Kicken gegen Vorurteile

Eigentlich bin ich kein großer Fußball-Fan. Aber trotzdem hab ich die weite Reise ganz in den Norden von Bangladesch gemacht, um Fußballspieler zu treffen. Genauer gesagt Spielerinnen. Jugendliche Spielerinnen. Denn diese Mädels haben enorm viel bewegt in Bangladesch.

Ich bin diesmal auch mit einem Fotografen unterwegs, ein Freund, der schon einmal Bilder für einen Magazinbeitrag für mich gemacht hat. Und natürlich mit meinem bewährten Reisegefährten, der Freund, Organisator und Dolmetscher in einem ist.

Zuerst geht es an die Schule in Kalsindur, das ist ein ganz kleiner Ort, den auch in Bangladesch lange Zeit kaum einer kannte. Mittlerweile kennen ihn aber die meisten und auch das liegt an den Fußballmädels… Wir sind auch diesmal wieder mit Motorrädern unterwegs, Busse fahren in diese entlegenen Dörfer nicht und für Autos sind die Wege oft zu schlecht. Apropos schlecht, das hier ist das Fußballfeld vor der Schule! Es wird außerdem – wie man ja sieht – von Kühen, Ziegen und für den örtlichen Markt genutzt.

In der Schule werden wir schon erwartet, von einigen Lehrern und Honoratioren des Ortes. Die Bangladeshi lieben einfach das Repräsentieren, scheint mir. Alles wird hier gleich zum Staatsakt. Na, jedenfalls bekomme ich hier die ‚Legende‘ der fußballspielenden Mädchen erzählt – allerdings in einer Variante, die mir völlig neu ist: Laut den Schul-Muftis wollte die Regierung von Bangladesch – „Allah schütze unsere weise Premierministerin Sheikh Hasina“ – das Selbstbewusstsein von jungen Mädchen stärken und habe deshalb eine Intitiative ins Leben gerufen: An den Schulen im Land sollte Fußballspielen für Mädchen angeboten werden. Weil aber nicht alle Gemeinden so fortschrittlich und mutig seien, habe es das Fußball-Angebot erst nur in Kalsindur gegeben.

Ich hatte die Story übrigens ganz anders gehört und habe meine Variante mittlerweile auch verifiziert, indem ich lokale Journalisten, einen Mittelsmann in der Distrikt-Hauptstadt und den Vater eines Fußballmädchens gefragt habe. Offenbar ist das Mädchen-Team durch Trotz entstanden: In einem muslimischen Land wie Bangladesch ist es nämlich für Mädchen eigentlich verboten, Sport zu treiben und in einem Trikot rumzulaufen, geht schon gleich gar nicht. An der Schule in Kalsindur gab es aber durchaus eine Fußballmannschaft für Jungs. Allerdings war der Trainer alles andere als zufrieden mit der Disziplin und dem Einsatz dieser Jungen und war irgendwann so sauer, dass er schrie: „Das können ja die Mädchen noch besser!“ Großes Gelächter bei den Jungs – was den Trainer natürlich erst recht in Rage brachte. Und aus Trotz verdonnerte er gleichaltrige Mädchen zum Kicken. Klar, dass die Mädels zu Hause davon erzählten und die meisten Eltern waren ’not amused‘ über diesen Lehrer, der die muslimischen Sitten so mit Füßen trat. Sie verboten ihren Töchtern einfach, Fußball zu spielen.  Der Lehrer aber ließ nicht locker, ging von Haustür zu Haustür und setzte seine ganze Überzeugungskraft ein. Bis er tatsächlich einige Mädchen für eine Mannschaft zusammen hatte. Es waren Mädchen aus den Slums von Kalsindur, die ärmsten der Armen. Aber das war egal. Die Mädchen trainierten täglich und hatten bald einen Riesenspaß an diesem Sport. Und vor allem: Sie waren richtig gut!

Spiel (25)

Ich treffe mich erst mit Sajeda, einer 14jährigen Fußball-Verrückten – wenigstens stellt sich sich selbst breit grinsend so vor. Ich bin positiv überrascht von diesem Mädchen, denn normalerweise sind vor allem weibliche Tennies in Bangladesch sehr schüchtern, kriegen fast den Mund nicht auf. Für Sajeda scheint es aber ganz selbstverständlich zu sein, dass da Menschen von weit her zum Interview kommen – oder sie wurde einfach gut gebrieft. Wir setzen uns im Halbkreis auf den Platz vor der Wellblechhütte. Aber dann steh ich nochmal auf, geh zu dem Pulk an Honoratioren und Familienangehörigen, die sich auch hier versammelt haben und erkläre höflich, aber mit Autorität, dass wir jetzt Ruhe bräuchten, sowohl für die Interviews als auch für die Fotos. Erstauntes aber doch bereitwilliges Murmeln. Anweisungen von einer Frau gehen nur, wenn die mit der nötigen Chuzpe auftritt, soviel weiß ich schon.

Ich merke, dass Sajeda immer wieder an ihrer pinkfarbenen Trainingsjacke rumzippelt. „Chicer Dress“, sage ich. Und da platzt auch der letzte Rest Zurückhaltung wie eine Seifenblase. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, dass sie darauf auch unglaublich stolz ist, immerhin war es immer ihr Traum, zu dieser Schul-Mannschaft zu gehören und diese einheitlichen Trikots hätte das Team relativ neu gesponsert bekommen. Sogar ihr Name stehe drauf….sie stockt, wird etwas rot, und schiebt dann schnell ein: „Berühmt sein ist mir nicht so wichtig, aber eine gute Spielerin zu sein, schon.“

Es macht Spaß mit Sajeda zu reden, sie erzählt anschaulich, dass sie schon immer ein ziemlich gutes Ballgefühl hatte – naja, BALLgefühl passt nicht ganz, denn sie hatte ja in ihrer Kindheit keinen Ball, dafür waren ihre Eltern viel zu arm. Statt dessen hat sie mit unreifen Limetten, Mangos oder mit allem, was irgendwie die Form eines Balls hatte gespielt. Offenbar ein gutes Training, denn als sie später für das Fotoshooting in ihrem normalen Alltagskleid ihre Ballkünste vorführt, bin ich platt: Der Ball scheint wie an einem Gummiband mit Sajedas Fuß verbunden zu sein – er umkreist ihren Knöchel, wechselt zur Spitze, zur Hacke, fliegt, landet auf dem Spann und bleibt da ruhig liegen. Es sieht so spielerisch aus, aber die 14Jährige ist hochkonzentriert, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lacht: „Ich bin Stürmerin. Und in der Ballkontrolle bin ich richtig gut.“

Seit sie im Fußball-Team der Schule sei, trainiere sie täglich anderthalb Stunden. Mir rutscht die Augenbrauen hoch – anderthalb Stunden? Zusätzlich zur Schule? Sie nickt herausfordernd. Leicht sei das nicht, gibt sie zu. „Ich steh halt sehr früh auf, putz die Zähne und helf meiner Mutter beim Kochen. Dann geht’s zum Fluss, schwimmen, waschen und ab zur Schule. Und um drei ist dann Training. Das verpass ich nie! Sobald ich daheim bin, helf ich wieder im Haushalt und mach die Hausaufgaben.“

Klar, am Anfang hätten die Nachbarn getuschelt, manche hätten gesagt, das schicke sich nicht für Mädchen, das sei gegen die religiösen Gesetze. Sie sei liederlich, sich so anzuziehen….Sajeda wischt diese imaginären Stimmen mit einer Handbewegung weg. Da hatte das Team ja längst schon Erfolge im Ausland, deshalb hörte das böse Gerede bald auf. Und kaum hat sie das Thema Ausland angesprochen, rutscht und wippt Sajeda wieder auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sei schon in Indien und Tadschikistan gewesen, „das war toll, vor allem die Spielfelder dort – Waaaahnsinn!“ Ich grinse und erinnere mich an das riesige Feld vor der Schule, voller Sandlöcher, Abfall und Kuhdung.

