Make-up against reality

In den Flüchtlings-Camps im Süden von Bangladesch wimmelt es vor Kindern. Alle sind aus Myanmar geflohen. Mit ihren Eltern, Verwandten, Nachbarn oder manchmal sogar allein. Und jetzt leben mehr als eine Million Rohingyas hier auf engstem Raum – und es kommen immer noch Menschen dazu.

Sahera will mir von ihrem Alltag hier im Camp Balukhali erzählen. Aber erstmal sitzt sie nur verschüchtert und mit großen Augen vor mir. Es ist für uns beide nicht leicht, wir können ja nicht direkt miteinander sprechen, alles geht über einen Dolmetscher.

Ich drücke ihr mein Mikrophon in die Hand, erkläre ihr, wie es funktioniert uns dass sie erstmal das Interview macht und mir alle Fragen stellen kann, die sie will. Ein erstaunter Blick. Und dann legt sie los….mit ganz leiser Stimme und versteinerter Miene erstmal. Aber bald taut die Zehnjährige auf: Was genau ich wissen will, wie weit Deutschland weg ist von Bangladesch, ob dort auch die Kinder das Wasser schleppen müssen und wie ich meine Haare so gelb gekriegt habe. Ich antworte so gut ich kann.

Dann tauschen wir die Rollen. Und Sahera zeigt mir erstmal ihr neues Zuhause. Das Konstrukt aus Bambusgerüst und Plastikplanen wirkt erstaunlich groß innen. Geschätzt sind es etwa 12 Quadratmeter, durch eine Plane  in zwei Räume getrennt. Sahera führt mich in den hinteren Teil. „Hier ist unsere Küche, die Vorräte, unsere Kleider und die große Truhe.“

‚Die große Truhe‘ scheint etwas ganz besonderes zu sein. Ich frage nach. „Alles, was wir aus Myanmar retten konnten, war in dieser Truhe“, sagt sie. Ihre Stimme ist irgendwie anders jetzt. Und ich merke, dass das Mädchen plötzlich ganz steif dasteht, ihr Blick scheint glasig, sie selbst weit weg. Aber nur kurz. Dann reißt sie das Klicken der Kamera aus den Gedanken. Sie blinzelt. Und zeigt mir dann stolz, dass sie neuerdings sogar einen Gaskocher hätten und sie und ihr Bruder jetzt keine Feuerholz mehr sammeln müssten. „Und das hier“, sie zeigt auf eine Mischung aus Bank und Regal, auf dem Säcke mit Reis, Salz und Tee stehen, „das hab ich zusammen mit meinem Bruder selbst gebastelt.“ Kurze Pause. „Wir leben hier jetzt zu dritt, mein Bruder, meine Mutter und ich. Mein Vater ist in Myanmar gestorben….“. Sahera senkt den Blick. Dass ihr Vater vom dortigen Militär getötet wurde, sagt sie nicht. Das erzählt mir ihre Mutter später. Sahera wirbelt herum. „Komm, ich zeig dir, was ich am liebsten mache“

Sie packt eine kleine Schachtel aus, offenbar ihre Schminkutensilien. Erst trägt sie eine Art weißliche Paste auf, dann kommt der orange-rote Lippenstift. Das Mädchen wirkt plötzlich völlig versunken, sie scheint mich und den Fotografen komplett vergessen zu haben. Erst als sie fertig ist, blickt sie auf. „Ich schminke mich oft“, sagt sie, „irgendwie fühle ich mich dann anders, besser. Als ob ich jemand anderer bin mit einem besseren Leben.“

Ihr Blick schweift durch den Raum und bleibt an dem langen Seil hängen, über dem Kleidern hängen. „Meine Schätze! Das sind alles meine Kleider.“ Behutsam nimmt sie Stück für Stück ab und breitet alles liebevoll auf dem grossen Teppich im Nebenraum aus. Manche Kleider wirken fast punkvoll: Sie sind mit vielen glitzernden Steinchen bestickt oder haben aufgedruckte Goldleisten. Sahera mag es, wenn es glitzert.

