speziellem Gras bepflanzt, dass schnell dichtes Wurzelgeflecht bildet, sodass die Aufschüttung Halt bekommt.

Mittlerweile haben die rund 60 Menschen in Char Charita Bari sich schon bestens eingelebt auf ihrem Hochplateau mitten im Fluß. Sie sind stolz auf das, was sie geleistet haben und dankbar…denn sie wissen, dass ohne die Spendengelder aus Deutschland diese Erhöhung nicht möglich gewesen wäre.

Der nächsten Flut sehen alle Dorfbewohner ziemlich selbstbewußt entgegen – aber noch ist nicht sicher, ob die aufgeschüttete Schwemmland-Platform halten wird….

A difficult decision

Die Anreise zum zweiten Dorf ist fast noch abenteuerlicher als die erste: Mit dem Motorrad geht es zum Teil über lange sandige Strecken, bei denen die Räder immer wieder abrutschen oder durchdrehen.

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Foto: Harry Maskallis

Dann wieder durch schlammige Pfützen oder sogar kleine Flüsse, die ganz plötzlich auch tiefere Stellen aufweisen. Deshalb steigen wir sicherheitshalber vom Motorrad, krempeln die Hosen hoch und waten durch das Wasser. Es ist etwas kühler als die Lufttemperatur, ziemlich angenehm und ich merke, wie sich wieder dieses komische Gefühl einstellt…entspannt-entschleunigt-harmonisch…genau hier und genau jetzt bin ich richtig!

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Foto: Harry Maskallis

Aber es geht weiter! Und der nächste Fluss hat noch erstaunlich viel Wasser, jedenfalls zu viel, um durchzulaufen. Deshalb werden jetzt alle fünf Motorräder auf den kleinen Kahn geladen. Und wir haben tatsächlich trotzdem auch noch Platz.

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Foto: Harry Maskallis

Irgendwann kommen wir dann am zweiten Projekt-Dorf an. Die Bewohner wohnen erst seit etwa einem Jahr hier, denn nach der letzten großen Flut im vergangenen Jahr ist ihr eigentliches Dorf regelrecht abgesoffen – von der Schwemmlandinsel auf der es stand ist heute nichts mehr zu sehen. Auch hier werden wir sofort von vielen Menschen umringt, dieses Dorf scheint deutlich mehr Bewohner zu haben als das letzte….aber irgendetwas ist anders, etwas, das ich erst noch nicht greifen kann…

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Foto: Harry Maskallis

Gopal, unser Begleiter der örtlichen Hilforganisation, schreitet mit uns genau den Bereich ab, der in diesem Dorf höher gelegt werden soll. Es ist ein deutlich größeres Gebiet, aber die Dorfältesten scheinen sich nicht so ganz einig zu sein, wo genau die Grenzen verlaufen sollen. Auch darüber, um wieviel Fuss das Dorf letztendlich angehoben werden soll, herrscht keine Einigkeit. Ein Mann mit weißem Bart und weißem Nachthemd – Verzeihung – traditionellen Gewand, zeigt immer wieder auf eine Schlammspur an der Wellblechhütte, vor der wir stehen. So hoch wäre das Wasser gestanden, behauptet er und die Markierung geht ihm dabei fast bis zur Brust. Ein jüngerer Mann widerspricht, das Wasser sei zwar bis zu der Markierung gestanden, aber die Hütte sei ja nachträglich auf einen Betonsockel gestellt worden und den müsse man ja wieder abziehen. Plötzlich reden alle durcheinander, jeder scheint es besser zu wissen und erst als Gopal sich etwas entnervt abwendet, eilen die Männer dienstbeflissen hinterher.

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Foto: Harry Maskallis

Wir suchen einen Schattenplatz, ein Vorbau an einer Hütte, der wohl sowas wie ein Versammlungsplatz sein soll. Wieder sind wir umringt, wieder diskutieren alle durcheinander, als es darum geht, was genau hier im Ort verbessert werden soll. Gopal erklärt mir auf meine erhobene Augenbraue hin, dass das schon das Konzept seiner Hilfsorganisation sei: Die Dorfbewohner selbst sollen mitentscheiden, wie ihre Situation verbessert und sie selbst vor der Flut geschützt werden können. Ich schaue in die angestrengten Gesichter um mich herum…und da plötzlich fällt mir auf, was hier anders ist: Die Frauen fehlen!

Sie stehen Meter entfernt in Gruppen zusammen, die kleinen Kinder sind bei ihnen und werden zurückgezogen, wenn sie neugierig wie sie sind, auch zu den ‚Hellhäutigen‘ wollen.