Es habe sich so viel verändert durch das Mädchen-Fußballteam, sagt Sajeda. Sie hätten jetzt richtige Mannschaftstrikots. Und eigentlich profitiere der ganze Ort vom Erfolg der Kickerinnen, immerhin gäbe es jetzt in jedem Haus Strom. „Früher konnten wir nur im Haus der Lehrerin Fußball gucken. Jetzt kann ich das zusammen mit Freunden und Nachbarn machen, auch wenn wir nicht alle Kabel- oder Satelliten-Fernsehen haben.“

Dann geht’s ans Fotoshooting. Ich bitte das Mädchen, das Trikot aus und ihre Alltagsklamotten anzuziehen. Wir wollen ja auch ihren Alltag, ihr Leben in der Familie ablichten. Ihre Augen weiten sich ganz kurz, „wie ohne Trainingsanzug?“ – aber sie hat diese kleine Irritation schnell überwunden als ich ihr erkläre, dass die Menschen in Deutschland ja nicht wüssten, wie der Alltag einer 14Jährigen in Bangladesch aussehe, und dass wir das auch gerne zeigen würden.  Aber vorher, sagt sie, müsse sie uns noch ihre Medallien zeigen…

Und dann post sie für uns: Beim Kochen, Waschen, mit ihren Freundinnen, mit der Familie – Sajeda ist ganz bei der Sache, hat keinerlei Scheu. Sie scheint ganz bei sich zu sein, sich selbst bewusst und zufrieden. Und sie plappert ganz vergnügt mit meinem Fotografen, verrät ihm sogar, dass sie in der letzten Saison Torschützenkönigin war und überhaupt: Das Mädchenteam sei weit besser als die Fußball-Jungs….

Wir verabschieden uns von Sajeda, werden sie aber beim Training am Nachmittag wieder treffen.

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Und beim Wegfahren merke ich, wie froh mich diese Begegnung gemacht hat: Ich habe schon viele Mädchen aus sehr armen Familien gesehen, die meisten waren verhuscht, trauten sich kaum, mir in die Augen zu sehen und zuckten bei schnellen Bewegungen auch schon mal ängstlich zusammen. Was für ein Kontrast zu diesem offenen und unkomplizierten Mädchen!

Fortsetzung folgt

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No place, no freedom

Es passieren manchmal ungewöhnliche Sachen, wenn man ein großes, internationales Netzwerk hat:

Vor kurzem erhielt ich eine Nachricht auf Facebook von einer mir unbekannten Person – An sich nichts Ungewöhnliches, es gibt ja ziemlich viele Menschen, die einfach mal einen ‚friend request‘ abschicken, auch wenn sie dich gar nicht kennen. Aber diesmal war es anders, denn die Nachricht kam von einem ziemlich verzweifelten Menschen in Bangladesch.

Wie ich schnell erfahren habe, ist der Absender ein Transgender, also jemand, der sich im falschen Körper, dem falschen Geschlecht zugeordnet fühlt.  Deshalb und weil ich den Namen der betroffenen Personen nicht nennen soll, nenn ich sie hier Nipu – ein bengalischer Name, den man für Männer und Frauen passt.

Nipu weiß offenbar schon lange, dass er eigentlich ein Mann ist, den es leider fälschlicherweise in einen Frauenkörper verschlagen hat. Gerade diese Transgender-Variante ist in Bangladesch aber besonders heikel. Denn es gibt dort zwar einige Hijra, die in einem Männerkörper geboren aber eigentlich Frauen sind (siehe Blog-Artikel vom 19.1.2015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/01/19/the-third-gender/ ), aber die umgekehrte Verkörperung scheint sich seltener an die Öffentlichkeit zu trauen.

Nipu jedenfalls hat sich getraut und sogar eine Arbeit gefunden, bei der er ganz er selbst sein konnte: Nämlich bei einer Hilfsorganisation, die sich für sexuelle Minderheiten einsetzt.

Aber dann ist 2013 etwas passiert, dass die bengalische Gesellschaft – oder jedenfalls die betroffenen Familien – nicht akzeptieren kann: Nipu hat sich verliebt! In eine FRAU!

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Seine Liebe – ich nenne sie hier Simu – kannte Nipu schon lange, ihre Familien waren befreundet. Und die beiden wurden vor vier Jahren ein Liebespaar. Lange Zeit schöpfte niemand Verdacht, bis Simus Mutter eines Abends ein Telefongespräch der beiden belauschte. Keine Ahnung, was die beiden am Telefon gesprochen haben…aber kombiniert mit dem ‚männlichen Auftreten‘ von Nipu hat sich die Mutter alles zusammengereimt. Und war entsetzt! Für sie war diese Liebe ‚abnormal‘, gegen die religiösen Gebote und das Gesetz.

Simu bekam ihr Entsetzen auch gleich zu spüren – durch heftige Schläge. Außerdem durfte sie das Haus nicht mehr alleine verlassen.  Und Nipu samt seiner Familie musste sich wüste Beschimpfungen und Drohungen gefallen lassen. Nipus Familie gab sich übrigens überrascht, aber die ‚Beweise‘ – also die Nachrichten auf den Telefonen – waren eindeutig.

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Nach einigen Monaten normalisierte sich das Leben aber wieder. Nipu und Simu trafen sich wieder, heimlich. Aber obwohl er geschworen hatten, die Liebenden zu decken, verriet Simus jüngerer Bruder die Beiden an die Eltern. Die stürmten sofort in Nipus Elternhaus, bedrohten und beleidigten alle Familienmitglieder und forderten Nipu auf, Dhaka zu verlassen, ansonsten würden sie ihn umbringen. Wie ernst es Ihnen war, hat Nipu bald schmerzhaft erfahren: Als er abends mit Freunden am Fluß saß, kam Simus Bruder mit einer ganzen Gruppe und griff Nipu an. Sie schlugen ihn, packten ihn am Kragen und riefen: „Du siehst zwar wie ein Mann aus, aber du bist eine verdammte Frau“ und dann grapschte einer der Angreifer Nipu an die Brust, um den handfesten Beweis zu haben.  Nipu fühlte sich zerschunden, beschmutzt und schrecklich gedemütigt.

Simu ging es auch nicht besser: Sie wurde abwechselnd von ihrer Mutter, ihrem Vater und sogar vom jüngeren Bruder geschlagen. Ihr Vater warf ein Holzwerkzeug nach ihr, das sie übel verletzte. Das schlimmste aber war für sie, dass alle Familienmitglieder sie anspuckten.

Simu studiert an einer Mastermind-Schule, also einer Schule für Hochbegabte, aber mit all den blauen Flecken und Wunden, konnte sie natürlich nicht dort auftauchen. Die Mutter entschuldigte sie bei der Schule: Sie habe hohes Fieber und könne deshalb nicht zum Unterricht kommen.

Ein paar Wochen später schaffte es Simu, abzuhauen. Sie kam zu Nipus Arbeitsstelle, einer Hilfsorganisation für sexuelle Minderheiten. Die beiden suchten dort Hilfe. Ihr ‚Fall‘ wurde protokolliert, unzählige Formulare ausgefüllt und dann wurde ihnen eröffnet, dass sie sich eigentlich nur für die Rechte von Trans-Frauen einsetzen (also Männer, die sich als Frau fühlen).

