Emergency aid – also has disadvantages

Soweit das Auge reicht seh ich die Hütten der Geflüchteten, der Rohingyas. Rundherum diese Konstruktionen aus Bambus und Plastikplanen.  Hier auf diesem Hügel krieg ich einen Eindruck, wieviele Menschen tatsächlich aus Myanmar hierher geflüchtet sind. Nur ein Eindruck, sogar ein kleiner Eindruck. Denn dieses Camp ist ja nur eines von zwölf Flüchtlingslagern, die seit August vergangenen Jahres aus allen Nähten platzen.

Wobei Flüchtlingslager eigentlich der falsche Begriff ist, denn die Rohingya sind in Bangladesch offiziell nicht als Flüchtlinge. Das Land hat die internationalen Flüchtlingskonventionen nie unterschrieben und es sind auch keinerlei Regelungen vorgesehen, die ein offizielles Asylverfahren möglich machten. Trotzdem nimmt Bangladesch seit Jahren (als fast einziges Land) die aus Myanmar Geflüchteten auf und hat auch seit Jahren eine Nothilfe-Partnerschaft mit der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, dem UNHCR.

Mittlerweile tummeln sich unzählige Hilfsorganisationen in den Rohingya Camps im Süden von Bangladesch, Regierungsorganisationen, große, international bekannte NGOs genauso wie kleine, örtliche. Es ist enorm, was hier vor allem in den letzten sechs Monaten an Hilfslieferungen, Organisation und Manpower reingesteckt wurde. Und auf den ersten Blick wirkt auch alles gut durchdacht.

Auf den zweiten Blick allerdings wird deutlich, dass hier alles nur ‚NOTHILFE‘ ist, ein schnelles Eingreifen in einer Krisensituation, meist ohne einen langfristigen Plan. Was übrigens von der bengalischen Regierung ganz bewusst so gehalten wird, die Camps sollen ja nur ‚vorübergehend‘ sein. Und genau dieses Provisorium könnte bald zu einem Riesenproblem für die Flüchtlingscamps werden. Ach was sag ich, es ist schon jetzt eins und wird bald noch schlimmer.

Es gibt zum Beispiel kein geregeltes Abwassersystem in den Camps. Auf den Bildern  seht ihr wie sich Waschwasser oder auch das Blut von geschlachteten Tieren willkürlich einen Weg durch das Lager sucht.

Es gibt zwar in den Camps Toiletten in regelmäßigen Abständen, so dass theoretisch die Notdurft-Versorgung ausreichend wäre. Aber das ist eben nur theoretisch so. Denn die meisten Toiletten sind Plumpsklos nach dem Sickergruben-Prinzip. Das heißt konkret, die Wellblech- oder Plastikplanen-Klozellen stehen um ein Loch im Boden. Dieses Loch ist der Abschluss mehrerer Betonringe, die in die Erde gelassen sind. Auf dem Bild unten links seht ihr solche Betonringe. Normalerweise endet diese Art von Klo in einer Sickergrube: Die flüssigen Bestandteile der Exkremente dringen ins Erdreich ein und werden dort durch Sand und Erde gefiltert, während die festen Bestandteile regelmäßig entfernt werden – die Sickergrube muss also geleert werden. Dieses Entsorgungssystem gibt es im Camp aber nicht. Das heißt, viele der Plumpsklos sind voller…Entschuldigung, ich muss es beim Namen nennen: Scheiße. Dadurch sind viele Klos erstens nicht mehr nutzbar, weil voll, zweitens ein großes Geruchs- und Hygieneproblem und drittens auch ein Problem für die meist in der Nähe installierten Wasserstellen – das Wasser dort ist damit nämlich auch kontaminiert. (letztes Bild: Wasserstelle neben Klo). Kein Wunder also, dass in den Lagern immer wieder Fälle von Diphterie auftreten.en

 

Seht Euch auch mal die Hüttenkonstruktionen genauer an: Bambusstangen, die mit Plastikplanen umwickelt sind. Danach die filigranen Brückenkonstruktionen. Und dann stellt Euch vor, wie das alles aussieht, nachdem ein heftiger Wirbelsturm darüber  hinweggefegt ist. Ab April könnte das real werden, denn dann beginnt die Zyklonen-Saison in der Küstenregion. Und kurz danach, schwappt dann das nächste Problem auf die Flüchtlingscamps zu:

Etwa Ende Mai beginnt die Regenzeit, der Monsun. Und ich möchte mir gar nicht vorstellen, was bei den heftigen Regenfällen mit den an den Hang geklebten Hütten und den Hügeln voller Exkrementen passieren wird…  Abgesehen davon, dass die in den Sand gestampften Treppen und Wege nicht mehr begehbar sein werden. Und damit werden auch die vielen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen nicht mehr ins Camp kommen können.

Camp Kinder

 

 

 

 

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Kinder im Camp

Es gibt unglaublich viele Kinder in diesen Rohingya Camps im Süden von Bangladesch. Manche sind in Gruppen unterwegs, stromern herum, viele aber arbeiten – zum Teil sehr hart. Aber alle wirken irgendwie… richtungslos. Offenbar sind die Eltern selbst zu sehr mit sich und ihren Problemen beschäftigt. Eine Therapeutin im Camp hat mir erzählt, dass die meisten, die zu ihr kommen, an den traumatischen Erlebnissen in Myanmar leiden. Sie haben Flashbacks, also plötzlich aufblitzende Erinnerungen an schreckliche Situationen. Oder leiden an Schlaflosigkeit, weil sie Angst vor Albträumen haben. Auf jeden Fall sind viele Eltern ihren Kindern keine Stütze. Und dann organisieren sich die Kinder eben selbst. In diesem Blogartikel sollen sie das weitestgehend auch tun – deshalb lass ich einfach die Bilder sprechen und kommentiere sie nur sporadisch. Also Vorhang auf für die Kinder:

Es gibt regelrechte Banden, die gemeinsam durchs Lager stromern. Vielleicht tun sich die Kinder in Gruppen zusammen, weil es so sicherer ist. Vielleicht ist es aber einach auch weniger langweilig.

