Ruti – das bengalische Brot

Heute wird’s hier mal wieder etwas aktiver – es gibt nämlich mal wieder ein Rezept zum Ausprobieren.

Böse Zungen behaupten ja, in Bangladesch gäbe es immer nur Reis – zum Frühstück, zum Mittagessen und abends auch gleich noch…Das stimmt nur fast. Morgens habe ich oft Ruti bekommen, ein herrlich fluffig-würziges Brot. Okay, eher ein Fladenbrot. Aber lecker!

Und weil mir meine Freundin Nisha mal wieder eine super-genaue Anleitung (für vier Rutis) samt Bilder geschickt hat, könnt Ihr gleich loslegen:

  1. schüttet ein halbes Glass Wasser in einen Topf, etwa einen halben Teelöffel Salz dazu und zum Kochen bringen

2. dann eine Tasse Mehl in das kochende Wasser und alles gut vermischen – damit habt Ihr schon den Ruti-Teig. Er darf übrigens nicht trocken sein

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3. dann raus mit dem Teig, gut durchkneten und in vier gleich große Knödel aufteilen

4. jedes einzelne Ruti-Stück muss jetzt gut gerollt werden – das scheint enorm wichtig zu sein. Warum konnte mir Nisha zwar nicht erklären, aber vielleicht kommt dadurch nochmal Luft rein, die nachher die Rutis so fluffig macht

5. jetzt die Teigklümpchen zu einem Ball rollen, von beiden Seiten leicht mit den Fingern andrücken und dann geht’s ans Ausrollen

6. Mehl drauf und jetzt kommt eine spezielle Teigrolle zum Einsatz: Die Bangla-Rolle hat nämlich Rillen, die sich wie eine Spirale von links nach rechts ziehen. Und damit kann man den Teig – mit ein bisschen Übung –  mit gleichmäßigen Drehungen ausrollen. Also der Teig selbst wird dabei bewegt, er dreht sich beim Rollen. Mit dem Effekt, dass eine gleichmäßig runde Teigplatte entsteht (ich bin zwar noch nicht perfekt beim Ausrollen, aber ich hab mir auf jeden Fall so einen pfiffigen Teigroller angeschafft 😉 )

7. jetzt geht’s ans Ausbacken: Bei Gasherden eine flache Pfanne auf mittlere Stufe erhitzen, bei Elektroherden würd ich erstmal volle Pulle geben und später runterdrehen. Die Pfanne sollte ziemlich heiß sein, KEIN Öl oder Fett rein, dafür aber die Ruti-Flade, sobald die Pfanne heiß ist.

Es werden beim Ausbacken kleine Blasen entstehen, die man vorsichtig flach drückt. Ansonsten einfach kurz von beiden Seiten anbraten bis kleine braune Punkte anzeigen, dass das Ruti fertig ist.

Dieses Fladenbrot wird übrigens meines Wissens nur morgens gegessen. Dafür aber gerne mit Spiegelei oder den aufgewärmten Resten vom Vortag. Und besonders lecker ist es zu meinem Lieblingsgericht: Pumpkin-Curry made by Nisha!!!

Apropos, ich muss Euch ja noch meine Koch-Lehrerin Nisha vorstellen

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Manche kennen sie wahrscheinlich schon vom Pumpkin-Curry-Rezept. Nisha macht es offenbar viel Spaß, mich in die Geheimnisse der bengalischen Küche einzuweisen und sie ist dabei unglaublich geduldig! Auch wenn ich für ein Ruti die doppelte Zeit gebraucht habe, wenn mein Reis-Mehl-Crèpes nicht die richtige Größe hatte oder ich beim Putzen des Algen-ähnlichen Gemüses einfach nicht ihren eleganten Dreh mit der Hand hinbekommen habe…

DHONNOBAD NISHA!

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After the big flood – Char Charita Bari

Ich hab hier ja schon mehrmals über ein kleines Dorf im Norden von Bangladesch berichtet: Char Charita Bari heißt es und liegt auf einer Schwemmlandinsel im Distrikt Gaibandha. (siehe: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/08/08/against-all-odds/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/  )

Das komplette Dorf wurde mit Geld aus einer Spendenaktion der Clingenburg Festspiele (Franken) erhöht – konkret heißt das, die Dorfbewohner haben Erde aus dem Fluss und von Anbauflächen abgetragen und händisch auf das Dorfplateau aufgeschichtet. Dann wurde es festgestampft, geebnet und die Hauser samt Solaranlage, Toiletten und Brunnen wieder aufgebaut. Soviel zur Vorgeschichte.

Natürlich war ich neugierig, wie es den Dorfbewohnern jetzt geht, von denen ich zwar wusste, dass sie im vergangenen Jahr trocken geblieben sind, aber nicht, was genau während und nach der Flut passiert ist.

Schon als wir uns mit den Motorrädern dem Dorf nähern, sehe ich eine Veränderung:

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Foto: Yvonne Koch

Über einen Arm des Tista führt jetzt eine Brücke, eine niegelnagelneue. Beim letzten Mal habe uns hier noch Jungs aus dem Dorf mit dem Kahn übergesetzt… Und statt des Trampelpfads zum Dorf, führt jetzt eine lange Rampe auf den zentralen Platz

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Foto: Yvonne Koch

Dort steht ein kleiner Holztisch, mit Tischdecke und Blumenvase, drumherum einige Plastikstühle und alle Dorfbewohner sind hier versammelt. Sie sind sichtlich aufgeregt, besonders die Kinder tuscheln und hippeln herum, als ob gleich was Besonderes passiert. Und das tut es tatsächlich:

Ein junges Mädchen kommt auf mich zu, wahrscheinlich um die zwölf Jahre alt, in der Hand eine Blumenkette. Ganz langsam und feierlich legt sie sie mir um den Hals, dreht sich halb und lächelt in die vielen Kameras und Handylinsen, die jetzt plötzlich alle gleichzeitig losknipsen. Ich bin total gerührt….was für ein Empfang…und erst als dann noch ein kleines Mädchen mit einem lustigen grünen Klämmerchen im kurzen Haar mir noch eine Blumenkette umhängt, hab ich mich wieder einigermaßen unter Kontrolle. Auch Broja Gopal Saha bekommt einen Kranz – und er hat ihn auch wirklich verdient: Denn er vertritt hier die bengalische Hilfsorganisation Centre for Disability in Development (CDD), also die NGO, die die Idee zur Dorferhöhung hatte und sie vor Ort umgesetzt hat.

