Function, fun and family fusion

„In Bangladesch heiraten bei einer Hochzeit nicht zwei Menschen – schon gar nicht zwei verliebte Menschen – sondern zwei Familien.“ So jedenfalls hat mir eine Freundin das System der – in der Regel arrangierten – Ehen erklärt. Sie muss es wissen, immerhin wird sie selbst bald heiraten. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist eine Hochzeit für Bangladeshi in der Regel eine ganz große Sache. Und ich meine richtig groß! Die Feiern gehen über mehrere Tage, es werden hunderte von Gästen geladen und oft sind die Paare danach über Jahre verschuldet. Soviel wusste ich schon. Vorstellen konnte ich mir das Prozedere aber nicht wirklich. Deshalb war ich mehr als begeistert, dass ich zu einer bengalischen Hindu-Hochzeit eingeladen wurde.

Hier erstmal die wichtigsten Voraussetzungen für eine Hindu-Hochzeit:

Ein Priester, ein Mandala, das das heilige Feuer symbolisiert samt rituellen Utensilien, und ein Tempel. Dann braucht man noch Gäste, VIELE Gäste, Unmengen von Essen und….ach ja, das Brautpaar natürlich auch. Aber das kriegt man erstmal nur teilweise zu sehen, denn der Bräutigam ist noch gar nicht da. Die Braut dagegen wird im ‚Brauthaus‘ präsentiert – und ich mein das wörtlich: Sie sitzt auf einem großen Bett, im traditionellen roten Sari, herausgeputzt und gerichtet wie eine Porzellanpuppe und ….wird vor allem als Fotomotiv missbraucht.

Hindu-Hochzeit (246)

Foto: Yvonne Koch

Dass sie dabei nur ganz sparsam die Mundwinkel verzieht und auch sonst eher teilnahmslos wirkt, wundert mich erst, aber nur bis ich merke, dass dieses Präsentieren und Fotografieren stundenlang geht. Wobei die wenigsten Gäste sich wirklich mit der Braut unterhalten…vielleicht, weil sie sich innerlich auf die Zeremonien vorbereiten soll, vielleicht aber auch, weil die Bräute in ihrem Ornat sich selbst gar nicht mehr ähnlich sehen. Von Freunden hab ich erfahren, dass es Stunden dauert, bis allein das Gesicht und die Haare der Braut gezupft, grundiert, onduliert und fertig drapiert ist.

Im Brauthaus sitzt sie dann die ganze Zeit sittsam im Schneidersitz auf ihrem Bett. Bis die Zeremonie im Hof des Brauthauses für sie beginnt. Und auch hier wird sie ständig bei jeder ihrer Bewegungen beobachtet.

Draußen ist es längst dunkel als plötzlich alles in eine Richtung strebt, zu einem Lichterketten-gesäumten Weg hin. Der Bräutigam kommt, wird mir erklärt. Er muss den Gang lang laufen bis zu einer ‚Sperre‘, das ist ein Tisch mit rituellen Gegenständen. Dort muss er Wegzoll bezahlen, realen und ideellen und erst dann darf er sich weiter seiner Zukünftigen nähern.

Jetzt seh ich ihn zum ersten Mal: Stattlich sieht er aus in seinem traditionellen edlen Gewand, selbst der Zuckerguss-Turban sieht nur ein bisschen komisch aus. Und als der Bräutigam den kleinen Obolus entrichtet hat, bricht schlagartig eine wilde Schlacht los: Weißes klebriges Zeug ist plötzlich überall. Ich bringe meine Kamera schnell in Sicherheit. Es dauert ein bisschen bis ich merke, dass da keine Sahne, sondern eine Art Sprüh-Schaum verspritzt wird.

Der Bräutigam wird dann in den extra für ihn vorbereiteten Raum geführt, wo er erstmal wartet….nur mit seine beiden engsten Freunden

Währenddessen kommt das, was für die Gäste scheinbar mit das Wichtigste ist: Das Essen! In einem riesigen Zelt spielen Familienangehörige flinke Kellner und türmen den Gästen immer wieder neue Fleisch- und Fisch-Köstlichkeiten auf die Teller. Ich kann gar nicht so schnell kucken wie wieder ein Hähnchenschlegel, ein Lammrippchen oder ein Fischbällchen neben den Reisberg flutscht. Gemüse sucht man allerdings vergebens…nur ein paar Gurken als Alibi-Vitamin-Lieferanten sind von weitem zu sehen. Ach ja, und gegessen wird natürlich – wie meistens – mit der Hand (der RECHTEN!)

Dann endlich, nach mehreren Stunden, in denen immer wieder pulsierende Techno-ähnliche Musik aus den Lautsprechern tönt, wechselt die Musik. Eine Blaskapelle bringt neue Rhythmen ins Spiel. Und sie holt den Bräutigam auf den zentralen Platz, wo er mit viel Hallo und umringt von immer mehr Zuschauern sein Ritual beginnt

Um was es da genau geht, hab ich nicht verstanden. Aber möglicherweise ist es eine Art Frage- und Antwort-Spiel, bei dem der Priester rituelle Verse abruft, die man zusammen mit Blütenblättern, Samen und manchmal sogar Geldscheinen in spezielle Utensilien auf dem Mandala plazieren muss. Fast eine Stunde lang geht dieses intensive Hin und Her. Der Bräutigam wirkt hochkonzentriert, aber nicht religiös-entrückt dabei. Und das Publikum schäkert, flaniert herum und kommentiert das Prozedere.