Abfall

Dass es im Lager sandig und staubig ist, hab ich ja schon erzählt. Aber nicht nur dieses Mädchen macht es fassungslos, an wie vielen Stellen es einfach nur dreckig, vermüllt und trostlos aussieht. Dazwischen immer wieder diese rostroten Schlieren im Wasser oder auf der Straße – keine Ahnung, ob das Blut von einem geschlachteten Huhn oder von etwas Größerem stammt.

Wasserholen scheint Kinderarbeit zu sein im Camp. Und zwar mehrmals am Tag. Es gibt zwar relativ viele Wasserstellen im Camp, aber manche sind direkt neben einer Latrine oder das Wasser riecht auch so schon nicht so gut – deshalb müssen die kleinen Wasserträger die Mangelware Trinkwasser oft über weite Strecken tragen.

Die Hügel in den Camps sind zwar so gut wie kahl, aber irgendwie schaffen es die Kinder doch immer wieder, ein Bündel Holz nach Hause zu tragen oder die mageren Einkäufe. Es ist zum Teil harte Arbeit. Aber schon die Kinder wissen hier: Wenn nicht alle zusammenhelfen gibt es halt schlicht nichts zu essen…

Ausgleichssport. Seile gibt es im Camp anscheinend massenhaft…

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…Bälle dagegen sind seltener. Dafür aber meist mit einem dicken Logo einer Hilfsorganisation versehen.

Es ist ganz selbstverständlich hier, dass Geschwister oder Nachbarskinder auf die Kleineren mit aufpassen. Sie schleppen die Zwerge ständig mit sich rum und gehen sogar im Bedarf mit ihnen zum Arzt.

Rumlungern, irgendwie den Tag rumbringen. Denn Spielsachen sind rar im Camp, die mussten die Kinder bei der Flucht meist zurücklassen.

Vielleicht war es Zufall, aber so zwischen drei und vier Uhr nachmittags scheinen die meisten Shops in den Camps mit Kindern besetzt zu sein. Ist mir an zwei Tagen aufgefallen…

Natürlich gibt es mittlerweile auch Schulen im Camp. Dort werden wenigstens die Basics wie Lesen und Schreiben vermittelt, machmal sogar noch Englisch und Burmesisch. Aber weil es eben noch viel mehr Kinder als Schulen gibt, wird meist in Schichten unterrichtet – also zwei bis drei Stunden am Vormittag, dann kommt der nächste Schwung Rotznasen dran. Daneben gibt es auch einige Madrasas, also Islamschulen, und immer mal wieder baut eine Hilfsorganisation sogenannte ‚child friendly spaces‘ auf: Ein großer Raum, der für Kinder unglaubliche Schätze birgt. Eine Rutsche zum Beispiel. Oder knallbunte Bälle, manchmal sogar Puzzle, Bilderbücher, Murmelbahnen oder kleine Webrahmen. Ein wahres Paradies also – leider nur jeweils für eine limitierte Anzahl an Kindern. Die anderen können nur von draußen zuschauen.

Zum Glück gibt es im Camp Balukhali eine Attraktion, die für jedes Kind offen ist: Die steile, abgerubbelte Riesen-Natur-Rutsche an einem Sandberg. Und da ist es völlig egal, ob beim Rutschen der blanke Bobbes geschmirgelt, die Hose am Podex dünner wird oder ein eingedrückter Wasserkanister als Bob herhalten muss – der Spaß ist sicht- und hörbar!

Two completely different sand-impressions

Wir sind heute von Dhaka nach Cox’s Bazar geflogen, dass ist die Stadt mit dem größten Sandstrand der Welt – heißt es. Ach und wir, das sind Jabed, diesmal wieder mit unterwegs als mein Fotograf und Gopal, der mich ja meistens auf meinen Reisen in Bangladesch begleitet.

Vom Flughafen aus geht’s direkt zum größten Rohingya camp – ich will mir gerne erstmal einen Überblick über die Situation verschaffen, bevor die richtige Arbeit morgen losgeht. Direkt ist allerdings relativ, denn es ist eine mindestens einstündige Strecke, ja nach Verkehr. Und ein gutes Stück Straße läuft erstmal parallel zum größten Sandstrand der Welt….

Nach und nach geht’s aber weg vom Strand, durch Straßendörfer durch, in denen ziemlich viel Verkehr herrscht – und mit allem gehandelt wird, das man sich vorstellen kann. Vom Kochtopf bis zum kompletten Bett gibt es hier alles. Und dazwischen steht immer wieder eine Kuh. Auch mitten auf der Straße. Wie in Indien 😉

Dann passieren wir eine einspurige Brücke…. das heißt, wir wollen gerne rüber, aber alles staut sich. Und der Grund dafür ragt weit über die Rikscha vor mir auf, zeigt mir den dicken, grauen Hintern und bewegt sich ziemlich gemächlich: Ein ausgewachsener Elefant! Nein sogar zwei

Erst der unglaubliche Sandstrand, dann die Fahrbahn entlang von kleinen Hainen und jetzt noch die Elefanten – kein Wunder, dass ich erstmal auch ganz begeistert über die kleinen Häuschen bin, die sich wie eine Terrassensiedlung an die sanften Hügel schmiegen. Aber der erste Eindruck täuscht. Denn die kleinen Häuschen stellen sich schnell als zusammengeschusterte Hütten heraus – erste Ausläufer der Rohingya-Camps.

Es gibt hier mehrere Camps, wir steuern aber das größte an. Hier hat die deutsche NGO CBM nämlich gerade erst ein Hilfsprojekt aufgebaut, das ich auf jeden Fall sehen will. Raus aus dem Auto, das letzte Stück – etwa 15 Minuten Weg – geht’s zu Fuß.

Die Wellblechhütten am Weg entlang sind in der Regel Anlaufstellen der verschiedensten Hilfsorganisationen. Hier tummelt sich alles, was ‚Rang und Namen‘ hat in diesem Geschäft: Ärzte ohne Grenzen, Save the Children, UNHCR oder auch einheimische NGOs wie die bengalische BRAC.