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Foto: Yvonne Koch

Wieder sind es Frauen, mit denen ich ins Gespräch komme – eine Besonderheit, die mir schon beim letzten Besuch aufgefallen ist. Die Frau in rot heißt Morcina Kathon, verrät sie mir, nicht aber ihr Alter – das solle ich schätzen. Sie hat was Spitzbübisches, ein offenes Lachen….33 schätze ich spontan…und sie fängt an zu kichern. Tatsächlich wisse sie ihr genaues Alter gar nicht, aber wahrscheinlich sei sie so um die 40. Die junge Frau in rosa wirkt deutlich schüchterner. Sie heiße Sabina (gesprochen: Schobina), 23 Jahre alt, sagt sie leise, dann schlägt sie die Augen nieder als ob sie selbst erstaunt ist über den Mut, mit mir zu sprechen.

Soweit ich weiß, war das Dorf zwar das einzige in der Gegend, dass bei der letzten Flut nicht überschwemmt wurde, aber trotzdem war es knapp: Nur etwa 30 Zentimeter trennten die Dorfbewohner vom höchsten Pegel. Ob sie während der Flut Angst gehabt hätten, dass das Wasser doch wieder alles mitreiße, frage ich Morcina. Nein, nie, ist die spontane Antwort. Sie alle seien sicher gewesen, Allah würde es niemals zulassen, dass all die Arbeit, all die Bemühung so vieler Menschen, umsonst gewesen seien. Ich bin platt über so viel Gottvertrauen, aber auch ein bisschen erschreckt. Denn es ist durchaus möglich, dass die nächste oder übernächste Monsunzeit das Wasser noch höher steigen lässt und dann selbst dieses erhöhte Dorf nicht hoch genug ist.

Auf diesen beiden Fotos wird nochmal deutlich, wie hoch das Wasser stand: Der Mann auf dem linken Bild steht au f der Höhe des letzten Pegels (die Füsse links am Bildrand stehen auf der jetztigen Dorfebene) und rechts sieht man, wieviel höher das Dorf jetzt über der Ebene ist. Das verdorrte Gewölle an der Böschung ist übrigens ein spezielles Gras, mit dem die Dorfbewohner das aufgeschüttete Gelände bepflanzt haben. Dieses Gras bildet ein besonders dichtes Wurzelgeflecht und die Dorfbewohner waren überzeugt, dass nur durch diese Bepflanzung die Erde nicht ins Rutschen kommen würde – und diese Idee hat sich bei der letzten Flut tatsächlich bewährt!

Der CDD Repräsentant Gopal verkündet den Dorfbewohnern noch eine gute Nachricht: Ihr Dorf ist zum Model-Projekt geworden. Denn hier wurde nicht nur ein Spendentopf ausgekippt und den Menschen etwas vor die Nase gesetzt, von dem andere denken, es wäre zu ihrem Besten. In Char Charita Bari konnten und mussten die Dorfbewohner aktiv mithelfen. Sie haben selbst die Erde am Fluss ab- und auf das neue Plateau aufgetragen, haben mitentschieden, wie ihr Dorf danach wieder aufgebaut wurde. Zum Beispiel haben sie sich gegen eine Solarpumpe für den Brunnen und eine zentrale Toilettenanlage entschieden und stattdessen lieber Sanitäranlagen für jedes Haus extra gebaut. Und genau dieses Konzept macht jetzt Furore: Sieben andere Dörfer sollen nach dem selben Prinzip erhöht werden – vorausgesetzt die Gelder sind dafür da. Außerdem reisen mittlerweile auch Interessierte aus anderen Distrikten und sogar aus dem Ausland an, um sich das Projekt vor Ort anzuschauen.

Als ich die beiden Frauen frage, welche Tipps sie für diese neuen Projekte hätten, was man noch verbessern könne, ergreift nochmal Morcina das Wort: „Es muss nichts verbessert werden! Uns ging es noch nie so gut, wir haben die Flut ohne jeden Verlust überlebt, wir konnten Anderen Schutz bieten, unsere Nachbarn mit Essen versorgen, haben Reis und Gemüse im Überfluss und all unsere Tiere haben Nachwuchs – Wir sind jetzt reich!“

Wieder hab ich einen Kloß im Hals…Sabina merkt das und bietet an, mich durch das Dorf zu führen.

Ich kriege die Wassertanks gezeigt, in die das Wasser gepumpt wird, dass für die Dusche und das Klo gebraucht wird, die behindertengerechte Wasserstelle und die Solarpanel auf den Dächern, mit denen jetzt jedes Haus drei Lampen betreiben kann – eine im Bad, eine in der Küche und eine im Wohnzimmer.

Und mein Blumenmädchen zieht mich in seine Hütte, weil sie mir zeigen will, dass sie jetzt endlich nach der Schule und der Arbeit, ihre Schulaufgaben machen kann – denn jetzt ist in der Hütte genug Licht.

 

Nochmehr beeindruckt mich aber bei dem Rundgang durchs Dorf, wie ordentlich jetzt alles ist, jedes Tier, jedes Werkzeug hat seinen Platz – als ob die Bewohner diesen Ort besonders pflegen und hegen.

Und dann zeigen mir die Dorfbewohner noch, dass man manchmal mit einem old-school-Gerät beste Qualität erzeugen kann:

Mit dieser Wipp-Vorrichtung brechen die Frauen die Reiskörner aus den Spelzen: Eine tritt  in regelmäßigem Rhythmus auf den kurzen Hebel, dadurch hebt und senkt sich die Wippe im Takt. Und die andere Frau schiebt die Körner immer wieder in die Kuhle. Wobei sie höllisch aufpassen muss, dass ihre Hand nicht dazwischen ist.

