The impressive brother

Wenige Monate vor meiner letzten Reise hat der Papst 17 neue Kardinäle ernannt. Die meisten von ihnen aus Schwellen- oder Entwicklungsländern. Nicht dass mich das sonst interessiert, aber diesmal schon. Denn einer der neuen Kardinäle ist Patrick D’Rozario, der der kleinen christlichen Minderheit in Bangladesch vorsteht. In diesem muslimischen Land machen die Christen gerade mal 0,3 Prozent aus, sagt Wikipedia. Klingt mickrig. Aber bei 160 Millionen Einwohnern in Bangladesch sind das immerhin 480.000 Christen. Und ich merke, wie gleich mehrere Fragen dazu bei mir aufploppen: Wie lebt es sich als Christ in Bangladesch? Ist es in den letzten Jahren gefährlicher geworden? – Immerhin gibt es seit einiger Zeit immer öfter Morde an Andersgläubigen in Bangladesch.  Hat die Kardinalsernennung irgendetwas an der Situation geändert?

Irgendwo hatte ich gehört, dass der neue Kardinal in Mymensingh residiert… also hab ich mein Netzwerk aktiviert und auf gut Glück gefragt, ob irgendjemand mir zu einer Audienz verhelfen kann – wo ich doch eh diesmal in dieser Ecke unterwegs war. Reaktionen gab es erstmal nicht und ganz ehrlich, ich hab auch nicht geglaubt, dass es klappen würde.

Umso überraschter war ich, als ich auf dem Rückweg von Kalsindur zur Distrikt-Hauptstadt Mymensingh einen Anruf bekam, von Mrinal, dem Mann, der uns bei der Organisation in dieser Ecke von Bangladesch geholfen hat. Er war hörbar aufgeregt, plapperte aber so schnell, dass ich den Hörer mit einem großen Fragezeichen im Gesicht an Gopal weiterreichen musste. Mrinal hat sich tausendmal entschuldigt – die Audienz beim Kardinal habe nicht geklappt, der sei gerade im Ausland. Aber er könne mich mit einem anderen Christen zusammenbringen, der schon sehr lange in Bangladesch lebe. Meine Mundwinkel zucken….Das ist so typisch für Bangladeshi: Von kleinen Rückschlägen oder Unwegbarkeiten lassen sie sich noch lange nicht vom eigentlichen Ziel abbringen. Und bei Bedarf wird halt das Ziel ein bisschen zurechtgebogen 😉

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Wir sind leider etwas verspätet zu unserer Verabredung gekommen und auch ziemlich unvorbereitet. Ich weiß nur, dass ich einen Bruder einer christlichen Gruppe sprechen werde, mehr nicht. Mrinal führt uns durch ein grünes Eisentor, direkt auf ein kleines Haus mit grünen Fenster- und Türläden zu. Das sei die Kirche. Die verschiedensten Menschen strömen heraus, manche mit chinesischem Aussehen, ein rothaariger Wuschelkopf, bengalische Frauen… etwa 25 Menschen schätz ich. Der Gottesdienst ist offenbar gerade vorbei, was ich sehr bedauere. Zu gern hätt ich in der christlichen Diaspora miterlebt, wie der Glauben hier zelebriert wird. Aber Zeit zum Ärgern hab ich nicht, denn schon kommt ein schlanker Mann auf mich zu und streckt uns schon von weitem die Hände entgegen. „I am brother Guillaume“, sagt er, dann zu Gopal gewandt: „Ami brother Guillaume“ und wieder zu mir: „oder sollen wir besser in deutsch uns unterhalten?“ Ich bin platt. Aus mehreren Gründen. Wie kann ein einzelner Mann nur mit einer Geste so viel Wärme und Herzlichkeit transportieren? Und dann switcht er noch mühelos zwischen mehreren Sprachen. Denn während er uns sanft den Weg neben der Kirche lang lotst, kommen immer wieder Leute auf ihn zu mit denen er in den verschiedensten Sprachen redet. Spanisch hör ich raus, bengalisch, niederländisch, dann irgendwas unverständliches asiatisches. Wir werden jetzt alle gemeinsam essen, erklärt Bruder Guillaume und führt und zu einer Art Pavillion: Betonboden mit Überdachung.

