Make-up against reality

In den Flüchtlings-Camps im Süden von Bangladesch wimmelt es vor Kindern. Alle sind aus Myanmar geflohen. Mit ihren Eltern, Verwandten, Nachbarn oder manchmal sogar allein. Und jetzt leben mehr als eine Million Rohingyas hier auf engstem Raum – und es kommen immer noch Menschen dazu.

Sahera will mir von ihrem Alltag hier im Camp Balukhali erzählen. Aber erstmal sitzt sie nur verschüchtert und mit großen Augen vor mir. Es ist für uns beide nicht leicht, wir können ja nicht direkt miteinander sprechen, alles geht über einen Dolmetscher.

Ich drücke ihr mein Mikrophon in die Hand, erkläre ihr, wie es funktioniert uns dass sie erstmal das Interview macht und mir alle Fragen stellen kann, die sie will. Ein erstaunter Blick. Und dann legt sie los….mit ganz leiser Stimme und versteinerter Miene erstmal. Aber bald taut die Zehnjährige auf: Was genau ich wissen will, wie weit Deutschland weg ist von Bangladesch, ob dort auch die Kinder das Wasser schleppen müssen und wie ich meine Haare so gelb gekriegt habe. Ich antworte so gut ich kann.

Dann tauschen wir die Rollen. Und Sahera zeigt mir erstmal ihr neues Zuhause. Das Konstrukt aus Bambusgerüst und Plastikplanen wirkt erstaunlich groß innen. Geschätzt sind es etwa 12 Quadratmeter, durch eine Plane  in zwei Räume getrennt. Sahera führt mich in den hinteren Teil. „Hier ist unsere Küche, die Vorräte, unsere Kleider und die große Truhe.“

‚Die große Truhe‘ scheint etwas ganz besonderes zu sein. Ich frage nach. „Alles, was wir aus Myanmar retten konnten, war in dieser Truhe“, sagt sie. Ihre Stimme ist irgendwie anders jetzt. Und ich merke, dass das Mädchen plötzlich ganz steif dasteht, ihr Blick scheint glasig, sie selbst weit weg. Aber nur kurz. Dann reißt sie das Klicken der Kamera aus den Gedanken. Sie blinzelt. Und zeigt mir dann stolz, dass sie neuerdings sogar einen Gaskocher hätten und sie und ihr Bruder jetzt keine Feuerholz mehr sammeln müssten. „Und das hier“, sie zeigt auf eine Mischung aus Bank und Regal, auf dem Säcke mit Reis, Salz und Tee stehen, „das hab ich zusammen mit meinem Bruder selbst gebastelt.“ Kurze Pause. „Wir leben hier jetzt zu dritt, mein Bruder, meine Mutter und ich. Mein Vater ist in Myanmar gestorben….“. Sahera senkt den Blick. Dass ihr Vater vom dortigen Militär getötet wurde, sagt sie nicht. Das erzählt mir ihre Mutter später. Sahera wirbelt herum. „Komm, ich zeig dir, was ich am liebsten mache“

Sie packt eine kleine Schachtel aus, offenbar ihre Schminkutensilien. Erst trägt sie eine Art weißliche Paste auf, dann kommt der orange-rote Lippenstift. Das Mädchen wirkt plötzlich völlig versunken, sie scheint mich und den Fotografen komplett vergessen zu haben. Erst als sie fertig ist, blickt sie auf. „Ich schminke mich oft“, sagt sie, „irgendwie fühle ich mich dann anders, besser. Als ob ich jemand anderer bin mit einem besseren Leben.“

Ihr Blick schweift durch den Raum und bleibt an dem langen Seil hängen, über dem Kleidern hängen. „Meine Schätze! Das sind alles meine Kleider.“ Behutsam nimmt sie Stück für Stück ab und breitet alles liebevoll auf dem grossen Teppich im Nebenraum aus. Manche Kleider wirken fast punkvoll: Sie sind mit vielen glitzernden Steinchen bestickt oder haben aufgedruckte Goldleisten. Sahera mag es, wenn es glitzert.