Mit den so ‚geschälten‘ Reiskörner verdienen die Familien weit mehr als mit dem von Maschinen bearbeiteten Reis. Es ist mehr Arbeit, aber weil die Männer jetzt im Dorf bleiben können, dort die Landwirtschaft übernehmen, haben die Frauen Zeit für diese Qualitätsarbeit – ein Gewinn für alle.

Übrigens hab ich auch Laily wieder getroffen, die Frau, die ich beim letzten Mal für so eine Art Dorfvorsteherin gehalten habe. Das ist sie nicht. Laily lebt nicht einmal in dem erhöhten Dorf, sondern etwa 150 Meter entfernt. Sie kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, drückt mich fest und hat Tränen in den Augen, als sie mich wieder loslässt. Wir müssten unbedingt auch ihr Haus besuchen, wir dürften nicht ablehnen.

Sie ist sichtbar stolz auf ihr Haus, das deutlich besser ausgestattet ist, als das der Dorfbewohner von Char Charita Bari: Ein mit Schnitzereien verzierter Holzschrank ist das Punkstück hier. Darin reichverziertes Geschirr, kleine Figürchen, Kunstblumen. Dieser Repräsentier-Schrank steht auf Ziegeln, schwebt also quasi über dem Boden. Denn so hoch stand das Wasser bei der letzen Flut. War das nicht hart zu sehen, dass hier das Wasser stand während die Nachbarn nebenan davon verschont waren? Unangenehm war es, ja. Aber neidisch auf die Nachbarn sei sie nicht gewesen. Die hätten ihr ja so viel geholfen, sie konnte ihr Vieh nebenan unterstellen.

Auf dem Rückweg frage ich Gopal, warum Lailys Haus nicht einfach auch mit erhöht wurde. „Du hast vielleicht gesehen, dass sie nicht zu den Ärmsten gehört“, sagt er. „Wir wollen den Bedürftigsten helfen, den Gebrechlichen und Behinderten – alle anderen können das erhöhte Dorf als Vorbild nehmen und ihre Häuser, ihr Land selbst erhöhen. Die Dorfbewohner haben Laily dafür auch Hilfe angeboten“.

Wir können nicht allen helfen – das wird mir wieder mal klar. Aber ich habe den Eindruck, dass man schon viel bewegen kann, wenn man andere Lösungen und Sichtweisen aufzeigt.

 

 

Modern slavery

Es war nicht leicht, Frauen zu finden, die mit mir über ihre Arbeit in den Teeplantagen reden wollen. Nicht nur, weil es für die Teepflücker riskant ist, mit der Presse zu reden – sie könnten ihre Arbeit verlieren und damit ihre Existenz -, sie haben in der Regel auch so gut wie keinen Kontakt zu der Welt außerhalb der Teeplantagen. Alleine hätte ich das nie geschafft. Aber wie so oft haben mir liebe Menschen geholfen und das Unmögliche möglich gemacht (dazu mehr in einem Extra-Blog-Artikel).

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Der Grund, warum die Plantagen-Arbeiter so isoliert sind, liegt über 150 Jahre zurück: Die Teearbeiter sind nämlich ursprünglich aus Indien, aus einigen wenigen Regionen dort. In jeder dieser Regionen wurde ein anderer Dialekt gesprochen, gab es andere Traditionen und ethnische Wurzeln. Und genau deshalb haben britische Teeplantagen-Besitzer sich 1853 diese Volksgruppen als Erntehelfer ausgesucht und sie dabei gewaltig übers Ohr gehauen. Sie haben den Orissas, Santals, Mundas und all den anderen ethnischen Gruppen erzählt, dass sie für vier Jahre in einem wundervollen Garten arbeiten dürfen, in dem die Blätter der Bäume aus Gold sind. Klar wollten sie dort arbeiten und haben einen superkrasser buy-out-Vertrag unterschrieben: sie haben sich verpflichtet, ihr Leben auf den Plantagen zu verbringen und auch ihre Kinder dort anzulernen. Mit dem Effekt, dass sie jetzt seit Generationen in den Teeplantagen leben, arbeiten, einkaufen und sterben. Und das weitestgehend isoliert und unbemerkt von den Bangladeshi.

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Wir treffen zwei Frauen, heimlich, in einem Haus in einer der Teeplantagen. Naja, heimlich… die Nachbarn kriegen natürlich was mit, aber wir sind so schnell da und auch gleich im Haus verschwunden, dass sich die neugierigen Blicke in Grenzen halten.

Ich habe eine spezielle Dolmetscherin bei mir, Rupa, eine Frau aus Sylhet, die den örtlichen Slang versteht und auch diese Mischung aus Sylheti und Hindi, die die Arbeiterinnen sprechen.

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Wir sind alle etwas aufgeregt, wie wir da sitzen: Die zwei Arbeiterinnen, neben mir auf dem Sofa, Rupa gegenüber auf dem großen Bett und ihr Sohn Arman im Stuhl daneben. Er unterstützt seine Mutter, springt immer dann ein, wenn ihr das englische Wort nicht einfällt…

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Jenny, die jüngere der beiden Frauen, ist 25 Jahre alt. Ich zucke innerlich leicht zusammen, als sie mir ihr Alter verrät, denn ich sitze direkt neben ihr und ihr Gesicht ist übersät von unzähligen kleinen Falten, die Haut wirkt ausgelaugt. Ihre Augen dagegen schauen mich zwar schüchtern, aber totzdem offen an. Und dann erzählt sie bereitwillig von ihrem Alltag. Sie lebt mit ihren drei Kindern, ihrem Mann, dem Schwiegervater und dem Schwager in einer kleinen Hütte. Während der Tee-Ernte hat sie einen ziemlich straffen und anstrengenden Tagesablauf: Morgens muss sie schon früh raus, für alle kochen, Geschirr spülen, den Haushalt machen und um neun fängt dann die Arbeit in der Plantage an. Die geht bis sechs Uhr abends, nur unterbrochen von einer kleinen Mittagspause. Sie pflückt nur die zartesten Blätter der hüfthohen Teepflanzen ab, darf sie dabei nicht quetschen oder knicken und muss auch ziemlich schnell sein. Denn es gibt zwar kein Tagessoll, dass sie erfüllen muss, aber sie wird nach Menge bezahlt: Pro Korb bekommt sie vier bis fünf Taka und an besonders guten Tagen schafft sie etwa 50 Körbe – also 250 Taka, wenn’s gut läuft…das sind weniger als drei Euro. Es wird meistens schon dunkel, wenn sie mit der Arbeit im tea garden fertig ist, der Rücken tut weh, die Beine sind schwer und Zuhause duscht sie dann erstmal. Füße hochlegen ist allerdings nicht, denn die Kinder und die Männer warten auf das Essen, womöglich muss auch noch Wäsche gewaschen werden…und erst dann darf sie sich ausruhen.