Zu der Enttäuschung bekam Nipu noch einen Anruf. Seine Mutter erzählte, dass  ihr Haus auf dem Land umzingelt sei.  Simus Onkel, ein hohes Tier in der Regierungspartei und gleichzeitig  korrupt, habe ihr gedroht, wenn Nipu Simu nicht sofort wieder ihrer Familie aushändige, dann würde er seinen Vater öffentlich angreifen und zwei seiner Neffen kidnappen.

Die beiden Verliebten waren hilflos….Also gaben sie klein bei. Simu wurde von einer Tante abgeholt, dann zu ihrer Oma gebracht und in deren Haus monatelang eingesperrt. Keinerlei Kontakt zur Außenwelt! Sie bat verzweifelt darum, dass sie wenigstens ihre Ausbildung abschließen dürfe, aber es half nichts. Im Gegenteil, sie wurde zu einem Psychiater gebracht.

Nipu fügte sich ebenfalls und verließ die Hauptstadt Dhaka. Er war sicher, dass er sonst – wie angedroht – umgebracht worden wäre. Und tatsächlich hat er später erfahren, dass Simus Familie schon Kontakt zu einem Profikiller hatten, der für 1.000.000 Taka zu haben war (das sind umgerechnet etwa 11.000 Euro).

Seit Dezember 2015 lebt Nipu jetzt auf dem Land, ohne Job und auch fast ohne Kontakt zu seiner eigenen Familie, die nichts mehr von ihm wissen will. Ab und zu hat er Bewerbungsgespräche, es wurden ihm auch schon Jobs angeboten – aber immer mit der Auflage, dass er sich ’normal‘, also wie eine Frau kleiden müsse. Das kommt für ihn aber nicht in Frage, er mag und kann sich nicht mehr selbst verleugnen. Gleichzeitig sagt er von sich selbst, dass er depressiv geworden sei, dass er nicht mehr ohne Schlaftabletten einschlafen kann und in Bangladesch keine Zukunft mehr habe.

Simu lebt seit Anfang des Jahres wieder in Dhaka, studiert auch wieder, aber immer noch unter ständiger Bewachung. Sie hat kein eigenes Handy, ihr Facebook-Account wird kontrolliert, aber ab und zu kann sie mit dem Handy einer Freundin Kontakt zu Nipu aufnehmen.

Sie gehen beide ein hohes Risiko ein, wenn sie sich trotz allem treffen. Aber manchmal tun sie es doch. Und ganz im Geheimen, mit der Hilfe von wahren Freunden, haben sie am 12. Februar 2017 geheiratet.

Transgender-Paar verfremdet

Soweit die Geschichte dieses Paares.

Wahrscheinlich könnt Ihr verstehen, dass ich den beiden gerne helfen will. Mittlerweile hab ich Kontakt zu Amnesty International aufgenommen, zu verschiedenen Aktivisten, zu Gender-Gruppen und zwar in Deutschland und Bangladesch. Wir sind erstmal auf der Suche nach einem Land, in dem Homosexuelle oder Transgender offen und ohne Angst leben und arbeiten können. Nipu hat einen Master in Wirtschaftswissenschaften, Simu träumt davon, ihr Englisch- und Literatur-Studium abzuschließen und an einer Uni arbeiten zu können. Und beide hätten auch gerne irgendwann ein Kind…

Ganz normale Träume eben. Und ich hoffe, dass sie irgendwann wahr werden!

Impressions from the road

Wer in Bangladesch von einem Ort zum anderen kommen will, braucht vor allem eins: Zeit.

Denn in den Städten verstopfen Autos, Rikschas, Busse und Fußgänger die Straßen und außerhalb der Orte sind die Straßen oft so schlecht, dass es auch nur langsam vorwärts geht. Und genau das finde ich mittlerweile so unglaublich schön! Dadurch findet man nämlich die Muse, auf all die kleinen Szenen zu achten, denen man am Wegesrand begegnet. Es ergeben sich auch manchmal unvorhergesehene Begegnungen oder einfach nur wunderschöne Eindrücke, die einen noch lange begleiten.

Heute möchte ich ein paar dieser Impressionen mit Euch teilen. Weniger mit Worten als vielmehr mit Bildern…

Das satte Grün von Reisfeldern ist in Bangladesch allgegenwärtig. Selbst dann, wenn die Felder gerade erst bepflanzt werden, wie bei der letzten Reise im bengalischen Winter. Auf dem letzten Bild seht ihr im oberen Drittel übrigens die angesäten Reispflanzen, die dann von Hand  ausgegraben, vereinzelt und wieder eingepflanzt werden – dazu bücken sich die Männer tief, ein Reispflänzchen aus dem Büschel von links wandert in die rechte Hand, dann in den Matsch, das geht ziemlich schnell, fast schon rhythmisch. Auf mich wirkt das irgendwie harmonisch, für die Männer ist das aber wahrscheinlich ein Knochenjob.

Leider hab ich nicht von allen Szenen Bilder, die mir im Vorbeifahren aufgefallen sind: die von dem kleinen Jungen, der mit einem Stock einen Reifen vor sich hertreibt. Oder die Mutter, die mit ihrem Kind schimpft und es dann ziemlich rüde am Arm hinter sich herzieht. Oder die Kuh, die seelenruhig mitten auf einem Cricket-Feld grast, während eine Horde Jungs um sie herum Bälle drischt. Und immer wieder, die ‚Kebab-Spieße‘ am Wegesrand – Kuh- und Ziegendung, der getrocknet und dann zum Anfeuern verwendet wird

Die bunten Flecken auf dem abgeernteten Feld sind übrigens Wäsche, die zum Trocknen ausgelegt wurde. Scheint eine bewährte Methode zu sein, sieht man fast genauso oft wie Wäsche auf der Leine

das schwimmende Grün auf dem Bild unten rechts ist übrigens Gemüse, das ich erst mit Seerosen verwechselt habe – schmeckt aber garantiert besser!

Weitere Szenen am Wegesrand: Kinder, die Futter zu den Tieren Zuhause schleppen. Ein Mann lässt sich von einem anderen die ergrauten Haare mit einer schwarzen Paste abdecken, die liebvoll-vorsichtig mit einer Zahnbürste aufgetragen wird. Und das laute Knattern kommt offenbar von dem einzigen High-Tech-Gerät weit und breit, mit dem gerade das Feld gepflügt wird.

Auf den Landstraßen ist zwar immer etwas Verkehr, auch hier wird eifrig gehupt, aber es geht eigentlich ganz gemächlich zu. Rasen lassen die Schlaglöcher in den Straßen eh nicht zu…

In den kleine Ortschaften, durch die wir kommen dagegen, geht es schon lebhafter zu. Normale Autos gibt es eher selten hier, dafür aber Lastwagen, Busse, Radfahrer, einen Traktor und eine Art Pritschen-Rikscha. Nach meiner Theorie lässt sich die Bedeutung und Größe einer Ortschaft daran ablesen, ob die Spuren der Hauptstraße von einander getrennt sind, also ob zwischen ihnen diese hässlichen mobilen Beton-Mäuerchen aufgestellt sind. Oder auch am Aufgebot der Verkehrspolizisten. Nach meinem Eindruck haben die eine ganz spezielle Ausbildung genossen. Nicht in Verkehrsführung, oh nein. Sondern in einem Fitness-Studio. Denn sobald ein Vehikel nicht so steht oder fährt, wie es die Verkehrspolizisten wünschen, knüppeln die völlig entfesselt auf das Fahrzeug und im Zweifel auch auf dessen Fahrer ein.

Egal wo ich hinkomme, ich falle auf. Nicht unangenehm. Noch nie hatte ich das Gefühl, unerwünscht zu sein. Es ist eher Neugier, die mir entgegen gebracht wird. Und vielleicht Erstaunen, dass sich in die manchmal abgelegenen Gegenden überhaupt ein Fremder verirrt.

