Encounters in Gaibandha

Wie ein Schwamm sauge ich die Geschichten, Alltagsszenen und Erlebnisse auf, wenn ich in Bangladesch bin. Denn ich lerne so viel in diesem Land…Nützliches (wie Hausmittel gegen Durchfall), Beeindruckendes (was Menschen gegen alle Widrigkeiten leisten können) oder einfach nur Schönes. Und heute möchte ich einiges davon mit Euch teilen: Begegnungen in Gaibandha, im Norden von Bangladesch.

gaibandha Mädchen

Besonders faszinierend finde ich den Alltag von Kindern hier, denn obwohl Gaibandha zu den ärmsten Regionen von Bangladesch gehört, machen die Mädels und Jungs hier keinen unglücklichen Eindruck. Sie müssen zwar oft schon von klein auf mitarbeiten und manchmal ist die Arbeit auch bestimmt nicht leicht, aber sie haben auch viel mehr Freiheiten als zum Beispiel in der Hauptstadt Dhaka.

 

Dieser Junge zum Beispiel hat eine wichtige Funktion beim Fährbetrieb auf einem der großen Flüsse in Gaibandha, dem Tista. Sobald das Boot in die  Nähe des Ufers kommt springt er ins Wasser, zieht und schiebt es in die Anlegeposition und macht es mit einem Seil am Steg fest. Beim Ablegen muss er das Boot dagegen mit der Stocherstange in die tiefere Fahrrinne bringen, erst dann wird der Außenbordmotor angeworfen. Es sind nur wenige Cent, die er so am Tag verdient und für den kleinen Mann ist das körperlich zum Teil auch anstrengend. Trotzdem nimmt er seine Aufgabe sichtbar ernst und wirkt stolz, dass er seine Familie auch schon unterstützen kann.

 

Das Boot gehöre seinem Onkel. Der sei ein reicher Mann, sagt er…. Reich ist hier nämlich, wer ein Boot oder einen der flachen, langen Holzkähne besitzt. Denn in diesem Teil von Bangladesch ist ein Boot vor allem ein wichtiges Fortbewegungsmittel – immerhin sind weite Teile dieses Distrikts über Monate überflutet. Mich beeindruckt jedes Mal, was alles in so einen Kahn passt: Fünf Motorräder mit etwa 20 Leuten und großen Füttersäcken, das ist keine Seltenheit.

 

Oder die Boote werden zum Fischen benutzt und helfen, große Netze quer über den Fluss zu spannen. Und in Monsunzeiten werden sogar ganze Häuser damit transportiert: Die Seitenwände aus Bambus und Strohmatten sind dann fein säuberlich zerlegt und das riesige Wellblechdach wird in einem abenteuerlichen Balanceakt über das ganze Boot drapiert.  Auf jeden Fall verdient der Bootsbesitzer bei jedem Transport etwas. Besonders, wenn die Flüsse über die Ufer treten und zu reißenden Wassermassen werden – je größer die Notsituation, desto teurer die Bootsmiete!

Gaibandha Kinder im Fluss

In einem kleinen Dorf hab ich eine für mich neue Art des Dreschens entdeckt: Während bei uns das Getreide früher mit Dreschschlegeln bearbeitet wurde, um das Korn vom Stroh zu kriegen, schlagen diese jungen Männer die Reisbündel auf eine Art Tisch. Erst hab ich mich gewundert, dass kein großes Tuch oder ähnliches auf dem Boden ausgebreitet war….immerhin wäre es leichter gewesen, die Reiskörner nach dem Dreschen damit einzusammeln. Mittlerweile weiß ich aber, dass bei dem ‚Tisch‘ unter der Tisch-Platte eine Art Trog angebracht hat, in den die Reiskörner fallen.

Das Reisstroh wird danach vielfältig genutzt: Die Jungs mit dem Fahrrad zum Beispiel brauchten nur wenige Bündel, um ein Stalldach auszubessern. Ansonsten wird es als Vieh-Zusatzfutter oder Stalleinlage benutzt, manchmal zum Anfeuern oder aber es werden Strohmatten daraus geflochten.