Harte Arbeit, aber sie ist nur begrenzt. Denn die Pflückerinnen können nur an drei Monaten im Jahr arbeiten, die restlichen neun Monate haben sie oft keinerlei Einkommen. Jenny hat Glück, denn sie hilft jetzt im Winter bei der Aufzucht der Pflanzensetzlinge. Trotzdem: Das Einkommen von ihr, ihrem Mann und ihrem Schwiegervater reicht eigentlich nie, um alle sieben Familienmitglieder richtig satt zu kriegen oder mal ein paar neue Schuhe zu kaufen.

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Wir tauschen die Plätze und Sandra Dash sitzt jetzt neben mir, der Name spricht sich übrigens Sondra. Wie alt sie ist, weiß sie nicht genau, wahrscheinlich um die 45, denn sie ist wohl kurz nach der Staatsgründung von Bangladesch auf die Welt gekommen und die war 1971. Den weißen Schleier trägt sie übrigens, weil sie Witwe ist. Offenbar hat sie auch sonst keine direkten Verwandten mehr, obwohl sie fünf Brüder hatte. Auf jeden Fall haben alle ihre Verwandten immer im tea garden gearbeitet, über alle Generationen, solange sie zurückdenken kann. Es gibt zwar manche, die ‚draußen‘ arbeiten, als Tagelöhner auf Baustellen, aber das sind nur die Männer und eben nur außerhalb der Saison. Denn wer im tea garden geboren ist, muss hier auch arbeiten, sagt sie. Sie könnten ja auch nirgends anders hin, sie hätten ja keinen anderen Platz, keine Familie oder Freunde, kein Land und auch kein Geld, um sich ‚draußen‘ eine Wohnung zu mieten.

Wenn Sandra das Hindi-Sylheti-Wort ‚draußen‘ benutzt, kräuselt sie gleichzeitig die Nase. Es sieht aus, als rümpfe sie die Nase über dieses ‚Draußen‘. Ihr selbst ist das offenbar nicht bewusst, denn sie erzählt unbeirrt weiter.

Sie selbst war nie auf einer Schule, sagt Sandra und schlägt die Augen nieder. Aber es gäbe seit ein paar Jahren die primary schools, also Grundschulen in dem tea gardens, die seien für die Arbeiterkinder umsonst. Und danach?, frage ich, gehen die Kinder danach auf staatliche Schulen? Sandra sieht mich etwas seltsam an. Natürlich nicht. Die müssten sie ja bezahlen. Und keine Familie in den tea gardens könne sich das leisten und sie kenne niemand, der je auf eine Schule außerhalb gegangen wäre. Ihre eigenen Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, sind längst verheiratet. Sie waren wie sie selbst, nie auf einer Schule.

Ich merke, dass die beiden Frauen manche meiner Fragen seltsam finden. Zum Beispiel als ich frage, was ihr größter Wunsch war oder ist. Beide wackeln in Bangla-Manier mit den Köpfen, was sowas wie ‚ich weiß nicht‘ heißt. Nach einer kleinen Pause meint Sandra dann, sie habe sich immer eine bessere Zukunft für ihre Kinder gewünscht, aber sie wisse, dass das völlig idiotisch sei. Jenny pflichtet ihr bei. Und schiebt dann schüchtern nach, dass sie in ihrer Jugend immer davon geträumt habe, einen gutsituierten Mann zu finden, der nicht in den Plantagen lebt, ein Leben ohne Sorgen zu haben. In ihrer Jugend….oh Mann, diese Frau ist gerade mal 25 Jahre alt!

Nächste Frage – und wieder verwirrte Blicke – wo kaufen sie ein? Ich hatte nämlich gehört, dass sie die Plantagen nicht verlassen dürfen, sondern alles Nötige in den Läden in den tea gardens kaufen müssen, die natürlich auch den Plantagenbesitzern gehören. Nein, nein, natürlich könnten sie auch außerhalb einkaufen, versichert mir Sandra und Jenny nickt eifrig. Aber als ich nachhake kommt raus, dass das faktisch meistens doch nicht geht. Denn in den tea garden shops bekommen sie kleine Ermässigungen, zum Beispiel vier Körbe Reis für 10 Taka, etwa 12 Cent. Auch das Mehl ist billiger. Und dann gibt es ja noch eine andere Abhängigkeit, die die Arbeiter in den Plantagen hält: Alle tea garden workers sind nämlich Hindus, haben ihre eigene Kultur, Sitten und Gebräuche – und sie dürfen, anders als die Muslime, Alkohol trinken. Und genau das machen sich die Plantagen-Besitzer gern zu Nutzen: In den Plantagen-Shops verkaufen sie Alkohol. Und schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Arbeiter benebeln sich nach der harten Arbeit gerne, versuchen sich so ihre Situation schön zu trinken. Dadurch verlieren sie aber auch jeden Willen, etwas zu ändern. Jeder revolutionäre Gedanke wird so im Alk ertränkt. Außerdem werden und sind viele Arbeiter alkoholabhängig, brauchen den Stoff und tun alles, um ihn zu kriegen.

Onil Dash mischt sich ein, ein drahtiger Mann, der plötzlich am Fenster hängt. Er erzählt, das manche der tea workers auch noch in den Häusern der Bengalen arbeiten müssen, also bei den Aufsehern und Managern der Plantagen. Sie putzen dort, binden den Herren die Schuhe oder leeren den Abfall – unbezahlt. Er sagt es zwar nicht, aber ich denke, das ist eine Auswirkung der Alksucht, der noch größeren Abhängigkeit.