Es gibt unglaublich viele Kinder hier. Viele springen nackt herum, andere erledigen zum Teil schwere Arbeiten: schleppen Holz, Bambusstangen, schweißen Metall zusammen, hacken Löcher und Kanten in die Hügel. Wie gesagt, die sind zum Großteil terrassenförmig angelegt, mit eingekerbten Treppen. Und jetzt erst seh ich, dass die Hügel eigentlich nur aus festgestampftem Sand bestehen. Von wegen idyllische Terrassenanlage – ein starker Regenguss und viele der Häuser, Latrinen und Wasserstellen rutschen einfach ab…

Für die Lager wurden übrigens ganze Baum-Haine gerodet, die sich sonst über die Hügel ziehen. Totaler Kahlschlag an vielen Stellen. Trotzdem luckt auch immer mal wieder was Grünes aus diesem Plastik-Sand-Einerlei – und dann wirkt das endlos triste Lager plötzlich doch fast auch ein bisschen schön.

Dann haben wir’s geschafft: Die Registrierungsstelle der Christoffel-Blindenmission (CBM) taucht vor uns auf. Hier kann jeder um ärztliche Hilfe anfragen, wird erst von einem Arzt untersucht und eingeschätzt, dann an Spezialisten oder Therapeuten verwiesen, die gleich in der nächsten Zelt-Parzelle auf Hör- oder Sehschwächen untersuchen. Oder psychische und physische Beratung anbieten.

Gleich nebenan hat heute eine Art Schule aufgemacht. Wir kommen gerade noch richtig, um ein paar der rund 60 Kinder zu sehen, die hier ein bisschen beschult werden, vor allem aber einfach einen Raum haben, wo sie spielen und den tristen Lageralltag vergessen können.

Es ist kurz nach 16 Uhr, wir müssen das Lager verlassen, heißt es. Denn es wird bald dunkel und nachts darf kein foreigner mehr hier sein – das sei viel zu gefährlich.

Vielleicht krieg ich morgen mehr darüber raus, wie es in punkto Gewalt, Korruption und Prostitution hier im Lager zugeht…

Adventures before the arrival

Es ist meine sechste Reise nach Bangladesch. Und immer noch bin ich aufgeregt wie ein Teenager vor dem ersten Date, wenn ich in dieses Land reise.

Tatsächlich ist aber schon die Anreise jedesmal ein kleines Abenteuer: Gleich morgens hat erstmal das Auto gestreikt – also bei der Nachbarin klingeln, überbrücken und losfahren. Beim Check-in war mein Koffer zu schwer – viel zu schwer, ich hab wohl aus Versehen die Kiloangaben der business class mit der economy verwechselt….also hab ich zum Amüsement der umstehenden Menschen die schwersten Geschenke, Shampooflaschen und Bücher zwischen meinen Unterbuchsen rausgekramt und in den kleineren Koffer gequetscht.

Dann aber doch: Abflug fast pünktlich und ausreichend Zeit in Kuwait für den Flugzeugwechsel. Vier Stunden Aufenthalt…. genug Zeit, um die Eigenheiten in Kuweit ein bisschen näher zu betrachten.

Erstmal fällt mir auf: Hier laufen viel mehr Männer im Nachthemd rum als zum Beispiel in Marokko oder Bangladesch. Zusätzlich tragen die meisten den Kufiya, das ist das Kopftuch mit dem Ring oder den Ghutra, so nennt man das Kopftuch, das ohne den Ring zu einem Turban geknotet wird. Viel Varianz gibt es da offenbar nicht: rot-weiß-kariert, schwarz-weiß-kariert oder ganz weiß. Ein paar wenige tragen auch noch diese lustigen Kopfschiffchen, den Fez.

Und dann plötzlich tauchen überall Menschen mit auffälligen Schals auf. Alle in grün,weiß, rot. Manche haben auch noch einen schwarzen Streifen drin. OMAN steht auf manchen drauf….Ich tippe auf Fußballfans.  Obwohl, sicher bin ich nicht. Denn abgesehen von den Schals und wenigen umgehängten Flaggen deutet nichts darauf hin. Ruhig, fast ernst laufen die hier rum. Kein Vergleich zu den ausgeflippten, angetrunkenen Fußballhorden bei uns. Haben die Schals also doch eine andere Bedeutung? …das lässt mir keine Ruhe… also frage ich eine der wenigen Frauen, die auch die Farbkombi tragen, allerdings in Form von Seidenschals. Ja, es gab heute tatsächlich ein Fußballspiel. Oman gegen Saudi Arabien. Letzeres sei übrigens ihr Land. Aber leider, leider habe ihre Mannschaft nicht gewonnen. Macht aber nix, sagt sie. Weil, Oman hat es erst beim Elfmeterschießen geschafft und das sei ja fast wie Glücksspiel…

Etwa zwei Stunden vor Abflug frag ich am Schalter nach meinem Abflug-Gate. 28 heißt es da. Also roller ich in die Richtung. Gate 25. Gate 26. Und dann ist Schluß. Das Schild mit der Zahl 28 zeigt nach unten. Aber die Treppe nach unten ist blockiert. Von Horden von Fußballfans und drei Airport-Security-Männern in Neonjacken. Ich winde mich durch die Massen, sorgsam darauf bedacht, keinerlei männliche Körperteile direkt zu berühren. Nur mein Ticket tut das. Nein, ich könne erst zur boarding-Zeit zu meinem Gate. Ich solle warten. Toll! Über eine Stunde soll ich mir jetzt hier die Beine in den Bauch stehen? Sitzgelegenheiten gibt’s nämlich nirgends…

Ich bemerke innerhalb der Horde eine Gruppe, die wesentlich kleiner gewachsen ist, keine Wickeltücher um den Kopf hat und auch keine Nachthemden trägt – Bangladeshi! Bei denen bleib ich stehen. Sicherheitshalber. Und kurz vor boarding-time stellt sich heraus, dass das eine seeeeehr gute Entscheidung war. Ein Ruf aus Richtung der Treppe – für mich unverständlich versteht sich – dann setzt sich die Bangla-Gruppe in entgegengesetzter Richtung in Trab. Und auf Nachfrage höre ich, dass wir zu Gate 20 sollen, also wieder ans andere Ende des Terminals.

