Kicken gegen Vorurteile

Eigentlich bin ich kein großer Fußball-Fan. Aber trotzdem hab ich die weite Reise ganz in den Norden von Bangladesch gemacht, um Fußballspieler zu treffen. Genauer gesagt Spielerinnen. Jugendliche Spielerinnen. Denn diese Mädels haben enorm viel bewegt in Bangladesch.

Ich bin diesmal auch mit einem Fotografen unterwegs, ein Freund, der schon einmal Bilder für einen Magazinbeitrag für mich gemacht hat. Und natürlich mit meinem bewährten Reisegefährten, der Freund, Organisator und Dolmetscher in einem ist.

Zuerst geht es an die Schule in Kalsindur, das ist ein ganz kleiner Ort, den auch in Bangladesch lange Zeit kaum einer kannte. Mittlerweile kennen ihn aber die meisten und auch das liegt an den Fußballmädels… Wir sind auch diesmal wieder mit Motorrädern unterwegs, Busse fahren in diese entlegenen Dörfer nicht und für Autos sind die Wege oft zu schlecht. Apropos schlecht, das hier ist das Fußballfeld vor der Schule! Es wird außerdem – wie man ja sieht – von Kühen, Ziegen und für den örtlichen Markt genutzt.

In der Schule werden wir schon erwartet, von einigen Lehrern und Honoratioren des Ortes. Die Bangladeshi lieben einfach das Repräsentieren, scheint mir. Alles wird hier gleich zum Staatsakt. Na, jedenfalls bekomme ich hier die ‚Legende‘ der fußballspielenden Mädchen erzählt – allerdings in einer Variante, die mir völlig neu ist: Laut den Schul-Muftis wollte die Regierung von Bangladesch – „Allah schütze unsere weise Premierministerin Sheikh Hasina“ – das Selbstbewusstsein von jungen Mädchen stärken und habe deshalb eine Intitiative ins Leben gerufen: An den Schulen im Land sollte Fußballspielen für Mädchen angeboten werden. Weil aber nicht alle Gemeinden so fortschrittlich und mutig seien, habe es das Fußball-Angebot erst nur in Kalsindur gegeben.

Ich hatte die Story übrigens ganz anders gehört und habe meine Variante mittlerweile auch verifiziert, indem ich lokale Journalisten, einen Mittelsmann in der Distrikt-Hauptstadt und den Vater eines Fußballmädchens gefragt habe. Offenbar ist das Mädchen-Team durch Trotz entstanden: In einem muslimischen Land wie Bangladesch ist es nämlich für Mädchen eigentlich verboten, Sport zu treiben und in einem Trikot rumzulaufen, geht schon gleich gar nicht. An der Schule in Kalsindur gab es aber durchaus eine Fußballmannschaft für Jungs. Allerdings war der Trainer alles andere als zufrieden mit der Disziplin und dem Einsatz dieser Jungen und war irgendwann so sauer, dass er schrie: „Das können ja die Mädchen noch besser!“ Großes Gelächter bei den Jungs – was den Trainer natürlich erst recht in Rage brachte. Und aus Trotz verdonnerte er gleichaltrige Mädchen zum Kicken. Klar, dass die Mädels zu Hause davon erzählten und die meisten Eltern waren ’not amused‘ über diesen Lehrer, der die muslimischen Sitten so mit Füßen trat. Sie verboten ihren Töchtern einfach, Fußball zu spielen.  Der Lehrer aber ließ nicht locker, ging von Haustür zu Haustür und setzte seine ganze Überzeugungskraft ein. Bis er tatsächlich einige Mädchen für eine Mannschaft zusammen hatte. Es waren Mädchen aus den Slums von Kalsindur, die ärmsten der Armen. Aber das war egal. Die Mädchen trainierten täglich und hatten bald einen Riesenspaß an diesem Sport. Und vor allem: Sie waren richtig gut!

Spiel (25)

Ich treffe mich erst mit Sajeda, einer 14jährigen Fußball-Verrückten – wenigstens stellt sich sich selbst breit grinsend so vor. Ich bin positiv überrascht von diesem Mädchen, denn normalerweise sind vor allem weibliche Tennies in Bangladesch sehr schüchtern, kriegen fast den Mund nicht auf. Für Sajeda scheint es aber ganz selbstverständlich zu sein, dass da Menschen von weit her zum Interview kommen – oder sie wurde einfach gut gebrieft. Wir setzen uns im Halbkreis auf den Platz vor der Wellblechhütte. Aber dann steh ich nochmal auf, geh zu dem Pulk an Honoratioren und Familienangehörigen, die sich auch hier versammelt haben und erkläre höflich, aber mit Autorität, dass wir jetzt Ruhe bräuchten, sowohl für die Interviews als auch für die Fotos. Erstauntes aber doch bereitwilliges Murmeln. Anweisungen von einer Frau gehen nur, wenn die mit der nötigen Chuzpe auftritt, soviel weiß ich schon.