Mich interessiert aber eher der Teppich. Tagsüber wird der eingerollt und ist neben den beiden roten Plastikstühlen der einzige Gegenstand in diesem Raum. Hier schlafen Sahera, ihre Mutter und ihr Bruder nachts, dicht nebeneinander, ohne Bettzeug.

„Eigentlich kann ich alles wie meine Mutter“, sagt Sahera: „Ich kann kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen. Das mache ich alles selbst, ohne meine Mutter. Denn die ist ja tagsüber gar nicht da.“ Die Mutter muss sich nämlich in den langen Schlangen vor den Lebensmittelausgaben anstellen. Das heißt, Sahera und ihr Bruder sind viel allein, ohne Aufsicht. Ihre Hauptaufgabe ist es, mehrmals täglich Wasser holen. Es gibt zwar eine Wasserstelle gleich nebenan. Aber das Wasser dort stinkt oft, weil die Wasserpumpe gleich neben einer Toilette steht. Deshalb füllt Sahera den Krug lieber an einem Brunnen weiter weg, steht dort an, bis sie dran kommt und schleppt den vollen Krug dann wieder heim. Wie die anderen Kinder hier eben auch.

anstellen an Wasserstelle

„Ich bin viel allein“, sagt Sahera. „Meine Freunde aus Myanmar hab ich verloren. Vielleicht sind manche ja im Nachbarcap gelandet oder in einem der Flüchtlingslager, die noch näher an der Grenze sind…wenn sie noch leben. Aber ich weiß es nicht und ich kann sie jetzt nicht mehr sehen.“ Früher habe sie gern mit Knete gespielt, die hatte ihre Mutter ihr geschenkt, aber jetzt habe sie gar keine Spielsachen mehr…

Seit Januar ist ihr Tag aber nicht mehr ganz so langweilig. Denn sie gehe jetzt in die Schule. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Im Schichtbetrieb, also nur zwei oder drei Stunden am Tag, dann kämen schon die nächsten Schüler – es sind einfach zu viel Kinder im Camp und zu wenig Schulen. In Myanmar gab es keine Schulen für Rohingya in der Nähe. Aber hier im Camp haben Hilfsorganisationen welche aufgebaut. „Wir haben ein grosses Klassenzimmer, genauer gesagt ist es ein Gerüst aus Bambusstangen, das mit Strohmatten umwickelt ist. In diesem Raum sitzen Mädchen auf der einen Seite und Jungs auf der anderen. Wir sind etwa 20 Mädchen und 30 Jungs, aber das schwankt von Tag zu Tag.“ Nicht immer kämen alle, besonders jetzt, wo es kalt ist, blieben manche lieber daheim.

Zwei Lehrerinnen haben sie, eine für Birmanisch, die andere für Englisch. Sahera findet Schule toll, vor allem Englisch macht ihr sehr viel Spass. Gerade haben sie ein Lied gelernt, einen richtigen Ohrwurm. Sie beginnt leise zu singen „twinkle, twinkle, little star…“ Sahera versteht zwar noch nicht alle Worte, aber sie trällert es ständig vor sich hin.

Seit sie in der Schule ist, hat sie auch ein paar Freundinnen. Mit denen spielt sie Dorilap, Seilspringen. Eins finde sie allerdings richtig doof hier, meint die Zehnjährige: „In Myanmar haben wir das immer alle zusammen gespielt, aber hier sind Mädchen und Jungs meistens getrennt und Jungs springen hier auch nicht Seil. Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, mit was Jungs hier so spielen, wir spielen eigentlich immer getrennt. Ball vielleicht, aber ich selbst hab noch nie gekickt. In der Schule sind wir getrennt und danach auch.“

Eigentlich habe sie sich mittlerweile an das Leben im Camp gewöhnt, versichert Sahera. Aber wenn sie sich was wünschen könnte, dann hätte sie gerne wieder ihre Knete zurück. Und vielleicht auch eine Puppe. „Aber vor allem wünsche ich mir, dass ich ganz, ganz viel lerne in der Schule. Vielleicht werde ich dann auch irgendwann Lehrerin.“ Die Frage, ob sie wieder zurück nach Myanmar wolle, beantwortet die Zehnjährige erst nicht, sie überlegt lange. Und schüttelt dann ganz langsam aber bestimmt den Kopf.

