Rana Plaza und was davon übrig ist Teil 2

Unweit der inklusiven Schule von Yanur gibt es ein kleines Ausbildungszentrum – das klingt gewichtig, besteht aber eigentlich nur aus ein paar Baracken, freistreunenden Ziegen, ein paar Hühnern und einigen Hütten, in denen die ‚Azubis‘ und ihre Familien leben. In den Lehmbaracken gibt es verschiedene Ausbildungszweige: Surrende Nähmaschinengeräusche verraten schon von weitem, dass im ersten Raum das Schneiderhandwerk gelehrt wird. Es sind vor allem Frauen, die hier etwas verschüchtert hinter ihren Singer-Nähmaschinen vorlugen, aber auch drei Männer versuchen sich an der Kunst des Kleidermachens. Im Raum nebenan sitzen dagegen nur Männer. Sie werden zu Computerprogrammierern ausgebildet und auch im dritten Raum überwiegen die Herren: Eine Frau unterrichtet hier etwa 12 Männer, die Elektriker werden wollen. Sie hantieren mit Lötkolben, Schraubenzieher und einer werkelt sogar an einer Computerplatine rum. Amzad Hossion ist einer dieser Auszubildenden. Er ist 22 Jahre alt, hat eine Frau und sitzt im Rollstuhl. Denn auch er ist eines der Opfer des Rana-Plaza-Einsturzes im April 2013. Anders als Yanur sprüht Amzad aber vor Energie.

Mit weit ausholenden Gesten erklärt er mir, dass er in der Textilfabrik als Maschinist gearbeitet hat und für die Wartung der Nähmaschinen zuständig war. Er arbeitete im 4. Stock und schon Tage vor dem Unglück waren dort Risse an den Decken und Wänden zu sehen. Amzad kann sich noch an ein lautes, unheimliches Geräusch erinnern, denn als das Gebäude einstürzte, wurde Amzad verschüttet, nach drei Tagen gerettet und erst nach weiteren acht Tagen kam er wieder zu Bewußtsein. Was in Rana Plaza genau passiert ist, hat er viel später aus dem Fernsehen erfahren.

Zweieinhalb Monate lang war der junge Mann dann in verschiedenen Krankenhäusern, er konnte zwar seinen Körper nicht spüren, dafür hatte er aber unglaubliche Schmerzen in den Beinen. Was er da noch nicht wusste: Seine Beine waren da längst schon amputiert, was er fühlte waren Phantomschmerzen.

Auch Amzad hatte vor dem Unglück Träume: Er war auf dem besten Weg ein General Manager zu werden, erzählt er und kuckt mir dabei herausfordernd in die Augen. Er hätte Karriere machen und seiner Familie ein gutes Leben bieten können. Das gehe jetzt zwar nicht mehr, aber dafür werde er gerade zum Elektriker ausgebildet. Und wenn er fertig ist, dann bekommt er von der hiesigen Hilfsorganisation sogar die Geräte gestiftet, so dass er in seinem Heimatort im Norden von Bangladesch sein eigenes kleines Geschäft aufmachen kann. Dort wird er dann weit und breit der einzige sein, der Handys, Fernseher und andere elektrische Geräte reparieren kann und deshalb, hier strahlt er mich an, wird er bestimmt bald ein reicher Mann sein.

Ich hab keine Ahnung, ob Amzad in seinem Heimatort wirklich reich wird, immerhin ist der Norden besonders arm, weil es dort keine großen Fabriken oder andere Arbeitsmöglichkeiten gibt. Aber eindeutig hat die Ausbildung sein Selbstbewußtsein gestärkt und ihm gezeigt, dass auch ein Mensch mit Behinderung in einem Land wie Bangladesch seinen Anteil an der Gesellschaft haben kann.

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