 

Als ich den Heuwagen mit Zugtier gesehen hab, ist mir aufgefallen, dass es in Gaibandha relativ wenige Esel oder Mulis gibt. Wahrscheinlich sind die Tiere im Unterhalt für viele Familien doch zu teuer. Deshalb schleppen die Menschen hier selbst unhandliche oder schwere Lasten oft einfach selbst…

 

Aber an einer andere ‚Last‘ haben manche Menschen hier enorm schwer zu tragen: Behinderungen. Eigentlich sieht man in jedem Dorf Kinder und Erwachsene, die blind sind, hinken oder sogar ein Körperteil amputiert haben oder bei denen das Gesicht mit Hasenscharten oder ähnlichen Fehlbildungen verunstaltet ist. Mit einigen dieser Menschen hab ich gesprochen und mir ihre Geschichte erzählen lassen.

Da ist zum Beispiel die 16jährige Shantona, die jahrelang tagsüber allein Zuhause bleiben musste, weil blinde Kinder in der Dorfschule nicht aufgenommen werden. Aber das toughe Mädchen hat sich trotzdem selbst ‚gebildet‘, indem sie viel Radio gehört und so ihr Wissen, ihr Vokabular und ihre Aussprache geschult hat – mit dem Effekt, dass ihr Bangla bald weit besser war als das von anderen Kindern. Was wiederum einem Sozialarbeiter aufgefallen ist, der ihr einen Platz an einer Schule für Sehbehinderte samt einem Stipendium vermittelt hat.

Amirons Geschichte ist nicht ganz so ambitioniert: Sie ist nach einer Windpocken-Erkrankung erblindet, da war sie ein Jahr alt. Und schon früh hat die heute 38jährige die extreme Ausgrenzung erfahren, der man mit einer Behinderung in Bangladesch ausgesetzt ist – Arbeit wollte ihr zum Beispiel keiner geben. Sie hat sich mit Betteln durchgeschlagen, mehr schlecht als recht. Bis sie in das Hilfsprogramm der Christoffel-Blindenmission aufgenommen wurde. Betteln muss sie jetzt nicht mehr, denn sie züchtet jetzt Kühe. Damit ist auch ihr Status im Dorf ‚gestiegen‘ und sie darf jetzt auch auf den Feldern der Nachbarn mitarbeiten – gegen Bezahlung versteht sich.

 

Generell hab ich den Eindruck, dass sich allein in den vier Jahren, in denen ich immer wieder in Gaibandha unterwegs bin, schon einiges verändert hat. Eindeutig zum Besseren! Selbst auf dem Land, wo die Menschen meist wenig Schulbildung haben und eine Behinderung lange als Strafe Gottes für begangene Sünden gesehen wurde – selbst dort sehe ich immer öfter, wie Menschen mit Behinderung in einer Gruppe unterwegs sind, dazugehören oder sogar eine wichtige Position in ihrem Dorf einnehmen. Schaut Euch zum Beispiel mal dieses Bild an:

Bangladesch Reise 15-Harrys Foto

Foto: Harry Maskallis

Der Junge vorne rechts. Eine üble Fehlbildung, die mehr als offensichtlich ist. Trotzdem war er bei dieser Horde neugieriger Kids immer mit dabei, hat wie alle anderen auch mit uns gelacht, Quatsch gemacht und sich auch auf den Fotos nicht versteckt. Er hat offenbar seinen Platz unter Freunden gefunden – Für mich ein deutliches Zeichen, dass sich in Bangladesch doch was bewegt in Richtung Inklusion!

 

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A difficult decision

Die Anreise zum zweiten Dorf ist fast noch abenteuerlicher als die erste: Mit dem Motorrad geht es zum Teil über lange sandige Strecken, bei denen die Räder immer wieder abrutschen oder durchdrehen.