Entlang der Wege gibt es unzählige kleine Stände: Obst, Gemüse, Suppen, Süßigkeiten, Zigaretten und natürlich das obligatorische Tässchen Tee. Ich liebe diese farbenfrohe Klekse auf den Straßen und werde selbst bei street food immer mutiger – erfahrungsgemäß ist mein Magen auch sehr experimentierfreudig.

Gewundert hat mich, dass es in manchen Dörfern riesige Holzstapel vom Baumstamm bis zum gehobelten Brett gab und sogar Sägemühlen. Obwohl es in den meisten Gegenden nur wenige Bäume und höchstens kleine Wäldchen gibt. Offenbar wird das Holz vor allem von den bewaldeten Hügeln im Südosten hergebracht, den Chittagong Hills.

Ab und zu ist auch eine ‚Großbaustelle‘ am Straßenrand zu sehen, vor allem aber immer wieder die unendlich scheinenden Ziegelfelder. Schneller als man kucken kann, schaufeln die am Boden kauernden Männer den Lehm in eine Form, klopfen sie kurz auf den Boden, drehen die Form und der Rohziegel landet zielsicher neben seinem Vorgänger. Nach und nach entstehen so die kleine grauen Mäuerchen – das sind die trocknenden Lehmziegel. Und in den Brennöfen unter dem großen Kamin werden sie dann zu den typisch roten Ziegeln gebrannt, die man in Bangladesch scheinbar für alles braucht. Für Straßen, Häuser, als Erhöhung bei Hochwasser und als Torersatz auf den wenigen Fußballfeldern.

Auf langen Strecken bin ich übrigens meisten mit den ortsüblichen Überlandbussen unterwegs, ganz selten mit einem gemieteten Auto und auf kürzeren Strecken mit dem CNG, also einer Motorrikscha oder dem Motorrad. Letzteres ist gerade in ländlichen Gegenden oft die einzige Möglichkeit, um überhaupt ans Ziel zu kommen, denn dort werden aus Straßen oft super-schmale Staubpisten. Böse Zungen behaupten ja, ich würde nur deshalb abgelegene Dörfer besuchen wollen, damit ich wieder mal auf einem Motorrad fahren kann…

Immer wieder muss man in Bangladesch Flüsse überqueren, denn die ziehen sich wie Adern durchs ganze Land. Manchmal- vor allem nachts, wenn man weder genau sieht, worauf man das Wasser überwindet, noch wie tief es ist – ist da plötzlich so ein komisches Kribbeln in der Magengrube. Und erst wenn man die Stelle bei der Rückfahrt nochmal überquert, kann man den Schwimm-Schweb-Gleit-Moment richtig genießen.

An dieser Fähr-Anlegestelle hatte ich übrigens eine sehr eindrückliche Begegnung: Wir mussten auf die nächste Überfahrt warten und gönnten uns am Kiosk einen Tee. Mehrere ältere Männer saßen dort herum, schlürften ihr Getränk und waren ansonsten eher einsilbig.  Trotzdem wirkten sie sehr zufrieden. Ob ich fotografieren dürfe? „Aber natürlich!“

Besonders der ältere Mann mit dem weißen Bart hatte es mir angetan, er strahlte irgendwie Ruhe aus…und Offenheit. Ich zeige das Portrait meinem Begleiter: „He has so friendly eyes, hasn’t he?“ – eigentlich dachte ich, das leise gesagt zu haben. Aber der alte Mann mit dem weißen Bart spricht mich plötzlich an: „Please, take a seat“

Es waren nur etwa 15 Minuten, die ich mit diesem Mann gesprochen habe. Aber es waren sehr eindrückliche Minuten. Wir sprachen über meine Reisen, warum ich immer wieder nach Bangladesch zurück komme. Er interessierte sich sehr für meine Eindrücke von seinem Land. Und nickte ganz leicht mit dem Kopf als ich sagte, dass ich nie in Hotels, dafür aber sehr gerne bei Freunden wohne, weil ich so viel mehr Eindrücke über den Alltag und das Miteinander von bangladeshi bekäme. Ja, er hat mich richtig ausgefragt. Und ganz kurz hat bei mir auch mal ein Alarmlämpchen aufgeleuchtet – vorsicht, ich bin ja offiziell nur eine normale Touristin… Aber letztendlich hab ich mich auf mein Gefühl verlassen, war sehr offen zu ihm und teilte meine Eindrücke – auch die negativen. Und als wir an der Reihe waren fürs nächste Übersetzen, stand der alte Mann mit den gütigen Augen auch auf: „My dear lady, you got so deep insights from my country, please write about Bangladesh. Share your impressions!“

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Ruti – das bengalische Brot

Heute wird’s hier mal wieder etwas aktiver – es gibt nämlich mal wieder ein Rezept zum Ausprobieren.

Böse Zungen behaupten ja, in Bangladesch gäbe es immer nur Reis – zum Frühstück, zum Mittagessen und abends auch gleich noch…Das stimmt nur fast. Morgens habe ich oft Ruti bekommen, ein herrlich fluffig-würziges Brot. Okay, eher ein Fladenbrot. Aber lecker!

Und weil mir meine Freundin Nisha mal wieder eine super-genaue Anleitung (für vier Rutis) samt Bilder geschickt hat, könnt Ihr gleich loslegen:

  1. schüttet ein halbes Glass Wasser in einen Topf, etwa einen halben Teelöffel Salz dazu und zum Kochen bringen

2. dann eine Tasse Mehl in das kochende Wasser und alles gut vermischen – damit habt Ihr schon den Ruti-Teig. Er darf übrigens nicht trocken sein

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3. dann raus mit dem Teig, gut durchkneten und in vier gleich große Knödel aufteilen

4. jedes einzelne Ruti-Stück muss jetzt gut gerollt werden – das scheint enorm wichtig zu sein. Warum konnte mir Nisha zwar nicht erklären, aber vielleicht kommt dadurch nochmal Luft rein, die nachher die Rutis so fluffig macht

5. jetzt die Teigklümpchen zu einem Ball rollen, von beiden Seiten leicht mit den Fingern andrücken und dann geht’s ans Ausrollen

6. Mehl drauf und jetzt kommt eine spezielle Teigrolle zum Einsatz: Die Bangla-Rolle hat nämlich Rillen, die sich wie eine Spirale von links nach rechts ziehen. Und damit kann man den Teig – mit ein bisschen Übung –  mit gleichmäßigen Drehungen ausrollen. Also der Teig selbst wird dabei bewegt, er dreht sich beim Rollen. Mit dem Effekt, dass eine gleichmäßig runde Teigplatte entsteht (ich bin zwar noch nicht perfekt beim Ausrollen, aber ich hab mir auf jeden Fall so einen pfiffigen Teigroller angeschafft 😉 )

7. jetzt geht’s ans Ausbacken: Bei Gasherden eine flache Pfanne auf mittlere Stufe erhitzen, bei Elektroherden würd ich erstmal volle Pulle geben und später runterdrehen. Die Pfanne sollte ziemlich heiß sein, KEIN Öl oder Fett rein, dafür aber die Ruti-Flade, sobald die Pfanne heiß ist.

Es werden beim Ausbacken kleine Blasen entstehen, die man vorsichtig flach drückt. Ansonsten einfach kurz von beiden Seiten anbraten bis kleine braune Punkte anzeigen, dass das Ruti fertig ist.

Dieses Fladenbrot wird übrigens meines Wissens nur morgens gegessen. Dafür aber gerne mit Spiegelei oder den aufgewärmten Resten vom Vortag. Und besonders lecker ist es zu meinem Lieblingsgericht: Pumpkin-Curry made by Nisha!!!

