The ‚water gipsies‘ and the snakes

Meine Bekannten in Bangladesch wissen mittlerweile, dass ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, nach ungewöhnlichen Lebensweisen oder einfach besonderen Menschen. Und immer wieder komme ich so an Themen, die ich interessant finde. Vor der letzten Reise hat mich zum Beispiel ein Chatpartner gefragt, ob ich schon mal was von den ‚Bede‘ gehört habe. Spontan hab ich ja gesagt…weil ich dieses Wort mit dem französischen ‚pédé‘ assozieriert habe, so nennt man in Frankreich umgangssprachlich die Schwulen. Gemeint waren aber die ‚Bede people‘, die manchmal auch ‚water gypsies‘ genannt werden und quasi das fahrende Volk von Bangladesch sind.

Nein, von dieser Volksgruppe hatte ich tatsächlich noch nicht gehört, war aber sofort neugierig. Und weil mein langjähriger Begleiter Gopal sich wieder mal als Organisations-Genie betätigt hat, konnte ich mich in Savar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka, mit einigen Bede treffen.

Ein junger Mann holt uns vom Treffpunkt ab, er spricht ganz gut Englisch, spielt ständig mit einem kleinen Schlüsselbund und irgendwie erinnert er mich an eine Art Conferencier, also an diese Ansager im Varieté, die mit kleinen Anekdoten und humoristischen Einlagen zur nächsten Programmnummer überleiten. Er fragt mich nämlich, ob ich schon mal eine Bede-Show gesehen hätte. Nicht? Dann wär es aber höchste Zeit, das sei absolut sensationell, er könne gerne eine arrangieren, natürlich in einer abgespeckten Form, immerhin seinen manche Clan-Mitglieder noch bei der Arbeit…. Dann merkt er, dass ich nicht gleich darauf anspringe, sondern mich vor allem auf den Weg konzentriere. Der ist nämlich ziemlich uneben, voller Schlaglöcher, überall liegt Abfall und es ist offensichtlich, dass wir nicht gerade im Villenviertel des Orts unterwegs sind. Umso erstaunter bin ich, dass ich nicht zu einer zusammengeschusterten Wellblechhütte geführt werde, sondern zu einer aus Holz, mit Veranda und Lehnsessel. Ich dachte die Bede people seien das fahrende Volk Bangladeschs…

Bede people (3) bearbeitet

Der Clanchef grunzt selbstgefällig. Das sei schon richtig, meint er. Und noch vor 30, 40 Jahren seien alle Bede immer viel gereist, sogar in verschieden Ländern, immer auf kleinen Booten, auf denen sie auch gewohnt haben. Deshalb wurden sie auch ‚water gypsies‘ genannt, Wasser-Zigeuner. In seinem Clan lebten damals etwa 300 Menschen mehr oder weniger zusammen. „Wir konnten nicht zur Schule und wir waren tatsächlich bettelarm.“ Ihren Lebensunterhalt verdienten sie, indem sie von Dorf zu Dorf zogen und ihre Dienste anboten. Manche machen das auch heute noch, erklärt der Mann mit dem Hennabart: „Wenn du irgendeinen Schmerz hast, Rückenschmerzen oder Zahnschmerzen oder irgendwas in der Art, dann benutzen wir ’shinga‘ , ein Gerät, um diese Schmerzen zu heilen und Gifte.“ Was genau dieses ‚Shinga‘ ist, hab ich bis heute noch nicht herausgefunden, es scheint irgendein bestimmtes Werkzeug zu sein.

Bede people (2) bearbeitet

Ich möchte noch mehr zur Lebensweise der Bede erfahren. Deshalb richte ich die nächsten Fragen bewusst an die Dame des Hauses und beobachte dabei den Clanchef und die anderen Männer auf der Veranda ganz genau. Zucken sie zusammen, weil Frauen hier eigentlich nichts zu sagen haben? Nein, das scheint in dieser Gemeinschaft anders zu sein. Denn die zierliche Frau mir gegenüber antwortet ganz gelassen, selbstbewusst und auch für die Männer scheint es kein Affront zu sein:  „Es gibt in Bangladesch etwa 50.000 Bede, ungefähr 10.000 von uns sind mittlerweile sesshaft und haben Häuser wie wir, die anderen ziehen durch das Land, schlagen irgendwo ihre Zeltlager auf. Wir haben so eine Art Zelt aus kunststoffbeschichtetem Papier.“ Es gäbe mittlerweile immer mehr Grundbesitzer, die den Bede Land oder Hütten vermieten. Sie selbst würden zum Beispiel 50 Poisha Miete zahlen, das sind ein paar Cent. Trotzdem seien die Bede immer noch sehr arm. „Nur etwa 10 Prozent unserer Leute können lesen und schreiben, eine höhere Schulbildung hat niemand von uns, wir hatten nie die Möglichkeit dazu. Wir fühlen uns dadurch benachteiligt, wir sind wahrscheinlich das ärmste Volk der Welt, weil die meisten von uns nie eine Schule von innen gesehen haben.“