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Foto: Harry Maskallis

Dann wieder durch schlammige Pfützen oder sogar kleine Flüsse, die ganz plötzlich auch tiefere Stellen aufweisen. Deshalb steigen wir sicherheitshalber vom Motorrad, krempeln die Hosen hoch und waten durch das Wasser. Es ist etwas kühler als die Lufttemperatur, ziemlich angenehm und ich merke, wie sich wieder dieses komische Gefühl einstellt…entspannt-entschleunigt-harmonisch…genau hier und genau jetzt bin ich richtig!

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Foto: Harry Maskallis

Aber es geht weiter! Und der nächste Fluss hat noch erstaunlich viel Wasser, jedenfalls zu viel, um durchzulaufen. Deshalb werden jetzt alle fünf Motorräder auf den kleinen Kahn geladen. Und wir haben tatsächlich trotzdem auch noch Platz.

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Foto: Harry Maskallis

Irgendwann kommen wir dann am zweiten Projekt-Dorf an. Die Bewohner wohnen erst seit etwa einem Jahr hier, denn nach der letzten großen Flut im vergangenen Jahr ist ihr eigentliches Dorf regelrecht abgesoffen – von der Schwemmlandinsel auf der es stand ist heute nichts mehr zu sehen. Auch hier werden wir sofort von vielen Menschen umringt, dieses Dorf scheint deutlich mehr Bewohner zu haben als das letzte….aber irgendetwas ist anders, etwas, das ich erst noch nicht greifen kann…

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Foto: Harry Maskallis

Gopal, unser Begleiter der örtlichen Hilforganisation, schreitet mit uns genau den Bereich ab, der in diesem Dorf höher gelegt werden soll. Es ist ein deutlich größeres Gebiet, aber die Dorfältesten scheinen sich nicht so ganz einig zu sein, wo genau die Grenzen verlaufen sollen. Auch darüber, um wieviel Fuss das Dorf letztendlich angehoben werden soll, herrscht keine Einigkeit. Ein Mann mit weißem Bart und weißem Nachthemd – Verzeihung – traditionellen Gewand, zeigt immer wieder auf eine Schlammspur an der Wellblechhütte, vor der wir stehen. So hoch wäre das Wasser gestanden, behauptet er und die Markierung geht ihm dabei fast bis zur Brust. Ein jüngerer Mann widerspricht, das Wasser sei zwar bis zu der Markierung gestanden, aber die Hütte sei ja nachträglich auf einen Betonsockel gestellt worden und den müsse man ja wieder abziehen. Plötzlich reden alle durcheinander, jeder scheint es besser zu wissen und erst als Gopal sich etwas entnervt abwendet, eilen die Männer dienstbeflissen hinterher.

Bangladesch Reise 15-273 (2)

Foto: Harry Maskallis

Wir suchen einen Schattenplatz, ein Vorbau an einer Hütte, der wohl sowas wie ein Versammlungsplatz sein soll. Wieder sind wir umringt, wieder diskutieren alle durcheinander, als es darum geht, was genau hier im Ort verbessert werden soll. Gopal erklärt mir auf meine erhobene Augenbraue hin, dass das schon das Konzept seiner Hilfsorganisation sei: Die Dorfbewohner selbst sollen mitentscheiden, wie ihre Situation verbessert und sie selbst vor der Flut geschützt werden können. Ich schaue in die angestrengten Gesichter um mich herum…und da plötzlich fällt mir auf, was hier anders ist: Die Frauen fehlen!

Sie stehen Meter entfernt in Gruppen zusammen, die kleinen Kinder sind bei ihnen und werden zurückgezogen, wenn sie neugierig wie sie sind, auch zu den ‚Hellhäutigen‘ wollen.

Harry, unser Fotograf, meint sogar, dass er hier zum ersten Mal erlebt hat, dass sich eine Frau weggedreht hat, als er fotografieren wollte…

Bangladesch Reise 15-276 (2)

Foto: Harry Maskallis

Auch wenn uns drei ‚Sadar chamra manush‘ diese Dorf-‚Gemeinschaft‘ eindeutig weniger zugesagt hat als die vorige, diese Gefühle sollten bei der Entscheidung, welches Dorf letztendlich unterstützt wird, keine Rolle spielen.