Apropos, ich muss Euch ja noch meine Koch-Lehrerin Nisha vorstellen

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Manche kennen sie wahrscheinlich schon vom Pumpkin-Curry-Rezept. Nisha macht es offenbar viel Spaß, mich in die Geheimnisse der bengalischen Küche einzuweisen und sie ist dabei unglaublich geduldig! Auch wenn ich für ein Ruti die doppelte Zeit gebraucht habe, wenn mein Reis-Mehl-Crèpes nicht die richtige Größe hatte oder ich beim Putzen des Algen-ähnlichen Gemüses einfach nicht ihren eleganten Dreh mit der Hand hinbekommen habe…

DHONNOBAD NISHA!

After the big flood – Char Charita Bari

Ich hab hier ja schon mehrmals über ein kleines Dorf im Norden von Bangladesch berichtet: Char Charita Bari heißt es und liegt auf einer Schwemmlandinsel im Distrikt Gaibandha. (siehe: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/08/08/against-all-odds/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/  )

Das komplette Dorf wurde mit Geld aus einer Spendenaktion der Clingenburg Festspiele (Franken) erhöht – konkret heißt das, die Dorfbewohner haben Erde aus dem Fluss und von Anbauflächen abgetragen und händisch auf das Dorfplateau aufgeschichtet. Dann wurde es festgestampft, geebnet und die Hauser samt Solaranlage, Toiletten und Brunnen wieder aufgebaut. Soviel zur Vorgeschichte.

Natürlich war ich neugierig, wie es den Dorfbewohnern jetzt geht, von denen ich zwar wusste, dass sie im vergangenen Jahr trocken geblieben sind, aber nicht, was genau während und nach der Flut passiert ist.

Schon als wir uns mit den Motorrädern dem Dorf nähern, sehe ich eine Veränderung:

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Foto: Yvonne Koch

Über einen Arm des Tista führt jetzt eine Brücke, eine niegelnagelneue. Beim letzten Mal habe uns hier noch Jungs aus dem Dorf mit dem Kahn übergesetzt… Und statt des Trampelpfads zum Dorf, führt jetzt eine lange Rampe auf den zentralen Platz

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Foto: Yvonne Koch

Dort steht ein kleiner Holztisch, mit Tischdecke und Blumenvase, drumherum einige Plastikstühle und alle Dorfbewohner sind hier versammelt. Sie sind sichtlich aufgeregt, besonders die Kinder tuscheln und hippeln herum, als ob gleich was Besonderes passiert. Und das tut es tatsächlich:

Ein junges Mädchen kommt auf mich zu, wahrscheinlich um die zwölf Jahre alt, in der Hand eine Blumenkette. Ganz langsam und feierlich legt sie sie mir um den Hals, dreht sich halb und lächelt in die vielen Kameras und Handylinsen, die jetzt plötzlich alle gleichzeitig losknipsen. Ich bin total gerührt….was für ein Empfang…und erst als dann noch ein kleines Mädchen mit einem lustigen grünen Klämmerchen im kurzen Haar mir noch eine Blumenkette umhängt, hab ich mich wieder einigermaßen unter Kontrolle. Auch Broja Gopal Saha bekommt einen Kranz – und er hat ihn auch wirklich verdient: Denn er vertritt hier die bengalische Hilfsorganisation Centre for Disability in Development (CDD), also die NGO, die die Idee zur Dorferhöhung hatte und sie vor Ort umgesetzt hat.

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Foto: Yvonne Koch

Wieder sind es Frauen, mit denen ich ins Gespräch komme – eine Besonderheit, die mir schon beim letzten Besuch aufgefallen ist. Die Frau in rot heißt Morcina Kathon, verrät sie mir, nicht aber ihr Alter – das solle ich schätzen. Sie hat was Spitzbübisches, ein offenes Lachen….33 schätze ich spontan…und sie fängt an zu kichern. Tatsächlich wisse sie ihr genaues Alter gar nicht, aber wahrscheinlich sei sie so um die 40. Die junge Frau in rosa wirkt deutlich schüchterner. Sie heiße Sabina (gesprochen: Schobina), 23 Jahre alt, sagt sie leise, dann schlägt sie die Augen nieder als ob sie selbst erstaunt ist über den Mut, mit mir zu sprechen.

Soweit ich weiß, war das Dorf zwar das einzige in der Gegend, dass bei der letzten Flut nicht überschwemmt wurde, aber trotzdem war es knapp: Nur etwa 30 Zentimeter trennten die Dorfbewohner vom höchsten Pegel. Ob sie während der Flut Angst gehabt hätten, dass das Wasser doch wieder alles mitreiße, frage ich Morcina. Nein, nie, ist die spontane Antwort. Sie alle seien sicher gewesen, Allah würde es niemals zulassen, dass all die Arbeit, all die Bemühung so vieler Menschen, umsonst gewesen seien. Ich bin platt über so viel Gottvertrauen, aber auch ein bisschen erschreckt. Denn es ist durchaus möglich, dass die nächste oder übernächste Monsunzeit das Wasser noch höher steigen lässt und dann selbst dieses erhöhte Dorf nicht hoch genug ist.

Auf diesen beiden Fotos wird nochmal deutlich, wie hoch das Wasser stand: Der Mann auf dem linken Bild steht au f der Höhe des letzten Pegels (die Füsse links am Bildrand stehen auf der jetztigen Dorfebene) und rechts sieht man, wieviel höher das Dorf jetzt über der Ebene ist. Das verdorrte Gewölle an der Böschung ist übrigens ein spezielles Gras, mit dem die Dorfbewohner das aufgeschüttete Gelände bepflanzt haben. Dieses Gras bildet ein besonders dichtes Wurzelgeflecht und die Dorfbewohner waren überzeugt, dass nur durch diese Bepflanzung die Erde nicht ins Rutschen kommen würde – und diese Idee hat sich bei der letzten Flut tatsächlich bewährt!

Der CDD Repräsentant Gopal verkündet den Dorfbewohnern noch eine gute Nachricht: Ihr Dorf ist zum Model-Projekt geworden. Denn hier wurde nicht nur ein Spendentopf ausgekippt und den Menschen etwas vor die Nase gesetzt, von dem andere denken, es wäre zu ihrem Besten. In Char Charita Bari konnten und mussten die Dorfbewohner aktiv mithelfen. Sie haben selbst die Erde am Fluss ab- und auf das neue Plateau aufgetragen, haben mitentschieden, wie ihr Dorf danach wieder aufgebaut wurde. Zum Beispiel haben sie sich gegen eine Solarpumpe für den Brunnen und eine zentrale Toilettenanlage entschieden und stattdessen lieber Sanitäranlagen für jedes Haus extra gebaut. Und genau dieses Konzept macht jetzt Furore: Sieben andere Dörfer sollen nach dem selben Prinzip erhöht werden – vorausgesetzt die Gelder sind dafür da. Außerdem reisen mittlerweile auch Interessierte aus anderen Distrikten und sogar aus dem Ausland an, um sich das Projekt vor Ort anzuschauen.

Als ich die beiden Frauen frage, welche Tipps sie für diese neuen Projekte hätten, was man noch verbessern könne, ergreift nochmal Morcina das Wort: „Es muss nichts verbessert werden! Uns ging es noch nie so gut, wir haben die Flut ohne jeden Verlust überlebt, wir konnten Anderen Schutz bieten, unsere Nachbarn mit Essen versorgen, haben Reis und Gemüse im Überfluss und all unsere Tiere haben Nachwuchs – Wir sind jetzt reich!“

Wieder hab ich einen Kloß im Hals…Sabina merkt das und bietet an, mich durch das Dorf zu führen.

