Migrant workers – Wanderarbeiterinnen

Warum Menschen in Bangladesch ihr Heimatdorf verlassen müssen, hab ich ja in Char Charita Bari im Norden von Bangladesch erfahren (siehe Blog-Artikel vom 30.11.2015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/11/30/zwischen-den-wassern/). Jetzt hab ich die Chance, mich mit Frauen zu treffen, die ihre Heimat verlassen haben, sogenannte migrant workers – Wanderarbeiterinnen.

Eine Freundin bringt mich in einen der Slums, die mittlerweile nicht mehr nur am Rand der Hauptstadt sondern mitten in Dhaka entstanden sind. Neben ganz normalen Mietshäusern in einer Baulücke. Schiefe Wellblechhütten stehen hier dicht an dicht, dazwischen schlängelnd sich enge, matschige Wege voller Plastikflaschen und anderem Abfall. Halbnackte Kinder springen herum, in einer Ecke sitzt eine alte Frau auf dem Boden und kocht etwas auf einem selbstgebauten kleinen Lehmofen. Ich habe Mühe, die Hauswände links und rechts nicht zu berühren, so eng ist es. In einer dieser Hütten lebt auch Laisu seit kurzem mit ihrer Familie. Ich solle ruhig hereinkommen, sagt sie. Aber das ist gar nicht so leicht. Denn es ist kaum Platz für mich und meine zwei großen Umhängetaschen…

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Foto: Yvonne Koch

„Vor fünf Jahren war bei uns auf den Dorf noch alles okay“, sagt Laisu, “ Jetzt ist es schrecklich da, der Fluss hat bei den Überschwemmungen ganze Felder weggerissen. In den letzten Jahren haben wir drei Häuser verloren. Und zuletzt hatten wir nicht mehr genug Geld um ein neues Haus zu bauen. Deshalb sind wir nach Dhaka gekommen.“
Jetzt leben sie zu fünft in einer Wellblechhütte, die gerade mal so groß wie eine Garage ist. Den meisten Platz nimmt das riesiges Bett ein, in dem alle schlafen, das aber gleichzeitig auch der Aufenthaltsraum der Familie ist. Überall hängt etwas, selbst der kleinste Winkel wird noch als Stauraum genutzt. Nur ganz kurz hab ich das Gefühl, dass Laisu sich etwas schämt für ihr Zuhause. Denn sie betont, dass sie eine arme, einfache Frau sei, die jetzt als Haushälterin bei verschiedenen Familien arbeite. Ihr Mann arbeite auf dem Bau, manche aus der Familie würden Tee an der Straße verkaufen oder in den Textilfabriken arbeiten. Mich interessiert, ob sie schon mal daran gedacht hat, im Ausland Arbeit zu suchen, wie so viele Frauen und Männer. Ja schon, sagt sie, aber im Moment käme das für sie nicht in Frage, sie habe ja noch ein kleines Kind. Aber sie kenne viele, die in die Golfstaaten gehen.

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Foto: Yvonne KOch

Und ich sehe am Nachmittag viele von ihnen, ziemlich viele…etwa 130 Frauen, junge vor allem, aber auch ältere. Sie sitzen alle auf dem Boden in einem der Schulungsräume von BOMSA. Diese Hilfsorganisation schult migrant worker, die ins Ausland wollen, drei Tage lang, damit sie einigermaßen auf das Leben als Wanderarbeiter vorbereitet sind. Hier ist meine Freundin, Sumaiya Islam, in ihrem Element. Denn sie ist die Direktorin von BOMSA und weiß, wie naiv die Vorstellungen von der Arbeit im Ausland bei den meisten sind: „Die Frauen haben einen Traum, sie denken: Ich gehe ins Ausland, ich werde dort das große Geld verdienen, in einem klimatisierten Zimmer schlafen, die leckersten Sachen essen… – das ist der Traum, wenn sie ihre Reise beginnen.“

Die Realität sieht allerdings komplett anders aus. Besonders in den Golfstaaten sind Frauen aus Bangladesch zwar als Haushaltshilfen sehr begehrt, weil sie als fleißig und genügsam gelten und außerdem in der Regel muslimisch sind. Aber sobald sie in den Haushalten ankommen, werden den Frauen oft die Pässe und alle Habseligkeiten abgenommen. Dann sind sie völlig abhängig von ihrem Arbeitgeber.

