Armut und Behinderung – Das muss kein Teufelskreis sein!

Im Süden von Bangladesch, in Chittagong, besuchten wir eine Art Reha-Klinik, in der Beinprothesen hergestellt werden. Es gibt nur zwei solcher Kliniken in ganz Bangladesch, obwohl der Bedarf enorm ist, weil viele Menschen Arme oder Beine bei Verkehrs- oder Arbeitsunfällen verlieren. Der Alltag in diesem Land ist einfach unglaublich gefährlich.

Besonders anschaulich wurde mir das durch die Geschichte der 24jährigen Shahida Akter: Als sie vier Jahre alt war spielte sie mit ihrer kleinen Schwester in der Nähe ihres Dorfes. Die kleine Schwester war wohl noch etwas wackelig auf den Beinen, auf jeden Fall geriet sie auf die Gleise, gerade als ein Zug vorbeifuhr. Shahida reagierte instinktiv und rettete ihrer Schwester das Leben – mit vier Jahren! Leider wurde sie dabei selbst vom Zug erfasst und mitgerissen. Lange Zeit war nicht klar, ob sie diesen Unfall überleben würde, aber ihre Familie opferte alle Ersparnisse und verkaufte sogar ihr Haus, um Shahida die bestmögliche Versorgung zu ermöglichen. Bettelarm war die Familie plötzlich – Trotzdem war ihr rechtes Bein nicht mehr zu retten: Es musst knapp unter der Hüfte amputiert werden.

Für viele andere wäre das ein großes Unglück, aber Shahida wirkt stolz und selbstbewusst. Seit ein paar Wochen hat sie eine exakt angepasste Prothese und übt regelmäßig. Treppensteigen kann sie mittlerweile am Geländer ganz ohne Krücke. Sie lächelt viel und versichert mir, dass sie weiss, dass sie viel Glück hat, weil ihre Familie sie so tatkräftig unterstützt und sie nach dem Unfall trotzdem in eine Schule durfte. Ihre Lehrer hätten sie auch immer unterstützt. Sie erzählt mir von den vielen Preisen, die sie schon gewonnen habe, bei Lesewettbewerben, Rechen-Olympiaden und dass sie immer genau wie alle anderen Schüler behandelt wurde.

Gerade, dass sie das so betont, macht mich stutzig. Sie sieht mir meine Skepsis wohl an, wird etwas unsicher und auf meine Nachfrage hin räumt sie ein, dass das nicht ganz stimme…Es gab schon Situationen, wo sie für die gleiche Leistung schlechtere Noten als ihre Mitschüler bekommen habe und wenn sie nachgefragt hatte, warum, dann murmelten manche Lehrer was von „Du bist ja eh behindert…“. Ja, das habe sie schon verletzt, gibt Shahida zu, aber sie habe ihren Weg trotzdem gemacht, gegen alle Widerstände, einfach weil sie immer gewusst hat, dass ihre Familie an sie glaubt. Und sie hatte Glück: Nachdem sie bei einem Wettbewerb den ersten Preis bekommen hatte, war ein Mann gekommen, der sie fördern wollte und bereit war, ihre weitere Ausbildung zu finanzieren – was ihre Familie sich nie hätte leisten können, denn sie seien sehr arm.

Shahida streckt jetzt den Rücken durch und auch das breite Lächeln samt Grübchen ist  wieder da. Sie weiß, sagt sie, dass andere Mädchen mit Behinderungen das Haus nicht verlassen dürfen und versteckt werden. Aber ihre Familie sei anders. Ihre Eltern waren mutig genug, ihr das Gefühl zu geben, etwas besonderes zu sein, ein Talent zu haben, dass sie unbedingt nutzen müsse. Das habe nicht nur ihr selbst genutzt, betont die junge Frau, sondern habe in ihrem Dorf was verändert. Ihre Freundinnen durften plötzlich zu ihr nach Hause kommen, andere Mädchen mit Behinderungen konnten plötzlich auch zur Schule gehen. Und sie selbst war die erste behinderte Studentin an ihrer Uni.

Diese junge Frau strotzt vor Energie und ich nehme ihr ab, dass sie alles daran setzt, ihre Träume zu verwirklichen. Im Moment hat sie allerdings nur ein großes Ziel: Dozentin an ihrer Universität zu werden.

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