Flying corruption

(Regieanweisung:) Szene am Flughafen von Cox’s Bazar, Bangladesch. Boarding zone. Zu sehen ist der überfüllte Wartebereich (der Flug hat Verspätung). Die Erzählerin und ihr bengalischer Freund Gopal sitzen nebeneinander mit Blick auf die Landebahn, rechts von ihnen die Kontrollschleuse mit Gepäckscanner, Metalldetektor-Rahmen und dem Kontrollteam: Eine dickliche Frau hinter dem Computer-Bildschirm, hinter einer Art Tresen eine junge Frau und ein Grenzbeamter in Uniform, direkt vor dem Metalldetektor ein schlanker Mit-Dreißiger im Anzug.

„Soll ich noch einen Kaffee holen?“, frag ich. Aber Gopal ist plötzlich völlig abwesend, scheint sich auf irgendwas anderes zu konzentrieren. Trotzdem bemerkt er meinen fragenden Blick. „Moment, ich kann gerade nicht, ich beobachte gerade was“. Ich folge seiner Blickrichtung: Der Mit-Dreißiger im Anzug tastet gerade einen jungen Mann ab. Auf eine seltsam sanfte Art, streicht er ganz langsam von oben nach unten über die Kleidung mit kleinen kreisenden Bewegungen um die Hosentasche, dann gleiten seine Hände an der Oberschenkel Innenseite nach unten. „Ist der schwul?“, flüstere ich Gopal zu. Aber der zischt nur: „Warte ab. Beobachte!“

Ich kann zwar die Worte nicht verstehen, aber der Anzug-Mann ist honigsüß-freundlich, dass merkt man, er lächelt ständig. Dann lotst er den jungen Mann zum Gepäckscanner. Offenbar ist eine große Tüte das einzige Hand-Gepäckstück des jungen Mannes, der aussieht wie ein Student. Der Anzug läßt den Studenten alles auspacken. „Das sind Süßigkeiten, Spezialitäten aus Myanmar, die kriegt man hier in Bangladesch nicht“, informiert mich Gopal. Mindestens zwanzig Packungen sind jetzt auf dem Band ausgebreitet. Der Anzug grinst den Studenten an, sagt was. Der junge Mann wirkt angespannt. Er schiebt dem Kontrolleur eine Packung Süßigkeiten zu, schaut kurz auf und schiebt dann dem Anzug noch eine Packung zu. Der verabschiedet den Studenten überschwenglich und wendet sich dann dem nächsten Reisenden zu, der durch den Metallrahmen will.

Gopal steht auf, schlendert lässig zum Pfeiler neben dem Kontrollpunkt und positioniert sich direkt hinter dem Anzug-Kontrolleur. Gopal, der Spion…. Der Anzug bemerkt nicht, wer ihm da im Nacken sitzt bzw. steht. Wohl aber die beiden hinter dem Kontroll-Tresen. Sie beobachten Gopal genau, die junge Frau mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

Nach einiger Zeit kommt Gopal zurück und erzählt mir, wie er beobachtet hat, dass diesmal sogar Geldscheine den Besitzer gewechselt hätten. Die Masche sei nicht einmal subtil: Erst verwickelt der Kontrolleur sein Opfer in ein Gespräch, plaudert angeregt, wobei er darauf hinweist, dass das Team ja schon den ganzen Tag hier stünde und es daher ja schon gut wäre, wenn der Reisende dem Team eine kleine Spende geben würde.

Wir beobachten weiter, vor allem auch, weil wir wissen wollen, welche Flugäste hier abgezockt werden. Ausländische Reisende auf jeden Fall nicht. Und die bengalischen Opfer sind immer gut gekleidet, meistens Typ Geschäftsmann. Wir haben insgesamt vier dieser Transaktionen beobachtet, bei denen jedes Mal etwa 200 oder 3oo Taka ‚gespendet‘ wurde, das sind umgerechnet 2 bzw. 3 Euro. Nur bei einem ‚Geschäftsmann‘ lief es anders: Auch er wurde super-sanft abgetastet, umschmeichelt und dann um die Spende angehauen. Der Herr hat gelacht, abgewunken und ist dann einfach weiter gegangen. Ohne jegliche Konsequenzen!

Drei Dinge haben mich bei dieser Szenerie verblüfft: Dass diese Korruption so offen, unverhüllt und unverfroren stattfindet. Dass offenbar das ganze Team eingeweiht oder sogar beteiligt ist und es nicht mal für nötig befindet, den Anzugträger zu warnen, wenn er bei seinem Tun beobachtet wird – so sicher fühlen sie sich. Und drittens, dass fast alle ‚Opfer‘ bei diesem korrupten System mitmachen – obwohl es doch offenbar (wenigstens in diesem Fall) so leicht ist, sich dem zu entziehen.

 

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2 Kommentare zu “Flying corruption

  1. …dafür dann aber im großen Stil abläuft.
    Du hast absolut recht, auch Deutschland ist nicht gefeit vor Korruption. Man nennt es ja oft auch beschönigend ‚Lobbyarbeit‘, die intensive Einflussnahme von zum Beispiel der Auto- oder Pharmaindustrie. Aber in Bangladesch ist es so offen in allen Alltagsabläufen zu finden, das haut einen schon um.

    Gefällt mir

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