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Flying corruption

(Regieanweisung:) Szene am Flughafen von Cox’s Bazar, Bangladesch. Boarding zone. Zu sehen ist der überfüllte Wartebereich (der Flug hat Verspätung). Die Erzählerin und ihr bengalischer Freund Gopal sitzen nebeneinander mit Blick auf die Landebahn, rechts von ihnen die Kontrollschleuse mit Gepäckscanner, Metalldetektor-Rahmen und dem Kontrollteam: Eine dickliche Frau hinter dem Computer-Bildschirm, hinter einer Art Tresen eine junge Frau und ein Grenzbeamter in Uniform, direkt vor dem Metalldetektor ein schlanker Mit-Dreißiger im Anzug.

„Soll ich noch einen Kaffee holen?“, frag ich. Aber Gopal ist plötzlich völlig abwesend, scheint sich auf irgendwas anderes zu konzentrieren. Trotzdem bemerkt er meinen fragenden Blick. „Moment, ich kann gerade nicht, ich beobachte gerade was“. Ich folge seiner Blickrichtung: Der Mit-Dreißiger im Anzug tastet gerade einen jungen Mann ab. Auf eine seltsam sanfte Art, streicht er ganz langsam von oben nach unten über die Kleidung mit kleinen kreisenden Bewegungen um die Hosentasche, dann gleiten seine Hände an der Oberschenkel Innenseite nach unten. „Ist der schwul?“, flüstere ich Gopal zu. Aber der zischt nur: „Warte ab. Beobachte!“

Ich kann zwar die Worte nicht verstehen, aber der Anzug-Mann ist honigsüß-freundlich, dass merkt man, er lächelt ständig. Dann lotst er den jungen Mann zum Gepäckscanner. Offenbar ist eine große Tüte das einzige Hand-Gepäckstück des jungen Mannes, der aussieht wie ein Student. Der Anzug läßt den Studenten alles auspacken. „Das sind Süßigkeiten, Spezialitäten aus Myanmar, die kriegt man hier in Bangladesch nicht“, informiert mich Gopal. Mindestens zwanzig Packungen sind jetzt auf dem Band ausgebreitet. Der Anzug grinst den Studenten an, sagt was. Der junge Mann wirkt angespannt. Er schiebt dem Kontrolleur eine Packung Süßigkeiten zu, schaut kurz auf und schiebt dann dem Anzug noch eine Packung zu. Der verabschiedet den Studenten überschwenglich und wendet sich dann dem nächsten Reisenden zu, der durch den Metallrahmen will.

Gopal steht auf, schlendert lässig zum Pfeiler neben dem Kontrollpunkt und positioniert sich direkt hinter dem Anzug-Kontrolleur. Gopal, der Spion…. Der Anzug bemerkt nicht, wer ihm da im Nacken sitzt bzw. steht. Wohl aber die beiden hinter dem Kontroll-Tresen. Sie beobachten Gopal genau, die junge Frau mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

Nach einiger Zeit kommt Gopal zurück und erzählt mir, wie er beobachtet hat, dass diesmal sogar Geldscheine den Besitzer gewechselt hätten. Die Masche sei nicht einmal subtil: Erst verwickelt der Kontrolleur sein Opfer in ein Gespräch, plaudert angeregt, wobei er darauf hinweist, dass das Team ja schon den ganzen Tag hier stünde und es daher ja schon gut wäre, wenn der Reisende dem Team eine kleine Spende geben würde.

Wir beobachten weiter, vor allem auch, weil wir wissen wollen, welche Flugäste hier abgezockt werden. Ausländische Reisende auf jeden Fall nicht. Und die bengalischen Opfer sind immer gut gekleidet, meistens Typ Geschäftsmann. Wir haben insgesamt vier dieser Transaktionen beobachtet, bei denen jedes Mal etwa 200 oder 3oo Taka ‚gespendet‘ wurde, das sind umgerechnet 2 bzw. 3 Euro. Nur bei einem ‚Geschäftsmann‘ lief es anders: Auch er wurde super-sanft abgetastet, umschmeichelt und dann um die Spende angehauen. Der Herr hat gelacht, abgewunken und ist dann einfach weiter gegangen. Ohne jegliche Konsequenzen!