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Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, wo ich anfange, etwas herumzueiern…ich möchte nämlich herausfinden, wie Onil und die beiden Frauen ihr Verhältnis zu den ‚Bossen‘ empfinden (damit sind die Aufseher und Manager gemeint, die richtigen Bosse, also die Besitzer, bekommen die Arbeiter nämlich nie zu sehen). Aber ich will fragen, ohne Worte wie Diskriminierung oder Sklaverei  zu verwenden. Wie sie behandelt werden, frag ich deshalb, ob sie denken, dass die Bosse sie wie Gleichwertige behandeln. Wieder unverständige Blicke. Ja, die Bosse schätzen ihre Arbeit, sagt Jenny. Also wenn sie gut und viel arbeiten. Und ja, sie würden gut behandelt werden, also es gäbe in der Regel keine Schläge mehr.

Ich schaue Rupa an, Rupa schaut mich an. Wir merken, dass wir an diesem Punkt nicht weiterkommen. Die Frauen kennen nichts anderes. Dass die Bosse sie wie Untermenschen behandeln ist für sie normal. Vielleicht auch, weil es im indischen Kastensystem auch diesen festen Platz gegeben hat, in den man geboren wird und den man verdient. Dass sie in den Häusern der Bosse zwar die Drecksarbeit machen dürfen, aber weder das Geschirr noch irgendwelche Wertsachen berühren dürfen, ist eben so…sie sind wie die ‚untouchables‘ – Unberührbare und Unsichtbare. Denn wie die tea worker leben, dass sie eigentlich eine eigene Sprache, Kultur und Identität haben, weiß kaum jemand – auch nicht die Bangladeshi selbst.

 

Discoveries in the tea gardens

In Sylhet, dem nordöstlichsten Distrikt von Bangladesch, habe ich einen dieser ‚tea gardens‘ besucht. Nicht mit einer offiziellen Touristen-Führung, sondern mit Gumir, einem der Arbeiter dort. Gumir war nie auf einer Schule, selbst Bangla, die Landessprache, spricht er nur gebrochen und außer einzelnen Worten wie ‚monkey‘ und ‚tea factory‘ kann er auch kein Englisch.

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Trotzdem führt er mich zwei Stunden lang durch die sanften Hügel, über kleine Flüsschen, entlang der scheinbar nicht enden wollenden Tee-Plantagen. Uns begegnen nur wenige Arbeiter auf diesen Wegen, vor allem Männer, die jetzt im Winter, also außerhalb der Saison, die Tee-Büsche beschneiden. Allerdings nicht alle gleich: Auf manchen Feldern werden die Büsche radikal mit einer Motorsäge auf eine einheitliche Höhe gestutzt, so dass eine waagrechte Ebene entsteht, auf der fast keine Blätter mehr wachsen. Auf anderen wird in der Mitte jedes Busches ein Ast stehen gelassen, so dass der wie ein Arm mit Blatthändchen den Restbusch etwa 30 Zentimeter überragt. Gumir gibt mir zu verstehen, dass dieser Haupttrieb der ‚Boss‘ des Busches ist und dass diese Methode neu sei. Und mir fällt auf, dass auf diesen Feldern auffällig viele hohe Bäume stehen, die alle etwa mannshoch mit weißer Farbe angestrichen sind. Das sieht aus als ob die Bäume Söckchen hätten…Vielleicht auch Teil eines neuen Ernte-Optimierungskonzepts.

Und dann ist plötzlich ein gleichmäßiges Geräusch zu hören, es klingt irgendwie peitschend. Und eine Hügelkette weiter sehen wir den Ursprung der Geräusche: Etwa ein Dutzend Arbeiter scheint auf die Büsche einzuschlagen. Gumir erklärt mir, dass sie die Buschspitzen mit Metallschlaufen abschlagen, die sie tatsächlich wie Peitschen schwingen. Die Blätter und Ästchen spritzen nur so um die Männer herum.

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Jede dieser Schnitt-Methoden dient dazu, dass die Büsche im kommenden Jahr neue, starke Blatttriebe bekommen, denn nur die ganz zarten Spitzen werden für die Teeproduktion verwendet.

Fünf Frauen kommen uns entgegen, alle tragen bunte Ballen auf ihren Köpfen. Tee scheint es nicht zu sein, dazu sind die Bündel zu klein. Sie haben eine Art Sichel in der Hand, am Körper bunte Saris und jede hat einen roten Punkt zwischen den Augenbrauen. Stolz sehen sie aus, wie sie schlank und aufrecht näher schreiten. Aber dann sieht man ihre verbraucht aussehende Haut, die zum Teil schlechten, krumm gewachsenen Zähne und die vielen Narben an den Händen.

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Etwas weiter hinter ihnen steht eine kleine Gruppe Männer. Beim Näherkommen sehe ich, dass zwei Polizisten ziemlich aggressiv auf einen älteren Mann einreden. Dann gibt der ihnen ein Bündel Geldscheine. Ist das eine Art Wegzoll? Ich frage Gumir, der mir ganz leise und ziemlich angespannt antwortet. Ich meine zu verstehen, dass die Männer bei einem Tempel waren, obwohl heute Freitag ist – also der muslimische Sonntag – und  dass sie deshalb Strafe zahlen müssen. Wir gehen schnell vorbei, aber ich kann mir nicht verkneifen, diese Szene dann doch noch zu fotografieren…auch wenn auf diesem Foto nicht mehr deutlich ist, wer wem Geld gibt.

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Tja, leider haben mich die Polizisten beim Fotografieren bemerkt. Mit dem Effekt, dass sie uns folgen. Erst mit etwas Abstand, aber bald rücken sie immer dichter auf. Ich bleibe mehrmals stehen, mache Fotos, in der Hoffnung, dass sie uns überholen. Das tun sie aber nicht, sondern bleiben auch stehen.