Dann plötzlich kommt wieder Bewegung in die Menge – offenbar passiert jetzt was Wichtiges, denn der Kreis der Zuschauer wird größer und zieht sich gleichzeitig zum Zentrum zusammen. Der Bräutigam steht auf, wird von mehreren Männern umringt und…ZIEHT SICH AUS!

Okay, man sieht dabei nicht viel, denn die Männer schirmen ihn mit einem riesigen Tuch ab. Nur ein etwa 12jähriges Mädchen fängt zu kichern an und ruft mir auf Englisch zu: „Come, come quickly, now you can see something, I mean, something INTERESTING!“ Ja, ich geb zu, mein erster Impuls war, schnell in die Richtung zu schwenken – rein aus journalistischem Interesse versteht sich. Aber ich hab dann doch gewartet, bis der Mann der Stunde komplett neu eingewandet und mit einem rituellen Dolch ausgestattet  war.

.Die Musik wird immer mitreißender, die Gäste beginnen zu tanzen, eine Zeremonienmeister mit Blumengirlanden um den Ritualstab stellt sich neben den Bräutigam. Und dann geht die Tür zum Brauthaus auf…

Immer noch im Schneidersitz, ich fass es nicht – wie kann man so lange so unbequem sitzen! Das ist mein erster Gedanke.

Tatsächlich ist die holde Maid auch nicht wirklich entspannt. Sie muss sich nämlich aufs Balancieren konzentrieren  während sie erst zum kleinen Styropor-Tempelchen getragen wird, dort zum ‚ersten‘ Mal ihren Bräutigam sieht und dann – immer noch getragen – den Tempel zig-Mal umrunden muss. Hoch und runter geht es dabei. Und immer wenn sie wieder an ihrem Liebsten vorbei kommt, drücken die Gäste wieder auf die beliebten Sprüh-Schaum-Dosen. Die sind jetzt bunt!

Und dann – endlich – nach stundenlangen Ritualen in denen sie von hunderten Augenpaaren ständig beobachtet wurden, dürfen die Brautleute zusammen das Brauthaus betreten.

Was dort passiert, weiß ich leider nicht…Wir mussten die Hochzeit nämlich zu dem Zeitpunkt verlassen 😉

 

 

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3 Kommentare zu “Function, fun and family fusion

  1. 2003 waren Renate und ich in Kalkutta auch auf eine bengalische Hochzeit eingeladen. Ablauf und Kostüm entsprach exakt dem oben Geschilderten (eine Szene wirkte übrigens lächerlich – die Krone des Mannes ist ja aus Styropor und weil sie so leicht ist, rutschte sie ihm ab und zu vom Kopf). Eine Szene fehlt in Ihrer Beschreibung: Vor dem Umkleiden wurde der Bräutigam von den Gästen der Reihe nach mit Kurkuma eingeschmiert. War das bei dieser Hochzeit nicht so? Da wir die Umstände genau kannten und hinter die Kulissen schauen konnten, war die Wirklichkeit hinter der Fassade eine eigentlich traurige. Der Sohn einer sehr reichen Familie wurde mit einer Frau aus niederem Stand verheiratet – und zwar ganz einfach darum, dass er endlich auch eine Frau bekam, ich glaube er war homosexuell, der Schein musste gewahrt werden. Das Fest wurde über zwei Tage gefeiert, am Abend des zweiten Tages war ein riesiges Gelände an einem See für die Hauptfeier mit an die tausend Gästen arrangiert. Die junge Frau zog in das Haus der Schwiegermutter – und wir konnten zusehen, wie sie gleich ab dem ersten Tag wie eine Sklavin behandelt wurde.

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  2. Nee, Kurkuma wurde nicht benutzt, nur eben dieser Sprühschaum und die lustigen Punkte, die der Bräutigam aufgemalt bekam.
    Bei dieser Hochzeit war das Paar übrigens fast gleich alt, beide Mitte zwanzig, was wirklich ungewöhnlich ist. Rein optisch ein wunderschönes Paar, fand ich. Trotzdem war auch diese Ehe wohl arrangiert. Aber ich maße mir nicht an zu urteilen, ob das besser oder schlechter als unsere Ehen ist. Die ‚Auswahl‘ treffen wohl meistens die Eltern, Geschwister oder enge Verwandten und in der Regel gehen sie dabei sehr sorgfältig um. Es gibt wohl eine Art Fragenkatalog, nachdem das Ehegespinst in spe ausgewählt wird. Und wer weiß, vielleicht ist das manchmal sogar ehrlicher und besser als hochromantisierte Liebesheiraten bei uns, bei denen schon nach kurzer Zeit die rosa Brille einen Sprung kriegt.

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