Ich mach’s mal kurz: 1,5 Stunden dort Schlangestehen, lautstarke, fast handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen Kuwaitis und dem boarding Personal – Grund unbekannt – und irgendwann dann doch im Flieger gelandet. Mit über einer Stunde Verspätung.

Und nach weiteren vier Stunden kaum aus dem Flugzeug raus, fühl ich ganz deutlich, dass ich am Ziel bin: Mich hat nämlich gerade der erste bengalische Moskito gestochen!

 

 

Impressed by blockprints

Meine Freundin Nisha tut irre geheimnisvoll…sie habe eine Überraschung für mich, sagt sie und ist ganz aufgeregt. Wir müssten dafür allerdings in einen anderen Stadtteil. Also steigen wir erst in eine Rikscha, wo sie mich über die Lieblingsfarben meiner Kinder ausfragt – seltsam – und dann geht’s zu Fuß weiter. Sie hat eine große Tasche dabei, kuckt immer wieder rein als ob sie sich vergewissern will, dass noch alles da ist. Dabei lächelt sie immer so geheimnisvoll.

Ich werd dadurch auch langsam aufgeregt…was hat sie denn jetzt wieder vor?

Wir sind mittlerweile in einer Marktstraße angekommen, allerdings gibt es hier kein Gemüse oder Garküchen, sondern alles andere: Glas-Armreifen, Nähgarn in allen Farben, Töpfe, Knöpfe, Schuhe und Schreibwaren. Es ist ein ziemliches Gedränge hier und meine Bewegungen beim Passieren der Passanten erinnern etwas an einen Bauchtanz.

Plötzlich ist Nisha verschwunden. Ich bleibe stehen, blicke suchend nach allen Seiten – dadurch kriege ich den Überblick ziemlich schnell, immerhin überrage ich die meisten bangladeshi um fast einen Kopf. Und links von mir, am Eingang einer kleinen Einkaufspassage, steht dann auch meine winkende Freundin. Nein, wir seien noch nicht am Ziel, grinst sie und schlüpft schuhklappernd auf der anderen Seite der Passage in eine ruhigere Gasse.  Dann sind wir da: ein ziemlich heruntergekommenes Haus mit türkisenem Anstrich um den Eingang, der ins Dunkle führt. Jedenfalls kommt es mir so vor, denn meine Augen müssen sich erstmal an den düsteren Raum gewöhnen. Berge von Stoffen liegen hier, auf Tapezier-Tischen, auf den unzähligen Regalbrettern, auf dem Boden, es sind sogar Seile quer gespannt, an denen bunte Stoffbahnen hängen. Nisha hippelt aufgeregt, schaut mich immer wieder lächelnd an – aber nein, ich kapier immer noch nicht, was sie vorhat. Sie zieht mich ans andere Ende des Raumes. Hier steht ein kleiner Mann vor einem superlangen Tisch und mischt Farben in verschiedenen flachen Stein-Wannen.

Nisha schüttet den kleinen Mann mit einem Schwall Worte zu, so schnell, dass ich kaum was verstehe… ‚Grün‘ glaube ich herauszuhören, ‚Schal‘ und ‚Block‘, aber sicher bin ich mir nicht. Der Mann schaut kurz hoch, begrüßt mich stoisch und trottet dann in einen Nebenraum aus dem bald danach komische Geräusche kommen…kruscheln…nein, eher ein Rumpeln, als ob Kinder mit Holzklötzen spielen würden. Dann kommt er mit einer Kiste wieder. Nisha deutet mit einer weit ausholenden, einladenden Geste auf die Kiste. Ich solle mir was aussuchen. Ich kapier immer noch nicht, denn in der Kiste sind lauter Holzklötze in verschiedenen Größen und Formen, in die aufwendige Ornamente und Schnörkel geschnitzt sind. Nisha zieht zwei Päckchen aus ihrer Tasche und rollt beide auf dem langen Tisch aus. Eine mehrere Meter lange Stoffbahn in schwarz und eine kleinere in grün kommt zum Vorschein. Sie wolle mir ein ganz individuelles Geschenk machen, sagt sie. Der schwarze Schal sei für mich, der grüne für meine Tochter. Und hier und jetzt sollen sie nach meinen Wünschen bedruckt werden. Mit diesen Holzstempeln. Ich bräuchte nur die Motive und Farben auswählen…

Nisha nennt diese Stempel-Methode Blockprint, es sei ein uraltes Kunsthandwerk, das ursprünglich aus Indien komme. Und dieser Mann hier sei ein Meister seines Fachs.

Das ist tatsächlich nicht nur eine Behauptung. Denn kaum hab ich mich für Dunkelgrün und zwei verschiedene Stempelmotive entschieden, kneift der kleine Mann ein Auge zusammen und schlägt mir die Musteranordnung vor. Er müsse auch alles zweimal drucken, meint er, denn sonst käme die Farbe nicht gut genug raus. Und dann legt er los…

Es ist schade, dass ich hier die kleinen Handy-Videos nicht einfügen kann, die ich gemacht habe, denn es ist schwer zu glauben, dass jemand mit diesem groben Holzblock so exakt und sicher drucken kann. Nicht nur, dass die Abschlüsse an den Kanten genau aufeinander zu laufen, er setzt den Stempel beim zweiten Mal drucken mit einer so traumhaften Sicherheit auf den vorherigen Abdruck, dass keine Linie dicker oder verschwommen wirkt. Ich bin fasziniert und ertappe mich dabei, dass ich regelrecht nach Fehlern suche….das kann doch gar nicht sein, dass er nicht mal um ein paar Milimeter abrutscht..oder den Stempel leicht versetzt aufbringt…. Aber nein, mit einer Präzision wie ein Uhrwerk trägt der Meister Farbe auf, setzt den Block an, haut zwei, drei Mal auf das Holz und setzt den Stempel gleich daneben neu an. Rhythmisch sind seine Bewegungen und hypnotisch. Erst setzt sich das dunkle Grün gar nicht so richtig vom hellgrünen Schal ab, aber je mehr die Farbe trocknet, desto deutlicher und dunkler wird der Druck.

