No place, no freedom

Es passieren manchmal ungewöhnliche Sachen, wenn man ein großes, internationales Netzwerk hat:

Vor kurzem erhielt ich eine Nachricht auf Facebook von einer mir unbekannten Person – An sich nichts Ungewöhnliches, es gibt ja ziemlich viele Menschen, die einfach mal einen ‚friend request‘ abschicken, auch wenn sie dich gar nicht kennen. Aber diesmal war es anders, denn die Nachricht kam von einem ziemlich verzweifelten Menschen in Bangladesch.

Wie ich schnell erfahren habe, ist der Absender ein Transgender, also jemand, der sich im falschen Körper, dem falschen Geschlecht zugeordnet fühlt.  Deshalb und weil ich den Namen der betroffenen Personen nicht nennen soll, nenn ich sie hier Nipu – ein bengalischer Name, den man für Männer und Frauen passt.

Nipu weiß offenbar schon lange, dass er eigentlich ein Mann ist, den es leider fälschlicherweise in einen Frauenkörper verschlagen hat. Gerade diese Transgender-Variante ist in Bangladesch aber besonders heikel. Denn es gibt dort zwar einige Hijra, die in einem Männerkörper geboren aber eigentlich Frauen sind (siehe Blog-Artikel vom 19.1.2015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/01/19/the-third-gender/ ), aber die umgekehrte Verkörperung scheint sich seltener an die Öffentlichkeit zu trauen.

Nipu jedenfalls hat sich getraut und sogar eine Arbeit gefunden, bei der er ganz er selbst sein konnte: Nämlich bei einer Hilfsorganisation, die sich für sexuelle Minderheiten einsetzt.

Aber dann ist 2013 etwas passiert, dass die bengalische Gesellschaft – oder jedenfalls die betroffenen Familien – nicht akzeptieren kann: Nipu hat sich verliebt! In eine FRAU!

BD hands

Seine Liebe – ich nenne sie hier Simu – kannte Nipu schon lange, ihre Familien waren befreundet. Und die beiden wurden vor vier Jahren ein Liebespaar. Lange Zeit schöpfte niemand Verdacht, bis Simus Mutter eines Abends ein Telefongespräch der beiden belauschte. Keine Ahnung, was die beiden am Telefon gesprochen haben…aber kombiniert mit dem ‚männlichen Auftreten‘ von Nipu hat sich die Mutter alles zusammengereimt. Und war entsetzt! Für sie war diese Liebe ‚abnormal‘, gegen die religiösen Gebote und das Gesetz.

Simu bekam ihr Entsetzen auch gleich zu spüren – durch heftige Schläge. Außerdem durfte sie das Haus nicht mehr alleine verlassen.  Und Nipu samt seiner Familie musste sich wüste Beschimpfungen und Drohungen gefallen lassen. Nipus Familie gab sich übrigens überrascht, aber die ‚Beweise‘ – also die Nachrichten auf den Telefonen – waren eindeutig.

text tippen auf handy

Nach einigen Monaten normalisierte sich das Leben aber wieder. Nipu und Simu trafen sich wieder, heimlich. Aber obwohl er geschworen hatten, die Liebenden zu decken, verriet Simus jüngerer Bruder die Beiden an die Eltern. Die stürmten sofort in Nipus Elternhaus, bedrohten und beleidigten alle Familienmitglieder und forderten Nipu auf, Dhaka zu verlassen, ansonsten würden sie ihn umbringen. Wie ernst es Ihnen war, hat Nipu bald schmerzhaft erfahren: Als er abends mit Freunden am Fluß saß, kam Simus Bruder mit einer ganzen Gruppe und griff Nipu an. Sie schlugen ihn, packten ihn am Kragen und riefen: „Du siehst zwar wie ein Mann aus, aber du bist eine verdammte Frau“ und dann grapschte einer der Angreifer Nipu an die Brust, um den handfesten Beweis zu haben.  Nipu fühlte sich zerschunden, beschmutzt und schrecklich gedemütigt.

Simu ging es auch nicht besser: Sie wurde abwechselnd von ihrer Mutter, ihrem Vater und sogar vom jüngeren Bruder geschlagen. Ihr Vater warf ein Holzwerkzeug nach ihr, das sie übel verletzte. Das schlimmste aber war für sie, dass alle Familienmitglieder sie anspuckten.

