Impressed by blockprints

Meine Freundin Nisha tut irre geheimnisvoll…sie habe eine Überraschung für mich, sagt sie und ist ganz aufgeregt. Wir müssten dafür allerdings in einen anderen Stadtteil. Also steigen wir erst in eine Rikscha, wo sie mich über die Lieblingsfarben meiner Kinder ausfragt – seltsam – und dann geht’s zu Fuß weiter. Sie hat eine große Tasche dabei, kuckt immer wieder rein als ob sie sich vergewissern will, dass noch alles da ist. Dabei lächelt sie immer so geheimnisvoll.

Ich werd dadurch auch langsam aufgeregt…was hat sie denn jetzt wieder vor?

Wir sind mittlerweile in einer Marktstraße angekommen, allerdings gibt es hier kein Gemüse oder Garküchen, sondern alles andere: Glas-Armreifen, Nähgarn in allen Farben, Töpfe, Knöpfe, Schuhe und Schreibwaren. Es ist ein ziemliches Gedränge hier und meine Bewegungen beim Passieren der Passanten erinnern etwas an einen Bauchtanz.

Plötzlich ist Nisha verschwunden. Ich bleibe stehen, blicke suchend nach allen Seiten – dadurch kriege ich den Überblick ziemlich schnell, immerhin überrage ich die meisten bangladeshi um fast einen Kopf. Und links von mir, am Eingang einer kleinen Einkaufspassage, steht dann auch meine winkende Freundin. Nein, wir seien noch nicht am Ziel, grinst sie und schlüpft schuhklappernd auf der anderen Seite der Passage in eine ruhigere Gasse.  Dann sind wir da: ein ziemlich heruntergekommenes Haus mit türkisenem Anstrich um den Eingang, der ins Dunkle führt. Jedenfalls kommt es mir so vor, denn meine Augen müssen sich erstmal an den düsteren Raum gewöhnen. Berge von Stoffen liegen hier, auf Tapezier-Tischen, auf den unzähligen Regalbrettern, auf dem Boden, es sind sogar Seile quer gespannt, an denen bunte Stoffbahnen hängen. Nisha hippelt aufgeregt, schaut mich immer wieder lächelnd an – aber nein, ich kapier immer noch nicht, was sie vorhat. Sie zieht mich ans andere Ende des Raumes. Hier steht ein kleiner Mann vor einem superlangen Tisch und mischt Farben in verschiedenen flachen Stein-Wannen.

Nisha schüttet den kleinen Mann mit einem Schwall Worte zu, so schnell, dass ich kaum was verstehe… ‚Grün‘ glaube ich herauszuhören, ‚Schal‘ und ‚Block‘, aber sicher bin ich mir nicht. Der Mann schaut kurz hoch, begrüßt mich stoisch und trottet dann in einen Nebenraum aus dem bald danach komische Geräusche kommen…kruscheln…nein, eher ein Rumpeln, als ob Kinder mit Holzklötzen spielen würden. Dann kommt er mit einer Kiste wieder. Nisha deutet mit einer weit ausholenden, einladenden Geste auf die Kiste. Ich solle mir was aussuchen. Ich kapier immer noch nicht, denn in der Kiste sind lauter Holzklötze in verschiedenen Größen und Formen, in die aufwendige Ornamente und Schnörkel geschnitzt sind. Nisha zieht zwei Päckchen aus ihrer Tasche und rollt beide auf dem langen Tisch aus. Eine mehrere Meter lange Stoffbahn in schwarz und eine kleinere in grün kommt zum Vorschein. Sie wolle mir ein ganz individuelles Geschenk machen, sagt sie. Der schwarze Schal sei für mich, der grüne für meine Tochter. Und hier und jetzt sollen sie nach meinen Wünschen bedruckt werden. Mit diesen Holzstempeln. Ich bräuchte nur die Motive und Farben auswählen…

Nisha nennt diese Stempel-Methode Blockprint, es sei ein uraltes Kunsthandwerk, das ursprünglich aus Indien komme. Und dieser Mann hier sei ein Meister seines Fachs.

Das ist tatsächlich nicht nur eine Behauptung. Denn kaum hab ich mich für Dunkelgrün und zwei verschiedene Stempelmotive entschieden, kneift der kleine Mann ein Auge zusammen und schlägt mir die Musteranordnung vor. Er müsse auch alles zweimal drucken, meint er, denn sonst käme die Farbe nicht gut genug raus. Und dann legt er los…

Es ist schade, dass ich hier die kleinen Handy-Videos nicht einfügen kann, die ich gemacht habe, denn es ist schwer zu glauben, dass jemand mit diesem groben Holzblock so exakt und sicher drucken kann. Nicht nur, dass die Abschlüsse an den Kanten genau aufeinander zu laufen, er setzt den Stempel beim zweiten Mal drucken mit einer so traumhaften Sicherheit auf den vorherigen Abdruck, dass keine Linie dicker oder verschwommen wirkt. Ich bin fasziniert und ertappe mich dabei, dass ich regelrecht nach Fehlern suche….das kann doch gar nicht sein, dass er nicht mal um ein paar Milimeter abrutscht..oder den Stempel leicht versetzt aufbringt…. Aber nein, mit einer Präzision wie ein Uhrwerk trägt der Meister Farbe auf, setzt den Block an, haut zwei, drei Mal auf das Holz und setzt den Stempel gleich daneben neu an. Rhythmisch sind seine Bewegungen und hypnotisch. Erst setzt sich das dunkle Grün gar nicht so richtig vom hellgrünen Schal ab, aber je mehr die Farbe trocknet, desto deutlicher und dunkler wird der Druck.