Kurze Zeit später ist auch ein schwarzer Schal bedruckt – mit orangenen Ornamenten, die nach dem Doppeldruck besonders kräftig leuchten. Ich bin beeindruckt. Und sogar noch mehr, als mir Nisha erzählt, dass sie alle Vorhänge oder Überdecken bei sich zu Hause nach dieser Methode hat blocken lassen. Alles Handarbeit und alles Unikate.

Später hab ich im Internet herausgefunden, dass Blockprint eine uralte indische Textiltradition ist. Funde mit Blockprint-Stoffen reichen bis in das Jahr 2000 vor Christus Geburt zurück.

Was für ein tolles Geschenk.

Ich denke,  ihr könnt Euch vorstellen, wie stolz ich auf diese besonderen Schals bin.

The impressive brother

Wenige Monate vor meiner letzten Reise hat der Papst 17 neue Kardinäle ernannt. Die meisten von ihnen aus Schwellen- oder Entwicklungsländern. Nicht dass mich das sonst interessiert, aber diesmal schon. Denn einer der neuen Kardinäle ist Patrick D’Rozario, der der kleinen christlichen Minderheit in Bangladesch vorsteht. In diesem muslimischen Land machen die Christen gerade mal 0,3 Prozent aus, sagt Wikipedia. Klingt mickrig. Aber bei 160 Millionen Einwohnern in Bangladesch sind das immerhin 480.000 Christen. Und ich merke, wie gleich mehrere Fragen dazu bei mir aufploppen: Wie lebt es sich als Christ in Bangladesch? Ist es in den letzten Jahren gefährlicher geworden? – Immerhin gibt es seit einiger Zeit immer öfter Morde an Andersgläubigen in Bangladesch.  Hat die Kardinalsernennung irgendetwas an der Situation geändert?

Irgendwo hatte ich gehört, dass der neue Kardinal in Mymensingh residiert… also hab ich mein Netzwerk aktiviert und auf gut Glück gefragt, ob irgendjemand mir zu einer Audienz verhelfen kann – wo ich doch eh diesmal in dieser Ecke unterwegs war. Reaktionen gab es erstmal nicht und ganz ehrlich, ich hab auch nicht geglaubt, dass es klappen würde.

Umso überraschter war ich, als ich auf dem Rückweg von Kalsindur zur Distrikt-Hauptstadt Mymensingh einen Anruf bekam, von Mrinal, dem Mann, der uns bei der Organisation in dieser Ecke von Bangladesch geholfen hat. Er war hörbar aufgeregt, plapperte aber so schnell, dass ich den Hörer mit einem großen Fragezeichen im Gesicht an Gopal weiterreichen musste. Mrinal hat sich tausendmal entschuldigt – die Audienz beim Kardinal habe nicht geklappt, der sei gerade im Ausland. Aber er könne mich mit einem anderen Christen zusammenbringen, der schon sehr lange in Bangladesch lebe. Meine Mundwinkel zucken….Das ist so typisch für Bangladeshi: Von kleinen Rückschlägen oder Unwegbarkeiten lassen sie sich noch lange nicht vom eigentlichen Ziel abbringen. Und bei Bedarf wird halt das Ziel ein bisschen zurechtgebogen 😉

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Wir sind leider etwas verspätet zu unserer Verabredung gekommen und auch ziemlich unvorbereitet. Ich weiß nur, dass ich einen Bruder einer christlichen Gruppe sprechen werde, mehr nicht. Mrinal führt uns durch ein grünes Eisentor, direkt auf ein kleines Haus mit grünen Fenster- und Türläden zu. Das sei die Kirche. Die verschiedensten Menschen strömen heraus, manche mit chinesischem Aussehen, ein rothaariger Wuschelkopf, bengalische Frauen… etwa 25 Menschen schätz ich. Der Gottesdienst ist offenbar gerade vorbei, was ich sehr bedauere. Zu gern hätt ich in der christlichen Diaspora miterlebt, wie der Glauben hier zelebriert wird. Aber Zeit zum Ärgern hab ich nicht, denn schon kommt ein schlanker Mann auf mich zu und streckt uns schon von weitem die Hände entgegen. „I am brother Guillaume“, sagt er, dann zu Gopal gewandt: „Ami brother Guillaume“ und wieder zu mir: „oder sollen wir besser in deutsch uns unterhalten?“ Ich bin platt. Aus mehreren Gründen. Wie kann ein einzelner Mann nur mit einer Geste so viel Wärme und Herzlichkeit transportieren? Und dann switcht er noch mühelos zwischen mehreren Sprachen. Denn während er uns sanft den Weg neben der Kirche lang lotst, kommen immer wieder Leute auf ihn zu mit denen er in den verschiedensten Sprachen redet. Spanisch hör ich raus, bengalisch, niederländisch, dann irgendwas unverständliches asiatisches. Wir werden jetzt alle gemeinsam essen, erklärt Bruder Guillaume und führt und zu einer Art Pavillion: Betonboden mit Überdachung.

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Auf dem Boden bilden kleine Tischsets ein Rechteck, vor denen jeweils ein Teller und ein Glas steht. Nach dem Händewaschen setzt sich jeder Gast auf eines dieser Sets, Plastikkannen mit Wasser werden im Kreis gereicht, eine große Schüssel mit Reis auf einem Rollbrett kommt hinterher und danach noch eine Schüssel mit Dhal (Linsensuppe). Bruder Guillaume bugsiert mich auf den Platz neben ihm und erklärt, dass sich hier immer eine bunte Mischung von Menschen aus aller Welt treffe. Das sei besser als jede Zeitung, sagt er und zwinkert mir zu. Dann begrüßt er alle auf bangla und englisch und beginnt eine Art Vorstellungsrunde. Offenbar hat er sich jeden einzelnen Namen gemerkt, auch wenn manche ziemlich schwierig auszusprechen sind. Und er hat auch zu jedem Gast ein paar erklärende Worte, wo sie herkommen, warum sie gekommen sind und so. Besonders beeindruckt er mich, als er Gopal vorstellt. Ich hatte ihn nur als meinen Reise-Begleiter vorgestellt. Bruder Guillaume aber legt seine Handflächen in Hindu-Manier aneinander, als er Gopal vorstellt und verneigt sich leicht in seine Richtung. Keine Ahnung woher er weiß, dass Gopal Hindu ist. Eine Art Pfadfinder-Feeling stellt sich bei mir ein… ein Gefühl von Gemeinschaft, von beiläufiger Herzlichkeit und als ob wir uns alle schon lange kennen würden. Dann wird gegessen.

