Virtuelle Freundschaften werden real

Dem ‚Mittags-Date‘ fieber ich schon seit Tagen entgegen: Ich treffe eine Frau, die eine wichtige Interviewpartnerin für mich ist. Es hängt viel davon ab, ob wir miteinander können, denn ich brauche auf meine Fragen absolut offene und schonungslose Antworten. Bisher hatten wir nur virtuell Kontakt, über Facebook und Mail und immer war da auch die Sprachbarriere…

Das Treffen selbst verläuft erst…na, sagen wir mal, freundlich distanziert. Sie tut sich schwer mit dem Englischen oder denkt es wenigstens und lässt deshalb ihre Schwester übersetzen. Aber die Schwester scheint telepathische Fähigkeiten zu haben oder einfach nur ein pragmatisches Taktgefühl, jedenfalls ist sie plötzlich weg und meine potentielle Interviewpartnerin muss sich allein mit mir rumschlagen. Und siehe da: Es klappt! Spätestens als sie spontan meine Hand greift und herzlich lacht, weiß ich, dass wir einen Draht zueinander gefunden haben. Wie ich das Eis gebrochen habe? Mit blöden Fragen zur Männlein-Weiblein-Etikette in Bangladesch. Und beim anschließenden Fotoshooting für den Ehemann in der Ferne habe ich eine wundervoll spontane Frau vor der Linse, deren Augen voller Wärme sind.

Das zweite Treffen an diesem Tag habe ich ebenfalls mit jemandem, mit dem ich zwar schon lange eine virtuelle Freundschaft habe, den ich aber noch nie vorher gesehen habe: Der 27jährige Mathelehrer mit Liebeskummer (siehe Blog-Beitrag „DIE mathematische Formel für das Geschlechterverhältnis“, vom 31.1.2015). Nicht nur, dass er mir diese persönliche Geschichte erzählt hat, in unseren Chats hatten wir Themen, über die er in Bangladesch garantiert noch nie mit jemandem geredet hat – nicht mal mit engsten Freunden…

Wir treffen uns in einem Restaurant, nachmittags, zum Kaffee, immerhin ist so ein Treffen zwischen Mann und Frau ohne Begleitung ein bisschen kompromittierend – das hatte ich ja im Vorfeld schon rausgekriegt. Ich fühle mich ein bißchen wie im 19. Jahrhundert, denn ich habe eine Anstandsdame mit dabei: Die Frau mit den warmen Augen hat mich hergebracht. Und dann steht er da, das personifizierte Facebook-Profilfoto, strahlt beim Handshaking und überreicht mir Blumen mit dem Kommentar, das sei überhaupt das erste Mal, dass er jemandem Blumen schenke….Uff! Es sind rote Rosen mit Schuß! Ich schaue hilfesuchend zu meinem Anstandswauwau und mir fällt auf, dass sie kein ‚Handshake‘ abkriegt, sondern schüchtern lächelt und uns relativ fix allein lässt. Ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen? Mann, bin ich angespannt! Aber sobald die Blümchen einen extra Stuhl und der Kaffee extra Milch gekriegt haben, ist alle Scheu und die Verkrampftheit verflogen. Wir knüpfen nahtlos an unsere Chat-Themen an und haben beide das Gefühl, uns schon ewig zu kennen. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Basis allein durch einen virtuellen Kontakt geschaffen werden kann.

Tatsächlich sprechen wir ziemlich schnell auch über die aktuelle politische Lage, über die Interessen, die sowohl die Opposition als auch die Regierung verfolgen.Wir reden zwar leise, aber doch laut genug, dass die beschäftigungslosen Kellner, die auffällig oft und zahlreich in unserer Nähe sind, uns hören können. Ich gebe meinem Internetfreund mit den Augen meine Bedenken zu verstehen, aber er wiegt nur mehrmals leicht den Kopf – In Bangladesch heißt das ‚macht nichts‘ oder ‚keine Ahnung‘, soviel weiß.

Ach, übrigens scheint ganz Bangladesch ein einziges Dorf zu sein, jedenfalls was die Beziehungen untereinander betrifft: Der dreizehnjährige Sohn meiner Gastfamilie ist nämlich ein Schüler meines Mathelehrers…

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