Harry, unser Fotograf, meint sogar, dass er hier zum ersten Mal erlebt hat, dass sich eine Frau weggedreht hat, als er fotografieren wollte…

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Foto: Harry Maskallis

Auch wenn uns drei ‚Sadar chamra manush‘ diese Dorf-‚Gemeinschaft‘ eindeutig weniger zugesagt hat als die vorige, diese Gefühle sollten bei der Entscheidung, welches Dorf letztendlich unterstützt wird, keine Rolle spielen.

Marcel hat es sich wirklich nicht leicht gemacht, hat nochmal alle Argumente für die beiden Dörfer gegenübergestellt: Im ersten Dorf leben 11 Familien, darunter ein Kind mit einer Behinderung. Das Dorf ist von allen Seiten von Wasser bedroht, weil es auf einer Insel mitten im Fluss Teesta liegt. Die Besitzverhältnisse sind hier klar, der Plan für Bauarbeiten steht und alle sind bereit, sofort loszulegen.

Im zweiten Dorf dagegen leben 40 Familien mit vier behinderten Menschen. Sie sind finanziell schlechter gestellt, aber die Landverhältnisse sind alles andere als klar. Außerdem konnten sich die Bewohner immer noch nicht auf einen Bau- und Hilfsplan einigen.

Eine Nacht hatte Festivalleiter Marcel sich ausbedungen für die Entscheidung. Und am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück stand dann fest:

Von den Geldern, die bei den Clingenburg-Festspielen 2015 gespendet wurden, wird das Dorf Char Charita Bari unterstützt.

Fast feierlich verkündigt Marcel das. Und er fügt hinzu, dass der Hauptgrund für diese Entscheidung war, dass er etwas Nachhaltiges unterstützen will, ein Projekt, das Aussicht auf Erfolg hat. Und gerade weil es so ein ambitionierter Plan ist, ein ganzes Dorf rund zwei Meter höher zu legen, gerade deshalb sollte es von allen Dorfbewohner gemeinsam mitgetragen werden.

 

 

 

 

 

Zwischen den Wassern

Obwohl der Teesta normalerweise einer der größeren Flüsse in Gaibandha ist, führt er im Moment nicht viel Wasser – die Regenzeit ist ja schon länger vorbei. Deshalb waren wir etwas überrascht, dass mehrere Jungen uns auf keinen Fall durchs Wasser waten lassen wollten, während sie selbst nur hüfthoch darin standen…Sie hätten extra für uns einen Kahn organisiert, rufen sie lachend, denn die Sada chamrar manush, also wir ‚Hellhäutigen‘, sollen trockenen Fusses ans andere Ufer kommen

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Foto: Yvonne Koch

Dass das andere Ufer eigentlich eine Schwemmlandinsel ist, kann man im Moment nur erahnen, anhand der Auswaschungen und den zum Teil matschigen Wegen. Aber es ist trotzdem schwer vorstellbar, dass die komplette Ebene, durch die wir laufen, bei Flut unter Wasser steht.

Das kleine Dorf, das wir besuchen heißt Char Charita Bari und wurde von den lokalen Hilfsorganisationen deshalb ausgesucht, weil die Menschen hier seit Jahren gegen Überflutungen kämpfen und das Wasser gleich von allen Seiten kommt. Das Projekt hat ein ergeiziges Ziel: Um den Menschen zu helfen, soll das komplette Dorf höher gelegt werden. Und zwar um etwa einen Meter höher als der letzte Höchstpegel bei Flut. Aber dazu später mehr…

Erstmal werden wir an etwa acht Wellblechhütten vorbei zum Dorfplatz geführt. Dort sind Stühle im Kreis aufgestellt, manche aus Plastik, andere aus Holz und es ist offensichtlich, dass sie aus jedem Haushalt im Dorf zusammengetragen worden sind. Und hinter den Stühlen stehen sie, alle 11 Familien des Dorfes, vom Kleinkind bis zum Dorfältesten, neugierig, etwas schüchtern, aber trotzdem freundlich und offen. Und wieder einmal fällt mir auf, wie unglaublich einladend die farbenfrohen Gewänder der Dorfbewohner wirken.