Ich kriege die Wassertanks gezeigt, in die das Wasser gepumpt wird, dass für die Dusche und das Klo gebraucht wird, die behindertengerechte Wasserstelle und die Solarpanel auf den Dächern, mit denen jetzt jedes Haus drei Lampen betreiben kann – eine im Bad, eine in der Küche und eine im Wohnzimmer.

Und mein Blumenmädchen zieht mich in seine Hütte, weil sie mir zeigen will, dass sie jetzt endlich nach der Schule und der Arbeit, ihre Schulaufgaben machen kann – denn jetzt ist in der Hütte genug Licht.

 

Nochmehr beeindruckt mich aber bei dem Rundgang durchs Dorf, wie ordentlich jetzt alles ist, jedes Tier, jedes Werkzeug hat seinen Platz – als ob die Bewohner diesen Ort besonders pflegen und hegen.

Und dann zeigen mir die Dorfbewohner noch, dass man manchmal mit einem old-school-Gerät beste Qualität erzeugen kann:

Mit dieser Wipp-Vorrichtung brechen die Frauen die Reiskörner aus den Spelzen: Eine tritt  in regelmäßigem Rhythmus auf den kurzen Hebel, dadurch hebt und senkt sich die Wippe im Takt. Und die andere Frau schiebt die Körner immer wieder in die Kuhle. Wobei sie höllisch aufpassen muss, dass ihre Hand nicht dazwischen ist.

Mit den so ‚geschälten‘ Reiskörner verdienen die Familien weit mehr als mit dem von Maschinen bearbeiteten Reis. Es ist mehr Arbeit, aber weil die Männer jetzt im Dorf bleiben können, dort die Landwirtschaft übernehmen, haben die Frauen Zeit für diese Qualitätsarbeit – ein Gewinn für alle.

Übrigens hab ich auch Laily wieder getroffen, die Frau, die ich beim letzten Mal für so eine Art Dorfvorsteherin gehalten habe. Das ist sie nicht. Laily lebt nicht einmal in dem erhöhten Dorf, sondern etwa 150 Meter entfernt. Sie kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, drückt mich fest und hat Tränen in den Augen, als sie mich wieder loslässt. Wir müssten unbedingt auch ihr Haus besuchen, wir dürften nicht ablehnen.

Sie ist sichtbar stolz auf ihr Haus, das deutlich besser ausgestattet ist, als das der Dorfbewohner von Char Charita Bari: Ein mit Schnitzereien verzierter Holzschrank ist das Punkstück hier. Darin reichverziertes Geschirr, kleine Figürchen, Kunstblumen. Dieser Repräsentier-Schrank steht auf Ziegeln, schwebt also quasi über dem Boden. Denn so hoch stand das Wasser bei der letzen Flut. War das nicht hart zu sehen, dass hier das Wasser stand während die Nachbarn nebenan davon verschont waren? Unangenehm war es, ja. Aber neidisch auf die Nachbarn sei sie nicht gewesen. Die hätten ihr ja so viel geholfen, sie konnte ihr Vieh nebenan unterstellen.

Auf dem Rückweg frage ich Gopal, warum Lailys Haus nicht einfach auch mit erhöht wurde. „Du hast vielleicht gesehen, dass sie nicht zu den Ärmsten gehört“, sagt er. „Wir wollen den Bedürftigsten helfen, den Gebrechlichen und Behinderten – alle anderen können das erhöhte Dorf als Vorbild nehmen und ihre Häuser, ihr Land selbst erhöhen. Die Dorfbewohner haben Laily dafür auch Hilfe angeboten“.

Wir können nicht allen helfen – das wird mir wieder mal klar. Aber ich habe den Eindruck, dass man schon viel bewegen kann, wenn man andere Lösungen und Sichtweisen aufzeigt.

 

 

Modern slavery

Es war nicht leicht, Frauen zu finden, die mit mir über ihre Arbeit in den Teeplantagen reden wollen. Nicht nur, weil es für die Teepflücker riskant ist, mit der Presse zu reden – sie könnten ihre Arbeit verlieren und damit ihre Existenz -, sie haben in der Regel auch so gut wie keinen Kontakt zu der Welt außerhalb der Teeplantagen. Alleine hätte ich das nie geschafft. Aber wie so oft haben mir liebe Menschen geholfen und das Unmögliche möglich gemacht (dazu mehr in einem Extra-Blog-Artikel).

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Der Grund, warum die Plantagen-Arbeiter so isoliert sind, liegt über 150 Jahre zurück: Die Teearbeiter sind nämlich ursprünglich aus Indien, aus einigen wenigen Regionen dort. In jeder dieser Regionen wurde ein anderer Dialekt gesprochen, gab es andere Traditionen und ethnische Wurzeln. Und genau deshalb haben britische Teeplantagen-Besitzer sich 1853 diese Volksgruppen als Erntehelfer ausgesucht und sie dabei gewaltig übers Ohr gehauen. Sie haben den Orissas, Santals, Mundas und all den anderen ethnischen Gruppen erzählt, dass sie für vier Jahre in einem wundervollen Garten arbeiten dürfen, in dem die Blätter der Bäume aus Gold sind. Klar wollten sie dort arbeiten und haben einen superkrasser buy-out-Vertrag unterschrieben: sie haben sich verpflichtet, ihr Leben auf den Plantagen zu verbringen und auch ihre Kinder dort anzulernen. Mit dem Effekt, dass sie jetzt seit Generationen in den Teeplantagen leben, arbeiten, einkaufen und sterben. Und das weitestgehend isoliert und unbemerkt von den Bangladeshi.

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Wir treffen zwei Frauen, heimlich, in einem Haus in einer der Teeplantagen. Naja, heimlich… die Nachbarn kriegen natürlich was mit, aber wir sind so schnell da und auch gleich im Haus verschwunden, dass sich die neugierigen Blicke in Grenzen halten.

Ich habe eine spezielle Dolmetscherin bei mir, Rupa, eine Frau aus Sylhet, die den örtlichen Slang versteht und auch diese Mischung aus Sylheti und Hindi, die die Arbeiterinnen sprechen.

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Wir sind alle etwas aufgeregt, wie wir da sitzen: Die zwei Arbeiterinnen, neben mir auf dem Sofa, Rupa gegenüber auf dem großen Bett und ihr Sohn Arman im Stuhl daneben. Er unterstützt seine Mutter, springt immer dann ein, wenn ihr das englische Wort nicht einfällt…

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Jenny, die jüngere der beiden Frauen, ist 25 Jahre alt. Ich zucke innerlich leicht zusammen, als sie mir ihr Alter verrät, denn ich sitze direkt neben ihr und ihr Gesicht ist übersät von unzähligen kleinen Falten, die Haut wirkt ausgelaugt. Ihre Augen dagegen schauen mich zwar schüchtern, aber totzdem offen an. Und dann erzählt sie bereitwillig von ihrem Alltag. Sie lebt mit ihren drei Kindern, ihrem Mann, dem Schwiegervater und dem Schwager in einer kleinen Hütte. Während der Tee-Ernte hat sie einen ziemlich straffen und anstrengenden Tagesablauf: Morgens muss sie schon früh raus, für alle kochen, Geschirr spülen, den Haushalt machen und um neun fängt dann die Arbeit in der Plantage an. Die geht bis sechs Uhr abends, nur unterbrochen von einer kleinen Mittagspause. Sie pflückt nur die zartesten Blätter der hüfthohen Teepflanzen ab, darf sie dabei nicht quetschen oder knicken und muss auch ziemlich schnell sein. Denn es gibt zwar kein Tagessoll, dass sie erfüllen muss, aber sie wird nach Menge bezahlt: Pro Korb bekommt sie vier bis fünf Taka und an besonders guten Tagen schafft sie etwa 50 Körbe – also 250 Taka, wenn’s gut läuft…das sind weniger als drei Euro. Es wird meistens schon dunkel, wenn sie mit der Arbeit im tea garden fertig ist, der Rücken tut weh, die Beine sind schwer und Zuhause duscht sie dann erstmal. Füße hochlegen ist allerdings nicht, denn die Kinder und die Männer warten auf das Essen, womöglich muss auch noch Wäsche gewaschen werden…und erst dann darf sie sich ausruhen.

