Mit dem Wasser kommt die Angst

Der Norden von Bangladesch wird regelmäßig – mindestens einmal im Jahr – überschwemmt. Während des Monsuns steigen die Flüsse an, dazu kommt noch das Wasser vom Himalaya und aus Indien. Das sind in der Regel vorhersehbare Überschwemmungen, das heißt, die Menschen wissen schon drei bis sieben Tage vorher, wenn es wieder kritisch wird und können sich in der Regel in erhöhte Gebiete retten.

Aber nicht alle! Menschen, die sich nicht selbständig bewegen können, werden oft zurückgelassen. In Gaibandha, einer Region im Norden von Bangladesch, habe ich eine junge Frau im Rollstuhl kennengelernt, die mir von ihren Flut-Erfahrungen erzählte: Wenn das Wasser in ihrem Dorf angestiegen ist, haben alle die wichtigsten Habseligkeiten zusammengetragen und ihr Bett wurde erhöht, berichtet Kazal Rekha. Sie wurde dann aufs Bett gesetzt und zusammen mit Trinkwasser und etwas zu Essen zurückgelassen. Da blieb sie dann alleine, das Wasser stieg immer höher und sie konnte von ihrem Hochbett nicht mehr weg. Tagelang saß sie so, ohne Licht, um sie herum nur Wasser und irgendwelches Getier. Sie habe kaum gewagt etwas zu essen oder zu trinken, aus Angst, aufs Klo zu müssen – denn das war längst überschwemmt und sie wäre allein sowieso nicht dahin gekommen. Wenn sie Glück hatte, ist jemand aus ihrer Familie mal vorbei gekommen, um nach ihr zu sehen, aber die meiste Zeit ist sie vor Angst und Einsamkeit fast verrückt geworden. Manchmal ist das Wasser nach zwei Wochen, manchmal aber auch erst nach einem Monat zurückgegangen.

Die junge Frau, die mir diese Erlebnisse schildert, sitzt heute im Rollstuhl – früher hatte sie keinen. Überhaupt habe sich einiges verändert, versichert sie mir. Denn jetzt gibt es in jedem Distrikt spezielle Katastrophen-Komitees, sogenannte ‚Ward Desaster Management Committees‘, die nicht nur Schutzräume einrichten, sondern außerdem dafür sorgen, dass auch behinderte Menschen diese erreichen können. Sie selbst sei jetzt Mitglied in so einem Komitee und will mir eigentlich noch genauer aufzählen, was diese Komitees schon alles geschafft haben. Aber ich bin mit meinen Gedanken woanders hängengeblieben: Warum lassen Familien die Behinderten zurück? Diese Frage stelle ich nicht nur Kazal Rekha, sondern auch den anderen Vertretern dieser Komitees. Aber die Antworten bleiben vage, für mich unbefriedigend: Man habe ja nicht gewusst, wie man die Menschen mit Behinderungen hätte transportieren sollen, sagt der eine. Die Schutzräume wären zu weit weg gewesen, meint die andere. Und plötzlich wirken alle ziemlich kleinlaut. 

Aber jetzt, versichert mir der Präsident des ‚Ward Desaster Management Committees‘, jetzt gäbe es spezielle Flöße, mit denen auch behinderte Menschen evakuiert werden können…

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Ein Kommentar zu “Mit dem Wasser kommt die Angst

  1. Pingback: The fith time… | Impressions of Bangladesh

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