Marcel hat es sich wirklich nicht leicht gemacht, hat nochmal alle Argumente für die beiden Dörfer gegenübergestellt: Im ersten Dorf leben 11 Familien, darunter ein Kind mit einer Behinderung. Das Dorf ist von allen Seiten von Wasser bedroht, weil es auf einer Insel mitten im Fluss Teesta liegt. Die Besitzverhältnisse sind hier klar, der Plan für Bauarbeiten steht und alle sind bereit, sofort loszulegen.

Im zweiten Dorf dagegen leben 40 Familien mit vier behinderten Menschen. Sie sind finanziell schlechter gestellt, aber die Landverhältnisse sind alles andere als klar. Außerdem konnten sich die Bewohner immer noch nicht auf einen Bau- und Hilfsplan einigen.

Eine Nacht hatte Festivalleiter Marcel sich ausbedungen für die Entscheidung. Und am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück stand dann fest:

Von den Geldern, die bei den Clingenburg-Festspielen 2015 gespendet wurden, wird das Dorf Char Charita Bari unterstützt.

Fast feierlich verkündigt Marcel das. Und er fügt hinzu, dass der Hauptgrund für diese Entscheidung war, dass er etwas Nachhaltiges unterstützen will, ein Projekt, das Aussicht auf Erfolg hat. Und gerade weil es so ein ambitionierter Plan ist, ein ganzes Dorf rund zwei Meter höher zu legen, gerade deshalb sollte es von allen Dorfbewohner gemeinsam mitgetragen werden.

 

 

 

 

 

Mission impossible? – No way!

Helfen wollen, ein bisschen Spenden sammeln, ein passendes Projekt finden und dann wird alles gut….

So läuft das leider gar nicht!

Umso besonderer ist deshalb der Hauptgrund für meine dritte Reise nach Bangladesch: Im April wurde im Deutschlandfunk ein Beitrag von mir ausgestrahlt und hatte (mindestens) einen speziellen Hörer – Marcel, der Leiter der Clingenburgfestspiele. Mit Feuereifer haben er und seine Darsteller unter den Festspielbesuchern für Menschen in Bangladesch gesammelt, und zwar für die, die oft ausgegrenzt, versteckt oder sogar ausgesetzt werden: Menschen mit Behinderungen.

Dabei sind 20 000 Euro zusammen gekommen. Dieses Geld sollte möglichst komplett an ein Projekt gehen, das inklusiv, effektiv und nachhaltig arbeitet. Weil ich in Bangladesch mittlerweile ein ganz gutes Netzwerk habe, haben wir dafür eine lokale, einheimische Hilfsorganisation (NGO) gefunden. Aber wir waren geschockt zu erfahren, dass rund ein Drittel des Geldes nicht bei diesem Projekt ankommen würde, wenn es einfach nach Bangladesch überwiesen wird – irgendwelche Bank-, Steuer-, und Zollgebühren fallen da wohl an. Und die einzige Möglichkeit, das zu umgehen, ist es das Geld persönlich zu überbringen, pro Person darf nämlich eine bestimmte Summe ganz legal eingeführt werden.

Also war schnell klar, Marcel, sein Freund Harry und ich spielen Geldboten und das hat auch ohne Probleme geklappt (abgesehen von meinem Intermezzo in Kuwait, siehe Blogartikel vom 1. November: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/01/gestrandet-aber-fuer-reis-ist-gesorgt/).