Mir fällt auf, dass keiner sich nachnimmt, obwohl noch genug da wäre. Um mich herum höre ich leise Gespräche, der rothaarige Wuschelkopf lächelt mich an, er sei von der Insel, sagt er. Irland?, frage ich. Nein, Schottland, meint er und schüttelt sich vor Lachen, weil er mein verdutztes Gesicht sieht. Aber er habe irische Vorfahren. Zwei Frauen ihm gegenüber melden sich zu Wort, sie würden gerne etwas singen, allerdings in ihrer Sprache, koreanisch. Bruder Guillaume nickt aufmunternd und wir hören eine komische Abfolge von Lauten in einem relativ hohen Singsang, der scheinbar keinen Rhythmus hat. Aber Bruder Guillaume singt schon nach kurzer Zeit den Refrain mit – ein Sprachgenie! Dann wird die Tafel aufgehoben, jeder schnappt seinen Teller und das Glas, spült es an der Wasserstelle aus und wäscht sich die Hände.

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„Wir können jetzt das Interview machen“, sagt Bruder Guillaume und bringt mich in eines der kleinen weißen Häuser, die eine Art Ring um die Kirche bilden. Es ist unglaublich grün hier, kleine Papageien sitzen in den Büschen, die manchmal kaum von den knalligen Blüten zu unterscheiden sind. Wir setzten uns an einen großen alten Tisch. Bestimmt noch aus der Kolonialzeit, schiesst mir durch den Kopf. Dann krieg ich einen Tee serviert und es beginnt einer der intensivsten Stunden, die ich je hatte.

brother Guillaume (2)

Bruder Guillaume lebt seit 1975 in Bangladesch, also quasi fast von Anfang an (Bangladesch wurde 1971 unabhängig von Pakistan). Er ist also der ideale Ansprechpartner für die Frage: Hat sich seither das Leben der Christen in diesem Land verändert? Er wackelt leicht mit dem Kopf, bevor er antwortet und ich muss innerlich grinsen, denn das ist genau die Gestik, die Bangladeshi anwenden, wenn sie eine eindeutige Antwort umgehen wollen. Bangladesch sei ein offenes Land, sagt er dann, man könne hier gut leben, auch als Christ. Allerdings sei Bangladesch auch ein Teil der internationalen Bewegung, die sich weltweit breit mache, weshalb es mittlerweile auch Terror hier gebe. Aber das sei ein importierter Fanatismus, den die meisten Bangladeshi nicht akzeptieren. Deshalb denke er, es sei wahrscheinlicher bei einem Busunfall ums Leben zu kommen als durch Terroristen.

Bruder Guillaume selbst versteht sich als Christ, aber nicht als katholischer oder protestantischer, er gehört der Gemeinschaft von Taizé an, das ist der erste ökomenischer Männerorden weltweit, der vor allem durch seine großen jährlichen Jugendtreffen bekannt ist.

taizé

Trotzdem will ich wissen, ob die Kardinals-Ernennung sich irgendwie auf die Christen in Bangladesch auswirkt. Tut es tatsächlich, meint er. Nicht nur, weil sich die Christen im Land dadurch anerkannt und ermutigt fühlen. Sondern auch weil Hierarchien in Bangladesch so unglaublich wichtig sind und diese Ernennung der christlichen Minderheit mehr Autorität verleiht. Das merke man direkt, bei Verhandlungen mit Behörden, Landstreitigkeiten…überall. Das sei übrigens auch ein Grund, warum die katholische Kirche in Bangladesch ein besseres Standing habe als zum Beispiel die protestantische oder baptistische. Die hatten und haben wunderbare Missionare, die sehr unternehmungslustig und mitreißend arbeiten. Dadurch haben sich diese christlichen Kirchen zwar sehr schnell und in sehr vielen Gruppen im Land ausgebreitet. Aber gerade weil Protestanten und Baptisten eher demokratische Strukturen haben, sei das hier ein Nachteil: Die Missionare würden nämlich wieder abgezogen werden oder ausgetauscht, sobald eine Gemeinde gegründet wurde. Und dadurch zerbröseln diese Gemeinden auch oft schnell wieder. Die Katholiken dagegen seien zwar viel langsamer in der Missionsarbeit, aber sie installieren sofort Priester, Gemeindearbeiter und Katechisten. Faktisch sei das also effektiver.

Es macht Spaß, diesem Mann zuzuhören. Nicht nur, weil seine Analysen und Überlegungen interessant und zum Teil neu für mich sind. Sondern auch, weil die Art wie er spricht so…erfrischend ist. Bruder Guillaume ist nämlich gebürtiger Niederländer, beherrscht aber mindestens acht Sprachen fließend. Wir sprechen zwar in deutsch miteinander, aber immer wieder schmuggelt sich ein englischer, schwedischer oder spanischer Begriff in seine Worte. Zum Glück zeichne ich dieses Gespräch auf, denn ich selbst bleib immer wieder an diesen kleinen anderssprachigen Worten hängen und versuch die Sprache einzuordnen. Außerdem überlege ich dauernd, warum die Art wie er spricht so…lustig-liebenswürdig wirkt. Möglicherweise weil er Vieles mit einem leicht gespitzten Mund artikuliert. Auf jeden Fall aber auch, weil einem aus seinen Augen der Schalk entgegenhüpft – selbst wenn er über erste Dinge spricht, strahlt er eine unglaubliche Lebensfreude und Leichtigkeit aus.

