Sunset in Gaibandha

Es ist immer dasselbe Guesthouse, in dem ich im district Gaibandha übernachte. Ich mag es sehr hier – nicht nur wegen des hervorragenden Essens, den sauberen Zimmern, die sogar eine Dusche haben oder dem WLAN-Anschluss. Nein vor allem liebe ich den Blick von den kleinen Balkonen. Dieser Blick besonders bei Dämmerung – da fällt auch das letzte bisschen Anspannung sofort von mir ab. Hier fühl ich mich einfach unglaublich wohl.

Gaibandha Blick aus Zimmer

Besonders im Winter ist hier abends ein wunderschönes Licht. Aber was red ich, genießt die Bilder und ich versuch mal, diesmal etwas weniger Text zu liefern 😉

Okay, klappt nicht ganz… Fällt Euch an den Reisfeldern was auf? Normalerweise sprießt um diese Jahreszeit ein zartes, frisches Grün. Diesmal haben viele Halme aber einen eher rötlichen Schimmer. Das sei durch den kalten Nebel, der in diesem Jahr besonders zäh und lange über den Feldern hänge. Die rötlichen Halme seien wahrscheinlich alle nicht mehr nutzbar, der Reis quasi erfroren. Auch das sei eine Auswirkung des Klimawandels, sagt man mir. Aber ich häng immer noch an dem Wort ‚erfroren‘ – geht das überhaupt bei Temperaturen von plus sechs Grad? Auch wenn das zugegebenermaßen für Bangladesch schon seeeehr kalt ist.

Als der Traktorfahrer mich sieht, verändert er sein Fahrverhalten sofort: das Handy kommt vom Ohr, der Fuß aufs Pedal und dann startet das Gefährt durch. Laut tuckernd rast der Traktor auf eine Böschung zu, die ist etwa anderthalb Meter hoch. Ohne zu bremsen erklimmt dieser die Böschung bis er fast senkrecht steht. Kurz vor dem Kippen fährt die Egge am Hinterteil nach oben und stützt den Traktor ab. Der junge Mann auf dem Fahrersitz dreht sich kurz zu uns um, winkt triumphierend und tuckert dann im Abendlicht davon.

Fast hätte ich ob dieser artistischen Einlage die Bahnschwelle übersehen, die vor mir im Boden eingelassen ist. Fiat 1959 steht da drauf.  Haben etwa Italiener die Bahnlinie hier verlegt? Jetzt ist die Strecke jedenfalls stillgelegt. Hoff ich. Denn im Moment wird sie sichtbar zweckentfremdet.

Ein paar Schritte weiter wieder Schienen. Und die vibrieren plötzlich und ein seltsames, Rumpeln ist zu hören.

Schnell ist der Zug nicht. Die Passagiere haben genug Zeit, der neugierigen Europäerin zu winken und sogar ein ‚Valo theko – Mach’s gut‘ zuzurufen.

Kaum ist der Zug vorbei, hör ich wieder Rufe. Diesmal sind es Kinder, die auf den Feldern neben Wellblechhütten spielen. Ich winke, knipse und grinse – posende Jungs scheinen ein ziemlich internationales Phänomen zu sein.

Anders ist es mit den Gesichtern von älteren Menschen. Die find ich speziell in Bangladesch oft einfach unglaublich interessant…

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The dancing goat

Nach Gaibandha zu kommen ist immer ein bisschen wie heimkommen. Denn dieser Distrikt im Norden von Bangladesch liegt mir besonders am Herzen. Nicht nur, weil diese Gegend als die ärmste im Land gilt oder weil es hier jedes Jahr zu verheerenden Überschwemmungen kommt, sondern weil ich die Menschen dort grenzenlos bewundere: Sie leben mit und gegen die zahlreichen Flüsse, die sich wie Adern durch das Land ziehen. Und obwohl diese Ströme während der Monsunzeit ihnen fast jährlich Ernten zerstören, Häuser und Felder wegreißen und sogar Todesopfer fordern, bauen die Menschen in Gaibandha jedes Jahr wieder alles auf. Nicht weil sie dumm sind, sondern so bettelarm, dass sie oft keine Alternativen haben. Und trotzdem sind die Menschen in Gaibandha freundlich und offen und strahlen eine besondere Gelassenheit aus, eine innere Harmonie.

Gaibandha impressions4.jpg

Lange hab ich gedacht, dass ich die Gegend aus irgendeinem Grund romantisiere und mit einem sentimentalen Weichzeichner sehe. Aber mittlerweile hab ich auch andere Europäer dorthin gelotst und auch Einheimische aus anderen Regionen von Bangladesch … und auch sie hatten das Gefühl, dass dort alles von ihnen abfällt, entschleunigt und sich etwas Warmes, Harmonisches in ihnen breit macht.

Kurz, ich komm gern nach Gaibandha. Und nach und nach, lerne ich auch die kleinen Freuden kennen, denen vor allem die Kinder gerne nachgehen. Mitten im Dorf ist zum Beispiel eigentlich immer ein kleiner Weiher, der sogenannte pukur. Hier wird gebadet, gewaschen und oft auch noch in einem Eck Wassergemüse angebaut. Oder aber, der Uferbereich des Weihers wird als Spielwiese genutzt:

Es ist eine Art Fangen, das die Kinder hier spielen, offenbar auf mehreren Ebenen, aber da bin ich nicht ganz sicher. Auf jeden Fall spielen Mädchen und Jungen hier zusammen – was nicht selbstverständlich ist.