Dass sich eine NGO über jede Geldspende freut, liegt in der Natur der Sache. Aber dass sie für uns eine ganz besondere Projektreise organisieren, dass ist nicht selbstverständlich. Jedenfalls hat ‚unsere‘ Hilfsorganisation, das Centre for Disability and Development (CDD), uns erstmal per Auto nach Gaibandha verfrachtet, ein Distrikt im Norden von Bangladesch, in dem drei große Flüsse und ein feines Geflecht von unzähligen kleinen, jedes Jahr für Überschwemmungen sorgen. Denn – so die Philosophie von CDD – das Geld soll nicht irgendwo anonym und für die Spender nicht mehr nachverfolgbar verteilt werden, sondern Marcel soll direkt vor Ort sehen, was mit dem Geld in Gaibandha gemacht, welchen Menschen wie geholfen werden kann. Und dann soll er selbst, stellvertretend für alle Spender, entscheiden, wohin das Geld fließt…

Das NGO-Knäuel

Bangladesch ist nicht mal halb so groß wie Deutschland, aber dieses kleine Land hat etwa doppelt so viele Einwohner, 161 Millionen Menschen leben dort. Die meisten unterhalb der Armutsgrenze. Diese Not herrscht eigentlich seitdem Bangladesch von Pakistan unabhängig wurde, also seit 1971. Deshalb war die Bangladeshi-Regierung auch froh, dass sich viele Staaten und nicht-staatliche Hilfsorganisationen (NGOs) bereit erklärt haben, dieses bitterarme Land zu unterstützen.

Aber genau diese Hilfe macht dem kleinen Land mittlerweile zu schaffen: Es tummeln sich mindestens 2333 NGOs in Bangladesch.

Manche sorgen für sauberes Trinkwasser, andere kämpfen gegen Armut, Überschwemmung und Analphabetismus oder setzten sich für behinderte Menschen ein. Jedenfalls ist das das erklärte Ziel der NGOs.

Weil sie aber zum Teil gleiche Ziele verfolgen, also zum Beispiel die Situation von behinderten Menschen zu verbessern, blockieren sie sich auch schon mal gegenseitig. Da will die eine NGO besser wissen, was zu tun ist und deshalb die Richtung vorgeben – was natürlich den anderen nicht gefällt. Oder aber sie sind so fixiert, auf ihre ‚Leuchtturm-Projekte‘, dass sie nicht links und rechts schauen und dadurch das naheliegende übersehen.

Beispiel gefällig: In einem kleinen Dorf  bei Gaibandha, einem Überschwemmungsgebiet, wurde für die 28jährige Anjuara das Haus erhöht und eine Rollstuhlrampe dazu gebaut. Anjuara ist Näherin und gehörlos.  Und damit sie sich selbst versorgen kann, wurde ihr eine manuelle Nähmaschine finanziert (Strom gibt es in dem Dorf nicht überall). Das war das NGO-Standard-Programm für die Menschen mit Behinderungen, die für das Hilfsprojekt ausgewählt wurden.

Aber warum braucht eine gehörlose Frau eine Rollstuhlrampe? Wäre der Frau nicht viel besser mit einer Lampe geholfen? Immerhin kommuniziert sie über Gebärdensprache, die Gebärden muss sie sehen können und dafür bräuchte sie – wenigsten ab Sonnenuntergang – Licht.

Diese Fragen haben die NGO-Mitarbeiter zum Teil völlig aus der Bahn geworfen. Aus der Perspektive der Menschen mit Behinderungen zu denken, ist in Bangladesch noch Neuland.

Aber die NGO-Mitarbeiter konnten die Rampe erklären: Dadurch dass Anjuara geholfen wurde, ist sie zu einem ‚Leuchtturmprojekt‘ geworden, eine Anlaufstelle für andere behinderte Menschen aus dem Dorf. Anjuaras Haus ist quasi eine Beratungsstelle und dient jetzt auch gleichzeitig als hochwassersichere Zuflucht –  und die muss eben barrierefrei sein.

Zur Ehrenrettung dieses Projekts muss ich auch noch erwähnen, dass Anjuara mittlerweile sogar an einem Kurs mit der offiziellen Bangla-Gebärdensprache teilnimmt – für sie ist das das erste Mal, dass sie mit anderen Gehörlosen kommunizieren kann. Eine Solarlampe hat sie – nach meinem letzten Stand – aber immer noch nicht

Armut begünstigt Behinderung und Behinderung bringt Armut!

