The uncontrollable forces

Wenn Rahim von RAB erzählte, dachte ich erst, er meint RAP-Musik, aber aus dem Zusammenhang war schnell klar – das kann es nicht sein. RAB hat irgendwas mit seiner Arbeit zu tun, war irgendwas ‚Böses’…

Tatsächlich hab ich Wochen gebraucht, um zu verstehen, was immer wieder aus Rahim raussprudelt, ungefiltert, immer in der Annahme, dass jeder die Abkürzungen, Namen und Zusammenhänge kennen müsse. Manchmal saß ich einfach fassungslos vor ihm: Wie kann ein gestandener Journalist, ein Mann, der mit Worten spielen kann und muss, wie kann der in diesem Fall so dermaßen unstrukturiert und wirr erzählen.

Mittlerweile vermute ich, dass bei Rahim eine Art Sprachblockade oder besser Worte-sortier-Blockade entsteht, sobald ein Thema ihn emotional stark belastet. Das hab ich jetzt schon mehrmals erlebt, aber nach und nach bin ich doch hinter das Mysterium RAB gekommen:

RAB ist die Abkürzung von Rapid Action Battalion und damit ist eine Sondereinheit der bengalischen Polizei gemeint, die ursprünglich zur Terroristen-Bekämpfung eingesetzt werden sollte. Diese Kampftruppe ist eine Art Elite-Einheit, paramilitärisch und …naja, nennen wir es: unkonventionell. Denn die Methoden der RAB sind nicht nur im Land immer wieder kritisiert worden, vor allem Amnesty International prangert diese Sondereinheit seit Jahren immer wieder an.

Aus Rahims Erzählungen erfahre ich, dass zwar immer wieder einzelne Kämpfer dieser Truppe vor Gericht standen, mal wegen Folterungen, mal wegen sogenannter ‚extrajudicial killings‘ – also Erschießungen ohne dass die Gefangenen eine Chance auf ein Gerichtsverfahren hatten. Trotzdem gilt die RAB in Bangladesch als eine unantastbare Macht. Auf mein „warum?“ schaut mich Rahim wieder etwas irritiert an. Ich witzle, dass er mir das schon näher erklären müsse, immerhin sei ich blond….Er stutzt, aber offenbar kennt man auch in Bangladesch Blondinen-Witze…jedenfalls erklärt er mir, dass die RAB schon längst nicht mehr nur auf Terroristen- und Waffenschmugglerjagd aus ist. Vielmehr habe sie sich seit ihrer Gründung 2004 nach und nach zu einer Art ‚Söldnertruppe‘ entwickelt, die immer die Interessen der jeweiligen Regierungspartei – oder von demjenigen, der genug zahlt – knallhart durchsetze. Dass gehe soweit, dass sie sogar eingreife, wenn ein Regierungsmitglied Grundstücksstreitereien mit einem Nachbarn habe. Der sei dann entweder plötzlich verschwunden oder ‚zufällig‘ in ein Kreuzfeuer geraten. Überhaupt sei die RAB berüchtigt für ihre Kreuzfeuer: Die meisten, der mutmaßlichen Terroristen, Waffenschieber oder Drogendealer, die von der Eliteeinheit gefangen wurden, sind kurz danach in einem Kreuzfeuer umgekommen. Er selbst glaube aber nicht daran, dass sich alle eingekesselten Grüppchen von drei bis sieben Männer gegen eine RAB-Übermacht zur Wehr setzten. Aber irgendwie seien immer alle Festgenommenen auffällig schnell tot. Vor Gericht landeten jedenfalls die Wenigsten.

Rahim erzählt mir, dass er seine Zweifel an der RAB, an deren gerechtem und rechtlichem Vorgehen, in einem Artikel dargelegt hat. Er hatte dafür auch Augenzeugen oder Angehörige von Opfern interviewt…

Plötzlich verstummt Rahim, streicht sich erschöpft über die Stirnglatze und sackt zusammen. Ich lege die Hand auf seinen Arm – ein absolutes No-Go in Bangladesch – aber er merkt es gar nicht. Einige Minuten vergehen bis er sich wieder im Griff hat. Ja, sagt er dann auf meine Frage hin, ihm sei schon klar gewesen, dass es nicht ungefährlich gewesen ist, sowas zu schreiben….Und dann bricht es plötzlich wild aus ihm heraus: „Aber wie bitte soll sich denn irgendwas in meinem scheiß-korrupten Land ändern, wenn nie jemand was sagt?“

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Fortsetzung folgt

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