Changed situation 2 – the locals

Seit über einem Jahr leben die geflüchteten Rohinga jetzt in Bangladesch. Die Flüchtlingscamps sind nur rund eine Stunde Fahrt entfernt vom größten Strand der Welt, einer der Touristenattraktionen von Bangladesch, und von Cox’s Bazar, der Distrikt-Hauptstadt. Hier sind die meisten NGO-Mitarbeiter aus dem Ausland untergebracht, auch die Außenstellen der Hilfsorganisationen sind hier, meistens haben sie ganze Etagen in den Hotels gemietet.

Ich darf heute im Teambus einer NGO mitfahren. Sie fahren jeden Morgen zusammen in die Flüchtlingscamps. Aber ich steige früher aus, weil ich mit den ortsansässigen Bangladeshi sprechen will, den ‚locals‘.

Camp impressions (207) bearbeitet

Je näher wir den Camps kommen, desto mehr Kontrollposten passieren wir: Mit Stacheldraht umwickelte Balken, die den Hauptteil der Straße blockieren… Betonpolder…oder einfach nur quer gestellte Polizeitransporter. Hier werden vor allem diejenigen kontrolliert, die aus den Camps raus oder rein wollen. Natürlich nicht alle. Wer westlich aussieht, wird meistens einfach durchgewunken und auch die Busse und Autos mit den Labels der Hilfsorganisationen kommen oft unkontrolliert durch. Nur manchmal gibt es Stichproben, wie heute. Der Bus wird angehalten, zwei Männer in Uniform springen schon auf, bevor er richtig steht, zwei andere bleiben breitbeinig draußen. Der Ton ist ruppig, die Maschinengewehre werden demonstrativ so gehalten, dass sofort geschossen werden könnte. Ich sitze vorne, gleich neben der Tür und ja, mir ist ein bisschen mulmig….krieg ich jetzt Scherereien? Aber ich interessiere die offenbar gar nicht. Einer kontrolliert die Sitzreihen, warum weiß ich nicht….haben die Angst, dass wir einen Rohinga ins Lager schmuggeln wollen? 😉  Dann noch ein warnendes Wort zum Busfahrer und schon sind die Männer wieder aus dem Bus draußen.

An einer Wegkreuzung steig ich aus. Zum Dorf sind es nur noch ein paar hundert Meter. Die meisten Häuser sind Lehmhütten, es gibt einen kleinen Kiosk, der gleichzeitig Teestube ist, einen buddhistischen Tempel, neuerdings auch einen Kindergarten und ein mobiles medizinisches Zeltlager. Diese beiden Neuerungen am Ort haben die Dorfbewohner indirekt den Rohinga zu verdanken. Denn die Regierung von Bangladesch hat bemerkt, dass die Unzufriedenheit in den Dörfern rund um die Flüchtlingslager immer größer geworden ist. Deshalb hat sie den Hilfsorganisationen die Auflage erteilt, dass rund 30 Prozent der Gelder, mit denen die Rohinga unterstützt werden, in Projekte für die bengalischen Anwohner fließen müssen.

 

Schnell bildet sich ein Kreis um mich, es kommt selten vor, dass sich hier eine bideshi  sehen lässt, eine Ausländerin. Ich frage die Umstehenden ganz direkt, ob sie eigentlich außerhalb der Camps überhaupt Kontakt mit den Rohinga haben. Und dann, als hätten sie nur darauf gewartet, dass sie das Angestaute loswerden können,  prasseln die Antworten auf mich ein:

„Einige Rohginya kommen zu uns und finden hier Arbeit, zum Beispiel bei der Aussaat oder Ernte, beim Haferschneiden und verschiedenem anderen. Also kenne ich ein paar von denen, die zu uns kommen, arbeiten und dafür Geld kriegen. Das sind keine ehrlichen Leute. Die stecken schon mal heimlich was ein. Und eigentlich erlaubt ihnen die Armee gar nicht zu arbeiten.  Okay, ein paar von uns profitieren von der Arbeit in den Camps, aber das sind nur wenige. Von den Problemen sind wir aber alle betroffen: Alles ist teurer geworden. Was früher 20 Taka pro Kilo gekostet hat, kostet jetzt 40 Taka. Weil es so viele Menschen hier gibt, ist die Verschmutzung enorm angestiegen. Wir profitieren zwar von den neuen Straßen, aber wir haben unser Land verloren, unsere Reisfelder, die haben alle Hügel abgeholzt oder sogar platt gemacht für die Camps. Diese Menge an Leuten schadet uns, wir sind ohnehin schon so viele. Sie sollten so bald wie möglich zurückgeschickt werden“

