Modern slavery

Es war nicht leicht, Frauen zu finden, die mit mir über ihre Arbeit in den Teeplantagen reden wollen. Nicht nur, weil es für die Teepflücker riskant ist, mit der Presse zu reden – sie könnten ihre Arbeit verlieren und damit ihre Existenz -, sie haben in der Regel auch so gut wie keinen Kontakt zu der Welt außerhalb der Teeplantagen. Alleine hätte ich das nie geschafft. Aber wie so oft haben mir liebe Menschen geholfen und das Unmögliche möglich gemacht (dazu mehr in einem Extra-Blog-Artikel).

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Der Grund, warum die Plantagen-Arbeiter so isoliert sind, liegt über 150 Jahre zurück: Die Teearbeiter sind nämlich ursprünglich aus Indien, aus einigen wenigen Regionen dort. In jeder dieser Regionen wurde ein anderer Dialekt gesprochen, gab es andere Traditionen und ethnische Wurzeln. Und genau deshalb haben britische Teeplantagen-Besitzer sich 1853 diese Volksgruppen als Erntehelfer ausgesucht und sie dabei gewaltig übers Ohr gehauen. Sie haben den Orissas, Santals, Mundas und all den anderen ethnischen Gruppen erzählt, dass sie für vier Jahre in einem wundervollen Garten arbeiten dürfen, in dem die Blätter der Bäume aus Gold sind. Klar wollten sie dort arbeiten und haben einen superkrasser buy-out-Vertrag unterschrieben: sie haben sich verpflichtet, ihr Leben auf den Plantagen zu verbringen und auch ihre Kinder dort anzulernen. Mit dem Effekt, dass sie jetzt seit Generationen in den Teeplantagen leben, arbeiten, einkaufen und sterben. Und das weitestgehend isoliert und unbemerkt von den Bangladeshi.

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Wir treffen zwei Frauen, heimlich, in einem Haus in einer der Teeplantagen. Naja, heimlich… die Nachbarn kriegen natürlich was mit, aber wir sind so schnell da und auch gleich im Haus verschwunden, dass sich die neugierigen Blicke in Grenzen halten.

Ich habe eine spezielle Dolmetscherin bei mir, Rupa, eine Frau aus Sylhet, die den örtlichen Slang versteht und auch diese Mischung aus Sylheti und Hindi, die die Arbeiterinnen sprechen.

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Wir sind alle etwas aufgeregt, wie wir da sitzen: Die zwei Arbeiterinnen, neben mir auf dem Sofa, Rupa gegenüber auf dem großen Bett und ihr Sohn Arman im Stuhl daneben. Er unterstützt seine Mutter, springt immer dann ein, wenn ihr das englische Wort nicht einfällt…

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Jenny, die jüngere der beiden Frauen, ist 25 Jahre alt. Ich zucke innerlich leicht zusammen, als sie mir ihr Alter verrät, denn ich sitze direkt neben ihr und ihr Gesicht ist übersät von unzähligen kleinen Falten, die Haut wirkt ausgelaugt. Ihre Augen dagegen schauen mich zwar schüchtern, aber totzdem offen an. Und dann erzählt sie bereitwillig von ihrem Alltag. Sie lebt mit ihren drei Kindern, ihrem Mann, dem Schwiegervater und dem Schwager in einer kleinen Hütte. Während der Tee-Ernte hat sie einen ziemlich straffen und anstrengenden Tagesablauf: Morgens muss sie schon früh raus, für alle kochen, Geschirr spülen, den Haushalt machen und um neun fängt dann die Arbeit in der Plantage an. Die geht bis sechs Uhr abends, nur unterbrochen von einer kleinen Mittagspause. Sie pflückt nur die zartesten Blätter der hüfthohen Teepflanzen ab, darf sie dabei nicht quetschen oder knicken und muss auch ziemlich schnell sein. Denn es gibt zwar kein Tagessoll, dass sie erfüllen muss, aber sie wird nach Menge bezahlt: Pro Korb bekommt sie vier bis fünf Taka und an besonders guten Tagen schafft sie etwa 50 Körbe – also 250 Taka, wenn’s gut läuft…das sind weniger als drei Euro. Es wird meistens schon dunkel, wenn sie mit der Arbeit im tea garden fertig ist, der Rücken tut weh, die Beine sind schwer und Zuhause duscht sie dann erstmal. Füße hochlegen ist allerdings nicht, denn die Kinder und die Männer warten auf das Essen, womöglich muss auch noch Wäsche gewaschen werden…und erst dann darf sie sich ausruhen.