Ich merke, dass Sajeda immer wieder an ihrer pinkfarbenen Trainingsjacke rumzippelt. „Chicer Dress“, sage ich. Und da platzt auch der letzte Rest Zurückhaltung wie eine Seifenblase. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, dass sie darauf auch unglaublich stolz ist, immerhin war es immer ihr Traum, zu dieser Schul-Mannschaft zu gehören und diese einheitlichen Trikots hätte das Team relativ neu gesponsert bekommen. Sogar ihr Name stehe drauf….sie stockt, wird etwas rot, und schiebt dann schnell ein: „Berühmt sein ist mir nicht so wichtig, aber eine gute Spielerin zu sein, schon.“

Es macht Spaß mit Sajeda zu reden, sie erzählt anschaulich, dass sie schon immer ein ziemlich gutes Ballgefühl hatte – naja, BALLgefühl passt nicht ganz, denn sie hatte ja in ihrer Kindheit keinen Ball, dafür waren ihre Eltern viel zu arm. Statt dessen hat sie mit unreifen Limetten, Mangos oder mit allem, was irgendwie die Form eines Balls hatte gespielt. Offenbar ein gutes Training, denn als sie später für das Fotoshooting in ihrem normalen Alltagskleid ihre Ballkünste vorführt, bin ich platt: Der Ball scheint wie an einem Gummiband mit Sajedas Fuß verbunden zu sein – er umkreist ihren Knöchel, wechselt zur Spitze, zur Hacke, fliegt, landet auf dem Spann und bleibt da ruhig liegen. Es sieht so spielerisch aus, aber die 14Jährige ist hochkonzentriert, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lacht: „Ich bin Stürmerin. Und in der Ballkontrolle bin ich richtig gut.“

Seit sie im Fußball-Team der Schule sei, trainiere sie täglich anderthalb Stunden. Mir rutscht die Augenbrauen hoch – anderthalb Stunden? Zusätzlich zur Schule? Sie nickt herausfordernd. Leicht sei das nicht, gibt sie zu. „Ich steh halt sehr früh auf, putz die Zähne und helf meiner Mutter beim Kochen. Dann geht’s zum Fluss, schwimmen, waschen und ab zur Schule. Und um drei ist dann Training. Das verpass ich nie! Sobald ich daheim bin, helf ich wieder im Haushalt und mach die Hausaufgaben.“

Klar, am Anfang hätten die Nachbarn getuschelt, manche hätten gesagt, das schicke sich nicht für Mädchen, das sei gegen die religiösen Gesetze. Sie sei liederlich, sich so anzuziehen….Sajeda wischt diese imaginären Stimmen mit einer Handbewegung weg. Da hatte das Team ja längst schon Erfolge im Ausland, deshalb hörte das böse Gerede bald auf. Und kaum hat sie das Thema Ausland angesprochen, rutscht und wippt Sajeda wieder auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sei schon in Indien und Tadschikistan gewesen, „das war toll, vor allem die Spielfelder dort – Waaaahnsinn!“ Ich grinse und erinnere mich an das riesige Feld vor der Schule, voller Sandlöcher, Abfall und Kuhdung.

Es habe sich so viel verändert durch das Mädchen-Fußballteam, sagt Sajeda. Sie hätten jetzt richtige Mannschaftstrikots. Und eigentlich profitiere der ganze Ort vom Erfolg der Kickerinnen, immerhin gäbe es jetzt in jedem Haus Strom. „Früher konnten wir nur im Haus der Lehrerin Fußball gucken. Jetzt kann ich das zusammen mit Freunden und Nachbarn machen, auch wenn wir nicht alle Kabel- oder Satelliten-Fernsehen haben.“

Dann geht’s ans Fotoshooting. Ich bitte das Mädchen, das Trikot aus und ihre Alltagsklamotten anzuziehen. Wir wollen ja auch ihren Alltag, ihr Leben in der Familie ablichten. Ihre Augen weiten sich ganz kurz, „wie ohne Trainingsanzug?“ – aber sie hat diese kleine Irritation schnell überwunden als ich ihr erkläre, dass die Menschen in Deutschland ja nicht wüssten, wie der Alltag einer 14Jährigen in Bangladesch aussehe, und dass wir das auch gerne zeigen würden.  Aber vorher, sagt sie, müsse sie uns noch ihre Medallien zeigen…

Und dann post sie für uns: Beim Kochen, Waschen, mit ihren Freundinnen, mit der Familie – Sajeda ist ganz bei der Sache, hat keinerlei Scheu. Sie scheint ganz bei sich zu sein, sich selbst bewusst und zufrieden. Und sie plappert ganz vergnügt mit meinem Fotografen, verrät ihm sogar, dass sie in der letzten Saison Torschützenkönigin war und überhaupt: Das Mädchenteam sei weit besser als die Fußball-Jungs….

Wir verabschieden uns von Sajeda, werden sie aber beim Training am Nachmittag wieder treffen.

JPS16468

Und beim Wegfahren merke ich, wie froh mich diese Begegnung gemacht hat: Ich habe schon viele Mädchen aus sehr armen Familien gesehen, die meisten waren verhuscht, trauten sich kaum, mir in die Augen zu sehen und zuckten bei schnellen Bewegungen auch schon mal ängstlich zusammen. Was für ein Kontrast zu diesem offenen und unkomplizierten Mädchen!

Fortsetzung folgt

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