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Auf dem Boden bilden kleine Tischsets ein Rechteck, vor denen jeweils ein Teller und ein Glas steht. Nach dem Händewaschen setzt sich jeder Gast auf eines dieser Sets, Plastikkannen mit Wasser werden im Kreis gereicht, eine große Schüssel mit Reis auf einem Rollbrett kommt hinterher und danach noch eine Schüssel mit Dhal (Linsensuppe). Bruder Guillaume bugsiert mich auf den Platz neben ihm und erklärt, dass sich hier immer eine bunte Mischung von Menschen aus aller Welt treffe. Das sei besser als jede Zeitung, sagt er und zwinkert mir zu. Dann begrüßt er alle auf bangla und englisch und beginnt eine Art Vorstellungsrunde. Offenbar hat er sich jeden einzelnen Namen gemerkt, auch wenn manche ziemlich schwierig auszusprechen sind. Und er hat auch zu jedem Gast ein paar erklärende Worte, wo sie herkommen, warum sie gekommen sind und so. Besonders beeindruckt er mich, als er Gopal vorstellt. Ich hatte ihn nur als meinen Reise-Begleiter vorgestellt. Bruder Guillaume aber legt seine Handflächen in Hindu-Manier aneinander, als er Gopal vorstellt und verneigt sich leicht in seine Richtung. Keine Ahnung woher er weiß, dass Gopal Hindu ist. Eine Art Pfadfinder-Feeling stellt sich bei mir ein… ein Gefühl von Gemeinschaft, von beiläufiger Herzlichkeit und als ob wir uns alle schon lange kennen würden. Dann wird gegessen.

Mir fällt auf, dass keiner sich nachnimmt, obwohl noch genug da wäre. Um mich herum höre ich leise Gespräche, der rothaarige Wuschelkopf lächelt mich an, er sei von der Insel, sagt er. Irland?, frage ich. Nein, Schottland, meint er und schüttelt sich vor Lachen, weil er mein verdutztes Gesicht sieht. Aber er habe irische Vorfahren. Zwei Frauen ihm gegenüber melden sich zu Wort, sie würden gerne etwas singen, allerdings in ihrer Sprache, koreanisch. Bruder Guillaume nickt aufmunternd und wir hören eine komische Abfolge von Lauten in einem relativ hohen Singsang, der scheinbar keinen Rhythmus hat. Aber Bruder Guillaume singt schon nach kurzer Zeit den Refrain mit – ein Sprachgenie! Dann wird die Tafel aufgehoben, jeder schnappt seinen Teller und das Glas, spült es an der Wasserstelle aus und wäscht sich die Hände.

brother

„Wir können jetzt das Interview machen“, sagt Bruder Guillaume und bringt mich in eines der kleinen weißen Häuser, die eine Art Ring um die Kirche bilden. Es ist unglaublich grün hier, kleine Papageien sitzen in den Büschen, die manchmal kaum von den knalligen Blüten zu unterscheiden sind. Wir setzten uns an einen großen alten Tisch. Bestimmt noch aus der Kolonialzeit, schiesst mir durch den Kopf. Dann krieg ich einen Tee serviert und es beginnt einer der intensivsten Stunden, die ich je hatte.

brother Guillaume (2)

Bruder Guillaume lebt seit 1975 in Bangladesch, also quasi fast von Anfang an (Bangladesch wurde 1971 unabhängig von Pakistan). Er ist also der ideale Ansprechpartner für die Frage: Hat sich seither das Leben der Christen in diesem Land verändert? Er wackelt leicht mit dem Kopf, bevor er antwortet und ich muss innerlich grinsen, denn das ist genau die Gestik, die Bangladeshi anwenden, wenn sie eine eindeutige Antwort umgehen wollen. Bangladesch sei ein offenes Land, sagt er dann, man könne hier gut leben, auch als Christ. Allerdings sei Bangladesch auch ein Teil der internationalen Bewegung, die sich weltweit breit mache, weshalb es mittlerweile auch Terror hier gebe. Aber das sei ein importierter Fanatismus, den die meisten Bangladeshi nicht akzeptieren. Deshalb denke er, es sei wahrscheinlicher bei einem Busunfall ums Leben zu kommen als durch Terroristen.