Uff, Konzentration! Wir waren bei den effektiven Katholiken…sollten die anderen Religionsgruppen also sich die Strukturen der Katholiken zum Vorbild nehmen? – wieder wackelt er mit dem Kopf. Die katholische Kirche sei in Bangladesch zur Zeit viel größer als die protestantische Kirche, weil deren Organisation viel besser zu den Strukturen und Hierarchien im Land passe. Eine demokratische Kirche bedeutet, es wird gewählt, man arbeitet mit Stimmen und in Bangladesch sei das gleichbedeutend mit Korruption – immerhin sei die Kirche immer auch ein bisschen ein Abbild des jeweiligen Landes. So kann es passieren, dass durch so eine Wahl jemand an die Macht kommt, der alles tut, um diese Stellung zu bekommen und diese dann auch ausnutzt. Anderseits gäbe es bei den Katholiken auch Leute, die bleiben 20, 30 Jahre im Land und selbst wenn es sehr gute Leute sind, dadurch sei die Gefahr von Korruption groß.

Papst Franziskus in Bangladesch

Wieder grinse ich innerlich – offenbar hält Bruder Guillaume generell nicht viel von kirchlichen Strukturen und Hierarchien. Ich frage vorsichtig, ob ich damit richtig liege. Diesmal wackelt er nicht mit dem Kopf. In Bangladesch respektieren die Menschen andere Religionen und zwar jede, man muss sich da nicht viel anpassen, sagt er, und er denke, die Leute lieben und bewundern es einfach, wenn man eine wirkliche Überzeugung hat und danach lebt. In seine Gemeinde würden sogar Leute von den Matrasas kommen, von den Koran-Schulen und man muss nur vorsichtig sein, nicht gegen den Islam zu sprechen. Christen beeindrucken deshalb vor allem durch ihr Leben, wie sie sich anderen gegenüber präsentieren und mit ihnen umgehen. Die Institution der jeweiligen Kirche sei da nicht so wichtig. Der Zusammenhalt innerhalb einer Glaubensgemeinschaft dagegen schon. Er beobachte zum Beispiel, dass die Hindus in Bangladesch einen viel schwereren Stand haben, als Christen. Sie seien zwar zahlenmäßig viel mehr als die Christen, aber gleichzeitig auch viel schwächer. Es gäbe sehr viele intellektuelle Hindus, auch reiche Hindus, aber sie sind sehr verteilt im Land und sie verteidigen immer nur ihre eigene Familie gegen Anfeindungen, vielleicht noch ihre Kaste. Wenn zum Beispiel ein Muslim behauptet, das Land oder das Haus eines Hindus gehöre rechtlich ihm, dann kämpft der Hindu allein gegen diese willkürliche Behauptung. Vielleicht kommt der Fall sogar mal in die Zeitung, weil ein Journalist dort das Unrecht anprangert, aber der Muslim muss nur abwarten, Gerichtsprozesse nur lange genug aussitzen, irgendwann wird der Hindu aufgeben und sein Land oder Haus verlieren. Denn seine Nachbarn, Freunde, selbst Verwandten machen nichts, die haben Angst. Wenn sie dagegen füreinander einstehen würen, könnten sie viel stärker sein. Aber das tun sie nicht – viele wandern sogar nach Indien aus.

Bruder Guillaume ist etwas lauter geworden. Dieses Thema, diese Ungerechtigkeit, scheint ihm am Herzen zu liegen. Und er sagt in seinem drolligen deutsch: „Ich liebe das nicht, ich hätte viel lieber, dass sie kämpfen, dass sie sagen, wir werden nicht nach Indien gehen, das ist auch unser Land und wir werden hier leben!“ Die Gerechtigkeit vor Gericht sei hier schrecklich, meint er, nur das Geld regiere. Alles sei leider unglaublich korrupt. Und das werde sich nicht ändern, weil jeder denkt, dass er nichts ändern kann. Dabei bräuchte es nur eine kleine Minderheit von zehn Personen, eine abrahamitische Minderheit, die die Welt verändern könne. „Aber wenn es nicht zehn gibt sondern nur ein oder zwei, dann kann man vielleicht nichts verändern. Aber wenn nur zehn Menschen anfangen: wir zahlen nicht… wir bleiben, aber wir zahlen nicht, dann werden es bald hundert sein und dann tausend und dann zehntausend, aber das gibt es nicht in Bangladesch.“

brother Guillaume (1)

Ich bin beeindruckt. Dieser schmächtige Mann mir gegenüber, dieser warmherzige, offene Mensch, entwickelt bei diesen Worten so eine Kraft, wirkt so überzeugend, dass in mir kurz das Kopfkino einsetzt: Bruder Guillaume wie er inmitten von Hindus vor einem Haus eine Menschenkette bildet, ein gigantisches sit-in, gegen dass die anrückende Polizei keine Chance hat…

Aber wahrscheinlich würde er das selbst nie tun, sich als Anführer inszenieren mein ich. Mein Eindruck ist vielmehr: Dieser Mann arbeitet mit anderen Methoden – mit Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und offenen Armen für Jedermann.

 

 

 

 

 

Paradies hinter Mauern

Es sind manchmal gerade die ungeplanten, unvorhersehbaren Erlebnisse, die mich in Bangladesch am meisten beeindrucken…

Wir waren zum Beispiel gerade auf der Heimfahrt nach unserem Besuch der Fußballmädels von Kalsindur. Ich genieße diese Fahrten auf dem Motorrad deshalb immer besonders, weil wir so auch in entlegene Winkel kommen, weit ab der üblichen Routen und außerdem im Vorbeifahren so viele kleine Alltagsszenen mitbekommen. Und ja, ich mag es auch, wenn mir der Wind um die Ohren bläst.