Als die Kids bemerken, dass ich mich für ihre Spiele interessiere, versuchen sie mir einige zu erklären….

bei Kazol (74)

Aber weil sie schnell merken, dass mein Bangla dafür bei weitem nicht reicht, ziehen sie mich einfach mit. Zu einem Platz am Flussufer, außerhalb des Dorfs. Zwei Gruppen werden gebildet, Schuhe als Markierungen ausgelegt – ich denke, sie sollen eine Art Torpfosten darstellen. Ein Junge nähert sich der Schuhmarkierung der anderen Mannschaft. Und dann geht alles sehr schnell:

Die genauen Regeln hab ich nicht kapiert, aber es geht um Geschicklichkeit und Schnelligkeit, das konnte ich sehen.

Mädchen machen bei diesem Spiel nicht mit. Nur eins stand am Rand und kuckte verschüchtert zu.

schulmädchen

Offenbar kam sie gerade aus der Schule. Einer der größeren Jungs erklärt mir in holprigem Englisch, dass sie einen besonders weiten Schulweg habe. Er deutet auf eine Erhebung auf der anderen Seite des Flusses. Ihr Dorf sei etwa eine Stunde Fußweg vom Flussufer entfernt. Insgesamt brauche sei fast zwei Stunden zur Schule – und natürlich auch so lange wieder zurück. Sie komme überhaupt nur während der Trockenzeit zum Unterricht, denn sobald der Monsun einsetzt, sei es zu gefährlich, der Fluss zu reißend.

Jetzt aber liegt der Fluss ganz ruhig da. Ein Fischer steht am Ufer. Geduldig zieht er immer wieder sein Schwenk-Netz durch das Wasser. In der Hoffnung, wenigstens ein paar kleine Fische zu fangen.

Mein Name wird gerufen. Ob ich schon mal eine tanzende Ziege gesehen hätte? Hab ich nicht. Und deshalb ziehen wir alle im Pulk zum Haus eines hochgeschossenen Jungen, der stolz seine kleine, schwarze Ziege präsentiert. Er habe sie dressiert, erklärt er und wird ein bisschen rot. Sie sei sein bester Freund und begleite ihn manchmal sogar zur Schule. Alle lachen. Und dann beweist mir der Teenager, dass in Gaibandha sogar die Ziegen tanzen:

„It’s tough to be a female entrepreneur in Bangladesh“

Die bengalische Facebook-Seite von Artopolis (https://www.facebook.com/artopolis.bd/) ist mir gleich aufgefallen. Das war vor über einem Jahr. Ein Online-Shop mit unglaublich farbenfrohen und originellen Produkten überwiegend für Kinder. Meistens aus Filz.  Sowas hab ich in Bangladesch noch nirgends vorher gesehen. Aber die Produktpalette veränderte sich nach ein paar Monaten… immer öfter wurde Schmuck präsentiert – ebenfalls farbenfroh, aber aus Perlen, Wollfäden und kleinen Metallelementen.

Wer steckt hinter dieser Kreativität? Wer traut sich an diese Materialien, die für Bangladesch wirklich sehr ungewöhnlich sind? Und gibt es auch einen Laden zum Online-Shop? – Mit dieser letzten Frage nahm ich Kontakt auf, über den Nachrichten-Button auf der Seite. Und nur wenige Minuten später kam die Antwort: „Nein, einen Laden gibt es nicht. Aber du bist ja eh oft in Dhaka, du kannst also online bestellen und alles dann bei deiner nächsten Reise hier abholen.“

Spooky! Artopolis kennt mich?

Nach ein paar Frage-Antwort-Nachrichten später ist klar, dass hinter Artopolis eine Frau steht und wir eine gemeinsame Freundin haben. Und noch ein paar Messages später steht fest, dass ich den kreativen Kopf von Artopolis unbedingt kennenlernen will. Das Treffen war im Januar…

Sumaiya Sayed empfängt mich im Herzen ihres Unternehmens, in ihrer Wohnung mitten auf dem Uni-Gelände von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Und kaum öffnet sie die Tür, hüpfen zwei kleine Gummibälle auf mich zu – ihre Kinder. Beide mit ein Grund, warum sie zur MomPreneur (Kunstwort aus mom=Mama und  entrepreneur=Unternehmer/in) geworden ist, erklärt mir Sumaiya. Denn nachdem sie mit ihrem Mann aus Amerika zurück gekommen ist, hat sie zwei Dinge bemerkt: Es gibt in Bangladesch für Kinder fast nur Plastikspielzeug in Massenware – UND: Sie hat keine Lust, nur untätig Zuhause rumzusitzen. Gebastelt habe sie immer gern und Ideen für kreatives Spielzeug aus weichen Materialien hatte sie im Überfluss. Also legte sie los.