Ihr Mann nickt und ergänzt: „Was wir noch machen ist Schlangenbeschwörung und Affendressur, das machen immer noch die meisten von uns, mit diesen Shows ziehen wir von Haus zu Haus.“ Aber die Geschäfte gehen schlecht, betont er. „Früher sind wir zu den Familien gegangen und haben dort unsere Show gezeigt, damals haben die sogar richtig darauf gewartet, wir waren ein Event. Aber heutzutage lockt das niemand mehr hinterm Ofen vor. Weil sie heute alle gebildet sind, sie haben keine Zeit mehr dafür, es gibt Fernseher, für uns ist das ein Riesenproblem.“

Wie aufs Stichwort steht plötzlich der ‚Conferencier‘ von vorhin neben mir. Natürlich könnte ich eine kleine Kostprobe dieser ’snake and monkey shows‘ haben, also eine Aufführungen mit dressierten Affen und Schlangenbeschwörung. Nur ohne Affen, die seien gerade nicht da. „Ich machen einen Sonderpreis, nur 1000 Taka“. Mir ist klar, dass ich dabei wahrscheinlich abgezockt werde, aber neugierig bin ich trotzdem. Ich wundere mich noch, dass er das Geld ganz heimlich einsteckt…aber folge erstmal nach draußen. Gopal und mir werden Plastikstühle hingestellt, zwei Männer kommen mit kleinen Holzkästchen. Und dann geht etwas los, das eine gewagte Verhohnepipelung des Begriffs ‚Show‘ ist:

Die Männer öffnen eins der Kästchen und ich erkenne die Schlange sofort: eine Kobra. Scheinbar eine friedliche, denn sie will eigentlich nur wegkriechen. Aber die Männer stupsen sie mit einem Stöckchen, ziehen sie am Schwanz, bis sie sich richtig aufrichtet und ihren Nackenbereich aufplustert – eben so, wie man sich eine wilde Kobra kurz vor dem Zubeißen vorstellt. Triumphierend kucken mich die Männer an. Ich tue ihnen den Gefallen und sage ‚amazing‘, dann wird die nächste Box geöffnet. Diesmal sei es noch eine giftigere Schlange, den Namen hab ich nicht verstanden, sie sieht aber einer Kreuzotter ähnlich. Der ‚Schlangenbeschwörer‘ schnappt sie am Schwanz, die Schlange ringelt sich um seinen Arm und dann schwingt er das arme Tier durch die Luft, immer in meine Richtung. Weil ich nicht zurückzucke, kommt er näher. Ob ich sie mal streicheln wolle, fragt er. Ja, sage ich und sein Kiefer klappt runter, als ich das dann auch wirklich mache. Ob ich denn keine Angst vor diesem hochgiftigen Tier habe? Ein Biss und ich sei innerhalb von einer Minute tot! Ich grinse. „Vorrausgesetzt die Schlange hat das Gift noch“, sag ich dann. Weil ich aber annehme, dass die ‚Beschwörer‘ das Tier einmal am Tag melken, also das Gift entnehmen, sei ein Biss höchstens schmerzhaft, tödlich aber ja nicht. Der Mann im weiß-blauen T-Shirt reißt die Augen auf, schüttelt dann resigniert den Kopf und packt die Schlange wieder weg. Genau das sei das Problem heutzutage. Die Menschen wüssten zu viel. Wie solle man da denn noch eine spannende Show präsentieren…

Fast hab ich ein bisschen Mitleid. Aber nur, bis mir Gopal beim Weggehen sagt, dass er das mit der Bezahlung schon übernommen habe… wir haben also doppelt bezahlt!

Die pfiffigen Bede können also vielleicht keine Schlangen mehr beschwören, Touristen aber schon! 😉