Kurze Zeit später ist auch ein schwarzer Schal bedruckt – mit orangenen Ornamenten, die nach dem Doppeldruck besonders kräftig leuchten. Ich bin beeindruckt. Und sogar noch mehr, als mir Nisha erzählt, dass sie alle Vorhänge oder Überdecken bei sich zu Hause nach dieser Methode hat blocken lassen. Alles Handarbeit und alles Unikate.

Später hab ich im Internet herausgefunden, dass Blockprint eine uralte indische Textiltradition ist. Funde mit Blockprint-Stoffen reichen bis in das Jahr 2000 vor Christus Geburt zurück.

Was für ein tolles Geschenk.

Ich denke,  ihr könnt Euch vorstellen, wie stolz ich auf diese besonderen Schals bin.

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No place, no freedom

Es passieren manchmal ungewöhnliche Sachen, wenn man ein großes, internationales Netzwerk hat:

Vor kurzem erhielt ich eine Nachricht auf Facebook von einer mir unbekannten Person – An sich nichts Ungewöhnliches, es gibt ja ziemlich viele Menschen, die einfach mal einen ‚friend request‘ abschicken, auch wenn sie dich gar nicht kennen. Aber diesmal war es anders, denn die Nachricht kam von einem ziemlich verzweifelten Menschen in Bangladesch.

Wie ich schnell erfahren habe, ist der Absender ein Transgender, also jemand, der sich im falschen Körper, dem falschen Geschlecht zugeordnet fühlt.  Deshalb und weil ich den Namen der betroffenen Personen nicht nennen soll, nenn ich sie hier Nipu – ein bengalischer Name, den man für Männer und Frauen passt.

Nipu weiß offenbar schon lange, dass er eigentlich ein Mann ist, den es leider fälschlicherweise in einen Frauenkörper verschlagen hat. Gerade diese Transgender-Variante ist in Bangladesch aber besonders heikel. Denn es gibt dort zwar einige Hijra, die in einem Männerkörper geboren aber eigentlich Frauen sind (siehe Blog-Artikel vom 19.1.2015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/01/19/the-third-gender/ ), aber die umgekehrte Verkörperung scheint sich seltener an die Öffentlichkeit zu trauen.

Nipu jedenfalls hat sich getraut und sogar eine Arbeit gefunden, bei der er ganz er selbst sein konnte: Nämlich bei einer Hilfsorganisation, die sich für sexuelle Minderheiten einsetzt.

Aber dann ist 2013 etwas passiert, dass die bengalische Gesellschaft – oder jedenfalls die betroffenen Familien – nicht akzeptieren kann: Nipu hat sich verliebt! In eine FRAU!

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Seine Liebe – ich nenne sie hier Simu – kannte Nipu schon lange, ihre Familien waren befreundet. Und die beiden wurden vor vier Jahren ein Liebespaar. Lange Zeit schöpfte niemand Verdacht, bis Simus Mutter eines Abends ein Telefongespräch der beiden belauschte. Keine Ahnung, was die beiden am Telefon gesprochen haben…aber kombiniert mit dem ‚männlichen Auftreten‘ von Nipu hat sich die Mutter alles zusammengereimt. Und war entsetzt! Für sie war diese Liebe ‚abnormal‘, gegen die religiösen Gebote und das Gesetz.

Simu bekam ihr Entsetzen auch gleich zu spüren – durch heftige Schläge. Außerdem durfte sie das Haus nicht mehr alleine verlassen.  Und Nipu samt seiner Familie musste sich wüste Beschimpfungen und Drohungen gefallen lassen. Nipus Familie gab sich übrigens überrascht, aber die ‚Beweise‘ – also die Nachrichten auf den Telefonen – waren eindeutig.

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Nach einigen Monaten normalisierte sich das Leben aber wieder. Nipu und Simu trafen sich wieder, heimlich. Aber obwohl er geschworen hatten, die Liebenden zu decken, verriet Simus jüngerer Bruder die Beiden an die Eltern. Die stürmten sofort in Nipus Elternhaus, bedrohten und beleidigten alle Familienmitglieder und forderten Nipu auf, Dhaka zu verlassen, ansonsten würden sie ihn umbringen. Wie ernst es Ihnen war, hat Nipu bald schmerzhaft erfahren: Als er abends mit Freunden am Fluß saß, kam Simus Bruder mit einer ganzen Gruppe und griff Nipu an. Sie schlugen ihn, packten ihn am Kragen und riefen: „Du siehst zwar wie ein Mann aus, aber du bist eine verdammte Frau“ und dann grapschte einer der Angreifer Nipu an die Brust, um den handfesten Beweis zu haben.  Nipu fühlte sich zerschunden, beschmutzt und schrecklich gedemütigt.