Drei Dinge haben mich bei dieser Szenerie verblüfft: Dass diese Korruption so offen, unverhüllt und unverfroren stattfindet. Dass offenbar das ganze Team eingeweiht oder sogar beteiligt ist und es nicht mal für nötig befindet, den Anzugträger zu warnen, wenn er bei seinem Tun beobachtet wird – so sicher fühlen sie sich. Und drittens, dass fast alle ‚Opfer‘ bei diesem korrupten System mitmachen – obwohl es doch offenbar (wenigstens in diesem Fall) so leicht ist, sich dem zu entziehen.

 

Beaching at Cox’s Bazar

Ich habe Tage in den Flüchtlingscamps verbracht – morgens früh hin und in der Dämmerung zurück zum Hotel. Aber an einem Tag haben wir’s tatsächlich auch mal am frühen Nachmittag aus den Rohingya-Camps geschafft und sind auf kleinen Schleichwegen durch den unglaublich schönen letzten Rest Wald gefahren, der noch nicht für die Camps abgeholzt wurde und immer noch Lebensraum für Elefanten und exotische Pflanzen ist. Unser Ziel war, endlich mehr von dem ‚größten Strand der Welt‘ zu sehen, als den Abschnitt, den ich morgens aus dem Hotelfenster zu sehen kriege.

Strand

Tatsächlich haben wir aber, kaum aus dem Wald raus, erstmal vor allem Boote gesehen. Diese wunderschönen, speziell geformten Fischerboote, mit denen die Fischer oft wochenlang auf dem Meer verbringen – angedockt entlang eines kleinen Flusses, der offenbar gleichzeitig eine Art Haltestelle vor dem nächsten Einsatz und Werkstatt ist.

Ich konnte mich nur schwer sattsehen an diesen farbenfrohen Booten. Aber wir wollten ja zum Strand, möglichst nicht an einen touristischen Abschnitt, entschied ich. Was bei diesem über 120 kilometerlangen Strand ja kein Problem ist. Anhalten, aussteigen und den Sand unter unseren Füßen spüren… Diese Weite! Das beruhigende Blau des Meeres, die sanften Wellen. Vergessen sind die elenden Hütten an den instabilen Sandhügeln. Diesen beruhigenden, meditativen Effekt hat das Meer immer auf mich.

Aber wir sind trotzdem nicht ganz allein hier : Zwei Fischer tragen Körbe, ein anderer etwas, was aussieht wie ein nasses Tuch. Und etwas weiter weg kommt gerade eines der Fischerboote von seinem Fang zurück…

Das Boot ankert aber nicht nur, sondern wird mit vereinten Kräften der Fischer an Land gezogen

Das Boot wirkt riesig neben den vielen Männern. Und als die Männer ihren Fang gleich neben dem gestrandeten Riesen-Hörnchen auskippen, bin ich erst ziemlich gespannt….dann fast schon entsetzt:

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So wenig? Und so kleine Fische? Ich hoffe, dass das wenigstens der Fang von nur einem Tag ist, denn mit dieser Ausbeute können sich die Männer ja wohl kaum finanziell über Wasser halten.

