Arranged or for love?!

Nach ein paar Tagen in meiner Gastfamilie erfahre ich, dass die ältere Schwester meiner Gastgeberin bald heiraten wird. Eine arrangierte Ehe nehme ich an, wie in muslimische Familien in Bangladesch üblich? Klar, meint meine Gastgeberin. Aber die Braut selbst windet sich etwas…sie sei ja schon ganz schön verliebt in ihren Zukünftigen verrät sie mir und errötet tatsächlich ein bisschen.

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Später, als ich allein mit meiner Gastgeberin bin, erzählt sie mir, dass ihre eigene Ehe keine arrangierte war. Ich bin erstaunt, denn es gehört bestimmt viel Mut dazu, mit diesem in Bangladesch so wichtigen Ritual zu brechen. Mut, den ich diesem zarten Persönchen neben mir nicht zugetraut hätte. Ich sage ihr das auch. Sie nickt. Sie habe tatsächlich viel Mut gebraucht, ihren Eltern zu sagen, dass sie selbst einen Mann gefunden habe, den sie heiraten möchte – weil sie ihn liebe.

LIEBE – dieses Wort war ein Schock für ihre Mutter und den Vater. Einer, den die beiden sehr religiösen Eltern mehrere Tage lang verarbeiten mussten. Ich weiß nicht, was letztendlich den Ausschlag für die Entscheidung gab. Ob es daran lag, dass sich eine Mittel-Klasse-Familie eher einen Traditionsbruch leisten kann oder daran, dass die Eltern ihrer verliebten Tochter diesen großen Wunsch nicht abschlagen konnten – jedenfalls willigten sie ein.

Allerdings musste dann überlegt werden, was jetzt zu tun sei, immerhin gibt es für Liebes-Heiraten kein genau vorgeschriebenes Zeremoniell. Die Eltern ihres Auserkorenen wurden dann eingeladen – immerhin musste man diese Familie wenigstens pro forma begutachtet werden. Seine Eltern waren tatsächlich auch einverstanden – wenn auch ebenfalls nicht amused –  wollten aber nur eine ganz kleine, abgespeckte Hochzeitszeremonie. Sie sei an diesem Tag überglücklich gewesen, strahlt die junge Frau neben mir. Deshalb war sie auch mit allem einverstanden. Es sei ihr völlig egal gewesen, dass sie bei ihrer Hochzeit nur einen Bruchteil dessen haben werde, was sie sich immer erträumt hatte.

Ob es jetzt schwer sei zu sehen, dass ihre Schwester durch die ’normale‘, also arrangierte Ehe, eine richtige Riesen-Hochzeit haben wird, frag ich sie. Sie überlegt kurz, schüttelt dann den Kopf und sagt: „Ich habe meine Liebe geheiratet, das wiegt alles auf“ und dann lacht sie unternehmungslustig: „Außerdem kann ich mich ja jetzt bei meiner Schwester austoben und mit ihr die Kleider, den Schmuck, die Dekoration und alles andere aussuchen“.

Ihr Mann verrät mir später, dass die Hochzeit auch deshalb kleiner ausgefallen war, weil seine Familie bei weitem nicht so finanzstark sei wie die seiner Frau. Und er wollte sich auf keinen Fall wegen einer Hochzeit für mehrere Jahre verschulden – was in Bangladesch leider nur zu häufig vorkommt. Er sei modern genug, gegen diese unsinnige Tradition anzugehen. Er brauche keine Hochzeit ‚für die Leute‘. Nur für seine Frau tue es ihm heute noch leid, dass die Feier so bescheiden war – er wisse ja, dass ihr diese Traditionen, eine Traumhochzeit, enorm wichtig sind…

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Im Mai dieses Jahres hat dann die Schwester geheiratet. Erst gesetzlich, wie bei uns beim Standesamt, allerdings weit weniger wichtig.  Die anschließende Riesen-Hochzeit ist dafür umso wichtiger: Es gibt oft über 300 Gästen und drei Feste.