Simu ging es auch nicht besser: Sie wurde abwechselnd von ihrer Mutter, ihrem Vater und sogar vom jüngeren Bruder geschlagen. Ihr Vater warf ein Holzwerkzeug nach ihr, das sie übel verletzte. Das schlimmste aber war für sie, dass alle Familienmitglieder sie anspuckten.

Simu studiert an einer Mastermind-Schule, also einer Schule für Hochbegabte, aber mit all den blauen Flecken und Wunden, konnte sie natürlich nicht dort auftauchen. Die Mutter entschuldigte sie bei der Schule: Sie habe hohes Fieber und könne deshalb nicht zum Unterricht kommen.

Ein paar Wochen später schaffte es Simu, abzuhauen. Sie kam zu Nipus Arbeitsstelle, einer Hilfsorganisation für sexuelle Minderheiten. Die beiden suchten dort Hilfe. Ihr ‚Fall‘ wurde protokolliert, unzählige Formulare ausgefüllt und dann wurde ihnen eröffnet, dass sie sich eigentlich nur für die Rechte von Trans-Frauen einsetzen (also Männer, die sich als Frau fühlen).

Zu der Enttäuschung bekam Nipu noch einen Anruf. Seine Mutter erzählte, dass  ihr Haus auf dem Land umzingelt sei.  Simus Onkel, ein hohes Tier in der Regierungspartei und gleichzeitig  korrupt, habe ihr gedroht, wenn Nipu Simu nicht sofort wieder ihrer Familie aushändige, dann würde er seinen Vater öffentlich angreifen und zwei seiner Neffen kidnappen.

Die beiden Verliebten waren hilflos….Also gaben sie klein bei. Simu wurde von einer Tante abgeholt, dann zu ihrer Oma gebracht und in deren Haus monatelang eingesperrt. Keinerlei Kontakt zur Außenwelt! Sie bat verzweifelt darum, dass sie wenigstens ihre Ausbildung abschließen dürfe, aber es half nichts. Im Gegenteil, sie wurde zu einem Psychiater gebracht.

Nipu fügte sich ebenfalls und verließ die Hauptstadt Dhaka. Er war sicher, dass er sonst – wie angedroht – umgebracht worden wäre. Und tatsächlich hat er später erfahren, dass Simus Familie schon Kontakt zu einem Profikiller hatten, der für 1.000.000 Taka zu haben war (das sind umgerechnet etwa 11.000 Euro).

Seit Dezember 2015 lebt Nipu jetzt auf dem Land, ohne Job und auch fast ohne Kontakt zu seiner eigenen Familie, die nichts mehr von ihm wissen will. Ab und zu hat er Bewerbungsgespräche, es wurden ihm auch schon Jobs angeboten – aber immer mit der Auflage, dass er sich ’normal‘, also wie eine Frau kleiden müsse. Das kommt für ihn aber nicht in Frage, er mag und kann sich nicht mehr selbst verleugnen. Gleichzeitig sagt er von sich selbst, dass er depressiv geworden sei, dass er nicht mehr ohne Schlaftabletten einschlafen kann und in Bangladesch keine Zukunft mehr habe.

Simu lebt seit Anfang des Jahres wieder in Dhaka, studiert auch wieder, aber immer noch unter ständiger Bewachung. Sie hat kein eigenes Handy, ihr Facebook-Account wird kontrolliert, aber ab und zu kann sie mit dem Handy einer Freundin Kontakt zu Nipu aufnehmen.

Sie gehen beide ein hohes Risiko ein, wenn sie sich trotz allem treffen. Aber manchmal tun sie es doch. Und ganz im Geheimen, mit der Hilfe von wahren Freunden, haben sie am 12. Februar 2017 geheiratet.

Transgender-Paar verfremdet

Soweit die Geschichte dieses Paares.

Wahrscheinlich könnt Ihr verstehen, dass ich den beiden gerne helfen will. Mittlerweile hab ich Kontakt zu Amnesty International aufgenommen, zu verschiedenen Aktivisten, zu Gender-Gruppen und zwar in Deutschland und Bangladesch. Wir sind erstmal auf der Suche nach einem Land, in dem Homosexuelle oder Transgender offen und ohne Angst leben und arbeiten können. Nipu hat einen Master in Wirtschaftswissenschaften, Simu träumt davon, ihr Englisch- und Literatur-Studium abzuschließen und an einer Uni arbeiten zu können. Und beide hätten auch gerne irgendwann ein Kind…

Ganz normale Träume eben. Und ich hoffe, dass sie irgendwann wahr werden!

The fith time…

Nur noch zwei Tage!

Eigentlich drei….

Denn ich starte zwar am Montag, komm aber erst am Dienstag Abend in Dhaka an. Aber auf jeden Fall geht es wieder nach Bangladesch und diesmal länger als bisher.

Das Erstaunliche ist, dass ich mich vor jeder Reise in dieses Land fühle wie ein Teenager vor dem Abschlussball: aufgeregt, ungeduldig, ein bisschen ängstlich und voller Tatendrang. Eine Routine stellt sich immer noch nicht ein.

