It is not (only) a love story…

In letzter Zeit häufen sich die Fragen an mich : Was? Du fliegst da schon wieder hin? Was machst du denn da? Hast du keine Angst? Und warum ausgerechnet Bangladesch?

Ich denke, es ist Zeit, diese Fragen zu beantworten. Wenigstens, soweit ich das kann. Denn ich habe gemerkt, dass die Gründe für meine Reisen in dieses ‚Land der Flüsse‘ vielschichtig sind.

Zuallererst hab ich da eine ganz persönliche Geschichte am Laufen mit diesem Land. Und zwar seit meiner ersten Reise. Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich kein religiöser Mensch bin, auch kein esoterischer. Und trotzdem gab es im Oktober 2014 diesen einen Moment, der für mich so besonders war: Ich war damals mit der deutschen Hilfsorganisation Christoffel-Blindenmission (CBM) unterwegs und wir besichtigten gerade ein Hilfs-Projekt im Norden von Bangladesch, in Gaibandha. Es war heiß und wir mussten lange warten, bis alle Fotos gemacht waren. Ich hatte mich etwas abgesondert, meine Interviews waren im Kasten und ich stand einfach nur mitten in einem Reisfeld. Dieses Grün….unglaublich intensiv und frisch. Ich versuchte den nahen Fluss zu hören und schloß dafür die Augen. Und da kroch irgendwas Warmes, Ruhiges in mich rein. Ja, ich weiß, das klingt total kitschig – aber es war das Gefühl genau hier absolut richtig zu sein.

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Foto: Yvonne Koch

Mittlerweile war ich wieder in Gaibandha. Wieder hatte dieser Landstrich was sehr Sinnliches für mich – und wieder war dieses Gefühl von Harmonie da. Aber diesmal hatte ich auch den Beweis, dass das nicht nur eine romantische Mädels-Kiste ist: Meine beiden Mitreisenden, gestandene Männer mit viel Reiseerfahrung, hatten in Gaibandha ganz genau das Gleiche erlebt!

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Foto: Yvonne Koch

Bangladesch ist für mich aber einfach auch nur….spannend! Ich liebe es, nach und nach die Eigenarten der Bangladeshi zu entdecken, ihre Sitten, Riten und das Miteinander. Da hilft es mir natürlich besonders, dass ich oft direkt bei und mit Familien wohnen kann. Was ist ihnen wichtig? Warum gibt zum Beispiel ein junger Mann sein ganzes Geld für Uhren und Handies aus, wo er doch eigentlich für seine Hochzeit sparen will? Ich lerne so viel Neues kennen: Wie man nur mit einer Hand trotzdem elegant essen kann. Wie man einen Sari wickelt. Wann, wo und in welcher Größe der rote Punkt zwischen den Augenbrauen plaziert werden muß. Und wer in einer Familie eigentlich das Sagen hat.

Natürlich gab und gibt es auch immer wieder Situationen, die ein bisschen desillusionieren…Längst hab ich gemerkt, dass die Gastfreundschaft, Freigiebigkeit und Offenheit, die ich von den meisten Menschen in diesem Land erfahren habe, nicht eine generelle Eigenschaft ist. Untereinander gehen die Bangladeshi oft sehr ruppig miteinander um, fast schon menschenverachtend. Und ein älterer oder höhergestellter Mensch ‚muss‘ offenbar andere regelmäßig abkanzeln oder anraunzen, sonst wird er nicht ernst genommen – wenigstens wurde mir das so erklärt. Aber auch hier bemerke ich langsam Unterschiede, sehe, wer mit Respekt und Würde mit anderen umgeht und wer einfach nur Macht ausübt. Das hat etwas gedauert, denn das asiatische Verhalten ist doch in vielem so ganz anders als das europäische.

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Foto: Harry Maskalis

Ja, und dann gibt es noch den sozialen Aspekt. Oder von mir aus, nennt es den moralischen. Bangladesch ist zwar für uns weit weg, ein armes Miniland, von dem wir wenig wissen. Aber es ist viel stärker mit uns verbändelt als wir wissen und wissen wollen.

Klar, spätestens seit die Textilfabrik 2013 eingestürzt ist, wissen die meisten, dass fast alle unsere Kleider in Bangladesch gefertigt werden. Aber auch unsere Gürtel oder andere Lederteile kommen von dort. Und ich bin immer wieder erstaunt, wievielen deutschen Firmen ich in Bangladesch begegne…Heidelberg Zement zum Beispiel, Gummi- und Elektronikhersteller, Lebensmittelproduzenten und viele mehr. Vor allem werden aber auch die riesigen Frachtschiffe deutscher Reedereien in Bangladesch abgewrackt – was übrigens für die Arbeiter hochgefährlich und überhaupt eine Umweltsauerei ist.

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Foto: aktivgegenkinderarbeit

Schon allein deshalb finde ich, dass gerade wir Deutschen uns nicht blind stellen dürfen, wenn in Bangladesch Menschen ausgebeutet, misshandelt oder getötet werden. Wir profitieren nämlich zum Teil von deren (schlechter) Lebenssituation.

Und dann interessiert mich dieses Land auch noch rein journalistisch. Bangladesch schimpft sich Demokratie, aber eigentlich ist das Land so weit von unserem Demokratie-Verständnis entfernt wie  eine Rikscha von einem Porsche. Was wiederum viele ‚foreigners‘ – vor allem Politiker und Unternehmer – gerne übersehen, es ist ja auch einfacher so… Gerade weil ich aber mittlerweile so viele Menschen aus diesem Land kenne, die mir beruflich, gedanklich oder freundschaftlich nahe stehen, will ich das nicht mehr übersehen. Ich möchte, dass niemand sagen kann, ‚oh, in diesem Land gibt es Korruption, Menschenrechtsverletzungen und Journalistenverfolgungen? Das hab ich ja gar nicht gewusst…‘

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Foto: Broja Gopal Saha

Und jetzt noch zu Fragen wie: ob das Reisen nach und in Bangladesch nicht zu gefährlich sei…(Irgendwie schwingt da oft auch noch so ein leichter Vorwurf mit: ‚Denkst du gar nicht an deine Familie?‘ oder ‚klingt nach Selbstverwirklichungstrip in der Midlife-Crisis‘).

Ja, die Reisen im März und November letzten Jahres waren nicht ganz ohne. Die politische Lage war labil, ist sie immer noch. Und gerade, weil ich schon von weitem als Ausländer zu erkennen bin, biete ich natürlich ein gutes Ziel für Anschläge. ABER: Ich bin kein leichtsinniger Typ, meide gefährliche Situationen und werde von Bekannten und Freunden vor Ort regelrecht ‚gepampert‘.

Trotzdem ist mir bewußt, dass vor allem meine Familie enorm viel für mich auf sich nimmt, denn sie wuppen den Alltag wochenlang allein und haben bestimmt auch oft ein mulmiges Gefühl ob der Gefahren im Ausland. Mein Sohn hat das kürzlich ganz gut auf den Punkt gebracht: „Ja, ich hab schon irgendwie Angst um dich, wo da doch schon der Verkehr so chaotisch ist. Aber ich weiß auch, wie wichtig dir dieses Land ist. Und dann find ich es ja auch toll, was du da machst und außerdem: Irgendwer muss es ja machen!“

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