„Ich bin von meinen eigenen Kindern ausgegangen. Diese billigen Plastiksachen, die haben sie an einem Tag geschrottet. Und die guten Marken haben seit über 20 Jahren das gleiche Design, da gibt’s nix Neues. Außerdem gibt es in Bangladesch quasi keine Baby-gerechten Spielsachen oder was, was eine ‚Geschichten-Zeit‘ von Eltern mit ihren Kindern ermöglicht.“ Die Marktlücke war also gefunden: Mit Filzbüchern und Fingerpuppen fing die junge Frau an. Alles in liebevoller Handarbeit gefertigt. Und weil in Bangladesch viele Start-ups auf Facebook verkaufen, hat sie das auch gemacht: Ein kleiner Online-Shop, der organisch wachsen kann. Könnte. Denn der Erfolg war…mäßig. Offenbar muss Spielzeug für Bangladeshi blinken, klingeln oder sich wenigstens fernsteuern lassen. Und dann war Sumaiyas Handarbeit natürlich auch noch teurer als die Industrie-Toys. „Klar war das enttäuschend. Vor allem, weil ich schon glaube, dass es dafür einen Markt gibt.“ Aber Aufgeben? Pustekuchen!

Die Jungunternehmerin hat einfach umgeschwenkt. Jetzt stellt sie Schmuck aus Naturmaterialien und leichten Metallen her. „Das geht viel schneller, ist einfacher und die Resonanz ist viel größer.“ Sie zwinkert verschmitzt. Natürlich freut es sie, dass ihr kleines Unternehmen jetzt weit besser läuft. Aber ihre Intension ist auch noch eine andere: „Früher gab es in unserer Kultur viel Natur-Schmuck, aus Blumen oder Naturperlen. Aber das hat sich geändert, jetzt muss alles golden-protzig glitzern. Ich mag es auch farbenfroh, aber mein Schmuck muss nicht aus teuren Edelmetallen sein. Ich mache Schmuck, den man jeden Tag, aber genauso zu großen Feiern wie Hochzeiten tragen kann. Aus Filz, Wolle, Holzperlen, dünnem Metal – und das ist bis jetzt einmalig in Bangladesch.“ Es ist aber nicht nur der ‚back-to-the-roots-Effekt‘, der Sumaiya wichtig ist. Ein bisschen will sie auch dem sozialen Wettrüsten vor allem bei Hochzeiten entgegenwirken: In Bangladesch wird die Braut für die Hochzeit wie ein Weihnachtsbaum mit Goldschmuck, Glitter und Klimperei behängt (Bild unten links). Allein für den Sari werden Unsummen ausgegeben, für den Schmuck sowieso und alles in allem sind Hochzeiten in Bangladesch unwahrscheinlich groß und pompös – Mit dem Effekt, dass viele Jungvermählte oft über Jahre bis über die Ohren verschuldet sind.

Das geht auch anders, ist sich Kunsthandwerkerin Sumaiya sicher. Und sie konnte tatsächlich auch schon eine Braut (Bilder rechts) davon überzeugen, dass mit ihrem farbenfrohen Schmuck bei der Zeremonie durchaus auch Staat zu machen ist – OHNE dafür Kredite aufnehmen zu müssen.

Mittlerweile kann sich die MomPreneur vor Anfragen kaum retten, auch aus dem Ausland kommen Bestellungen. Deshalb helfen Freundinnen und Verwandte bei der Herstellung der Ketten, Ringe und Accessoires mit. Ihre Produkte sollen bewusst von Frauen gefertigt werden, sagt Sumaiya. Am liebsten würde sie auch gern benachteiligte Frauen aus ihrer Nachbarschaft beschäftigen, Säure-Opfer zum Beispiel, die es in der bengalischen Gesellschaft besonders schwer haben. „Das Problem ist, dass viele Frauen, die ich gefragt habe, schon gern für mich arbeiten würden. Aber halt nicht hier bei mir Zuhause. Sie haben Angst, dass die Leute dann denken, sie wären meine ‚Maid‘, eine Haushaltshilfe und das wird als minderwertige Arbeit angesehen.“

Aber die Unternehmerin will bewusst in ihren eigenen vier Wänden produzieren. Weil sie den Platz hat, weil sie noch nicht in andere Räume investieren will, weil sie die Qualität bei der Fertigung gerne im Blick haben möchte und vor allem: Weil sie so in der Nähe ihrer Kinder ist.

„Es gibt immer mehr Unternehmerinnen wie mich, mit den unterschiedlichsten Ideen. Tolle Frauen mit unglaublich originellen Produkten.“ Fast alle seien im kreativen Bereich unterwegs, experimentieren mit Farben und der bengalischen Kultur. Bemalen zum Beispiel Saris von Hand, das traditionelle Wickelkleid. Oder sind Bäckerinnen, die Zuhause die abgedrehtesten Themen-Torten zaubern – die sind in Dhaka übrigens gerade der große Renner. Und dann kenne sie mindestens noch 20 weitere Start-up-Schmuckhersteller, nur einer davon ist männlich. Überhaupt seien die meisten Kleinunternehmer Frauen. Die wenigen selbständigen Männer arbeiten eher digital, bei News-Portalen oder als Software-Experten oder in der Fotografie. Auffällg sei auch, dass die meisten Frauen in der Hauptstadt sitzen, sie sind jung und wuppen ihr Unternehmen neben dem Studium her oder während der Babypause. Es brauche viel Kraft, Engagement und Zeit, dieses Leben als female entrepreneur. Denn weibliche Unternehmerinnen müssten mit Problemen kämpfen, die Männer nicht hätten.