Vielleicht auch, weil sich jedes Mal wieder etwas ändert: Mal sind es die Visa-Bestimmungen, der zu zahlende Preis beim arrival-Visum oder ich muss mich nach neuen Unterkünften in noch unbekannten Gegenden umschauen oder aber ich erfahre, dass meine Bangla-SIM-card plötzlich nicht mehr ohne weiteres aufgeladen werden kann, weil man sie neuerdings mit Fingerabdrücken hinterlegen muss. Keine Ahnung, was das soll.

Aber irgendwie wird schon alles gutgehen, soviel hab ich aus den bisherigen Reisen gelernt. Und ich freue mich riesig, dass ich diesmal gleich drei Inlandsreisen machen kann, zum Teil mit lieben Freunden oder aber mit noch unbekannten, aber deshalb nicht weniger hilfsbereiten Menschen, die mir vor Ort Unmögliches möglich machen.

Auch diesmal geht es wieder nach Gaibandha, im Nordwesten von Bangladesch. Ich will mir dort anschauen, was aus dem ‚erhöhten Dorf‘ geworden ist, dass von Geldern aus einer Spendenaktion der Clingenburg Festspiele gebaut wurde (https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ und https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/ ). Und wenn ich Glück habe, treff ich mich auch wieder mit Kazol, der jungen Frau, die mich schon auf der allerersten Reise so beeindruckt hat (https://yvonnekoch.wordpress.com/2014/10/28/mit-dem-wasser-kommt-die-angst/ ).  Außerdem geht diesmal es auch in Nordosten, nach Sylhet, wo ich mir die Teeplantagen und vor allem auch die Arbeitsbedingungen dort genauer ansehen will. Und dann freu ich mich auch schon auf einen ganz kleinen Ort im Norden, direkt an der Grenze nach Indien: Dort versuche ich herauszufinden, was es mit dem Fußball-Gen auf sich hat, das offenbar nur Mädchen in sich tragen… Natürlich werde ich auch wieder in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka sein, wieder bei Freunden dort wohnen und alles aufsaugen, was um mich herum passiert.

Diese Reise diesmal ist aber nicht nur für mich was Besonderes. Sondern möglicherweise auch für Euch. Denn Ihr alle, die Ihr diesen Blog lest, werdet von diesem und allen vorigen Bangladesch-Trips auch was haben: Wenn nichts schief geht werden alle Eindrücke, Erfahrungen und Erkenntnisse aus meinem Bangla-Spleen bald zwischen zwei Buchdeckel gepresst..und voraussichtlich im Mai in den Markt geworfen.

Und wehe, Ihr kauft das Buch nicht!

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The crazy system

Es gibt Dinge in Bangladesch, die werden mir immer ein Rätsel bleiben…

Das gilt vor allem für den Verkehr in der Hauptstadt Dhaka. Dabei meine ich nicht den Linksverkehr – an den hab ich mich relativ schnell gewöhnt. Aber ich weiß immer noch nicht, ob es – wenigstens offiziell – eine Regel gibt, wieviel Autos auf den großen Straßen nebeneinander fahren dürfen. Inoffiziell jedenfalls fahren soviel Autos, Rikschas, Busse und CNGs nebeneinander, bis sie sich gerade so NICHT gegenseitig zwischen Mittelstreifen-Mäuerchen und Außen-Fahrbahn-Begrenzung festklemmen… also zwischen fünf und acht Spuren, je nach Bedarf.

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Foto: imagedoc-darknoise

Wie auf dem Bild zu sehen ist, sind die Fahrtrichtungen auf den Hauptstraßen klar getrennt. Eigentlich. Trotzdem kommt einem schon auch mal ein Bus frontal entgegen. Unter lautem Gehupe versteht sich.

Es gibt natürlich auch Ampeln…ich glaube, ich hab in Dhaka insgesamt etwa vier gesehen. Allerdings stehen sie immer auf Rot, wenn ich dort vorbei komme. Und äh, nein, das scheint in Bangladesch nicht zu bedeuten, dass die Autos stehen bleiben. Ich hege eher den Verdacht, dass das rote Lichtchen in der weithin sichtbaren Ampel hier in Dhaka einen ähnlichen Effekt hat, wie das langgezogene Hupen beim Boxauto: „Alles gleichzeitig los, möglichst chaotisch, es darf auch gerne rumsen“. Konkret heißt das, bei Stau wird der Vordermann schon mal angeschubst, alle Busse sind mindestens bis Fensterhöhe völlig verbeult und ansonsten gilt: der Stärker gibt Gas!

Aber so verknoten die Gefährte auch oft sind, irgendwie löst sich doch jeder Knoten wie durch Zauberhand.

Anfangs hat mich das stundenlange im Stau stehen in Dhaka völlig genervt, ich war angespannt, fluchte wie ein Rohrspatz – auf Bangla versteht sich – und simste meinen wartenden Gesprächspartnern hektisch jede Straßenkreuzung, die mich noch von dem Ort der Bestimmung trennte.

