The third gender

Das auffälligste an der jungen Frau, die mich abholt, ist, dass sie relativ westlich gekleidet ist: Eine blütenweiße Leggin mit einer schwarz-rot-weißen Tunika, Pagenschnitt-Frisur und roten Hänge-Ohrringen. Sie bringt mich zum ‚office‘, zur Geschäftsstelle des Vereins ‚Bandhu‘. Der kümmert sich um sexuelle Minderheiten, vor allem aber um ‚Hijra‘ – so nennt man die Transgender in Südasien.

Natürlich gibt es auch in Deutschland Menschen, die sich keinem Geschlecht wirklich zugehörig fühlen, auf jeden Fall nicht dem, mit dessen Körper sie geboren wurden. Männer zum Beispiel, die sich schon immer als Frau gefühlt haben und mit der Rolle nicht zurechtkommen, die die Gesellschaft ihnen zuweist. Aber in Bangladesch werden diese Menschen von der Gesellschaft ausgestoßen und verfolgt. Und genau deshalb treff ich mich mit Ananya, sie will mir erzählen, wie Hijra in Bangladesch leben und welche Strategien sie fürs Überleben gefunden haben.

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Foto: Yvonne Koch

Während ich auf Ananya warte, kommen zwei junge Männer ins office – Verzeihung, zwei Hijra, denn auch sie fühlen sich als Frau in einem Männerkörper. Immer wieder üben sie eine Tanzsequenz, ohne Musik. Und obwohl sie in ihren Alltagsklamotten tanzen, sehen die Bewegungen anmutig und fließend aus. Nur manchmal kommt der ältere von beiden etwas aus dem Takt – immer dann, wenn er verstohlen zu mir linst, ob ich ihm noch zuschaue oder mich nur mit Ananya unterhalte, die mittlerweile dazugestoßen ist…

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Foto: Yvonne Koch

Mit der Rikscha fahren wir zu einer Hijra-WG. Die Straßen werden immer enger. Und das Haus, vor dem die Rikscha hält ist…naja, nennen wir es etwas heruntergekommen. Der Eindruck verstärkt sich noch, denn wir müssen durch den Spalt zwischen zwei Häusern, durch einen matschigen, zugemüllten Weg, dann durch eine schäbig Tür, die schief in den Angeln hängt in den dritten Stock. Vor der Wohnungstür türmen sich Schuhe, vom ausgelatschten Plastik-Flip-Flop bis zur eleganten Ledervariante.  Ich werde ins Wohnzimmer gelotst, nehme eine kleine Küche gleich rechts vom Eingang wahr, links eine große Nische mit aufgerollten Matten in der Ecke. Vorbei an zwei kleinen Räumen ohne Tür, aber mit Vorhang und dann bin ich im Wohn- ach was, im Lebe-Zimmer.

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Foto: Yvonne Koch

Im Moment sei es hier sehr ruhig, meint Ananya. Aber hier leben bis zu 60 Menschen zusammen, alles Hijra, deren Oberhaupt ein Guru sei. Sie zeigt auf die Couch, auf der sich eine etwas ungepflegte Person mit ehemals weißem Unterhemd und lungi (traditionelles Hüft-Wickeltuch von Männer, vergleichbar mit unseren Jogginghosen) lümmelt. Das sei der oder besser die Guru in dieser Wohngemeinschaft. Ja, es stimmt, viele Hijra müssen als Prostituierte Geld verdienen, gibt sie widerwillig zu. Nur ab und zu könnten sie durch Tanzen das Einkommen aufpeppen. Das klappt aber nur bei Hindu-Familien, denn in Indien hätten die Hijra einen völlig anderen Status. Dort dürfen sie auf keiner Hochzeit, keinem Geburtstag oder Weihefest fehlen, denn wenn sie tanzen, bringe das Glück.

In Bangladesh dagegen werden Hijras verstoßen und verfolgt. Sie selbst habe mit 14 ihre Familie verlassen, weil die zu sehr unter ihrem Anderssein gelitten hätte. Für sie war es nicht ganz so schwer alleine, erzählt Ananya. Sie habe ja die Schule noch fertig gemacht, deshalb immer kleine Arbeiten gefunden und außerdem einen Freund gehabt, der sie unterstützt habe. Ich hake nach, welche Art von Freund das gewesen sei. Aber sie weicht aus und erzählt weiter, dass die meisten Transgender Jungs erstmal auf der Straße landen und mit ihrem Anderssein völlig alleingelassen sind. Gerade für sie sind solche Hijra-communities wichtig – hier finden sie nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern vor allem auch Gleichgesinnte, die sie verstehen und unterstützen. Mir fällt auf, dass Ananya manche meiner Fragen nur sehr kurz beantwortet. Zum Beispiel die Frage, wie sich die communities finanzieren. Jeder, der was verdiene, gebe es an die Guru ab und die verteile es dann so, dass alle was abbekommen, sagt sie. Und mir schießt der Gedanke an Gurus wie Bagwhan durch den Kopf, der seine Anhänger auf den Strich geschickt hat, um sich selbst ein Leben in Luxus zu ermöglichen. Aber dann fällt mein Blick auf die Guru auf der Couch, die jetzt lautstark telefoniert und auf die eher schäbigen Räume ..nein, ein Leben in Luxus ist das wahrlich nicht…

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Foto: Yvonne Koch

Eigentlich habe sie ein gutes Leben, sagt Ananya. Sie arbeite für eine Hilfsorganisation, die sich für die Rechte und Belange von sexuellen Minderheiten einsetzt, also eine Arbeit, die sinnvoll und erfüllend ist. Außerdem mache sie bei internationalen Tanz- und Performance-Projekten mit und sie hab einen langjährigen Freund, der sie über alles liebe. Also ist ihr Leben perfekt? Keine Wünsche? Wie auf ein Stichwort kullern jetzt Tränchen aus den sorgsam geschminkten Augen. Sie würde so gerne den passenden Körper zu ihrer Geschlecht haben, piepst Ananya, eine richtige Brust, eine funktionierende Vagina…und – jetzt sieht sie mir direkt in die Augen und die Trauer, die eben noch etwas aufgesetzt wirkte, ist jetzt definitiv echt – und mehr als alles andere wünsche sie sich…ein Kind.

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2 Kommentare zu “The third gender

  1. Third Gender-Themen finde ich persönlich immer sehr spannend. Vielen Dank dafür. Als Trans*Person macht es mich betroffen, dass Hijras es in Bangladesh schwer haben. Neben Frauen und Männern gibt es einfach mehr als nur zwei Geschlechter, nicht selten sind Hijras auch intersexuell oder vom Gender her zwischengeschlechtlich, wie ich über verschiedene Dokus es erfahren konnte. Erfreulicherweise gibt es inzwischen auch einige Forschungsprojekte zum Thema der Hijras. Sehr spannend. 🙂

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  2. Pingback: No place, no freedom | Impressions of Bangladesh

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