Simu studiert an einer Mastermind-Schule, also einer Schule für Hochbegabte, aber mit all den blauen Flecken und Wunden, konnte sie natürlich nicht dort auftauchen. Die Mutter entschuldigte sie bei der Schule: Sie habe hohes Fieber und könne deshalb nicht zum Unterricht kommen.

Ein paar Wochen später schaffte es Simu, abzuhauen. Sie kam zu Nipus Arbeitsstelle, einer Hilfsorganisation für sexuelle Minderheiten. Die beiden suchten dort Hilfe. Ihr ‚Fall‘ wurde protokolliert, unzählige Formulare ausgefüllt und dann wurde ihnen eröffnet, dass sie sich eigentlich nur für die Rechte von Trans-Frauen einsetzen (also Männer, die sich als Frau fühlen).

Zu der Enttäuschung bekam Nipu noch einen Anruf. Seine Mutter erzählte, dass  ihr Haus auf dem Land umzingelt sei.  Simus Onkel, ein hohes Tier in der Regierungspartei und gleichzeitig  korrupt, habe ihr gedroht, wenn Nipu Simu nicht sofort wieder ihrer Familie aushändige, dann würde er seinen Vater öffentlich angreifen und zwei seiner Neffen kidnappen.

Die beiden Verliebten waren hilflos….Also gaben sie klein bei. Simu wurde von einer Tante abgeholt, dann zu ihrer Oma gebracht und in deren Haus monatelang eingesperrt. Keinerlei Kontakt zur Außenwelt! Sie bat verzweifelt darum, dass sie wenigstens ihre Ausbildung abschließen dürfe, aber es half nichts. Im Gegenteil, sie wurde zu einem Psychiater gebracht.

Nipu fügte sich ebenfalls und verließ die Hauptstadt Dhaka. Er war sicher, dass er sonst – wie angedroht – umgebracht worden wäre. Und tatsächlich hat er später erfahren, dass Simus Familie schon Kontakt zu einem Profikiller hatten, der für 1.000.000 Taka zu haben war (das sind umgerechnet etwa 11.000 Euro).

Seit Dezember 2015 lebt Nipu jetzt auf dem Land, ohne Job und auch fast ohne Kontakt zu seiner eigenen Familie, die nichts mehr von ihm wissen will. Ab und zu hat er Bewerbungsgespräche, es wurden ihm auch schon Jobs angeboten – aber immer mit der Auflage, dass er sich ’normal‘, also wie eine Frau kleiden müsse. Das kommt für ihn aber nicht in Frage, er mag und kann sich nicht mehr selbst verleugnen. Gleichzeitig sagt er von sich selbst, dass er depressiv geworden sei, dass er nicht mehr ohne Schlaftabletten einschlafen kann und in Bangladesch keine Zukunft mehr habe.

Simu lebt seit Anfang des Jahres wieder in Dhaka, studiert auch wieder, aber immer noch unter ständiger Bewachung. Sie hat kein eigenes Handy, ihr Facebook-Account wird kontrolliert, aber ab und zu kann sie mit dem Handy einer Freundin Kontakt zu Nipu aufnehmen.

Sie gehen beide ein hohes Risiko ein, wenn sie sich trotz allem treffen. Aber manchmal tun sie es doch. Und ganz im Geheimen, mit der Hilfe von wahren Freunden, haben sie am 12. Februar 2017 geheiratet.

Transgender-Paar verfremdet

Soweit die Geschichte dieses Paares.

Wahrscheinlich könnt Ihr verstehen, dass ich den beiden gerne helfen will. Mittlerweile hab ich Kontakt zu Amnesty International aufgenommen, zu verschiedenen Aktivisten, zu Gender-Gruppen und zwar in Deutschland und Bangladesch. Wir sind erstmal auf der Suche nach einem Land, in dem Homosexuelle oder Transgender offen und ohne Angst leben und arbeiten können. Nipu hat einen Master in Wirtschaftswissenschaften, Simu träumt davon, ihr Englisch- und Literatur-Studium abzuschließen und an einer Uni arbeiten zu können. Und beide hätten auch gerne irgendwann ein Kind…

Ganz normale Träume eben. Und ich hoffe, dass sie irgendwann wahr werden!

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