Mittlerweile nutze ich die Zeit, die ich mal wieder in einem schlechtgepolsterten CNG sitze, um nonverbal mit den Straßenhändlern zu kommunizieren, meinen Fahrer vom Paan-Essen abzuhalten (Paan, siehe Blogartikel vom 15. November 2014 https://wordpress.com/post/yvonnekoch.wordpress.com/82 ) und zur Recherche. Dabei kam in einer nichtrepräsentativen Umfrage folgendes heraus:

Die fundierteste Fahrausbildung haben anscheinend die Jungs, die als Fahrkarten-Verkäufer in einer Art Sammeltaxi anfangen. Diese Gefährte sehen fast so aus wie die CNGs, nur haben sie keine Fahrgastzelle hinten drauf, sondern eine Art Pritschenwagen mit Textil-Dach, wobei die ‚Kunden‘ auf den längsseitigen Bänken sitzen. Diese Jungs (oft gerade mal 7 oder 8 Jahre alt) dürfen in der Regel in der Mittagspause oder nach Feierabend mal hinters Lenkrad, erst Trockenübung zum Spaß, dann Ministrecken über einen Parkplatz und bald danach – nämlich immer dann, wenn der eigentliche Fahrer seinen Rausch ausschlafen muss – dürfen sie die Fahrgäste kutschieren.

Außer dieser ‚Langzeitausbildung‘ gibt es noch die, die eine Freundin von mir genossen hat (übrigens die erste und bisher einzige Frau, die ich hinter einem Steuer gesehen hab):

Sie könne Autofahren, hat besagte Freundin stolz verkündet. Sie habe das früher im ‚village‘ gelernt. Weil ich aber offenbar meine Gesichtsmuskeln nicht recht unter Kontrolle hatte und sie meinte, Zweifel, ja sogar ein süffisantes Lächeln, in meiner Miene erkannt zu haben, wollte sie mir ihr Können beweisen! (Ja, Langzeitbeobachter dieses Blogs ahnen es: besagte Freundin ist die in diversen Artikeln erwähnte, äußerst resolute und ungeschlagene Organisationsmeisterin, bei der ich im März 2015 gewohnt habe)  Jedenfalls sollte dieser Ort der Fahrpraxis-Tatort werden:

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Foto: Yvonne Koch

Ein nahezu leerer Parkplatz vor einem großen Kongressgebäude.

Der Fahrer wird kurzerhand aus dem Auto geworfen, meine Freundin dagegen platziert, ach was sag ich, drapiert sich auf dem rechten Sitzplatz…Blick zum Automatik-Schaltknüppel…Blick über die seitlich angebrachten Buchstaben P, R, N und D…eine ruppige Frage aus dem Fenster an den aufgeregten Fahrer am Pistenrand, ein energisches Ziehen, schon ist der Schaltknüppel bei D eingerastet…ich höre ein leises Knurren, merke aber schnell, dass das nicht das Getriebe, sondern meine etwas angespannte Freundin ist, die jetzt Gas gibt. Nichts passiert. Oder doch…Millimeter um Millimeter schiebt sich das Auto nach vorne, sie grunzt jetzt zufrieden – und wird dann völlig hemmungslos: mit geschätzten 120 Zentimeter pro Minute fliegen wir über den Parkplatz

Hach was soll ich sagen, es war eine fast ekstatische Freude, dass ich diesen Fahrbeweis meiner Freundin über…ähm, ER-leben durfte. Und dass sie trotzdem das Fahren im Stadtverkehr von Dhaka auch weiterhin dem dafür engagierten Fahrer überlassen will, befriedigt garantiert alle Beteiligten!

Ach, nur der Vollständigkeit halber: Es geht die Kunde, dass es in Bangladesch wohl auch die sogenannten ‚driving licences‘ geben soll, was wenigstens dem Namen nach unserem Führerschein entsprechen würde. Aber meine umfangreichen Recherchen bei mindestens zwölf verschiedenen Personen haben ergeben, dass noch keiner der Befragten dieses ominöse Papier je gesehen hat. Ich befürchte deshalb einen Propaganda-Trick des ‚Honourable Minister of Road, Transport and Bridges‘ vulgo Verkehrsministers.

 

 

The crass contrast

Es gab einen Moment bei dieser Reise, der war dermaßen absurd, ja fast schon schizophren, dass ich lange daran zu knabbern hatte.

Morgens zwängte ich mich noch durch glitschige, versifft Durchgänge in einem Slum, erlebte Menschen, die auf engstem Raum miteinander lebten, oft mit löchriger Kleidung, ohne Schuhe und mit ausgehöhlten Wangen.

Senior University Photographer

Foto: naimablog

Und am gleichen Tag war ich abends in einer völlig anderen Welt eingeladen… Hinter einer hohen Mauer, nachdem wir mehrere Sicherheitsschleusen überwunden hatten, öffnete sich ein großer Garten: Der Dutch Club – Eine Oase der westlichen Lebensart, ja fast schon Dekadenz mitten in Dhaka.

Das regelmäßig ploppende Geräusch von links, machte mich neugierig und mein Gastgeber führte mich deshalb bereitwillig erstmal in diese Richtung….

Zwei Menschen in weißen Höschen, Söckchen und Schweißbänderchen ploppten hier kleine gelbe Bällchen über ein Netz. Auf einem akkurat abgezogenen Tennisplatz.

