Discoveries in the tea gardens

In Sylhet, dem nordöstlichsten Distrikt von Bangladesch, habe ich einen dieser ‚tea gardens‘ besucht. Nicht mit einer offiziellen Touristen-Führung, sondern mit Gumir, einem der Arbeiter dort. Gumir war nie auf einer Schule, selbst Bangla, die Landessprache, spricht er nur gebrochen und außer einzelnen Worten wie ‚monkey‘ und ‚tea factory‘ kann er auch kein Englisch.

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Trotzdem führt er mich zwei Stunden lang durch die sanften Hügel, über kleine Flüsschen, entlang der scheinbar nicht enden wollenden Tee-Plantagen. Uns begegnen nur wenige Arbeiter auf diesen Wegen, vor allem Männer, die jetzt im Winter, also außerhalb der Saison, die Tee-Büsche beschneiden. Allerdings nicht alle gleich: Auf manchen Feldern werden die Büsche radikal mit einer Motorsäge auf eine einheitliche Höhe gestutzt, so dass eine waagrechte Ebene entsteht, auf der fast keine Blätter mehr wachsen. Auf anderen wird in der Mitte jedes Busches ein Ast stehen gelassen, so dass der wie ein Arm mit Blatthändchen den Restbusch etwa 30 Zentimeter überragt. Gumir gibt mir zu verstehen, dass dieser Haupttrieb der ‚Boss‘ des Busches ist und dass diese Methode neu sei. Und mir fällt auf, dass auf diesen Feldern auffällig viele hohe Bäume stehen, die alle etwa mannshoch mit weißer Farbe angestrichen sind. Das sieht aus als ob die Bäume Söckchen hätten…Vielleicht auch Teil eines neuen Ernte-Optimierungskonzepts.

Und dann ist plötzlich ein gleichmäßiges Geräusch zu hören, es klingt irgendwie peitschend. Und eine Hügelkette weiter sehen wir den Ursprung der Geräusche: Etwa ein Dutzend Arbeiter scheint auf die Büsche einzuschlagen. Gumir erklärt mir, dass sie die Buschspitzen mit Metallschlaufen abschlagen, die sie tatsächlich wie Peitschen schwingen. Die Blätter und Ästchen spritzen nur so um die Männer herum.

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Jede dieser Schnitt-Methoden dient dazu, dass die Büsche im kommenden Jahr neue, starke Blatttriebe bekommen, denn nur die ganz zarten Spitzen werden für die Teeproduktion verwendet.

Fünf Frauen kommen uns entgegen, alle tragen bunte Ballen auf ihren Köpfen. Tee scheint es nicht zu sein, dazu sind die Bündel zu klein. Sie haben eine Art Sichel in der Hand, am Körper bunte Saris und jede hat einen roten Punkt zwischen den Augenbrauen. Stolz sehen sie aus, wie sie schlank und aufrecht näher schreiten. Aber dann sieht man ihre verbraucht aussehende Haut, die zum Teil schlechten, krumm gewachsenen Zähne und die vielen Narben an den Händen.

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Etwas weiter hinter ihnen steht eine kleine Gruppe Männer. Beim Näherkommen sehe ich, dass zwei Polizisten ziemlich aggressiv auf einen älteren Mann einreden. Dann gibt der ihnen ein Bündel Geldscheine. Ist das eine Art Wegzoll? Ich frage Gumir, der mir ganz leise und ziemlich angespannt antwortet. Ich meine zu verstehen, dass die Männer bei einem Tempel waren, obwohl heute Freitag ist – also der muslimische Sonntag – und  dass sie deshalb Strafe zahlen müssen. Wir gehen schnell vorbei, aber ich kann mir nicht verkneifen, diese Szene dann doch noch zu fotografieren…auch wenn auf diesem Foto nicht mehr deutlich ist, wer wem Geld gibt.

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Tja, leider haben mich die Polizisten beim Fotografieren bemerkt. Mit dem Effekt, dass sie uns folgen. Erst mit etwas Abstand, aber bald rücken sie immer dichter auf. Ich bleibe mehrmals stehen, mache Fotos, in der Hoffnung, dass sie uns überholen. Das tun sie aber nicht, sondern bleiben auch stehen.

Ob es irgendein Problem gibt oder ich ihnen irgendwie helfen könne, frage ich sie. Antwort: „No, we just want to protect you“. Ich versichere ihnen, dass Gumir mich hervorragend beschützt und extra dafür angeheuert wurde, dreh mich um und geh weiter. Gumir wirkt immer noch angespannt, erklärt mir flüstern etwas, das ich nicht verstehe und wird erst wieder ruhiger, als die Polizisten uns dann doch irgendwann überholen und schnell außer Sichtweite sind.

Gumir grinst mich an und deutet auf einen Hügel. Da hinauf sollen wir, er wolle mir etwas zeigen.

Der Tempel von Mohadeb, so wird Shiva hier wohl genannt. Aber der Tempel ist nicht das einzige Heilige hier…auch der riesige Baum daneben, mit seinen unzähligen, verschlungenen Wurzeln scheint eine besondere Bedeutung zu haben. Jedenfalls steht ein goldfarbener Minikessel in einem Hohlraum des Baumes, der sich aus einem Geflecht von Luftwurzeln und Ästen gebildet hat. Hat was von einem sakralen Turm, oder einem filigran-durchbrochenen Minarett-Turm, den ein abgedrehter Architekt ersonnen hat.

Über eine Stunde sind wir schon unterwegs und ich gebe Gumir zu verstehen, dass ich langsam gerne zurück will. Wir gehen jetzt schneller, trotzdem muss ich ab und zu anhalten, um die tea garden-Atmosphäre einzufangen oder kleine Szenen am Wegrand

Plötzlich höre ich Kinderstimmen….hört sich an wie ein Abzählreim, oder, nein, eher wie das Geleier von aufgesagten Gedichten…

Tatsächlich nähern wir uns einer Plantagengrundschule. Ich strecke den Kopf rein, frage die Lehrerin, ob ich kurz stören und außerdem Fotos machen darf und fühle mich dann von unzähligen Kulleraugen beobachtet. Manchen kids bleibt sogar der Mund offen stehen ob des unerwarteten Besuchs. Aber die Lehrerin scheint nichts aus der Ruhe zu bringen, sie lacht, lädt mich mit einer Handbewegung ein und macht dann einfach weiter.

Gumir drängelt, also geht’s weiter. Zur Teefabrik, in der die Blätter getrocknet und fermentiert werden, entlang der langen ‚office‘-Barracken, in denen der Tee gehandelt wird und die Arbeiter ihr Geld kriegen und vorbei an der einzigen Einkaufsmöglichkeit in dieser Plantage.

Die einzelnen Plantagen sind durch Mauern getrennt. Manche gehören der Company, sagt Gumir, manche sind wohl ‚private‘. Auch ohne die Mauer wäre mir aufgefallen, dass es wohl unterschiedliche Besitzer gibt: In den Company-Plantagen sind die Arbeiterhäuser aus Beton, meistens bunt gestrichen und sehen ganz ansehnlich aus. Anders auf den privaten Plantagen. Das sind dann doch eher Hütten…

Zwei Stunden lang war ich mit Gumir unterwegs, zwei Stunden, indem mir dieser junge Mann nonverbal ziemlich viel vom Alltag der tea gardens vermittelt hat. Und wie es ist, als Pflückerin auf diesen Plantagen zu arbeiten, wollen mir zwei Frauen später erzählen.

***Fortsetzung folgt***

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