Ein Pfiff. Und schon läuft das nächste asiatische ‚Wikingerboot‘ aufs Trockene…

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Wir müssen langsam wieder los. Obwohl es uns allen schwer fällt, uns von diesem wunderschönen Strand loszureißen. Aber die Muschelausbeute ist bescheiden und unsere Krebs-Fang-Erfolge hundsmiserabel – immer wenn wir näher kommen, gräbt sich das rote Tier so schnell in den Sand, dass es nicht mehr zu sehen ist. krebsAls ich zurück in meine Hotelzimmer bin, merk ich, wie ich noch immer das Gefühl der Wellen an meinen Beinen spüre. Gerade geht die Sonne unter – auch schön, passend zu meiner Stimmung

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Duschen, umziehen…es ist immer noch Zeit bis zum Essen. Ich schwanke zwischen einem Powernap und einem Strand-Shop-Bummel – ratet, welche Idee gewonnen hat 😉

Neben dem üblichen Touri-Klimbim wie Muschelketten, Strandhüte und Souvenir-Schlüsselanhänger gibt es auch hier die typisch bengalischen Kleinigkeiten, wie zum Beispiel Paan. Ihr erinnert Euch? (yvonnekoch.wordpress.com/2014/11/15/want-to-try-paan-der-bengalesische-kaugummi/) Und noch was gilt als bengalische Spezialität: Dry fish – getrockneter Fisch. Hier gibt es große Läden mit allen denkbaren Varianten davon.

Klar, hab ich natürlich auch mal probiert. Aber neben dem bitteren Corolla (auch Korola, Bittergurke oder bitter melon genannt), ist Trockenfisch eines der wenigen Gerichte, die ich nicht unbedingt noch einmal essen will.

Was ich allerdings sehr gerne möchte: Nocheinmal mit ganz viel Muße zurück nach Cox’s Bazar, zurück zu diesem wunderschönen, vom Tourismus fast unberührten und unendlich langen Strand….Vielleicht schaff ich es doch irgendwann mal, nur als Tourist nach Bangladesch zu reisen – Insha’allah!

 

 

The Majhi-system

Die Sicherheitslage in den Rohingya Camps sei sehr unsicher, hieß es. Vor allem für ‚foreigners‘ sei es gefährlich, hieß es. Es habe auch schon Entführungen gegeben, hieß es… Was hab ich nicht alles für Horrorstories gehört vor der Reise.

Dass davon Vieles übertrieben oder sogar falsch ist, hab ich schon vor der Reise in die Camps gewusst: Zum Beispiel gab es zwar Entführungen, aber vor allem in den Chittagong hills – und die sind über 100km von den Rohingya camps entfernt, in die ich wollte. Allerdings warnten mich meine Kontakte und Freunde vor Ort, dass das Militär in dieser Gegend stark aktiv sei und ziemlich pingelige Kontrollen durchführe. Man bräuchte auch Genehmigungen, wenn man in die Camps wolle, sagten manche. Andere beruhigten mich, das sei alles nur ein Aufplustern – die Regierung von Bangladesch wolle den vielen internationalen Hilfsorganisationen nur demonstrieren, dass sie erstens wichtig sei und zweitens die Lage unter Kontrolle habe. Insofern war ich ziemlich gespannt, wie es in den Camps tatsächlich zugeht.

Um es schon mal vorweg zu nehmen: Von den bengalischen Militärs hab ich nur sehr wenig mitgekriegt: Kurz vor dem Zugang zu den Camps war eine kleine Schranke aufgebaut, die etwa die Hälfte der Straße absperrte. Dort standen zwei Männchen in Tarnanzug und hielten ab und zu Autos an. Das sah ziemlich willkürlich aus. Und kontrolliert wurden vor allem Einheimische, war mein Eindruck. Unser Auto mit dem Label einer Hilfsorganisation wurde jedenfalls nie angehalten. Und in den Camps selbst hab ich nicht einen Uniformierten gesehen. Ja, das Militär sei selten hier, bestätigt mir einer der NGO-Mitarbeiter im Camp Balukhali dann auch.

Aber irgendein Ordnungssystem, sowas wie Polizei muss es ja schon geben… Immerhin leben in den Camps Hunderttausende auf engstem Raum zusammen. Und keiner kann mir erzählen, dass es da nicht zu Streit, Diebstählen oder sogar Schlimmerem kommt. Dafür gibt es das Majhi-System, verrät mir Maleque, einer der Ortsansässigen, die hier nur ‚locals‘ genannt werden. Majhi, gesprochen ‚Madschi‘ – nie gehört. Meine erste Assoziation ist die Würzsauce meiner Kindheit und offenbar hab ich deshalb einen verblüfft-dümmlichen Gesichtsausdruck. Jedenfalls wird mir dann erklärt, dass das eine Art Verwaltungssystem innerhalb der Rohingyas ist. Aber das könne mir ein Majhi wahrscheinlich besser erklären. Und schon ist Maleque weg….