Das erste Fest heißt Holud – die Schwiegerfamilie in spe übergibt an diesem Tag hochzermoniell das Hochzeitskleid samt Schmuck, ansonsten wird dieses Fest aber nur von der Brautfamilie gefeiert. Besonders dabei ist, dass alle Frauen in gelbe oder orangene Saris gewickelt sind und die Braut von den Verwandten mit Kurkuma bemalt wird, bis ihr Gesicht in einer ungesund weiß-gelblichen Farbe erstrahlt.

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Bei der eigentlichen Hochzeit muss die Braut in Bangladesch rot tragen. Und bis zur Unkenntlichkeit geschminkt sein! Außerdem wird soviel Goldschmuck wie möglich im Gesicht, um den Hals und die Arme gewickelt und die Haare so kunstvoll drapiert, dass ein Face-lifting für die nächsten Jahre überflüssig ist.

Okay, das war jetzt ein bisschen gemein. Aber ich bin immer noch platt, wenn ich sehe, was während ihrer Hochzeit aus der hübschen, natürlichen jungen Frau geworden ist, die ich kenne. Aber seht selbst: der vorher-nachher-Vergleich…

Gewundert hat mich ja, dass es bei diesem Hauptakt alles andere als lustig zu geht. Eher anstrengend. Jedenfalls müssen die Brautleute sich auf das ‚Präsentier-Sofa‘ auf einem Podest setzen und sich dann mit allen Gästen fotografieren lassen. Immer und immer wieder. Und wenn endlich alle geknipst sind, geht’s ans Essen, ach was sag ich, ans Völlen! Getanzt und gesungen wird bei der Hochzeit in der Regel nicht, oft gibt es nicht mal Musik.

Das dritte Fest ist die ‚reception‘, die Braut wird dabei feierlich der Familie des Bräutigams übergeben. Soweit ich weiß, braucht’s dafür dann auch wieder einen anders farbigen Sari, aber da bin ich mir nicht ganz sicher.

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Zwei Schwestern, zwei verschiedene Wege zur Ehe. Aber alles ziemlich harmonisch. Ich hab allerdings auch noch von einer anderen Heirat erfahren, bei der mich einiges verblüfft hat:

Schon bei meiner ersten Reise hab ich eine Frau kennengelernt, der ich den Spitznamen ’shopping queen‘ verliehen hab, weil sie eine große Hilfe ist, wenn man nach Mitbringseln sucht. Sie ist eine sehr lebenslustige Frau, modebewusst, sexy und wirft sich außerdem unglaublich gern vor der Kamera in Pose.

Vielleicht hätte ich deshalb nie erwartet, was sie mir zu ihrer Ehe erzählt hat:

Fast 7 Jahre lang hatte sie vor und während des Studiums heimlich einen Freund, ihre große Liebe. Ihre Familie hat das irgendwann herausgefunden und die Beziehung strikt verboten. Denn die shopping queen war das einzige Kind einer wohlhabenden Familie, der Auserwählte dagegen nicht mal Bangladeshi und dann auch noch nahezu mittellos. Die beiden Verliebten aber wollten heiraten. Und das taten sie auch – vor dem Gesetz, aber ohne jede Hochzeitsfeier. Denn ihre jeweiligen Eltern hatten den Kontakt mit ihnen abgebrochen, sie waren quasi verstoßen. Und eine Feier ohne den Segen der Eltern, das war selbst für das Revoluzzer-Pärchen zu viel Traditionsbruch.

Der Alltag war hart für die Tochter aus gutem Haus, die sich mit ihrem Mann mühsam durchschlug. Dann kamen die Kinder, drei. Die Eltern der shopping queen ließen sich nach und nach erweichen und öffneten ihr Haus wieder dem Liebespaar. Nicht aber seine Eltern. Bis heute haben sie ihre Enkel nicht gesehen und vermeiden jeden Kontakt.

Eindeutig keine Bollywood-Geschichte. Aber für mich wieder mal der Beweis, dass es sich lohnt auch hinter lächelnde Fassaden zu schauen…

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2 Kommentare zu “Arranged or for love?!

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