Gleich daneben das Club- und Gästehaus des Anwesens. Hier könne man hervorragend übernachten, versichert mir mein Gastgeber, der übrigens Clubmitglied ist. Er selbst habe das anfangs auch gemacht, bis er eine richtige Bleibe gefunden hatte. Natürlich sei hier high-speed WLAN, ein LCD Flachbildschirm und klimatisierte Räume Standard. Gut, es sei nicht ganz billig, etwa 99 Dollar pro Nacht müsse man schon rechnen, aber dafür könne man hier im Club auch mal so richtig ausspannen.

Ich kriege eine Gänsehaut. In meinem Kopf ploppt es jetzt auch…lauter Details vom Morgen blitzen auf….eine einzelner gelber FlipFlop im Matsch, die schiefen Zähne eines Gesprächpartners, Plastiktassen, die von der Decke hängen und ein bis auf die Knochen abgemagerter Hund mit eingezogenem Schwanz…

Offenbar verrät meine Mimik meinen Gemütszustand. Jedenfalls versichert mir mein Gastgeber, dass er den Dutch Club anfangs auch unglaublich dekadent fand. Aber gerade jetzt, wo er wegen der Sicherheitslage im Land nichtmal mehr draußen joggen gehen könne, jeden Meter mit Fahrer und womöglich mit Polizeieskorte machen müsse,  sei der Club eine Art Zuflucht geworden. Hier könne er zum Beispiel schwimmen, einfach so, in Badehose! Und natürlich gäbe es auch Bier hier…Spricht’s und bestellt eins.

Nein, nicht für mich. Ich trinke in einem muslimischen Land keinen Alkohol. Ich beobachte lieber die anderen Gäste. Irgendwie reden alle besonders laut hier. Die Gesten des schwabbeligen Schnauzbarts nebenan sind weit ausholend. Er redet auf einen kleinen Jungen ein, der trotzig einen riesigen Eisbecher inhaliert. Jaaaa, das ist holländisch.

Am Tisch gegenüber wird dagegen französisch und englisch durcheinander geredet. Drei junge Menschen sind das, ich schätze höchstes Ende dreißig. Die Frau wirft sich beim Lachen theatralisch nach hinten gegen die Stuhllehne, die beiden Jungs reden sich gegenseitig übertrumpfend auf sie ein. Es geht um einen Trip, einen Ausflug…das müsse man unbedingt mal gemacht haben…nein, dazu müsse man nur so einen kleinen Flieger chartern…

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Ich frage meinen Gastgeber, ob man sich denn kenne im Club oder doch eher für sich sei. Nein, nein, hier kenne jeder jeden, das wär ja das Schöne, nach einer Woche hier, kenne man alle Expats. Irgendwann, nach dem dritten Bier meines Gastgebers, frage ich, ob die Leute hier denn Geschäftsführer oder Direktoren seinen, sie träten ja schon relativ großspurig auf…Ich halte die Luft an – bin ich jetzt zu weit gegangen? Fliege ich jetzt gleich aus dem Club?

Quatsch, meint mein Gastgeber gutmütig. Die allermeisten seinen einfache Ingenieure, Angestellte oder sogar Trainees. Und würden wie er in ihren Heimatländern ein ganz normales, manchmal sogar nicht gerade üppiges Einkommen haben. Etwa drei Jahre blieben die meisten hier und in diesen drei Jahren, müsse man sich halt auch mal was gönnen!

Ja, ich kann das ein Stück weit verstehen. Es ist bestimmt nicht leicht, jeden Tag mit all dem Elend, dem Smog, chaotischem Verkehr, Korruption und der anderen Kultur umgehen zu müssen. Und ja, bestimmt braucht man da einfach auch mal eine Auszeit.

Aber mir ist dieser extreme Kontrast zwischen den Eindrücken am Morgen und am Abend einfach nur auf den Magen geschlagen.

Migrant workers – Wanderarbeiterinnen

Warum Menschen in Bangladesch ihr Heimatdorf verlassen müssen, hab ich ja in Char Charita Bari im Norden von Bangladesch erfahren (siehe Blog-Artikel vom 30.11.2015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/). Jetzt hab ich die Chance, mich mit Frauen zu treffen, die ihre Heimat verlassen haben, sogenannte migrant workers – Wanderarbeiterinnen.

Eine Freundin bringt mich in einen der Slums, die mittlerweile nicht mehr nur am Rand der Hauptstadt sondern mitten in Dhaka entstanden sind. Neben ganz normalen Mietshäusern in einer Baulücke. Schiefe Wellblechhütten stehen hier dicht an dicht, dazwischen schlängelnd sich enge, matschige Wege voller Plastikflaschen und anderem Abfall. Halbnackte Kinder springen herum, in einer Ecke sitzt eine alte Frau auf dem Boden und kocht etwas auf einem selbstgebauten kleinen Lehmofen. Ich habe Mühe, die Hauswände links und rechts nicht zu berühren, so eng ist es. In einer dieser Hütten lebt auch Laisu seit kurzem mit ihrer Familie. Ich solle ruhig hereinkommen, sagt sie. Aber das ist gar nicht so leicht. Denn es ist kaum Platz für mich und meine zwei großen Umhängetaschen…