Harte Arbeit, aber sie ist nur begrenzt. Denn die Pflückerinnen können nur an drei Monaten im Jahr arbeiten, die restlichen neun Monate haben sie oft keinerlei Einkommen. Jenny hat Glück, denn sie hilft jetzt im Winter bei der Aufzucht der Pflanzensetzlinge. Trotzdem: Das Einkommen von ihr, ihrem Mann und ihrem Schwiegervater reicht eigentlich nie, um alle sieben Familienmitglieder richtig satt zu kriegen oder mal ein paar neue Schuhe zu kaufen.

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Wir tauschen die Plätze und Sandra Dash sitzt jetzt neben mir, der Name spricht sich übrigens Sondra. Wie alt sie ist, weiß sie nicht genau, wahrscheinlich um die 45, denn sie ist wohl kurz nach der Staatsgründung von Bangladesch auf die Welt gekommen und die war 1971. Den weißen Schleier trägt sie übrigens, weil sie Witwe ist. Offenbar hat sie auch sonst keine direkten Verwandten mehr, obwohl sie fünf Brüder hatte. Auf jeden Fall haben alle ihre Verwandten immer im tea garden gearbeitet, über alle Generationen, solange sie zurückdenken kann. Es gibt zwar manche, die ‚draußen‘ arbeiten, als Tagelöhner auf Baustellen, aber das sind nur die Männer und eben nur außerhalb der Saison. Denn wer im tea garden geboren ist, muss hier auch arbeiten, sagt sie. Sie könnten ja auch nirgends anders hin, sie hätten ja keinen anderen Platz, keine Familie oder Freunde, kein Land und auch kein Geld, um sich ‚draußen‘ eine Wohnung zu mieten.

Wenn Sandra das Hindi-Sylheti-Wort ‚draußen‘ benutzt, kräuselt sie gleichzeitig die Nase. Es sieht aus, als rümpfe sie die Nase über dieses ‚Draußen‘. Ihr selbst ist das offenbar nicht bewusst, denn sie erzählt unbeirrt weiter.

Sie selbst war nie auf einer Schule, sagt Sandra und schlägt die Augen nieder. Aber es gäbe seit ein paar Jahren die primary schools, also Grundschulen in dem tea gardens, die seien für die Arbeiterkinder umsonst. Und danach?, frage ich, gehen die Kinder danach auf staatliche Schulen? Sandra sieht mich etwas seltsam an. Natürlich nicht. Die müssten sie ja bezahlen. Und keine Familie in den tea gardens könne sich das leisten und sie kenne niemand, der je auf eine Schule außerhalb gegangen wäre. Ihre eigenen Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, sind längst verheiratet. Sie waren wie sie selbst, nie auf einer Schule.

Ich merke, dass die beiden Frauen manche meiner Fragen seltsam finden. Zum Beispiel als ich frage, was ihr größter Wunsch war oder ist. Beide wackeln in Bangla-Manier mit den Köpfen, was sowas wie ‚ich weiß nicht‘ heißt. Nach einer kleinen Pause meint Sandra dann, sie habe sich immer eine bessere Zukunft für ihre Kinder gewünscht, aber sie wisse, dass das völlig idiotisch sei. Jenny pflichtet ihr bei. Und schiebt dann schüchtern nach, dass sie in ihrer Jugend immer davon geträumt habe, einen gutsituierten Mann zu finden, der nicht in den Plantagen lebt, ein Leben ohne Sorgen zu haben. In ihrer Jugend….oh Mann, diese Frau ist gerade mal 25 Jahre alt!

Nächste Frage – und wieder verwirrte Blicke – wo kaufen sie ein? Ich hatte nämlich gehört, dass sie die Plantagen nicht verlassen dürfen, sondern alles Nötige in den Läden in den tea gardens kaufen müssen, die natürlich auch den Plantagenbesitzern gehören. Nein, nein, natürlich könnten sie auch außerhalb einkaufen, versichert mir Sandra und Jenny nickt eifrig. Aber als ich nachhake kommt raus, dass das faktisch meistens doch nicht geht. Denn in den tea garden shops bekommen sie kleine Ermässigungen, zum Beispiel vier Körbe Reis für 10 Taka, etwa 12 Cent. Auch das Mehl ist billiger. Und dann gibt es ja noch eine andere Abhängigkeit, die die Arbeiter in den Plantagen hält: Alle tea garden workers sind nämlich Hindus, haben ihre eigene Kultur, Sitten und Gebräuche – und sie dürfen, anders als die Muslime, Alkohol trinken. Und genau das machen sich die Plantagen-Besitzer gern zu Nutzen: In den Plantagen-Shops verkaufen sie Alkohol. Und schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Arbeiter benebeln sich nach der harten Arbeit gerne, versuchen sich so ihre Situation schön zu trinken. Dadurch verlieren sie aber auch jeden Willen, etwas zu ändern. Jeder revolutionäre Gedanke wird so im Alk ertränkt. Außerdem werden und sind viele Arbeiter alkoholabhängig, brauchen den Stoff und tun alles, um ihn zu kriegen.

Onil Dash mischt sich ein, ein drahtiger Mann, der plötzlich am Fenster hängt. Er erzählt, das manche der tea workers auch noch in den Häusern der Bengalen arbeiten müssen, also bei den Aufsehern und Managern der Plantagen. Sie putzen dort, binden den Herren die Schuhe oder leeren den Abfall – unbezahlt. Er sagt es zwar nicht, aber ich denke, das ist eine Auswirkung der Alksucht, der noch größeren Abhängigkeit.

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Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, wo ich anfange, etwas herumzueiern…ich möchte nämlich herausfinden, wie Onil und die beiden Frauen ihr Verhältnis zu den ‚Bossen‘ empfinden (damit sind die Aufseher und Manager gemeint, die richtigen Bosse, also die Besitzer, bekommen die Arbeiter nämlich nie zu sehen). Aber ich will fragen, ohne Worte wie Diskriminierung oder Sklaverei  zu verwenden. Wie sie behandelt werden, frag ich deshalb, ob sie denken, dass die Bosse sie wie Gleichwertige behandeln. Wieder unverständige Blicke. Ja, die Bosse schätzen ihre Arbeit, sagt Jenny. Also wenn sie gut und viel arbeiten. Und ja, sie würden gut behandelt werden, also es gäbe in der Regel keine Schläge mehr.

Ich schaue Rupa an, Rupa schaut mich an. Wir merken, dass wir an diesem Punkt nicht weiterkommen. Die Frauen kennen nichts anderes. Dass die Bosse sie wie Untermenschen behandeln ist für sie normal. Vielleicht auch, weil es im indischen Kastensystem auch diesen festen Platz gegeben hat, in den man geboren wird und den man verdient. Dass sie in den Häusern der Bosse zwar die Drecksarbeit machen dürfen, aber weder das Geschirr noch irgendwelche Wertsachen berühren dürfen, ist eben so…sie sind wie die ‚untouchables‘ – Unberührbare und Unsichtbare. Denn wie die tea worker leben, dass sie eigentlich eine eigene Sprache, Kultur und Identität haben, weiß kaum jemand – auch nicht die Bangladeshi selbst.