Ob es irgendein Problem gibt oder ich ihnen irgendwie helfen könne, frage ich sie. Antwort: „No, we just want to protect you“. Ich versichere ihnen, dass Gumir mich hervorragend beschützt und extra dafür angeheuert wurde, dreh mich um und geh weiter. Gumir wirkt immer noch angespannt, erklärt mir flüstern etwas, das ich nicht verstehe und wird erst wieder ruhiger, als die Polizisten uns dann doch irgendwann überholen und schnell außer Sichtweite sind.

Gumir grinst mich an und deutet auf einen Hügel. Da hinauf sollen wir, er wolle mir etwas zeigen.

Der Tempel von Mohadeb, so wird Shiva hier wohl genannt. Aber der Tempel ist nicht das einzige Heilige hier…auch der riesige Baum daneben, mit seinen unzähligen, verschlungenen Wurzeln scheint eine besondere Bedeutung zu haben. Jedenfalls steht ein goldfarbener Minikessel in einem Hohlraum des Baumes, der sich aus einem Geflecht von Luftwurzeln und Ästen gebildet hat. Hat was von einem sakralen Turm, oder einem filigran-durchbrochenen Minarett-Turm, den ein abgedrehter Architekt ersonnen hat.

Über eine Stunde sind wir schon unterwegs und ich gebe Gumir zu verstehen, dass ich langsam gerne zurück will. Wir gehen jetzt schneller, trotzdem muss ich ab und zu anhalten, um die tea garden-Atmosphäre einzufangen oder kleine Szenen am Wegrand

Plötzlich höre ich Kinderstimmen….hört sich an wie ein Abzählreim, oder, nein, eher wie das Geleier von aufgesagten Gedichten…

Tatsächlich nähern wir uns einer Plantagengrundschule. Ich strecke den Kopf rein, frage die Lehrerin, ob ich kurz stören und außerdem Fotos machen darf und fühle mich dann von unzähligen Kulleraugen beobachtet. Manchen kids bleibt sogar der Mund offen stehen ob des unerwarteten Besuchs. Aber die Lehrerin scheint nichts aus der Ruhe zu bringen, sie lacht, lädt mich mit einer Handbewegung ein und macht dann einfach weiter.

Gumir drängelt, also geht’s weiter. Zur Teefabrik, in der die Blätter getrocknet und fermentiert werden, entlang der langen ‚office‘-Barracken, in denen der Tee gehandelt wird und die Arbeiter ihr Geld kriegen und vorbei an der einzigen Einkaufsmöglichkeit in dieser Plantage.

Die einzelnen Plantagen sind durch Mauern getrennt. Manche gehören der Company, sagt Gumir, manche sind wohl ‚private‘. Auch ohne die Mauer wäre mir aufgefallen, dass es wohl unterschiedliche Besitzer gibt: In den Company-Plantagen sind die Arbeiterhäuser aus Beton, meistens bunt gestrichen und sehen ganz ansehnlich aus. Anders auf den privaten Plantagen. Das sind dann doch eher Hütten…

Zwei Stunden lang war ich mit Gumir unterwegs, zwei Stunden, indem mir dieser junge Mann nonverbal ziemlich viel vom Alltag der tea gardens vermittelt hat. Und wie es ist, als Pflückerin auf diesen Plantagen zu arbeiten, wollen mir zwei Frauen später erzählen.

***Fortsetzung folgt***

The fith time…

Nur noch zwei Tage!

Eigentlich drei….

Denn ich starte zwar am Montag, komm aber erst am Dienstag Abend in Dhaka an. Aber auf jeden Fall geht es wieder nach Bangladesch und diesmal länger als bisher.

Das Erstaunliche ist, dass ich mich vor jeder Reise in dieses Land fühle wie ein Teenager vor dem Abschlussball: aufgeregt, ungeduldig, ein bisschen ängstlich und voller Tatendrang. Eine Routine stellt sich immer noch nicht ein.

Vielleicht auch, weil sich jedes Mal wieder etwas ändert: Mal sind es die Visa-Bestimmungen, der zu zahlende Preis beim arrival-Visum oder ich muss mich nach neuen Unterkünften in noch unbekannten Gegenden umschauen oder aber ich erfahre, dass meine Bangla-SIM-card plötzlich nicht mehr ohne weiteres aufgeladen werden kann, weil man sie neuerdings mit Fingerabdrücken hinterlegen muss. Keine Ahnung, was das soll.

Aber irgendwie wird schon alles gutgehen, soviel hab ich aus den bisherigen Reisen gelernt. Und ich freue mich riesig, dass ich diesmal gleich drei Inlandsreisen machen kann, zum Teil mit lieben Freunden oder aber mit noch unbekannten, aber deshalb nicht weniger hilfsbereiten Menschen, die mir vor Ort Unmögliches möglich machen.

Auch diesmal geht es wieder nach Gaibandha, im Nordwesten von Bangladesch. Ich will mir dort anschauen, was aus dem ‚erhöhten Dorf‘ geworden ist, dass von Geldern aus einer Spendenaktion der Clingenburg Festspiele gebaut wurde (https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ und https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/ ). Und wenn ich Glück habe, treff ich mich auch wieder mit Kazol, der jungen Frau, die mich schon auf der allerersten Reise so beeindruckt hat (https://yvonnekoch.wordpress.com/2014/10/28/mit-dem-wasser-kommt-die-angst/ ).  Außerdem geht diesmal es auch in Nordosten, nach Sylhet, wo ich mir die Teeplantagen und vor allem auch die Arbeitsbedingungen dort genauer ansehen will. Und dann freu ich mich auch schon auf einen ganz kleinen Ort im Norden, direkt an der Grenze nach Indien: Dort versuche ich herauszufinden, was es mit dem Fußball-Gen auf sich hat, das offenbar nur Mädchen in sich tragen… Natürlich werde ich auch wieder in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka sein, wieder bei Freunden dort wohnen und alles aufsaugen, was um mich herum passiert.

Diese Reise diesmal ist aber nicht nur für mich was Besonderes. Sondern möglicherweise auch für Euch. Denn Ihr alle, die Ihr diesen Blog lest, werdet von diesem und allen vorigen Bangladesch-Trips auch was haben: Wenn nichts schief geht werden alle Eindrücke, Erfahrungen und Erkenntnisse aus meinem Bangla-Spleen bald zwischen zwei Buchdeckel gepresst..und voraussichtlich im Mai in den Markt geworfen.