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Foto: Yvonne Koch

„Vor fünf Jahren war bei uns auf den Dorf noch alles okay“, sagt Laisu, “ Jetzt ist es schrecklich da, der Fluss hat bei den Überschwemmungen ganze Felder weggerissen. In den letzten Jahren haben wir drei Häuser verloren. Und zuletzt hatten wir nicht mehr genug Geld um ein neues Haus zu bauen. Deshalb sind wir nach Dhaka gekommen.“
Jetzt leben sie zu fünft in einer Wellblechhütte, die gerade mal so groß wie eine Garage ist. Den meisten Platz nimmt das riesiges Bett ein, in dem alle schlafen, das aber gleichzeitig auch der Aufenthaltsraum der Familie ist. Überall hängt etwas, selbst der kleinste Winkel wird noch als Stauraum genutzt. Nur ganz kurz hab ich das Gefühl, dass Laisu sich etwas schämt für ihr Zuhause. Denn sie betont, dass sie eine arme, einfache Frau sei, die jetzt als Haushälterin bei verschiedenen Familien arbeite. Ihr Mann arbeite auf dem Bau, manche aus der Familie würden Tee an der Straße verkaufen oder in den Textilfabriken arbeiten. Mich interessiert, ob sie schon mal daran gedacht hat, im Ausland Arbeit zu suchen, wie so viele Frauen und Männer. Ja schon, sagt sie, aber im Moment käme das für sie nicht in Frage, sie habe ja noch ein kleines Kind. Aber sie kenne viele, die in die Golfstaaten gehen.

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Foto: Yvonne KOch

Und ich sehe am Nachmittag viele von ihnen, ziemlich viele…etwa 130 Frauen, junge vor allem, aber auch ältere. Sie sitzen alle auf dem Boden in einem der Schulungsräume von BOMSA. Diese Hilfsorganisation schult migrant worker, die ins Ausland wollen, drei Tage lang, damit sie einigermaßen auf das Leben als Wanderarbeiter vorbereitet sind. Hier ist meine Freundin, Sumaiya Islam, in ihrem Element. Denn sie ist die Direktorin von BOMSA und weiß, wie naiv die Vorstellungen von der Arbeit im Ausland bei den meisten sind: „Die Frauen haben einen Traum, sie denken: Ich gehe ins Ausland, ich werde dort das große Geld verdienen, in einem klimatisierten Zimmer schlafen, die leckersten Sachen essen… – das ist der Traum, wenn sie ihre Reise beginnen.“

Die Realität sieht allerdings komplett anders aus. Besonders in den Golfstaaten sind Frauen aus Bangladesch zwar als Haushaltshilfen sehr begehrt, weil sie als fleißig und genügsam gelten und außerdem in der Regel muslimisch sind. Aber sobald sie in den Haushalten ankommen, werden den Frauen oft die Pässe und alle Habseligkeiten abgenommen. Dann sind sie völlig abhängig von ihrem Arbeitgeber.

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Foto: Yvonne Koch

Und diese Abhängigkeit werde besonders in Saudi Arabien oft ausgenutzt, meint Sumaiya. Es sei nicht selten, dass sich die junge Frauen morgens um die Kinder, dann um den Haushalt kümmern, putzen, schrubben und waschen, bis Mitternacht schuften und dann, in der Nacht, würden drei oder vier Männer auf ihr Zimmer kommen, die Sex mit ihr haben wollten. Keine fremden Männer, sondern der Hausherr, sein Bruder, sein Vater und der Schwiegervater.

Ihre Hilfsorganisation versuche, den Frauen soviel Absicherung wie möglich vor der Reise zu geben. In drei Tagen lernen die migrant workers in spe, dass sie mit keinem Mann Sex haben MÜSSEN, wie sie deutlich nein sagen, welche Rechte sie auch im Ausland haben und dass sie Kopien ihrer Pässe bei ihren Familien lassen müssen. Denn die Passnummer sei wichtig, wenn die Frauen im Ausland Hilfe bräuchten, betont Sumaiya: „Wir haben eine 24-Stunden-Hotline, da können sie im Ernstfall anrufen und mit der Passnummer finden wir die Vermittlungsagenturen und die Arbeitgeber raus und können helfen.“

Es ist nicht immer leicht, die Frauen schonend auf das ‚wahre‘ Leben als migrant worker vorzubereiten. Aber ich habe Sumaiya schon im März in action erlebt, gesehen, wie sie den Frauen die härtesten Facts mit Geschichten, Gesang und Tanz vermittelt (siehe Blog-Artikel vom 5. Mai 2015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/05/05/the-right-to-say-no/). Denn wie gesagt, lesen und schreiben können die wenigsten.

