Just do it – the Slum-kids-project

Erinnert ihr euch an Razib? Den gemüseordnenden, hühnchenhautabziehenden Rikscha-Fahrer (siehe Blogartikel vom 29. Dezember 2015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/12/29/razibs-wish/)? Ich hab ihn wieder getroffen. Allerdings nicht in einem Slum, sondern im Wohnzimmer eines Kollegen…

Razib kommt mit einer Horde von Jungs in die Wohnung, alle aus seinem Slum. Er erkennt mich sofort wieder, das verrät das kleine Grinsen, das über sein Gesicht huscht…nur kurz, dann schaut er schüchtern auf den Boden. Er ist größer geworden in den vier Monaten seit wir uns das letzte Mal getroffen haben. Und er wirkt ernster. Vielleicht ist er aber auch nur konzentriert. Denn die fünf Jungs sind zum Lernen hier, in einer Art Privatunterricht. Nicht Elitäres, aber besonders durchaus…

Gelernt wird auf dem Boden, mit wenigen Büchern und Heften, aber immerhin hat jeder zwei eigene Stifte und ein Schreibübungsheft. Einmal die Woche werden die kids so unterrichtet, lernen lesen, schreiben und rechnen. Nicht von ausgebildeten Lehrern, sondern von einer Gruppe von Idealisten.

Es gehe ihm und seinen Freunden dabei um mehr als reine Wissensvermittlung, sagt Faisal, der die Idee zu der Wohnzimmerschule hatte. Die Kinder sollen hier auch malen, Musik machen oder mal einen Disney-Film anschauen können. Alles Dinge, die sie in ihrem Alltag sonst nie tun können. Denn die Slumkids müssen sonst alle arbeiten, genau wie Razib versuchen sie jeden Tag wenigstens ein paar Taka zu verdienen, wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu kriegen.

Natürlich könnten sie auch auf eine normale Schule gehen, theoretisch wenigstens. Tatsächlich haben sie da aber kaum eine Chance. Nicht nur, weil keines der Kinder jeden Tag zum Unterricht gehen kann. Sondern vor allem, weil sie fast alle mit Konzentrations- und Lernschwächen zu kämpfen haben. Manche brauchen zum Beispiel nicht drei Wochen, um das Alphabet zu lernen, sondern drei Monate. Und oft ist das mühsam Gelernte beim nächsten Abend in der Wohnzimmerschule einfach wieder vergessen, verdrängt von den Alltagssorgen, von der Angst vor Prügeln, vom Hunger oder der Erschöpfung nach einem Arbeitstag.

DSC_0603 (2)

Trotzdem kommen sie immer wieder hierher. Und Razib zum Beispiel beißt sich zwei Stunden lang hochkonzentriert durch Buchstabenreihen, kringelt Bangla-Buchstaben zwischen zwei Linien und wiederholt in einer Art Sing-Sang Worte und Sätze.

Wir müssen ein richtiges Konzept erarbeiten, meint Faisal. Wir wollen den Kindern ein bisschen Kindheit zurückgeben, ihnen Spaß am Lernen vermitteln und auch ein bisschen Kultur. Aber wir sind alle keine Psychologen oder Kunstpädagogen und nur meine Frau ist eine ausgebildete Lehrerin. Deshalb versuchen wir jetzt, mit Fachleuten ins Gespräch zu kommen, die Idee zu fokusieren und, ja, auch ein bisschen Geld zu sammeln, damit wir zum Beispiel eine kleine Leihbücherei für die Slumkids anbieten können.

DSC_0621 (2)

Während Faisal mit mir über sein Projekt redet, haben die Jungs ihre Sachen zusammen gepackt. Denn Faisals Frau Nisha hat zum Essen gerufen.

Mach davon keine Bilder, bittet mich Faisal. Das hat nichts mit dem Projekt zu tun. Aber warum macht ihr das dann, frage ich. Ach, nur so, meint der idealistische Pragmatiker, damit sie mal ein bisschen Gemeinschaftsgefühl kriegen, relaxen können nach der Plackerei vorhin. Also ist das doch Teil des Projekts, bohre ich nach, jedenfalls passt es doch ins Konzept. Und Faisal lacht, läßt mich fotografieren und wirkt….zufrieden.

Genauso zufrieden übrigens wie der junge Mann, der ihm gegenüber am Tisch sitzt… der ist jetzt kein kleiner Erwachsener mehr sondern einfach nur Razib, 12 Jahre alt und satt.

DSC_0623 (3)

Advertisements

4 Kommentare zu “Just do it – the Slum-kids-project

    • Ich war im Oktober 2014 das erste Mal in BD und da war mir schon klar, dass ich da bald wieder hin muss. 2015 war ich im März und im November dort und zuletzt vor genau einem Monat. Keine Ahnung, wann ich das nächste Mal wieder hin kann, ich muss meine Reisen immer alleine finanzieren und kann dann nur hoffen, dass meine Themen mir abgekauft werden – das Los eines Freelancers eben. 😉

      Gefällt mir

      • Bald wieder hin müssen…kann ich gut nachvollziehen. Dass du hinfährst, ohne dass die Abnahme deiner Themen gesichert ist, finde ich toll und ja, auch wichtig. Bangladesch hat international wenig Aufmerksamkeit. Leider!

        Gefällt mir

  1. oh, ich bin nicht ganz so altruistisch…ich fliege immer nur, wenn ich mindestens zwei Abnehmer schon im voraus habe. Nur beim letzten Mal war es anders, weil ich eine Geldspende von einer Agentur gekriegt habe, die zu Weihnachten immer soziale Projekte unterstützt. Ich war ziemlich platt, immerhin versteh ich mich nicht als ’soziales Projekt‘ 😉 Aber in der Begründung hieß es, sie wollten mein Engagement für verfolgte und benachteiligte Gruppen in Bangladesch und für den Einsatz für Asylbewerber fördern…Jedenfalls war so der Flug im März schon gesichert und der Druck, meine Beiträge unterzukriegen diesmal nicht so groß.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s