After the big flood – Char Charita Bari

Ich hab hier ja schon mehrmals über ein kleines Dorf im Norden von Bangladesch berichtet: Char Charita Bari heißt es und liegt auf einer Schwemmlandinsel im Distrikt Gaibandha. (siehe: https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/08/08/against-all-odds/ https://yvonnekoch.wordpress.com/2016/09/02/mission-accomplished-this-time/  )

Das komplette Dorf wurde mit Geld aus einer Spendenaktion der Clingenburg Festspiele (Franken) erhöht – konkret heißt das, die Dorfbewohner haben Erde aus dem Fluss und von Anbauflächen abgetragen und händisch auf das Dorfplateau aufgeschichtet. Dann wurde es festgestampft, geebnet und die Hauser samt Solaranlage, Toiletten und Brunnen wieder aufgebaut. Soviel zur Vorgeschichte.

Natürlich war ich neugierig, wie es den Dorfbewohnern jetzt geht, von denen ich zwar wusste, dass sie im vergangenen Jahr trocken geblieben sind, aber nicht, was genau während und nach der Flut passiert ist.

Schon als wir uns mit den Motorrädern dem Dorf nähern, sehe ich eine Veränderung:

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Foto: Yvonne Koch

Über einen Arm des Tista führt jetzt eine Brücke, eine niegelnagelneue. Beim letzten Mal habe uns hier noch Jungs aus dem Dorf mit dem Kahn übergesetzt… Und statt des Trampelpfads zum Dorf, führt jetzt eine lange Rampe auf den zentralen Platz

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Foto: Yvonne Koch

Dort steht ein kleiner Holztisch, mit Tischdecke und Blumenvase, drumherum einige Plastikstühle und alle Dorfbewohner sind hier versammelt. Sie sind sichtlich aufgeregt, besonders die Kinder tuscheln und hippeln herum, als ob gleich was Besonderes passiert. Und das tut es tatsächlich:

Ein junges Mädchen kommt auf mich zu, wahrscheinlich um die zwölf Jahre alt, in der Hand eine Blumenkette. Ganz langsam und feierlich legt sie sie mir um den Hals, dreht sich halb und lächelt in die vielen Kameras und Handylinsen, die jetzt plötzlich alle gleichzeitig losknipsen. Ich bin total gerührt….was für ein Empfang…und erst als dann noch ein kleines Mädchen mit einem lustigen grünen Klämmerchen im kurzen Haar mir noch eine Blumenkette umhängt, hab ich mich wieder einigermaßen unter Kontrolle. Auch Broja Gopal Saha bekommt einen Kranz – und er hat ihn auch wirklich verdient: Denn er vertritt hier die bengalische Hilfsorganisation Centre for Disability in Development (CDD), also die NGO, die die Idee zur Dorferhöhung hatte und sie vor Ort umgesetzt hat.

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Foto: Yvonne Koch

Wieder sind es Frauen, mit denen ich ins Gespräch komme – eine Besonderheit, die mir schon beim letzten Besuch aufgefallen ist. Die Frau in rot heißt Morcina Kathon, verrät sie mir, nicht aber ihr Alter – das solle ich schätzen. Sie hat was Spitzbübisches, ein offenes Lachen….33 schätze ich spontan…und sie fängt an zu kichern. Tatsächlich wisse sie ihr genaues Alter gar nicht, aber wahrscheinlich sei sie so um die 40. Die junge Frau in rosa wirkt deutlich schüchterner. Sie heiße Sabina (gesprochen: Schobina), 23 Jahre alt, sagt sie leise, dann schlägt sie die Augen nieder als ob sie selbst erstaunt ist über den Mut, mit mir zu sprechen.

Soweit ich weiß, war das Dorf zwar das einzige in der Gegend, dass bei der letzten Flut nicht überschwemmt wurde, aber trotzdem war es knapp: Nur etwa 30 Zentimeter trennten die Dorfbewohner vom höchsten Pegel. Ob sie während der Flut Angst gehabt hätten, dass das Wasser doch wieder alles mitreiße, frage ich Morcina. Nein, nie, ist die spontane Antwort. Sie alle seien sicher gewesen, Allah würde es niemals zulassen, dass all die Arbeit, all die Bemühung so vieler Menschen, umsonst gewesen seien. Ich bin platt über so viel Gottvertrauen, aber auch ein bisschen erschreckt. Denn es ist durchaus möglich, dass die nächste oder übernächste Monsunzeit das Wasser noch höher steigen lässt und dann selbst dieses erhöhte Dorf nicht hoch genug ist.

Auf diesen beiden Fotos wird nochmal deutlich, wie hoch das Wasser stand: Der Mann auf dem linken Bild steht au f der Höhe des letzten Pegels (die Füsse links am Bildrand stehen auf der jetztigen Dorfebene) und rechts sieht man, wieviel höher das Dorf jetzt über der Ebene ist. Das verdorrte Gewölle an der Böschung ist übrigens ein spezielles Gras, mit dem die Dorfbewohner das aufgeschüttete Gelände bepflanzt haben. Dieses Gras bildet ein besonders dichtes Wurzelgeflecht und die Dorfbewohner waren überzeugt, dass nur durch diese Bepflanzung die Erde nicht ins Rutschen kommen würde – und diese Idee hat sich bei der letzten Flut tatsächlich bewährt!