Sumaiya sitzt auf ihrem Sofa und streichelt ihre Katze. „Der Kunde einer Bekannten wollte unbedingt seine Bestellung persönlich übergeben haben, bei sich Zuhause, privat. Es war ein schmieriger Typ, der komische Andeutungen machte. Das war ziemlich suspekt“. Aber die Unternehmerinnen von Dhaka sind organisiert,  in einer Facebook-Gruppe, und lassen keine entrepreneuse in so einem Fall allein: „Wir haben ihr alle empfohlen, das nicht zu tun. Sag nicht nein, immerhin ist er ein Kunde und Multiplikator, aber triff dich in einem öffentlichen Café.“

Auch die Bezahlung der Waren ist für bengalische Frauen manchmal ein Problem, weil immer mehr Kundern per Überweisung zahlen wollen – die wenigsten Frauen haben ein eigenes Bankkonto.

Aber die Zeiten für Frauen werden besser, meint Sumaiya. Es gäbe jetzt das bkash-System, ein mobiles Banking über das Handy, das sehr einfach sei. Außerdem gäbe es im Moment für Unternehmerinnen ganz spezielle staatliche Förderungen, besondere Internet-Pakete für bestimmte SIM-Karten und spezielle Kredite. Trotzdem. Frauen, die sich selbständig machen seien in Bangladesch nach wie vor Exoten. Und lösen zum Teil sehr heftige Gefühle aus…

Sumaiya mit Katze

„Es ist schon seltsam, wie die Menschen auf mich als Unternehmerin reagieren“, meint die Sumaiya Sayed. Ihre eigene Familie sei…. irgendwie enttäuscht. Denn sie komme aus einer Familie von Lehrern und Professoren, ihre Eltern und auch ihr Mann unterrichten an der Uni. Und natürlich hätten alle von ihr erwartet, dass sie nach dem IT-Studium sowas wie Software-Entwicklerin werden würde. „Andere finden, die Frau hat Kinder, sie sollte sich besser um die kümmern, statt auf Unternehmerin zu machen“, weiß Sumaiya. Und wieder andere sagen, wie toll sie es fänden, dass sie mit der Heimarbeit Zuhause bei den Kindern bleibe. „Das nervt mich besonders. Weil das irgendwie unterstellt, dass Frauen, die ins Büro oder in die Fabrik gehen zum Arbeiten, schlechte Frauen sind. Ich bewundere arbeitende Frauen, meine Mutter ist auch eine. Und diese Frauen müssen sich viel mehr Herausforderungen stellen als ich.“ Dieses Schubladen-Denken ist nichts für die Powerfrau. „Mein kleines Unternehmen ist einfach meine persönliche Wahl, nicht mehr und nicht weniger. Und ich habe es bis jetzt nicht bereut, ich liebe, was ich mache!

 

Flying corruption

(Regieanweisung:) Szene am Flughafen von Cox’s Bazar, Bangladesch. Boarding zone. Zu sehen ist der überfüllte Wartebereich (der Flug hat Verspätung). Die Erzählerin und ihr bengalischer Freund Gopal sitzen nebeneinander mit Blick auf die Landebahn, rechts von ihnen die Kontrollschleuse mit Gepäckscanner, Metalldetektor-Rahmen und dem Kontrollteam: Eine dickliche Frau hinter dem Computer-Bildschirm, hinter einer Art Tresen eine junge Frau und ein Grenzbeamter in Uniform, direkt vor dem Metalldetektor ein schlanker Mit-Dreißiger im Anzug.

„Soll ich noch einen Kaffee holen?“, frag ich. Aber Gopal ist plötzlich völlig abwesend, scheint sich auf irgendwas anderes zu konzentrieren. Trotzdem bemerkt er meinen fragenden Blick. „Moment, ich kann gerade nicht, ich beobachte gerade was“. Ich folge seiner Blickrichtung: Der Mit-Dreißiger im Anzug tastet gerade einen jungen Mann ab. Auf eine seltsam sanfte Art, streicht er ganz langsam von oben nach unten über die Kleidung mit kleinen kreisenden Bewegungen um die Hosentasche, dann gleiten seine Hände an der Oberschenkel Innenseite nach unten. „Ist der schwul?“, flüstere ich Gopal zu. Aber der zischt nur: „Warte ab. Beobachte!“

Ich kann zwar die Worte nicht verstehen, aber der Anzug-Mann ist honigsüß-freundlich, dass merkt man, er lächelt ständig. Dann lotst er den jungen Mann zum Gepäckscanner. Offenbar ist eine große Tüte das einzige Hand-Gepäckstück des jungen Mannes, der aussieht wie ein Student. Der Anzug läßt den Studenten alles auspacken. „Das sind Süßigkeiten, Spezialitäten aus Myanmar, die kriegt man hier in Bangladesch nicht“, informiert mich Gopal. Mindestens zwanzig Packungen sind jetzt auf dem Band ausgebreitet. Der Anzug grinst den Studenten an, sagt was. Der junge Mann wirkt angespannt. Er schiebt dem Kontrolleur eine Packung Süßigkeiten zu, schaut kurz auf und schiebt dann dem Anzug noch eine Packung zu. Der verabschiedet den Studenten überschwenglich und wendet sich dann dem nächsten Reisenden zu, der durch den Metallrahmen will.