 

Discoveries in the tea gardens

In Sylhet, dem nordöstlichsten Distrikt von Bangladesch, habe ich einen dieser ‚tea gardens‘ besucht. Nicht mit einer offiziellen Touristen-Führung, sondern mit Gumir, einem der Arbeiter dort. Gumir war nie auf einer Schule, selbst Bangla, die Landessprache, spricht er nur gebrochen und außer einzelnen Worten wie ‚monkey‘ und ‚tea factory‘ kann er auch kein Englisch.

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Trotzdem führt er mich zwei Stunden lang durch die sanften Hügel, über kleine Flüsschen, entlang der scheinbar nicht enden wollenden Tee-Plantagen. Uns begegnen nur wenige Arbeiter auf diesen Wegen, vor allem Männer, die jetzt im Winter, also außerhalb der Saison, die Tee-Büsche beschneiden. Allerdings nicht alle gleich: Auf manchen Feldern werden die Büsche radikal mit einer Motorsäge auf eine einheitliche Höhe gestutzt, so dass eine waagrechte Ebene entsteht, auf der fast keine Blätter mehr wachsen. Auf anderen wird in der Mitte jedes Busches ein Ast stehen gelassen, so dass der wie ein Arm mit Blatthändchen den Restbusch etwa 30 Zentimeter überragt. Gumir gibt mir zu verstehen, dass dieser Haupttrieb der ‚Boss‘ des Busches ist und dass diese Methode neu sei. Und mir fällt auf, dass auf diesen Feldern auffällig viele hohe Bäume stehen, die alle etwa mannshoch mit weißer Farbe angestrichen sind. Das sieht aus als ob die Bäume Söckchen hätten…Vielleicht auch Teil eines neuen Ernte-Optimierungskonzepts.

Und dann ist plötzlich ein gleichmäßiges Geräusch zu hören, es klingt irgendwie peitschend. Und eine Hügelkette weiter sehen wir den Ursprung der Geräusche: Etwa ein Dutzend Arbeiter scheint auf die Büsche einzuschlagen. Gumir erklärt mir, dass sie die Buschspitzen mit Metallschlaufen abschlagen, die sie tatsächlich wie Peitschen schwingen. Die Blätter und Ästchen spritzen nur so um die Männer herum.

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Jede dieser Schnitt-Methoden dient dazu, dass die Büsche im kommenden Jahr neue, starke Blatttriebe bekommen, denn nur die ganz zarten Spitzen werden für die Teeproduktion verwendet.

Fünf Frauen kommen uns entgegen, alle tragen bunte Ballen auf ihren Köpfen. Tee scheint es nicht zu sein, dazu sind die Bündel zu klein. Sie haben eine Art Sichel in der Hand, am Körper bunte Saris und jede hat einen roten Punkt zwischen den Augenbrauen. Stolz sehen sie aus, wie sie schlank und aufrecht näher schreiten. Aber dann sieht man ihre verbraucht aussehende Haut, die zum Teil schlechten, krumm gewachsenen Zähne und die vielen Narben an den Händen.

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Etwas weiter hinter ihnen steht eine kleine Gruppe Männer. Beim Näherkommen sehe ich, dass zwei Polizisten ziemlich aggressiv auf einen älteren Mann einreden. Dann gibt der ihnen ein Bündel Geldscheine. Ist das eine Art Wegzoll? Ich frage Gumir, der mir ganz leise und ziemlich angespannt antwortet. Ich meine zu verstehen, dass die Männer bei einem Tempel waren, obwohl heute Freitag ist – also der muslimische Sonntag – und  dass sie deshalb Strafe zahlen müssen. Wir gehen schnell vorbei, aber ich kann mir nicht verkneifen, diese Szene dann doch noch zu fotografieren…auch wenn auf diesem Foto nicht mehr deutlich ist, wer wem Geld gibt.

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Tja, leider haben mich die Polizisten beim Fotografieren bemerkt. Mit dem Effekt, dass sie uns folgen. Erst mit etwas Abstand, aber bald rücken sie immer dichter auf. Ich bleibe mehrmals stehen, mache Fotos, in der Hoffnung, dass sie uns überholen. Das tun sie aber nicht, sondern bleiben auch stehen.

Ob es irgendein Problem gibt oder ich ihnen irgendwie helfen könne, frage ich sie. Antwort: „No, we just want to protect you“. Ich versichere ihnen, dass Gumir mich hervorragend beschützt und extra dafür angeheuert wurde, dreh mich um und geh weiter. Gumir wirkt immer noch angespannt, erklärt mir flüstern etwas, das ich nicht verstehe und wird erst wieder ruhiger, als die Polizisten uns dann doch irgendwann überholen und schnell außer Sichtweite sind.

Gumir grinst mich an und deutet auf einen Hügel. Da hinauf sollen wir, er wolle mir etwas zeigen.

Der Tempel von Mohadeb, so wird Shiva hier wohl genannt. Aber der Tempel ist nicht das einzige Heilige hier…auch der riesige Baum daneben, mit seinen unzähligen, verschlungenen Wurzeln scheint eine besondere Bedeutung zu haben. Jedenfalls steht ein goldfarbener Minikessel in einem Hohlraum des Baumes, der sich aus einem Geflecht von Luftwurzeln und Ästen gebildet hat. Hat was von einem sakralen Turm, oder einem filigran-durchbrochenen Minarett-Turm, den ein abgedrehter Architekt ersonnen hat.

Über eine Stunde sind wir schon unterwegs und ich gebe Gumir zu verstehen, dass ich langsam gerne zurück will. Wir gehen jetzt schneller, trotzdem muss ich ab und zu anhalten, um die tea garden-Atmosphäre einzufangen oder kleine Szenen am Wegrand

Plötzlich höre ich Kinderstimmen….hört sich an wie ein Abzählreim, oder, nein, eher wie das Geleier von aufgesagten Gedichten…

Tatsächlich nähern wir uns einer Plantagengrundschule. Ich strecke den Kopf rein, frage die Lehrerin, ob ich kurz stören und außerdem Fotos machen darf und fühle mich dann von unzähligen Kulleraugen beobachtet. Manchen kids bleibt sogar der Mund offen stehen ob des unerwarteten Besuchs. Aber die Lehrerin scheint nichts aus der Ruhe zu bringen, sie lacht, lädt mich mit einer Handbewegung ein und macht dann einfach weiter.

Gumir drängelt, also geht’s weiter. Zur Teefabrik, in der die Blätter getrocknet und fermentiert werden, entlang der langen ‚office‘-Barracken, in denen der Tee gehandelt wird und die Arbeiter ihr Geld kriegen und vorbei an der einzigen Einkaufsmöglichkeit in dieser Plantage.

Die einzelnen Plantagen sind durch Mauern getrennt. Manche gehören der Company, sagt Gumir, manche sind wohl ‚private‘. Auch ohne die Mauer wäre mir aufgefallen, dass es wohl unterschiedliche Besitzer gibt: In den Company-Plantagen sind die Arbeiterhäuser aus Beton, meistens bunt gestrichen und sehen ganz ansehnlich aus. Anders auf den privaten Plantagen. Das sind dann doch eher Hütten…

Zwei Stunden lang war ich mit Gumir unterwegs, zwei Stunden, indem mir dieser junge Mann nonverbal ziemlich viel vom Alltag der tea gardens vermittelt hat. Und wie es ist, als Pflückerin auf diesen Plantagen zu arbeiten, wollen mir zwei Frauen später erzählen.

***Fortsetzung folgt***