Impressions from the road

Wer in Bangladesch von einem Ort zum anderen kommen will, braucht vor allem eins: Zeit.

Denn in den Städten verstopfen Autos, Rikschas, Busse und Fußgänger die Straßen und außerhalb der Orte sind die Straßen oft so schlecht, dass es auch nur langsam vorwärts geht. Und genau das finde ich mittlerweile so unglaublich schön! Dadurch findet man nämlich die Muse, auf all die kleinen Szenen zu achten, denen man am Wegesrand begegnet. Es ergeben sich auch manchmal unvorhergesehene Begegnungen oder einfach nur wunderschöne Eindrücke, die einen noch lange begleiten.

Heute möchte ich ein paar dieser Impressionen mit Euch teilen. Weniger mit Worten als vielmehr mit Bildern…

Das satte Grün von Reisfeldern ist in Bangladesch allgegenwärtig. Selbst dann, wenn die Felder gerade erst bepflanzt werden, wie bei der letzten Reise im bengalischen Winter. Auf dem letzten Bild seht ihr im oberen Drittel übrigens die angesäten Reispflanzen, die dann von Hand  ausgegraben, vereinzelt und wieder eingepflanzt werden – dazu bücken sich die Männer tief, ein Reispflänzchen aus dem Büschel von links wandert in die rechte Hand, dann in den Matsch, das geht ziemlich schnell, fast schon rhythmisch. Auf mich wirkt das irgendwie harmonisch, für die Männer ist das aber wahrscheinlich ein Knochenjob.

Leider hab ich nicht von allen Szenen Bilder, die mir im Vorbeifahren aufgefallen sind: die von dem kleinen Jungen, der mit einem Stock einen Reifen vor sich hertreibt. Oder die Mutter, die mit ihrem Kind schimpft und es dann ziemlich rüde am Arm hinter sich herzieht. Oder die Kuh, die seelenruhig mitten auf einem Cricket-Feld grast, während eine Horde Jungs um sie herum Bälle drischt. Und immer wieder, die ‚Kebab-Spieße‘ am Wegesrand – Kuh- und Ziegendung, der getrocknet und dann zum Anfeuern verwendet wird

Die bunten Flecken auf dem abgeernteten Feld sind übrigens Wäsche, die zum Trocknen ausgelegt wurde. Scheint eine bewährte Methode zu sein, sieht man fast genauso oft wie Wäsche auf der Leine

das schwimmende Grün auf dem Bild unten rechts ist übrigens Gemüse, das ich erst mit Seerosen verwechselt habe – schmeckt aber garantiert besser!

Weitere Szenen am Wegesrand: Kinder, die Futter zu den Tieren Zuhause schleppen. Ein Mann lässt sich von einem anderen die ergrauten Haare mit einer schwarzen Paste abdecken, die liebvoll-vorsichtig mit einer Zahnbürste aufgetragen wird. Und das laute Knattern kommt offenbar von dem einzigen High-Tech-Gerät weit und breit, mit dem gerade das Feld gepflügt wird.

Auf den Landstraßen ist zwar immer etwas Verkehr, auch hier wird eifrig gehupt, aber es geht eigentlich ganz gemächlich zu. Rasen lassen die Schlaglöcher in den Straßen eh nicht zu…

In den kleine Ortschaften, durch die wir kommen dagegen, geht es schon lebhafter zu. Normale Autos gibt es eher selten hier, dafür aber Lastwagen, Busse, Radfahrer, einen Traktor und eine Art Pritschen-Rikscha. Nach meiner Theorie lässt sich die Bedeutung und Größe einer Ortschaft daran ablesen, ob die Spuren der Hauptstraße von einander getrennt sind, also ob zwischen ihnen diese hässlichen mobilen Beton-Mäuerchen aufgestellt sind. Oder auch am Aufgebot der Verkehrspolizisten. Nach meinem Eindruck haben die eine ganz spezielle Ausbildung genossen. Nicht in Verkehrsführung, oh nein. Sondern in einem Fitness-Studio. Denn sobald ein Vehikel nicht so steht oder fährt, wie es die Verkehrspolizisten wünschen, knüppeln die völlig entfesselt auf das Fahrzeug und im Zweifel auch auf dessen Fahrer ein.

Egal wo ich hinkomme, ich falle auf. Nicht unangenehm. Noch nie hatte ich das Gefühl, unerwünscht zu sein. Es ist eher Neugier, die mir entgegen gebracht wird. Und vielleicht Erstaunen, dass sich in die manchmal abgelegenen Gegenden überhaupt ein Fremder verirrt.