Harte Arbeit, aber sie ist nur begrenzt. Denn die Pflückerinnen können nur an drei Monaten im Jahr arbeiten, die restlichen neun Monate haben sie oft keinerlei Einkommen. Jenny hat Glück, denn sie hilft jetzt im Winter bei der Aufzucht der Pflanzensetzlinge. Trotzdem: Das Einkommen von ihr, ihrem Mann und ihrem Schwiegervater reicht eigentlich nie, um alle sieben Familienmitglieder richtig satt zu kriegen oder mal ein paar neue Schuhe zu kaufen.

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Wir tauschen die Plätze und Sandra Dash sitzt jetzt neben mir, der Name spricht sich übrigens Sondra. Wie alt sie ist, weiß sie nicht genau, wahrscheinlich um die 45, denn sie ist wohl kurz nach der Staatsgründung von Bangladesch auf die Welt gekommen und die war 1971. Den weißen Schleier trägt sie übrigens, weil sie Witwe ist. Offenbar hat sie auch sonst keine direkten Verwandten mehr, obwohl sie fünf Brüder hatte. Auf jeden Fall haben alle ihre Verwandten immer im tea garden gearbeitet, über alle Generationen, solange sie zurückdenken kann. Es gibt zwar manche, die ‚draußen‘ arbeiten, als Tagelöhner auf Baustellen, aber das sind nur die Männer und eben nur außerhalb der Saison. Denn wer im tea garden geboren ist, muss hier auch arbeiten, sagt sie. Sie könnten ja auch nirgends anders hin, sie hätten ja keinen anderen Platz, keine Familie oder Freunde, kein Land und auch kein Geld, um sich ‚draußen‘ eine Wohnung zu mieten.

Wenn Sandra das Hindi-Sylheti-Wort ‚draußen‘ benutzt, kräuselt sie gleichzeitig die Nase. Es sieht aus, als rümpfe sie die Nase über dieses ‚Draußen‘. Ihr selbst ist das offenbar nicht bewusst, denn sie erzählt unbeirrt weiter.

Sie selbst war nie auf einer Schule, sagt Sandra und schlägt die Augen nieder. Aber es gäbe seit ein paar Jahren die primary schools, also Grundschulen in dem tea gardens, die seien für die Arbeiterkinder umsonst. Und danach?, frage ich, gehen die Kinder danach auf staatliche Schulen? Sandra sieht mich etwas seltsam an. Natürlich nicht. Die müssten sie ja bezahlen. Und keine Familie in den tea gardens könne sich das leisten und sie kenne niemand, der je auf eine Schule außerhalb gegangen wäre. Ihre eigenen Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, sind längst verheiratet. Sie waren wie sie selbst, nie auf einer Schule.

Ich merke, dass die beiden Frauen manche meiner Fragen seltsam finden. Zum Beispiel als ich frage, was ihr größter Wunsch war oder ist. Beide wackeln in Bangla-Manier mit den Köpfen, was sowas wie ‚ich weiß nicht‘ heißt. Nach einer kleinen Pause meint Sandra dann, sie habe sich immer eine bessere Zukunft für ihre Kinder gewünscht, aber sie wisse, dass das völlig idiotisch sei. Jenny pflichtet ihr bei. Und schiebt dann schüchtern nach, dass sie in ihrer Jugend immer davon geträumt habe, einen gutsituierten Mann zu finden, der nicht in den Plantagen lebt, ein Leben ohne Sorgen zu haben. In ihrer Jugend….oh Mann, diese Frau ist gerade mal 25 Jahre alt!