motorradfahrt ich

Plötzlich aber hält mein Fahrer an, ohne ersichtlichen Grund. Der letzte Ort liegt schon mehrere Minuten zurück und entlang der Straßen ist nichts besonderes zu sehen, außer ein paar Ziegen auf einem Stoppelfeld rechter Hand und einer langen, weißgetünchten Mauer links. Mein Fahrer bespricht sich kurz mit Gopals Motorradlenker und kommt dann mit einer geheimnisvollen Miene auf mich zu. Ob ich Lust hätte, etwas ganz Besonderes zu sehen, fragt er mich und legt den Kopf schief. Mist, er scheint mich ja schon gut zu kennen…mit solchen Worten kriegt man mich ja immer. „Just one moment“, sagt er und geht auf die weiße Mauer zu, genauer gesagt auf das große grüne Tor, das mir davor gar nicht aufgefallen ist. Er klopft, das Tor öffnet sich einen Spalt, mein Fahrer redet eifrig auf jemanden ein und kommt dann zurück. „Let’s go“, sagt er und grinst verschwörerisch. Das Tor öffnet sich gerade so weit, dass wir durchschlüpfen können und wir müssen einem Mann mit strengem Blick versprechen, dass wir keine Fotos machen und uns ruhig und anständig verhalten. Wir nicken alle und ich fühle mich ein bisschen wie bei der Ansprache am ersten Schultag. Und dann tritt der Pförtner zur Seite und gibt den Blick frei…

Ein großer See eingefasst von sanften Hügeln, filigranem Schilf und majestätischen Bäumen, das ist das erste was ich seh. Dann Rosenbüsche in den unterschiedlichsten Farben, üppige Bougainvillea-Büsche, die einen betörenden Duft verströmen, sogar ein Spalier aus hochaufragenden Sonnenblumen, Farne… die Natur scheint hier überzuquellen –  so stell ich mir das Paradies vor, schießt mir durch den Kopf. Dann seh ich kleine weiße Häuschen auf den Hügeln, dazwischen ordentlich geharkte Kieswege. Mein Motorradguide reißt mich aus diesem Sinnesflash, wir sollten weitergehen, dann hätten wir noch einen besseren Blick. Jetzt erst kommt langsam mein Denken in Gang. Was ist das hier? Beide Fahrer strahlen mich an. Das sei eine Kolonie der Siebten-Tags-Adventisten und das Strahlen wird nicht einmal weniger, als ich zugeben muss, dass ich keine Ahnung von dieser Religionsgemeinschaft habe. Es sei eine christliche Freikirche, wird mir erklärt, und habe Ähnlichkeiten mit den Baptisten und den Protestanten. Dann stehen wir auf einem der Hügel und erst jetzt kann ich das riesige Gelände sehen…

Es gibt eine kleine Kirche hier, eine Schule für Jungs, eine für Mädchen, beide durch den See getrennt. Außerdem kleine Werkstätten und eine Backstube. Wenn ich meinen Fahrer richtig verstanden habe, sind die Schulen Internate und es gibt in Bangladesch auch noch viel mehr ummauerte Glaubensoasen wie diese.

Ich habe noch ziemlich viele Fragen, merke aber, dass das Englisch unserer Motorrad-guides begrenzt ist und deshalb beschließe ich, später selbst zu recherchieren.

Gopal aber hat eine ganz andere Frage: Außerhalb des riesigen Grundstücks, gleich neben der Mauer ragt nämlich ein weißer, pulvrig aussehender Hügel hervor. Was das denn sei, fragt er. „White clay“, ist die Antwort. Weißer Lehm? Das benutze man, um Keramik herzustellen, werde ich aufgeklärt. Okay, auch das muss ich später nachschlagen.

Etwa eine halbe Stunde später verlassen wir diesen Ort wieder. Und es ist völlig surreal als wir aus diesem blütenduft- und vogelgezwitscher-schwangeren Idyll durch das große Tor auf die staubige Straße mit den hupenden Motorrikschas und dem Müll am Wegesrand treten.

Wir reden nicht mehr viel an diesem Tag. Offenbar schwingt auch bei Gopal noch dieses ungewöhnliche Gefühl von ….naja, sowas wie der Reinheit dieses Orts nach. Erst beim Abendessen in unserem guesthouse ergreift Gopal das Wort. „Dhonnobad“, sagt er, danke. Wofür, frage ich. Er schaut mir ernst und direkt in die Augen. „Dafür, dass ich auf den Reisen mit dir so viele Aspekte meines eigenen Landes entdecke, soviele Orte sehe und Begegnungen habe, die ich sonst nie haben würde.“

Extra: Recherche-Ergebnisse

Adventisten

Die Adventisten  haben etwa 116 Kirchen in Bangladesch und etwa 35.000 Mitglieder, weltweit sind es über 20 Millionen (Zum Vergleich: Lutheraner gibt es weltweit etwa 70 Millionen). Sie betreiben Schulen und Schulungseinrichtungen und sogar ein eigenes Kurzwellen-Radioprogramm. Außerdem engagieren sie sich für Überschwemmungsopfer. Anders als die meisten christlichen Kirchen ist für die Adventisten der Samstag der Tag des Gottesdienstes, der Ruhetag, den sie als Sabbat bezeichnen. Ähnlich wie die Baptisten werden die Gläubigen erst nach gründlichem Bibelstudium getauft, es gibt also keine Kindstaufe. Und beim Taufen wird der ganze Körper untergetaucht. Nach ihrer Lehre versinkt man mit dem Tod in eine Art Schlaf, aus dem die wahrhaft Gläubigen – egal ob sie Adventisten oder aus anderen Glaubensgemeinschaften sind – mit der Wiederkehr Jesus auferstehen. Deshalb ist es für Adventisten wichtig, Gutes zu tun und im Sinne Jesus zu leben. Das heißt auch, dass sie sehr bewusst auf ein gesundes Leben ohne Alkohol, Drogen und Tabak achten, Adventisten essen zum Beispiel kein Schweine-, Pferde- oder Kaninchenfleisch und auch keine Schalentiere. Viele ernähren sich sogar vegetarisch – der Körper ist für sie ‚ein Haus Gottes‘. Eine Hölle für Sünder gibt es bei ihnen nicht, die werden bei der Christus Wiederkehr einfach vernichtet.

White clay

Der weiße Lehm wird auch als Kaolin, Porzellanerde, Porzellanton, weiße Tonerde, Pfeifenerde oder als Bolus alba bezeichnet. Es wird hauptsächlich bei der Herstellung von Porzellan oder Papier verwendet, manchmal auch als Pudergrundlage.