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Kurz danach taucht er mit einem Mann im Schlepptau wieder auf: Drahtig, graumelierter Bart, Hemd oben, Lungi unten und Wollmütze auf dem Kopf. Das ist der Majhi der umliegenden Familien, stellt der NGO-Mitarbeiter ihn vor, sein Name sei Nur Mohammad. Ich stelle mich auch vor. Habib, mein Dolmetscher, übersetzt. Und ich merke schnell, dass dieser Majhi ziemlich aufgeschlossen ist und mir ganz bereitwillig meine Fragen beantwortet. Das Majhi-System, erklärt er, ist quasi eine Kooperation zwischen den Rohingya und dem Militär von Bangladesch. Weil die Militärs diese Masse von Menschen in den Camps niemals alleine kontrollieren und organisieren könnten, haben sie angesehene Männer innerhalb der Flüchtlinge als Helfer eingesetzt. Er selbst sei einer der Sub-Majhis, damit sei er für 100 Familien hier im Block 2 im Camp Balukhali zuständig. Das heißt, er weiß, wieviel Kinder geboren werden, wer krank oder gestorben ist, wo und wann Hilfsgüter verteilt werden und er schlichte auch kleinere Streitigkeiten.

Außerdem befehlige er eine Art kleine Bürgerwehr, also Freiwillige, die vor allem nachts patroullieren und nach dem Rechten sehen. Alle Sub-Majhis in diesem Camp unterstehen dem Maghi, der für das ganze Camp zuständig ist und der wiederum ist dem Ober-Majhi untergeordnet, der den Überblick über alle Camps hat und eng mit dem bengalischen Militär zusammenarbeitet.

Der Majhi hat sich warm geredet, er wirkt locker und offen. Also versuche ich das zu nutzen: Was denn, seiner Meinung nach, die Hauptprobleme im Lager seien, frag ich. Und bin verblüfft über die Antwort: „Elefanten“

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Die würden nämlich nachts immer öfter in die Camps eindringen, wahrscheinlich weil sie Essen riechen würden oder einfach wieder zurück in ihre Wälder wollten. Klar, denk ich, da wo sich jetzt die Flüchtlingscamps über Kilometer an und zwischen die Hügel quetschen war davor ja alles bewaldet – der Lebensraum unter anderem auch von wild lebenden Elefanten. Jedenfalls kämen die grauen Riesen nachts und trampelten alles nieder, auch Menschen seien da oft unter den Opfern.

Ein anderes Problem im Moment seien die ‚locals‘, meint der Majhi. Es komme immer öfter vor, dass die ebenfalls nachts bewaffnet in die Camps einfallen. Die Stimmung gegen die Flüchtlinge sei zum Teil sehr aggressiv. „Wir sind an allem schuld, in deren Augen“. Ich beobachte ihn, während er das sagt. Er presst die Kiefer aufeinander, seine Stimme wirkt jetzt fast etwas trotzig. Wie alt er wohl ist? Wenn er lacht, schätze ich ihn auf dreißig, aber jetzt gerade… mindestens 10 Jahre älter. Ich frag ihn nach seinem Alter – auch damit sich sein Kiefer wieder lockert. Er sei 45 Jahre alt, meint Mohammad Nur, jedenfalls ungefähr. Er lacht. Klar, Geburtstage sind weder in Myanmar noch in Bangladesch besonders wichtig und hier wie dort wird bei den Dokumenten diesbezüglich schon auch mal geschummelt. Wir lächeln uns an. Dann frag ich weiter: Bei so vielen Menschen, die auf engstem Raum zusammenleben gibt es doch bestimmt auch noch andere Probleme. Wie sieht es da aus? Der Majhi lehnt sich selbstsicher zurück, drückt die Knie weit auseinander und versichert mir, dass da das Majhi-System hervorragend greife – sie hätten die Querelen und kleiner Diebstähle ganz gut im Griff. Ich fixiere seine Augen. Tatsächlich? Gibt es wirklich keine anderen Probleme?

