Das NGO-Knäuel

Bangladesch ist nicht mal halb so groß wie Deutschland, aber dieses kleine Land hat etwa doppelt so viele Einwohner, 161 Millionen Menschen leben dort. Die meisten unterhalb der Armutsgrenze. Diese Not herrscht eigentlich seitdem Bangladesch von Pakistan unabhängig wurde, also seit 1971. Deshalb war die Bangladeshi-Regierung auch froh, dass sich viele Staaten und nicht-staatliche Hilfsorganisationen (NGOs) bereit erklärt haben, dieses bitterarme Land zu unterstützen.

Aber genau diese Hilfe macht dem kleinen Land mittlerweile zu schaffen: Es tummeln sich mindestens 2333 NGOs in Bangladesch.

Manche sorgen für sauberes Trinkwasser, andere kämpfen gegen Armut, Überschwemmung und Analphabetismus oder setzten sich für behinderte Menschen ein. Jedenfalls ist das das erklärte Ziel der NGOs.

Weil sie aber zum Teil gleiche Ziele verfolgen, also zum Beispiel die Situation von behinderten Menschen zu verbessern, blockieren sie sich auch schon mal gegenseitig. Da will die eine NGO besser wissen, was zu tun ist und deshalb die Richtung vorgeben – was natürlich den anderen nicht gefällt. Oder aber sie sind so fixiert, auf ihre ‚Leuchtturm-Projekte‘, dass sie nicht links und rechts schauen und dadurch das naheliegende übersehen.

Beispiel gefällig: In einem kleinen Dorf  bei Gaibandha, einem Überschwemmungsgebiet, wurde für die 28jährige Anjuara das Haus erhöht und eine Rollstuhlrampe dazu gebaut. Anjuara ist Näherin und gehörlos.  Und damit sie sich selbst versorgen kann, wurde ihr eine manuelle Nähmaschine finanziert (Strom gibt es in dem Dorf nicht überall). Das war das NGO-Standard-Programm für die Menschen mit Behinderungen, die für das Hilfsprojekt ausgewählt wurden.

Aber warum braucht eine gehörlose Frau eine Rollstuhlrampe? Wäre der Frau nicht viel besser mit einer Lampe geholfen? Immerhin kommuniziert sie über Gebärdensprache, die Gebärden muss sie sehen können und dafür bräuchte sie – wenigsten ab Sonnenuntergang – Licht.

Diese Fragen haben die NGO-Mitarbeiter zum Teil völlig aus der Bahn geworfen. Aus der Perspektive der Menschen mit Behinderungen zu denken, ist in Bangladesch noch Neuland.

Aber die NGO-Mitarbeiter konnten die Rampe erklären: Dadurch dass Anjuara geholfen wurde, ist sie zu einem ‚Leuchtturmprojekt‘ geworden, eine Anlaufstelle für andere behinderte Menschen aus dem Dorf. Anjuaras Haus ist quasi eine Beratungsstelle und dient jetzt auch gleichzeitig als hochwassersichere Zuflucht –  und die muss eben barrierefrei sein.

Zur Ehrenrettung dieses Projekts muss ich auch noch erwähnen, dass Anjuara mittlerweile sogar an einem Kurs mit der offiziellen Bangla-Gebärdensprache teilnimmt – für sie ist das das erste Mal, dass sie mit anderen Gehörlosen kommunizieren kann. Eine Solarlampe hat sie – nach meinem letzten Stand – aber immer noch nicht

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