Eine Stadt hält die Luft an

Schon früh am Morgen merke ich, dass an diesem Tag etwas anders ist: Die Vögel scheinen nur schüchtern zu zwitschern, auf dem kleinen Markt unterhalb meines Fensters sind viele Stände geschlossen und es wird deutlich weniger gehupt als sonst. Eine Nachricht auf meinem Handy: Das Meeting wurde abgesagt, das office sei heute geschlossen. Eine Begründung kriege ich nicht.

Die liefert mir der Fernseher beim Frühstück, vor dem zwei Familienmitglieder unruhig auf den Sesseln hin und her rutschen. Netterweise laufen die englischsprachigen Nachrichten: Die Oppositionsführerin ist nicht zu ihrer Verhandlung vor Gericht erschienen – aus Angst sofort verhaftet zu werden, erklärt mir der Junior der Familie. Deshalb ist ein Haftbefehl gegen sie erlassen worden und ganz Dhaka hält jetzt die Luft an, was wohl passieren wird. Die politische Lage ist völlig unsicher, jeden Moment kann es wieder Bombenanschläge geben und am besten solle ich zu Hause bleiben.

Das geht aber nicht, ich will mich mittags mit meiner wichtigsten Gesprächspartnerin treffen. Ich sollte dann schon einen Mietwagen nehmen, raten mir die Gastgeberjungs, eine Riksha oder ein Si-En-Tschi seien viel zu gefährlich. (Ein CNG ist das, was man in Indien Tuktuk nennt, also eine Art Vespa mit Fahrgastzelle hinten drauf) Und dann krieg ich auch noch virtuelle Tipps, über Viber, von einem bengalischen Freund in Deutschland:  Keine Hauptstraßen nutzen, sondern nur durch kleine Nebenstraßen, weil dort weniger passieren kann…Also bin ich erstmal mit dem Organisieren eines Mietwagens beschäftigt, kriege aber eine Absage nach der anderen –  kein einziger Wagen ist für den Morgen verfügbar. Mir rennt die Zeit davon, immerhin bin ich zum Mittagessen eingeladen und möchte nicht zu spät kommen. Aber es ist nichts zu machen und nach einer kleinen Krisensitzung mit Teilen der Gastfamilie, dem Viber-Berater und meiner Interviewpartnerin in spe kommt ein Kompromiss heraus: Ihre Schwester sammelt mich mit einem CNG ein und dann fahren wir gemeinsam in den Stadtteil Malibag  – und ich weiß schon jetzt: Es wird ein harter Kampf werden, die Fahrtkosten zurückzahlen zu wollen.

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2 Kommentare zu “Eine Stadt hält die Luft an

  1. Yes my dear! Aber wer weiß, vielleicht ist Bangladesch bei meiner nächsten Reise ein geordnetes, aufblühendes Land, in dem abends die Gehsteige abgekärchert werden und sich die Nachbarn danach draußen zum Tee treffen, um friedlich über den ausgewogenen und vielfältigen Wahlkampf zu sprechen. Die Zeitungen drucken lustige Karikaturen über die geschassten Damen der ehemaligen Regierungs- und Oppositionspartei und behinderte Menschen organisiere den weltweit beliebten Wheelchair-Weltcup for non-disabled people.
    In diesem Sinne: I also want to believe!

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