Und wehe, Ihr kauft das Buch nicht!

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Arranged or for love?!

Nach ein paar Tagen in meiner Gastfamilie erfahre ich, dass die ältere Schwester meiner Gastgeberin bald heiraten wird. Eine arrangierte Ehe nehme ich an, wie in muslimische Familien in Bangladesch üblich? Klar, meint meine Gastgeberin. Aber die Braut selbst windet sich etwas…sie sei ja schon ganz schön verliebt in ihren Zukünftigen verrät sie mir und errötet tatsächlich ein bisschen.

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Später, als ich allein mit meiner Gastgeberin bin, erzählt sie mir, dass ihre eigene Ehe keine arrangierte war. Ich bin erstaunt, denn es gehört bestimmt viel Mut dazu, mit diesem in Bangladesch so wichtigen Ritual zu brechen. Mut, den ich diesem zarten Persönchen neben mir nicht zugetraut hätte. Ich sage ihr das auch. Sie nickt. Sie habe tatsächlich viel Mut gebraucht, ihren Eltern zu sagen, dass sie selbst einen Mann gefunden habe, den sie heiraten möchte – weil sie ihn liebe.

LIEBE – dieses Wort war ein Schock für ihre Mutter und den Vater. Einer, den die beiden sehr religiösen Eltern mehrere Tage lang verarbeiten mussten. Ich weiß nicht, was letztendlich den Ausschlag für die Entscheidung gab. Ob es daran lag, dass sich eine Mittel-Klasse-Familie eher einen Traditionsbruch leisten kann oder daran, dass die Eltern ihrer verliebten Tochter diesen großen Wunsch nicht abschlagen konnten – jedenfalls willigten sie ein.

Allerdings musste dann überlegt werden, was jetzt zu tun sei, immerhin gibt es für Liebes-Heiraten kein genau vorgeschriebenes Zeremoniell. Die Eltern ihres Auserkorenen wurden dann eingeladen – immerhin musste man diese Familie wenigstens pro forma begutachtet werden. Seine Eltern waren tatsächlich auch einverstanden – wenn auch ebenfalls nicht amused –  wollten aber nur eine ganz kleine, abgespeckte Hochzeitszeremonie. Sie sei an diesem Tag überglücklich gewesen, strahlt die junge Frau neben mir. Deshalb war sie auch mit allem einverstanden. Es sei ihr völlig egal gewesen, dass sie bei ihrer Hochzeit nur einen Bruchteil dessen haben werde, was sie sich immer erträumt hatte.

Ob es jetzt schwer sei zu sehen, dass ihre Schwester durch die ’normale‘, also arrangierte Ehe, eine richtige Riesen-Hochzeit haben wird, frag ich sie. Sie überlegt kurz, schüttelt dann den Kopf und sagt: „Ich habe meine Liebe geheiratet, das wiegt alles auf“ und dann lacht sie unternehmungslustig: „Außerdem kann ich mich ja jetzt bei meiner Schwester austoben und mit ihr die Kleider, den Schmuck, die Dekoration und alles andere aussuchen“.

Ihr Mann verrät mir später, dass die Hochzeit auch deshalb kleiner ausgefallen war, weil seine Familie bei weitem nicht so finanzstark sei wie die seiner Frau. Und er wollte sich auf keinen Fall wegen einer Hochzeit für mehrere Jahre verschulden – was in Bangladesch leider nur zu häufig vorkommt. Er sei modern genug, gegen diese unsinnige Tradition anzugehen. Er brauche keine Hochzeit ‚für die Leute‘. Nur für seine Frau tue es ihm heute noch leid, dass die Feier so bescheiden war – er wisse ja, dass ihr diese Traditionen, eine Traumhochzeit, enorm wichtig sind…

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Im Mai dieses Jahres hat dann die Schwester geheiratet. Erst gesetzlich, wie bei uns beim Standesamt, allerdings weit weniger wichtig.  Die anschließende Riesen-Hochzeit ist dafür umso wichtiger: Es gibt oft über 300 Gästen und drei Feste.

Das erste Fest heißt Holud – die Schwiegerfamilie in spe übergibt an diesem Tag hochzermoniell das Hochzeitskleid samt Schmuck, ansonsten wird dieses Fest aber nur von der Brautfamilie gefeiert. Besonders dabei ist, dass alle Frauen in gelbe oder orangene Saris gewickelt sind und die Braut von den Verwandten mit Kurkuma bemalt wird, bis ihr Gesicht in einer ungesund weiß-gelblichen Farbe erstrahlt.

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Bei der eigentlichen Hochzeit muss die Braut in Bangladesch rot tragen. Und bis zur Unkenntlichkeit geschminkt sein! Außerdem wird soviel Goldschmuck wie möglich im Gesicht, um den Hals und die Arme gewickelt und die Haare so kunstvoll drapiert, dass ein Face-lifting für die nächsten Jahre überflüssig ist.

Okay, das war jetzt ein bisschen gemein. Aber ich bin immer noch platt, wenn ich sehe, was während ihrer Hochzeit aus der hübschen, natürlichen jungen Frau geworden ist, die ich kenne. Aber seht selbst: der vorher-nachher-Vergleich…

Gewundert hat mich ja, dass es bei diesem Hauptakt alles andere als lustig zu geht. Eher anstrengend. Jedenfalls müssen die Brautleute sich auf das ‚Präsentier-Sofa‘ auf einem Podest setzen und sich dann mit allen Gästen fotografieren lassen. Immer und immer wieder. Und wenn endlich alle geknipst sind, geht’s ans Essen, ach was sag ich, ans Völlen! Getanzt und gesungen wird bei der Hochzeit in der Regel nicht, oft gibt es nicht mal Musik.

Das dritte Fest ist die ‚reception‘, die Braut wird dabei feierlich der Familie des Bräutigams übergeben. Soweit ich weiß, braucht’s dafür dann auch wieder einen anders farbigen Sari, aber da bin ich mir nicht ganz sicher.

