Rana Plaza und was davon übrig ist

Auch wenn Bangladesch für die meisten von uns ein eher unbekanntes Land ist, am 24. April vergangenen Jahres hat es die Schlagzeilen dominiert: Eine Textilfabrik etwa 30 km von der Hauptstadt Dhaka weg stürzte ein – 1127 Menschen starben, 2438 wurden verletzt. Rana Plaza war der bisher schwerste Fabrikunfall des Landes.

Viele der Überlebenden von damals haben noch heute mit den Folgen zu kämpfen – ich konnte zwei treffen, deren Leben sich durch den Einsturz komplett geändert hat. Hier erstmal die Geschichte von Yanur Akther:

Yanur ist heute 16 Jahre alt, geht in eine inklusive Schule, spielt gerne Brettspiele und wohnt auch auf dem Schulgelände. Ich treffe sie in der Schule, sie sitzt sitzsam und etwas aufgeregt auf der Schulbank, die mit einem kleinen, quadratischen Tisch verbunden ist. Neben ihr an der Wand lehnt eine Holzkrücke. Ich habe einen Dolmetscher dabei, denn das Mädchen mit den großen, mandelförmigen Augen spricht nur Bangla. Sie erzählt mir, dass sie vor dem Unglück mit ihrer Mutter in der Rana-Plaza-Textilfabrik gearbeitet hat. Sie hat dort Knöpfe von Kleidungsstücken abgetrennt. Am Unglückstag selbst sind sie und ihre Mutter nur widerwillig in die Fabrik, es hat irgendwie unheimlich geknackst, erinnert sich Yanur. Aber dann ging wohl alles ziemlich schnell, was passiert ist, weiß sie nicht, nur, dass sie irgendwie unter unglaublich viel schwerem Geröll aufgewacht ist, um sie herum war alles voller Staub und sie konnte kaum atmen. Sie hörte Stimmen, konnte aber nicht rufen – sie hatte schrecklichen Durst. Wie lang sie so lag, weiß sie nicht mehr. Irgendwann, wahrscheinlich Stunden später, hat man sie gerettet und als sie endlich etwas zu trinken bekam, wurde sie ohnmächtig.

Yanur kam in mehrere Krankenhäuser und als sie nach 9 Tagen endlich aufwachte, war klar, dass sowohl ihr Kopf als auch ihre Wirbelsäule schwere Schäden abbekommen hatten. Sie kann seither ihre Beine nicht mehr richtig kontrollieren, kann sich nur schwer konzentrieren und vergißt auch vieles wieder, was sie gelernt hat.

In den Wochen nach dem Unglück besuchte sie ihr Vater im Krankenhaus, aber die Fragen nach ihrer Mutter konnte er auch nicht beantworten. Erst nach zwei Wochen erfuhr sie, dass ihre Mutter bei dem Einsturz gestorben war. Ihr Vater hat sich dann kurz danach eine neue Frau genommen, erzählt die 16jährige, und obwohl ihre Stimme sich dabei nicht verändert, tropfen ihr plötzlich Tränen vom Kinn. Die neue Frau wollte sie und ihre fünf jüngeren Geschwister nicht aufnehmen – sie sind jetzt völlig auf sich allein gestellt…

Ich lasse Yanur kurz Zeit, um sich zu sammeln. Immer noch tropfen Tränen von ihrem Kinn, aber sie sitzt aufrecht in ihrer Bank und erzählt weiter: Lehrerin wäre sie gerne geworden, das war ihr Traum vor dem Unglück. Aber jetzt geht das nicht mehr, meint sie. Sie sei die älteste in ihrer Klasse und die schlechteste, irgendwie könne sie alles nur schlecht behalten und es sei unglaublich mühsam für sie, Fortschritte zu machen. Und wovon träumt sie jetzt, frage ich sie. Sie sieht mir direkt in die Augen, fast fassungslos über meine Unwissenheit. Ihr Lebenszweck sei es jetzt, ihren Brüdern so viel wie möglich zu helfen, damit sie eine gute Schulausbildung bekommen und ihre Schwestern dabei zu unterstützen, einen guten Mann zu finden. Sie selbst habe keine Träume mehr…

So schrecklich das ist, ihre Zukunftseinschätzung ist leider ziemlich realistisch. Denn Menschen mit Behinderungen sind in Bangladesch eine Schande, eine Strafe für Fehler, die die Familie begangen hat. Deshalb werden viele behinderte Menschen versteckt und im Haus gehalten, manchmal wissen nicht mal die Nachbarn von ihrer Existenz.

Besonders schwer sind Behinderungen für Frauen: Ist die Familie arm, sind sie eine dauerhafte Belastung für ihre Angehörigen und werden deshalb oft unwürdig, ja fast schon menschenverachtend behandelt. Kommen sie aus einer etwas wohlhabenderen Familie, besteht die Chance, dass die behinderte Frau einen Mann findet, der sie heiraten will. Allerdings meistens nur, damit er das Brautgeld einstreichen kann, nach der Hochzeit werden diese Frauen oft verstoßen. Und dann sind sie völlig auf sich selbst gestellt, denn die Familie nimmt sie nicht wieder auf!

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