Bruder Guillaume selbst versteht sich als Christ, aber nicht als katholischer oder protestantischer, er gehört der Gemeinschaft von Taizé an, das ist der erste ökomenischer Männerorden weltweit, der vor allem durch seine großen jährlichen Jugendtreffen bekannt ist.

taizé

Trotzdem will ich wissen, ob die Kardinals-Ernennung sich irgendwie auf die Christen in Bangladesch auswirkt. Tut es tatsächlich, meint er. Nicht nur, weil sich die Christen im Land dadurch anerkannt und ermutigt fühlen. Sondern auch weil Hierarchien in Bangladesch so unglaublich wichtig sind und diese Ernennung der christlichen Minderheit mehr Autorität verleiht. Das merke man direkt, bei Verhandlungen mit Behörden, Landstreitigkeiten…überall. Das sei übrigens auch ein Grund, warum die katholische Kirche in Bangladesch ein besseres Standing habe als zum Beispiel die protestantische oder baptistische. Die hatten und haben wunderbare Missionare, die sehr unternehmungslustig und mitreißend arbeiten. Dadurch haben sich diese christlichen Kirchen zwar sehr schnell und in sehr vielen Gruppen im Land ausgebreitet. Aber gerade weil Protestanten und Baptisten eher demokratische Strukturen haben, sei das hier ein Nachteil: Die Missionare würden nämlich wieder abgezogen werden oder ausgetauscht, sobald eine Gemeinde gegründet wurde. Und dadurch zerbröseln diese Gemeinden auch oft schnell wieder. Die Katholiken dagegen seien zwar viel langsamer in der Missionsarbeit, aber sie installieren sofort Priester, Gemeindearbeiter und Katechisten. Faktisch sei das also effektiver.

Es macht Spaß, diesem Mann zuzuhören. Nicht nur, weil seine Analysen und Überlegungen interessant und zum Teil neu für mich sind. Sondern auch, weil die Art wie er spricht so…erfrischend ist. Bruder Guillaume ist nämlich gebürtiger Niederländer, beherrscht aber mindestens acht Sprachen fließend. Wir sprechen zwar in deutsch miteinander, aber immer wieder schmuggelt sich ein englischer, schwedischer oder spanischer Begriff in seine Worte. Zum Glück zeichne ich dieses Gespräch auf, denn ich selbst bleib immer wieder an diesen kleinen anderssprachigen Worten hängen und versuch die Sprache einzuordnen. Außerdem überlege ich dauernd, warum die Art wie er spricht so…lustig-liebenswürdig wirkt. Möglicherweise weil er Vieles mit einem leicht gespitzten Mund artikuliert. Auf jeden Fall aber auch, weil einem aus seinen Augen der Schalk entgegenhüpft – selbst wenn er über erste Dinge spricht, strahlt er eine unglaubliche Lebensfreude und Leichtigkeit aus.

Uff, Konzentration! Wir waren bei den effektiven Katholiken…sollten die anderen Religionsgruppen also sich die Strukturen der Katholiken zum Vorbild nehmen? – wieder wackelt er mit dem Kopf. Die katholische Kirche sei in Bangladesch zur Zeit viel größer als die protestantische Kirche, weil deren Organisation viel besser zu den Strukturen und Hierarchien im Land passe. Eine demokratische Kirche bedeutet, es wird gewählt, man arbeitet mit Stimmen und in Bangladesch sei das gleichbedeutend mit Korruption – immerhin sei die Kirche immer auch ein bisschen ein Abbild des jeweiligen Landes. So kann es passieren, dass durch so eine Wahl jemand an die Macht kommt, der alles tut, um diese Stellung zu bekommen und diese dann auch ausnutzt. Anderseits gäbe es bei den Katholiken auch Leute, die bleiben 20, 30 Jahre im Land und selbst wenn es sehr gute Leute sind, dadurch sei die Gefahr von Korruption groß.