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Zwei Schwestern, zwei verschiedene Wege zur Ehe. Aber alles ziemlich harmonisch. Ich hab allerdings auch noch von einer anderen Heirat erfahren, bei der mich einiges verblüfft hat:

Schon bei meiner ersten Reise hab ich eine Frau kennengelernt, der ich den Spitznamen ’shopping queen‘ verliehen hab, weil sie eine große Hilfe ist, wenn man nach Mitbringseln sucht. Sie ist eine sehr lebenslustige Frau, modebewusst, sexy und wirft sich außerdem unglaublich gern vor der Kamera in Pose.

Vielleicht hätte ich deshalb nie erwartet, was sie mir zu ihrer Ehe erzählt hat:

Fast 7 Jahre lang hatte sie vor und während des Studiums heimlich einen Freund, ihre große Liebe. Ihre Familie hat das irgendwann herausgefunden und die Beziehung strikt verboten. Denn die shopping queen war das einzige Kind einer wohlhabenden Familie, der Auserwählte dagegen nicht mal Bangladeshi und dann auch noch nahezu mittellos. Die beiden Verliebten aber wollten heiraten. Und das taten sie auch – vor dem Gesetz, aber ohne jede Hochzeitsfeier. Denn ihre jeweiligen Eltern hatten den Kontakt mit ihnen abgebrochen, sie waren quasi verstoßen. Und eine Feier ohne den Segen der Eltern, das war selbst für das Revoluzzer-Pärchen zu viel Traditionsbruch.

Der Alltag war hart für die Tochter aus gutem Haus, die sich mit ihrem Mann mühsam durchschlug. Dann kamen die Kinder, drei. Die Eltern der shopping queen ließen sich nach und nach erweichen und öffneten ihr Haus wieder dem Liebespaar. Nicht aber seine Eltern. Bis heute haben sie ihre Enkel nicht gesehen und vermeiden jeden Kontakt.

Eindeutig keine Bollywood-Geschichte. Aber für mich wieder mal der Beweis, dass es sich lohnt auch hinter lächelnde Fassaden zu schauen…

Feeding allowed!

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen in Bangladesch ist….essen!

Und da ich ja meistens in Familien unterkomme und nicht auf die schnöde Hotelkost angewiesen bin, genieße ich die Geschmacksvielfalt der Hausmannskost (eigentlich eher Hausfrauskost) mit allen Sinnen. Ich mein das ganz wörtlich.

Denn wenn Bangladeshi kochen ziehen schon lange vorher herrliche Gerüche durchs Haus und meine Nase versucht automatisch die Ingredienzien zu erraten. Sobald das Essen aufgetragen wird, gehen mir die Augen über, es werden nämlich fast immer mehrere ‚items‘, also Gerichte, gereicht – Eines leckerer als das Andere. Der taktile Part, das eigentlichen Essen, war für mich lange eine echte Herausforderung, denn es ist nicht so einfach, mit der rechten Hand das perfekte Fleisch-Sauce-Reis-Gemisch zu kneten und es dann elegant in den Mund zu befördern. Vor allem wenn das Fleisch oder der Fisch noch an Knöchelchen hing, war mein erster Reflex immer, einfach die andere Hand zu Hilfe zu nehmen – ein absolutes No-Go in einem muslimischen Land, gilt doch die linke Hand als unrein (den Grund dafür erläutere ich lieber nicht beim Essen, auch wenn ich hier nur davon erzähle…). Ach ja, und bei manchen Sitznachbarn hat das Genießen dann auch noch eine auditive Komponente, wenn es hörbar mundet…

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Jedenfalls war diese Art zu essen lange Zeit etwas stressig für mich – ich wurde nämlich dabei ständig beäugt! Von manchen am Tisch aufmunternd, weil ich immer noch mit dem Fleisch kämpfte, von anderen anerkennend, weil ich wie ein richtiger Bangladeshi Messer und Gabel ignorierte und von wieder anderen (Jugendlichen!) feixend, weil ich mühsam mit den Fingerspitzen knetete während sie die ganze Hand zum Bällchenformen verwenden.

Seit ich mich selbst aber ganz gut im Bangla-Style ernähren kann, bleibt mir mehr Muße, meine Tischgenossen beim Essen zu beobachten. Und dabei ist mir eine kuriose Szene aufgefallen: An einem Morgen bei meiner Gastfamilie kommt die Schwester völlig verpennt an den Frühstückstisch, setzt sich, sagt, dass sie superspät dran sei und tut …nichts. Dafür aber ihre Mutter. Die knetet geübt und in Windeseile Reis mit den Leckereien vom Vortag einhändig zu einem Bällchen und stopft es ihrer Tochter in den Mund. Matsch, knet, stopf – in einem Affenzahn. Und das verspätete Töchterchen kaut, schluckt und öffnet das Mündchen im gleichen Rhythmus (das Töchterchen ist übrigens fast 30).

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Trotz Zeitdruck fiel den beiden wohl mein heruntergeklappter Unterkiefer auf und ich beeilte mich zu erklären, dass ich mich über dieses Füttern wundere, wo sich doch bei uns schon Kinder vehement dagegen wehrten und es für Erwachsene nur im Pflegefall denkbar sei, weil es ‚unselbständig sein‘ bedeute.

Gelächter am Tisch – und die Erklärung, dass es in Bangladesch völlig anders ist: Bangladeshi füttern gerne! Warum, könnten sie mir zwar auch nicht erklären, aber sie täten es ständig

Bei Geburtstagen wird die Torte von engen Freunden und Familienangehörigen verfüttert – mehr oder weniger treffsicher.

Und bei Hochzeiten…

kriegt das Brautpaar ständig von den Gästen was zwischen die Zähne geschoben, gerne auch Süßes und immer wird davon ein Foto gemacht. Ich erinnere mich spontan daran, dass die meisten Hochzeiten mit über 300 Gästen gefeiert werden, bewundere dann einerseits den robusten Magen der Brautleute und kann mir andererseits auch den oft ziemlich teilnahmslos-entrückten Blick vor allem der Braut erklären: Sie ist wahrscheinlich einfach im Futter-Zucker-Koma!