Der CDD Repräsentant Gopal verkündet den Dorfbewohnern noch eine gute Nachricht: Ihr Dorf ist zum Model-Projekt geworden. Denn hier wurde nicht nur ein Spendentopf ausgekippt und den Menschen etwas vor die Nase gesetzt, von dem andere denken, es wäre zu ihrem Besten. In Char Charita Bari konnten und mussten die Dorfbewohner aktiv mithelfen. Sie haben selbst die Erde am Fluss ab- und auf das neue Plateau aufgetragen, haben mitentschieden, wie ihr Dorf danach wieder aufgebaut wurde. Zum Beispiel haben sie sich gegen eine Solarpumpe für den Brunnen und eine zentrale Toilettenanlage entschieden und stattdessen lieber Sanitäranlagen für jedes Haus extra gebaut. Und genau dieses Konzept macht jetzt Furore: Sieben andere Dörfer sollen nach dem selben Prinzip erhöht werden – vorausgesetzt die Gelder sind dafür da. Außerdem reisen mittlerweile auch Interessierte aus anderen Distrikten und sogar aus dem Ausland an, um sich das Projekt vor Ort anzuschauen.

Als ich die beiden Frauen frage, welche Tipps sie für diese neuen Projekte hätten, was man noch verbessern könne, ergreift nochmal Morcina das Wort: „Es muss nichts verbessert werden! Uns ging es noch nie so gut, wir haben die Flut ohne jeden Verlust überlebt, wir konnten Anderen Schutz bieten, unsere Nachbarn mit Essen versorgen, haben Reis und Gemüse im Überfluss und all unsere Tiere haben Nachwuchs – Wir sind jetzt reich!“

Wieder hab ich einen Kloß im Hals…Sabina merkt das und bietet an, mich durch das Dorf zu führen.

Ich kriege die Wassertanks gezeigt, in die das Wasser gepumpt wird, dass für die Dusche und das Klo gebraucht wird, die behindertengerechte Wasserstelle und die Solarpanel auf den Dächern, mit denen jetzt jedes Haus drei Lampen betreiben kann – eine im Bad, eine in der Küche und eine im Wohnzimmer.

Und mein Blumenmädchen zieht mich in seine Hütte, weil sie mir zeigen will, dass sie jetzt endlich nach der Schule und der Arbeit, ihre Schulaufgaben machen kann – denn jetzt ist in der Hütte genug Licht.

 

Nochmehr beeindruckt mich aber bei dem Rundgang durchs Dorf, wie ordentlich jetzt alles ist, jedes Tier, jedes Werkzeug hat seinen Platz – als ob die Bewohner diesen Ort besonders pflegen und hegen.

Und dann zeigen mir die Dorfbewohner noch, dass man manchmal mit einem old-school-Gerät beste Qualität erzeugen kann:

Mit dieser Wipp-Vorrichtung brechen die Frauen die Reiskörner aus den Spelzen: Eine tritt  in regelmäßigem Rhythmus auf den kurzen Hebel, dadurch hebt und senkt sich die Wippe im Takt. Und die andere Frau schiebt die Körner immer wieder in die Kuhle. Wobei sie höllisch aufpassen muss, dass ihre Hand nicht dazwischen ist.

Mit den so ‚geschälten‘ Reiskörner verdienen die Familien weit mehr als mit dem von Maschinen bearbeiteten Reis. Es ist mehr Arbeit, aber weil die Männer jetzt im Dorf bleiben können, dort die Landwirtschaft übernehmen, haben die Frauen Zeit für diese Qualitätsarbeit – ein Gewinn für alle.

Übrigens hab ich auch Laily wieder getroffen, die Frau, die ich beim letzten Mal für so eine Art Dorfvorsteherin gehalten habe. Das ist sie nicht. Laily lebt nicht einmal in dem erhöhten Dorf, sondern etwa 150 Meter entfernt. Sie kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, drückt mich fest und hat Tränen in den Augen, als sie mich wieder loslässt. Wir müssten unbedingt auch ihr Haus besuchen, wir dürften nicht ablehnen.

Sie ist sichtbar stolz auf ihr Haus, das deutlich besser ausgestattet ist, als das der Dorfbewohner von Char Charita Bari: Ein mit Schnitzereien verzierter Holzschrank ist das Punkstück hier. Darin reichverziertes Geschirr, kleine Figürchen, Kunstblumen. Dieser Repräsentier-Schrank steht auf Ziegeln, schwebt also quasi über dem Boden. Denn so hoch stand das Wasser bei der letzen Flut. War das nicht hart zu sehen, dass hier das Wasser stand während die Nachbarn nebenan davon verschont waren? Unangenehm war es, ja. Aber neidisch auf die Nachbarn sei sie nicht gewesen. Die hätten ihr ja so viel geholfen, sie konnte ihr Vieh nebenan unterstellen.

Auf dem Rückweg frage ich Gopal, warum Lailys Haus nicht einfach auch mit erhöht wurde. „Du hast vielleicht gesehen, dass sie nicht zu den Ärmsten gehört“, sagt er. „Wir wollen den Bedürftigsten helfen, den Gebrechlichen und Behinderten – alle anderen können das erhöhte Dorf als Vorbild nehmen und ihre Häuser, ihr Land selbst erhöhen. Die Dorfbewohner haben Laily dafür auch Hilfe angeboten“.

Wir können nicht allen helfen – das wird mir wieder mal klar. Aber ich habe den Eindruck, dass man schon viel bewegen kann, wenn man andere Lösungen und Sichtweisen aufzeigt.

 

 

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