Jetzt rutscht er auf dem Stuhl ganz nach vorne, das Lächeln verschwindet. Ich kann förmlich spüren wie ‚der Rolladen runtergeht‘. Jetzt ist es an mir, beruhigend zu lächeln und zu erklären, dass unser Gespräch in Bangladesch ja nicht zu hören oder lesen sein wird. Ich schreibe ja nur in deutsch und veröffentliche auch nur in Deutschland… Er zögert, wieder malmt der Kiefer, eine Ader an der Schläfe pocht. „Ja“, sagt er dann langsam, „es gibt auch noch andere Probleme…“ Erst vor ein paar Tagen sei zum Beispiel ein kleines Mädchen hier entführt worden. Die Eltern hättten kurz danach Bilder von ihr aufs Handy geschickt bekommen mit einer Lösegeld-Forderung. Lösegeld? Von geflüchteten Rohingyas? Das wundert mich, die hatten doch bestimmt kein Geld gehabt. Majhi Nur legt den Kopf schief und spricht jetzt ganz leise: Wenn man sein Kind wiederhaben wolle, komme man schon irgendwie an Geld. Dann schaut er mich wieder direkt an. Sie hätten den Erpresser dann nach der Geldübergabe verfolgt und ihn dann samt Komplizen gefasst. Das Mädchen sei auch wieder bei den Eltern. Ich halte den Blick fest… Ich hätte auch noch von anderen Problemen gehört. Wie manche Menschen auch noch auf andere Art an Geld kämen. Seine Augen weiten sich, er senkt den Blick, rutscht auf dem Stuhl hin und her. Ich warte, blicke ihn aber weiter an. Dann plötzlich seufzt der drahtige Mann, seine Schultern hängen nach vorne. Es sei so eine Schande, sagt er. Und er wünschte, er müsste nicht darüber sprechen. Sein Blick streift mich nur flüchtig. Ich sage nur ein Wort: „Please“

Er räuspert sich. Ja, es gäbe da noch ein Problem. Und das hätten die Majhi leider nicht im Griff… Es gäbe immer öfter Fälle von… er holt tief Luft…Prostitution im Lager. Mädchen und junge Frauen verschwänden plötzlich und würden dann in einem anderen Camp oder in Cox’s Bazar ‚angeboten‘. Und alles deute darauf hin…er schüttelt resigniert den Kopf…dass nicht nur ‚locals‘ zu diesem Verbrecher-Ring gehören, sondern auch seine eigene Volksgruppe. Dass Rohingyas ihre eigenen Frauen zum Sex zwingen. Dass mache ihn fassungslos. Er schäme sich für diese Menschen.

Fast bin ich versucht, ihm die Hand auf den Arm zu legen. Aber nur fast. Das ist in Bangladesch und bestimmt auch in Myanmar einfach ein No-Go. Also nicke ich nur verständnisvoll und bedanke mich für seine Offenheit.

Mir schwirrt der Kopf als ich sein Zelt verlasse. Eigentlich hätte ich noch viele Fragen. Aber ich habe gemerkt, dass jede weitere im Moment zu viel wäre. Manchmal muss man es eben auch gut sein lassen…

 

 

 

 

 

Two completely different sand-impressions

Wir sind heute von Dhaka nach Cox’s Bazar geflogen, dass ist die Stadt mit dem größten Sandstrand der Welt – heißt es. Ach und wir, das sind Jabed, diesmal wieder mit unterwegs als mein Fotograf und Gopal, der mich ja meistens auf meinen Reisen in Bangladesch begleitet.

Vom Flughafen aus geht’s direkt zum größten Rohingya camp – ich will mir gerne erstmal einen Überblick über die Situation verschaffen, bevor die richtige Arbeit morgen losgeht. Direkt ist allerdings relativ, denn es ist eine mindestens einstündige Strecke, ja nach Verkehr. Und ein gutes Stück Straße läuft erstmal parallel zum größten Sandstrand der Welt….

