Der, die, das – why you make everything so difficult?

Rahim nimmt mich mit in seinen Sprachkurs. Ich finde es witzig, als ich merke, dass er ein bisschen mit mir angibt…“Ja, sie ist ein journalist, sie gekommen für Interview mit mich“ – er hält mir die Tür auf, grüßt lässig nach allen Seiten und genießt die Aufmerksamkeit der 15 anderen Asylbewerber sichtlich.  Ich erkläre kurz, was ich vorhabe und dass sie bitte einfach ganz normalen Unterricht machen sollen.

Erst ist es noch sehr unruhig im Kurs, überall wird geflüstert. Nur der junge Mann rechts neben mir versteckt sich ein bisschen hinter meiner Schulter und versucht vom Nebenmann noch was abzuschreiben. Aber dann macht die zierliche Polin, die den Kurs leitet, Dampf und fragt die Hausaufgaben ab. Es geht um Körperteile und um die passenden Artikel. Alle machen eifrig mit, Augen, Finger, Brüste, Zehen, Nasen und Ohren werden verbal in den Raum geworfen und sobald auch noch der Artikel dazu richtig ist, streifen mich die stolze Blicke der Jungs. Es scheint eine Art Wettbewerb zu sein zwischen den männlichen Kursteilnehmern, jedenfalls anfangs. Aber dann werden die Aufgaben schwerer, es geht um Alltagssituationen und das entsprechende Vokabular. Auf einem Arbeitsblatt müssen Sätze rund um das Gesundheitssystem ergänzt werden: Ein junger Eriträer ordnet die „Gesundeitskart“ richtig zu, das Mädchen aus Albanien jongliert souverän mit der „Overweisung“ und auch die „Krahnkschreibdung“ findet einen Platz. Mir wird schnell klar wie unterschiedlich die Sprachniveaus sind, manchen Schülern macht schon das Lesen enorme Probleme, während Rahim zum Beispiel mit einer astreinen Aussprache glänzt und vor allem die beiden Mädchen aus Rußland und Estland die Grammatik schon erstaunlich gut beherrschen. Die eine sei auch Journalistin, flüstert mir Rahim zu, und die andere war Ärztin.

Außerhalb des Kurses hätten die Teilnehmer eigentlich keinen Kontakt, erklärt er mir in der Pause. Sie kämen ja auch zum Teil von anderen Orten hierher. Die meisten seien jeden Tag da, auch weil es für alle oft die einzige Abwechslung in der unendlich scheinenden Warteschleife namens Asylverfahren ist.  Aber, und jetzt funkelt mich Rahim richtig angriffslustig an, er finde es total dämlich, dass er diesen Sprachkurs eigentlich umsonst mache. Ich verstehe ihn erst falsch und gebe zu Bedenken, dass es doch eigentlich toll ist, dass dieses Kurs-Angebot umsonst sei. NEIN, meint da der schmächtige Bengale und boxt mich freundschaftlich, er meine doch, es sei blöd, dass dieser Kurs nicht anerkannt werde. Denn eigentlich dürften Asylbewerber ja keinen Sprachkurs machen, erst wenn sie offiziell anerkannt sind, können sie zertifizierte Kurse besuchen und zum Beispiel eine B1-Qualifikation erwerben. Sein jetztiger Kurs dagegen zähle gar nichts, obwohl die Aufgaben zum Teil sehr schwer seien, er manchmal Stunden an den Hausaufgaben sitze und er sich wochenlang mit den bescheuerten deutschen Artikeln herumschlagen müsse. „Das ist nicht verrecht! Und nicht logic! Und your system ist like ‚der, die, das‘ – why you make everything so difficult?“ – ich kann mir das Grinsen zwar nicht ganz verkneifen, aber eigentlich hat Rahim recht. ….Dieser Kollege aus Bangladesch ist bei allem mit soviel Feuereifer und Begeisterung dabei, egal ob beim Sprachkurs, bei seiner ersten Pizza oder dem lokalen Recyclingsystem – warum kann Engagement und Integrationswille sich nicht positiv auf das Asylverfahren auswirken?

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Fortsetzung folgt

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