Mich interessiert aber eher der Teppich. Tagsüber wird der eingerollt und ist neben den beiden roten Plastikstühlen der einzige Gegenstand in diesem Raum. Hier schlafen Sahera, ihre Mutter und ihr Bruder nachts, dicht nebeneinander, ohne Bettzeug.

„Eigentlich kann ich alles wie meine Mutter“, sagt Sahera: „Ich kann kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen. Das mache ich alles selbst, ohne meine Mutter. Denn die ist ja tagsüber gar nicht da.“ Die Mutter muss sich nämlich in den langen Schlangen vor den Lebensmittelausgaben anstellen. Das heißt, Sahera und ihr Bruder sind viel allein, ohne Aufsicht. Ihre Hauptaufgabe ist es, mehrmals täglich Wasser holen. Es gibt zwar eine Wasserstelle gleich nebenan. Aber das Wasser dort stinkt oft, weil die Wasserpumpe gleich neben einer Toilette steht. Deshalb füllt Sahera den Krug lieber an einem Brunnen weiter weg, steht dort an, bis sie dran kommt und schleppt den vollen Krug dann wieder heim. Wie die anderen Kinder hier eben auch.

anstellen an Wasserstelle

„Ich bin viel allein“, sagt Sahera. „Meine Freunde aus Myanmar hab ich verloren. Vielleicht sind manche ja im Nachbarcap gelandet oder in einem der Flüchtlingslager, die noch näher an der Grenze sind…wenn sie noch leben. Aber ich weiß es nicht und ich kann sie jetzt nicht mehr sehen.“ Früher habe sie gern mit Knete gespielt, die hatte ihre Mutter ihr geschenkt, aber jetzt habe sie gar keine Spielsachen mehr…

Seit Januar ist ihr Tag aber nicht mehr ganz so langweilig. Denn sie gehe jetzt in die Schule. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Im Schichtbetrieb, also nur zwei oder drei Stunden am Tag, dann kämen schon die nächsten Schüler – es sind einfach zu viel Kinder im Camp und zu wenig Schulen. In Myanmar gab es keine Schulen für Rohingya in der Nähe. Aber hier im Camp haben Hilfsorganisationen welche aufgebaut. „Wir haben ein grosses Klassenzimmer, genauer gesagt ist es ein Gerüst aus Bambusstangen, das mit Strohmatten umwickelt ist. In diesem Raum sitzen Mädchen auf der einen Seite und Jungs auf der anderen. Wir sind etwa 20 Mädchen und 30 Jungs, aber das schwankt von Tag zu Tag.“ Nicht immer kämen alle, besonders jetzt, wo es kalt ist, blieben manche lieber daheim.

Zwei Lehrerinnen haben sie, eine für Birmanisch, die andere für Englisch. Sahera findet Schule toll, vor allem Englisch macht ihr sehr viel Spass. Gerade haben sie ein Lied gelernt, einen richtigen Ohrwurm. Sie beginnt leise zu singen „twinkle, twinkle, little star…“ Sahera versteht zwar noch nicht alle Worte, aber sie trällert es ständig vor sich hin.

Seit sie in der Schule ist, hat sie auch ein paar Freundinnen. Mit denen spielt sie Dorilap, Seilspringen. Eins finde sie allerdings richtig doof hier, meint die Zehnjährige: „In Myanmar haben wir das immer alle zusammen gespielt, aber hier sind Mädchen und Jungs meistens getrennt und Jungs springen hier auch nicht Seil. Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, mit was Jungs hier so spielen, wir spielen eigentlich immer getrennt. Ball vielleicht, aber ich selbst hab noch nie gekickt. In der Schule sind wir getrennt und danach auch.“

Eigentlich habe sie sich mittlerweile an das Leben im Camp gewöhnt, versichert Sahera. Aber wenn sie sich was wünschen könnte, dann hätte sie gerne wieder ihre Knete zurück. Und vielleicht auch eine Puppe. „Aber vor allem wünsche ich mir, dass ich ganz, ganz viel lerne in der Schule. Vielleicht werde ich dann auch irgendwann Lehrerin.“ Die Frage, ob sie wieder zurück nach Myanmar wolle, beantwortet die Zehnjährige erst nicht, sie überlegt lange. Und schüttelt dann ganz langsam aber bestimmt den Kopf.

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