local Direndro Borua, 80j (2) bearbeitet

Direndro Borua, 80 Jahre

„Eigentlich dürfen die Rohingya das Camp nicht verlassen, das Militär sorgt dafür. Aber die kontrollieren nur die Straßen und die Ausgänge, nicht die komplette Außenseite der Camps. Und die Rohinga nehmen dann geheime Wege, Schleichwege, um zur Arbeit zu kommen, das machen jetzt schon einige und es werden täglich mehr. Die ortsansässigen Tagelöhner haben bisher etwa 500 Taka am Tag bekommen. Die Rohinga machen die Arbeit aber für 200 Taka am Tag, manche sogar für 100, egal, Hauptsache Geld. …Und die Ortsansässigen werden dadurch arbeitslos. Ich denke, die gehen nie wieder weg. Weil, in Myanmar hatten sie nichts, jetzt kriegen sie alles, ohne eine Arbeit zu haben, ohne irgendwas tun zu müssen, kriegen sie alles. Sie kriegen immer mehr Kinder, kriegen genug zu essen, also, die sind glücklich hier. Und ich bin sicher, wenn jetzt 5000 nach Myanmar zurückgehen könnten, würden höchstens 500 tatsächlich gehen. Weil sie dort nicht die gleichen Möglichkeiten haben würden, das ist der Grund.“

local Anuwara, 60j (3) bearbeitet

Anuwara, 60 Jahre

„In meiner Schule gibt es mittlerweile ganz schön viele Rohinga, obwohl sie eigentlich gar nicht da sein dürften. Mich nervt halt, dass sie uns eigentlich ablehnen. Wenn wir unter uns über die Rohinga sprechen, dann sind das schon auch manchmal Überlegungen wie: Was passiert eigentlich, wenn die mal nicht mehr von NGOs unterstützt werden? Greifen sie uns dann an, um an Geld oder Essen zu kommen? Wir haben schon Angst davor… Wir hatten vorher zum Beispiel keinerlei Hygieneprobleme, aber seit sie da sind, haben wir hier plötzlich Krankheiten, die es vorher nicht gab. Also es wär schon besser, wenn die Regierung oder wir sie wegbringen würden“

local Emon Barua, 14j (3) bearbeitet

Emon Barua,14 Jahre

„Seit die Rohinga hier sind, ist es für uns schwieriger geworden. Vorher hat mein Mann zum Beispiel oft Feuerholz von den Hügeln gesammelt und auf dem Markt verkauft. Aber jetzt ist alles abgeholzt, die Rohinga leben auf den Hügeln. Überleben ist einfach schwieriger geworden. Als sie in Not waren, haben wir sie willkommen geheißen, als Nachbarn und als Muslime, aus religiösen Gründen, das war okay. Aber jetzt geht es ihnen gut und manche behandeln uns als würden wir auf ihrem Land leben. Sie kriegen alles von den NGOs umsonst und uns gegenüber verhalten sie sich wie: ‚wer bist du denn schon, was willst du denn von mir?‘ Ihr Verhalten ist arrogant…nicht schön. Wenn sie nicht zurück nach Myanmar wollen oder sonstwohin, dann müssen sie eben in einem abgegrenzten Gebiet bleiben. Und zwar nur dort, und dort müssten sie dann ruhig und wie normale Menschen leben. Ich hab von Nachbarn und anderen Leuten gehört, dass die Rohingya auf eine Insel gebracht werden sollen. Aber ich weiß nicht mehr darüber.“

local Farida Akter, 30j bearbeitet

Farida Akter, 30 Jahre

Da ist sie wieder, die ‚Insel-Lösung’… Schon seit Jahren ploppt diese Idee immer wieder auf. Und ebenso lange laufen Menschenrechtsorganisationen Sturm gegen diese Idee. Denn der Plan ist, mindestens 100.000 Rohinga auf eine Insel im Golf von Bengalen zu verfrachten. Lange Zeit waren kaum mehr Infos darüber rauszukriegen, selbst der Name der Insel war nicht klar. Manche sprachen von Thengar Char, andere von Bashan Char. Sicher war nur, dass es eine Schwemmlandinsel ist, also eine Art Sandbank, die sich in den letzten 20 Jahren im Golf von Bengalen gebildet hat. Mittlerweile gibt es mehr Infos, aber dazu später mehr.

Geplant war jedenfalls, dass die ersten Rohinga im November 2018 dorthin gebracht werden sollen, aber die Rohinga weigern sich….und viele Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen sind strikt gegen diese ‚Insel-Lösung‘.

Fortsetzung folgt

 

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