Diesen Satz kannte ich schon vor meiner Reise. Klar wusste ich, dass arme Menschen besonders in Entwicklungsländern kaum eine Chance haben, aus der Armut rauszukommen. Und natürlich war mir auch bewusst, dass behinderte Menschen es überall schwerer haben. Aber, ganz ehrlich, das war reines Vernunftwissen, richtig vorstellen konnt ich mir den Zusammenhang nicht. Von daher war Bangladesch wahrscheinlich genau das richtige Land, um den Zusammenhang von Armut und Behinderung für mich greifbar zu machen.

Wir haben Einrichtungen von verschiedenen NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) besucht, die in ihren Projekten entweder gezielt arme Menschen fördern oder gezielt Menschen mit Behinderungen – und weil eben dieser Zusammenhang zwischen Behinderung und Armut besteht, arbeiten die Hilfsorganisationen manchmal auch zusammen.

Aber ich will mal etwas konkreter werden: Die wenigsten Behinderungen in Bangladesch sind angeboren. Die Hauptursachen sind

– falsche medizinische Behandlung. Da wird zum Beispiel entweder aus Unwissenheit oder aus Armut auf die heilende Augensalbe verzichtet und stattdessen mit Beschwörungsformeln und Räucherwerk gegen das Erblinden gekämpft.

– Verkehrsunfälle. Der Verkehr ist absolut chaotisch in Bangladesch, Ampeln gibt es kaum, Fahrbahnmarkierungen auch nicht und man hat den Eindruck, dass jeder einfach fährt, wie’s ihm passt. Eine Straße zu überqueren ist lebensgefährlich, es ist üblich, auf den Dächern von Bussen und Zügen mitzufahren und es scheint auf den Straßen das Recht des Stärkeren zu gelten…

– Arbeitsunfälle. Besonders in der Erntezeit gibt es die gehäuft, weil zum Beispiel Jugendliche und Kinder zum Ernten der Früchte in die meterhohen Bäume klettern – ungesichert versteht sich – und dabei leider sehr oft runterfallen. Oder aber Arbeiter verletzen sich an überalterten Maschinen – die in der Regel auch ohne jeden Arbeitsschutz bedient werden.

– schlechte Ernährung. Unter- oder Mangelernährung ist bei vielen Bangladeschi Alltag. Selbst wenn sie wüssten, dass durch unausgewogene Ernährung Knochen schlechter wachsen oder verformt werden und auch Gewebe und Organe geschädigt werden, sie haben meistens keine Wahl.

Und noch eine krasse Zahl zum Schluß: Von den 161 Millionen Bangladeschi haben offiziell mindestens 10% Behinderungen (die Zahlen schwanken, je nach Erhebungsraster, manche sprechen auch von 16%). Das sind aber nur die Menschen, um deren Behinderung man weiß – weil Behinderungen in Bangladesch als Schande gelten, ist die Dunkelziffer enorm hoch.

Rana Plaza und was davon übrig ist Teil 2

Unweit der inklusiven Schule von Yanur gibt es ein kleines Ausbildungszentrum – das klingt gewichtig, besteht aber eigentlich nur aus ein paar Baracken, freistreunenden Ziegen, ein paar Hühnern und einigen Hütten, in denen die ‚Azubis‘ und ihre Familien leben. In den Lehmbaracken gibt es verschiedene Ausbildungszweige: Surrende Nähmaschinengeräusche verraten schon von weitem, dass im ersten Raum das Schneiderhandwerk gelehrt wird. Es sind vor allem Frauen, die hier etwas verschüchtert hinter ihren Singer-Nähmaschinen vorlugen, aber auch drei Männer versuchen sich an der Kunst des Kleidermachens. Im Raum nebenan sitzen dagegen nur Männer. Sie werden zu Computerprogrammierern ausgebildet und auch im dritten Raum überwiegen die Herren: Eine Frau unterrichtet hier etwa 12 Männer, die Elektriker werden wollen. Sie hantieren mit Lötkolben, Schraubenzieher und einer werkelt sogar an einer Computerplatine rum. Amzad Hossion ist einer dieser Auszubildenden. Er ist 22 Jahre alt, hat eine Frau und sitzt im Rollstuhl. Denn auch er ist eines der Opfer des Rana-Plaza-Einsturzes im April 2013. Anders als Yanur sprüht Amzad aber vor Energie.