Gopal steht auf, schlendert lässig zum Pfeiler neben dem Kontrollpunkt und positioniert sich direkt hinter dem Anzug-Kontrolleur. Gopal, der Spion…. Der Anzug bemerkt nicht, wer ihm da im Nacken sitzt bzw. steht. Wohl aber die beiden hinter dem Kontroll-Tresen. Sie beobachten Gopal genau, die junge Frau mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

Nach einiger Zeit kommt Gopal zurück und erzählt mir, wie er beobachtet hat, dass diesmal sogar Geldscheine den Besitzer gewechselt hätten. Die Masche sei nicht einmal subtil: Erst verwickelt der Kontrolleur sein Opfer in ein Gespräch, plaudert angeregt, wobei er darauf hinweist, dass das Team ja schon den ganzen Tag hier stünde und es daher ja schon gut wäre, wenn der Reisende dem Team eine kleine Spende geben würde.

Wir beobachten weiter, vor allem auch, weil wir wissen wollen, welche Flugäste hier abgezockt werden. Ausländische Reisende auf jeden Fall nicht. Und die bengalischen Opfer sind immer gut gekleidet, meistens Typ Geschäftsmann. Wir haben insgesamt vier dieser Transaktionen beobachtet, bei denen jedes Mal etwa 200 oder 3oo Taka ‚gespendet‘ wurde, das sind umgerechnet 2 bzw. 3 Euro. Nur bei einem ‚Geschäftsmann‘ lief es anders: Auch er wurde super-sanft abgetastet, umschmeichelt und dann um die Spende angehauen. Der Herr hat gelacht, abgewunken und ist dann einfach weiter gegangen. Ohne jegliche Konsequenzen!

Drei Dinge haben mich bei dieser Szenerie verblüfft: Dass diese Korruption so offen, unverhüllt und unverfroren stattfindet. Dass offenbar das ganze Team eingeweiht oder sogar beteiligt ist und es nicht mal für nötig befindet, den Anzugträger zu warnen, wenn er bei seinem Tun beobachtet wird – so sicher fühlen sie sich. Und drittens, dass fast alle ‚Opfer‘ bei diesem korrupten System mitmachen – obwohl es doch offenbar (wenigstens in diesem Fall) so leicht ist, sich dem zu entziehen.

 

Beaching at Cox’s Bazar

Ich habe Tage in den Flüchtlingscamps verbracht – morgens früh hin und in der Dämmerung zurück zum Hotel. Aber an einem Tag haben wir’s tatsächlich auch mal am frühen Nachmittag aus den Rohingya-Camps geschafft und sind auf kleinen Schleichwegen durch den unglaublich schönen letzten Rest Wald gefahren, der noch nicht für die Camps abgeholzt wurde und immer noch Lebensraum für Elefanten und exotische Pflanzen ist. Unser Ziel war, endlich mehr von dem ‚größten Strand der Welt‘ zu sehen, als den Abschnitt, den ich morgens aus dem Hotelfenster zu sehen kriege.

Strand

Tatsächlich haben wir aber, kaum aus dem Wald raus, erstmal vor allem Boote gesehen. Diese wunderschönen, speziell geformten Fischerboote, mit denen die Fischer oft wochenlang auf dem Meer verbringen – angedockt entlang eines kleinen Flusses, der offenbar gleichzeitig eine Art Haltestelle vor dem nächsten Einsatz und Werkstatt ist.

Ich konnte mich nur schwer sattsehen an diesen farbenfrohen Booten. Aber wir wollten ja zum Strand, möglichst nicht an einen touristischen Abschnitt, entschied ich. Was bei diesem über 120 kilometerlangen Strand ja kein Problem ist. Anhalten, aussteigen und den Sand unter unseren Füßen spüren… Diese Weite! Das beruhigende Blau des Meeres, die sanften Wellen. Vergessen sind die elenden Hütten an den instabilen Sandhügeln. Diesen beruhigenden, meditativen Effekt hat das Meer immer auf mich.

Aber wir sind trotzdem nicht ganz allein hier : Zwei Fischer tragen Körbe, ein anderer etwas, was aussieht wie ein nasses Tuch. Und etwas weiter weg kommt gerade eines der Fischerboote von seinem Fang zurück…

Das Boot ankert aber nicht nur, sondern wird mit vereinten Kräften der Fischer an Land gezogen

Das Boot wirkt riesig neben den vielen Männern. Und als die Männer ihren Fang gleich neben dem gestrandeten Riesen-Hörnchen auskippen, bin ich erst ziemlich gespannt….dann fast schon entsetzt:

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So wenig? Und so kleine Fische? Ich hoffe, dass das wenigstens der Fang von nur einem Tag ist, denn mit dieser Ausbeute können sich die Männer ja wohl kaum finanziell über Wasser halten.

Ein Pfiff. Und schon läuft das nächste asiatische ‚Wikingerboot‘ aufs Trockene…

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Wir müssen langsam wieder los. Obwohl es uns allen schwer fällt, uns von diesem wunderschönen Strand loszureißen. Aber die Muschelausbeute ist bescheiden und unsere Krebs-Fang-Erfolge hundsmiserabel – immer wenn wir näher kommen, gräbt sich das rote Tier so schnell in den Sand, dass es nicht mehr zu sehen ist. krebsAls ich zurück in meine Hotelzimmer bin, merk ich, wie ich noch immer das Gefühl der Wellen an meinen Beinen spüre. Gerade geht die Sonne unter – auch schön, passend zu meiner Stimmung

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Duschen, umziehen…es ist immer noch Zeit bis zum Essen. Ich schwanke zwischen einem Powernap und einem Strand-Shop-Bummel – ratet, welche Idee gewonnen hat 😉

Neben dem üblichen Touri-Klimbim wie Muschelketten, Strandhüte und Souvenir-Schlüsselanhänger gibt es auch hier die typisch bengalischen Kleinigkeiten, wie zum Beispiel Paan. Ihr erinnert Euch? (yvonnekoch.wordpress.com/2014/11/15/want-to-try-paan-der-bengalesische-kaugummi/) Und noch was gilt als bengalische Spezialität: Dry fish – getrockneter Fisch. Hier gibt es große Läden mit allen denkbaren Varianten davon.