Nach und nach geht’s aber weg vom Strand, durch Straßendörfer durch, in denen ziemlich viel Verkehr herrscht – und mit allem gehandelt wird, das man sich vorstellen kann. Vom Kochtopf bis zum kompletten Bett gibt es hier alles. Und dazwischen steht immer wieder eine Kuh. Auch mitten auf der Straße. Wie in Indien 😉

Dann passieren wir eine einspurige Brücke…. das heißt, wir wollen gerne rüber, aber alles staut sich. Und der Grund dafür ragt weit über die Rikscha vor mir auf, zeigt mir den dicken, grauen Hintern und bewegt sich ziemlich gemächlich: Ein ausgewachsener Elefant! Nein sogar zwei

Erst der unglaubliche Sandstrand, dann die Fahrbahn entlang von kleinen Hainen und jetzt noch die Elefanten – kein Wunder, dass ich erstmal auch ganz begeistert über die kleinen Häuschen bin, die sich wie eine Terrassensiedlung an die sanften Hügel schmiegen. Aber der erste Eindruck täuscht. Denn die kleinen Häuschen stellen sich schnell als zusammengeschusterte Hütten heraus – erste Ausläufer der Rohingya-Camps.

Es gibt hier mehrere Camps, wir steuern aber das größte an. Hier hat die deutsche NGO CBM nämlich gerade erst ein Hilfsprojekt aufgebaut, das ich auf jeden Fall sehen will. Raus aus dem Auto, das letzte Stück – etwa 15 Minuten Weg – geht’s zu Fuß.

Die Wellblechhütten am Weg entlang sind in der Regel Anlaufstellen der verschiedensten Hilfsorganisationen. Hier tummelt sich alles, was ‚Rang und Namen‘ hat in diesem Geschäft: Ärzte ohne Grenzen, Save the Children, UNHCR oder auch einheimische NGOs wie die bengalische BRAC.

Es gibt unglaublich viele Kinder hier. Viele springen nackt herum, andere erledigen zum Teil schwere Arbeiten: schleppen Holz, Bambusstangen, schweißen Metall zusammen, hacken Löcher und Kanten in die Hügel. Wie gesagt, die sind zum Großteil terrassenförmig angelegt, mit eingekerbten Treppen. Und jetzt erst seh ich, dass die Hügel eigentlich nur aus festgestampftem Sand bestehen. Von wegen idyllische Terrassenanlage – ein starker Regenguss und viele der Häuser, Latrinen und Wasserstellen rutschen einfach ab…

Für die Lager wurden übrigens ganze Baum-Haine gerodet, die sich sonst über die Hügel ziehen. Totaler Kahlschlag an vielen Stellen. Trotzdem luckt auch immer mal wieder was Grünes aus diesem Plastik-Sand-Einerlei – und dann wirkt das endlos triste Lager plötzlich doch fast auch ein bisschen schön.

Dann haben wir’s geschafft: Die Registrierungsstelle der Christoffel-Blindenmission (CBM) taucht vor uns auf. Hier kann jeder um ärztliche Hilfe anfragen, wird erst von einem Arzt untersucht und eingeschätzt, dann an Spezialisten oder Therapeuten verwiesen, die gleich in der nächsten Zelt-Parzelle auf Hör- oder Sehschwächen untersuchen. Oder psychische und physische Beratung anbieten.

Gleich nebenan hat heute eine Art Schule aufgemacht. Wir kommen gerade noch richtig, um ein paar der rund 60 Kinder zu sehen, die hier ein bisschen beschult werden, vor allem aber einfach einen Raum haben, wo sie spielen und den tristen Lageralltag vergessen können.

Es ist kurz nach 16 Uhr, wir müssen das Lager verlassen, heißt es. Denn es wird bald dunkel und nachts darf kein foreigner mehr hier sein – das sei viel zu gefährlich.

Vielleicht krieg ich morgen mehr darüber raus, wie es in punkto Gewalt, Korruption und Prostitution hier im Lager zugeht…