Changed situation – in the camp

Neun Monate sind vergangen zwischen meinem ersten Besuch in den Rohinga camps und dem zweiten. Und dass sich in diesen Monaten viel getan hat, merke ich schnell. Zuerst mal, weil es unendlich viel schwieriger geworden ist, überhaupt ins Flüchtlingslager zu kommen: „Not possible without a permission“, nur mit einer Genehmigung der obersten Lagerverwaltung also darf man rein. Und die kriegt man nur, wenn man im Auftrag einer NGO unterwegs ist oder als akkreditierter Journalist. Ein Problem für mich, denn ich bin beides nicht. Aber rein muss ich trotzdem, nicht nur weil ich mir unbedingt selbst ein Bild über die Zustände von dem Ort machen will, an dem mittlerweile rund eine Million Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Sondern auch, weil ich zwei Damen versprochen habe, mit ihren Spenden den child friendly space, den Kinder-Bereich einer Hilfsorganisation zu unterstützen.

Es war nicht leicht. Aber letztendlich hab ich es dank meines Netzwerks wieder mal geschafft, das Unmögliche möglich zu machen. Und dann war ich drin, wieder im Lager Balukhali und genau auf dem gleichen Weg wie im Januar 2018 – theoretisch wenigstens. Denn tatsächlich hat sich das Lager ziemlich verändert ind den neun Monaten:

Die Wege sind zwar immer noch aus gestampftem Sand, aber sie wirken jetzt sauber und strukturiert – es hat ein bisschen gedauert, bis ich kapiert habe warum: Neben den Hauptwegen sind jetzt kleine Kanäle angelegt, Rinnen aus Bambus, in denen jetzt das Regenwasser, aber auch alle anderen Flüssigkeiten des Alltags abfließen. Außerdem gibt es jetzt viel mehr richtige Brücken, nicht mehr nur nebeneinandergelegte wackelige Bambusstangen. Die Hügel hoch geht’s jetzt nicht mehr über rutschige, ausgetretene Pfade, sondern über befestigte Stufen. Die Hügel sind zum Teil mit Sandsäcken vor dem Abrutschen bei starkem Regen geschützt und selbst die Flüchtlingshütten wirken zum Teil viel stabiler.

Und dann gibt es noch eine immens wichtige Neuerung: Die Toiletten werden jetzt regelmäßig geleert!!! Einige NGOs haben eine Art Klär-System entwickelt – ich hab mir das natürlich genauer er-klär-en lassen (sorry, der Kalaurer musste jetzt sein 😉 ) Es gibt jetzt jedenfalls mehrere zwei-Mann-Teams, die systemmatisch jede Toilette nach einem rollierenden System leeren. Dazu schaufeln sie den Inhalt der Sickergruben in blaue Plastiktonnen, die sie dann an langen Bambusstangen zu den vorbereiteten Klärgruben bringen. Dort werden die Feststoffe aus den Toiletten zum Trocknen ausgebreitet und später als Dünger verwendet.

Erstaunlicherweise stinken diese Felder nicht – offenbar haben sich die Gase in den Sickergruben der Toiletten schon verflüchtigt. Trotzdem, könnte man mit den Exkrementen so vieler Menschen nicht besser eine Biogasanlage betreiben? Das gehe leider nicht, wird mir erklärt. Die Ausscheidungen von Menschen würden dafür nicht taugen, das gehe nur mit Tierkot. Aha, sag ich…und beiß mir dann auf die Zunge. Denn noch vor kurzem hab ich gelesen, dass Forscher mittlerweile aus Urin Strom und Wasserstoff gewinnen können und Slum-Klos für Biogas-Gewinnung nutzen… Wie auch immer, Hauptsache die Klos werden jetzt geleert und das Trinkwasser nicht mehr verseucht.

Insgesamt fällt mir auf, dass das Lager jetzt noch dichter besiedelt ist als im Januar. Ist ja auch kein Wunder: Etwa 1,1 Millionen Rohinga sind jetzt in Bangladesh registriert, hat Premierministerin Sheikh Hasina im September 2018 gesagt. Und die sind auf etwa 13 Quadratkilometer zusammengepfercht. Wobei, offenbar werden die Lager wieder erweitert. Jedenfalls sind mittlerweile noch weitere Hügel gerodet worden und noch warten sie auf Flüchtlingshütten

Soweit die äußeren Veränderungen im Camp. Aber mich interessiert auch, wie es den Rohingas jetzt geht, was sich an ihrer Situation geändert hat. Deshalb will ich mich nochmal mit Nur Mohammad treffen, dem Mahji, den ich im Januar kennengelernt habe. Aber vorher läuft mir noch diese junge Dame über den Weg:

Na? Habt ihr sie erkannt? Das ist Sahera, das Mädchen, das ich im Januar in ihrer Hütte besuchen durfte (https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/07/24/make-up-against-reality/ ). Es gehe ihr gut, sagt sie schüchtern, sie habe jetzt sogar ein paar Freunde. Ob sie noch immer Englisch-Lehrerin werde wolle, frag ich…da wird sie rot und dreht sich verschämt weg…upps. Hab ich da einen wunden Punkt erwischt? Oder hat sie mich nicht richtig verstanden? Immerhin ist der Dolmetscher noch nicht da.