Papst Franziskus in Bangladesch

Wieder grinse ich innerlich – offenbar hält Bruder Guillaume generell nicht viel von kirchlichen Strukturen und Hierarchien. Ich frage vorsichtig, ob ich damit richtig liege. Diesmal wackelt er nicht mit dem Kopf. In Bangladesch respektieren die Menschen andere Religionen und zwar jede, man muss sich da nicht viel anpassen, sagt er, und er denke, die Leute lieben und bewundern es einfach, wenn man eine wirkliche Überzeugung hat und danach lebt. In seine Gemeinde würden sogar Leute von den Matrasas kommen, von den Koran-Schulen und man muss nur vorsichtig sein, nicht gegen den Islam zu sprechen. Christen beeindrucken deshalb vor allem durch ihr Leben, wie sie sich anderen gegenüber präsentieren und mit ihnen umgehen. Die Institution der jeweiligen Kirche sei da nicht so wichtig. Der Zusammenhalt innerhalb einer Glaubensgemeinschaft dagegen schon. Er beobachte zum Beispiel, dass die Hindus in Bangladesch einen viel schwereren Stand haben, als Christen. Sie seien zwar zahlenmäßig viel mehr als die Christen, aber gleichzeitig auch viel schwächer. Es gäbe sehr viele intellektuelle Hindus, auch reiche Hindus, aber sie sind sehr verteilt im Land und sie verteidigen immer nur ihre eigene Familie gegen Anfeindungen, vielleicht noch ihre Kaste. Wenn zum Beispiel ein Muslim behauptet, das Land oder das Haus eines Hindus gehöre rechtlich ihm, dann kämpft der Hindu allein gegen diese willkürliche Behauptung. Vielleicht kommt der Fall sogar mal in die Zeitung, weil ein Journalist dort das Unrecht anprangert, aber der Muslim muss nur abwarten, Gerichtsprozesse nur lange genug aussitzen, irgendwann wird der Hindu aufgeben und sein Land oder Haus verlieren. Denn seine Nachbarn, Freunde, selbst Verwandten machen nichts, die haben Angst. Wenn sie dagegen füreinander einstehen würen, könnten sie viel stärker sein. Aber das tun sie nicht – viele wandern sogar nach Indien aus.

Bruder Guillaume ist etwas lauter geworden. Dieses Thema, diese Ungerechtigkeit, scheint ihm am Herzen zu liegen. Und er sagt in seinem drolligen deutsch: „Ich liebe das nicht, ich hätte viel lieber, dass sie kämpfen, dass sie sagen, wir werden nicht nach Indien gehen, das ist auch unser Land und wir werden hier leben!“ Die Gerechtigkeit vor Gericht sei hier schrecklich, meint er, nur das Geld regiere. Alles sei leider unglaublich korrupt. Und das werde sich nicht ändern, weil jeder denkt, dass er nichts ändern kann. Dabei bräuchte es nur eine kleine Minderheit von zehn Personen, eine abrahamitische Minderheit, die die Welt verändern könne. „Aber wenn es nicht zehn gibt sondern nur ein oder zwei, dann kann man vielleicht nichts verändern. Aber wenn nur zehn Menschen anfangen: wir zahlen nicht… wir bleiben, aber wir zahlen nicht, dann werden es bald hundert sein und dann tausend und dann zehntausend, aber das gibt es nicht in Bangladesch.“

brother Guillaume (1)

Ich bin beeindruckt. Dieser schmächtige Mann mir gegenüber, dieser warmherzige, offene Mensch, entwickelt bei diesen Worten so eine Kraft, wirkt so überzeugend, dass in mir kurz das Kopfkino einsetzt: Bruder Guillaume wie er inmitten von Hindus vor einem Haus eine Menschenkette bildet, ein gigantisches sit-in, gegen dass die anrückende Polizei keine Chance hat…

Aber wahrscheinlich würde er das selbst nie tun, sich als Anführer inszenieren mein ich. Mein Eindruck ist vielmehr: Dieser Mann arbeitet mit anderen Methoden – mit Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und offenen Armen für Jedermann.

 

 

 

 

 

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