Klar, hab ich natürlich auch mal probiert. Aber neben dem bitteren Corolla (auch Korola, Bittergurke oder bitter melon genannt), ist Trockenfisch eines der wenigen Gerichte, die ich nicht unbedingt noch einmal essen will.

Was ich allerdings sehr gerne möchte: Nocheinmal mit ganz viel Muße zurück nach Cox’s Bazar, zurück zu diesem wunderschönen, vom Tourismus fast unberührten und unendlich langen Strand….Vielleicht schaff ich es doch irgendwann mal, nur als Tourist nach Bangladesch zu reisen – Insha’allah!

 

 

The Majhi-system

Die Sicherheitslage in den Rohingya Camps sei sehr unsicher, hieß es. Vor allem für ‚foreigners‘ sei es gefährlich, hieß es. Es habe auch schon Entführungen gegeben, hieß es… Was hab ich nicht alles für Horrorstories gehört vor der Reise.

Dass davon Vieles übertrieben oder sogar falsch ist, hab ich schon vor der Reise in die Camps gewusst: Zum Beispiel gab es zwar Entführungen, aber vor allem in den Chittagong hills – und die sind über 100km von den Rohingya camps entfernt, in die ich wollte. Allerdings warnten mich meine Kontakte und Freunde vor Ort, dass das Militär in dieser Gegend stark aktiv sei und ziemlich pingelige Kontrollen durchführe. Man bräuchte auch Genehmigungen, wenn man in die Camps wolle, sagten manche. Andere beruhigten mich, das sei alles nur ein Aufplustern – die Regierung von Bangladesch wolle den vielen internationalen Hilfsorganisationen nur demonstrieren, dass sie erstens wichtig sei und zweitens die Lage unter Kontrolle habe. Insofern war ich ziemlich gespannt, wie es in den Camps tatsächlich zugeht.

Um es schon mal vorweg zu nehmen: Von den bengalischen Militärs hab ich nur sehr wenig mitgekriegt: Kurz vor dem Zugang zu den Camps war eine kleine Schranke aufgebaut, die etwa die Hälfte der Straße absperrte. Dort standen zwei Männchen in Tarnanzug und hielten ab und zu Autos an. Das sah ziemlich willkürlich aus. Und kontrolliert wurden vor allem Einheimische, war mein Eindruck. Unser Auto mit dem Label einer Hilfsorganisation wurde jedenfalls nie angehalten. Und in den Camps selbst hab ich nicht einen Uniformierten gesehen. Ja, das Militär sei selten hier, bestätigt mir einer der NGO-Mitarbeiter im Camp Balukhali dann auch.

Aber irgendein Ordnungssystem, sowas wie Polizei muss es ja schon geben… Immerhin leben in den Camps Hunderttausende auf engstem Raum zusammen. Und keiner kann mir erzählen, dass es da nicht zu Streit, Diebstählen oder sogar Schlimmerem kommt. Dafür gibt es das Majhi-System, verrät mir Maleque, einer der Ortsansässigen, die hier nur ‚locals‘ genannt werden. Majhi, gesprochen ‚Madschi‘ – nie gehört. Meine erste Assoziation ist die Würzsauce meiner Kindheit und offenbar hab ich deshalb einen verblüfft-dümmlichen Gesichtsausdruck. Jedenfalls wird mir dann erklärt, dass das eine Art Verwaltungssystem innerhalb der Rohingyas ist. Aber das könne mir ein Majhi wahrscheinlich besser erklären. Und schon ist Maleque weg….

camp maghi3

Kurz danach taucht er mit einem Mann im Schlepptau wieder auf: Drahtig, graumelierter Bart, Hemd oben, Lungi unten und Wollmütze auf dem Kopf. Das ist der Majhi der umliegenden Familien, stellt der NGO-Mitarbeiter ihn vor, sein Name sei Nur Mohammad. Ich stelle mich auch vor. Habib, mein Dolmetscher, übersetzt. Und ich merke schnell, dass dieser Majhi ziemlich aufgeschlossen ist und mir ganz bereitwillig meine Fragen beantwortet. Das Majhi-System, erklärt er, ist quasi eine Kooperation zwischen den Rohingya und dem Militär von Bangladesch. Weil die Militärs diese Masse von Menschen in den Camps niemals alleine kontrollieren und organisieren könnten, haben sie angesehene Männer innerhalb der Flüchtlinge als Helfer eingesetzt. Er selbst sei einer der Sub-Majhis, damit sei er für 100 Familien hier im Block 2 im Camp Balukhali zuständig. Das heißt, er weiß, wieviel Kinder geboren werden, wer krank oder gestorben ist, wo und wann Hilfsgüter verteilt werden und er schlichte auch kleinere Streitigkeiten.

