Frauenpower und Ohrenkrebs

Der Freitag war eigentlich komplett für einen Freund reserviert, den ich schon auf der letzten Reise kennengelernt habe. Begonnen hat er aber – wie meistens hier – komplett anders als geplant…

Meine Gastmutter hat mich gleich morgens kurzerhand entführt und mich zu einer Demo geschleppt: Auf dem Weg, den die Premierministerin jeden Tag zu ihrem Ministerium passieren muss, stehen drei Tage lang Frauen aus dem ganzen Land für ihre noch nicht vorhandenen Rechte. Sie stehen links und rechts der Straße, die meisten tragen Banner, deren Texte ich zwar nicht lesen, aber erahnen kann. Denn von Chancengleichheit ist Bangladesch noch weit entfernt, nur zwei kleine Beispiele: Frauen dürfen zum Beispiel nicht erben. Und: Viele Frauen müssen immer noch einen Urintest machen, wenn sie sich auf einen Job bewerben – so soll ausgeschlossen werden, dass die Frauen schwanger sind.

Heute sind offenbar alle gekommen, junge, alte, aus den Städten, vom Land, manche in einer Art Vereinsfarben, andere in schlichten Kleidern. Mir werden offenbar die wichtigsten Frauenrechtlerinnen des Landes vorgestellt, ich weiß nicht, wieviel Hände ich geschüttelt und wieviele ’nicetomeetyous‘ ich gesagt habe, aber nach und nach kriege ich mit, dass meine Gastmutter mich offenbar hier als ‚wichtigen Gast‘ verkauft, als eine Art Frauenforscherin, die extra aus Deutschland gekommen sei…sie knufft mich in die Seite, ob ich nicht ein paar Bilder für meine Arbeit machen wolle? Diese kleine Schlange – sie hat sich zwar an unsere Abmachung gehalten, niemand verraten, dass ich Journalistin bin, aber jetzt muss ich diese falsche Rolle mitspielen und wenigstens so gut wie möglich ausfüllen. Also knipse ich wie eine Große, sammle nebenbei auch noch tolle Töne und wundere mich…. die Autos, die sonst rücksichtslos gegenüber allem sind, was sich bewegt, weichen mir aus! Kaum zu glauben wie effektiv die Kombi blond, Frau und Kamera ist!

Foto: Yvonne Koch Propaganda-Machine

Foto: Yvonne Koch
Propaganda-Machine

Gleichzeitig fühlen sich meine Ohren leider immer weniger frauenbewegt: Aus Lautsprechern dröhnen quäckige Parolen, manchmal kommt auch Musik, sehr nervig, aber wahrscheinlich muss das so sein. –  Nur aus einer Ecke klingt die Kakophonie rhythmischer, es scheint eine Art Vor-Sprecher zu sein, dessen Worte dann viele wiederholen. Aber wo kommt das her, die bannerhaltenden Frauen und wenigen Männer am Straßenrand bewegen die Lippen doch gar nicht…

Die Quelle liegt hinter diesen Reihen, entdecke ich dann, und die taktangebende Stimme kommt… aus einem riesigen verbeulten Grammophontrichter, der auf einer Fahrradriksha befestigt ist. Auf der Sitzbank ist das Abspielgerät – gefakte Begeisterung, aber ideenreicher Frauenpower!

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