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Foto: Yvonne Koch

Und diese Abhängigkeit werde besonders in Saudi Arabien oft ausgenutzt, meint Sumaiya. Es sei nicht selten, dass sich die junge Frauen morgens um die Kinder, dann um den Haushalt kümmern, putzen, schrubben und waschen, bis Mitternacht schuften und dann, in der Nacht, würden drei oder vier Männer auf ihr Zimmer kommen, die Sex mit ihr haben wollten. Keine fremden Männer, sondern der Hausherr, sein Bruder, sein Vater und der Schwiegervater.

Ihre Hilfsorganisation versuche, den Frauen soviel Absicherung wie möglich vor der Reise zu geben. In drei Tagen lernen die migrant workers in spe, dass sie mit keinem Mann Sex haben MÜSSEN, wie sie deutlich nein sagen, welche Rechte sie auch im Ausland haben und dass sie Kopien ihrer Pässe bei ihren Familien lassen müssen. Denn die Passnummer sei wichtig, wenn die Frauen im Ausland Hilfe bräuchten, betont Sumaiya: „Wir haben eine 24-Stunden-Hotline, da können sie im Ernstfall anrufen und mit der Passnummer finden wir die Vermittlungsagenturen und die Arbeitgeber raus und können helfen.“

Es ist nicht immer leicht, die Frauen schonend auf das ‚wahre‘ Leben als migrant worker vorzubereiten. Aber ich habe Sumaiya schon im März in action erlebt, gesehen, wie sie den Frauen die härtesten Facts mit Geschichten, Gesang und Tanz vermittelt (siehe Blog-Artikel vom 5. Mai 2015 https://yvonnekoch.wordpress.com/2015/05/05/the-right-to-say-no/). Denn wie gesagt, lesen und schreiben können die wenigsten.

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Foto: Yvonne Koch

Diesmal ist es aber nicht nur Aufklärungsarbeit, Sumaiya gibt auch noch ganz konkrete Tipps:  Zum Beispiel, wie die Frauen in ihrer Heimat, in Bangladesch selbst, ein Bankkonto für sich einrichten können. Es sind nämlich nicht nur die ‚bösen Arbeitgeber‘ im Ausland, vor denen migrant workers beschützt werden müssen. Auch die eigene Familie kann für sie zum Verhängnis werden, weiß Sumaiya: „Die Frauen schicken Geld an ihre Familien zu Hause, aber der Mann nimmt es womöglich, um nochmal zu heiraten oder die Eltern verteilen das Geld an ihre anderen Kinder und wenn die Frau zurückkommt, ist nichts mehr da. Sie ging weg mit nichts und kommt zurück mit nichts.“

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2 Kommentare zu “Migrant workers – Wanderarbeiterinnen

  1. Das ist wie meist wieder eine eine sehr bedrückende Story aus der Hölle der irdischen Gegenwart. Wie heißt es doch: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Trotz aller tollen Farbtupfer überwiegt doch mein Eindruck, dass ’normale‘ Menschen in Bangladesh mit dem Damoklesschwert zu leben lernen mussten.

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  2. Du hast Recht, in Bangladesch zu leben, ist nicht leicht. Für viele ist das tägliche Überleben schon eine Herausforderung. Trotzdem hab ich mich noch in keinem Land so wohl, aufgehoben und richtig gefühlt. Und seit ich weiß, dass das nicht nur mir so geht, sondern zum Beispiel auch meinen zwei deutschen Begleitern der letzten Reise, freue ich mich darüber um so mehr.

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