Mit weit ausholenden Gesten erklärt er mir, dass er in der Textilfabrik als Maschinist gearbeitet hat und für die Wartung der Nähmaschinen zuständig war. Er arbeitete im 4. Stock und schon Tage vor dem Unglück waren dort Risse an den Decken und Wänden zu sehen. Amzad kann sich noch an ein lautes, unheimliches Geräusch erinnern, denn als das Gebäude einstürzte, wurde Amzad verschüttet, nach drei Tagen gerettet und erst nach weiteren acht Tagen kam er wieder zu Bewußtsein. Was in Rana Plaza genau passiert ist, hat er viel später aus dem Fernsehen erfahren.

Zweieinhalb Monate lang war der junge Mann dann in verschiedenen Krankenhäusern, er konnte zwar seinen Körper nicht spüren, dafür hatte er aber unglaubliche Schmerzen in den Beinen. Was er da noch nicht wusste: Seine Beine waren da längst schon amputiert, was er fühlte waren Phantomschmerzen.

Auch Amzad hatte vor dem Unglück Träume: Er war auf dem besten Weg ein General Manager zu werden, erzählt er und kuckt mir dabei herausfordernd in die Augen. Er hätte Karriere machen und seiner Familie ein gutes Leben bieten können. Das gehe jetzt zwar nicht mehr, aber dafür werde er gerade zum Elektriker ausgebildet. Und wenn er fertig ist, dann bekommt er von der hiesigen Hilfsorganisation sogar die Geräte gestiftet, so dass er in seinem Heimatort im Norden von Bangladesch sein eigenes kleines Geschäft aufmachen kann. Dort wird er dann weit und breit der einzige sein, der Handys, Fernseher und andere elektrische Geräte reparieren kann und deshalb, hier strahlt er mich an, wird er bestimmt bald ein reicher Mann sein.

Ich hab keine Ahnung, ob Amzad in seinem Heimatort wirklich reich wird, immerhin ist der Norden besonders arm, weil es dort keine großen Fabriken oder andere Arbeitsmöglichkeiten gibt. Aber eindeutig hat die Ausbildung sein Selbstbewußtsein gestärkt und ihm gezeigt, dass auch ein Mensch mit Behinderung in einem Land wie Bangladesch seinen Anteil an der Gesellschaft haben kann.

Rana Plaza und was davon übrig ist

Auch wenn Bangladesch für die meisten von uns ein eher unbekanntes Land ist, am 24. April vergangenen Jahres hat es die Schlagzeilen dominiert: Eine Textilfabrik etwa 30 km von der Hauptstadt Dhaka weg stürzte ein – 1127 Menschen starben, 2438 wurden verletzt. Rana Plaza war der bisher schwerste Fabrikunfall des Landes.

Viele der Überlebenden von damals haben noch heute mit den Folgen zu kämpfen – ich konnte zwei treffen, deren Leben sich durch den Einsturz komplett geändert hat. Hier erstmal die Geschichte von Yanur Akther:

Yanur ist heute 16 Jahre alt, geht in eine inklusive Schule, spielt gerne Brettspiele und wohnt auch auf dem Schulgelände. Ich treffe sie in der Schule, sie sitzt sitzsam und etwas aufgeregt auf der Schulbank, die mit einem kleinen, quadratischen Tisch verbunden ist. Neben ihr an der Wand lehnt eine Holzkrücke. Ich habe einen Dolmetscher dabei, denn das Mädchen mit den großen, mandelförmigen Augen spricht nur Bangla. Sie erzählt mir, dass sie vor dem Unglück mit ihrer Mutter in der Rana-Plaza-Textilfabrik gearbeitet hat. Sie hat dort Knöpfe von Kleidungsstücken abgetrennt. Am Unglückstag selbst sind sie und ihre Mutter nur widerwillig in die Fabrik, es hat irgendwie unheimlich geknackst, erinnert sich Yanur. Aber dann ging wohl alles ziemlich schnell, was passiert ist, weiß sie nicht, nur, dass sie irgendwie unter unglaublich viel schwerem Geröll aufgewacht ist, um sie herum war alles voller Staub und sie konnte kaum atmen. Sie hörte Stimmen, konnte aber nicht rufen – sie hatte schrecklichen Durst. Wie lang sie so lag, weiß sie nicht mehr. Irgendwann, wahrscheinlich Stunden später, hat man sie gerettet und als sie endlich etwas zu trinken bekam, wurde sie ohnmächtig.

Yanur kam in mehrere Krankenhäuser und als sie nach 9 Tagen endlich aufwachte, war klar, dass sowohl ihr Kopf als auch ihre Wirbelsäule schwere Schäden abbekommen hatten. Sie kann seither ihre Beine nicht mehr richtig kontrollieren, kann sich nur schwer konzentrieren und vergißt auch vieles wieder, was sie gelernt hat.

In den Wochen nach dem Unglück besuchte sie ihr Vater im Krankenhaus, aber die Fragen nach ihrer Mutter konnte er auch nicht beantworten. Erst nach zwei Wochen erfuhr sie, dass ihre Mutter bei dem Einsturz gestorben war. Ihr Vater hat sich dann kurz danach eine neue Frau genommen, erzählt die 16jährige, und obwohl ihre Stimme sich dabei nicht verändert, tropfen ihr plötzlich Tränen vom Kinn. Die neue Frau wollte sie und ihre fünf jüngeren Geschwister nicht aufnehmen – sie sind jetzt völlig auf sich allein gestellt…

Ich lasse Yanur kurz Zeit, um sich zu sammeln. Immer noch tropfen Tränen von ihrem Kinn, aber sie sitzt aufrecht in ihrer Bank und erzählt weiter: Lehrerin wäre sie gerne geworden, das war ihr Traum vor dem Unglück. Aber jetzt geht das nicht mehr, meint sie. Sie sei die älteste in ihrer Klasse und die schlechteste, irgendwie könne sie alles nur schlecht behalten und es sei unglaublich mühsam für sie, Fortschritte zu machen. Und wovon träumt sie jetzt, frage ich sie. Sie sieht mir direkt in die Augen, fast fassungslos über meine Unwissenheit. Ihr Lebenszweck sei es jetzt, ihren Brüdern so viel wie möglich zu helfen, damit sie eine gute Schulausbildung bekommen und ihre Schwestern dabei zu unterstützen, einen guten Mann zu finden. Sie selbst habe keine Träume mehr…

So schrecklich das ist, ihre Zukunftseinschätzung ist leider ziemlich realistisch. Denn Menschen mit Behinderungen sind in Bangladesch eine Schande, eine Strafe für Fehler, die die Familie begangen hat. Deshalb werden viele behinderte Menschen versteckt und im Haus gehalten, manchmal wissen nicht mal die Nachbarn von ihrer Existenz.

Besonders schwer sind Behinderungen für Frauen: Ist die Familie arm, sind sie eine dauerhafte Belastung für ihre Angehörigen und werden deshalb oft unwürdig, ja fast schon menschenverachtend behandelt. Kommen sie aus einer etwas wohlhabenderen Familie, besteht die Chance, dass die behinderte Frau einen Mann findet, der sie heiraten will. Allerdings meistens nur, damit er das Brautgeld einstreichen kann, nach der Hochzeit werden diese Frauen oft verstoßen. Und dann sind sie völlig auf sich selbst gestellt, denn die Familie nimmt sie nicht wieder auf!