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Foto: Broja Gopal Saha

Ich bin erstaunt, dass in diesem Dorf offenbar eine Frau als Wortführerin ausgewählt wurde und nicht wie sonst üblich der Dorfälteste oder der reichste Mann am Ort. Laily heißt sie, ist 42 Jahre alt und hat nicht mal ein Problem vor uns Sada Chamrar manush (Hellhäutige) zu sprechen. Sie antwortet bereitwillig auf all unsere Fragen und schildert uns, dass sie im letzten Jahr vom Wasser völlig eingeschlossen waren, die Lebensmittel wurden knapp und der Trinkwasser-Brunnen war während der Flut verseucht worden. Die Folge waren Durchfall, Haut- und Augenkrankheiten. Drei Kinder sind daran sogar gestorben, sagt Laily, drei Kinder und vier Kühe.

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Foto: Broja Gopal Saha

Das Hauptproblem sei aber, dass die Überschwemmungen mittlerweile völlig unkalkulierbar sind. Mittlerweile? Ich werde hellhörig. Was hat sich denn verändert? Einer der Dorfältesten, ein kleiner, drahtiger Mann mit lustigen Falten,  kann das näher erklären: Früher, so vor 20 Jahren, da trat der Teesta vielleicht alle 6 Jahre über die Ufer. Früher waren auch Stürme eher die Ausnahme und wenn, dann gab es sie im April. Aber jetzt gibt es  fast jedes Jahr Überschwemmungen, oft sogar mehrmals im Jahr und Orkane können jederzeit über das Land ziehen. Das Wasser steht jetzt oft monatelang, die Reisfelder können deshalb manchmal ein viertel Jahr nicht bepflanzt werden.

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Foto: Broja Gopal Saha

Und was das für die Familien bedeutet, erklärt Laily dann näher: Ohne Ernte, kein Einkommen. Also müssen die Männer woanders arbeiten gehen, in anderen Distrikten. Das heißt, sie sind monatelang weg, um sich als Tagelöhner oder Rikscha-Fahrer durchzuschlagen.

Ich erinnere mich, wie mir ein Rikscha-Fahrer in Dhaka erzählt hat, dass er etwa zwei bis drei Euro am Tag verdient…davon muss dann die ganze Familie leben. Und gleichzeitig sind die Frauen monatelang allein, müssen mit dem Alltag allein fertig zu werden. Vielleicht ist das der Grund, dass Laily so selbstbewußt ist, dass die in Bangladesch oft starke Geschlechtertrennung hier im Dorf offenbar nicht greift, dass der Gemeinschaftssinn hier besonders ausgeprägt ist. Denn eine Frau und ein junger Mann erzählen uns stolz, dass sie jetzt bei den Freiwilligen sind, die sich zu Nothelfern haben ausbilden lassen. Bei Überschwemmungen retten sie jetzt Kinder, Alte und Schwangere von den Fluten und es sei ein gutes Gefühl, gezielt helfen zu können.

Jetzt meldet sich Gopal zu Wort, unser Reiseleiter, Übersetzer und Vertreter der Hilfsorganisation CDD, die die Spendengelder aus Deutschland bekommen wird.

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Foto: Yvonne Koch

Der Plan für dieses Dorf ist, es komplett höher zu legen, sagt er. Das ganze Plateau soll um einen Meter höher als der letzte Überschwemmungspegel angehoben werden. Es sei alles vorbereitet: Einer der Männer im Dorf habe sein Grundstück zur Verfügung gestellt von dem die Erde abgetragen, in Körben auf das Dorfplateau getragen und dort aufgeschüttet werden soll. Auch die Felder und Weideflächen sollen höhergelegt werden. Und danach würden die Häuser wieder aufgebaut, ein Brunnen gebohrt und gemauert, zwei Toiletten angelegt und eine Solarpumpe installiert werden. Wir sind beeindruckt! Ein ehrgeiziges Projekt. Und eines, bei dem alle Dorfbewohner mithelfen könnten, weil sie die Arbeiten bezahlt bekommen würden und nicht zum Geldverdienen weggehen müssten. Alles sei vorbereitet, sie könnten sofort loslegen, sagt Gopal und blickt jetzt vor allem Festivalleiter Marcel direkt in die Augen. Wenn er sich für diese Projekt entscheiden würde. Wenn nicht, würden sie die noch brachliegenden Felder bebauen und müssten warten, bis wieder Geld für die Höherlegung da sei.

Ich sehe Marcel an, dass ihm dieser Druck enorm unangenehm ist. Und die Verantwortung. Aber er weiß auch, dass er es den Spendern der Clingenburgfestspielen schuldig ist, auch noch das andere Projekt anzuschauen, genau abzuwägen und dann nach bestem Wissen zu entscheiden.