Entlang der Wege gibt es unzählige kleine Stände: Obst, Gemüse, Suppen, Süßigkeiten, Zigaretten und natürlich das obligatorische Tässchen Tee. Ich liebe diese farbenfrohe Klekse auf den Straßen und werde selbst bei street food immer mutiger – erfahrungsgemäß ist mein Magen auch sehr experimentierfreudig.

Gewundert hat mich, dass es in manchen Dörfern riesige Holzstapel vom Baumstamm bis zum gehobelten Brett gab und sogar Sägemühlen. Obwohl es in den meisten Gegenden nur wenige Bäume und höchstens kleine Wäldchen gibt. Offenbar wird das Holz vor allem von den bewaldeten Hügeln im Südosten hergebracht, den Chittagong Hills.

Ab und zu ist auch eine ‚Großbaustelle‘ am Straßenrand zu sehen, vor allem aber immer wieder die unendlich scheinenden Ziegelfelder. Schneller als man kucken kann, schaufeln die am Boden kauernden Männer den Lehm in eine Form, klopfen sie kurz auf den Boden, drehen die Form und der Rohziegel landet zielsicher neben seinem Vorgänger. Nach und nach entstehen so die kleine grauen Mäuerchen – das sind die trocknenden Lehmziegel. Und in den Brennöfen unter dem großen Kamin werden sie dann zu den typisch roten Ziegeln gebrannt, die man in Bangladesch scheinbar für alles braucht. Für Straßen, Häuser, als Erhöhung bei Hochwasser und als Torersatz auf den wenigen Fußballfeldern.

Auf langen Strecken bin ich übrigens meisten mit den ortsüblichen Überlandbussen unterwegs, ganz selten mit einem gemieteten Auto und auf kürzeren Strecken mit dem CNG, also einer Motorrikscha oder dem Motorrad. Letzteres ist gerade in ländlichen Gegenden oft die einzige Möglichkeit, um überhaupt ans Ziel zu kommen, denn dort werden aus Straßen oft super-schmale Staubpisten. Böse Zungen behaupten ja, ich würde nur deshalb abgelegene Dörfer besuchen wollen, damit ich wieder mal auf einem Motorrad fahren kann…

Immer wieder muss man in Bangladesch Flüsse überqueren, denn die ziehen sich wie Adern durchs ganze Land. Manchmal- vor allem nachts, wenn man weder genau sieht, worauf man das Wasser überwindet, noch wie tief es ist – ist da plötzlich so ein komisches Kribbeln in der Magengrube. Und erst wenn man die Stelle bei der Rückfahrt nochmal überquert, kann man den Schwimm-Schweb-Gleit-Moment richtig genießen.

An dieser Fähr-Anlegestelle hatte ich übrigens eine sehr eindrückliche Begegnung: Wir mussten auf die nächste Überfahrt warten und gönnten uns am Kiosk einen Tee. Mehrere ältere Männer saßen dort herum, schlürften ihr Getränk und waren ansonsten eher einsilbig.  Trotzdem wirkten sie sehr zufrieden. Ob ich fotografieren dürfe? „Aber natürlich!“

Besonders der ältere Mann mit dem weißen Bart hatte es mir angetan, er strahlte irgendwie Ruhe aus…und Offenheit. Ich zeige das Portrait meinem Begleiter: „He has so friendly eyes, hasn’t he?“ – eigentlich dachte ich, das leise gesagt zu haben. Aber der alte Mann mit dem weißen Bart spricht mich plötzlich an: „Please, take a seat“

Es waren nur etwa 15 Minuten, die ich mit diesem Mann gesprochen habe. Aber es waren sehr eindrückliche Minuten. Wir sprachen über meine Reisen, warum ich immer wieder nach Bangladesch zurück komme. Er interessierte sich sehr für meine Eindrücke von seinem Land. Und nickte ganz leicht mit dem Kopf als ich sagte, dass ich nie in Hotels, dafür aber sehr gerne bei Freunden wohne, weil ich so viel mehr Eindrücke über den Alltag und das Miteinander von bangladeshi bekäme. Ja, er hat mich richtig ausgefragt. Und ganz kurz hat bei mir auch mal ein Alarmlämpchen aufgeleuchtet – vorsicht, ich bin ja offiziell nur eine normale Touristin… Aber letztendlich hab ich mich auf mein Gefühl verlassen, war sehr offen zu ihm und teilte meine Eindrücke – auch die negativen. Und als wir an der Reihe waren fürs nächste Übersetzen, stand der alte Mann mit den gütigen Augen auch auf: „My dear lady, you got so deep insights from my country, please write about Bangladesh. Share your impressions!“

I will

 

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