Außerdem befehlige er eine Art kleine Bürgerwehr, also Freiwillige, die vor allem nachts patroullieren und nach dem Rechten sehen. Alle Sub-Majhis in diesem Camp unterstehen dem Maghi, der für das ganze Camp zuständig ist und der wiederum ist dem Ober-Majhi untergeordnet, der den Überblick über alle Camps hat und eng mit dem bengalischen Militär zusammenarbeitet.

Der Majhi hat sich warm geredet, er wirkt locker und offen. Also versuche ich das zu nutzen: Was denn, seiner Meinung nach, die Hauptprobleme im Lager seien, frag ich. Und bin verblüfft über die Antwort: „Elefanten“

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Die würden nämlich nachts immer öfter in die Camps eindringen, wahrscheinlich weil sie Essen riechen würden oder einfach wieder zurück in ihre Wälder wollten. Klar, denk ich, da wo sich jetzt die Flüchtlingscamps über Kilometer an und zwischen die Hügel quetschen war davor ja alles bewaldet – der Lebensraum unter anderem auch von wild lebenden Elefanten. Jedenfalls kämen die grauen Riesen nachts und trampelten alles nieder, auch Menschen seien da oft unter den Opfern.

Ein anderes Problem im Moment seien die ‚locals‘, meint der Majhi. Es komme immer öfter vor, dass die ebenfalls nachts bewaffnet in die Camps einfallen. Die Stimmung gegen die Flüchtlinge sei zum Teil sehr aggressiv. „Wir sind an allem schuld, in deren Augen“. Ich beobachte ihn, während er das sagt. Er presst die Kiefer aufeinander, seine Stimme wirkt jetzt fast etwas trotzig. Wie alt er wohl ist? Wenn er lacht, schätze ich ihn auf dreißig, aber jetzt gerade… mindestens 10 Jahre älter. Ich frag ihn nach seinem Alter – auch damit sich sein Kiefer wieder lockert. Er sei 45 Jahre alt, meint Mohammad Nur, jedenfalls ungefähr. Er lacht. Klar, Geburtstage sind weder in Myanmar noch in Bangladesch besonders wichtig und hier wie dort wird bei den Dokumenten diesbezüglich schon auch mal geschummelt. Wir lächeln uns an. Dann frag ich weiter: Bei so vielen Menschen, die auf engstem Raum zusammenleben gibt es doch bestimmt auch noch andere Probleme. Wie sieht es da aus? Der Majhi lehnt sich selbstsicher zurück, drückt die Knie weit auseinander und versichert mir, dass da das Majhi-System hervorragend greife – sie hätten die Querelen und kleiner Diebstähle ganz gut im Griff. Ich fixiere seine Augen. Tatsächlich? Gibt es wirklich keine anderen Probleme?

Jetzt rutscht er auf dem Stuhl ganz nach vorne, das Lächeln verschwindet. Ich kann förmlich spüren wie ‚der Rolladen runtergeht‘. Jetzt ist es an mir, beruhigend zu lächeln und zu erklären, dass unser Gespräch in Bangladesch ja nicht zu hören oder lesen sein wird. Ich schreibe ja nur in deutsch und veröffentliche auch nur in Deutschland… Er zögert, wieder malmt der Kiefer, eine Ader an der Schläfe pocht. „Ja“, sagt er dann langsam, „es gibt auch noch andere Probleme…“ Erst vor ein paar Tagen sei zum Beispiel ein kleines Mädchen hier entführt worden. Die Eltern hättten kurz danach Bilder von ihr aufs Handy geschickt bekommen mit einer Lösegeld-Forderung. Lösegeld? Von geflüchteten Rohingyas? Das wundert mich, die hatten doch bestimmt kein Geld gehabt. Majhi Nur legt den Kopf schief und spricht jetzt ganz leise: Wenn man sein Kind wiederhaben wolle, komme man schon irgendwie an Geld. Dann schaut er mich wieder direkt an. Sie hätten den Erpresser dann nach der Geldübergabe verfolgt und ihn dann samt Komplizen gefasst. Das Mädchen sei auch wieder bei den Eltern. Ich halte den Blick fest… Ich hätte auch noch von anderen Problemen gehört. Wie manche Menschen auch noch auf andere Art an Geld kämen. Seine Augen weiten sich, er senkt den Blick, rutscht auf dem Stuhl hin und her. Ich warte, blicke ihn aber weiter an. Dann plötzlich seufzt der drahtige Mann, seine Schultern hängen nach vorne. Es sei so eine Schande, sagt er. Und er wünschte, er müsste nicht darüber sprechen. Sein Blick streift mich nur flüchtig. Ich sage nur ein Wort: „Please“

Er räuspert sich. Ja, es gäbe da noch ein Problem. Und das hätten die Majhi leider nicht im Griff… Es gäbe immer öfter Fälle von… er holt tief Luft…Prostitution im Lager. Mädchen und junge Frauen verschwänden plötzlich und würden dann in einem anderen Camp oder in Cox’s Bazar ‚angeboten‘. Und alles deute darauf hin…er schüttelt resigniert den Kopf…dass nicht nur ‚locals‘ zu diesem Verbrecher-Ring gehören, sondern auch seine eigene Volksgruppe. Dass Rohingyas ihre eigenen Frauen zum Sex zwingen. Dass mache ihn fassungslos. Er schäme sich für diese Menschen.

