Clever and dedicated – the villagers

Es ist ein ungewöhnlicher Empfang, der mich in einem abgelegenen Dorf in Gaibandha erwartet: Eine rote Rose ist das erste, was ich sehe, als ich aus dem Auto steige. Und an dieser Rose hängt ein schlaksiger, hochgeschossener junger Mann, der offensichtlich mehr als aufgeregt ist. Ich erkenne ihn nicht gleich…Aber dann stellt er sich als ‚Rubel‘ vor und bei mir macht’s klick.

Mit Rubel chatte ich seit einigen Monaten. Irgendwann hat er mir in Facebook eine Freundschaftsanfrage geschickt, die ich mit der Begründung abgelehnt habe, dass ich nur Anfragen von Menschen annehme, die ich persönlich kenne. Aber der junge Mann ließ nicht locker: Er wolle sein Englisch verbessern und würde deshalb gerne mit mir chatten. Tja und seither schreiben wir uns. Unregelmäßig, meist nur kurz, aber es ist immer lustig.  Oft hab ich Probleme, seine Sätze zu verstehen und Rubels Englisch ist auch nicht wirklich besser geworden, aber ich war beeindruckt von seiner Initiative.

Rubels Dorf Rubel

Jetzt also steht er vor mir. Was ein Zufall. Denn eigentlich bin ich hier, weil ich für eine Hilfsorganisation eine Familie portraitieren soll, die mit Spendengeldern unterstützt wird.

Rubel kann vor Aufregung nicht Englisch sprechen, aber es purzeln Bangla-Wörter aus ihm heraus, sie scheinen sich zu überschlagen und ich versteh kein Wort. Gopal kommt zur Hilfe und übersetzt: Rubel wusste aus unseren Chats, dass ich bei dieser Reise auch nach Gaibandha komme und als er gehört hatte, dass die NGO mit einem Gast ins Dorf komme, hat er vermutet, dass ich das sein könnte. Ich bin gerührt. Aber muss ihn vertrösten, weil ich zuerst meine Arbeit erledigen will: Die Geschichte von dem Jungen, der jahrelang weder sprechen noch laufen konnte, muss ja erzählt werden 😉

Rubels Dorf Interview

Als wir danach durch’s Dorf laufen, fällt mir eine Menschenansammlung auf. Auf der Straße stehen einige Bänke, vollbesetzt mit Menschen, die alle zur Veranda einer Hütte schauen. Mehrere Männer sitzen dort an einem Tisch, daneben eine junge Frau, die sich auf Krücken stützt und etwas in ein Megaphon spricht. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass im Publikum sehr viele alte Menschen sitzen. Auch Leute mit Behinderungen. Keiner hat richtige Schuhe und die meisten sind nur leicht bekleidet – obwohl es im Januar 2018 für bengalische Verhältinisse empfindlich kalt ist: Nachts sinken die Temperaturen auf 12 bis 6 Grad. Arschkalt also, weil die Häuser hier ja keine Heizung und vor allem auch keine Isolierung haben.

Ich lasse mir erzählen, was hier gerade passiert: Die Leute auf der Veranda sind überwiegend Mitglieder von Selbsthilfe-Gruppen, die selbst eine Behinderung haben. Diese Gruppen gibt es mittlerweile in vielen Dörfer, sie werden von Hilfsorganisationen wie zum Beispiel der CBM (Christoffel Blindenmission, eine deutsche NGO) gegründet, mit dem Ziel, die Situation von behinderten Menschen auf dem Land zu verbessern. Gehörlose, Seh- oder Gehbehinderte, Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, sie alle treffen sich in diesen Gruppen, erfahren, dass sie auch Rechte haben, dass es Förderprogramme für sie gibt, Ausbildungsmöglichkeiten, sogar finanzielle Unterstützung. Für uns klingt das vielleicht banal. Aber in Bangladesch ist die Situation für Menschen mit Behinderungen anders. Manche werden hier sogar versteckt, weil eine Behinderung als Schande oder Strafe Gottes angesehen wird. Außerdem sind die meisten hier immer noch Analphabeten, haben nie eine Schule besucht und wissen vor allem nichts über Menschenrechte, geschweige denn, was solche abstrakten Worte bedeuten.

Diese Selbsthilfe-Gruppen jedenfalls haben bemerkt, dass es zwar Programme und Gelder von der Regierung für sie gibt, diese aber nicht in den Dörfern ankommen. Deshalb haben die Gruppen selbst die Initiative ergriffen, haben Geld gesammelt und Decken gekauft, die sie jetzt an Bedürftige verteilen. Lautstark! Und geschickt! Denn sie haben auch ‚die Obrigkeit‘ zu dieser Verteil-Aktion eingeladen. Und weil die Selbstilfe-Gruppen mittlerweile einen enormen Einfluss haben, sind auch tatsächlich wichtige Personen gekommen: der Distriktvorsteher zum Beispiel. Und eine Art Staatssekretärin.