Dafür aber der Mahji. Nur Mohammad hat sich kaum verändert. Immer noch drahtig, allerdings jetzt mit Bart. Er dirigiert mich zu einer leeren Hütte, weist seine Leute an, drei Stühle zu bringen und befiehlt dann absolute Ruhe für das Interview.

Ja, es habe sich einiges verändert, bestätigt der Mahji. Es sei alles sehr viel strukturierterter als bei unserem letzten Treffen. Familien hätten sich gefunden, die meisten Familien müssten nicht mehr mit Holz kochen, sondern haben jetzt kleine Gaskocher bekommen, die zugeteilten Lebensmittel seien jetzt nicht mehr so einseitig, auch Obst und Gemüse sind jetzt darunter und die oberste Campleitung koordiniert jetzt auch die Projekte der NGOs. Dadurch ist jetzt alles ausgewogener verteilt, also zum Beispiel nicht mehr drei Schulen dicht nebeneinander, sondern es wird nach dem Bedarf geschaut und dass jeder Block versorgt ist.

Was er nicht sagt oder vielleicht noch gar nicht weiß: Das Mahji-System (siehe auch: https://yvonnekoch.wordpress.com/2018/03/17/the-maghi-system/ ) soll abgeschafft werden, also auch seine ‚Stellung‘ im Camp wackelt. Die Lagerverwaltung hat nämlich bemerkt, dass viele Mahjis ihre Position ausnutzen, tricksen. Zum Beispiel bei Lebensmittelausgaben angeben, sie betreuten 120 Menschen obwohl es nur 100 sind. Auch von Korruption ist die Rede. Jedenfalls soll in Zukunft in jedem Block eine geschulte Gruppe das Sagen haben, gemischte Kommittees, die gemeinsam Entscheidungen treffen und auch nach bengalischem Recht Strafen verhängen dürfen.

Camp impressions (101) bearbeitet

Im Lager sei das Leben jetzt leichter, sagt Nur Mohammad und wiegt den Kopf . Aber die Stimmung gegenüber den Rohinga habe sich verändert. Die Bangladeshi seien zwar nicht gerade aggressiv, aber immer öfter kämen Sprüche wie: „Jetzt reicht’s, geht endlich weg, woanders hin“. Manche hätten ihnen sogar eine Art Vertrag hingehalten: „Ihr könnt länger bleiben, aber dann müsst ihr Miete zahlen für das Land, auf dem ihr lebt“

Auch im Lager selbst, unter den Rohinga verändere sich die Stimmung langsam, meint der Mahji. Anfangs waren alle nur froh, einen sicheren Platz zu haben, ohne Angst irgendwo leben zu können. Und sie waren überwältigt von der enormen Hilfsbereitschaft der Bangladeshi, die alle ihren muslimischen Brüdern und Schwestern aus dem Nachbarland helfen wollten. Aber jetzt mache sich wieder Angst breit. Denn nach über einem Jahr hier in Bangladesch sei ihre Zukunft immer noch völlig ungewiss. Sie dürften offiziell nicht arbeiten, seien immer abhängig von anderen. Keiner weiß, wo sie nächstes Jahr sein werden und dadurch könnten sich auch kein neues Leben aufbauen.

Ist eine Rückkehr nach Myanmar für sie denkbar, frag ich. Nur Mohammad wird unruhig, wirkt unentschlossen. „Wenn wir in den nächsten fünf, sechs Jahren immer noch hier sind, dann wird es richtige Probleme geben, weil unsere Familien zum Beispiel immer größer werden, der Platz hier würde dann zu klein, wir können nicht mal mehr so leben wie jetzt.“ Die meisten wollen jetzt schon wieder zurück und nicht länger im Lager bleiben. Sie würden sofort nach Myanmar gehen, wenn sie dort die Staatsbürgerschaft kriegen würden, die Garantie, dass sie dort sicher wären und wenn sie ihr Land wieder zurück bekämen. Dann gingen sie zurück nach Myanmar – vorausgesetzt, sie würden als Rohinga, als eigenständige Volksgruppe akzeptiert. Aber – und dieses Aber kommt heftig – nichts deutet darauf hin, dass das passieren könnte. „Was ich über die Situation in Myanmar für die Heimkehrer gehört habe ist, dass sie für uns auch Flüchtlingscamps errichtet haben, dort sollen wir wohnen. Soweit ich weiß sind das niedrige Massenunterkünfte, eine dicht neben der anderen, Baracken. Und in der Mitte eine schmale Straßen. Das ist kein guter Ort.“

Und auch die Gerüchte über die Pläne der bengalischen Regierung würden die Unsicherheit seiner Leuten verstärken, sagt der Mahji. „Ich habe von dem Plan gehört, dass 100.000 Rohinga auf eine Insel verfrachtet werden sollen. Und keiner von uns will da hin, weil es dort Überschwemmungen gibt, Zyklone und das Meer ist ja auch gefährlich. Wir haben Angst davor, wir wollen da nicht hin.“

 

Fortsetzung folgt

 

 

 

 

 

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