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Foto: Yvonne Koch

Diesmal ist es aber nicht nur Aufklärungsarbeit, Sumaiya gibt auch noch ganz konkrete Tipps:  Zum Beispiel, wie die Frauen in ihrer Heimat, in Bangladesch selbst, ein Bankkonto für sich einrichten können. Es sind nämlich nicht nur die ‚bösen Arbeitgeber‘ im Ausland, vor denen migrant workers beschützt werden müssen. Auch die eigene Familie kann für sie zum Verhängnis werden, weiß Sumaiya: „Die Frauen schicken Geld an ihre Familien zu Hause, aber der Mann nimmt es womöglich, um nochmal zu heiraten oder die Eltern verteilen das Geld an ihre anderen Kinder und wenn die Frau zurückkommt, ist nichts mehr da. Sie ging weg mit nichts und kommt zurück mit nichts.“

The mystery of Hilsha fish

Immer wieder werde ich in Bangladesch gefragt: „Do you like Hilsha fish?“ Und irgendwie habe ich dabei immer den Eindruck, dass diese Frage so eine Art Test ist. Als ob meine Antwort darüber entscheiden würde, ob ich nur als stinknormaler Gast in diesem Land angesehen werde oder als Liebhaber und Kenner der bengalischen Seele.

Deshalb war ich auch etwas angespannt, als ich diesen angeblich so besonderen Fisch in einem Restaurant das erste Mal probieren durfte. Ich war eingeladen. Von meinem eigenen Subunternehmer. Genauer gesagt von dem Journalisten, der mir Razib vermittelt und auch einen Teil der Fotos zur Kinderarbeit geliefert hat (siehe Blogartikel vom 29.12.20015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/12/29/razibs-wish/).

Hilsha Fish Curry

Der Fisch war – wie immer bei einer bengalischen Mahlzeit – nur eines von vielen Gerichten. Normalerweise habe ich mir angewöhnt, den Reis in die Mitte des Tellers zu häufen, eine kleine Portion der Leckereien aus den verschiedenen Töpfchen rundherum zu drapieren und dann mit der Hand (der rechten natürlich, alles andere wäre ein faux pas!) den Reis und das jeweilige Gericht seperat zu genießen.

Aber diesmal hab ich mich das nicht getraut…denn meine beiden Begleiter haben jede meiner Bewegungen so intensiv beobachtet, dass mir klar war: Diesen Fisch zum ersten Mal zu essen scheint sowas wie eine heilige Handlung zu sein. Und natürlich hatte deshalb erstmal nichts anderes Zugangsberechtigung auf dem Teller. Den ersten Bissen hab ich dann auch mit geschlossenen Augen gegessen – wenn schon zelebrieren, dann richtig, dachte ich. Fast andächtig tastete sich meine Zunge durch den Reis zum Fisch…welcher allerdings, kaum dass ihn meine Zungenspitze berührte zart zerfiel und eine süß-herbe Geschmacksexplosion auslöste…

Okay, ich hör ja schon auf und mach’s kurz: Dieser Fisch ist wirklich seeeeeehr lecker und wird offenbar meistens in einer Senfsauce serviert, die hervorragend zum zarten Fleisch passt. Von daher hab ich auch überhaupt nicht gelogen, als ich beim Essen die Augen wieder geöffnet und meine Begleiter mit einem tiefempfundenen „delicious“ beglückt habe.

Hilsha Reis

Und ab da lief das Essen dann auch sehr entspannt und flankiert von einer angeregten Diskussion über Kinderarbeit, Filmgeschäft und Pressefreiheit ab.

Abends, in meinem kleinen guesthouse-Zimmer, war ich dann doch neugierig, warum gerade dieser Fisch offenbar so wichtig für die Bangladeshi ist. Also hab ich recherchiert: Hilsha ist eine Heringsart und der beliebteste Fisch in Südasien. In Bangladesch selbst macht er etwa 12% der Fischproduktion aus und tatsächlich ist er sowas wie ein ‚National-Fisch‘ – er lebt zwar auch in wenigen Flüssen in Indien, aber Kenner behaupten, dort sei er bei weitem nicht so ‚tasty‘ wie in Bangladesch, wo er sich offenbar vor allem wohl fühlt. Allerdings macht sich der Hilsha-Fisch auch in Bangladesch nach und nach rarer. Wahrscheinlich findet er es gar nicht so witzig, dass so viele Menschen auf ihn stehen…Jedenfalls ist er dadurch in den letzten Jahren immer teurer geworden – was natürlich seinen Ruf, ein besonderer Fisch zu sein, eher noch verstärkt.

Hilsha-Markt

Witzigerweise ist mir der Hilsha-Fisch übrigens nach dieser Initiation ständig über die Lippen gekommen. Entweder war in Dhaka gerade eine Hilsha-Schwemme, eine besondere Rabatt-Aktion (kaufe drei, zahl einen) oder irgendjemand hat das Bild einer mit geschlossen-Augen-Hilsha-schlemmenden Europäerin ins Internet gestellt…Jedenfalls dufte ich ihn innerhalb einer Woche gleich fünfmal genießen. Und ich kann jetzt sagen, dass die Senf-Saucen-Variante der Schwiegermutter meines Kinderarbeit-Rechercheurs bisher die aller-allerbeste war.

Hilsha-Seized

Übrigens hab ich selbst den kompletten Fisch, so wie ihn das Foto hier zeigt, nie gesehen. Auf keinem der Märkte, die ich besucht habe, lag er aus. Aber möglicherweise gehört das ja auch zum Mysterium des Hilsha-Fisches…