Rubel steht plötzlich neben mir. Sein Vater sei der Vorstand dieser Selbsthilfe-Gruppe, sagt er stolz. Und ich reagiere schnell. Ob es eine Möglichkeit gäbe, mit seinem Vater, den Regierungs- und Verwaltungsvertretern und mit den Bedürftigen zu sprechen, Interviews zu machen? Rubels Augen beginnen zu funkeln. Klar, er organisiere das. Und weg ist er. Kurz. Und dann lotst er mich in einen Raum gleich neben dem Kiosk, der seinem Vater und ihm gehört. Dort könne ich ungestört die Interviews machen und er bringe mir die Gesprächspartner.

Eine alte Frau mit nur noch einem Schneidezahn steht vor mir, ganz gebückt. Sie drückt die knallrote Decke fest an sich, die sie eben bekommen hat. „Jetzt muss ich heute Nacht nicht frieren“, sagt sie. Ihre Stimme ist rau. Sie sei der Gruppe so unendlich dankbar. Weil sie so viel für die ganz Armen tun würde….und überhaupt… Sie dreht den Kopf weg. Ihr Stimme versagt. Sie mag nicht mehr sprechen.

Die nächste Frau ist gut gekleidet, auch gut genährt. Weißer Sari, rote Strickjacke, ein Tuch locker über die Haare gelegt. Sie ist die Regierungsvertreterin und hat vorhin mit stoischer Mine die Decken mit verteilt. Es sei beschämend, platzt es aus ihr heraus. Dass in diesem Land die Ärmsten der Armen für andere Bedrüftige sammeln, während die staatlichen Hilfen nicht ankämen. Woran das liege? Oft sei einfach nicht bekannt, wieviele Menschen in den Dörfern auf Zuwendungen angewiesen sind. Oder die Verwaltungen gäben die Daten nicht weiter. Oder die Gelder würden auf dem Weg von Dhaka bis in die Dörfer irgendwie ‚versickern‘. Auf jeden Fall werde sie alles tun, um das zu ändern…

Es kommt ein Mann mit hennagefärbtem Bart. Der Distriktvorsteher. Er scheint gewohnt zu sein, dass man seinen Anweisungen folgt, jedenfalls scheucht er die Leute auseinander, die neugierig an der Tür stehen. Diese Verteil-Aktion sei toll gewesen, meint er. Es sei immer gut, wenn Menschen Eigeninitiative ergreifen, sich selbst helfen. Weil sie ja selbst am besten wüssten, wie der Bedarf sei. Die Selbsthilfegruppen hätten in seinem Distrikt schon so viel erreicht….Gelder für bessere Straßen, Kredite für kleine Läden, Schulungen für Gemüseanbau und Viehzucht und Behinderte könnten jetzt sogar auch zur Schule gehen – das alles hätten die Gruppen und die NGOs bewegt. Und er sei stolz darauf. Aber ist es nicht eigentlich die Aufgabe des Staates, sich um diese Dinge zu kümmern, frag ich. Er streicht seinen Bart, verlangt nach einem Tee und blickt mich dann gönnerhaft an. Wir sind hier in Bangladesch, sagt er dann gewichtig. Dieses Land sei nicht perfekt, aber es gäbe einen großen wirtschaftlichen Aufschwung, ein enormes Engagement der Regierung und viele Initiativen, die gerade den ländlichen Raum unterstützten. Es dauere halt nur manchmal ein bisschen…

Und dann kommt Rubels Vater zu mir. Er wohnt schon immer hier im Dorf, ist gehbehindert und ein Energiebündel, wenn es um die Belange von benachteiligten Menschen geht. Ja, gibt er zu, er habe sich vorher ganz genau überlegt, wie er die Decken am effektivsten verteilen kann. Denn es gehe längst nicht mehr nur darum, den Armen hier über die kalte Jahreszeit zu helfen. Es gehe darum, den Menschen zu zeigen, dass sie Rechte haben, dass sie diese einfordern können und dass das auch klappt, wenn man zusammenhält.

Dann ruft er seinen Sohn zu sich. Rubel ist schon größer als er, wirkt aber sofort kleiner als sein Vater ihm die Hand auf die Schulter legt. Sein Sohn sei sein Antrieb, sagt der. Denn Rubel soll lernen, dass man anständig und geachtet leben kann, obwohl man arm oder behindert ist. Jeder könne für die Gesellschaft wichtig sein. Man dürfe sich nur nicht einschüchtern lassen.

Es ist kein Pathos in seiner Stimme, als er das sagt. Aber man merkt, dass jedes Wort gut durchdacht ist, dass dieser Mann gelernt hat, seine Meinung zu sagen. Und als wir zusammen durchs Dorf gehen, merke ich, dass alle ihm mit Respekt begegnen. Alle bis auf zwei kleine Mädchen. Die strahlen diesen kleinen, kämpferischen Mann einfach nur ganz offen an…

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