Fast bin ich versucht, ihm die Hand auf den Arm zu legen. Aber nur fast. Das ist in Bangladesch und bestimmt auch in Myanmar einfach ein No-Go. Also nicke ich nur verständnisvoll und bedanke mich für seine Offenheit.

Mir schwirrt der Kopf als ich sein Zelt verlasse. Eigentlich hätte ich noch viele Fragen. Aber ich habe gemerkt, dass jede weitere im Moment zu viel wäre. Manchmal muss man es eben auch gut sein lassen…

 

 

 

 

 

Emergency aid – also has disadvantages

Soweit das Auge reicht seh ich die Hütten der Geflüchteten, der Rohingyas. Rundherum diese Konstruktionen aus Bambus und Plastikplanen.  Hier auf diesem Hügel krieg ich einen Eindruck, wieviele Menschen tatsächlich aus Myanmar hierher geflüchtet sind. Nur ein Eindruck, sogar ein kleiner Eindruck. Denn dieses Camp ist ja nur eines von zwölf Flüchtlingslagern, die seit August vergangenen Jahres aus allen Nähten platzen.

Wobei Flüchtlingslager eigentlich der falsche Begriff ist, denn die Rohingya sind in Bangladesch offiziell nicht als Flüchtlinge. Das Land hat die internationalen Flüchtlingskonventionen nie unterschrieben und es sind auch keinerlei Regelungen vorgesehen, die ein offizielles Asylverfahren möglich machten. Trotzdem nimmt Bangladesch seit Jahren (als fast einziges Land) die aus Myanmar Geflüchteten auf und hat auch seit Jahren eine Nothilfe-Partnerschaft mit der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, dem UNHCR.

Mittlerweile tummeln sich unzählige Hilfsorganisationen in den Rohingya Camps im Süden von Bangladesch, Regierungsorganisationen, große, international bekannte NGOs genauso wie kleine, örtliche. Es ist enorm, was hier vor allem in den letzten sechs Monaten an Hilfslieferungen, Organisation und Manpower reingesteckt wurde. Und auf den ersten Blick wirkt auch alles gut durchdacht.

Auf den zweiten Blick allerdings wird deutlich, dass hier alles nur ‚NOTHILFE‘ ist, ein schnelles Eingreifen in einer Krisensituation, meist ohne einen langfristigen Plan. Was übrigens von der bengalischen Regierung ganz bewusst so gehalten wird, die Camps sollen ja nur ‚vorübergehend‘ sein. Und genau dieses Provisorium könnte bald zu einem Riesenproblem für die Flüchtlingscamps werden. Ach was sag ich, es ist schon jetzt eins und wird bald noch schlimmer.

Es gibt zum Beispiel kein geregeltes Abwassersystem in den Camps. Auf den Bildern  seht ihr wie sich Waschwasser oder auch das Blut von geschlachteten Tieren willkürlich einen Weg durch das Lager sucht.

Es gibt zwar in den Camps Toiletten in regelmäßigen Abständen, so dass theoretisch die Notdurft-Versorgung ausreichend wäre. Aber das ist eben nur theoretisch so. Denn die meisten Toiletten sind Plumpsklos nach dem Sickergruben-Prinzip. Das heißt konkret, die Wellblech- oder Plastikplanen-Klozellen stehen um ein Loch im Boden. Dieses Loch ist der Abschluss mehrerer Betonringe, die in die Erde gelassen sind. Auf dem Bild unten links seht ihr solche Betonringe. Normalerweise endet diese Art von Klo in einer Sickergrube: Die flüssigen Bestandteile der Exkremente dringen ins Erdreich ein und werden dort durch Sand und Erde gefiltert, während die festen Bestandteile regelmäßig entfernt werden – die Sickergrube muss also geleert werden. Dieses Entsorgungssystem gibt es im Camp aber nicht. Das heißt, viele der Plumpsklos sind voller…Entschuldigung, ich muss es beim Namen nennen: Scheiße. Dadurch sind viele Klos erstens nicht mehr nutzbar, weil voll, zweitens ein großes Geruchs- und Hygieneproblem und drittens auch ein Problem für die meist in der Nähe installierten Wasserstellen – das Wasser dort ist damit nämlich auch kontaminiert. (letztes Bild: Wasserstelle neben Klo). Kein Wunder also, dass in den Lagern immer wieder Fälle von Diphterie auftreten.en

 

Seht Euch auch mal die Hüttenkonstruktionen genauer an: Bambusstangen, die mit Plastikplanen umwickelt sind. Danach die filigranen Brückenkonstruktionen. Und dann stellt Euch vor, wie das alles aussieht, nachdem ein heftiger Wirbelsturm darüber  hinweggefegt ist. Ab April könnte das real werden, denn dann beginnt die Zyklonen-Saison in der Küstenregion. Und kurz danach, schwappt dann das nächste Problem auf die Flüchtlingscamps zu:

Etwa Ende Mai beginnt die Regenzeit, der Monsun. Und ich möchte mir gar nicht vorstellen, was bei den heftigen Regenfällen mit den an den Hang geklebten Hütten und den Hügeln voller Exkrementen passieren wird…  Abgesehen davon, dass die in den Sand gestampften Treppen und Wege nicht mehr begehbar sein werden. Und damit werden auch die vielen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen nicht mehr ins Camp kommen können.

Camp Kinder