A difficult decision

Die Anreise zum zweiten Dorf ist fast noch abenteuerlicher als die erste: Mit dem Motorrad geht es zum Teil über lange sandige Strecken, bei denen die Räder immer wieder abrutschen oder durchdrehen.

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Foto: Harry Maskallis

Dann wieder durch schlammige Pfützen oder sogar kleine Flüsse, die ganz plötzlich auch tiefere Stellen aufweisen. Deshalb steigen wir sicherheitshalber vom Motorrad, krempeln die Hosen hoch und waten durch das Wasser. Es ist etwas kühler als die Lufttemperatur, ziemlich angenehm und ich merke, wie sich wieder dieses komische Gefühl einstellt…entspannt-entschleunigt-harmonisch…genau hier und genau jetzt bin ich richtig!

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Foto: Harry Maskallis

Aber es geht weiter! Und der nächste Fluss hat noch erstaunlich viel Wasser, jedenfalls zu viel, um durchzulaufen. Deshalb werden jetzt alle fünf Motorräder auf den kleinen Kahn geladen. Und wir haben tatsächlich trotzdem auch noch Platz.

Bangladesch Reise 15-265 (2)

Foto: Harry Maskallis

Irgendwann kommen wir dann am zweiten Projekt-Dorf an. Die Bewohner wohnen erst seit etwa einem Jahr hier, denn nach der letzten großen Flut im vergangenen Jahr ist ihr eigentliches Dorf regelrecht abgesoffen – von der Schwemmlandinsel auf der es stand ist heute nichts mehr zu sehen. Auch hier werden wir sofort von vielen Menschen umringt, dieses Dorf scheint deutlich mehr Bewohner zu haben als das letzte….aber irgendetwas ist anders, etwas, das ich erst noch nicht greifen kann…

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Foto: Harry Maskallis

Gopal, unser Begleiter der örtlichen Hilforganisation, schreitet mit uns genau den Bereich ab, der in diesem Dorf höher gelegt werden soll. Es ist ein deutlich größeres Gebiet, aber die Dorfältesten scheinen sich nicht so ganz einig zu sein, wo genau die Grenzen verlaufen sollen. Auch darüber, um wieviel Fuss das Dorf letztendlich angehoben werden soll, herrscht keine Einigkeit. Ein Mann mit weißem Bart und weißem Nachthemd – Verzeihung – traditionellen Gewand, zeigt immer wieder auf eine Schlammspur an der Wellblechhütte, vor der wir stehen. So hoch wäre das Wasser gestanden, behauptet er und die Markierung geht ihm dabei fast bis zur Brust. Ein jüngerer Mann widerspricht, das Wasser sei zwar bis zu der Markierung gestanden, aber die Hütte sei ja nachträglich auf einen Betonsockel gestellt worden und den müsse man ja wieder abziehen. Plötzlich reden alle durcheinander, jeder scheint es besser zu wissen und erst als Gopal sich etwas entnervt abwendet, eilen die Männer dienstbeflissen hinterher.

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Foto: Harry Maskallis

Wir suchen einen Schattenplatz, ein Vorbau an einer Hütte, der wohl sowas wie ein Versammlungsplatz sein soll. Wieder sind wir umringt, wieder diskutieren alle durcheinander, als es darum geht, was genau hier im Ort verbessert werden soll. Gopal erklärt mir auf meine erhobene Augenbraue hin, dass das schon das Konzept seiner Hilfsorganisation sei: Die Dorfbewohner selbst sollen mitentscheiden, wie ihre Situation verbessert und sie selbst vor der Flut geschützt werden können. Ich schaue in die angestrengten Gesichter um mich herum…und da plötzlich fällt mir auf, was hier anders ist: Die Frauen fehlen!

Sie stehen Meter entfernt in Gruppen zusammen, die kleinen Kinder sind bei ihnen und werden zurückgezogen, wenn sie neugierig wie sie sind, auch zu den ‚Hellhäutigen‘ wollen.

Harry, unser Fotograf, meint sogar, dass er hier zum ersten Mal erlebt hat, dass sich eine Frau weggedreht hat, als er fotografieren wollte…

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Foto: Harry Maskallis

Auch wenn uns drei ‚Sadar chamra manush‘ diese Dorf-‚Gemeinschaft‘ eindeutig weniger zugesagt hat als die vorige, diese Gefühle sollten bei der Entscheidung, welches Dorf letztendlich unterstützt wird, keine Rolle spielen.

Marcel hat es sich wirklich nicht leicht gemacht, hat nochmal alle Argumente für die beiden Dörfer gegenübergestellt: Im ersten Dorf leben 11 Familien, darunter ein Kind mit einer Behinderung. Das Dorf ist von allen Seiten von Wasser bedroht, weil es auf einer Insel mitten im Fluss Teesta liegt. Die Besitzverhältnisse sind hier klar, der Plan für Bauarbeiten steht und alle sind bereit, sofort loszulegen.

Im zweiten Dorf dagegen leben 40 Familien mit vier behinderten Menschen. Sie sind finanziell schlechter gestellt, aber die Landverhältnisse sind alles andere als klar. Außerdem konnten sich die Bewohner immer noch nicht auf einen Bau- und Hilfsplan einigen.

Eine Nacht hatte Festivalleiter Marcel sich ausbedungen für die Entscheidung. Und am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück stand dann fest:

Von den Geldern, die bei den Clingenburg-Festspielen 2015 gespendet wurden, wird das Dorf Char Charita Bari unterstützt.

Fast feierlich verkündigt Marcel das. Und er fügt hinzu, dass der Hauptgrund für diese Entscheidung war, dass er etwas Nachhaltiges unterstützen will, ein Projekt, das Aussicht auf Erfolg hat. Und gerade weil es so ein ambitionierter Plan ist, ein ganzes Dorf rund zwei Meter höher zu legen, gerade deshalb sollte es von allen Dorfbewohner gemeinsam mitgetragen werden.

 

 

 

 

 

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