Nächste Frage – und wieder verwirrte Blicke – wo kaufen sie ein? Ich hatte nämlich gehört, dass sie die Plantagen nicht verlassen dürfen, sondern alles Nötige in den Läden in den tea gardens kaufen müssen, die natürlich auch den Plantagenbesitzern gehören. Nein, nein, natürlich könnten sie auch außerhalb einkaufen, versichert mir Sandra und Jenny nickt eifrig. Aber als ich nachhake kommt raus, dass das faktisch meistens doch nicht geht. Denn in den tea garden shops bekommen sie kleine Ermässigungen, zum Beispiel vier Körbe Reis für 10 Taka, etwa 12 Cent. Auch das Mehl ist billiger. Und dann gibt es ja noch eine andere Abhängigkeit, die die Arbeiter in den Plantagen hält: Alle tea garden workers sind nämlich Hindus, haben ihre eigene Kultur, Sitten und Gebräuche – und sie dürfen, anders als die Muslime, Alkohol trinken. Und genau das machen sich die Plantagen-Besitzer gern zu Nutzen: In den Plantagen-Shops verkaufen sie Alkohol. Und schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Arbeiter benebeln sich nach der harten Arbeit gerne, versuchen sich so ihre Situation schön zu trinken. Dadurch verlieren sie aber auch jeden Willen, etwas zu ändern. Jeder revolutionäre Gedanke wird so im Alk ertränkt. Außerdem werden und sind viele Arbeiter alkoholabhängig, brauchen den Stoff und tun alles, um ihn zu kriegen.

Onil Dash mischt sich ein, ein drahtiger Mann, der plötzlich am Fenster hängt. Er erzählt, das manche der tea workers auch noch in den Häusern der Bengalen arbeiten müssen, also bei den Aufsehern und Managern der Plantagen. Sie putzen dort, binden den Herren die Schuhe oder leeren den Abfall – unbezahlt. Er sagt es zwar nicht, aber ich denke, das ist eine Auswirkung der Alksucht, der noch größeren Abhängigkeit.

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Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, wo ich anfange, etwas herumzueiern…ich möchte nämlich herausfinden, wie Onil und die beiden Frauen ihr Verhältnis zu den ‚Bossen‘ empfinden (damit sind die Aufseher und Manager gemeint, die richtigen Bosse, also die Besitzer, bekommen die Arbeiter nämlich nie zu sehen). Aber ich will fragen, ohne Worte wie Diskriminierung oder Sklaverei  zu verwenden. Wie sie behandelt werden, frag ich deshalb, ob sie denken, dass die Bosse sie wie Gleichwertige behandeln. Wieder unverständige Blicke. Ja, die Bosse schätzen ihre Arbeit, sagt Jenny. Also wenn sie gut und viel arbeiten. Und ja, sie würden gut behandelt werden, also es gäbe in der Regel keine Schläge mehr.

Ich schaue Rupa an, Rupa schaut mich an. Wir merken, dass wir an diesem Punkt nicht weiterkommen. Die Frauen kennen nichts anderes. Dass die Bosse sie wie Untermenschen behandeln ist für sie normal. Vielleicht auch, weil es im indischen Kastensystem auch diesen festen Platz gegeben hat, in den man geboren wird und den man verdient. Dass sie in den Häusern der Bosse zwar die Drecksarbeit machen dürfen, aber weder das Geschirr noch irgendwelche Wertsachen berühren dürfen, ist eben so…sie sind wie die ‚untouchables‘ – Unberührbare und Unsichtbare. Denn wie die tea worker leben, dass sie eigentlich eine eigene Sprache, Kultur und Identität haben, weiß kaum jemand – auch nicht die Bangladeshi selbst.

 

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