The crazy system

Es gibt Dinge in Bangladesch, die werden mir immer ein Rätsel bleiben…

Das gilt vor allem für den Verkehr in der Hauptstadt Dhaka. Dabei meine ich nicht den Linksverkehr – an den hab ich mich relativ schnell gewöhnt. Aber ich weiß immer noch nicht, ob es – wenigstens offiziell – eine Regel gibt, wieviel Autos auf den großen Straßen nebeneinander fahren dürfen. Inoffiziell jedenfalls fahren soviel Autos, Rikschas, Busse und CNGs nebeneinander, bis sie sich gerade so NICHT gegenseitig zwischen Mittelstreifen-Mäuerchen und Außen-Fahrbahn-Begrenzung festklemmen… also zwischen fünf und acht Spuren, je nach Bedarf.

traffic spuren

Foto: imagedoc-darknoise

Wie auf dem Bild zu sehen ist, sind die Fahrtrichtungen auf den Hauptstraßen klar getrennt. Eigentlich. Trotzdem kommt einem schon auch mal ein Bus frontal entgegen. Unter lautem Gehupe versteht sich.

Es gibt natürlich auch Ampeln…ich glaube, ich hab in Dhaka insgesamt etwa vier gesehen. Allerdings stehen sie immer auf Rot, wenn ich dort vorbei komme. Und äh, nein, das scheint in Bangladesch nicht zu bedeuten, dass die Autos stehen bleiben. Ich hege eher den Verdacht, dass das rote Lichtchen in der weithin sichtbaren Ampel hier in Dhaka einen ähnlichen Effekt hat, wie das langgezogene Hupen beim Boxauto: „Alles gleichzeitig los, möglichst chaotisch, es darf auch gerne rumsen“. Konkret heißt das, bei Stau wird der Vordermann schon mal angeschubst, alle Busse sind mindestens bis Fensterhöhe völlig verbeult und ansonsten gilt: der Stärker gibt Gas!

Aber so verknoten die Gefährte auch oft sind, irgendwie löst sich doch jeder Knoten wie durch Zauberhand.

Anfangs hat mich das stundenlange im Stau stehen in Dhaka völlig genervt, ich war angespannt, fluchte wie ein Rohrspatz – auf Bangla versteht sich – und simste meinen wartenden Gesprächspartnern hektisch jede Straßenkreuzung, die mich noch von dem Ort der Bestimmung trennte.

Mittlerweile nutze ich die Zeit, die ich mal wieder in einem schlechtgepolsterten CNG sitze, um nonverbal mit den Straßenhändlern zu kommunizieren, meinen Fahrer vom Paan-Essen abzuhalten (Paan, siehe Blogartikel vom 15. November 2014 https://wordpress.com/post/yvonnekoch.wordpress.com/82 ) und zur Recherche. Dabei kam in einer nichtrepräsentativen Umfrage folgendes heraus:

Die fundierteste Fahrausbildung haben anscheinend die Jungs, die als Fahrkarten-Verkäufer in einer Art Sammeltaxi anfangen. Diese Gefährte sehen fast so aus wie die CNGs, nur haben sie keine Fahrgastzelle hinten drauf, sondern eine Art Pritschenwagen mit Textil-Dach, wobei die ‚Kunden‘ auf den längsseitigen Bänken sitzen. Diese Jungs (oft gerade mal 7 oder 8 Jahre alt) dürfen in der Regel in der Mittagspause oder nach Feierabend mal hinters Lenkrad, erst Trockenübung zum Spaß, dann Ministrecken über einen Parkplatz und bald danach – nämlich immer dann, wenn der eigentliche Fahrer seinen Rausch ausschlafen muss – dürfen sie die Fahrgäste kutschieren.

Außer dieser ‚Langzeitausbildung‘ gibt es noch die, die eine Freundin von mir genossen hat (übrigens die erste und bisher einzige Frau, die ich hinter einem Steuer gesehen hab):

Sie könne Autofahren, hat besagte Freundin stolz verkündet. Sie habe das früher im ‚village‘ gelernt. Weil ich aber offenbar meine Gesichtsmuskeln nicht recht unter Kontrolle hatte und sie meinte, Zweifel, ja sogar ein süffisantes Lächeln, in meiner Miene erkannt zu haben, wollte sie mir ihr Können beweisen! (Ja, Langzeitbeobachter dieses Blogs ahnen es: besagte Freundin ist die in diversen Artikeln erwähnte, äußerst resolute und ungeschlagene Organisationsmeisterin, bei der ich im März 2015 gewohnt habe)  Jedenfalls sollte dieser Ort der Fahrpraxis-Tatort werden:

DSC_0697

Foto: Yvonne Koch

Ein nahezu leerer Parkplatz vor einem großen Kongressgebäude.

Der Fahrer wird kurzerhand aus dem Auto geworfen, meine Freundin dagegen platziert, ach was sag ich, drapiert sich auf dem rechten Sitzplatz…Blick zum Automatik-Schaltknüppel…Blick über die seitlich angebrachten Buchstaben P, R, N und D…eine ruppige Frage aus dem Fenster an den aufgeregten Fahrer am Pistenrand, ein energisches Ziehen, schon ist der Schaltknüppel bei D eingerastet…ich höre ein leises Knurren, merke aber schnell, dass das nicht das Getriebe, sondern meine etwas angespannte Freundin ist, die jetzt Gas gibt. Nichts passiert. Oder doch…Millimeter um Millimeter schiebt sich das Auto nach vorne, sie grunzt jetzt zufrieden – und wird dann völlig hemmungslos: mit geschätzten 120 Zentimeter pro Minute fliegen wir über den Parkplatz

Hach was soll ich sagen, es war eine fast ekstatische Freude, dass ich diesen Fahrbeweis meiner Freundin über…ähm, ER-leben durfte. Und dass sie trotzdem das Fahren im Stadtverkehr von Dhaka auch weiterhin dem dafür engagierten Fahrer überlassen will, befriedigt garantiert alle Beteiligten!

Ach, nur der Vollständigkeit halber: Es geht die Kunde, dass es in Bangladesch wohl auch die sogenannten ‚driving licences‘ geben soll, was wenigstens dem Namen nach unserem Führerschein entsprechen würde. Aber meine umfangreichen Recherchen bei mindestens zwölf verschiedenen Personen haben ergeben, dass noch keiner der Befragten dieses ominöse Papier je gesehen hat. Ich befürchte deshalb einen Propaganda-Trick des ‚Honourable Minister of Road, Transport and Bridges‘ vulgo Verkehrsministers.

 

 

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2 Kommentare zu “The crazy system

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